Zum Inhalt wechseln


In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


Foto

THE FIGHTING KENTUCKIAN (George Waggner/USA 1949)


"Wouldn't you take a look to the horses?" - "I'll see to the horses."

The Fighting Kentuckian (In letzter Sekunde) ~ USA 1949
Directed By: George Waggner

Nach Napoleons Niederlage und Exil emigrieren einige der ehemaligen Bonapartisten mitsamt ihren Familien in die Neue Welt, erwerben Land in Alabama und bauen sich dort eine neue Existenz auf. John Breen (John Wayne) von der Kentucky-Miliz verliebt sich in die Generalstochter Fleurette De Marchand (Vera Ralston), die jedoch bereits dem vermeintlich heldenhaften Geschäftsmann Blake Randolph (John Howard) versprochen ist. Während seiner Werbung um Fleurette und seiner Rivalität mit Randolph deckt Breen, der sich zusammen mit seinem besten Freund Paine (Oliver Hardy) als Landvermesser tarnt, um in Fleurettes Nähe bleiben zu können, einen Grundstücksschwindel zu Ungunsten der französischen Siedler auf, der in einem Überfall auf Fleurettes Vater kulminieren soll.

Ebenso flotte wie komische Semi-Western-Romaze, die für einen veritablen Genrefilm nicht ganz das recht Setting und die rechte Ära widerspiegelt. Immerhin liefert Waggner mit "The Fighting Kentuckian", der Duke Seite an Seite mit Oliver Hardy in Fransenjacke und Waschbären-Fellmütze präsentiert, einen ungewohnten, cineastisch faktisch unbeackerten historischen Hintergrund, in dem Waterloo-Veteranen auf Südstaaten-Milizen treffen, was Gelegenheit zu einigem Hurra-Patriotismus und Ehrbekundungen gibt. Bedenkt man, dass die gesamte Geschichte derweil vor einer Romanze konstruiert wurde, könnte man sich allerdings besser Errol Flynn in der Titelrolle vorstellen als Duke, doch jener war als Warner-Zugpferd für eine Republic-Produktion vermutlich unabkömmlich. Müßig, darüber zu spekulieren, denn "The Fighting Kentuckian" ist auch so durchaus gelungen. Besonders schön natürlich die ungewöhnliche Partnerschaft zwischen Wayne und seinem comic sidekick Hardy, der sich in einem besonderen Ausnahmefall von seinem Dauerpartner Stan Laurel absentierte, auch neben Duke eine im wahrsten Wortsinne imposante Figur macht und der durch seine liebenswerte Performance viel von dem Film rettet.

7/10

George Waggner Alabama Südstaaten period piece


Foto

THE LAST STAND (Jee-woon Kim/USA 2013)


"I'm the sheriff."

The Last Stand ~ USA 2013
Directed By: Jee-woon Kim

Das hat sich der Druglord Cortez (Eduardo Noriega) fein ausgedacht: Um seiner Überführung von Las Vegas in ein Sicherheitsgefängnis zu entgehen und über die mexikanische Grenze flüchten zu können, hat er bereits einen großbudgetierten Fluchtplan parat, der ihn mit einer superschnellen Corvette bis zum verschlafenen Grenzstädtchen Sommerton und dort über eine eigens angelegte Brücke in die Freiheit führen soll. Bei Sommerton sind Cortez' Handlanger, darunter der böse Burrell (Peter Stormare), alles andere als untätig. Cortez und Burrell rechnen jedoch nicht mit der Verbissenheit des zwar etwas betagten, aber immer noch höchst agilen Sheriffs Owens (Arnold Schwarzenegger), der sein friedliches Ambiente gar nicht gern gestört wissen möchte und mithilfe seiner Deputys auf die Barrikaden geht.

Dieser Quasi-Western, Arnies Hauptrollen-Comeback nach zehn Jahren verpeilter Polit-Abstinenz, hat mir außerordentlich gut gefallen; wesentlich besser sogar, als ich erwartet hatte. Seit "Eraser" hat man den Muskelmann in keinem solch spaßigen, ganz auf seine Person zugeschnittenen Actionfilm mehr sehen können; alles was danach kam, krankte wahlweise am Irrglauben der jeweiligen Produktion, die steirische Eiche in einer dramatisch tragfähigen Rolle ("End Of Days"), in einem sozialkritischen Szenario ("The 6th Day") oder als rachsüchtigen Privatmann ("Collateral Damage") einsetzen zu können, respektive an der allgemeinen Zweitklassigkeit des Films (Terminator 3: Rise Of The Machines"). "The Last Stand" indes begreift wiederum um die überlebensgroße Ikonographie der Kunstfigur Schwarzenegger, leugnet sie nicht und setzt ihr stattdessen noch ein weiteres Denkmal. Der Film ist versiert und sauber, witzig, trocken, brutal und schnell, ohne verlogen zu sein oder sich den langweiligen Neomechanismen des Genres gegenüber allzu affirmativ zu zeigen, ein generationenverbindendes, überaus unterhaltendes Stück Action. In dieser Form zudem eine wohlfeile Startrampe für Weiteres aus der entsprechenden Ecke.

8/10

Jee-woon Kim Arizona Las Vegas Kleinstadt Duell Neowestern FBI Grenze


Foto

VILLA RIDES! (Buzz Kulik/USA 1968)


"It's very much better that I die a fool trusting too much, than live a tyrant trusting no one at all."

Villa Rides! (Pancho Villa reitet) ~ USA 1968
Directed By: Buzz Kulik

Mexiko, 1912: Der US-Pilot Lee Arnold (Robert Mitchum) fliegt Waffen für die regierungsfeindlichen Colorados über die Grenze. Als er feststellen muss, welchen Praktiken gegen die Landbevölkerung die von ihm gelieferten Gewehre dienen, schließt er sich - zunächst mehr oder weniger freiwillig - dem Revolutionsführer Pancho Villa (Yul Brynner) an. Mit seinem Flugzeug ist Arnold eine große militärische und strategische Hilfe für Villa. Als dieser und seine Armee jedoch von dem hinterlistigen General Huerta (Herbert Lom) hintergangen werden, verfinstert sich auch die Lage für Arnold. Mit einer beträchtlichen Geldbeute setzt er sich zurück in die Staaten ab. Nachdem Villa aus der Gefangenschaft fliehen kann und Arnold in El Paso aufsucht, entschließt jener sich nach anfänglicher Ablehnung, seinem alten Freund zurück nach Mexiko zu folgen und weiter für die Revolution zu kämpfen.

Eine knallbunte Mischung aus Fakten und Fiktion, die Revolution als Abenteuer! "Villa Rides!" war ein recht teures Studioprojekt, an dem Robert Towne und Sam Peckinpah mitgeschraubt haben, das mit epischen Bildern und Massenszenen aufwarten konnte und dieses ebenso verworrene wie faszinierende Kapitel mexikanischer Historie auf ein gut aufgelegtes Männerabenteuer herunterbrach. Nicht der Titelheld spielt freilich den Part des Protagonisten, sondern der Publikumsagent Robert Mitchum, der als bodenständiger, eher profitorientierter Opportunist die Grauzonen besser auszuloten lernt und erst als freier Mann eine endgültige Entscheidung für sein Seelenheil treffen kann. "Villa Rides" ist daher in erster Instanz eine Entwicklungsgeschichte jenes freilich fiktiven Revolutionshelden. Villa und sein Gefolgsmann Rodolfo Fierro, von Charles Bronson bereits in der typischen Pose der kommenden Erfolgsjahre gespielt, finden sich derweil geradezu liebevoll als raubeinige Schießwüter porträtiert, die trotz ihrer zuweilen lockeren Kanonen auf der richtigen Seite stehen. Besonders Fierros Darstellung mutet seltsam divergent an: Gleichermaßen komische Figur zeigt man ihn als Massenmörder, der nicht nur die Hinrichtungen gefangener Gegner als lustiges Spiel praktiziert. Möglicherweise symbolisiert besonders dieser Charakter recht treffend die Bipolarität der mexikanischen Lebensart jener Ära: unbändige Existenzfreude, gepaart mit einer beinahe hingebungsvollen Akzeptanz des allgegenwärtigen Todes.

8/10

Pancho Villa Mexiko Mexikanische Revolution Buzz Kulik Sam Peckinpah Historie period piece Biopic


Foto

FULL ECLIPSE (Anthony Hickox/USA 1993)


"No word for what I am now."

Full Eclipse ~ USA 1993
Directed By: Anthony Hickox

Der L.A.-Cop Max Dire (Mario Van Peebles) staunt nicht schlecht, als sein zusammengeschossener Partner Crane (Tony Dension) nicht nur urplötzlich und völlig gesundet wieder vor ihm steht, sondern bei der nachfolgenden Verbrecherjagd auch noch unglaubliche akrobatische Kunststücke vollführt. Doch nur wenige Tage später jagt sich Crane in aller Öffentlichkeit eine Kugel durch den Kopf. Was ist mit dem einst so glücklichen Mann geschehen? Die Antwort erhält Max umgehend und ohne viel eigenes Zutun: Der mysteriöse Adam Garou (Bruce Payne) ist der Kopf einer inoffiziell arbeitenden Eliteeinheit beim LAPD. Diese "Spezialpolizisten" putschen sich durch eine spezielle Droge auf, werden befristet zu einer Art Monster mit Reißzähnen und Krallen und erhalten Superkräfte. Allerdings macht das Serum auch schwer abhängig. Mehr oder weniger freiwillig wird Max Teil von Garous Truppe, erkennt jedoch noch rechtzeitig, was für ein Monster dieser wirklich darstellt.

Die durchaus kompetent arrangierte, formale Eleganz von Hickox' Film korreliert leider nicht gänzlich mit dem ziemlich einfältigen Script. Dessen Holzhammerdialoge trägt die recht typisierte Genrebesetzung mit viel vermeintlicher Verve vor, das macht sie, mit Ausnahme der schnieken Patsy Kensit, aber auch nicht wesentlich sympathischer. "Full Eclipse" ist also, um innerhalb der Semiotik des Titels zu bleiben, keine wirklich 'runde' Angelegenheit. Er besitzt jedoch auch seine Stärken: Hickox macht einen ziemlich vortrefflichen Job, der damals in den USA gerade schwer angesagt John Woo findet sich durch einen beidhändig feuernden und dabei fliegenden Helden hofiert, die unübersehbaren Comic-Book-Avancen - die Werwolf-Cops tragen bei ihren nocturnen Einsätzen "X-Men"-artige Uniformen und wirken dadurch noch superheldenhafter als ohnehin schon - erfreuen und Gary Changs atmosphärischer Score reißt Vieles heraus. So gut wie vor zwanzig Jahren, als ich ihn zum letzten Mal sah, fand ich "Full Eclipse" ergo nicht mehr, als launiges, hybrides Kasperltheater war er jedoch noch immer ganz witzig.

6/10

Anthony Hickox TV-Film Los Angeles Werwölfe


Foto

3:15 (Larry Gross/USA 1986)


"Cobras forever!"

3:15 ~ USA 1986
Directed By: Larry Gross

Die 'Cobras' sind die tonangebende Gang im Viertel, wobei die Lincoln High School als Hauptschauplatz für ihre kriminellen Aktivitäten fungiert. Selbst der ermittelnde Polizist Moran (Ed Lauter) steht dem Treiben machtlos gegenüber. Jeff Hannah (Adam Baldwin), Mitglied der Cobras, dreht seiner Gang derweil den Rücken zu, als sein Kumpel Cinco (Danny De La Paz) ein wehrloses Opfer mit dem Messer tötet. Später weigert sich Jeff, für Cinco, der wegen Drogenbesitzes verhaftet werden soll, den Kopf hinzuhalten. Dieser schwört Rache und beginnt, Jeff und seine Freundin (Wendy Barry) systematisch zu terrorisieren - bis hin zum unausweichlichen Duell.

Die Lincoln High kennt man noch aus Mark Lesters "Class of 1984". Ob in "3:15" dieselbe verhunzte Bildungsanstalt als Hauptschauplatz herhalten muss, wäre wohl spekulativ. Dennoch weckt die Namensgleichheit natürlich flugs mehr oder weniger unfreiwillige Assoziationen. Die Lincoln High in "3:15" ist jedenfalls keinen Deut besser dran als ihr 'Vorbild'; auch hier ist die betreffende Institution nicht länger in staatlicher Hand, sondern in krimineller. Die Kids haben die Macht übernommen, die kriminellen freilich, die, die am gewaltbereitesten sind. Kiloweise verscherbeln sie ihr Dope und niemand kann ihnen langfristig etwas anhaben. Der zersetzende Faktor muss hier freilich von innen kommen. In Person des fast ebenso kompromisslos wie der böse Cinco agierenden Jeff Hannah ist dieser Faktor gefunden. Fast im Alleingang, wie weiland Marshall Kane in "High Noon" (zu dem Gross auch sonst mancherlei Parallelen konstruiert), setzt er die Brüder Schachmatt, wobei ihm allerdings auch Cincos zunehmender Größenwahn zu Gute kommt. Am Ende bekommt der kriecherische, katzbuckelnde Rektor (Rene Auberjonois) noch eins auf die Fresse - die Welt ist doch noch gerecht. Ab und zu wenigstens.

6/10

Larry Gross High School Rache Duell


Foto

THE OSTERMAN WEEKEND (Sam Peckinpah/USA 1983)


"I think you tend to be a little strident."

The Osterman Weekend ~ USA 1983
Directed By: Sam Peckinpah

Wie jedes Jahr im Sommer findet auch heuer wieder das "Osterman-Wochenende" statt, ein Treffen vier alter Freunde, in dessen Zuge sich an die gute alte Zeit erinnert und Champagner in rauen Mengen konsumiert wird. Mittlerweile stehen sie alle finanziell betrachtet auf der Sonnenseite John Tanner (Rutger Hauer), Bernie Osterman (Crtaig T. Nelson), Richard Tremayne (Dennis Hopper) und Joseph Cardone) bekleiden alle respektierte Positionen in der Gesellschaft und können, sofern vorhanden, ihren Frauen und Familien ein wahres Lotterleben ermöglichen. Da tritt der CIA-Agent Lawrence Fassett (John Hurt) an Tanner heran: Seine drei Freunde sollen angeblich mit der Organisation "Omega" paktieren, einem amerikanisch-sowjetischen Spionagering. Zunächst skeptisch, glaubt der erzliberale Tanner bald Fassetts Anschuldigungen. Er lässt sein gesamtes Haus verkabeln, mit Kameras ausstatten und von Fassett überwachen. Das angebliche Ziel der Aktion: Mindestens einer der drei vermeintlichen Doppelagenten soll zur Rückkehr bewegt werden. Doch Fassett hat ganz anderes im Sinn als eine ordinäre Spionageaktion...

Vergeltungsplan - Verfolgungswahn. Was die wenigsten wissen: mit 58 Jahren hat Sam Peckinpah, vollends dem Kokain verfallen, schwer inkontinent und stets eine Handfeuerwaffe griffbereit, noch ein letztes großes Meisterwerk geschaffen: "The Osterman Weekend". Die Vorlage des Trivial-Politthriller-Autoren Robert Ludlum verwandelt sich unter Peckinpahs Ägide und der seines Scriptautors Alan Sharp in ein exzellentes Paranoia-Epos um Manipulation und mediale Gaukelei, das darüberhinaus ganz wunderbar als böser Schattenriss des zur gleichen Zeit erschienen "The Big Chill" von Lawrence Kasdan funktioniert. Alte Freundschaften im Zeichen politischen Intellektualismus verblassen angesichts an ihre Stelle tretender konservativer Wertmaßstäbe wie Karriere und Familie sowie einer zeitverpflichteten hohlen, neuen Yuppie-Lehre. In "The Big Chil" spricht man sich noch aus, adaptiert sich mittels Selbsttherapie an die veränderte Zeit; bei Peckinpah endet das neue Misstrauen in Konfrontation und Tod.
Fassetts schwarzer Racheakt an einem System, das ihm mit einem Wimpernzucken alles genommen hat, fügt sich am Ende zu einer brillant eingefädelten Conclusio; einem Puzzle des Todes, einem Manifest wechselseitiger Vergeltung. Danach allerdings wird die Welt nie mehr dieselbe sein, schon gar nicht für den einst so tapfer rosarot sehenden John Tanner.

9/10

Sam Peckinpah Robert Ludlum Verschwörung Rache CIA Kalter Krieg


Foto

CLOUD ATLAS (Tom Tykwer, Andy Wachowski, Lana Wachowski/D, USA, HK, SG 2012)


"Don't leave me here!"

Cloud Atlas ~ D/USA/HK/SG 2012
Directed By: Andy Wachowski/Lana Wachowski/Tom Tykwer

Auf sechs Zeitebenen kämpfen unterschiedliche Inkarnationen ein und derselben Seele gegen die Repressionen, Zwänge und Freiheitsbeschneidungen ihrer jeweiligen Ära: 1849 kämpft der Anwalt Adam Ewing (Jim Sturgess) auf einem Schiff im Pazifik sowohl um sein eigenes Leben als auch um das des entflohenen neuseeländischen Sklaven (David Gyasi); 1936 wird der bisexuelle Nachwuchs-Komponist Robert Frobisher (Ben Whishaw) aufgrund seiner sexuellen Präferenzen von einem alternden Berufsgenossen (Jim Broadbent) übervorteilt und erpresst; 1973 gerät die Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) in höchste Lebensgefahr, weil sie einem Atomkraft-Skandal auf die Spur kommt; 2012 wird der verschuldete Verleger Cavendish (Jim Broadbent) von seinem rachsüchtigen Bruder (Hugh Grant) in ein geschlossenes Senioenheim abgeschoben, aus dem es zu fliehen gilt; 2144 schließt sich die 'Duplikantin' Sonmi-451 (Doona Bae) einer revolutionären Bewegung an; 106 Jahre nach der Apokalypse bekommt der unbedarfte Insulaner Zachry (Tom Hanks) es mit der brutalen Unterdrückung durch einen feindlichen Stamm, der weiter fortschreitenden Verseuchung der Erde sowie seinem eigenen bösen Gewissen zu tun.

Zu Lebzeiten wäre die Adaption eines Bestsellers wie Mitchells diesem Film zugrunde liegenden Romans ein unbedingter Fall für Bernd Eichinger gewesen; heute springt statt der Constantin dann eben X-Filme in die Bresche. Tom Tykwer, der ja mit "Das Parfüm" bereits hinreichende Erfolgsliteraturverfilmungserfahrung gesammelt hat, tat sich dafür mit den Wachowski-Geschwistern zusammen und teilte die Inszenierung zwischen ihnen und sich selbst wohlfeil auf. Dabei ist unschwer zu erkennen, wer für welche Segmente verantwortlich ist; die atmosphärisch wie kinetisch betrachtet sanfteren Episoden gehen selbstverfreilich auf Tykwers Konto, während die actionreiche(re)n (Zukunfts-)Parts, in denen es zu zum Teil spektakulären visuellen Aufwendungen und athletischen Shoot-Outs kommt, natürlich von den Wachowskis dirigiert wurden.
Ich kenne das Buch nicht und habe nach dem Film auch nicht das Gefühl, seine Lektüre unbedingt nachholen zu müssen, aber die metaphysischen Diskurse zumindest der Adaption gleiten bisweilen offenherzig ins Vulgärpsychologische ab; die Wanderungen edler, wankelmütiger und niederträchtiger Seelen in immer neuerlichen Reinkarnationen, wobei der Astralkörper des Helden respektive der Heldin immer wieder in die Haut eines anderen Körpers wandert, der zu anderen Zeiten und unter anderen Bedingungen freilich weniger heroisch auftritt, derweil "das ultimative Böse", der ewige Satan immer wieder und immer nur von Hugo Weaving verkörpert wird. Was hat der Mann bloß angestellt, dass er stets so gemein daherkommen muss...? Das alles gibt sich wesentlich wichtiger und bewegter als es letzten Endes ist. Was bleibt, ist ein trotz anderweitiger Behauptung nicht sonderlich ausgefuchtes Genrestück, das sich zumindest über seine beträchtliche Erzähldistanz senkrecht halten kann. "Cloud Atlas" unterhält auf hohem formalen Niveau und erweist sich als in audiovisueller Hinsicht so ziemlich makellos, dennoch: 'thinking man's cinema', also das, was man hier doch offenkundig so gern kredenzt hätte, stelle ich mir trotzdem anders vor, meine Damen und Herren T. und W..

7/10

Andy Wachowski Lana (Larry) Wachowski Tom Tykwer period piece Ensemblefilm Zukunft Apokalypse Reinkarnation Sklaverei Atomkraft David Mitchell London San Francisco Kolonialismus Dystopie


Foto

THE BLOOD OF HEROES (David Webb Peoples/AU, USA 1989)


"This is stupid. We should be fucking and drinking by now."

The Blood Of Heroes (Die Jugger - Kampf der Besten) ~ AU/USA 1989
Directed By: David Webb Peoples

In einer postapokalyptischen Zukunft hat sich die Menschheit zivilisatorisch auf mediävistisches Niveau zurückgebildet: Kleine Ansiedlungen, in denen Handel und Schaukämpfe stattfinden, liegen wie Oasen in der Wüstenei; die größeren Städte werden feudalistisch regiert und liegen kilometerweit und strahlengeschützt unter der Erdoberfläche. Inmitten dieser regressiven Welt ziehen Sallow (Rutger Hauer) und seine fünfköpfige Truppe als 'Jugger' umher, die gegen Naturalia einen Gladiatorensport betreiben. Bei dem Spiel geht es darum, dass innerhalb einer vorgegebenen Zeitspanne ein Team einen Hundeschädel auf eine Lanze aufspießt, während das gegnerische versucht, es daran zu hindern. Mit Kidda (Joan Chen) bekommen die Jugger Zuwachs in Form einer ehrgeizigen, neuen Läuferin, die Sallow dazu überredet, in der 'Roten Stadt' seine frühere Mannschaft, die 'Liga', herauszufordern, aus der er einst unehrenhaft entlassen wurde.

David Webb Peoples, Scriptautor von "Blade Runner" und "Ladyhawke", inszenierte in Personalunion diese kleine Independent-Produktion als seinen einzigen eigenen Spielfilm. Rutger Hauer, mit dem Peoples ergo bereits gut bekannt war, übernahm die ihm praktisch auf den Leib geschriebene Rolle des Sallow, eines opportunistischen Lebemannes, der aus seiner kärglichen Situation das Beste zu machen versucht und für Alkohol und Sex seine Knochen riskiert. Mit der hübschen jungen Kidda kommt endlich wieder ein Mensch in sein Leben, der sich Wünsche und Träume bewahrt hat. Sallows sportliches Engagement in der Roten Stadt findet daher auch vornehmlich statt, um Kidda, die von Seide und schöner Kleidung träumt, einen 'Aufstieg' in die bessere Gesellschaft zu ermöglichen; hier nämlich werden die Gladiatoren bewundert und von der degenerierten Adelskaste hofiert. Dass die Restbevölkerung der subterranen Stadt mit den zerlumpten Außenseitern, die ihre Herausforderung gegen die Liga meistern, ein neues Heldenbild kredenzt bekommen, ist da nurmehr positiver Nebeneffekt für Sallow, der nach vollendetem Sieg wieder sein Heil in der Freiheit und am Tageslicht sucht.
David Webb Peoples scheut sich nicht vor der Dunkelheit. Nach den ersten, sonnenlichtdurchfluteten, fast grellen Bildern von der Wüstenoberfläche, spielt sich das zweite Drittel vornehmlich abends und nahts ab, während den dritten Handlungsort dann die kaum beleuchtete unterirdische Stadt markiert. Das mag auf unbedarfte Zuschauer etwas befremdlich wirken, verleiht dem Film aber ganz bewusst seine notwendige Atmosphäre des permanenten Zweifelns.

7/10

David Webb Peoples Zukunft Apokalypse Dystopie


Foto

DREDD (Pete Travis/UK, USA, IN, SA 2012)


"Judgement time."

Dredd ~ UK/USA/IN/SA 2012
Directed By: Pete Travis

Dredd (Karl Urban), der härteste und gefürchteste 'Judge' in Mega-City One, muss eine Eintages-Bewertung über die Rekrutin Anderson (Olivia Thirlby) vornehmen. Anderson ist eine hellseherisch begabte Mutantin und daher trotz ihrer schlechten Abschlussnoten eine wichtige Einsatzkraft für das Zukunftsgesetz. Zusammen gehen die beiden einem Dreifachmord im Slum 'Peach Trees' nach. Dort haust im obersten Level eines gigantischen Wohnkomplexes die Gangchefin 'Ma-Ma' (Lena Headey), die von hier aus ein verbrecherisches Matriarchat betreibt, das unter anderem die Verbreitung der Droge 'Slo-Mo' beinhaltet. Nachdem Dredd und Anderson das Gebäude betreten haben, lässt Ma-Ma den gesamten Wolkenkratzer hermetisch abriegeln und stiftet die Einwohner an, Jagd auf die beiden Judges zu machen. Doch niemand rechnet mit der Zähigkeit der zwei Supercops.

Nach Danny Cannons Erstadaption von vor 18 Jahren, die viel Schelte einzustecken hatte, erneuern Pete Travis und Danny Boyles Hausautor Alex Garland die sarkastische Dystopie mit Unterstützung der jüngeren Errungenschaften des Genres, die vor allem einen wesentlich höheren Gewaltpegel beinhalten. Die Stimmen, die noch anno 95 über die angeblich faschistoiden Tendenzen von Cannons Verfilmung ereiferten, dürften angesichts der radikalen Methoden des 12er-"Dredd" vor Erbleichung verstummen. Ganz wie in John Wagners herrlich apokalyptischen Comicvisionen kann Judge Dredd seine multipel einsetzbare Kanone nun zur Geltung kommen lassen und seine Gegner nicht nur reihenweise, sondern auch noch in schönster Varianz hinrichten. Das macht gigantisch Laune, weil es sich bei aller Extremität seine notwendige, jedoch nie aufdringliche Ironie bewahrt (ein comic relief wie Rob Schneider schenkt man sich heuer unter allgemeinem Aufatmen) und die Intelligenz des Zuschauers nicht beleidigt. Die Erfindung der Designerdroge 'Slo-Mo', die "der Wahrnehmung eine Verlangsamung der Realzeit auf ein Prozent vorgaukelt", gibt derweil Anlass zu allerlei hübschen visuellen Spielereien, die mitunter sogar unappetitlichstes Sterben zu einem ästhetischen Genuss verklären.
Cooler Film jedenfalls.

8/10

Judge Dredd Pete Travis Alex Garland Dystopie Comic Zukunft Reboot 3-D


Foto

A BREED APART (Philippe Mora/USA 1984)


"Does that thought bother you, sir?"

A Breed Apart (Die Brut des Adlers) ~ USA 1984
Directed By: Philippe Mora

Der Witwer und Vietnamveteran Jim Malden (Rutger Hauer) lebt zurückgezogen auf seiner Flussinsel 'Cherokee Island', auf der das letzte Pärchen einer bestimmten Art von Weißkopfadlern nistet. Jedem Fremden, der sich der Insel nähert, begegnet Malden mit grundsätzlichem Misstrauen und so zieht er sich bald die Feindschaft zweier einheimischen Hillbilly-Brüder (Brion James, John Dennis Johnston) zu, die Cherokee Island als persönliches Jagdrevier betrachten. Anders seine Beziehung zu der Kolonialwarenhändlern Stella (Kathleen Turner) und ihrem Sohn (Andy Fenwick), die gern Maldens neue Familie abgäben. Als der Bergsteiger Mike Walker (Powers Boothe) in die beschauliche Idylle einkehrt und sich mit Malden und Stella anfreundet, ahnt zunächst noch niemand, dass er im Auftrage des Millionärs Whittier (Donald Pleasence) die beiden Adlereier aus dem Nest stehlen soll...

Ein nicht ganz alltäglicher Film, aber das sind Philippe Moras Arbeiten ja eigentlich ohnehin selten. Der Held vereint auf den ersten Blick zahlreiche Klischeecharakteristika - ein ausgezeichneter Nahkämpfer und Vietnamveteran, der Frau und Kind und damit endgültig das Vertrauen in die zwischenmenschliche Kommunikation verloren hat, zugleich Tierliebhaber, dem ständig irgendwelche blutrünstigen Jagdidioten auf die Pelle rücken, dazu ein stiller Naturbursche, mit dem man besser keinen Streit anfängt. Die platinblonde Punkerfrisur hat Rutger Hauer geradewegs aus "Blade Runner" importiert, derweil Kathleen Turner um Einiges unglamouröser auftritt als bislang gewohnt. Eigentlich ein hervorragender Exploitationstoff, doch mit Ausnahme zweier Nacktszenen und einer recht unangenehmen Sterbesequenz hält sich Mora relativ keusch.
In welche Richtung sein Film geht - tatsächlich geht es um nichts Geringeres als das Auf-die-Probe-Stellen einer zaghaft und beiderseits unerwartet geknüpften Männerfreundschaft sowie ein etwas unbeholfen vorgetragenes Liebesgeständnis - ahnt man erst nach der Hälfte, bis dahin bleibt alles ähnlich verhalten und nebulös wie Rutger Hauers exzentrischer Protagonist.
"A Breed Apart" jedenfalls ist, soviel steht fest, ein Film, wie er nur vor dreißig Jahren hat entstehen können.
Heute wären die Primärreaktionen vermutlich Unverständnis und Ablehnung.

7/10

Philippe Mora North Carolina Südstaaten Veteran Freundschaft