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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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PAPER MOON (Peter Bogdanovich/USA 1973)


"I got scruples too, you know. You know what that is? Scruples?" - "No, I don't know what it is, but if you got 'em, it's a sure bet they belong to somebody else!"

Paper Moon ~ USA 1973
Directed By: Peter Bogdanovich

Damit hätte der schlitzohrige Trickbetrüger und Bibel-Vertreter Moses Pray (Ryan O'Neal) nicht gerechnet: Als er bei der Beerdigung einer Verflossenen vorbeischaut, drückt man ihm die neunjährige Addie Loggins (Tatum O'Neal) aufs Auge; er möchte sie doch mit nach Kansas nehmen, zu ihrer Tante Billie (Rosemary Rumbley) in St. Joseph, die sich von nun an um das Kind kümmern werde. Und dann ist da ja noch so eine seltsame, physiognomische Ähnlichkeit zwischen Moses und der kleinen Addy. Die beiden werden nach einigen Startschwierigkeiten jedenfalls ein hervorragendes Team, wenn es um das (gerechte) Abzocken naiver ZeitgenossInnen geht, landen einmal sogar fast im Gefängnis, als sie einen Bootlegger (John Hillerman) hereinlegen wollen und können sich doch kaum eingestehen, was sie eigentlich längst wissen: Dass sie zusammengehören wie Pech und Schwefel.

Fast wäre ich ja geneigt, nach dieser jüngsten Betrachtung (die letzte liegt vermutlich zwölf Jahre zurück) "Paper Moon" als Peter Bogdanovichs unumwundenes Meisterstück zu verorten, und wahrscheinlich ist er dies auch wirklich. Meine persönliche Beziehung zu "The Last Picture Show" ist, ähnlich der des Regisseurs vermutlich, jedoch eine etwas engere und auch tiefere, so dass ich dieses bis in minimalste Details vor formaler Perfektion strotzende Werk in meiner persönlichen Bogdanovich-Hitlist unter einiger Pein "lediglich" an Platz 2 setzen mag. Dabei hat er so unendlich viel Herz und Humor, dieser Film, und man möchte gar nicht, dass er aufhört, würde Moses und Addy auf dieser infiniten Straße ins Reich der Mythen und weiterer Abenteuer, kurz: des Film-Nirwana, am liebsten nacheilen und sie nie mehr aus den Augen verlieren. Das ist Kinopersonal für die Ewigkeit, ebenso übrigens, wie die diversen, vortrefflich ausgefeilten Nebencharaktere. Vater und Tochter O'Neal kann man nirgends in besserer Form antreffen, besonders Tatum, noch zigmal abgewichster und ausgebuffter als ihr liebenswerter, aber etwas unbedarfter Dad ist eine Offenbarung und straft jeden Lügen, der Kinder im Film par tout als Nervensägen und Ballast verdammt. Hätte die Academy nur ein wenig mehr Arsch in der Hose, die Kleine hätte nicht als Neben- sondern als Hauptdarstellerin nominiert werden und den Preis als solche erhalten müssen. So ein Töchterlein kann jedem Jungvater nur zur Ehre gereichen, wie ein solcher Film jeden Regisseur zum unangefochtenen Spitzenkönner deklariert.

10/10

Peter Bogdanovich Road Movie Great Depression Vater & Tochter period piece Missouri Kansas Freundschaft New Hollywood


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DEADLINE - U.S.A. (Richard Brooks/USA 1952)


"That's the press, baby. The press! And there's nothing you can do about it."

Deadline - U.S.A. (Die Maske runter!) ~ USA 1952
Directed By: Richard Brooks

Für Ed Hutcheson (Humphrey Bogart), Chefredakteur des New Yorker Tageblatts "The Day", bricht eine harte Woche an: Seine von ihm immer noch innig geliebte Ex-Frau Nora (Kim Hunter) will sich neu verheiraten und seine Zeitung droht nach dem Tode des vormaligen Besitzers Garrison verkauft zu werden. Ausgerechnet jetzt gerät der allgemein als Gangsterboss bekannte Bauunternehmer Rienzi (Martin Gabel) ins öffentliche Kreuzfeuer: Offenbar steht er mit der Ermordung einer Tingeltangel-Tänzerin in engster Verbindung. Hutcheson wittert die wichtigste Schlagzeile seit langem und setzt sein gesamtes Team auf den Fall an - mit dem steten Damoklesschwert der baldigen Schließung des "Day" über dem gestressten Haupt...

Ein schon recht spätes Bogey-Kleinod, gleich nach seinem Oscar-Gewinn für "The African Queen" entstanden. Zwar sieht der Grandseigneur hier wieder deutlich gepflegter und domestizierter aus - seiner formidablen Wirkung als leading man tut dies jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil - im Großstadtdschungel liegt Bogarts wahres Jagdrevier. Hierin ist er zu sehen als leidenschaftlicher Zeitungsmacher mit Druckerschwärze statt Blut in den Adern, dem seine Aufklärungsarbeit das höchste moralische Lebensgut ist und der auch private Belange dafür schweren Herzens hintenan stellt.
Richard Brooks ging es ferner in seinem wie gewohnt brillanten Exposé um eine feurige Liebeserklärung an die vierte Staatsmacht und die Menschen dahinter, die sich für deren reibungsvolles Entrollen tagtäglich aufopfern. Nicht nur Ed Hutcheson trägt dabei den Löwenanteil, auch sein ihm durch Dick und Dünn folgendes Mitarbeiter-Team (u.a. Ed Begley, Audrey Christie) besteht zum Großteil aus erprobten Kämpfern für Wahrheit und Gerechtigkeit.
Komprimiert auf ein Minimum an Ortswechseln ("Deadline - U.S.A." gäbe auch ein hervorragendes Bühnenstück ab) und erzählt binnen eines Zeitraumes von etwa 60 Stunden nimmt sich Brooks' Film auch als Lehrstück für konzentriertes Filmemachen aus. Ein Glanzstück demnach, in jeder Hinsicht.

9/10

Richard Brooks Journalismus New York Mafia Duell film noir


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LANTANA (Ray Lawrence/AU, D 2001)


"Sometimes, love's not enough."

Lantana ~ AU/D 2001
Directed By: Ray Lawrence

Der zur Cholerik neigende Sidneyer Detective Leon Zat (Anthony LaPaglia) ist verheiratet und hat zwei Söhne. Dennoch lässt er sich auf einen Seitensprung mit Jane (Rachael Blake) ein, einer Frau aus jener Tanzschule, die auch Leon und seine Frau Sonja (Kerry Armstrong) besuchen. Während für Jane, die sich just von ihrem Mann (Glenn Robbins) getrennt hat, die Beziehung zu Leon mehr als nur ein Techtelmechtel ist, bereuts dieser die Affäre bereits nach kurzer Zeit. Währenddessen verschwindet die renommierte Analytikerin Valerie Somers (Barbara Hershey) spurlos nach einer nächtlichen Autopanne im Busch. Jane, die von dem Fall in den Nachrichten hört, verdächtigt ihren Nachbarn Nik (Vince Colosimo), etwas mit dem Fall zu tun zu haben, den wiederum Leon untersucht. Dessen Verdachtsmomente gehen in eine andere Richtung: Auf ihren Tonbandaufzeichnungen, unter denen Leon auch ihm bisher unbekannte Sitzungen mit seiner Frau Sonja entdeckt, berichtet Valerie von einem homosexuellen Patienten (Russell Dykstra), der eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat. Hinter diesem vermutet Leon Valeries Ehemann John Knox (Geoffrey Rush), den er einer Gewalttat durchaus für fähig hält...

Warum nicht mal Sidney statt Los Angeles? Wo die kalifornische Metropole sonst den traditionellen Hintergrund für kaleidoskopartige Ensemble-Dramen stellt, geht Ray Lawrence mit seiner Theaterverfilmung nach Sidney und nutzt die dortigen Gegebenheiten, zu denen besonders eine üppige, dschungelartige Vegetation gehört, für seine vielköpfige, brillant verflochtene Beziehungsgeschichte. Wenngleich ein Kriminalfall, der eigentlich gar keiner ist und der sich schließlich als ein durch böse Umstände herbeigeführter Unfalltod einer zunehmend neurotischen, seit dem Tod ihrer kleinen Tochter vereinsamten Frau entpuppt, im Zentrum der Geschichte steht, geht es in "Lantana" vor allen Dingen um Kommunikation: Um Sprechen, Verstehen, Zuhören. Die Geschicke der Figuren werden samt und sonders durch den Verzicht auf Aussprachen, die Angst vor Nachfragen und Missinterpretationen des Verhaltens ihrer Gegenüber in falsche Richtungen gelenkt. Zum Schluss steht dann, nach oftmals kathartischen Selbsterfahrungen, die in dieser Art Film stets notwendige, allgemeine Conclusio, die den meisten Figuren einen Neuanfang ermöglicht, den tragischen, letztlich unnötigen Tod der psychisch geschädigten Analytikerin jedoch nicht ungeschehen macht.
"Lantana" fasziniert besonders deshalb, weil er infolge seiner überaus geschickt konstruierten Narration häufig Gedankenspiele in multiple Richtungen ermöglicht und zahlreiche interpretatorische Freiräume lässt. So wird aus einem Stoff, der leicht hätte Gefahr laufen können, einer ordinären und spannungslosen Verarbeitung anheim zu fallen, ein intelligentes, ausgefeiltes Stück Kino.

9/10

Ray Lawrence Andrew Bovell Ensemblefilm Sidney Australien based on play


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LOVE ETERNAL (Brendan Muldowney/IE 2013)


"I'm a disordered human being."

Love Eternal ~ IE 2013
Directed By: Brendan Muldowney

Ian (Robert de Hoog) findet sich im Leben nicht zurecht. Der Tod ist sein ständiger Begleiter und seine einzigen sonstigen Interessen liegen in der Laien-Astronomie. Ansonsten fühlt Ian sich als existenziell fehl am Platze. Allenthalben setzt er zum Selbstmord an, doch immer wieder scheitern seine Versuche aufgrund obskurer Wendungen. Ian ist einsam und findet keine Erfüllung; selbst der Versuch einer nekrophilen Beziehung mit der in seiner Gegenwart gestorbenen Tina (Amanda Ryan) scheitert kurzfristig: Rigor mortis und dessen unästhetische Folgen sind dann auch nicht wrklich Ians Hausnummer. Dann die ihm immer wieder begegnende Naomi (Pollyanna McIntosh) - sie hat ihren kleinen Sohn durch einen Unfall verloren, sich von ihrem Mann (Aiden Condron) getrennt und schöpft nun durch Ians Interventionen neue Kraft. Auch Ian profitiert von dieser Freundschaft, und endlich wartet seine bestimmende Aufgabe auf ihn.

Eine mir zufällig aufgefallene Tendenz: Nach dem erst letzthin geschauten "Last Kind Words" handelt es sich auch bei "Love Eternal" um einen Film, der seine grundierende, tiefe Morbidität beinahe zwanglos zum Ethos erhebt und dabei förmlich zu predigen scheint: "Suicide's an alternative!" Der Protagonist Ian, in stiller Schönheit begeisternd von Robert de Hoog dargeboten, wähnt sich als Berglöwen im Körper eines Menschen; er sei schlicht im falschen Körper zur Welt gekommen und könne in seiner menschlichen Form kein zufrieden stellendes Leben führen. Sämtliche Versuche, sich der Welt und auch deren Negierung, anzunäheren, scheitern. Erst die platonische Beziehung zu der tieftraurigen, sich jedoch mit aller Macht gegen die Depression stemmenden Naomi führt ihm Alternativen vor Augen. Das Leben kann schön sein, man muss nur seine Nische finden. Ein dann doch noch impulsiv herbeigeführter Selbstmordversuch Naomis schlägt fehl - ausgerechnet, weil Ian ihr rechtzeitig das Leben rettet. Danach findet sie wieder zu ihrem Mann und somit zurück ins Leben; Ians "Radikaltherapie" ist erfolgreich, sein Lebenssinn erfüllt, er wieder allein, aber zufrieden. Seiner letzten Reise steht nun endgültig nichts mehr im Wege. Das ist "Amélie", bloß gehüllt in tiefstes Schwarz!
Das selbstzufriedene, freie Aus-dem-Leben-Scheiden buchstabiert Muldowneys wirklich wunderbarer Film nun also mit einem dermaßenen Selbstverständnis, dass ihm die FSK trotz wirklich kaum prekärer Visualisierungen wie bereits "Last Kind Words" ein 18er-Siegel verabreichte - man möge labile Jugendliche mit solcher Nekromantisierung doch bitte nicht auf falsche Ideen bringen. Eine wahrhaftig tragfähige Ausgangsbasis zur Hervorrufung eines um sich greifenden Neo-Werther-Effekts! Andererseits: Brächte man sich nach dem Genuss von "Love Eternal" einfach um, man könnte solch grandioser Filme wie diesem (oder auch seiner selbst) nie mehr ansichtig werden und das wäre wiederum doch verdammt schade.

9/10

Brendan Muldowney Irland Tod Suizid Biopic


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AMEN. (Constantin Costa-Gavras/F, D, RO 2002)


"I see no other way to reach people's hearts."

Amen. (Der Stellvertreter) ~ F/D/RO 2002
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Berlin, 1942: Als er infolge familiärer Beziehungen binnen kürzester Zeit zum Offizier der Waffen-SS aufsteigt, glaubt der ebenso naive wie christliche Ingenieur Kurt Gerstein (Ulrich Tukur) noch, dass seine Fortschritte in der Schädlingsmittelbekämpfung den Truppen an der Ostfront zugute kommen. Der mysteriöse "Doktor" (Ulrich Mühe) jedoch belehrt den Schockierten eines Besseren: Die Euthanasie, die systematische Ermordung geistig Behinderter, gehört ebenso zum verschleierten Nazi-Alltag wie die mittlerweile beschlossene "Endlösung der Judenfrage": Ganze Dynastien werden in Viehwagons gen Osten deportiert und dort im großindustrillen Maßstab und unter Verwendung des von Gerstein mitbeschafften Giftgases Zyklon B vernichtet. Hoffnung wähnt Gerstein beim schwedischen Botschafter (Justus von Dohányi) und bei der katholischen Kirche. Zum einen sollen die Alliierten über die Gaskammern und Krematorien in Kenntnis gesetzt werden, zum anderen versucht Gerstein mithilfe des idealistischen Jesuiten Riccardo Fontana (Matthieu Kassovitz), den Vatikan zu einer öffentlichen Verurteilung der Nazigräuel zu bewegen. Doch die allgemeine Angst vor Hitler überwiegt hier wie dort, niemand, am wenigsten Papst Pius XII (Marcel Iures), fühlt sich verantwortlich, bis zum Kriegsende Wesentliches zu unternehmen.

Back from Hollywood: Die von reichlich Arroganz gekennzeichnete katholische Praxis der Ignoranz und der Wahl des geringsten Widerstands angesichts der sich immer weiter auftürmenden Nazi-Verbrechen war bereits in dessen Veröffentlichungsjahr 1961 Thema von Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter". Ganze vierzig Jahre dauerte es bis zu dieser Verfilmung durch Costa-Gavras, zugleich der zweite Film des Regisseurs nach dem im besetzten Frankreich unter der Vichy-Regierung spielenden "Section Spéciale", der sich mit dem Nationalsozialismus der Weltkriegsjahre befasst. Weitaus weniger emotional als viele andere Holocaust-Dramen der letzten Jahrzehnte kommt "Amen." daher, lässt etwas den Blick für die Essenz von Hochhuths Drama vermissen und sucht viel mehr nach möglichen Erklärungen dafür, wie die Massenvernichtung der Juden im internationalen Spiegel solange "übersehen" werden konnte. Dem bekennenden Christen und SS-Offizier Kurt Gerstein, von Ulrich Tukur im Film als überaus liebenswerter Zeitgenosse interpretiert, dem ein widerständliches Herz unter den Blitz-Runen schlägt, gilt heute als einer der wichtigsten bekennenden Zeugen der Vernichtungspraktiken. Bevor man ihm nach Kriegsende in Paris den Prozess machen konnte, fand man Gerstein in seiner Zelle erhängt vor - Fremdeinwirkung nicht ausgeschlossen.
Hinzugedichtet sind der, obschon auf realen Vorbildern basierende, Charakter des Märtyrers Riccardo Fontana, Gersteins persönliche Beziehung mit dem in Stück und Film namenlos bleibenden 'Doktor' Josef Mengele (hier gespielt von Ulrich Mühe) wiewohl auch sein eindeutig als heroisch zu bezeichnendes Engagement gegen das Reich, dessen Widerspruch zu seiner beständigen Funktion als Obersturmführer im Film nicht zufriedenstellend aufgelöst wird. So ist Gersteins tatsächliches Wesen bis heute historisch nicht eindeutig festlegbar. Costa-Gavras gestattete sich bei aller sonstigen Ehrenwertigkeit des Projekts einige sicher vermeidbare Faux-pas: Zunächst finde ich es diskutabel, ob es bei einer zu knapp 90 Prozent deutschsprachigen Besetzung wirklich Not tat, als Originalsprache Englisch zu wählen, die Sprachkenntnisse des Regisseurs hin oder her. Ferner stellt sich mir die Frage, ob die permanent durch den Film rollenden Deportationszüge bewusst in die jeweils "falsche" Bildrichtung fahren (also leer von West nach Ost, voll von Ost nach West) oder ob dies inszenatorische Manier ist. Dem gehenüber stehen großartige Szenen wie etwa die, in der Riccardo versucht, die Kardinäle beim üppigen Frühstück von den ihm durch Gerstein geschilderten Naziverbrechen zu unterrichten und diese ganz untangiert weiterspeisen. Da schimmert dann wieder ganz der alte, starke Costa-Gavras hervor.

Constantin Costa-Gavras Rolf Hochhuth based on play period piece Historie Nationalsozialismus Holocaust WWII Kirche Rom Vatikan Berlin Auschwitz Widerstand


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MAD CITY (Constantin Costa-Gavras/USA 1997)


"A line has been crossed."

Mad City ~ USA 1997
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Ausgerechnet der als sensationsgieriger Enthüllungsjournalist berüchtigte Max Brackett (Dustin Hoffman) ist zugegen, als der gefeuerte Sicherheitsmann Sam Baily (John Travolta) mit Schrotflinte und Dynamit seinen früheren Arbeitsplatz, das städtische Museum, betritt und eine zufällig vor Ort befindliche Schulklasse als Geiseln nimmt. Brackett wittert sofort großes Nachrichtenentertainment und lenkt von Anfang an die Aktionen des leicht unterbelichteten Kidnappers in seine gewünschte Richtung. Doch nicht nur Brackett, auch sein Sender und das bald heranrückende FBI manipulieren Bailey mal mehr, mal weniger, provozieren sein verlängertes Ausharren im Museum und beeinflussen die öffentliche Meinung.

Dass "gut gemeint" in aller Regel das Gegenteil von "gut" darstellt, lässt sich anhand Costa-Gavras' bis dato letzter Hollywood-Produktion "Mad City" zumindest ansätzlich klar verifizieren. So eine Massenmediensatire hier und da ist ja eigentlich nie verkehrt und erreicht grundsätzlich ihre Adressaten (in der Regel nämlich die, die sich ohnehin weitgehend "medienkompetent" schimpfen). Mit Dustin Hoffman befindet sich ein garantiert brillanter Schauspieler an Bord, mit John Travolta zumindest einer, der etwas Kohle in die Kassen holt. Dennoch enthebt all das "Mad City" nicht seines penetranten Reißbrett-Charakters, der seines Regisseurs vermittels dieser einfach gestrickten Art der Darbietung, die sicherlich bereits infolge oberflächlicher Script-Lektüre absehbar war, weder würdig ist noch ihn überhaupt sonderlich gereizt haben sollte. Vermutlich ging es in diesem Falle auch einfach mal um einen ausgedehnten Sommerurlaub. Ist ja auch okay. Man kann nicht permanent große Würfe vollziehen und wird schließlich auch abgeklärter mit dem Alter. Dann möge man als Urheber aber bitte auch Verständnis für die entsprechenden Reaktionen aufbringen: "Mad City" lässt sich über weite Strecken anschauen, ohne dass er allzu heftige Koliken verursachte, vermeidet es aber ebenso penibel, Wagnisse jedweder Art einzugehen; sei es in gedanklicher oder auch nur in inszenatorischer Hinsicht. Für Costa-Gavras' Œuvre stellt "Mad City" keine ausgesprochene Schande dar, aber er würde darin auch nicht wirklich vermisst werden.
Als Travolta als Sam Baily in letzter, sympathiebekundender Regung gegenüber Brackett dazu ansetzt, ihm, wie es in "Face/Off" ja sein "Erkennungszeichen" war, freundschaftlich mit der Handfläche übers Gesicht zu fahren, musste ich heuer allerdings beinahe speien. Der Typ kann einfach nicht anders, als den Großkotz zu markieren, selbst wenn er bloß einen verblödeten Trottel spielen soll.

5/10

Constantin Costa-Gavras Journalismus Fernsehen Satire Kidnapping Museum Kleinstadt Kalifornien


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NURSE 3-D (Douglas Aarniokoski/USA 2013)


"Let's start by amputating your arms."

Nurse 3-D ~ USA 2013
Directed By: Douglas Aarniokoski

Die just examinierte New Yorker Krankenschwester Danni (Katrina Bowden) lernt bei ihrem Dienstantritt die eindrucksvolle Kolegin Abby Russell (Paz de la Huerta) kennen, die sich sogleich aufopferungsvoll um Danni kümmert. Doch hinter der fürsorglichen Fassade Abbys lauert ein männerhassendes Monster: Nicht nur tötet Abby gleich in Serie untreue Familienväter, die ihren offensiven Anmachtaktiken ins Netz gehen, sie entwickelt auch eine tödliche Obsession bezüglich Danni, die sich bald in blanke Raserei verwandelt...

Das ist natürlich camp in Reinkultur, was Douglas Aarionoski hier in spektakulärer Manier unters Volk wirft. Das famose Teaser-Poster, auf dem die bis zum Hals in Kunstblut getauchte, nackte Paz de la Huerta nackt, in Seitansicht und mit Schwesternhäubchen posiert (ein zweites zeigt sie im hautengen, weißen Wachskleid auf einer riesigen Spritze reitend), tingelt ja nunmehr schon seit rund drei Jahren durchs Netz. Schon damals wusste ich, dass ich diesen Film würde sehen müssen und habe mich bewusst möglichst wenig über ihn informiert (wobei ich dies nach Möglichkeit eigentlich sowieso stets so zu handhaben versuche). Das fetischisierende Plakat verrät dann eigentlich auch das Meiste über den Film. Die mordende, in obsessiver (homosexueller) Liebe umherberserkernde Krankenschwester ist ja nicht eben ein sonderlich exklusives Genremotiv und als solches versucht der inflationär grelle "Nurse 3-D" es glücklicherweise auch gar nicht erst zu veräußern. Die wundervolle Paz de la Huerta, die gleich in mehreren Szenen ohne Höschen durchs Bild stolziert, inkarniert eine sehr selbstbewusste Erotik, die, kombiniert mit dem simpel gehaltenen Plotverlauf, durchaus ordentlich einhergeht. Judd Nelson lässt sich wieder mal blicken als eines ihrer es kaum besser verdienenden, patriarchalischen Opfer und die putzige Katrina Bowden als Unschuld vom Lande, die letztlich nicht mit Abby Russell (die ja in Wahrheit Sarah Price heißt) fertig wird, ergibt eine passende Antipodin.
Ob man "Nurse 3-D", der nun ganz bestimmt alles ist, bloß nicht intelligent oder gar subtil, eine misogyne Botschaft unterjubeln möchte, liegt wohl im Auge des Betrachters. Lass die Frauen- und Krankenswesternverbände ruhig Sturm laufen. Ich kleiner Mann empfand ihn als hübsches, pulpiges guilty pleasure, garantiert frei von bösen Absichten.

6/10

Douglas Aarniokoski femme fatale Krankenhaus Slasher Splatter Madness 3-D New York Serienmord camp


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MY BODYGUARD (Tony Bill/USA 1980)


"Welcome to your sophomore year."

My Bodyguard (Die Schulhofratten von Chicago) ~ USA 1980
Directed By: Tony Bill

Clifford Peache (Chris Makepeace) ist 15 und führt ein eher untypisces Teenagerleben. Sein Vater (Martin Mull) ist Manager eines renommierten Chicagoer-Hotels und Witwer. Dafür vervollständigt Cliffords quirlige Oma (Ruth Gordon), die hinter Drinks und Männern her ist, wie der Teufel hinter der armen Seele, das funktionale Generationen-Trio. Gerade hat Clifford von einer Privatschule auf die ordinäre High School gewechselt und muss gleich mit den lokalen Bullys Bekanntschaft schließen, allen voran mit dem öligen Moody (Matt Dillon), der die Jüngeren um ihr Essensgeld erpresst. Doch da ist noch der hünenhafte Ricky Linderman (Adam Baldwin), der zwar kaum den Mund auftut, über den aber diverse schlimme Gerüchte kursieren. Clifford macht Ricky kurzerhand zu seinem persönlichen Bodyguard gegen Moody, ohne zu ahnen, dass Ricky zwar imposant auftritt, körperliche Gewalt jedoch in Wahrheit zutiefst verabscheut...

Eine wahrlich schöne "Coming-of-Age"-Komödie ist Tony Bill da mit seinem Regiedebüt aus den Fingern geflossen; ein feiner Chicago-Film noch nebenbei und ein glaubwürdig zeitangebundenes Schulporträt. Im Zentrum von "My Bodyguard" steht natürlich die Freundschaft zwischen den höchst unterschiedlichen Jungs Clifford und Ricky, die zwar etwa gleichaltrig sind, jedoch bereits physisch höchst unterschiedlich geartet. Ein entsprechend großes Missverständnis legt den Grundstein für ihre Beziehung: Wie alle anderen hält Clifford Ricky, den eine Menge phantastischer Anekdoten umwabern, zunächst für einen Massenmörder in Schülergestalt. Doch weit gefehlt: Hinter dem so gewaltigen Äußeren Rickys steckt ein sensibler, einsamer Junge mit einem gewaltigen Schuldkomplex, der in höchster Angst davor lebt, jemand anderen verletzen zu können.
Wie in den meisten halbwegs gescheiten Jugendgeschichten geht es folglich auch hier darum, sich von falschen Rollenerwartungen freizustrampeln, sprich: einen elementaren Schritt in Richtung Erwachsensein zu vollziehen. Tony Bill und vor allem der Autor Allan Ormsby bewältigen dies mit aller nötigen Sensibilität und Figuren-Empathie, was auch für die vielen, bunt gezeichneten Randfiguren ihrer Erzählung gilt.
Witzig in diesem Zusammenhang einmal mehr die deutsche Marketing-Strategie, die den Film wohl als hartes Ghettodrama im Stile von "The Warriors" und Ähnlichem zu verkaufen trachtete. Da wird manch einer blöd geguckt haben.

8/10

Tony Bill Chicago Familie Freundschaft Schule Hotel Coming of Age


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12 ANGRY MEN (William Friedkin/USA 1997)


"What do you want? I say he's guilty." - "We want to hear your arguments."

12 Angry Men (Die 12 Geschworenen) ~ USA 1997
Directed By: William Friedkin

Zwölf Geschworene begegeben sich an einem schwül-heißen Sommertag zwecks möglicher Schuldsprechung im Falle eines jungen Mannes (Douglas Spain), der seinen Vater ermordet haben soll, nach der Hauptverhandlung in einen abgeriegelten Raum. Elf von ihnen halten den Angeklagten in der Erstabstimmung für 'schuldig', nur der Geschworene Nummer 8 (Jack Lemmon) stimmt dagegen. Im Laufe der folgenden zwei Stunden gelingt es ihm, bei seinen Mitsitzern so immense Zweifel an den gehörten Zeugenaussagen und der nachlässigen Arbeit des Pflichtverteidigers zu wecken, dass man sich schließlich auf ein einstimmiges 'nicht schuldig' einigen kann.

Sinn und Unsinn von Remakes, die dem Original infolge ihrer sklavischen Ergebenheit kaum Neues hinzuzusetzen vermögen, zu erörtern, erspare ich mir an dieser Stelle, zumal darüber in der Vergangenheit in unserem Forum schon mehrfach ausgiebig diskutiert wurde. Stand ich Friedkins Variation von Reginald Roses Drama früher skeptisch gegenüber, eben weil sie "lediglich" eine Neu-Verfilmung darstellte, hat sich die Perspektive nun doch sehr zugunsten des Films verrückt. Zwar verzichtet er auf das zwingende Schwarzweiß des Originals von Sidney Lumet und besitzt vielleicht auch nicht ganz den emotionalen inszenatorischen Ungestüm des Jungregisseurs. Dafür lancieren ihn eben andere Qualitäten. Dass ein solcher Stoff auch vor unspektakulärer Inszenierung nämlich allein kraft seiner mentalen Ausgereiftheit Bestand hat, könnte vielleicht gar nicht trefflicher bewiesen werden denn via Friedkins Readaption. Er kann auf ein uneingeschränkt brillant aufspielendes Ensemble bauen, das vor allem infolge seines geschlossenen Zusammenspiels mindestens ebenso stark ist wie das aus Lumets Film. So bleibt, bis auf die geringfügige Auffälligkeit, dass Friedkin respektive sein dp Fred Schuler erhöhten Gebrauch von der Steadicam machen, die Inszenierung stets hintergründig bis auktorial. Insgesamt famos; Lumet beinahe ebenbürtig. Hätte ins Kino gehört.

8/10

William Friedkin Remake TV-Film Courtroom Ensemblefilm


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TEXASVILLE (Peter Bogdanovich/USA 1990)


"Hellzapoppin'!"

Texasville ~ USA 1990
Directed By: Peter Bogdanovich

1984 feiert Texasville County sein hundertjähriges Bestehen. Die Einwohner des Städtchens Anarene leben fast alle noch (oder wieder) vor Ort: Duane Jackson (Jeff Bridges) ist mittlerweile im Ölgeschäft reich geworden, first citizen des Städtchens und steht permanent kurz vor der Pleite. Er ist verheiratet mit der resoluten Alkoholikerin Karla (Annie Potts), hat vier Kinder und zwei Enkelkinder. Sein alter Freund Sonny Crawford (Timothy Bottoms), mittlerweile Bürgermeister von Anarene, hat niemals geheiratet und ist noch ganz der alte Melancholiker, der infolge seiner persönlichen full life crisis langsam wunderlich wird. Als auch die das Trio komplettierende Jacy Farrow (Cybill Shepherd) nach einigen privaten Schicksalsschlägen nach Anarene zurückkehrt und zu Karlas bester Freundin avanciert, glaubt auch Duane den Verstand zu verlieren.

Mit "Texasville" hat der mittlerweile seit Jahren in kreativer und rezeptiver Ödnis dahinvegetierende Peter Bogdanovich nicht etwa den Fehler begangen, formelhaft an sein Meisterwerk "The Last Picture Show", dessen spätes Sequel er hiermit vorlegte, anknüpfen zu wollen. Die dem Original innewohnende Tragik und existenzielle Schwere weicht hier der Leichtigkeit gesetzter Lebenserfahrung, zugunsten einer glänzenden Satire, die den Klassiker auf die vermutlich denkbar versöhnlichste Weise aufrundet. Die Perspektive wechselt komplett von Sonny Crawford zu seinem Kumpel Duane Jackson, der eben nicht das karge Lamento einer aussterbenden Zeit repräsentiert, sondern die Mittachtziger mit all ihren kleinen und großen Verrücktheiten. Im Country-Radio läuft jetzt vornehmlich Willie Nelson und nur einen Sender weiter bekommt man Madonna und Springsteen um die Ohren gehauen. Duane hat eine feudale Villa mit diversen Gästezimmern, in der jeder Einwohner von Anarene ein- und ausgeht. Die allseitig praktizierte Promiskuität ist längst kein wohlbehütetes Geheimnis mehr, sondern fester Altagsbestandteil geworden, was recht unübersichtliche Blüte in Form beinahe inzestuöser Lendenfrüchte treibt. Auch Duanes Sohn Dickie (William McNamara) mischt munter in dem bunten Treiben mit. Es wird allerorten gesoffen, dass die Schwarte kracht und wozu die anstehende Hundertjahrsfeier nochmal zusätzlich Anlass gibt. Einzig Sonny erweist sich als anachronistische Konstante: Er spielt die Spiele seiner Mitbürger nicht mit und hält sich am liebsten dort auf, wo sein wahres Zuhause liegt: In der Vergangenheit. Dies führt seinerseits zu merkwürdigen Aktionen, die das seltsame Mutter-Sohn-Verhältnis mit seiner alten Liebe Ruth Popper (Cloris Leachman) neu auffrischen. Die im Geschriebenen (auch die Vorlage zu "Texasville" stammt von Larry McMurtry) vergangene Zeit von 33 Jahren kann mit dem Anstand der beiden Filme (19 Jahre) nicht ganz Schritt halten, was jedoch in keinster Weise stört. wenngleich sich "Texasville" weitaus zynischer, witziger und künstlerisch zugänglicher gestaltet, wohnt ihm doch noch die alte Seele inne, verbindet ihn mit "The Last Picture Show" noch immer der vervollkommnete Anspruch eines runden Personen-Kaleidoskops. Viele Freunde des Originals hatten und haben mit "Texasville" ihre liebe Not, ich mag ihn, schon aufgrund seines unwiderstehlichen Humors, fast so sehr wie die große, alte Schwester.

9/10

Peter Bogdanovich Larry McMurtry Texas Sequel Familie Freundschaft Alkohol





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