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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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LA REINE MARGOT (Patrice Chéreau/F, I, D 1994)


Zitat entfällt.

La Reine Margot (Die Bartholomäusnacht) ~ F/I/D 1994
Directed By: Patrice Chéreau

Paris, im August 1572. Nachdem die intrigante Königsmutter Katharina De Medici (Virna Lisi) ihre Tochter Margot (Isabelle Adjani) mit dem protestantischen König Henri de Navarre (Daniel Auteuil) verheiratet hat - eine rein diplomatisch bestimmte Ehe, der beide Parteien nur höchst widerwillig zustimmen - steigern sich die ohnehin latenten Aggressionen am Königshof gegen die Hugenotten, allen voran deren Führer Coligny (Jean-Claude Brialy), noch weiter. Wiederum durch den Einfluss seiner Mutter Katharina befiehlt der psychisch angeschlagene König Charles IX (Jean-Hugues Anglade) die verhängnisvolle Ermordung sämtlicher in Paris befindlicher Hugenotten. Ein beispielloses Massaker folgt, dem rund 6000 Menschen zum Opfer fallen, dem jedoch zumindest Navarre durch den Schutz Margots entgehen kann. Jene verliebt sich ihrerseits in den ebenfalls dem protestantischen Glauben frönenden Edelmann La Môle (Vincent Perez), derweil Navarre sich aus eher eigennützigen Motiven mit Charles befreundet. Sowohl dessen Mutter als auch seinem Bruder Anjou (Pascal Greggory) ist diese Freundschaft ein Dorn im Auge. Von den folgenden Mordanschlägen trifft schließlich einer Charles selbst, der sich elendig an einer Arsen-Vergiftung zu Tode quält. Auch La Môle wird getötet. Navarre flieht zurück in die Gascogne und Margot verlässt Paris, das Haupt ihres Geliebten mit sich führend.

Ein herrlich selbstverliebtes Epos, voll von Pomp, Blut, Sex und Intriganz, schwer und süffig wie ein alter Roter. Der hollywoodschen Art, Historienfilme zu erstellen bewusst entsagend, gibt sich Chéreaus Film ganz europäisch; die Dynastie derer von Medici wird ausgegeben als eine von irrläufigem Adelswahn geprägte Familie, bestehend aus zutiefst selbstgefälligen und bösen bis gestörten Mitgliedern. Über allem thronst die legendäre Katharina, die Massenmord und Attentate im Sekundentakt befiehlt und ihren unbeholfenen Sohn als Marionette missbraucht. Wer gegen die Staatsräson oder das, was die Königsfamilie darunter versteht, verstößt, wird ohne großes Zaudern aus dem Weg geräumt, selbst, wenn es eine ganze Glaubensgemeinschaft betrifft. Zwischendrin vögelt sich die nebenbei noch dauergeile Gesellschaft ihre Pfade durch die Betten des Palastes, wobei jederzeit damit gerechnet werden muss, dass ein Parfum, ein Lippenstift oder ein Glas Wein zur Todesfalle werden kann.
Chéreau versteht es ausgezeichnet, dieses gleichfalls morbide wie lebenshungrige Klima des sich neigenden Spätmittelalters mit kräftigen Farben und ausgesuchtem Chiaroscuro zu inszenieren; ohnehin zur Exzentrik neigende Darsteller wie Adjani, Anglade, Auteuil oder der deutsche Thomas Kretschmann spielen dieses ausufernde grand guignol voller beserkerhaftem overacting. Die eine oder andere Länge, die jeweils die kurze Befürchtung aufkommen lässt, "La Reine Margot" gehe gleich die Puste aus, wird durch die garantiert folgende, nächste spektakuläre Sequenz wieder entkräftet. Großes Kostümkino aus der Nachbarschaft also, auch mal schön.

8/10

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PELLE EROBREREN (Bille August/DK, S 1987)


Zitat entfällt.

Pelle Erobreren (Pelle, der Eroberer) ~ DK/S 1987
Directed By: Bille August

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Nach dem Tod seiner Frau emigriert der alternde schwedische Landarbeiter Lasse Karlsson (Max von Sydow) mit seinem achtjährigen Sohn Pelle (Pelle Hvengaard) ins verheißungsvolle Dänemark. Dort verspricht sich der bildungsferne Alte sein kleines Glück: ein geregeltes Auskommen, eine neue Ehefrau und eine Zukunft für den geliebten Jungen. Auf Bornholm finden die beiden eine Anstellung auf dem Steinhof des Grundbesitzers Kongstrup (Axel Stroybø). Der überlässt die Schindereien und Kleinmachereien seiner Knechtschaft dem garstigen Verwalter (Erik Paaske). In den folgenden zweieinhalb Jahren lernt Pelle viel über das Gefälle zwischen den Ständen, über Bigotterie, Aubeutertum und die Verlogenheit der Oberklasse. Schließlich macht er den Traum des kämpferischen Vorarbeiters Erik (Bjørn Granath) wahr und macht sich auf nach Amerika.

In seinem pompösen Sittengemälde konzentriert sich Bille August auf die frühen Lehrjahre des Protagonisten Pelle Karlsson, der in Martin Andersen Nexøs deutlich weitläufigerem Romanzyklus, in dem Pelle als junger Mann weiter nach Kopenhagen zieht und dort im Laufe der Jahre zu einem Helden der unterdrückten Arbeiterklasse wird. Das Filmende kommt indes deutlich märchenhafter daher, wenngleich im Rahmen der Transponierung nicht unpassender: Pelle schafft es, sich dem sackgassenhaften Knechtschicksal, das sein zunehmend entkräfteter Vater längst für sich akzeptiert hat, zu entfliehen und nach neuen Ufern zu suchen. Ob er diese nun mittelfristig im lobgepriesenen Amerika oder im deutlich näher gelegenen Sjælland finden mag, ist für das Ende des Films zunächst unerheblich; wichtig ist der Emanzipationsgedanke. Pelle erreicht dieses frühe Ziel durch Bildung, die sich sowohl durch althergebrachte schulische und katechistische wie auch eine gehöroge Portion Autodidaktik vollzieht. Pelle lernt, die Menschen zu beobachten und einzuschätzen; wie sie bereit sind, sich für einen Hungerlohn und einen Hering zu verkaufen und demütigen zu lassen und dass es nur wenige gibt, die die innere Kraft zum Aufbegehren gegen den althergebrachten Status aufbringen. Über allem schwebt stets der bedrohliche Geist der "Obrigkeit", die Pelle in Form eilends herbeigerufener Uniformierter nebst geschlossener Droschke wahrnimmt, die jene abholen, die sich in irgendeiner Form schuldig gemacht haben. Wie die unglückliche Magd Anna (Kristina Törnqvist), die ein uneheliches Kind zur Welt gebracht und getötet hat. Andere kommen glimpflicher davon, so Frau Kongstrup (Astrid Villaume), die ihren Gatten, nachdem dieser die minderjährige Nichte Sine (Sofie Gråbøl) geschwängert hat, kurzerhand kastriert. So etwas fällt dann unter großfamiliären "Unfällen". Pelles eigentliches Vorbild, der zum revolutionären Gestus neigende Erik, fällt eines Tages, bevor er sich zur längst fälligen Aktion aufraffen kann, einem beklagenswerten Unfall zum Opfer: Ein Steinklotz raubt ihm Hirn, Verstand und Rebellionswillen. Erik wird zur geistlosen, lobotomierten Hülle. Doch Pelle vergisst dessen Versprechen, dereinst mit ihm die Welt zu bereisen, nicht und macht sich schlussendlich allein auf den Weg.
Weltgeschichte durch die unbefleckten Augen eines Kindes - oder Simplicissimus - zu betrachten, liefert häufig eine segensreiche Erzählperspektive in Literatur und Film. "Pelle Erobreren" macht da keine Ausnahme. Ein Film, für den man sich ob seiner doch recht intensiven Emotionalität (auf deren Klaviatur August ja stets vortrefflich zu spielen versteht) mit gutem Mut wappnen mag, der jedoch sein Publikum geradezu fürstlich entlohnt.

9/10

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SÜPERSEKS (Torsten Wacker/D 2004)


"Sisse, Wichsleitungen gehen wieder."

Süperseks ~ D 2004
Directed By: Torsten Wacker

Weil er beim Altonaer Paten, seinem Onkel Cengiz (Meray Ülgen) mit einer Menge Patte in der Kreide steht und ihm als Garantie das Haus seiner in der Türkei lebenden Mutter (Sevgi Özdamar) verpfändet hat, braucht der Taugenichts Elviz (Denis Moschitto) dringend eine zündende Idee. Die kommt ihm, durch eine ehefrustrierte Aktion seines älteren, ihn aushaltenden Bruders Tarik (Hilmi Sözer): Zusammen mit seinem in Comuterfragen beflissenen Kumpel Olaf (Martin Glade) zieht er eine ausschließlich für türkische Anrufer konzipierte Telefonsex-Hotline auf. Das entsprechende Kapital stammt von dem etwas eigenen Porno-Schneyder (Peter Lohmeyer). Die Sache lässt sich auch tatsächlich super an, bis Elviz' Schwarm Anna (Marie Zielcke) in dem Laden anfängt und den eifersüchtigen Schwerenöter völlig durcheinanderbringt. Am Ende erfährt die türkische Gemeinde von dem ganzen versauten Geschäft und reagiert höchst ungehalten. Alles scheint verloren, doch ausgerechnet Olaf hat noch ein letztes Ass im Ärmel...

Ich geb's zu: Ein guilty pleasure. Ich käme ja nie auf die Idee, mir eine dieser mich schon von Weitem abstoßenden RomComs von und mit Till Schweiger oder Matthias Schweighöfer anzusehen und mache mich im Gegenteil nur allzu vorliebig über den Pöbel lustig, der sich mit derlei abgibt. Weil ich aber Marie Zielcke so schön finde und sie, ganz nebenbei, noch immer vom Fleck weg heiraten täte, und diese hier als Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe antritt, habe ich mir damals "Süperseks" angeschaut. Und fand ihn wider Erwarten superwitzig, denn sowohl die Darstellung der als auch die Seitenhiebe auf die in Deutschland lebende, türkische Gemeinde sind von einiger hellsichtiger Brillanz und Wahrheit.
"Süperseks" ist darüberhinaus heute vielleicht sehr viel politischer als noch vor zehn Jahren, denn er zeigt auf ebenso ironische wie liebenswerte Weise falsche Wege auf: Forcierte Selbstghettoisierung, Selbstverleugnung, Bigotterie, religiöse Verlogenheit und die Wahrung eines längst obsolet gewordener Traditionen. Natürlich sind die Türken, die Süperseks zeigt, fast durchweg Klischeetypen: Der junge Deutschtürke zwischen den Welten, der fleißige, etwas bldungsferne Arbeiter, der insgeheim unter dem Omatriarchat steht (die Büyükanne, die Großmutter ist tatsächlich das heimliche Oberhaupt und graue Eminenz vieler türkischer Familien) und auf kitschige, anatolische "Heimatfilme" aus den Siebzigern steht, die insgeheim längst emanzipierte, türkische Ehefrau, der studierte Emporkömmling, der mit allen Mitteln westeuropäisch wirken möchte; dazu der altbekannte, uns Deutsche so befremdende Tand um Plüsch und Glitzerzeug. Klischees werden jedoch benötigt, um Satire machen zu können und sind damit probat.
Das Schöne an dem Film ist aber vor allem, dass er bei aller analytischen Freude keine didaktische, tendenziöse Allgemeinlösung propagiert, sondern für freie Entscheidung, Toleranz und ein friedfertiges Miteinander wirbt. Damit ist er ein kleines Original und mit einer Nasenlänge vorn, heute vielleicht mehr denn je.

8/10

Torsten Wacker Hamburg Telefonsex Brüder Satire


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THE LONG GOOD FRIDAY (John Mackenzie/UK 1980)


"It's Good Friday. Have a Bloody Mary."

The Long Good Friday (Rififi am Karfreitag) ~ UK 1980
Directed By: John Mackenzie

Harold Shand (Bob Hoskins) kontrolliert seit Jahren die Londoner Unterwelt. Macht und Reichtum lassen ihn mittlerweile mit sehr viel weitläufigeren Zielen liebäugeln; so sieht sein aktueller Plan eine umfassende, gewinnträchtige Modernisierung des maroden Hafenviertels voraus, unter Beteiligung amerikanischer Mafia-Investitionen. Daher lädt Harold einen Repräsentanten (Eddie Constantine) der Übersee-Konkurrenz pünktlich zum Karfreitag nach London ein, um ihn von seinen Plänen zu überzeugen. Doch jemand pfuscht Harold in die Karten: Sein bester Freund Colin (Paul Freeman) und weitere seiner langjährigen Angestellten werden auf spektakuläre Art ermordet, der von Harold geschmierte Stadtrat Harris (Bryan Marshall) benimmt sich sonderbar aufmüpfig. Seine eilends angestellten Recherchen veranschaulichen Harold bald den Grund für all die Unbill: Eine Racheaktion der IRA und Verrat in den eigenen Reihen durchkreuzen Harolds Absichten und lassen ihn lernen, dass auch er nicht allmächtig ist.

Einer der großen, britischen Gangsterfilme, in einer Phalanx stehend mit "Villain", "Get Carter" und "The Krays" und sie alle an Komplexität und realistischer Perspektive vielleicht noch übetreffend. "The Long Good Friday" ist nicht bloß das Portrait eines kurz vor seinem großen Scheitern stehenden, entmachteten Gangsterbosses, sondern zudem eine Bestandsaufnahme des London der Spätsiebziger, das weg will von seinem etwas muffigen Industrie-Image, sich der Welt öffnen und Internationalität beweisen will und als vordringlichen Repräsentanten für jene Ambitionen ausgerechnet einen aus proletarischen Verhältnissen stammenden Gangster bereithält. Harold Shand, von Bob Hoskins unnachahmlich perfekt interpretiert, ist das wunderbare Exempel eines Gernegroß, der es geschafft hat, sich aus der Gosse zur Unterwelt-Nummer-Eins hochzuarbeiten. Dass man dafür einen Killerinstinkt und extrem Gewaltbereitschaft benötigt, kann Harold auch im weißen Nadelstreifen-Anzug nicht verhehlen; zwar ist er heuer etwas vorsichtiger in der Wahl seiner Mittel, die Betätigung der entsprechenden Tasten kann ihn jedoch noch immer zum Berserker machen. Harold Shand ist und bleibt ein Gangster, so sehr er sich auch in der Rolle des progressiven, mondänen Geschäftsmannes gefällt. Und wie ein Gangster hat er am Ende abzutreten, zusammen mit den per Blitzstreich in Asche gelegten Resten seiner vormals mächtigen Organisation. Vor politischem Terror und Bomben muss selbst ein Harold Shand in die Knie gehen. Das Ende des Films, in dem er, auf der Rückbank eines ihn entführenden Wagens sitzend, mit der Ausweglosigkeit seiner Situation konfrontiert wird, in ihm die Wut brodelt und sich zugleich die Erkenntnis des endgültigen Versagens ihren Weg in seine Miene bahnt, derweil ihm ein kalt lächelnder, von Pierce Brosnan gespielter IRA-Killer die Pistole vors Gesicht hält und ihm Zeit gibt, sich auf sein baldiges Ableben einzustellen, wird wiederum getragen von Hoskins' großer Schauspielkunst.
Dazu das tolle, schmissige Titelthema von Francis Monkman und genussfertig ist a most delicious cinema dish.

9/10

John Mackenzie London Mafia IRA


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BOYHOOD (Richard Linklater/USA 2014)


"Life doesn't give you bumpers."

Boyhood ~ USA 2014
Directed By: Richard Linklater

Der kleine Mason (Ellar Coltrane) wächst, nachdem sich seine Eltern getrennt haben, zusammen mit seiner älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater) bei seiner Mutter (Patricia Arquette) in Texas auf. Seinen Dad (Ethan Hawke) sieht er zwar regelmäßig, aber nicht oft genug. Im Laufe der folgenden Jahre stehen ihm mehrere Umzüge bevor, eine zweimalige Heirat seiner Mutter mit zum Alkoholmissbrauch neigenden Neurotikern nebst jeweils folgender Scheidung und eine nicht immer einfach Schullaufbahn, die er als intelligenter, aber leicht verschrobener Sonderling bis zum College meistert.

Linklaters ehrgeiziges Projekt ist ja schon allein deshalb so grandios, weil es über einen Zeitraum von zwölf Jahren hinweg an seinen Protagonisten "entlangwächst", und entgegen der üblichen filmischen Praxis, die für differierende Altersabstufungen unterschiedliche Darsteller bemüht, seine Figuren quasi beim Altern beobachtet und verfolgt. Ferner ließ er den Darstellern großen Freiraum bei der Mitgestaltung ihrer Charaktere, so dass ein möglichst authentisches Bild von Kindheit, Jugend und auch des erwachsenen Lebensweges gewährleistet ist.
Entsprechend des Epos, dass jedwede Biographie für sich betrachtet ja darstellt, entfaltet sich "Boyhood" dann auch in einer über die Norm dieser Art Film hinausreichenden Erzählzeit von zweidreiviertel Stunden und wirkt selbst damit noch deutlich zu kurz. Nicht zuletzt infolge des auf den ersten Blick vielleicht weithin ereignislos scheinenden Dahinplätscherns des Ganzen: Mason ist ein ganz normaler amerikanischer Junge, ein Generationsrepräsentant, der mit all dem aufwächst und von all dem beeinflusst wird, was außer ihm auch Millionen anderer Kids seines Geburtsjahrgangs und Alters durchmachen mussten und durften: Die dysfunktionale Familie mit sich erweiternden Stiefeltern-Konstellationen, Segen und Fluch der massenmedialen Vernetzung, die Anschläge von 2001 und deren Einfluss auf die politische Landschaft der USA. Dazu die "unwesentlichen", persönlichen Probleme und Problemchen vom wachsende Interesse an den Mädchen über die erste große, letztlich enttäuschende Liebe, das Andersseinwollen, die Liebäugelei mit der (so längst zur Illusion gewordenen) Alternativkultur, die schwierige Erkenntnis des permanent unzufriedenen Selbst, Erweckungsgedanken von der großkapitalistischen Weltverschwörung bis hin zur zwangsläufigen Adaptierung an jede x-beliebige Teenager-Vita. Am Ende landen wir alle im großen Mühlrad.
Linklater erzählt damit, insbesondere für seine Verhältnisse, die eine ähnliche Studie (die "Before..."-Serie) ja bereits beinhalten, ganz gewiss nichts bahnbrechend Neues oder Besonderes, möchte das offenkundig aber auch gar nicht. Allein die Art des Berichtens, die unbedingte, stete Nähe zum Personal zeichnet "Boyhood" als etwas bislang Einzigartiges aus.

9/10

Richard Linklater Coming of Age Familie Vater & Sohn Mutter & Sohn Texas Biopic


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BERBERIAN SOUND STUDIO (Peter Strickland/UK 2012)


"You'll get used to it, Gilderoy."

Berberian Sound Studio ~ UK 2012
Directed By: Peter Strickland

1976 kommt der englische Toningenieur Gilderoy (Toby Jones) nach Italien, um dort die tonale Nachbearbeitung für einen Horrorfilm um eine gefolterte Hexe und deren sich in der Gegenwart Fluch im Studio zu besorgen. Für Gilderoy, einen schüchternen Mann mittlerer Jahre, dessen Hauptbezugsperson noch immer seine Mutter darstellt, nimmt sich die Arbeit an solch einem Werk höchst befremdlich aus, nachdem er zuvor in erster Linie für TV-Kindershows tätig war. Die zahlreichen akustischen Spezialeffekte bestehen in erster Linie aus Gemüse und Obst, das auf alle möglichen Arten massakriert wird und aus gellenden Schreien der im Studio nachsynchronisierenden Darstellerinnen. Gilderoy lernt den Produzenten (Cosimo Fusco) und den Regisseur (Antonio Mancino) des Films kennen und auch die eigenartigen Beziehungsstrukturen der übrigen Mitarbeiter zueinander. Daneben wirkt sich auch die befremdliche Enge innerhalb des Studios nachteilig auf Tobys psychische Verfassung aus...

Ein Musterbeispiel für "psychoaktives" Filmemachen ist "Berberian Sound Studio". Nachdem uns mit dem Protagonisten Gilderoy (vorzüglich gespielt von Toby Jones) das klassische, verschüchterte Film-Muttersöhnchen mit einigem Nährboden für psychische Deffekte in der Tradition von Norman Bates oder Mark Lewis vorgestellt wird, zwingt uns Strickland förmlich, permanent ganz nah bei und mit diesem zu verweilen. Gilderoy wiederum wird in das karg beleuchtete Gefängnis des Tonstudios gesteckt - ohne Fenster oder sonstige Möglichkeiten der Kommunikation mit draußen verweilt der Ärmste hier für die gesamte Dauer seines - zudem nach Zahlungsschiebung riechenden - Auftrags. Zwischen der Isolation seines Zimmers und der Arbeit im Studio liegen lediglich die ganz offenkundig barbarischen Bilder des zu bearbeitenden Films, die dem Rezipienten von "Berberian Sound Studio" mit Ausnahme der vielsagenden Titelsequenz wiederum bewusst vorenthalten bzw. der Kraft dessen Phantasie vorbehalten bleiben. Offenkundig furchtbare Folter- und Mordsequenzen spielen sich da zu den Geräuschen platzender Wassermelonen oder fettbrutzelnder Bratpfannen ab, kommentiert lediglich durch Gilderoys zunächst verständnislose bis schockierte Vis-à-vis-Mimik. Was insbesondere der genreefahrene Zuschauer sich dazu an privaten Imaginarien ausmalt, kann, und das weiß Strickland natürlich ganz genau, bezieht sein Film doch gerade aus diesem Faktum seine verstörende Wirkung, keinerlei Visualisierung einlösen: Der von Gilderoy vertonte Film "The Equestrian Vortex", fraglos eine Hommage an das Kino aus Dario Argentos früh-mittlerer Schaffungsphase, muss das schrecklichste Genrestück sein, das die Realität nie erblickt hat.

9/10

Peter Strickland Film im Film Madness Surrealismus Giallo Hommage Hans W. Geißendörfer


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NOSTRADAMUS (Roger Christian/F, UK, D, RO 1994)


"I have seen paradise."

Nostradamus ~ F/UK/D/RO 1994
Directed By: Roger Christian

Michel De Nostradame (Tchéky Karyo) lebt und wirkt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Frankreich. Er betätigt sich unter anderem als Astrologe, Mediziner, Apotheker, Parfümbrauer, Geheimlogist, Literat und nicht zuletzt als von Katharina De Medici (Amanda Plummer) anerkannter Königshausprophet. Er sorgt für entscheidende Fortschritte bei der Bekämpfung der Beulenpest und verheiratet sich ein zweites Mal, nachdem seine erste Gattin Marie (Julia Ormond) nebst Kindern der Seuche zum Opfer gefallen ist. Mehrfach entgeht er der Verhaftung und Hinrichtung als Ketzer, derweil seine Visionen mit zunehmendem Alter immer intensiver und häufiger vorkommen.

Als eine historische und gewissermaßen historizierte Lieblingsgestalt vieler Verschwörunstheoretiker und Weltuntergangs-Apologeten, der u.a. den Tod des amtierenden Königs Heinrich II (Anthony Higgins), die Batholomäusnacht, die französische Revolution, die Weltkriege des 20. Jahrhunderts und den Aufstieg Hitlers vorauszusagen pflegte (sowie, zumindest zufolge der letzten Filmszene, einen Menschheitsexodus Richtung Weltall um das 30. Jahrhundert infolge der endgültigen Zerstörung der Erde), erhielt Nostradamus mit Roger Christians kleinem Biopic auch sein pokulturell konsumierbares Manifest. All die Unbill der spätmittelalterlichen Misanthropie wird darin herausgekehrt; von der Macht und Willkür der Inquisition über Hexenverbrennung und frühe Geheimlogengründungen bis hin zur längst verfilzten, wissenschaftlichen Arroganz der herrschenden Kräfte. All das gehört natürlich stets zum "guten Ton" eines entsprechenden Zeitporträts. Wie zu lesen ist, hält der Film sich zumindest relativ eng an die bekannten, biographischen Eckdaten von Nostradamus' Vita; bezüglich seiner Visionen und vor allem deren Interpretationen jedoch dürfte viel Folklore mit ihm Spiel sein. Seine Prophezeiungen erschienen damals in Schriftform als jährlich publizierte Almanachen, die sich, wie man später ermittelte, häufig längst niedergeschriebenen Gedankenguts bedienten und ebenso sehr interpretationsbedürftig waren, was eine multiple Auslegung ihres Realitätsgehalts ermöglicht.
Christians Film will von derlei natürlich nichts wissen und reitet in all seiner maßlosen Heldenverklärung ganz auf der zu seiner Entstehungszeit gerade schwer angesagten Nostradamus-Renaissance-Welle mit, zumindest semi-erfolgreich. Betrachtet man dies Biopic unter einem eher distanzierten, vielleicht campigen Aspekt, kann es hier und da durchaus Freude bereiten, zumal es in einigen Nebenrollen trefflich besetzt ist.

6/10

Roger Christian period piece Biopic Historie Mittelalter Frankreich Camp Inquisition


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PAPER MOON (Peter Bogdanovich/USA 1973)


"I got scruples too, you know. You know what that is? Scruples?" - "No, I don't know what it is, but if you got 'em, it's a sure bet they belong to somebody else!"

Paper Moon ~ USA 1973
Directed By: Peter Bogdanovich

Damit hätte der schlitzohrige Trickbetrüger und Bibel-Vertreter Moses Pray (Ryan O'Neal) nicht gerechnet: Als er bei der Beerdigung einer Verflossenen vorbeischaut, drückt man ihm die neunjährige Addie Loggins (Tatum O'Neal) aufs Auge; er möchte sie doch mit nach Kansas nehmen, zu ihrer Tante Billie (Rosemary Rumbley) in St. Joseph, die sich von nun an um das Kind kümmern werde. Und dann ist da ja noch so eine seltsame, physiognomische Ähnlichkeit zwischen Moses und der kleinen Addy. Die beiden werden nach einigen Startschwierigkeiten jedenfalls ein hervorragendes Team, wenn es um das (gerechte) Abzocken naiver ZeitgenossInnen geht, landen einmal sogar fast im Gefängnis, als sie einen Bootlegger (John Hillerman) hereinlegen wollen und können sich doch kaum eingestehen, was sie eigentlich längst wissen: Dass sie zusammengehören wie Pech und Schwefel.

Fast wäre ich ja geneigt, nach dieser jüngsten Betrachtung (die letzte liegt vermutlich zwölf Jahre zurück) "Paper Moon" als Peter Bogdanovichs unumwundenes Meisterstück zu verorten, und wahrscheinlich ist er dies auch wirklich. Meine persönliche Beziehung zu "The Last Picture Show" ist, ähnlich der des Regisseurs vermutlich, jedoch eine etwas engere und auch tiefere, so dass ich dieses bis in minimalste Details vor formaler Perfektion strotzende Werk in meiner persönlichen Bogdanovich-Hitlist unter einiger Pein "lediglich" an Platz 2 setzen mag. Dabei hat er so unendlich viel Herz und Humor, dieser Film, und man möchte gar nicht, dass er aufhört, würde Moses und Addy auf dieser infiniten Straße ins Reich der Mythen und weiterer Abenteuer, kurz: des Film-Nirwana, am liebsten nacheilen und sie nie mehr aus den Augen verlieren. Das ist Kinopersonal für die Ewigkeit, ebenso übrigens, wie die diversen, vortrefflich ausgefeilten Nebencharaktere. Vater und Tochter O'Neal kann man nirgends in besserer Form antreffen, besonders Tatum, noch zigmal abgewichster und ausgebuffter als ihr liebenswerter, aber etwas unbedarfter Dad ist eine Offenbarung und straft jeden Lügen, der Kinder im Film par tout als Nervensägen und Ballast verdammt. Hätte die Academy nur ein wenig mehr Arsch in der Hose, die Kleine hätte nicht als Neben- sondern als Hauptdarstellerin nominiert werden und den Preis als solche erhalten müssen. So ein Töchterlein kann jedem Jungvater nur zur Ehre gereichen, wie ein solcher Film jeden Regisseur zum unangefochtenen Spitzenkönner deklariert.

10/10

Peter Bogdanovich Road Movie Great Depression Vater & Tochter period piece Missouri Kansas Freundschaft New Hollywood


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DEADLINE - U.S.A. (Richard Brooks/USA 1952)


"That's the press, baby. The press! And there's nothing you can do about it."

Deadline - U.S.A. (Die Maske runter!) ~ USA 1952
Directed By: Richard Brooks

Für Ed Hutcheson (Humphrey Bogart), Chefredakteur des New Yorker Tageblatts "The Day", bricht eine harte Woche an: Seine von ihm immer noch innig geliebte Ex-Frau Nora (Kim Hunter) will sich neu verheiraten und seine Zeitung droht nach dem Tode des vormaligen Besitzers Garrison verkauft zu werden. Ausgerechnet jetzt gerät der allgemein als Gangsterboss bekannte Bauunternehmer Rienzi (Martin Gabel) ins öffentliche Kreuzfeuer: Offenbar steht er mit der Ermordung einer Tingeltangel-Tänzerin in engster Verbindung. Hutcheson wittert die wichtigste Schlagzeile seit langem und setzt sein gesamtes Team auf den Fall an - mit dem steten Damoklesschwert der baldigen Schließung des "Day" über dem gestressten Haupt...

Ein schon recht spätes Bogey-Kleinod, gleich nach seinem Oscar-Gewinn für "The African Queen" entstanden. Zwar sieht der Grandseigneur hier wieder deutlich gepflegter und domestizierter aus - seiner formidablen Wirkung als leading man tut dies jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil - im Großstadtdschungel liegt Bogarts wahres Jagdrevier. Hierin ist er zu sehen als leidenschaftlicher Zeitungsmacher mit Druckerschwärze statt Blut in den Adern, dem seine Aufklärungsarbeit das höchste moralische Lebensgut ist und der auch private Belange dafür schweren Herzens hintenan stellt.
Richard Brooks ging es ferner in seinem wie gewohnt brillanten Exposé um eine feurige Liebeserklärung an die vierte Staatsmacht und die Menschen dahinter, die sich für deren reibungsvolles Entrollen tagtäglich aufopfern. Nicht nur Ed Hutcheson trägt dabei den Löwenanteil, auch sein ihm durch Dick und Dünn folgendes Mitarbeiter-Team (u.a. Ed Begley, Audrey Christie) besteht zum Großteil aus erprobten Kämpfern für Wahrheit und Gerechtigkeit.
Komprimiert auf ein Minimum an Ortswechseln ("Deadline - U.S.A." gäbe auch ein hervorragendes Bühnenstück ab) und erzählt binnen eines Zeitraumes von etwa 60 Stunden nimmt sich Brooks' Film auch als Lehrstück für konzentriertes Filmemachen aus. Ein Glanzstück demnach, in jeder Hinsicht.

9/10

Richard Brooks Journalismus New York Mafia Duell film noir


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LANTANA (Ray Lawrence/AU, D 2001)


"Sometimes, love's not enough."

Lantana ~ AU/D 2001
Directed By: Ray Lawrence

Der zur Cholerik neigende Sidneyer Detective Leon Zat (Anthony LaPaglia) ist verheiratet und hat zwei Söhne. Dennoch lässt er sich auf einen Seitensprung mit Jane (Rachael Blake) ein, einer Frau aus jener Tanzschule, die auch Leon und seine Frau Sonja (Kerry Armstrong) besuchen. Während für Jane, die sich just von ihrem Mann (Glenn Robbins) getrennt hat, die Beziehung zu Leon mehr als nur ein Techtelmechtel ist, bereuts dieser die Affäre bereits nach kurzer Zeit. Währenddessen verschwindet die renommierte Analytikerin Valerie Somers (Barbara Hershey) spurlos nach einer nächtlichen Autopanne im Busch. Jane, die von dem Fall in den Nachrichten hört, verdächtigt ihren Nachbarn Nik (Vince Colosimo), etwas mit dem Fall zu tun zu haben, den wiederum Leon untersucht. Dessen Verdachtsmomente gehen in eine andere Richtung: Auf ihren Tonbandaufzeichnungen, unter denen Leon auch ihm bisher unbekannte Sitzungen mit seiner Frau Sonja entdeckt, berichtet Valerie von einem homosexuellen Patienten (Russell Dykstra), der eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat. Hinter diesem vermutet Leon Valeries Ehemann John Knox (Geoffrey Rush), den er einer Gewalttat durchaus für fähig hält...

Warum nicht mal Sidney statt Los Angeles? Wo die kalifornische Metropole sonst den traditionellen Hintergrund für kaleidoskopartige Ensemble-Dramen stellt, geht Ray Lawrence mit seiner Theaterverfilmung nach Sidney und nutzt die dortigen Gegebenheiten, zu denen besonders eine üppige, dschungelartige Vegetation gehört, für seine vielköpfige, brillant verflochtene Beziehungsgeschichte. Wenngleich ein Kriminalfall, der eigentlich gar keiner ist und der sich schließlich als ein durch böse Umstände herbeigeführter Unfalltod einer zunehmend neurotischen, seit dem Tod ihrer kleinen Tochter vereinsamten Frau entpuppt, im Zentrum der Geschichte steht, geht es in "Lantana" vor allen Dingen um Kommunikation: Um Sprechen, Verstehen, Zuhören. Die Geschicke der Figuren werden samt und sonders durch den Verzicht auf Aussprachen, die Angst vor Nachfragen und Missinterpretationen des Verhaltens ihrer Gegenüber in falsche Richtungen gelenkt. Zum Schluss steht dann, nach oftmals kathartischen Selbsterfahrungen, die in dieser Art Film stets notwendige, allgemeine Conclusio, die den meisten Figuren einen Neuanfang ermöglicht, den tragischen, letztlich unnötigen Tod der psychisch geschädigten Analytikerin jedoch nicht ungeschehen macht.
"Lantana" fasziniert besonders deshalb, weil er infolge seiner überaus geschickt konstruierten Narration häufig Gedankenspiele in multiple Richtungen ermöglicht und zahlreiche interpretatorische Freiräume lässt. So wird aus einem Stoff, der leicht hätte Gefahr laufen können, einer ordinären und spannungslosen Verarbeitung anheim zu fallen, ein intelligentes, ausgefeiltes Stück Kino.

9/10

Ray Lawrence Andrew Bovell Ensemblefilm Sidney Australien based on play





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