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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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EDUCAZIONE SIBERIANA (Gabriele Salvatores/I 2013)


"All creatures belong to heaven."

Educazione Siberiana (Sibirische Erziehung) ~ I 2013
Directed By: Gabriele Salvatores

Noch zu Zeiten der Sowjetunion werden alle großen Gangsterclans in die Kleinrepublik Transnistria verfrachtet, wo sie vom Rest der Sowjet-Staaten weitgehend abgeschirmt sind und ihre jeweils strengen Sitten und Gebräuche weiterverfolgen können. Als härtester der Clans gelten die Sibirier. Schon als Kinder lernen die besten Freunde Kolyma (Arnas Sliesoraitis) und Gagarin (Pijus Grude) den Umgang mit dem Messer und wie man Transportfahrzeuge ausraubt. Bis Gagarin erwischt wird und für sieben Jahre ins Gefängnis muss. Mit seiner Rückkehr kommt auch die reizende, geistig behinderte Xenja (Eleanor Tomlinson) in die von Kolyma und seinem ehrwürdigen Großvater Kuzya (John Malkovich) beherrschte Unterstadt. Die Zeit im Knast hat Gagarin verändert und als er ein unaussprechliches Verbrechen verübt, bleibt Kolyma nur, ihn unerbittlich zu verfolgen.

Ein sehr literarisch besetzter Entwicklungsroman in Filmform, eine italienische Produktion mit italienischem Stab in englischer Sprache und mit internationaler Besetzung, die auf ex-sowjetischem Boden spielt (vornehmlich jedoch in Italien und nur teilweise in Litauen gedreht wurde). Die Geschichte, die auf autobiographischen Erlebnissen beruhen soll, erinnert zuweilen stark an "Once Upon A Time In America": Vier Freunde lernen bereits in der Kindheit, sich durch ein hartes, von Regeln und Kodexen geprägtes Leben zu schlagen; die beiden im Zentrum stehenden Jungen verfeinden sich durch den Verrat des Einen am Anderen, bis eine späte, forcierte Wiederbegegnung Schuld und Sühne ausgleicht. Dazu gibt es eine merkwürdige, verschrobene Dame, die beide reizt, an der Ungestümheit des Einen jedoch zerbrechen wird. Ansonsten kleidet Salvatores sein Freundschaftsporträt in sehr lyrische, formvollendete Bilder mit vielen blendend schönen Szenen (wie einer am Kettenkarussell, die von Bowies "Absolute Beginners" vortrefflich untermalt wird), die "Educazione Siberiana" bei aller Parallelität zu Vorangegangenem noch immer die notwendige Eigenständigkeit verleihen, um als ausgereiftes Kunstwerk für sich stehend überzeugen zu können. Kein ganz großer Wurf, aber bestimmt ein sehenswerter Film.

7/10

Gabriele Salvatores Familie Russland UdSSR Biopic Freundschaft Rache ethnics


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ALL CHEERLEADERS DIE (Lucky McKee, Chris Sivertson/USA 2013)


"Bitches go!"

All Cheerleaders Die ~ USA 2013
Directed By:: Lucky McKee/Chris Sivertson

Das hat sich die High-School-Elevin Maddie (Caitlin Stasey) anders vorgestellt: was als großangelegte Racheaktion an dem hiesigen Football-Ass Terrie (Tom Williamson) geplant war, ewtwickelt sich nämlich nunmehr zu einem veritablen Horrortrip! Maddies ursprüngliche Idee sieht vor, sich in die oberflächiche, von Maddie eigentlich höchst gering geschätzte Cheerleader-Clique der 'Bitches' einzuschleichen, um auf diese Weise Terrys Freundin Tracy (Brooke Butler) gegen ihn aufzuhetzen. Doch ehe sie es sich versieht, stirbt Maddie zusammen mit Brooke und zwei weiteren Mädels einen durch Terry forcierten Unfalltod. Nicht jedoch für lang, denn die Maddie anhimmelnde Teenagerhexe Leena (Sianoa Smit-McPhee) entwickelt das Quartett mittels magischer Juwelen wieder zum Leben. Die Zombie-Cheerleader benötigen allerdings stets frisches Blut, um ihren Verfallsprozess aufzuhalten, wovon bald auch Terry Wind bekommt. Dieser hätte die Wundersteinchen gern allesamt für sich selbst...

Nach seinem bösen Meisterwerk "The Woman" machte sich Lucky McKee zusammen mit seinem Kollegen Chris Sivertson an dieses von mir wieder als deutlich rückschrittig empfundene Remake ihres eigenen Low-Budget-Films von 2001. Aufgrund dessen schwieriger Verfügbarkeitslage kann ich mir kein kompaktes Bild dazu machen, welchen Sinn und welche künstlerische Räson jener Neuverfilmungsansatz haben mag - am naheliegendsten erscheint mir, dass McKee und Sivertson es wohl als eine Art Schuldigkeit gegenüber sich selbst erachteten, mit höherem Etat, frischem Wind und Kinoeinsatz eine Revision ihres Debüts vorlegen wollten. Bei diesem handelt es sich jedenfalls um eine nicht unbedingt originelle High-School-Splatter-Stoner-Comedy Marke "Idle Hands", die mit viel groteskem, um nicht zu sagen: bekifftem Humor angereichert ist und die typischen Themen jener Filme von der dem amerikanischen Schulsystem immanenten Cliquenhierarchisierung bis hin zur Sexualitätsfindung streift. Hinzu kommt ein nicht allzu überbordender Voyeurismus, der vor allem den knackigen Hauptdarstellerinnen frönt, ein wenig Liebäugelei mit Comic- und Superhelden-Mythen und fertig. Da die Endtitel den Zusatz "Part 1" tragen, dürften Fortsetzungen um das Paar Maddie/Leena zum festen Plan gehören. Ob diese sein müssen, würde ich zum jetzigen Zeitpunkt mal dahin gestellt lassen. McKee kann's in jedem Fall auch besser.

6/10

Lucky McKee Chris Sivertson Remake Zombies Schule Teenager Freundschaft Splatter


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A CHRISTMAS STORY (Bob Clark/USA, CA 1983)


"You'll shoot your eye out."

A Christmas Story (Fröhliche Weihnachten) ~ USA/CA 1983
Directed By: Bob Clark

Ralphie Parker (Jean Shepherd) erinnert sich an sein schönstes Weihnachtsfest, das er dereinst im leuchtenden Alter von acht Jahren (Peter Billingsley) erleben durfte: Damals, in den Spätvierzigern, waren Radio Serials noch die vornehmliche Abendunterhaltung, die Familie mit Mutter (Melinda Dillon), leidenschaftlich fluchendem Vater (Darren McGavin) und kleinem Bruder (Ian Petrella) als Oberhäuptern in geregelten Bahnen. Zum endgültigen Glück fehlte da nurmehr das absolute Herzenswunsch-Geschenk: Ein Red-Ryder-Luftgewehr mit 200 Metern Schussreichweite. Wie Ralphie es schlussendlich fertigbringt, seinen Eltern dieses wider Erwarten aus den Rippen zu leiern und ganz nebenbei noch entscheidende Schritte auf dem Weg zum Erwachsenwerden vollzieht, davon berichtet diese Geschichte.

Bob Clarks zweiter Weihnachtsfilm nach dem neun Jahre älteren Prä-Slasher "Black Christmas" ist ein deutlich anders gelagertes, weitaus versöhnlicheres Werk. In der Romanadaption nach Jean Shepherd reichen verklärende Nostalgie und pittoreske Satire sich in jeweils schwereloser Schwebe mühelos die Hände, der stets fein kadrierte Humor äußert sich teils slapstickartig (Ralphies Phantasien gleichen hier und da 16fps-Stummfilmkomödien), teils poetisch. Ähnlich wie Woody Allens etwas später entstandener, meisterhafter "Radio Days" (der, so möchte ich behaupten, "A Christmas Story" eine ganze Menge zu verdanken hat) wirft Clarks Film somit einen ebenso liebevollen wie belustigten Blick auf "unschuldigere" Jahre, wobei jene Unschuld sich hauptsächlich aus der kindlichen Protagonisten-Perspektive rekrutiert.
Ein hinreißend schöner Weihnachtsklassiker, hierzulande leider nicht von der eigentlich hochverdienten Popularität.

9/10

Bob Clark Weihnachten period piece Kinder Familie


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GONE GIRL (David Fincher/USA 2014)


"We caused each other pain." - "That's marriage."

Gone Girl ~ USA 2014
Directed By: David Fincher

Als Amy (Rosamund Pike), die als Buchautorin immens populäre Gattin des Kleinstadtkneipiers Nick Dunne (Ben Affleck) verschwindet, gerät der Ahnungslose ins Kreuzfeuer von Justiz, Medien und Gesellschaft. Weil er eine Affäre mit der Studentin Andie (Emily Ratajkowski) verschweigt, hält ihn plötzlich alle Welt für einen Lügner und bald auch für den Mörder seiner offenbar schwangeren Frau. Ein bald auftauchendes Tagebuch Amys räumt alle verbliebenen Zweifel aus. Doch Amy ist mitnichten tot; sie hat ihr eigenes Verschwinden inszeniert, um sich an Nick für seinen von ihr längst entdeckten Betrug zu rächen und ihm einen gehörigen Denkzettel zu verpassen. Eine Ansprache via TV stimmt sie jedoch wieder um: Jetzt heißt es, gute Miene zum bösen Spiel zu machen...

"In guten wie in schlechten Zeiten" heißt es im christlichen Ehe-Sakrament und für die Dunnes sind nun letztere angebrochen. Aber volle Lotte. Dem mittelständischen Musterehepaar geht es genau so lange gut in seiner trauten Zweisamkeit, bis er sich in ein Abwechslung versprechendes Abenteuer mit einer drallen, jüngeren Schönheit verrennt. Damit nimmt die - vorübergehende - Zäsur innerhalb ihrer gemeinsamen Existenz ihren verhängnisvollen Ausgang. Denn anders als andere gehörnte Gattinnen besitzt Amy Dunne nicht nur eine vorbildliche, literarisch scharfe Phantasie, sondern verfügt zudem über Ausdauer, Bosheit und, das Wichtigste, eine gehöroge Portion Irrsinn. Die sich als nicht wenig psychopathische Zeitgenossin exponierende Lady weiß, zu instrumentalisieren, besonders fatzkenhafte, reiche Männer, die ihr über ihren Stolz hinaus verfallen. Dass sie am Ende doch bloß eine ordinäre Frau mittlerer Jahre ist, die geliebt werden will, bevor sie nichts mehr vom Leben zu erwarten hat, darf allerdings nicht über ihre Gefährlichkeit hinwegtäuschen.
Abgesehen von dessen eindeutiger formaler Identifizierbarkeit erinnerte mich an "Gone Girl" motivisch betrachtet erstmal wenig an David Finchers Werk. Andererseits ist sein Œuvre mittlerweile wohl heterogen genug, um vordergründige rote Fäden ausmachen zu können. "Gone Girl" jedenfalls nimmt die Institution Ehe aufs Korn und beobachtet, was diese mit ihren Protagonisten bisweilen anzustellen pflegt. Besonders die Dame kommt dabei wenig schmeichelhaft davon, wenngleich die Bemühung des Begriffs 'misogyn' wohl etwas weit aus dem Fenster gelehnt wäre. Dennoch; man entwickelt einen recht leidenschaftlichen Hass auf diese Amy Dunne und ihr zunehmend ausuferndes Ränkespiel, tatsächlich erwartete ich nach dem gezeigten Rosenkrieg noch ein blutiges Finalduell mit umherfliegenden Vasen und Küchenmessern. Doch Fincher belewhrt uns buchstäblich eines Besseren. Zum Ende hin wird "Gone Girl" dann doch nochmal ungeheuer smart, weil so erschreckend wahrhaftig.

8/10

David Fincher Südstaaten Missouri Madness Satire


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DOWNHILL RACER (Michael Ritchie/USA 1969)


"World champion? There are many of them."

Downhill Racer (Schussfahrt) ~ USA 1969
Directed By: Michael Ritchie

Der aus Colorado stammende Abfahrtsläufer David Chappellet (Robert Redford) kommt als Ersatzmann während der Weltmeisterschaft nach Europa und macht sich durch hervorragende Zeiten einen Namen im US-Team. Sein Trainer Eugene Claire (Gene Hackman) hat dabei alle Hände voll zu tun, Chappellets naive Arroganz im Zaum zu halten. Zwei Jahre und diverse harte Lebens- und Sporttrainingssequenzen später läuft Chappellet nach dem Ausfall seines Mannschaftskollegen Johnny Creech (Jim McMullan) als Favorit bei der Winter-Olympiade.

Weder reizt mich Wintersport in aktiver noch in passiver Hinsicht sonderlich, aber Michael Ritchies etwas vergessenen Beitrag zu New Hollywood habe ich dennoch als meisterhaft empfunden. Nicht nur die von Anfang an fesselnde, collagehafte Montage, die eine dokumentarische Konnotation der ansonsten konventionellen Story ermöglicht, begeistert; auch die existenzialistische, mutige Einbettung jener drei Winter in eine ansonsten wenig bemerkenswerte Biographie kommt ungewöhnlich daher für den Sportfilm. So ist David Chappellet eigentlich kein besonders sympathischer Typ, sondern ein recht selbstgefälliger, wenig gescheiter Schnösel, dessen mangelnde Mondänität und Unerfahrenheit mit dem europäischen Wintersport-Jet-Set seine Herkunft als amerikanischer Kleinstadt-Bauernjunge belegt. Er verliebt sich unsterblich in die leicht versnobte Sportartikel-Managerin Carole (Camilla Sparv), muss jedoch bald frustriert erkennen, dass er in ihrer Welt von Glanz und Glitter nur einer von vielen ist. Ganz ähnlich sein finaler Sieg und die damit erworbene Goldmedaille - ein Konglomerat diverser, Chappellet zupass kommender Zufälle, die kaum werden verhindern können, dass auch sein Name irgendwann vergessen werden wird.
Ein kunstvoll inszeniertes Sportdrama, fernab aller Klischeefallen und absolut mustergültig für sein Genre.

9/10

Michael Ritchie Wintersport Schnee amour fou Freundschaft New Hollywood


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SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING (Karel Reisz/UK 1960)


"Don't let the bastards grind you down!"

Saturday Night And Sunday Morning (Samstagnacht bis Sonntagmorgen) ~ UK 1960
Directed By: Karel Reisz

Für den Jungarbeiter Arthur Seaton (Albert Finney) ist die Woche wohlstrukturiert: Von montags bis freitags geht's in die Fabrik, wo harte Maloche Ehrensache ist, am Samstag heißt es dann rein in den Zwirn und ab in den Pub, zehn bis zwölf Pints hinter die Binde und mit der eigentlich mit seinem Arbeitskollegen Jack (Brtyan Pringle) verheirateten Brenda (Rachel Roberts) in die Kiste. Der Sonntag ist dann zum gemächlichen Ausnüchtern bestimmt, bevor die Mühle am Montag wieder auf Null springt. Als Arthur die ihm deutlich zukommendere Doreen (Shirley Anne Field) kennenlernt, sieht er eine Möglichkeit, die sich ohnehin verkomplizierende Beziehung mit Brenda zu lösen - da eröffnet diese ihm, von ihm schwanger geworden zu sein. Für Arthur ein unhaltbarer Zustand, den er jedoch mittragen muss und der ihn einiges an Lehrgeld kostet.

Another angry young man, soon to be older: Diesmal sehen wir den noch taufrischen Albert Finney als einen Helden der Arbeiterklasse, der seine imposante Energie zum einen der Tatsache verdankt, dass er noch deutlich jünger ist als die meisten seiner Kollegen und zum anderen der unerschütterlichen Kraft der Träume. Für Arthur Seaton steht es außer Frage, dass er sich, wie bereits sein Vater (Frank Pettitt) vor ihm, zeitlebens den Buckel in der Fabrik krummschuften und früher oder später in die kleinbürgerliche Sackgasse des Alltags einfahren wird. Seine unerfreulich verlaufende Affäre mit der verheirateten Brenda grenzt ihn dabei zwar etwas von seinen geregelter dahinvegetierenden Zeitgenossen ab, bewahrt ihn letztlich jedoch auch nicht vor seinem vorgezeichneten Schicksal: Mit der reizenden Doreen naht zugleich das noch uneingelöste Versprechen des familiären Heimathafens. Mit ihr wird Arthur, so rotzig und kregel er sich jetzt auch geben mag, in Kürze eine eigene Familie gründen, in ein eigenes Häuschen ziehen und dereinst genauso enden wie sein Vater vor ihm. Was der Film von Arthur Seaton zeigt, ist vielleicht der letzte außergewöhnliche Ausschnitt seines Lebens, der letzte Rausch. Dann kommt nurmehr der Sonntagskater mit seinem langen, mühseligen Erwachen.

8/10

Karel Reisz Free Cinema Nottingham


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LOOK BACK IN ANGER (Tony Richardson/UK 1959)


"It's no good fooling about with love, you know."

Look Back In Anger (Blick zurück im Zorn) ~ UK 1959
Directed By: Tony Richardson

Jimmy Porter (Richard Burton) verdient sich seinen Lebensunterhalt zusammen mit seinem besten Freund Cliff (Gary Raymond) als Süßwarenverkäufer auf dem Markt. Sein wahres Herz schlägt jedoch für die Jazztrompete, der einzigen Möglichkeit für ihn, seine überbordende Gefühlswelt zu sublimieren. Jimmys Ehe mit der Middle-Class-Tochter Alison (Mary Ure) ähnelt derweil eher einem täglichen Kampf. Als erklärter Misanthrop macht er ihr mit seinen unkontrollierten Verbalattacken das Leben zur Hölle. Die Situation kippt, als Alison erfährt, dass sie ein Kind erwartet und zeitgleich ihre Freundin, die Schauspielerin Helena (Claire Bloom), für die Zeit eines Theater-Engagements in ihrer Wohnung unterkommt. Helena überredet Alison, Jimmy endlich zu verlassen, nur um sich dann selbst in eine halsbrecherische Affäre mit ihm zu stürzen. Am Ende müssen alle drei einsehen, dass sie falsche Entscheidungen getroffen haben.

Als eine Art britisches Pendant zu Tennessee Williams' "A Streetcar Named Desire" observiert John Osbornes Stück die Tücken einer viel zu schnell geschlossenen Ehe-Gemeinschaft, die ihren vorläufigen Bruch erlebt, als ein weiterer, weiblicher Part zwischen ihre verhärteten Fronten tritt. Tony Richardson fertigte daraus das erste bedeutende Werk des 'Free British Cinema' oder auch der Gattung 'Kitchen Sink': Genrelose Dramen, die, analog zur formal wesentlich verspielteren 'Nouvelle Vague' als Aufbruchskino entstanden und in der englischen Variante einen möglichst unverfälschten Blick auf die betont glanzlosen Alltagsexistenzen von Arbeiterfamilien und unzufriedenen Nachwüchslern warfen. Richard Burton zeichnet in der klassischen Rolle des Jimmy Porter, die übersee von Paul Newman oder Marlon Brando übernommen worden wäre, im Prinzip sein gesamtes folgendes Rollen-Repertoire vor. Er gibt hier den intellektuellen Zyniker in Reinform, der aus lauter Zorn über sein engmaschig umdrahtetes Leben zu einem in schäumendem Selbsthass gefangenen Individuum geworden ist, das jeden Tag mindestens ein rhetorisches Explosiönchen über seine Mitmenschen ergießt. Wo in späteren Rollen dann zumeist Resignation und Unterschwelligkeit regieren, leistet Burton sich hier noch den einen oder anderen veritablen Ausbruch. Dass es dabei zumeist seine zarte Ehefrau trifft, liegt in der Natur der Dinge. Dass am Ende die Erkenntnis obsiegt, dass man sich mit dem zu arrangieren hat, was das Leben einem bietet, ebenso. Allein der Weg dorthin macht "Look Back In Anger" so immens involvierend.

8/10

Tony Richardson John Osborne based on play Free Cinema Ehe amour fou Bohéme


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NACHT DER WÖLFE (Rüdiger Nüchtern/BRD 1982)


"Wir müssen mal wieder was bringen."

Nacht der Wölfe ~ BRD 1982
Directed By: Rüdiger Nüchtern

Revierstreitigkeiten zwischen der alteingesessenen Gang der "Revengers" und der sich in ihrem Viertel breitmachenden Türkenbande "Blutige Adler" sorgen dafür, dass sich die Lage besonders für die unstete Daniela (Daniela Obermaier) zuspitzt, die eigentlich nichts mehr so recht mit ihren früheren Freunden, besonders dem akut aggressiven Duke (Karl-Heinz von Liebezeit) zu tun haben möchte und den jüngeren Dogan (Ali Arkadas) von der gegnerischen Seite dafür nicht unsympathisch findet. Schließlich kommt es zum nächtlichen Aufmarsch beider Gruppen, der mit einem unschuldigen Todesopfer endet.

Die meisten Versuche deutscher Filmemacher, jugendliche Subkulturen nicht nur der Früh-und Mittachtziger dramaturgisch in Szene zu setzen, wirken heute stark nostalgisch bis posserlich. Wo die meisten internationalen Regisseure weitaus größere Erfolge verbuchen konnten, bleibt aus hiesigen Breitengraden also eher schmunzeln Machendes. "Nacht der Wölfe" bildet da keine besondere Ausnahme. Nüchterns Film, der mich streckenweise stark an den mir bereits seit anno dunnemals bekannten, jedoch vier Jahre jüngeren "Verlierer" von Bernd Schadewald erinnerte, befremdet bereits etwas durch seine Münchener Vorstadt-Location. Das alles hat viel zu wenig von urbanem Ghetto, um die erwünschte Trostlosigkeit glaubhaft zu machen. Auch der Versuch, die rivalisierenden Gangs mit Ausnahme von Ethnien ("Verlierer" ging in dieser Hinsicht später deutlich weniger demoskopisch vor) einen eindeutigen Stempel aufzudrücken, misslingt gepflegt. Weder sind die "Revengers" Nazi-Skins, noch Heavys, noch Punks noch überhaupt irgendwas Konkretes; mehr so eine gezielt spießbürgerfeindliche Gruppierung, die eigentlich bloß postpubertären Radau zu veranstalten geruht, schlechten Metal-Sound hört und durch dummes Getue auffällt. Für die zumindest wesentlich friedfertigeren Türken gilt ansonsten Ähnliches.
Nüchtern scheitert also zur Gänze darin, eine ernsthafte oder zumindest authentische Vivisektion westdeutscher Teenager-Befindlichkeit jener Ära zu liefern. Zumindest Zeitkolorit und unfreiwilliger Humor jedoch kommen zu keiner Sekunde zu kurz und retten "Nacht der Wölfe" dann doch noch über seine Runden. Die DVD lohnt sich vornehmlich wegen der urigen Extras, darunter ein aktuelles Interview mit dem damaligen Haupt- und Laiendarsteller Ali Arkadas, der die Gelegenheit beim Schopfe packt, Reklame für seinen Lackierbetrieb zu machen und in jedem zweiten Satz betont, "wie schön" es damals war. Funny.

6/10

Rüdiger Nüchtern München Subkultur Teenager Gangs


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LA REINE MARGOT (Patrice Chéreau/F, I, D 1994)


Zitat entfällt.

La Reine Margot (Die Bartholomäusnacht) ~ F/I/D 1994
Directed By: Patrice Chéreau

Paris, im August 1572. Nachdem die intrigante Königsmutter Katharina De Medici (Virna Lisi) ihre Tochter Margot (Isabelle Adjani) mit dem protestantischen König Henri de Navarre (Daniel Auteuil) verheiratet hat - eine rein diplomatisch bestimmte Ehe, der beide Parteien nur höchst widerwillig zustimmen - steigern sich die ohnehin latenten Aggressionen am Königshof gegen die Hugenotten, allen voran deren Führer Coligny (Jean-Claude Brialy), noch weiter. Wiederum durch den Einfluss seiner Mutter Katharina befiehlt der psychisch angeschlagene König Charles IX (Jean-Hugues Anglade) die verhängnisvolle Ermordung sämtlicher in Paris befindlicher Hugenotten. Ein beispielloses Massaker folgt, dem rund 6000 Menschen zum Opfer fallen, dem jedoch zumindest Navarre durch den Schutz Margots entgehen kann. Jene verliebt sich ihrerseits in den ebenfalls dem protestantischen Glauben frönenden Edelmann La Môle (Vincent Perez), derweil Navarre sich aus eher eigennützigen Motiven mit Charles befreundet. Sowohl dessen Mutter als auch seinem Bruder Anjou (Pascal Greggory) ist diese Freundschaft ein Dorn im Auge. Von den folgenden Mordanschlägen trifft schließlich einer Charles selbst, der sich elendig an einer Arsen-Vergiftung zu Tode quält. Auch La Môle wird getötet. Navarre flieht zurück in die Gascogne und Margot verlässt Paris, das Haupt ihres Geliebten mit sich führend.

Ein herrlich selbstverliebtes Epos, voll von Pomp, Blut, Sex und Intriganz, schwer und süffig wie ein alter Roter. Der hollywoodschen Art, Historienfilme zu erstellen bewusst entsagend, gibt sich Chéreaus Film ganz europäisch; die Dynastie derer von Medici wird ausgegeben als eine von irrläufigem Adelswahn geprägte Familie, bestehend aus zutiefst selbstgefälligen und bösen bis gestörten Mitgliedern. Über allem thront die legendäre Katharina, die Massenmord und Attentate im Sekundentakt befiehlt und ihren unbeholfenen Sohn als Marionette missbraucht. Wer gegen die Staatsräson oder das, was die Königsfamilie darunter versteht, verstößt, wird ohne großes Zaudern aus dem Weg geräumt, selbst, wenn es eine ganze Glaubensgemeinschaft betrifft. Zwischendrin vögelt sich die nebenbei noch dauergeile Gesellschaft ihre Pfade durch die Betten des Palastes, wobei jederzeit damit gerechnet werden muss, dass ein Parfum, ein Lippenstift oder ein Glas Wein zur Todesfalle werden kann.
Chéreau versteht es ausgezeichnet, dieses gleichfalls morbide wie lebenshungrige Klima des sich neigenden Spätmittelalters mit kräftigen Farben und ausgesuchtem Chiaroscuro zu inszenieren; ohnehin zur Exzentrik neigende Darsteller wie Adjani, Anglade, Auteuil oder der deutsche Thomas Kretschmann spielen dieses ausufernde grand guignol voller beserkerhaftem overacting. Die eine oder andere Länge, die jeweils die kurze Befürchtung aufkommen lässt, "La Reine Margot" gehe gleich die Puste aus, wird durch die garantiert folgende, nächste spektakuläre Sequenz wieder entkräftet. Großes Kostümkino aus der Nachbarschaft also, auch mal schön.

8/10

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PELLE EROBREREN (Bille August/DK, S 1987)


Zitat entfällt.

Pelle Erobreren (Pelle, der Eroberer) ~ DK/S 1987
Directed By: Bille August

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts: Nach dem Tod seiner Frau emigriert der alternde schwedische Landarbeiter Lasse Karlsson (Max von Sydow) mit seinem achtjährigen Sohn Pelle (Pelle Hvengaard) ins verheißungsvolle Dänemark. Dort verspricht sich der bildungsferne Alte sein kleines Glück: ein geregeltes Auskommen, eine neue Ehefrau und eine Zukunft für den geliebten Jungen. Auf Bornholm finden die beiden eine Anstellung auf dem Steinhof des Grundbesitzers Kongstrup (Axel Stroybø). Der überlässt die Schindereien und Kleinmachereien seiner Knechtschaft dem garstigen Verwalter (Erik Paaske). In den folgenden zweieinhalb Jahren lernt Pelle viel über das Gefälle zwischen den Ständen, über Bigotterie, Aubeutertum und die Verlogenheit der Oberklasse. Schließlich macht er den Traum des kämpferischen Vorarbeiters Erik (Bjørn Granath) wahr und macht sich auf nach Amerika.

In seinem pompösen Sittengemälde konzentriert sich Bille August auf die frühen Lehrjahre des Protagonisten Pelle Karlsson, der in Martin Andersen Nexøs deutlich weitläufigerem Romanzyklus, in dem Pelle als junger Mann weiter nach Kopenhagen zieht und dort im Laufe der Jahre zu einem Helden der unterdrückten Arbeiterklasse wird. Das Filmende kommt indes deutlich märchenhafter daher, wenngleich im Rahmen der Transponierung nicht unpassender: Pelle schafft es, sich dem sackgassenhaften Knechtschicksal, das sein zunehmend entkräfteter Vater längst für sich akzeptiert hat, zu entfliehen und nach neuen Ufern zu suchen. Ob er diese nun mittelfristig im lobgepriesenen Amerika oder im deutlich näher gelegenen Sjælland finden mag, ist für das Ende des Films zunächst unerheblich; wichtig ist der Emanzipationsgedanke. Pelle erreicht dieses frühe Ziel durch Bildung, die sich sowohl durch althergebrachte schulische und katechistische wie auch eine gehöroge Portion Autodidaktik vollzieht. Pelle lernt, die Menschen zu beobachten und einzuschätzen; wie sie bereit sind, sich für einen Hungerlohn und einen Hering zu verkaufen und demütigen zu lassen und dass es nur wenige gibt, die die innere Kraft zum Aufbegehren gegen den althergebrachten Status aufbringen. Über allem schwebt stets der bedrohliche Geist der "Obrigkeit", die Pelle in Form eilends herbeigerufener Uniformierter nebst geschlossener Droschke wahrnimmt, die jene abholen, die sich in irgendeiner Form schuldig gemacht haben. Wie die unglückliche Magd Anna (Kristina Törnqvist), die ein uneheliches Kind zur Welt gebracht und getötet hat. Andere kommen glimpflicher davon, so Frau Kongstrup (Astrid Villaume), die ihren Gatten, nachdem dieser die minderjährige Nichte Sine (Sofie Gråbøl) geschwängert hat, kurzerhand kastriert. So etwas fällt dann unter großfamiliären "Unfällen". Pelles eigentliches Vorbild, der zum revolutionären Gestus neigende Erik, fällt eines Tages, bevor er sich zur längst fälligen Aktion aufraffen kann, einem beklagenswerten Unfall zum Opfer: Ein Steinklotz raubt ihm Hirn, Verstand und Rebellionswillen. Erik wird zur geistlosen, lobotomierten Hülle. Doch Pelle vergisst dessen Versprechen, dereinst mit ihm die Welt zu bereisen, nicht und macht sich schlussendlich allein auf den Weg.
Weltgeschichte durch die unbefleckten Augen eines Kindes - oder Simplicissimus - zu betrachten, liefert häufig eine segensreiche Erzählperspektive in Literatur und Film. "Pelle Erobreren" macht da keine Ausnahme. Ein Film, für den man sich ob seiner doch recht intensiven Emotionalität (auf deren Klaviatur August ja stets vortrefflich zu spielen versteht) mit gutem Mut wappnen mag, der jedoch sein Publikum geradezu fürstlich entlohnt.

9/10

Bille August period piece Standesdünkel Coming of Age Vater & Sohn Dänemark Sittengemälde Martin Andersen Nexø amour fou