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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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L'ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD (Alain Resnais/F, I 1961)


Zitat entfällt.

L'Année Dernière À Marienbad (Letztes Jahr in Marienbad) ~ F/I 1961
Directed By: Alain Resnais

Eine Frau, A (Delphine Seyrig) und ein Mann, X (Giorgio Albertazzi) begegnen sich in einem mondänen Kurhotel. X versucht, A davon zu überzeugen, dass man sich bereits vor einem Jahr kennen (und auch lieben) gelernt und dass sie ihn nach einer kurzen Romanze dazu angehalten habe, noch über ebendiese Distanz auf sie zu warten. Nun allerdings will A nichts mehr von einer wie auch immer gearteten Bekanntschaft mit X wissen; sie sähe ihn heuer zum ersten Mal.

Resnais' zweiter Langfilm "L'Année Dernière À Marienbad" gibt sich jede Menge Mühe, Kunst zu sein. Narration und Chronologie verschwimmen zusehends, die an Installationen erinnernden Bilder gleichen artifiziellen Arrangements, symbolisch für die unterschiedlichen Versionen der beiden Protagonisten wechseln die Perspektiven häufig aufs Abenteuerlichste, so dass sich in der einen Einstellung noch der berühmte Lustgarten im Hintergrund zeigt und in der anderen eine Furt. Die gezeigten Abläufe folgen, so sich dieses Verb hier überhaupt anbietet, bestenfalls einer Traumlogik; Assoziation, stream of consciousness, Unterbewusstsein, Sublimierung. Vielleicht findet all das im Zuge einer Hypnosesitzung beim Psychiater statt, die eine erlebte Vergewaltigung aufarbeiten soll, möglicherweise auch den sich seiner Schuld unbewussten Täter therapiert. Wenngleich Delphine Seyrig traumhaft schön ist und der mit ihr anscheinend legal verbendelte Sacha Pitoëff als M allein durch seine hohlwangige Physiognomie gepflegten Grusel verbreitet (ein Stück weit ist "Marienbad" nämlich auch Horrorfilm und seine Figuren sind Gespenster), so erweist sich die perfekt komponierte Photographie (Sacha Vierny) als die größte Attraktion des Films. Die in verschiedenen bayrischen Palästen und Schlössern getätigten Aufnahmen zeigen das namenlose Hotel selbst als eine Art schlafenden Organismus, dessen lange Gänge voller Gemälde, feinster Teppiche und Bergen von Stuck es wie ein unendliches Adergeäst durchziehen.
"Marienbad" ist kein im Vorbeigehen zu konsumierender Film, er will eher erfahren denn gesehen werden. Zeit seiner Existenz stößt er Massen von Publikum vor den Kopf und hat bereits in seiner frühesten Aufführungszeit die Leute in Scharen aus dem Kino gejagt. Über solche Filme weiß man heute: Sie sind oft die lohnenwertesten.

9/10

Alain Resnais Alain Robbe-Grillet Volker Schlöndorff Nouvelle Vague Surrealismus period piece


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LIPSTICK (Lamont Johnson/USA 1976)


"Stop!"

Lipstick (Eine Frau sieht rot) ~ USA 1976
Directed By: Lamont Johnson

Chris McCormick (Margaux Hemingway), populäres Fotomodell für Lippenstift und ähnliche Kosmetikartikel, findet sich eines Abends in ihrer Wohnung von dem eigentlich unscheinbaren und zuvor freundlich auftretenden Musiklehrer ihrer dreizehnjährigen Schwester Kathy (Mariel Hemingway), Gordon Stuart (Chris Sarandon), überfallen und brutal vergewaltigt. Trotz der leidenschaftlich für sie kämpfenden Staatsanwältin Carla Bondi (Anne Bancroft) wird Stuart vor Gericht für unschuldig erklärt und darf sogar seinem Beruf an einer katholischen Mädchenschule weiterhin nachgehen. Doch es geht nach wie vor höchste Gefahr von dem gestörten Mann aus, was ausgerechnet Kathy am eigenen Leibe zu spüren bekommt...

Ein wenig wie eine Vorab-Light-Version von späteren Rape-&-Revenge-Klassikern wie Zarchis "Day Of The Woman" oder Ferraras "Ms. 45" wirkt Johnsons zeitweilig doch recht unangenehm einschlagendes Thriller-Drama. Zwar bleibt "Lipstick" betreffs seiner visuellen Gestaltung und Eindeutigkeit vergleichsweise zurückhaltend, das mindert seine intendierte Wirkung jedoch kaum. Das dramatische Gefühl des Ausgeliefertseins, der Verlust der Glaubwürdigkeit vor den Augen einer wahrnehmungsgetrübten, misogynen Justiz und vor allem die latente Angst vor dem freigesprochenen Täter, die sich dann auch noch auf das Schlimmste bestätigt findet; all diese Schreckensszenarien nutzt "Lipstick" effektvoll, um die Kurzschluss-Reaktion des Opfers gegen Ende zumindest erklärbar zu machen. Dass der Film bei seinem ernsthaften Sujet hier und da dann doch etwas überspannt mit sleaze'n grease liebäugelt sich vollends auf die Opfer-Perspektive konzentriert und den Täter gewissermaßen als Menschenmüll denunziert, muss man ihm im Hinblick auf seine wütenden Anspruch gewissermaßen nachsehen. Seiner starken Spannung und Sehenswertigkeit beraubt ihm all dies nicht.

8/10

Lamont Johnson Vergewaltigung courtroom Rape & Revenge Madness Schwestern Los Angeles Modelbranche Paraphilie


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TEMMINK: THE ULTIMATE FIGHT (Boris Paval Conen/NL 1998)


Zitat entfällt.

Temmink: The Ultimate Fight ~ NL 1998
Directed By: Boris Paval Conen

In nicht allzu ferner Zukunft erhalten Schwerststraftäter in den Niederlanden die Möglichkeit, sich als Alternative zu einer anderen Strafe als Gladiator zu betätigen: Von der Umwelt isoliert werden sie in einen abgelegenen, abgeschotteten Komplex verfrachtet und müssen sich in regelmäßigen Duellen vor anwesendem und Fernsehpublikum solange prügeln, bis einer von ihnen am Boden liegt. Das Publikum entscheidet dann per Mehrheitsvotum, ob der Sieger den Verlierer zu Tode würgen soll. Auch der irre Soziopath Temmink (Jack Wouterse) landet, nachdem er im Park einen vorbeikommenden Inline-Skater (Martijn Nieuwerf) aus nichtigen Gründen erschlagen hat, in der "Arena". Nachdem sein einziger wirklicher Freund David (Jacob Derwig) dort seinen letzten Kampf verloren hat, kommen Temmink Zweifel an der Endgültigkeit seiner Situation: Will er wirklich eines Tages hier sterben, als Unterhaltungshäppchen für den Pöbel? Oder lohnt es sich vielleicht doch, ein Zeichen zu setzen gegen die neue Barbarei des Systems?

Ein feiner, kleiner Film aus unerem Nachbarland, der einerseits die Genretraditionen von Filmen wie "Das Millionenspiel", "Le Prix Du Danger" und "The Running Man" pflegt und geschickt sein realistisch dargestelltes Ansinnen einer pervertierten Unterhaltungsdystopie mit mitreißenden Kampfszenen koppelt, andererseits jedoch sein angekratztes "Helden"-Bild sorgsam bis zum Ende aufrecht erhält. Über die Titelfigur erfährt man nur das Nötigste: Temmink ist ein dicker, hässlicher Mittdreißiger; psychisch wie geistig offenbar angeschlagen, nachdem ihm - soviel lässt sich zumindest spekulieren - im Leben schwer mitgespielt wurde; zu exzessiver Gewaltanwendung neigend. Ein Typ, dem man persönlich lieber nirgendwo begegnen würde. Dass auch ein Rohkopf wie er empfänglich ist für freundschaftliche Gefühle, Zärtlichkeit und Liebe, passt schonmal nicht recht zum üblichen medial evozierten Image derartiger Individuen. Dass er zudem im Laufe seines Werdegangs innerhalb der Arena noch einen Gesinnungswandel durchlebt, der offenlässt, ob er sich hernach gesellschaftlich reintegrieren könnte, hinterlässt noch manch weiteren Zwiespalt beim Zuschauer.
Temmink passt sich den Gepflogenheiten an und überlässt zwischenzeitlich seinem Publikum die Option. Nachdem er einen Kampf gegen den knüppelharten Goliath (Joe Montana) bereitwillig verliert, ist er bereit, zu sterben, doch zum ersten Mal entscheiden sich die Leute dafür, dass ein Gladiator am Leben bleiben soll. Vielleicht taugt er, anders als seine muskelbepackten, martialischen Leidensgenossen, einfach besser als Identifikationsfigur für den Jedermann. Insofern ist "Temmink" durchaus eine Art Antithese gegen den Blutdurst eines sich außerhalb der Kampfkäfige sicher wähnenden Publikums, gegen Strafvollzüge und Urteile, gegen Rechtssysteme und gegen mediale Trends. So lang der kämpfende, schwitzende, blutende Derwisch hinter seinen Acrylfenstern bleibt, ist zumindest alles in bester Ordnung. Doch wehe, wenn er losgelassen...

8/10

Niederlande Boris Paval Conen Zukunft Fernsehen Dystopie Madness Faustkampf Independent


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SUBLIME (Tony Krantz/USA 2007)


"Welcome to the Outback Snakehouse."

Sublime ~ USA 2007
Directed By: Tony Krantz

Aus einer routinierten Darmspiegelung kurz nach seinem 40. Geburtstag wird für den gesetzten Ehemann und Familienvater George ein nicht enden wollender Albtraum: Schwach und am Tropf hängend liegt er in seinem Krankenhauszimmer und erhält die Nachricht, dass man an ihm versehentlich eine andere Operation durchgeführt habe, die zur Reduktion körperlicher Schweißproduktion dient. Aus seinem sich nicht bessernden Zustand heraus versucht George, die Hintergründe dieses "Kunstfehlers" zu klären. Ist er möglicherweise ein zu verschleiernder Fall und darf deswegen nicht das Krankenhaus verlassen? Wer ist sein mysteriöser Pfleger (Lawrence Hilton-Jacobs) und was passiert Furchtbares in dem offiziell stillgelegten Nebenflügel des Hospitals? Soll George möglicherweise für immer zum Scheigen gebracht werden? Realität und verzerrte Wahrnehmung verschwimmen immer mehr, bis George nur einen Ausweg sieht: Die Flucht nach vorn!

Diese DTV-Produktion des kurzlebigen Warner-Genre-Ablegers "Raw Feed" fand ich überraschend gut. Tatsächlich vermag es der Film, sein Publikum im Gefolge des unglückseligen Protagonisten George - sofern unaufgeklärt - über mindestens zwei Drittel seiner Laufzeit im Vagen zu belassen. Ich selbst etwa dachte im Vorhinein, es würde sich um einen Organhandel-Thriller mitsamt unfreiwilligem Spender handeln, wurde dann jedoch eines deutlich Positiveren belehrt. Tatsächlich ist die gleich von der ersten Erzählsekunde an betonte, inhaltliche Komposition überaus ausgeklügelt und sinnhaft, woran sich die Form hervorragend angliedert. Sicherlich schimmern auch hier mehr oder weniger eindeutige Inspirationen und Vorbilder hervor, an Finchers "The Game" erinnert man sich gelegentlich oder hier und da an Tarsems "The Fall". Ein wirklicher Genrefilm ist "Sublime", vielleicht muss man das derart konstatieren: glücklicherweise, nicht. Dafür bekleidet er klare, existenzielle und auch medizinisch-ethische Standpunkte und propagiert an seinem bitteren, aber doch erlösungsbetonten Ende eine der elemetarsten Botschaften der Menschheitsgeschichte: den möglichst ungehinderten Gebrauch des individuellen, freien Willens.

8/10

Tony Krantz DTV Krankenhaus Koma Ehe


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HEXEN GESCHÄNDET UND ZU TODE GEQUÄLT (Adrian Hoven/BRD, UK 1973)


"Die wahren Teufel sitzen in Kutschen und leben in schönen Palästen."

Hexen geschändet und zu Tode gequält ~ BRD/UK 1973
Directed By: Adrian Hoven

Im Jahre 1780 gerät die Gräfin Elisabeth Von Salmenau (Erika Blanc) an den sadistischen Hexenjäger Balthasar "Balzer" von Ross (Anton Diffring), nachdem ihr Ehemann (Adrian Hoven) versucht hat, eine von Ross' nicht minder abartig veranlagtem Schergen Natas (Reggie Nalder) durchgeführte "Wasserprobe" zu vereiteln und dabei getötet wurde. Anstatt die ihr zustehende, weltgerichtlichliche Sühne zu erhalten, stehen die Gräfin und ihr kleiner Sohn (Percy Hoven) nebst einigen ehrbaren Kirchendienern nach einer boshaft eingefädelten Intrige Ross' bald selbst vor Gericht und unter dem Verdacht, mit Satan zu paktieren.

Stets im Schatten des wesentlich populäreren Originals "Hexen bis aufs Blut gequält" stehend, fällt dieses sich wichtig auf authentische Geschehnisse berufende von Adrian Hoven inszenierte Quasi-Sequel tatsächlich nicht mehr ganz so wirkmächtig aus. Die Effektivität des Originals rührte ja gerade aus dessen ungeheuerlichem Ansatz, aus jenem finsteren Kapitel anglo-europäischer Kirchengeschichte ein bärbeißiges exploitation movie mit Anklängen an heimatfilmische Schemata herauszuhauen. Die von Folter und Qual berichtenden Bilder und vor allem deren Affizierung des Rezipienten, die ihre Ungeheuerlichkeit insbesondere durch die Darstellung der Gräuel als Ausuferungen feudalistischer Willkür erreichte, besaßen nurmehr wenig Exklusivität. Tatsächlich scheinen die in "Hexen geschändet und zu Tode gequält" geschilderten Folterungen tatsächlich eher im Sinne einer Art visuellen Sado-Tourismus' gemacht: sie sind zwar kaum minder grausam und ekelhaft als bei Armstrong (der hierfür wohl wiederum am Script mitarbeitete), wirken aber dennoch weit weniger empörend oder aufpeitschend, sondern eben wie lupenreine, zweckdienliche exploitation. So sind die beiden "Hexen"-Filme durchaus gut geeignet, um die manchmal doch sehr feine Differenz zwischen unterschiedlich motivierten von Gewaltdarstellungen zu veranschaulichen.
Immerhin ist Hovens dritte Regiearbeit, wenngleich als brauchbare Inquisitions-Kritik wenig seriös, so doch unterhaltsam und recht spaßig geraten und mit dem meisten notwendigen Ingrediezien versehen worden. Aus "Hexen bis aufs Blut gequält" begegnen uns neben diversen Dreispitzen und anderen Requisiten auch der unvergesslichen Reggie Nalder, der immer tolle Johannes Buzalski sowie freilich Hoven Senior und Junior wieder.
Ordentliches DVD-Release längst überfällig und dringend erwünscht!

6/10

Adrian Hoven period piece Historie Exploitation Sleaze torture porn Europloitation Inquisition Kirche Courtroom Michael Armstrong


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MARTY (Delbert Mann/USA 1955)


"See, dogs like us, we ain't such dogs as we think we are."

Marty ~ USA 1955
Directed By: Delbert Mann

Der italienischstämmige Fleischer-Geselle Marty Pilletti (Ernest Borgnine) ist mit seinen 34 Jahren das älteste von sechs Geschwistern. Zugleich ist er der einzige, der noch nicht verheiratet ist und bei der Mutter (Esther Minciotti) lebt, deren Hauptgesprächsthema wiederum Martys Hängen an ihrem Rockzipfel ist. Der junge Mann ist derweil frustriert wegen seiner ihm über den Kopf wachsenden Einsamkeit und durchlebt des Öfteren depressive Episoden. Eines Abends lernt Marty durch Zufall bei einer Tanzveranstaltung die schüchterne, spröde Lehrerin Clara (Betsy Blair) kennen und verliebt sich in sie. Entgegen seiner Freunde und auch seiner Mutter, die Marty in Wahrheit am liebsten dort sehen, wo er steht, ringt sich Marty durch, eine Beziehung mit Clara aufzubauen.

Mit "Marty" wehte ein sanfter Hauch Neorealismus durch das amerikanische Kino, das, vermutlich die bis heute einzige, wirklich innovationsfreudige Entscheidung der Academy, mit vier Oscars gekrönt wurde; darunter dem für den besten Film. "Marty" ist ein gänzlich unglamouröses, bodenverhaftetes Werk, entstanden unter bewusstem Verzicht auf modisches CinemaScope und Farbe; eine Geschichte gewöhnlicher Menschen in unbedeutenden, kleinen Berufen. Völlig alltäglich, ohne großes Drama oder spektakuläre Wendungen berichtet Paddy Chayefsky im Remake seines eigenen, zwei Jahre älteren Teleplays (in dem Rod Steiger die Titelrolle spielt), von dem nicht eben schönen Nachwuchsmetzger Marty; Kriegsveteran, katholisch und von einem Übermaß an Verantwortungsbewusstsein für die umfangreiche Familie gebeutelt. Marty ist der Kerl, den alle brauchen und alle mögen; einer, der schlecht nein sagen kann, an dem gern und viel gemäkelt wird, der aber seine Rolle in seinem Sozialzirkel genau so ausfüllt, wie er sie justament spielt. An diesem Wochenende jedoch gelingt Marty endlich die Emanzipation - von seiner Mutter, seinen Freunden, seiner Familie und auch von sich selbst. Und der Film lässt erahnen, dass es "seiner" Clara" genauso geht. Diese Beschränktheit auf Elementares beschert "Marty" seinen besonderen Status, bezogen jedoch nicht nur auf das Berichtete sondern auch auf die Form, die ebenso brillant wie zweckdienlich ausfällt. So entstand einer der wahrhaft großen New-York-Filme und zudem einer der wichtigsten Vertreter von Erzählungen im amerikanisch-italienischen Ostküsten-Milieu.

10/10

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THE UNBEARABLE LIGHTNESS OF BEING (Philip Kaufman/USA 1988)


"Take off your clothes."

The Unbearable Lightness Of Being (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins) ~ USA 1988
Directed By: Philip Kaufman

Zur Zeit des Prager Frühlings lernt der renommierte Hirnchirurg Tomas (Daniel Day-Lewis), ein wilder Filou, die sanfte Kellnerin Tereza (Juliette Binoche) kennen und lieben. Zusammen mit der lebenslustigen Künstlerin Sabina (Lena Olin), mit der Tomas schon seit langem ein rein sexuelles Verhältnis pflegt, das Tereza trotz ihrer baldigen Heirat mit Tomas weiterhin widerwillig duldet, erlebt das Paar Höhen und Tiefen ihrer Beziehung. Angewidert von der Systemtreue des Altherren-Parteiflügels verfasst Tomas ein Pamphlet, in dem er die Kommunisten mit dem durch die Erkenntnis der Wahrheit gestraften König Ödipus vergleicht und das ein liberales Blatt veröffentlicht. Kurz vor dem Einmarsch der Hardliner-Kommunisten und Dubčeks Rücktritt im August desselben Jahres setzt sich Sabina nach Genf ab; Tomas und Tereza folgen ihr. Terezas Ängste und Unsicherheiten angesichts Tomas' nach wie vor sehr freigiebigem Lebensstil treiben sie jedoch nach einiger Zeit allein zurück in das mittlerweile trist anmutende Prag. Tomas, der Tereza bald vermisst, folgt ihr nach und soll einen Widerruf seiner dereinst verfassten Schrift unterzeichnen. Als er sich weigert, erhält er Berufsverbot und muss sich als Fensterputzer durchschlagen, heißt die "Degradierung" zum einfachen Arbeiter jedoch umweglos willkommen. Schließlich gehen er und Tereza aufs Land, wo sie bei dem Bauern Pavel (Pavel Landowský), einem früheren Patienten von Tomas, unterkommen und noch einmal glückliche Tage erleben. Ein gemeinsamer Autounfall setzt ihrer beider Leben ein Ende. Die mittlerweile in die USA emigrierte Sabina erhält Nachricht von Tod ihrer Freunde und ist zutiefst erschüttert.

An meinen erstmaligen Kontakt mit Kunderas Jahrhundertroman erinnere ich mich noch gut: Das war noch vor der Verfilmung, irgendwann Mitte der Achtziger, als "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" gerade der heißeste Belletristik-Scheiß all around war und meine vier Jahre ältere Cousine das Buch (leihweise, wenn ich mich recht erinnere) las - zur größten Empörung meiner erzspießigen Tante (von der ich später zumindest die Berufswahl übernahm), die dahinter für Teenager höchst ungeeignete Pornographie witterte und dementsprechend wetterte. Es gab dann bei einem sommerlichen Grillfest bei den Verwandten eine hitzige Tischdiskussion, der ich höchst gespannt lauschte. Bis ich selbst zu Kunderas Buch griff, war ich bereits mit literarischen Schmutzfinken wie Miller und Bukowski vertraut; der Tscheche konnte mir also in dieser Hinsicht nichts mehr anhaben. Erst jetzt begriff ich, wie im Prizip herrlich symptomatisch der einstige Disput zwischen Cousine und Tante war; meine Cousine war die Prager Jeunesse im lüsternen Reformtaumel, meine Tante die Sowjets beim Okkupieren ihres gefährdeten Geistes. Fehlte nur noch der Panzer unter ihrem Arsch.
Die von dem für epische bzw. geschichtsträchtige Stoffe perfekt geeigneten Produzenten Saul Zaentz vorbereitete und von Phil Kaufman inszenierte Adaption hält mit Kunderas peitschender Schreibe nicht ganz Schritt, ist aber ein höchst delektables Hollywoood-Epos voller Grandeur und Brillanz, dessen berauschende, tatsächlich niemals ins Anzügliche abfriftende Bilder über die gesamte Distanz des Films vereinnahmen; ganz so, wie es schwierige Liebesgeschichten vor historischen Zäsuren ja im besten Falle immer tun sollten. In den Szenen um den Einmarsch der Truppen und Panzer des Warschauer Pakts erreicht der Film seinen höchsten Effektivitätsgrad: Authentische Aufnahmen des tschechischen Filmemachers Jan Nemec vermischen sich nahtlos mit von dp Sven Nykvist nachgedrehten Sequenzen um die beiden Protagonisten. Hier gehen Fakt und Fiktion eine fast schon beängstigend "wahre" Symbiose ein. Zum Schluss muss man dann gleich zweimal heftigst schlucken: Erst wird die die Geschicke von Tereza und Tomas stets begleitende, unter Krebs leidende Hündin Karenin eingeschläfert, dann, Karenins Ableben weist bereits darauf hin, "entfliehen" die beiden Helden dem repressiven System auf die einzig optionale Art. Weiß, schwarz, Abblende. Aus.

10/10

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LITTLE ODESSA (James Gray/USA 1994)


"It's done."

Little Odessa ~ USA 1994
Directed By: James Gray

Schon vor Jahren hat sich Joshua Shapira (Tim Roth) seinem Heimatviertel Brighton Beach in Brooklyn, das die russisch-jüdischen Einwanderer "Little Odessa" nennen, den Rücken gekehrt. Er hatte in seiner Eigenschaft als Auftragsmörder damals den Sohn des hiesigen Paten Boris Volkoff (Paul Guilfoyle) getötet und war daher zur Flucht gezwungen. Sein aktueller Auftrag führt ihn zurück in die alte Zweitheimat. Ein Polizeispitzel (Leonid Citer) soll beseitigt werden. Joshuas Reise in die Vergangenheit bedeutet auch die Wiederbegegnung mit seiner Familie: Mit seinem kleinen Bruder Reuben (Edward Furlong), dessen Identitätssuche bisher erfolglos ist, mit seiner todkranken Mutter (Vanessa Redgrave) und vor allem mit dem verhassten Vater (Maximilian Schell), der zeitlebens erfolglos versucht hat, die Werte der Alten Welt mit in die Neue zu nehmen. Trotz fester Vorsätze lässt Joshua diverse alte Kontakte wieder aufleben, was geradewegs in die Katastrophe führt...

Ein tiefschwarzes Familiendrama ist James Grays bravouröses Langfilmdebüt geworden, eines zudem, für das ihm eine phantastische Besetzung zur Verfügung stand. Allen voran Tim Roth und Maximilian Schell, die ein zutiefst entzweites Vater-Sohn-Paar interpretieren, das dem jeweils anderen das eine ums andere Mal den Tod an den Hals wünscht und gerade durch diese Unbarmherzigkeit für eine furchtbare Wendung der Ereignisse sorgt. Joshua Shapira hat nichts von den glamourösen, coolen Auftragskillern der klassischen und jüngeren Kino-Historie. Er ist ein verhärmter Soziopath, der nichts und niemanden dichter als unbedingt nötig an sich heranlässt, einer, der es verlernt hat, zu weinen und zu lachen. Zwar erwacht mit seiner Rückkehr nach Little Odessa ein Rest familiäres Verantwortungsbewusstsein in ihm; dieses fällt infolge der gleichermaßenen Unerbittlichkeit des Vaters und dessen nicht minder überlagernden Unfähigkeit, alte Wunden sich schließen zu lassen, auf unfruchtbaren Boden. Am Ende ist aus Joshuas ursprünglichem Auftrag eine sehr viel tiefgreifedere, hochnotpersönliche Inventur geworden. Seine Familie ist tot und er wird seine nächste Mission noch verhärteter, noch gnadenloser ausführen als zuvor. James Grays betont kalte, winterliche Bildsprache gemahnt an die Filme der siebziger Jahre, in denen häufig kein Platz mehr war für Hochglanz und Farbe. Die Kamera nutzt durchweg gegebene, unarrangierte Lichtquellen, was dem Film genau jene grieslige Kargheit verleiht, die er zur Untermalung seiner Geschichte benötigt. Ein schöner Kontrastpunkt auch zu Tarantinos gerade im Erstarken begriffenen Westküsten-Genrefilm, der ja Tim Roth als gewissermaßene Verbindung vorweist: Bei Gray gibt es im Vergleich dazu keinerlei grelle Oberflächenreize und die in "Little Odessa" vorkommende Gewalt lädt weder zum Lachen, noch zum Applaudieren ein. Hiernach möchte man sich ganz einfach nur noch ganz klein machen.

9/10

James Gray New York Familie Vater & Sohn Brüder Russenmafia Profikiller ethnics Winter


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THE SANDPIPER (Vincente Minnelli/USA 1965)


"What would you do, in my shoes?" - "Wear them."

The Sandpiper (...die alles begehren) ~ USA 1965
Directed By: Vincente Minnelli

Die hippieeske, libertinäre Künstlerin Laura Reynolds (Elizabeth Taylor) lebt abgelegen an der nordkalifornischen Küste. Dort erzieht sie ihren Sohn Danny (Morgan Mason) allein, selbstständig und frei. Durch Dannys nonkonformistisches Verhalten gerät der gebildete Junge jedoch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, bis Laura von einem Richter (Torin Thatcher) dazu verdonnert wird, ihn auf die Privatschule des Episkopal-Pfarrers Edward Hewitt (Richard Burton) zu schicken. Zunächst weigert sich Laura, sich mit dieser Auflage zu arrangieren, findet jedoch bald gesteigerte Sympathie an dem ausgeglichen scheinenden Geistlichen. Ungeachtet der Tatsache, dass dieser selbst Familie hat, beginnen er und Laura eine stürmische Affäre, die jedoch bald auffliegt. Für Hewitt heißt es nun, sich für oder gegen sein früheres Leben und auch Laura zu entscheiden...

Ein typisches Taylor-/Burton-Vehikel; von der MGM produziert, von Vincente Minnelli flamboyant und mit ausufernder Verve inszeniert. Stürmisch wie die Gezeiten des Pazifik geht die kurze, von vornherein zu bösem Scheitern verdammte Beziehung der zwei garantiert nicht füreinander geschaffenen Liebenden vonstatten, und Minnelli scheut keine Gelegenheit, diesen blumigen Vergleich auch gleich in Bilder zu fassen. Wie eigens für sie verfasst, bekommen die beiden Katastrophen-Eheleute starke Dialoge verehrt, an denen unter anderem Dalton Trumbo mitgefeilt hat: Man lernt Verständnis füreinander und noch sehr viel mehr Lebensinhaltliches voneinander. Die Metaphorik erscheint derweil vielleicht etwas aufgesetzt literarisch: Der titelspendende "Strandläufer" ist ein kleiner Vogel mit gebrochenem Flügel, der von Laura zärtlich gesundgepflegt wird und sich seiner wiedergewonnen Freiheit zunächst unschlüssig ist. Ein klares Bild für Burtons Reverend Hewitt: Ein längst der gesellschaftlichen Korruption anheim gefallener Kirchen-Obmann, der sich wesentlich mehr um den finanzträchtigen Erhalt seiner Schule kümmert denn um geistliche Belange, gewinnt erst durch die Liebe zu Laura seine frühere Entschlusskraft, sprich: mentale Reinheit zurück. Burton ist also "der Sandläufer" ("Der Schluckspecht" wäre vielleicht auch etwas zu offensichtlich gewesen).
Zudem bekommt man hier die einmalige Gelegenheit, Charles Bronson (mit der deutschen Stimme von Günther Pfitzmann) als ebenso trinkfesten wie intellektuell ausbalancierten Bohèmien zu bewundern; eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Schöner Film ansonsten.

8/10

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AGNES OF GOD (Norman Jewison/USA 1985)


"I feel as I've eaten glass!"

Agnes Of God (Agnes - Engel im Feuer) ~ USA 1985
Directed By: Norman Jewison

Die junge Nonne Agnes (Meg Tilly) hat in einem Kloster in der Nähe von Montreal ein Baby zur Welt gebracht, das daraufhin erdrosselt in einem Mülleimer in ihrem Zimmer gefunden wird. Nun gilt es für die Staatsanwaltschaft zu klären, wer an dem Tod des Säuglings die Schuld trägt und ob Agnes gegebenenfalls überhaupt schuldfähig ist. Dem soll die Gerichtspsychologin Martha Livingston (Jane Fonda) nachspüren, indem sie Agnes vor Ort befragt. Die junge Nonne stellt sich als eine völlig weltentlehnte Frau dar, die in ihrer Kindheit offenbar Schlimmes erlebt hat und glaubt, göttliche isionen zu empfangen. Von der Oberin Mutter Miriam Ruth (Anne Bancroft), einer durchaus liebenswerten Frau, werden Martha derweil immer wieder Steine in den Weg gerollt bei ihren Versuchen, Agnes' Vertrauen zu erwerben und ihr so näherzukommen. Dennoch warten zwei dringliche Fragen auf ihre Lösung: Wer ist der Vater des toten Babys und wer sein Mörder?

Norman Jewison geht über die Distanz seines Films ganz mit seiner von einer großartigen Jane Fonda gespielten Protagonisten einher: von der fest in der säkularen Welt verhafteten Zynikerin, die vor langer Zeit aufgrund persönlicher Erfahrungen mit der Institution Kirche abgeschlossen hat, verwandelt sich Martha Livingston aufgrund ihrer Bekannt- und Freundschaft zu den zwei ungleichen Nonnen Agnes und Mutter Ruth in eine Frau, die zumindest akzeptiert, dass spirituelle Geisteshaltungen mit zum Weltgeschehen gehören, vielleicht sogar gehören müssen. Zu Beginn des Films antizipiert man natürlich, wie in "Kirchenthrillern" üblich, eine skandalöse Enthüllung gegen Ende, eine erschütternde Auflösung, die das alte Klischee vom machtmissbrauchenden, geistlichen Oberhaupt füttert. Darauf jedoch verzichtet "Agnes Of God" wohlweislich wie ebenfalls glücklicherweise darauf, überhaupt irgendeine tendenziöse Richtung vorzugeben. Freilich wird die Kette rauchende Martha Livingston nie selbst eine Heilige werden; dazu hat sie auch zuviel erlebt; aber auch für sie bedeutet das Verfahren um die verwirrte Agnes eine große Lebenslektion: Sie lernt, Andersdenkendes, andersgläubiges in seiner möglicherweise sogar notwendigen Koexistenz zu respektieren.

7/10

Norman Jewison Montreal Kloster Nonnen Freundschaft Psychiatrie based on play Mutter & Tochter





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