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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE TALK OF THE TOWN (George Stevens/USA 1942)


"I like people who think in terms of ideal conditions. They're the dreamers, poets, tragic figures in this world, but interesting."

The Talk Of The Town (Zeuge der Anklage) ~ USA 1942
Directed By: George Stevens

Sweetbrook, Massachusetts: Der sozialpolitisch engagierte Arbeiter Leopold Dilg (Cary Grant) wird zum Opfer eines Komplotts. Er soll die örtliche Textilfabrik niedergebrannt und das Leben eines Mitarbeiters auf dem gewissen haben. Um der drohenden Todesstrafe zu entgehen, flieht Dilg und versteckt sich im Dachboden des Landhauses von Nora Shelley (Jean Arthur), in das sich just zur selben Zeit der berühmte Rechtsgelehrte Professor Lightcap (Ronald Colman) eingemietet hat. Die drei so unterschiedlichen Individuen lernen sich bald besser kennen und werden gute Freunde, bis Leopold, der sich bislang als Gärtner Joseph verkauft hat, seine wahre Identität preisgeben muss. Auf den ehern rechtsverhafteten Professor wartet nun die Entscheidung für oder gegen seine langjährige Überzeugung.

Eine große Menge an Stoff steckt drin in George Stevens' schnippischer Komödie, die gleichsam eine etwas komplexere Capra-Geschichte darstellt. Die ernsten Topoi der Korruption und der willkürlich verhängten Todesstrafe bieten die Basis für eine Dreiecks-Romanze nebst philosophischen Grundsatzdiskussionen darüber, wie blasse Akademiker überhaupt Überlegungen über das existenzielle Fragen anzustellen vermögen, wenn sie sich doch stets vom wahren Leben fernhalten. Welche Berechtigung haben graumelierte, bärtige Habilitierte, moralische Maximen aufzustellen und zu verteidigen, wenn sie doch stets vom humanistischen Idealfall ausgehen? Cary Grant als unschuldig Vorverurteilter, der angesichts seiner sich mit dem Professor abtauschenden Wortgefechte neuen Lebensmut und Vertrauen in die Institutionen fasst und seinen vormailgen Sarkasmus wie beiläufig fallen lässt, präsentiert sich als ebensolch ein Gewinn wie Colman als steifer Rechtsphilosoph, der die kleinen Dinge des Lebens nicht vermisst, weil er sie nie kennen gelernt hat und wechselseitig von Leopold Dilg ins Sonnenlicht gestoßen wird. Jean Arthur ist ohnehin wie immer ersatzlos.

9/10

George Stevens Kleinstadt Massachusetts Freundschaft


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MEEK'S CUTOFF (Kelly Reichardt/USA 2010)


"Hell is full o' dem bears."

Meek's Cutoff ~ USA 2010
Directed By: Kelly Reichardt

1845 auf dem Oregon Trail: Die auf Planwagen gen Westen reisenden Siedler haben mit harten Entbehrungen wie Wasserknappheit, Hunger und dem zerklüfteten Terrain zu kämpfen. Drei kleine Familien schließen sich mit ihren Habseligkeiten dem Trapper Stephen Meek (Bruce Greenwood) an, der behauptet, eine Abkürzung durch das unwegige Gelände zu kennen und lösen sich von dem Haupttreck. Aus den geplanten zwei Wochen werden bald noch viel mehr und ein sie mit Abstand begleitender Cayuse-Indianer (Rod Rondeaux) wird kurzerhand gefangengenommen und, nachdem Meek sich trotz anderer Behauptungen als wegunkundig erweist, als Fährtensucher eingesetzt. Doch kann man dem Fremden überhaupt trauen?

Eine Filmemacherin inszeniert einen unbhängig produzierten Treck-Western mit kleinem Ensemble und auf vager historischer Basis. Die Kamera, ehrfürchtiger Begleiter, fängt die Bilder zumeist statisch ein, porträtiert, bildet ab, unbeweglich. Das dramaturgische Gewicht liegt auf Seiten der Siedlerfrauen. Sie spülen, lüften Wäsche durch, hören den Katechismus der Kinder ab, haben Angst vor der Ungewissheit und drohen mitunter zu verzweifeln. Das Nachladen eines Gewehres dauert gut dreißig Sekunden. Ihr Führer, auf dem alles naive Vertrauen liegt, entpuppt sich als unzuverlässiger Aufschneider. Der hinzustoßende Indianer weiß nicht, was die Fremden eigentlich von ihm wollen - erst nehmen sie ihn gefangen und prügeln ihn, dann soll er für sie Wasser suchen - ohne die geringste Möglichkeit sprachlicher oder auch nur mimisch beiderseitig verständlicher Kommunikation.
Aus dieser Prämisse macht Kelly Reichardt ein hypnotisches Kleinod, dessen Ungewöhnlichkeit bereits damit beginnt, dass das Bild im Originalformat 4:3 aufgeführt wird. Im gegenwärtigen Kino fast undenkbar, zumal in einem Genre, dass seine viel beschworene Majestätik so gern aus breiten Landschaftsaufnahmen rekrutiert. Nicht so bei Reichardt, die sich den unverschnittenen Naturalismus ihres Projekts ganz groß auf die Fahne geschrieben hat, durch die ruhige Kraft des Dargestellten jedoch nie in irgendeine Form erzählerischer Zähigkeit verfällt. Ein kleines Meisterwerk, sollte "Meek's Cutoff" gerade wegen seiner gezwungenermaßen auf einen überschaubaren Zirkel beschränkten Rezipientenschaft Einzug halten in den Kanon der unverzichtbaren Western im neuen Jahrtausend.

9/10

Kelly Reichardt Oregon Siedler Treck Historie


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THE TARNISHED ANGELS (Douglas Sirk/USA 1957)


"You'll be sorry."

The Tarnished Angels (Duell in den Wolken) ~ USA 1957
Directed By: Douglas Sirk

New Orleans, um die Mitte der dreißiger Jahre. Der Weltkriegsveteran und Pilot Roger Shumann (Robert Stack) tritt im Rahmen einer Flugshow während des alljährlichen Mardi Gras auf. Im Schlepptau hat er Frau LaVerne (Dorothy Malone), Sohn (Christopher Olsen) und seinen besten Freund und Mechaniker Jiggs (Jack Carson). Auf der Suche nach einer ausgefallenen Story wird der lokale Reporter Burke Devlin (Rock Hudson) auf die seltsame Gruppe aufmerksam und durchschaut rasch das eigenartige Beziehungsgeflecht: Roger zeigt Anflüge von Todessehnsucht und Selbstkasteiungen; er will vorgeblich nichts mehr von seiner Frau wissen, für die sich im Gegenzug jedoch auch Jiggs interessiert. Mit dem hoch dotierten Sieg bei einem Flugzeugrennen hofft Roger, für sich und seine Familie auszusorgen, doch er kommt ums Leben. LaVerne lässt sich in ihrer Verzweiflung von dem feisten Werbeunternehmer Ord (Robert Middleton) einfangen, doch Devlin hält dagegen.

Warum Douglas Sirk dieses späte Meisterwerk nicht in Farbe drehte, wo er doch seit bereits neun Filmen ausschließlich mit von ihm mehr und mehr perfektioniertem Technicolor als dramaturgischem Stilmittel arbeitete, ist wohl der Mutmaßung überlassen. Dennoch entledigte er sich für seine im postiven Sinne larmoyante Faulkner-Adaption ein letztes Mal der Farbe und verwandte für die komplexe Darstellung einer Fünfecks-Beziehung mit einer Frau im Zentrum ferner dasselbe Ensemble wie für "Written On The Wind" (mit Ausnahme der Bacall, für die es in "Tarnished Angels" schlicht keinen angemessenen Platz gab). Doch nicht nur als psychologisch konnotiertes Südstaatendrama brilliert Sirks Film, auch als Porträt des vom Mardi Gras in Ausnahmezustände versetzte, zumal just von der Prohibition befreite, brodelnde New Orleans gibt es kaum Besseres im klassischen US-Kino. Allenthalben platzen grauenhaft maskierte Karnevalsnarren ins Bild, die die zerrissenen Seelenzustände und Beziehungsgeflechte der Protagonisten abbilden; selbst für Sirk eine ungewohnt düstere Art der Symbolsprache. Rock Hudson derweil ist einer seiner schönsten Rollen zu sehen: Als einsamer Autor und Journalist, stark dem Alkohol zusprechend, durch Poesie, Intellekt und Weitblick jedoch dem Rest der Figuren weit überlegen, muss er am Ende die Erfüllung der Ratio beugen. Bedenkt man, wie binnen weniger Jahre aus dem gern naiv porträtierten Kuhjungen ein solch diffiziler Charakter wurde, einfach nur beklatschenswert.

9/10

Douglas Sirk New Orleans Louisiana amour fou Ehe Familie Freundschaft period piece William Faulkner Mardi Gras


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INSIDE LLEWYN DAVIS (Joel Coen, Ethan Coen/USA, UK, F 2013)


"Folk singer with a cat. You queer?"

Inside Llewyn Davis ~ USA/UK/F 2013
Directed By: Joel Coen/Ethan Coen

New York, Winter 1961: Der arrogante, aber überdurchschnittlich talentierte Folk-Sänger Llewyn Davis (Oscar Isaac) lebt in den Tag. Von seinen spärlich bezahlten Auftritten kann er gerade das Nötigste bezahlen, er übernachtet abwechselnd bei Freunden oder Gönnern und träumt vom Durchbruch, den er beim populären Manager Bud Grossman (F. Murray Abraham) in Chicago wittert. Die Reise dorthin wird zu einem bizarren Ausflug ins eigene Selbst und nach seiner Rückkehr verändert sich nichts.

Eine elliptische Reise zurück zum Ausgangspunkt illustriert "Inside Llewyn Davis", nach "O Brother, Where Art Thou?" der zweite Film der Coens, der sich mit einer originär-amerikanischen Musikader des letzten Jahrhunderts befasst und der wie sein "Vorgänger" eine seltsame Reise mit unzweideutigen Anklängen an Homers "Odyssee" in sein Muster einwebt. Zumindest die Titelfigur allerdings bildet einen diametralen Gegensatz zu dem schlichten, pomadierten Provinzhelden Ulysses McGill: Llewyn Davis ist New Yorker durch und durch, sein Vater war Arbeiter auf See und auch der Filius hat sich dereinst als ein solcher versucht. Der Kern seines Herzens jedoch schlägt allein für seine Musik, wobei er als Solokünstler nach dem Suizid seines vormaligen Partners das eher erfolglose Dasein eines Herumtreibers führt. Abseits von seinen Auftritten ist Davis zudem ein ziemlich zynischer Hund: Über wohlhabende Fans von der Upper East Side macht er sich insgeheim lustig, er verweigert sich jeder Verantwortung, pöbelt auch schonmal gegen Kollegen und lässt zig Chancen, etwas Verpfuschtes wieder gutzumachen, verstreichen. Zum Freund möchte man so einen nur bedingt. Am Ende, bevor er dann gerechterweise eins auf die Mütze bekommt und der narrative Kreis sich schließt, rezitieren die Coens, womöglich jedoch unbewusst, Kaufmans "The Wanderers": Ein neues Zeitalter dämmert, als ein junger Nachwuchsmusiker im Gaslight Cafe im Village auftritt und leise Revolution mit Gitarre und Mundharmonika macht: Bob Dylan.

8/10

Coen Bros. New York Musik Reise Chicago period piece Heroin


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ALICE, SWEET ALICE (Alfred Sole/USA 1976)


"Where are you going?" - "None of your business, fatso."

Alice, Sweet Alice (Communion - Messe des Grauens) ~ USA 1976
Directed By: Alfred Sole

Zwei Schwestern, die eine, Karen (Brooke Shields) ein braves Zuckermäuschen, Alice (Paula Sheppard), die andere, ein fieses Biest, die darunter leidet, dass die Eltern sich getrennt haben und den Frust darüber, dass die Mutter (Linda Miller) ihre Liebe ziemlich ungleich verteilt, nur allzu gern an der jüngeren Karen auslässt. Ausgerechnet am Tage ihrer Erstkommunion wird Karen dann grausamst in der Kirche erdrosselt. Und es bleibt nicht bei diesem einen Vorfall: Tante Annie (Jane Lowry) wird mit einem Fleischermesser attackiert, Alices Vater (Miles McMaster) und der dicke Vermieter Mr. Alphonso (Alphonso DeNoble) werden ermordet. Doch die anfangs verdächtigte Alice scheidet wegen wasserfester Alibis aus. Wer also verbirgt sich unter Hexenmaske und gelbem Regenparka?

Im Gefolge von Romeros "Martin" eine weitere Studie um Vorstadt-Puritanismus, Irrsinn und Bigotterie. New Jersey schaut zwar nicht ganz so neoindustriell-schäbig aus der Wäsche wie Pittsburgh, schräge Figuren wie die hysterische Tante oder der fette Alphonso mit riesigem Pissfleck in der Haushose jedoch sorgen bereits ohnedies für eine konstant wenig heimelige Stimmung in der Gegend.
Alfred Soles Erzählung allerdings fällt im Vergleich zu seinem inszenatorischen Talent bezüglich Stimmungen und Gesichtern etwas ab. Eine im Prinzip sicher gelegte Fährte im Hinblick auf die Übeltäterin erweist sich als falsch, dafür wird zum letzten Drittel urplötzlich eine ganz unerwartete Person mit recht fadenscheiniger Motivation als Mordseele aus dem Hut gezogen. Außerdem ist der Film gut zehn Minuten zu lang, was seine vielen positiv zu wertenden Facetten allzu sehr unnötig in den Hintergrund drängt. Ansonsten aber ein brauchbares Stück blutigen Thrills für den willfährigen 70er-Genre-Chronisten.

6/10

New Jersey Kirche Familie Schwestern Madness Slasher


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OVER THE EDGE (Jonathan Kaplan/USA 1979)


"Man, I'm through with LSD."

Over The Edge (Wut im Bauch) ~ USA 1979
Directed By: Jonathan Kaplan

Im Trabantenort 'New Granada' treibt die Stadtflucht faule Blüten: Als eine Handvoll Jungfamilien hierher zieht, in ein um steten Zuwachs bemühtes, durchgeplantes Reihenhaus-"Paradies" mitten im Nirgendwo von Colorado, entkommt man zwar vermeintlich dem urbanen Stress, ignoriert jedoch die brodelnden Energien der sich zusammenrottenden Teenager. Diese vertreiben sich die überkochende Zeit mit Nichtstun, abgeschoben in ein kärgliches Jugendzentrum, herumlungernd, mit Drogen und zunehmend delinquenten Spielchen, die vom bösen Streich bis hin zur offenen Kriminalität reichen. Die paar Polizisten sind mit den Kids hoffnungslos überfordert, ebenso wie die ratlosen Eltern. Als der flüchtende Richie (Matt Dillon) von dem übereifrigen Cop Doberman (Harry Northup) erschossen wird, kommt es zu einer offenen Revolte Jung gegen Alt.

Mit "Over The Edge" schuf Corman-Zögling Jonathan Kaplan inmitten der um diese Zeit brodelnden 'Juvenile-Delinquent'-Welle ein weiteres Meisterwerk, das im Gegensatz zu den vergleichsweise aktionistischen Klassikern "Saturday Night Fever" oder "The Warriors" weniger mit urbanen Subkulturen befasste, sondern mit der vergessenen Provinzjugend, eben jenen Kids, die die 'scenes' im Prinzip bloß vom Hörensagen kennen und aufgrund erzwungener Passivität versuchen, ihr im staubigen Nichts nachzueifern. Etwas Ähnliches probierte Dennis Hopper kurz darauf mit "Out Of The Blue" Immerhin: Punk- und Gitarrenrock schaffen es selbst bis New Granada, 'teenage lobotomy' und parental 'surrender' greifen zumindest via Audio in Hirne und Herzen hinab. Die Saat ist gesetzt und wartet auf die Explosion, der der gierige, unwissende Architekt Jerry Cole (Richard Jamison) forcierten Vorschub leistet, indem er versucht, die Kids exekutiv mundtot zu machen: Es gibt eine abendliche Ausgangssperre, öffentliche Treffen werden zerschlagen, Partys verboten, der Jugendclub geschlossen, Zwangsseparation probiert. Irgendwann knallt es dann und es gibt Tote.
Dabei verzichtet Kaplan auf simple Schuldzuweisungen oder Erklärungen; seine Milieustudie ist sozusagen 'selbstführend', betreibt Eskalationsanalyse im Kammerspielformat und enthält sich jedweder Zeigefreude. Ob sich an der verfahrenen Situation am Ende wirklich etwas ändert, bleibt offen; neue Märtyrer gibt es jedenfalls - und nicht auf Seiten der gleichfalls dezimierten Erwachsenen.

9/10

Jonathan Kaplan Colorado Coming of Age Teenager teenage angst Marihuana LSD Drogen


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DARK TOURIST (Suri Krishnamma/USA 2012)


"You're disgusting."

Dark Tourist ~ USA 2012
Directed By: Suri Krishnamma

Der Wachmann Jim (Michael Cudlitz) hegt ein immenses Interesse an historischen Gewaltverbrechern. Gegenwärtig gilt eine ganze Konzentration dem Serienmörder und Brandstifter Carl Marznap (Pruitt Taylor Vince), der um die Mitte des 20. Jahrhunderts in der kalifornischen Provinz aktiv war und unter anderem seine eigenen Eltern getötet hat. Während seines Urlaubs reist Jim an die authentischen Schauplätze, um Marznaps Leben und Wirken nachzuspüren. Dabei verliert Jim in sich selbst und beginnt, sich mit dem ihm erscheinenden Marznap zu identifizieren...

Hervorragendes, pointiertes Serienkiller-Psychogramm, das, dessen bin ich mir bereits nach dieser Erstbetrachtung gewiss, zu den Höhepunkten des Subgenres gezählt werden kann. Krishnamma und Script-Autor Frank John Hughes tauchen tief hinab in die Psyche des tief gestörten Jim, zeigen seine diversen Zwangsneurosen und psychischen und physischen Narben, die offenbar von schwerem Missbrauch während seiner Kindheits- und/oder Jugendjahre herrühren, wie beiläufig und wählen stattdessen vornehmlich die subjektive Ich-Perspektive für ihre Erzählung. Erst ganz zaghaft, dann mit weiterreichender Konsequenz und schließlich im Nachhinein vervollständigt sich das zuvor infolge der bewusst einseitigen Berichterstattung brüchiges Identitätsporträt Jims, der unter komplexen Störungen leidet und sich infolge dessen ein gewalttätiges Ventil suchen. Krishnamma findet für diesen Abstieg in eine zutiefst menschliche Innenhölle betörend schöne und infolge dessen bald widersprüchliche Bilder und legt nicht nur diesbezüglich einen der beachtenswertesten Filme der jüngeren Zeit vor.

8/10

Suri Krishnamma Serienmord Madness Kalifornien Paraphilie


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DISTURBED (Charles Winkler/USA 1990)


"I'm fine."

Disturbed (Tödliche Visionen) ~ USA 1990
Directed By: Charles Winkler

Da seine Psychiatrie-Klinik mit forensischem Schwerpunkt eher klamm läuft, freut sich Dr. Russell (Malcolm McDowell) erstmal über jeden Neuzugang, so auch über die aggressive Borderlinerin Sandy (Pamela Gidley). Doch, was niemand ahnt: auch der nach außen hin saubere Russell selbst leidet unter einer schweren Störung; er neigt nämlich dazu, attraktive Insassinnen seines Instituts zu betäuben und zu vergewaltigen. Als er dies auch bei Sandy versucht, unterläuft ihm ein folgenschwerer Fehler. Mit Unterstützung des Langzeitpatienten Michael Kahn (Geoffrey Lewis) versucht er hernach, Sandys Leiche zu entsorgen, doch verschwindet diese spurlos, derweil Russell selbst bald glaubt, Gespenster zu sehen.

Psychiatrie-Komödien als Spätnachhall des sich ungebrochener Popularität erfreuenden "One Flew Over The Cuckoo's Nest" erfreuten sich in den endenden Achtzigern einer kurzen Blüte: "The Dream Team" oder "Crazy People" illustrierten mit jeweils prominenter Besetzung die alte Weisheit, derzufolge die gesamte Welt verrückt ist, die Klappsmühlen-Patienten die einzigen sind, die dies erkannt haben und somit gewissermaßen die besseren Gesellschaftsmitglieder. Ein unbekannterer Vertreter dieser kurzen Phase ist Irwin-Sohn Charles Winklers besonders schwarzhumoriger "Disturbed", in dem der ohnehin stets grandiose Malcolm McDowell einmal mehr demonstriert, dass er für die Rolle des verwackelten Soziopathen prädestiniert ist. Tatsächlich sind mir mit Ausnahme von "A Clockwork Orange" und "Caligola" keine famoseren Leistungen von ihm im Gedächtnis und das will angesichts seiner eigentlich vielen Meriten schon manches heißen. Wie in einem alten Hammer-Thriller wird er hierin von der nachtragenden Tochter eines früheren Opfers (Kim McGuire) sukzessive in den Wahnsinn getrieben, im Zuge einer wohlfeil vorbereiteten und einstudierten Selbstjustiz-Rache. Diese ist zwar uneingeschränkt vorhersehbar und im Grunde wenig originell apostrophiert, das schmälert jedoch nicht das Vergnügen an dem witzigen Treiben in Russells Klinikum, in dem unter anderem auch Irwin Keyes, Adam Rifkin, Clint Howard und Deep Roy einsitzen, die man sich ja eigentlich sowieso allesamt und immerdar als Kernpsychos wünscht, optimalst, wie in "Disturbed", unter einem Dach!
Somit: vergnüglich!

7/10

Charles Winkler Psychiatrie Rache Madness


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DAS HERZ VON ST. PAULI (Eugen York/BRD 1957)


"Das is mir schiet-egal!"

Das Herz von St. Pauli ~ BRD 1957
Directed By: Eugen York

Jonny Jensens (Hans Albers) spärlich besuchte, aber urige Eventpinte, 'Das Herz von St. Pauli', droht unter der hohen Steuerschuld in die Pleite zu gehen. Da vermittelt Jensens Sohn Hein (Hansjörg Felmy) dem alten Käpt'n eine Partnerschaft mit dem zwielichtigen Halbweltler Jabowski (Gert Fröbe). Dieser buttert einige Tausender in die Sanierung des Ladens, macht schlüpfrige Attraktiönchen als Publikumsmagneten und nutzt Jensens Rumkeller als Umschlagsplatz für seine krummen Geschäfte, derweil Jensen selbst als rührende Volkslieder schmetternder Tattergreis verheizt wird. Als Jabowski die erst siebzehnjährige Helga (Karin Faber) auftreten lässt und begrapscht, steht Ärger ins Haus...

Fast noch ein bisschen schöner als Albers' vorhergehender Pauli-Film "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" nimmt sich Eugen Yorks Krimödie aus. Albers ist hierin das letzte Mal in seiner ollen Paraderolle als tüchtiger Seebär im Trockendock zu bewundern, merklich steifer werdend, aber doch noch immer der Alte. Seine Anschreigefechte mit dem cholerischen Fröbe, der hier unbewusst bereits Vorübungen für die Rolle des Auric Goldfinger exerziert, sind pures Nachkriegs-Schauspielgold, das durch Nebendarsteller wie Werner Peters noch zusätzlich aufgewertet wird. Zudem markiert "Das Herz von St. Pauli" einen noch vergleichsweise zaghaften, aber doch recht wichtigen Schritt in später folgende Exploitationgefilde des Deutschen Kinos: Nicht nur ein Paar blanker Busen stolzierten durch diesen "Film, wie ihn sich das Publikum wünscht" (Verleihwerbung), auch Karin Faber zeigt in einer beiläufigen Szene elementare Teile ihres "Balkons" (Fröbe). Da werden einige der etwas biedereren Zuschauer, die mit Albers noch goldenen Kniep und Knapp anno Kautaback assoziierten, seinerzeit ähnlich aufgestöhnt haben, wie die gute Frau "Ich bin nicht prüde, aber DAS geht zu weit" Pingel (Elly Burgmer) in Jensens Etablissement.

7/10

Eugen York St. Pauli Kiez Hamburg Familie Vater & Sohn


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AUF DER REEPERBAHN NACHTS UM HALB EINS (Wolfgang Liebeneiner/BRD 1954)


"Oh. Jetzt wird's frivol."

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins ~ BRD 1954
Directed By: Wolfgang Liebeneiner

Nach acht Jahren in der Ferne kommt der alte Seebär Hannes Wedderkamp (Hans Albers) zurück nach St. Pauli, um sich dort endgültig häuslich niederzulassen. Er ahnt nicht, dass Anni (Helga Franck) nur die Ziehtochter seines besten Freundes Pitter Breuer (Heinz Rühmann) ist und in Wahrheit sein eigenes Kind. Also konzentriert er sich ganz darauf, Pitters traditionelle Kneipe, das "Hippodrom", wieder auf Vordermann zu bringen. Als Pitter jedoch das Gefühl bekommt, Anni und Hannes sind sich etwas zu intim zugetan, platzt er mit der Wahrheit heraus. Und das ist nicht das einzige Problem: Ein paar Kleinkriminelle wollen die Ladung eines versenkten Marine-U-Boots bergen, dessen Lage nur Hannes und Pitter bekannt ist...

Auf der Suche nach potenten Nachfolge-Prestige-Projekten zu Käutners unsterblicher Reeperbahnade "Große Freiheit Nr. 7" kam man irgendwann auf den cleveren Trichter, dass Hans Albers sich am Besten an der Hamburger Waterkant machte, mit Quetschkommödchen, speckiger Schiebermütze, Pfeifchen und lallendem Sang. Exakt zehn Jahre nach besagtem Großerfolg inszenierte Wolfgang Liebeneiner unter besonderer Prononcierung von Lokalkolorit, Wirtschaftswunder und neuem Heimatstolz also diese Quasi-Fortsetzung, in der Hans Albers exakt denselben Typen noch einmal zu spielen hatte, allerdings unter anderem Nachnamen und leicht veränderter Biographie. Das Titellied allerdings darf auch hier nicht fehlen. Ein bisschen Kriminalogie kam noch mit herein - die große Kolportage, die Olsens fünfzehn Jahre jüngeres Remake auszeichnet, blieb bei Albers jedoch wohlweislich aus. Während sich darin tatsächlich Vater und Tochter ineinander verlieben, um unter Eröffnung der Wahrheit etwas verdattert dreinzuschauen (was andererseits auch zu Curd Jürgens' Image des geflissentlich überdatierten Playboys passt), bleibt es hier bei einer eher eifersüchtigen Vermutung; der Protagonist ist kein Ex-Knacki, Rühmann kein Reincke und auch miese Jugend-Schlägerbanden gehören noch nicht zum guten Ton in einem sauberen deutschen Kinofarbfilm. Das alles heißt jedoch nicht, dass der Pauli-Film-Chronist auf den Liebeneiner verzichten dürfte: "Wer noch niemals in lauschiger Nacht einen Reeperbahn-Bummel gemacht, is' ein armer Wicht, denn er kennt dich nicht - mein St. Pauli, St. Pauli bei Nacht..."

7/10

Wolfgang Liebeneiner St. Pauli Hamburg Kiez Seefahrt Freundschaft