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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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EXECUTIVE DECISION (Stuart Baird/USA 1996)


"Colonel, were not gonna make it!" - "You are!"

Executive Decision (Einsame Entscheidung) ~ USA 1996
Directed By: Stuart Baird

Unter dem Vorwand, seinen Kompagnon Jaffa (Andreas Katsulas) freizupressen, entführt der Terrorist Nagi Hassan (David Suchet) eine Passagiermaschine von Athen nach Washington D.C.. Tatsächlich plant Hassan jedoch, den Flieger über der Hauptstadt abstürzen zu lassen und somit eine an Bord versteckte, riesige Menge Nervengas freizusetzen, die große Teil der Ostküste verseuchen würde. Der Terrorbekämpfungsexperte Austin Travis (Steven Seagal) mit seinen Männern sowie der CIA-Analytiker David Grant (Kurt Russell) wolle sich über ein kompliziertes Andock-Manöver in der Luft an Bord des Jets schmuggeln und Bombe und Terroristen lahmlegen. Der Plan jedoch geht geflissentlich schief, Travis kommt ums Leben und der in Feldaktionen unerfahrene Grant muss mithilfe der nunmehr führungslosen Gruppe von Seals, der Stewardess Jean (Halle Berry) sowie dem Techniker Cahill (Oliver Platt) versuchen, die verfahrene Situation zu retten.

Einer der besten Genrebeiträge der Neunziger, der angesichts seiner traditionsbewusst-handgemachten und trotz des spektakulären Sujets nie über Gebühr albern wirkenden Inszenierung selbst den meisten aktuellen Actionfilmen noch eine lange Nase zu drehen vermag. Der vornehmlich als Cutter tätige Stuart Baird hat im Falle "Executive Decision" wirklich alles richtig gemacht: Zum Einen werden klassische Werke der Gattung wie "The Delta Force" eingehend zitiert und erfahren eine schöne Ehrerbietung, zum anderen ist dieser mit Herz und Seele abgefasste Film durch eine unablässige Verkettung von Suspense-Elementen, die sich in erster Linie darauf rekurrieren, dass die heimlich an Bord befindlichen Retter nicht von den Terroristen entdeckt werden, so unglaublich spannend und straff, dass die knapp 130 Minuten Laufzeit einem kaum halb so lang erscheinen. Ferner halte ich den Einfall, Seagal dem Heldentod zu überantworten, bevor es überhaupt richtig losgeht und stattdessen den als Salonlöwen eingeführten Krawattenträger Russell, der sich zudem erst den nötigen Respekt von Travis' Crew erwirtschaften muss, den Tag retten zu lassen, immer noch für pures Ideengold.

9/10

Stuart Baird Terrorismus Kidnapping Luftfahrt Flugzeug


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THE QUILLER MEMORANDUM (Michael Anderson/UK, USA 1966)


"Do you smoke?"

The Quiller Memorandum (Das Quiller-Memorandum - Gefahr aus dem Dunkel) ~ UK/USA 1966
Directed By: Michael Anderson

Der US-Agent Quiller (George Segal) soll im Falle zweier Morde an britischen Geheimdienstlern ermitteln, die von einer Neonazi-Untergrund-Loge in West-Berlin ermordet wurden. In der Mauerstadt angelangt sieht sich Quiller sowohl von den "eigenen" Leuten als auch denen der Gegenseite unentwegt beschattet und beobachtet. Eine der Spuren führt zu der Lehrerin Inge Lindt (Senta Berger), mit der Quiller bald eine Liebesaffäre verbindet. Dabei ist auch Inge nie wirklich durchschaubar: Arbeitet sie tatkräftig bei den Neonazis mit oder ist sie tatsächlich so unschuldig, wie sie zu sein vorgibt? Am Ende kann Quiller das Hauptquartier der Gegner unter deren Obmann 'Oktober' (Max von Sydow) lokalisieren und auffliegen lassen, die Beziehung zu Inge jedoch verläuft kärglich im Sande.

Als eine der vielen "seriöser" formulierten Repliken zur Bond-Reihe, die das Leben eines Geheimagenten im Kalten Krieg als das darzustellen versuchten, was es vornehmlich bedeutete, nämlich unglamourös, einsam, bedrohlich und paranoid zu sein, entstand auch dieses beachtenswerte Werk von Anderson. Dabei gestalteten sich wenige Parallelen zum bewussten Pop-Spion, zumal in der deutschen Fassung, als augen- bzw. ohrfällig: Die Musik stammte auch im Falle "The Quiller Memorandum" von John Barry, was bereits eine auditive Analogie herstellte und Segal erhielt Sean Connerys deutsche Stimme, wobei der Sprecher Gert-Günther Hoffmann sich mühte, dasselbe sonor-arrogante Timbre zu treffen. Damit erschöpften sich jedoch die Gemeinsamkeiten bereits wieder: Der unexotische Handlungsort blieb stets derselbe, Quiller ist vergleichsweise unpromisk und auf die immerselbe Erkennungsparole angewiesen, ohne je selbst wirklich klar zu sehen. Er ist kaum zur Aktion gezwungen, wird quälend verhört und zeigt sich alles andere als heldenhaft, wenn er seine Geliebte als mögliches Mitglied der Nazi-Verschwörer im Stich lässt. All diese eher unangenehmen Geschicke machten Quiller ebenso wie Alec Leamas oder Harry Palmer zum veritablen Anti-007.

7/10

Michael Anderson Harold Pinter Berlin Verschwörung Kalter Krieg Spionage


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AVALANCHE EXPRESS (Mark Robson/USA, IE 1979)


"I didn't love you when I involved you."

Avalanche Express (Lawinenexpress) ~ USA/IE 1979
Directed By: Mark Robson

Nachdem der hochgestellte sowjetische General Marenkov (Robert Shaw) die Gegenseite bereits seit längerem mit Insider-Informationen über die sowjetischen Agentenbewegungen im Westen unterrichtet hat, beschließt er, endgültig überzulaufen - aufgrund Marenkovs umfassender Kenntnisse eine überaus wertvolle Chance. Mit der Transferaktion, die Marenkov mit dem 'Atlantikexpress' von Italien aus über die Alpen bis an die Nordsee bringen soll, wird der Spezialist Wargrave (Lee Marvin) betraut. Unterwegs versuchen die Killer von Marenkovs früherem Genossen Bunin (Maxmilian Schell) immer wieder, den Überläufer zu liquidieren, selbst unter Inkaufnahme diverser Kollateralschäden. Schließlich muss sogar eine deutsche Terrororganisation für Bunin in die Bresche springen...

Ein arg verhackstückter Spionagethriller, bei dem es fast schon verwundert, dass er angesichts seiner turbulenten Produktionsgeschichte überhaupt fertiggestellt und vermarktet werden konnte. Sowohl Regisseur Robson als auch Hauptdrsteller Robert Shaw segneten während der Postproduktion infolge von Herinfarkten das Zeitliche - im Falle Shaw bedeutete dies vor allem Probleme mit dem Studio-Dubbing, Robson wurde für die benötigten Nachdrehs durch den zu dieser Zeit immens unterbeschäftigten Monte Hellman ersetzt, der jedoch unkreditiert blieb. "Avalanche Express" hebt sich kaum von den diversen Cold-War- und Espionage-Dramen der Siebziger ab, die häufig nach Vorlagen von Robert Ludlum, Ken Follett, Frederick Forsyth oder John Le Carré entstanden und sich vor allem durch gewichtig erscheinende Blicke hinter die vermeintlichen Kulissen der sich wechselseitig ausspionierenden Kontrahenten sowie eine oft minutiöse, konzentrierte Dramaturgie auszeichneten. Die in "Avalanche Express" (basierend auf einem Roman von Colin Forbes) ausgewalzte Überläufer-Story macht da keine Ausnahmen; selbst die kurze Liebäugelei mit dem Katastrophengenre, der der Film seinen Titel verdankt, hebt ihn nicht hervor. Am bemerkenswertesten ist noch die denkwürdige Besetzung, die internationale Darsteller aller Sparten und Couleurs vereinigt: Neben Marvin, Shaw und Schell bekommt man Linda Evans, Horst Buchholz, Claudio Cassinelli, Sky Dumont, Günter Meisner und David Hess (als verklausulierten Andreas Baader) zu Gesicht. Damit findet sich dann zumindest eine Form der Sensationsgier gestillt.

5/10

Mark Robson Kalter Krieg Alpen Zug Monte Hellman Abraham Polonsky Terrorismus


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RASPUTIN (Uli Edel/USA, H 1996)


"I have performed many autopsies in my time, but I've never located a soul." - "How many memories or emotions have you found?"

Rasputin ~ USA/H 1996
Directed By: Uli Edel

Grigori Jefimowitsch Rasputin (Alan Rickman) behauptet von sich, dass ihm Gott selbst erschienen sei und ihn mit Wunderkräften und seherischen Gaben ausgestattet habe. Den Etablierten von St. Petersburg fällt es allerdings schwer, Rasputin als wahren Gottesmann anzuerkennen, treibt er sich doch allzu gern mit Zigeunerhuren herum oder liegt volltrunken in der Gosse. Dennoch vermag der eilends an den Zarenhof Berufene es, dem an der Bluterkrankheit leidenden Zarewitsch Alexej (Freddie Findlay) das Leben zu retten. Für dessen Mutter (Greta Scacchi) ist Rasputin fortan tatsächlich ein Heiliger, der zwischenzeitlich im Monarchenhaus ein- und ausgehen darf, wie es ihm beliebt, derweil der Hofstaat und auch Zar Nikolaus II (Ian McKellen) immer wieder an seiner Ehrbarkeit und seinen Motiven zweifeln. Vor seiner Ermordung durch den Zarinnen-Cousin Prinz Felix (James Frain) sagt Rasputin voraus, dass ihm binnen zweier Jahre die gesamte Zarenfamilie nachfolgen werde. Die Oktoberrevolution hält sein Versprechen.

An der schillernden Persönlichkeit Rasputins Interessierte werden in diesem für HBO produzierten Ausstattungsstück ihre Freude haben. Eine großartige Darstellerriege, allen voran natürlich der wunderbar exaltierte Alan Rickman, der als Wunderheiler in einer weiteren, wie für ihn geschaffen erscheinenden Exzentriker-Performance zu sehen ist. Besonders seine Sterbeszene, in der er (zunächst vergeblich) vergiftet und erschossen wird (womit der Film nochmals die alte Mär füttert, derzufolge Rasputin trotz aller möglicher nicht sterben mochte - in Wahrheit wurde er schlicht gefoltert und erschlagen), ist großes Theater. Auch David Warner als Rasputins rationalistischem Geistesrivalen Botkin zuzuschauen bereitet einiges Vergnügen. Zudem fügt Edels Film sich zu den hübschen Revolutionsdramen, die mit großer Geste die Prä- und Postwirren des gesellschaftlichen Umsturzes zeigen. "Rasputin" besitzt dabei sogar noch einmal (nach "Dr. Zhivago") die eigentlich unschickliche Chuzpe, sich streng an einer aristokratischen Perspektive zu orientieren und Zwangsenteignung, Erniedrigung und schließlich Hinrichtung der Zarenfamilie in all ihrer barbarischen Realistik nachzuspüren.

7/10

Russland Biopic Historie period piece Russische Revolution Uli Edel TV-Film HBO Alkohol


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INVISIBLE AGENT (Edwin L. Marin/USA 1942)


"Are you insane?" - "No, just transparent."

Invisible Agent (Der unsichtbare Agent) ~ USA 1942
Directed By: Edwin L. Marin

Gestapo und Japaner versuchen vereint, Frank Raymond (Jon Hall), dem Enkel des legendären "Unsichtbaren Mannes" Jack Griffin, die revolutionäre Formel seines Großvaters abzuluchsen. Raymond weigert sich heldenhaft, erkennt jedoch, dass sein Familiengeheimnis in den richtigen Händen kriegsentscheidend sein kann. Im Auftrag der Briten nimmt Frank den Unsichtbarkeitstrunk zu sich und reist im Geheimen nach Berlin, um von den neuesten Eroberungsplänen der Nazis zu erfahren. Dort lernt er die Agentin Maria (Ilona Massey) kennen und lieben, kämpft gegen übles Gesocks wie Gestapochef Stauffer (Cedric Hardwicke), und dessen Buckler Heiser (J. Edward Bromberg) sowie den geheimnisvollen Japaner Ikito (Peter Lorre) und erfährt, dass Hitler in die USA einmarschieren will.

Ein loser Eintrag in das "Invisible"-Franchise der Universal, sowie der einzige Fall, in dem sich einer der klassischen Monsterzyklen des Studios mit dem hollywood'schen Propagandafilm jener Tage kombiniert fand. Die Geschichte ist natürlich schlüssig: Die einst von Wells ersonnene Unsichtbarkeitsformel muss die Phantasie eines jeden Kriegsstrategen in höchstem Maße beflügelt haben und bot somit auch Platz für eine entsprechende Kinophantasie. Hier ist von dem buchstäblichen Irrsinn, der die früheren Konsumenten des Serums noch binnen kurzer Zeit befiel, nichts mehr verlautbart; der Unsichtbare, dargestellt von Universals B-Flynn der Vierziger, Jon Hall, ist der Held ein strahlender Abenteuer, dessen Scherze gegen das dekadente Herrenmenschenpack, allen voran den ebenso feisten wie geilen Kleiser, der die Eroberung der Anrainer-Staaten vor allem zur Aufbesserung seines kulinarischen Arsenals nutzt, sogar mit dem Screwball-Fach liebäugeln. Von dem in "The Invisible Man Returns" immerhin noch ansätzlich nachvollziehbaren Horrorwurzeln der Story ist bei Marin und Siodmak derweil nichts mehr zu spüren. "Invisible Agent" ist nicht mehr und nicht weniger denn ein wohllauniger, kleiner Reißer, der auf komische Weise Front gegen Hitler und seine Schergen macht und mit Peter Lorre die erwartungsgemäß größte personelle Stärke aufbietet.

6/10

Edwin L. Marin Curt Siodmak George Waggner Universal-Monster Nationalsozialismus WWII Unsichtbarkeit Berlin Spionage Propaganda


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AGAINST THE WALL (John Frankenheimer/USA 1994)


"Hot soup, ya white monkey!"

Against The Wall ~ USA 1994
Directed By: John Frankenheimer

September 1971: Zeitgleich kommen Michael Smith (Kyle MacLachlan) und Jamaal X (Samuel L. Jackson) im Hochsicherheitsgefängnis Attica, New York an - Smith als neuer Aufseher, X zum wiederholten Mal als Sträfling. Michaels Anstellung bedient eine familiäre Tradition: Auch sein Vater (Harry Dean Stanton), jetzt Kneipier im angrenzenden Ort, arbeitete einst hier; Michaels Onkel Ed (Tom Bower) ist jetzt noch in Attica beschäftigt. Nur wenige Tage nach Michaels Berufseinstand kommt es zu einer Gefängnisrebellion, bei dem die überwiegend hispanischen und schwarzen Insassen fast die komplette Anstalt über- und die meisten Aufseher, darunter auch Michael und Ed, als Geiseln nehmen. Bevor ihre Forderungen nach Generalamnestie und besseren Haftbedingungen angenommen werden können, bringt die Nationalgarde den Aufstand zu einem blutigen Abschluss.

Eine von Frankenheimers TV-Arbeiten, in ihrer Kompromisslosigkeit, Härte und tendenziösen Orientierung vielleicht zu unbequem fürs Kino. Der Privatsender HBO, der zu dieser Zeit häufiger mit kontroversen und auch Genre-Stoffen experimentierte, ließ Frankenheimer die nötigen Freiheiten, um seine Aufbereitung des authentischen Attica-Aufstands adäquat wiedergeben zu können. Mit einleitenden Bildern der unmittelbaren historischen Vorgeschichte, die die Ermordungen Bobby Kennedys und Martin Luther Kings beinhalten sowie Impressionen von Vietnam, Kent State, Watts, den Black Panthers und Malcolm X, verdeutlicht "Against The Wall" gleich zu Beginn, dass hierin eine Ära porträtiert wird, in der es brodelte, und zwar gewaltig, unübersehbar und allerorten. Und wie die meisten Anti-Establishment-Strömungen wurde auch Attica gewaltsam von den Autoritäten niedergerungen, ohne Rücksicht auf Verluste selbst unter den Geiseln. Die Beziehung zwischen den beiden Antagonisten Michael Smith und Jamaal X rückt vor diesem Hintergrund auf ein zunehmend verständiges Level; durch zumindest ansätzliches Begreifen de anderen verschiebt sich ihre jeweilige Perspektive schleichend in die Grauzone der Empathie. Eine großartige Besetzung, die ganz besonders durch Clarence Williams III und Frederic Forrest aufgewertet wird, trägt das ambitionierte Projekt noch zusätzlich. Leider entpuppt sich die deutsche Synchronisation rasch als ein Debakel. Daher sollte man, wenn möglich, um des unbeschwerten Genusses Willen den Originalton vorziehen.

8/10

John Frankenheimer period piece Gefängnis Historie New York Aufstand Rassismus HBO TV-Film


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DANIEL (Sidney Lumet/USA 1983)


"Let our deaths be his bar mitzvah."

Daniel ~ USA 1983
Directed By: Sidney Lumet

Daniel Isaacson (Timothy Hutton), dessen Eltern (Mandy Patinkin, Lindsay Crouse) während der Ära McCarthy vom HUAC ins Gefängnis gebracht, als bekennende Kommunisten der Atom-Spionage für die Russen bezichtigt und auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden, beginnt, sich nach Jahren der ideologischen Passivität bezüglich der Hintergünde jenes furchtbaren biographischen Ereignisses zu informieren. Daniels vormals wesentlich leidenschaftlicher agierende Schwester Susan (Amanda Plummer) ist durch die Umstände, unter denen sie und ihr Bruder als Kinder aufwachsen mussen, schwer traumatisiert und psychisch geschädigt. Auch um ihretwillen ist Daniel an nachträglicher Aufklärung interessiert, seine Suche nach Antworten muss sich jedoch mit Fragmenten begnügen. Seine Eltern waren Opfer einer paranoiden Zeit und ihrer eigenen, beharrlichen Verweigerung zur Denunziation. Immerhin lernt Daniel, dass Opposition gleichbedeutend sein kann mit Integrität.

Ein ebenso leidenschaftlicher wie still erschütternder Film. Basierend auf E.L. Doctorows Roman, der sich semi-authentisch am tatsächlichen Schicksal des Ehepaars Rosenberg orientiert, die als sowjetische Rüstungsspione hingerichtet wurden, entblättert "Daniel" auf multiplen Zeitebenen ein komplexes Bild der Protestkultur in den USA zwischen den vierziger und sechziger Jahren. Paul und Rochelle Isaacson sind leidenschaftliche Linke, 'Reds', die mit den revolutionären Kräften im spanischen Bürgerkrieg und später mit den Sowjets sympathisieren, sich als eingefleischte New Yorker ausschließlich in ihren eigenen ideologischen Kreisen bewegen, die Musik von Paul Robeson flankieren und ihren Kindern den Mut zu reflektierendem Denken mit auf den Weg geben. Schließlich reißt das FBI die Familie auseinander, die Isaacsons sind von einem guten Freund und politischen Gesinnungsgenossen (Joseph Leon) denunziert worden. Ihre Kinder wachsen von diesem Zeitpunkt an als faktisch determinierte Waisen auf, die ihre Eltern ein letztes Mal vor deren Hinrichtung besuchen dürfen. Erst nach Jahren kommen sie zu Adoptiveltern, doch der psychische Schaden ist, zumindest in Susans Fall, nicht wieder gutzumachen. Die schwer verstörte junge Frau landet in einem Sanatorium und nimmt sich nach mehreren erfolglosen Versuchen schließlich das Leben. Für Daniel, der der unfasslichen Kommunistenhatz letzten Endes seine gesamte Familie opfern musste, gibt es schließlich nurmehr einen tragfähigen Weg des Weiterlebens: In die Fußstapfen seiner Eltern und seiner Schwester zu treten und gegen Vietnam auf die Straße zu gehen.
Mittels ausgefeilter Formalia erweckt Lumet diese ebenso tragische wie tapfere Biographie zum Kinoleben und leistet nebenbei eine persönliche, ideologische Offenbarung: "Daniel" propagiert nachdrücklichst das verfassungsmäßige Recht auf freie Meinungsäußerung und porträtiert eine Ära, die ebendieses mit dummen, panischen Füßen getreten hat und damit für eine historische Sekunde nicht minder totalitär agierte, als die vielen Feindbilder.
Atmosphärisch und auch filmhistorisch außerdem eine unabdingbare Ergänzung zu Warren Beattys "Reds".

9/10

Sidney Lumet period piece Familie E.L. Doctorow McCarthy-Ära Kalter Krieg Todesstrafe Biopic


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ABSENCE OF MALICE (Sydney Pollack/USA 1981)


"I want to know where this story came from."

Absence Of Malice (Die Sensationsreporterin) ~ USA 1981
Directed By: Sydney Pollack

Als der Gewerkschaftsboss Joey Diaz urplötzlich verschwindet, liegt für den übereifrigen Justizbeamten Elliott Rosen (Bob Balaban) der Fall völlig klar: Nur der Hafenspediteur Mike Gallagher (Paul Newman) mit familiären Bindungen zur Mafia kann hinter den Ereignissen stecken, zumal Diaz und Gallagher schon vormals aneinandergeraten sind. Um Gallagher aufzuscheuchen, lässt er bei der hellhörigen Journalistin Megan Carter (Sally Field) durchsickern, dass gegen den Verdächtigen bereits eine interne Ermittlung läuft, im besten Wissen um die Sensationsgier der Presse. Tatsächlich hat Gallagher ein Alibi für die fraglichen Stunden, kann es, um seine Freundin Teresa (Melinda Dillon) vor Repressalien zu schützen, jedoch nicht offenlegen. Als Megan auch Teresa in einem ihrer Artikel erwähnt, begeht die junge Frau Selbstmord. Der mittlerweile vor dem wirtschaftlichen Ruin stehende Gallagher beginnt einen cleveren Feldzug gegen die Mächtigen.

Wer so viele Erfolgsfilme mit Robert Redford gemacht hat wie dereinst Sydney Pollack, der stößt zwangsläufig wohl auch auf dessen zweimaligen Partner Paul Newman, wie Redford gleichermaßen großer Schauspieler und großer Charmeur, allerdings, auch aufgrund des fortgeschrittenen Alters, mit einer noch bedeutenderen Werkshistorie gesegnet. Die Rolle des Mike Gallagher hätte auch hervorragend zu Pollacks Leibdarsteller gepasst, möglicherweise war sie anfänglich auch für ihn intendiert. Nach "The Electric Horseman" widmete sich der Regisseur jedenfalls wiederum einem gediegenen Unterhaltungsstoff, wobei die Allmacht der Enthüllungsmedien, die bereits im Vorgängerfilm eine untergeordnete Rolle eingenommen hatte, hier zum zentralen Thema wurde: Die exekutive Staatsgewalt macht sich den unabdingbaren Sensationshunger der Presse sogar zunutze, um eine Intrige gegen einen Unschuldigen zu spinnen und diesen gesellschaftlich und wirtschaftlich zu Fall zu bringen. Wo Jane Fonda noch ganz selbstbestimmte Journalistin mit Hang zum Abenteuer war, muss Sally Field als einerseits zwar sympathische, andererseits jedoch ungemein kurzsichtige Schmiertante herhalten, die sich gnadenlos instrumentalisieren lässt. Wiederum hängt Pollacks Haupinteresse am männlichen Helden der Geschichte und wie er sich aus seinem unverdienten Missgeschick zumindest unter Wahrung seiner persönlichen integrität herauslaviert. Allerdings ist auch "Absence Of Malice" ein weiterer Schritt in die Angepasstheit, vom nachfolgenden "Tootsie" gar nicht zu reden. Hollywood hat Pollack endgültig gezähmt.

7/10

Sydney Pollack Miami Florida Journalismus FBI


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THE CHANGELING (Peter Medak/CA 1980)


"That house is not fit to live in. It doesn't want people."

The Changeling (Das Grauen) ~ CA 1980
Directed By: Peter Medak

Nach den Unfalltoden von Frau (Jean Marsh) und Tochter (Michelle Martin) wagt der depressive Komponist und Musiklehrer John Russell (George C. Scott) einen Neuanfang an der Westküste. Vor den Toren von Seattle mietet er ein feudales Anwesen, in dem einst die Familie des wohlhabenden Senators Carmichael (Melvyn Douglas) lebte. Bald schon stellt John fest, dass in dem Haus einiges nicht mit rechten Dingen zugeht; regelmäßiges nächtliches Hämmern weckt ihn aus dem Schlaf, in einer verrammelten Dachkammer finden sich Hinweise auf ein früheres Kinderzimmer. Eine Séance bringt schließlich etwas mehr Licht in die Sache: Der Geist eines kleinen Jungen namens Joseph geht hier um und findet aus bestimmten Gründen keine Ruhe. Jene Ursachen aufzudecken, dafür hat Joseph John auserkoren...

Ein vergleichsweise leiser, bald kammerspielartiger "Haunted House"-Film, der sich allzu früh um seine eigene Wirkung bringt, indem er einen Schwenk vom Auftreten der übernatürlichen Geschehnisse hin zur investigativen Arbeit John Russells vollzieht. Tatsächlich geht es ab etwa der Hälfte des Films eigentlich gar nicht mehr darum, dass es im Carmichael-Anwesen spukt, sondern nurmehr darum, warum es dort spukt und wie man den entrückten Ereignissen Abhilfe leisten kann. Es stellt sich heraus, dass der altehrwürdige Senator nur ein Schattenmann ist, der einst im Kindesalter die Rolle des von seinem Vater ermordeten, weil behinderten, echten Joseph Carmichael angenommen und über die Jahrzehnte hineg ein falsches, verlogenes Leben mit einem fremden Vermögen geführt hat. Diese ungerechte Scharte will Joseph, der Geist, endlich ausgewetzt sehen.
Für meinen Geschmack lässt sich Medak allzuviel Zeit mit der Klärung jenes Falls, was dafür sorgt, dass "The Changeling" sich in der zweiten Hälfte hin zum parapsychologisch konnotierten Detektivkrimi wendet und einen Großteil seiner zuvor so eifrig evozierten, unheimlichen Atmosphäre einbüßt. Darstellerisch und formstilistisch präsentiert der Film sich allerdings als durchweg erlesen.

6/10

Peter Medak Seattle Haus Spuk Geister


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DREAMSCAPE (Joseph Ruben/USA 1984)


"Everybody dies."

Dreamscape ~ USA 1984
Directed By: Joseph Ruben

Der telepathisch begabte Alex Gardner (Dennis Quaid) wird mehr oder weniger freiwillig von seinem früheren Mentor Novotny (Max von Sydow) in ein geheimes wissenschaftliches Projekt gezogen, bei dem es Menschen wie Alex mittels einer Übertragungsmaschine möglich gemacht wird, in die Träume von Versuchsprobanden einzudringen und darin sogar aktiv mitzuwirken. Mittelfristig soll diese Versuchsreihe in ein tiefenpsychologisches Hilfsmittel zur Heilung schwerer Neurosen münden. Der stützende Hintermann des Projekts und hohe Regierungsbeamte Bob Blair (Christopher Plummer) hat jedoch ganz anderes im Sinn: Er plant, mithilfe des extrem psychotischen Traumkillers Tommy Ray Glatman (David Patrick Kelly), den Präsidenten (Eddie Albert) zu ermorden, bevor dieser ein großflächiges Abrüstungsprogramm initiieren kann...

Was ein wunderbarer, tatsächlich gar exemplarischer Stoff für David Cronenberg hätte sein können, landete bei dem dann doch wesentlich konventioneller arbeitenden Regisseur Joseph Ruben. Skrupellose Wissenschaftler, spielballgleiche Versuchsprobanden, Traumsphäre, schweißtreibende Visionen der Apokalypse: sämtlich Motive, mit denen Cronenberg sich unter anderem während seiner damaligen Schaffensphase befasste. Die Idee eines "Traumduells" zwischen einem aufrechten Helden und einem wahnsinnigen Killer, in die die Story sich nach einigem episodischen Vorgeplänkel überführt wird, bietet nebenbei multiple Möglichkeiten für phantasmagorische Kreationen und Setgestaltungen, die jedoch, primär vermutlich einem begrenzten Budget geschuldet, leider bloß ansatzweise Entsprechungen finden. Nichtsdestotrotz nimmt sich "Dreamscape" als ein für seine Verhältnisse ambitioniert hergestellter, gewissermaßen typologischer Genrefilm der frühen Mittachtziger mit einer formidablen Besetzung aus, der seinen Charme über die Jahre bewahren konnte. Was allerdings Meister Cronenberg aus dieser Steilvorlage gemacht hätte, lässt sich leider bloß erahnen...

8/10

Joseph Ruben Traum Verschwörung Madness Duell Kalifornien Kalter Krieg