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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE UNBEARABLE LIGHTNESS OF BEING (Philip Kaufman/USA 1988)


"Take off your clothes."

The Unbearable Lightness Of Being (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins) ~ USA 1988
Directed By: Philip Kaufman

Zur Zeit des Prager Frühlings lernt der renommierte Hirnchirurg Tomas (Daniel Day-Lewis), ein wilder Filou, die sanfte Kellnerin Tereza (Juliette Binoche) kennen und lieben. Zusammen mit der lebenslustigen Künstlerin Sabina (Lena Olin), mit der Tomas schon seit langem ein rein sexuelles Verhältnis pflegt, das Tereza trotz ihrer baldigen Heirat mit Tomas weiterhin widerwillig duldet, erlebt das Paar Höhen und Tiefen ihrer Beziehung. Angewidert von der Systemtreue des Altherren-Parteiflügels verfasst Tomas ein Pamphlet, in dem er die Kommunisten mit dem durch die Erkenntnis der Wahrheit gestraften König Ödipus vergleicht und das ein liberales Blatt veröffentlicht. Kurz vor dem Einmarsch der Hardliner-Kommunisten und Dubčeks Rücktritt im August desselben Jahres setzt sich Sabina nach Genf ab; Tomas und Tereza folgen ihr. Terezas Ängste und Unsicherheiten angesichts Tomas' nach wie vor sehr freigiebigem Lebensstil treiben sie jedoch nach einiger Zeit allein zurück in das mittlerweile trist anmutende Prag. Tomas, der Tereza bald vermisst, folgt ihr nach und soll einen Widerruf seiner dereinst verfassten Schrift unterzeichnen. Als er sich weigert, erhält er Berufsverbot und muss sich als Fensterputzer durchschlagen, heißt die "Degradierung" zum einfachen Arbeiter jedoch umweglos willkommen. Schließlich gehen er und Tereza aufs Land, wo sie bei dem Bauern Pavel (Pavel Landowský), einem früheren Patienten von Tomas, unterkommen und noch einmal glückliche Tage erleben. Ein gemeinsamer Autounfall setzt ihrer beider Leben ein Ende. Die mittlerweile in die USA emigrierte Sabina erhält Nachricht von Tod ihrer Freunde und ist zutiefst erschüttert.

An meinen erstmaligen Kontakt mit Kunderas Jahrhundertroman erinnere ich mich noch gut: Das war noch vor der Verfilmung, irgendwann Mitte der Achtziger, als "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" gerade der heißeste Belletristik-Scheiß all around war und meine vier Jahre ältere Cousine das Buch (leihweise, wenn ich mich recht erinnere) las - zur größten Empörung meiner erzspießigen Tante (von der ich später zumindest die Berufswahl übernahm), die dahinter für Teenager höchst ungeeignete Pornographie witterte und dementsprechend wetterte. Es gab dann bei einem sommerlichen Grillfest bei den Verwandten eine hitzige Tischdiskussion, der ich höchst gespannt lauschte. Bis ich selbst zu Kunderas Buch griff, war ich bereits mit literarischen Schmutzfinken wie Miller und Bukowski vertraut; der Tscheche konnte mir also in dieser Hinsicht nichts mehr anhaben. Erst jetzt begriff ich, wie im Prizip herrlich symptomatisch der einstige Disput zwischen Cousine und Tante war; meine Cousine war die Prager Jeunesse im lüsternen Reformtaumel, meine Tante die Sowjets beim Okkupieren ihres gefährdeten Geistes. Fehlte nur noch der Panzer unter ihrem Arsch.
Die von dem für epische bzw. geschichtsträchtige Stoffe perfekt geeigneten Produzenten Saul Zaentz vorbereitete und von Phil Kaufman inszenierte Adaption hält mit Kunderas peitschender Schreibe nicht ganz Schritt, ist aber ein höchst delektables Hollywoood-Epos voller Grandeur und Brillanz, dessen berauschende, tatsächlich niemals ins Anzügliche abfriftende Bilder über die gesamte Distanz des Films vereinnahmen; ganz so, wie es schwierige Liebesgeschichten vor historischen Zäsuren ja im besten Falle immer tun sollten. In den Szenen um den Einmarsch der Truppen und Panzer des Warschauer Pakts erreicht der Film seinen höchsten Effektivitätsgrad: Authentische Aufnahmen des tschechischen Filmemachers Jan Nemec vermischen sich nahtlos mit von dp Sven Nykvist nachgedrehten Sequenzen um die beiden Protagonisten. Hier gehen Fakt und Fiktion eine fast schon beängstigend "wahre" Symbiose ein. Zum Schluss muss man dann gleich zweimal heftigst schlucken: Erst wird die die Geschicke von Tereza und Tomas stets begleitende, unter Krebs leidende Hündin Karenin eingeschläfert, dann, Karenins Ableben weist bereits darauf hin, "entfliehen" die beiden Helden dem repressiven System auf die einzig optionale Art. Weiß, schwarz, Abblende. Aus.

10/10

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CASABLANCA (Michael Curtiz/USA 1942)


"Of all the gin joints, in all the towns, in all the world, she walks into mine."

Casablanca ~ USA 1942
Directed By: Michael Curtiz

Das in Marokko liegende Casablanca dient 1942 als Zwischenstation für Nazi-Flüchtlinge, die von hier aus via Lissabon in die Staaten reisen wollen. Dafür benötigt man jedoch Pässe, Ausweise und Papiere die auf dem hiesigen Schwarzmarkt nur für teures Geld zu bekommen sind. Einer der Hauptumschlagsplätze ist "Rick's Café", ein beliebter Nachtclub, der von dem undurchsichtigen und als höchst arrogant geltendem Amerikaner Rick Blaine (Humphrey Bogart) geführt wird. Von dem Kleinganoven Ugarte (Peter Lorre) erhält Rick eines Abends kurz vor dessen Verhaftung zwei von ermordeten deutschen Kurieren gestohlene Transit-Visa, die ungehindertes Geleit nach Lissabon garantieren. Jene sind gedacht für den flüchtigen Widerständler Victor Laszlo (Paul Henreid) und seine Frau Ilsa Lund (Ingrid Bergman). Doch Rick, der einst in Paris eine Affäre mit Ilsa hatte und sich von ihr sitzengelassen glaubt, weigert sich aus trotzigem Stolz, ihnen die Visa zu überlassen. Für Laszlo wird die Situation derweil zunehmend brenzlig: Der Gestapo-Major Strasser (Conrad Veidt) ist ihm auf den Fersen. Ilsa liebt Rick noch immer und will zu ihm zurückkehren, wenn er zumindest Victor Laszlo eines der Visa überlässt. Doch gerade noch rechtzeitig erwacht in dem herzlosen Zyniker Rick der alte, rebellische Widerstandsgeist und sein verdorrtes Herz beginnt wieder zu schlagen...

"Casablanca" ist Meta-Kino in seiner denkbar pursten Form und eine gar nicht oft genug zu genießende, unerlässliche Lektion, wenn man etwas über den amerikanischen Film und Film per se zu lernen wünscht; und dies nicht allein, weil seine vielen Dialogzeilen, Standfotos, Songs und Filmplakate solitär in ganz besonders ihrer geballten Form an Einfluss beispiellose Bestandteile des popkulturellen Kanons sind. "Casablanca" ist sehr viel mehr: die vielleicht schönste Liebesgeschichte des Kinos; in jedem Falle die schönst unerfüllte; er ist ein leuchtendes Fanal für den Sieg von Integrität über Opportunismus; hat den coolsten Protagonisten aller Kinofilme und dazu eine Ménagerie zumeist zwielichtiger, aber, bis auf den Nazi Strasser, durchweg liebenswerter Charaktere. Selbst der ölige Gauner und Kriecher Ugarte erhält seinen Platz im Herzen des Publikums; immerhin hatte er hinreichend Chuzpe, zwei deutsche Funktionäre zu ermorden und ist im Grunde auch nur einer der vielen Träumer in Casablanca, zumindest aber einer, der (vielleicht unbedachten) Aktionismus lähmender Passivität vorzieht. Ferner darf man nicht vergessen: Ugarte ist der eigentliche Motor der geschilderten Ereignisse. Dann wäre da der dicke Sidney Greenstreet als Signor Ferrari, Besitzer des "Blue Parrot", ein unverwechselbarer Typ, der vielleicht älter und unbeweglicher ist als sein Geschäftskonkurrent Rick, ansonsten jedoch ein recht exaktes mentales Pendant zu diesem darstellt. Oberhaupt des ideologisch nebulösen Tribunals ist Louis Renault, der hiesige Polizei-Präfekt, der, wie er selbst eingesteht, sein Fähnchen stets nach dem Wind zu hängen pflegt. Ein ungewöhnlicher Repräsentant einer vormals revolutionären, stolzen Nation, durch die infolge des unglückseligen Teufelspakt Henri Philippe Pétains ein tiefer Riss verläuft: Irgendwo in Renault schlummert noch der ruhmreiche Patriotismus seiner Väter, sein Hang zu Spiel, Alkohl und schönen Frauen jedoch macht ihn zu einem noch unsteteren Wendehals als Rick. So gewinnt "Casablanca" zum Abschluss dann doch noch sein (vielleicht ohnehin einzig denkbares) Happy End - zwei einstmals schätzenswerte Individuen haben zu ihrer alten Klasse zurückgefunden und können mit wechselseitiger Unterstützung einen neuen Lebensabschnitt beginnen, über dem, soviel ist sicher, insbesondere wegen Männern wie ihnen eines Tages nicht mehr die Hakenkreuz-Flagge wehen wird.

10*/10

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EL SECRETO DE SUS OJOS (Juan José Campanella/ARG, E 2009)


Zitat entfällt.

El Secreto De Sus Ojos (In ihren Augen) ~ ARG/E 2009
Directed By: Juan José Campanella

Buenos Aires, kurz nach der Jahrtausendwende. Der pensionierte Beamte Benjamin Esposito (Ricardo Darín) schreibt einen Roman über einen authentischen Fall, den er 25 Jahre zuvor als Staatsanwaltsgehilfe bearbeitet hatte. Der "Fall Morales" hatte seinerzeit weitreichende Auswirkungen und konnte, obschon auf oberste Anordnung ad acta gelegt, nie gänzlich aufgeklärt werden. Damals war eine junge Frau (Carla Quevedo) vergewaltigt und brutal erschlagen worden, ihren jungen Bräutigam (Pablo Rago) niedergeschlagen hinterlassend. Esposito und sein bester Freund und Kollege, der versoffene Pablo Sandoval (Guillermo Francella), klemmten sich hinter die Suche nach dem Täter und konnten diesen nach langer Zeit tatsächlich in einem ehemaligen Schulfreund des Opfers, Isidoro Gómez (Javier Godino) ausmachen. Mit der zeitgleich entstehenden Militärdiktatur im Land gewinnt Gómez jedoch einflussreiche Freunde und arbeitet trotz offizieller Verurteilung bald als Auftragskiller für die Junta. Esposito und seine Chefin Irene (Soledad Villamil), in die er insgeheim verliebt ist, sind machtlos gegenüber dieser Entwicklung. Und damit nicht genug, entwickelt sich Gómez sogar zu einer latenten Bedrohung für sie, bis er kurz darauf verschwindet. Mit Espositos Aufarbeitung dieses Falles geht also auch die Beantwortung vieler persönlicher Fragen einher.

Ein zu Recht so hochgelobtes und vielgeliebtes Meisterwerk, ganz zweifellos das, was man wahrlich mit Fug und Recht als "perfekten Film" bezeichnen darf. Weniger die Kriminalgeschichte um einen niemals befriedigend beendeten Mordfall steht im Zentrum des Geschehens als die privaten Auswirkungen eines südamerikanischen Landes nach dem Umsturz. Anders als etwa bei Costa-Gavras, der eher die direkten Auswirkungen der Militärdiktatur oder die abertausenden Desaparecidos thematisiert hätte, machen sich in "El Secreto De Sus Ojos" die brüchigen Regimes der Post-Peronisten eher latent bemerkbar: Ein sadistischer Mörder und Soziopath wird zum Staatsinstrument "umfungiert", weil Menschen wie er als Handlanger unentbehrlich werden; eine unausgesprochene Liebe erlischt und bleibt über Jahrzehnte unerfüllt. "Lebenslänglich" ist der wohl wichtigste Terminus des Films, erweitert um die Motive und Geschicke seiner Figuren: lebenslängliche Trauer, lebenslängliche Rache, lebenslänglicher Verzicht. Dies mögen im Vergleich zum legitimierten Terror der Juntas vergleichsweise marginale Schicksale sein, doch in ihren spezifischen Auswirkungen, und das macht Campanellas Werk unmissverständlich klar, sind sie kaum weniger eklatant. So gerät die Geschichte um eine späte Aufarbeitung nie zur Gänze geklärter Ereignisse für Benjamin Esposito vor allem zu einer Reise zu sich selbst, zu einer nie getilgten Schuld und zu einer noch immer offenen Lebensangelegenheit. Dass "El Secreto" am Ende, nach der Revisionierung und Entdeckung ebenso konsequenter wie furchtbarer Privatrechtsprechung den Mut besitzt, der hemmungslosen Romantik doch noch stattzugeben, ist dann Balsam für die Seele. Ach, und die im Zentrum stehende Plansequenz im Fußballstadion dürfte De Palma vor Neid erblassen lassen.
Vielleicht ein neuer Lieblingsfilm, eine Folgebetrachtung wird es zeigen.

10/10

Juan José Campanella Rache Selbstjustiz Argentinien Buenos Aires period piece Eduardo Sacheri


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L'ARMÉE DES OMBRES (Jean-Pierre Melville/F, I 1969)


Zitat entfällt.

L'Armée Des Ombres (Armee im Schatten) ~ F/I 1969
Directed By: Jean-Pierre Melville

Nach der Besatzung durch die Nazis hat die Pariser Résistance, darunter deren Mit-Leiter Philippe Gerbier (Lino Ventura) alle Hände voll damit zu tun, im Verborgenen zu bleiben. Immer wieder schnappt die Gestapo wichtige Mitglieder des Widerstands, denen dann unter Verhör und Folter oft nurmehr der Griff zur Zyankali-Kapsel bleibt. Auch Gerbier wird mehrfach gefasst, kann mithilfe seiner Gesinnungsgenossen jedoch immer wieder entkommen, anders als viele seiner Freunde wie Felix Lepercq (Paul Crauchet) oder Jean-François Jardie (Vincent Cassel). Als die Gestapo die viel geachtete Widerständlerin Mathilde (Simone Signoret) fasst und sie mit ihrer Tochter erpresst, muss Gerbier eine folgenschwere Entscheidung treffen...

"L'Armée Des Ombres", entstanden inmitten seines späten Unterwelt-Zyklus, gilt als Melvilles persönlichster, für viele gar als sein vollendetster Film. Episodenhaft zeichnet er darin in herbstlichem Sepia die ins Leere führenden Werdegänge erklärter Nazi-Gegner dar, die im okkupierten Frankreich Entscheidungen treffen müssen, zu denen sie als einfache Zivilisten niemals gezwungen gewesen wären und allein dadurch ein gerüttelt Maß von ihrer vormaligen Menschenwärme einbüßen. Insofern unterscheiden sich die traurigen Helden aus "L'Armée Des Ombres" gar nicht mal so sehr von Melvilles Gangster-Figuren - wie diese unterliegen sie einem ungeschriebenem Ethos, sind gezwungen, unerkannt und im Untergrund zu agieren, sind auf verschwiegene Helfer und Vertrauensmomente angewiesen und können durch Denunziation Ehre und Leben verlieren.
Der jüdischstämmige Melville, der eigentlich Jean-Pierre Grumbach hieß, nahm den Nachnamen des "Moby Dick"-Autoren als Deckbezeichnung an, während er selbst für die Résistance tätig war. Viele seiner eigenen Erfahrungen hat er in "L'Armée Des Ombres" einfließen lassen; manche der Figuren tragen Facetten seines einstigen Selbst, andere personifizieren damalige Mitstreiter und Freunde. Am Ende, nachdem Gerbier seine aus humaner Hinsicht verabscheuungswürdigste Mission erfüllt hat, schließt Melville seinen Film mit einer bitteren Inventur: Jeder der im Film noch lebenden Charaktere wird, wie uns entsprechende Schrifttafeln verraten, über kurz oder lang selbst von der Gestapo gefasst werden, auch Gerbier selbst, der schon beim letzten Mal kurz davor war, die sadistischen Spiele der Nazis nicht länger mitzuspielen, "hat", so heißt es, "irgendwann genug davon, sich zu verstecken". Diese Wiederentdeckung persönlicher Integrität war damals gleichbedeutend mit der Wahl des Todes.

9/10

Jean Pierre-Melville Nationalsozialismus Widerstand Paris London Vichy-Frankreich


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LA REINE MARGOT (Patrice Chéreau/F, I, D 1994)


Zitat entfällt.

La Reine Margot (Die Bartholomäusnacht) ~ F/I/D 1994
Directed By: Patrice Chéreau

Paris, im August 1572. Nachdem die intrigante Königsmutter Katharina De Medici (Virna Lisi) ihre Tochter Margot (Isabelle Adjani) mit dem protestantischen König Henri de Navarre (Daniel Auteuil) verheiratet hat - eine rein diplomatisch bestimmte Ehe, der beide Parteien nur höchst widerwillig zustimmen - steigern sich die ohnehin latenten Aggressionen am Königshof gegen die Hugenotten, allen voran deren Führer Coligny (Jean-Claude Brialy), noch weiter. Wiederum durch den Einfluss seiner Mutter Katharina befiehlt der psychisch angeschlagene König Charles IX (Jean-Hugues Anglade) die verhängnisvolle Ermordung sämtlicher in Paris befindlicher Hugenotten. Ein beispielloses Massaker folgt, dem rund 6000 Menschen zum Opfer fallen, dem jedoch zumindest Navarre durch den Schutz Margots entgehen kann. Jene verliebt sich ihrerseits in den ebenfalls dem protestantischen Glauben frönenden Edelmann La Môle (Vincent Perez), derweil Navarre sich aus eher eigennützigen Motiven mit Charles befreundet. Sowohl dessen Mutter als auch seinem Bruder Anjou (Pascal Greggory) ist diese Freundschaft ein Dorn im Auge. Von den folgenden Mordanschlägen trifft schließlich einer Charles selbst, der sich elendig an einer Arsen-Vergiftung zu Tode quält. Auch La Môle wird getötet. Navarre flieht zurück in die Gascogne und Margot verlässt Paris, das Haupt ihres Geliebten mit sich führend.

Ein herrlich selbstverliebtes Epos, voll von Pomp, Blut, Sex und Intriganz, schwer und süffig wie ein alter Roter. Der hollywoodschen Art, Historienfilme zu erstellen bewusst entsagend, gibt sich Chéreaus Film ganz europäisch; die Dynastie derer von Medici wird ausgegeben als eine von irrläufigem Adelswahn geprägte Familie, bestehend aus zutiefst selbstgefälligen und bösen bis gestörten Mitgliedern. Über allem thront die legendäre Katharina, die Massenmord und Attentate im Sekundentakt befiehlt und ihren unbeholfenen Sohn als Marionette missbraucht. Wer gegen die Staatsräson oder das, was die Königsfamilie darunter versteht, verstößt, wird ohne großes Zaudern aus dem Weg geräumt, selbst, wenn es eine ganze Glaubensgemeinschaft betrifft. Zwischendrin vögelt sich die nebenbei noch dauergeile Gesellschaft ihre Pfade durch die Betten des Palastes, wobei jederzeit damit gerechnet werden muss, dass ein Parfum, ein Lippenstift oder ein Glas Wein zur Todesfalle werden kann.
Chéreau versteht es ausgezeichnet, dieses gleichfalls morbide wie lebenshungrige Klima des sich neigenden Spätmittelalters mit kräftigen Farben und ausgesuchtem Chiaroscuro zu inszenieren; ohnehin zur Exzentrik neigende Darsteller wie Adjani, Anglade, Auteuil oder der deutsche Thomas Kretschmann spielen dieses ausufernde grand guignol voller beserkerhaftem overacting. Die eine oder andere Länge, die jeweils die kurze Befürchtung aufkommen lässt, "La Reine Margot" gehe gleich die Puste aus, wird durch die garantiert folgende, nächste spektakuläre Sequenz wieder entkräftet. Großes Kostümkino aus der Nachbarschaft also, auch mal schön.

8/10

period piece Historie Biopic Mittelalter Frankreich Paris Pogrom D.C. Patrice Chéreau Alexandre Dumas Familie Geschwister Ehe


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THE LONG GOOD FRIDAY (John Mackenzie/UK 1980)


"It's Good Friday. Have a Bloody Mary."

The Long Good Friday (Rififi am Karfreitag) ~ UK 1980
Directed By: John Mackenzie

Harold Shand (Bob Hoskins) kontrolliert seit Jahren die Londoner Unterwelt. Macht und Reichtum lassen ihn mittlerweile mit sehr viel weitläufigeren Zielen liebäugeln; so sieht sein aktueller Plan eine umfassende, gewinnträchtige Modernisierung des maroden Hafenviertels voraus, unter Beteiligung amerikanischer Mafia-Investitionen. Daher lädt Harold einen Repräsentanten (Eddie Constantine) der Übersee-Konkurrenz pünktlich zum Karfreitag nach London ein, um ihn von seinen Plänen zu überzeugen. Doch jemand pfuscht Harold in die Karten: Sein bester Freund Colin (Paul Freeman) und weitere seiner langjährigen Angestellten werden auf spektakuläre Art ermordet, der von Harold geschmierte Stadtrat Harris (Bryan Marshall) benimmt sich sonderbar aufmüpfig. Seine eilends angestellten Recherchen veranschaulichen Harold bald den Grund für all die Unbill: Eine Racheaktion der IRA und Verrat in den eigenen Reihen durchkreuzen Harolds Absichten und lassen ihn lernen, dass auch er nicht allmächtig ist.

Einer der großen, britischen Gangsterfilme, in einer Phalanx stehend mit "Villain", "Get Carter" und "The Krays" und sie alle an Komplexität und realistischer Perspektive vielleicht noch übetreffend. "The Long Good Friday" ist nicht bloß das Portrait eines kurz vor seinem großen Scheitern stehenden, entmachteten Gangsterbosses, sondern zudem eine Bestandsaufnahme des London der Spätsiebziger, das weg will von seinem etwas muffigen Industrie-Image, sich der Welt öffnen und Internationalität beweisen will und als vordringlichen Repräsentanten für jene Ambitionen ausgerechnet einen aus proletarischen Verhältnissen stammenden Gangster bereithält. Harold Shand, von Bob Hoskins unnachahmlich perfekt interpretiert, ist das wunderbare Exempel eines Gernegroß, der es geschafft hat, sich aus der Gosse zur Unterwelt-Nummer-Eins hochzuarbeiten. Dass man dafür einen Killerinstinkt und extrem Gewaltbereitschaft benötigt, kann Harold auch im weißen Nadelstreifen-Anzug nicht verhehlen; zwar ist er heuer etwas vorsichtiger in der Wahl seiner Mittel, die Betätigung der entsprechenden Tasten kann ihn jedoch noch immer zum Berserker machen. Harold Shand ist und bleibt ein Gangster, so sehr er sich auch in der Rolle des progressiven, mondänen Geschäftsmannes gefällt. Und wie ein Gangster hat er am Ende abzutreten, zusammen mit den per Blitzstreich in Asche gelegten Resten seiner vormals mächtigen Organisation. Vor politischem Terror und Bomben muss selbst ein Harold Shand in die Knie gehen. Das Ende des Films, in dem er, auf der Rückbank eines ihn entführenden Wagens sitzend, mit der Ausweglosigkeit seiner Situation konfrontiert wird, in ihm die Wut brodelt und sich zugleich die Erkenntnis des endgültigen Versagens ihren Weg in seine Miene bahnt, derweil ihm ein kalt lächelnder, von Pierce Brosnan gespielter IRA-Killer die Pistole vors Gesicht hält und ihm Zeit gibt, sich auf sein baldiges Ableben einzustellen, wird wiederum getragen von Hoskins' großer Schauspielkunst.
Dazu das tolle, schmissige Titelthema von Francis Monkman und genussfertig ist a most delicious cinematic dish.

9/10

John Mackenzie London Mafia IRA


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MERCENARY FIGHTERS (Riki Shelach Nissimoff/USA, SA 1988)


"Be the good guys for once..."

Mercenary Fighters (Freedom Fighters) ~ USA/SA 1988
Directed By: Riki Shelach Nissimoff

Die eigentliche Macht im zentralafrikanischen Kleinstaat Shinkasa(!) besitzt keineswegs der Präsident (Leslie Mongezi), sondern der Militärchef Colonel Kyemba (Robert DoQui). Um profitäre Interessen durchsetzen zu können, muss Kyemba sich zunächst der lästigen Guerilla unter deren Führer Jaunde (Henry Cele) entledigen, für die er jedoch eingeschworene Experten in Sachen Krieg, sprich: Söldner benötigt. Zusammen mit einem siebenköpfigen Team nimmt sich der gewissenlose Virelli (Peter Fonda) der Sache an. Für Virelli zählt nur, dass die Kasse stimmt, ansonsten besitzt er keinerlei Ideale. Anders als die beiden von ihm angeheuerten Freunde T.J. Christian (Reb Brown) und Cliff Taylor (Ron O'Neal): Diese lassen sich zwar zunächst kommentarlos einspannen, doch T.J. entdeckt sein Herz für die idealistische Krankenschwester Ruth (Joanna Weinberg), die die Rebellen mit Leib und Seele unterstützt. Auch in Jaunde findet T.J. einen durchaus sympathischen Vertreter für bessere Ziele. Er und Cliff stellen sich schließlich gegen Virelli und Kyemba, der mittlerweile einen Staatsstreich plant...

Söldner in Afrika geben seit Jack Cardiffs "The Mercenaries" stets einen dankbaren Topos im Actionfilm ab. So hat das Genre über die Jahrzehnte viele denkwürdige jener Sub-Beiräge hervorbringen können, darunter auch einige kleinere, weniger beachtete. Zu ebendiesen zählt auch der Exot "Mercenary Fighters", den die Cannon in ihrer späteren Phase vom Stapel ließ. Nicht unbedingt interessant nimmt sich bei diesem Film die wenig bemerkenswerte Inszenierung aus, sondern vielmehr die illustre Besetzung: Peter Fonda, dessen Stern sich um diese Zeit im Sinkflug befand und der des Öfteren für kleines Geld in Abschreibeproduktionen zu sehen war, spielt den leicht sadistisch veranlagten, vor allem jedoch völlig gewissenlosen Oberbösewicht Virelli, Robert Mitchums Ältester Jim ist als sein kaum minder schießwütiger Kumpan Wilson Jeffords an Bord. Allein diese ihren berühmten Vätern wie aus den gesichtern geschnittenen Charakterköpfe besorgen bereits die halbe Miete. Doch damit längst nicht genug: "Superfly" Ron O'Neal (ungebührlicherweise als 'O'Niel' kreditiert) ist der hero's best friend, ein Wiedersehen mit "Shaka Zulu" Henry Cele bringt diesen wiederum als patriotischen Partisanen. Schließlich der stets liebenswerte Muskelbär Reb Brown, zwischenzeitlich back from Italia, der sich Sly Stallones windschiefes Baller-Antlitz aus "Rambo: First Blood Part II" nahtlos zu eigen gemacht hatte und dies in nahezu jedem seiner Filme, so auch diesem hier, auszustellen pflegte. Brown ist gewiss kein guter Schauspieler, seine beeindruckende und zugleich liebenswerte Präsenz jedoch macht ihn immer wieder zum Gewinn. So auch in "Mercenary Fighters", in dem er dem beliebten Archetypen des sich vom Opportunisten zum Idealisten wandelnden good guy revisioniert, später, in einer die Grenzen der Albernheit rigoros durchbrechenden 7-Minuten-Szene gar die Erbfolge des sterbenden Rebellenführers antritt und die Fieslinge mit seinem Kumpel Superfly schlussendlich samt und sonders abserviert.
Ein unbedingter Schlager aus früheren Tagen und klassisches Achtziger-Genrekino zum Angewöhnen.

6/10

Cannon Riki Shelach Nissimoff Afrika Söldner Freundschaft


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AMEN. (Constantin Costa-Gavras/F, D, RO 2002)


"I see no other way to reach people's hearts."

Amen. (Der Stellvertreter) ~ F/D/RO 2002
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Berlin, 1942: Als er infolge familiärer Beziehungen binnen kürzester Zeit zum Offizier der Waffen-SS aufsteigt, glaubt der ebenso naive wie christliche Ingenieur Kurt Gerstein (Ulrich Tukur) noch, dass seine Fortschritte in der Schädlingsmittelbekämpfung den Truppen an der Ostfront zugute kommen. Der mysteriöse "Doktor" (Ulrich Mühe) jedoch belehrt den Schockierten eines Besseren: Die Euthanasie, die systematische Ermordung geistig Behinderter, gehört ebenso zum verschleierten Nazi-Alltag wie die mittlerweile beschlossene "Endlösung der Judenfrage": Ganze Dynastien werden in Viehwagons gen Osten deportiert und dort im großindustrillen Maßstab und unter Verwendung des von Gerstein mitbeschafften Giftgases Zyklon B vernichtet. Hoffnung wähnt Gerstein beim schwedischen Botschafter (Justus von Dohányi) und bei der katholischen Kirche. Zum einen sollen die Alliierten über die Gaskammern und Krematorien in Kenntnis gesetzt werden, zum anderen versucht Gerstein mithilfe des idealistischen Jesuiten Riccardo Fontana (Matthieu Kassovitz), den Vatikan zu einer öffentlichen Verurteilung der Nazigräuel zu bewegen. Doch die allgemeine Angst vor Hitler überwiegt hier wie dort, niemand, am wenigsten Papst Pius XII (Marcel Iures), fühlt sich verantwortlich, bis zum Kriegsende Wesentliches zu unternehmen.

Back from Hollywood: Die von reichlich Arroganz gekennzeichnete katholische Praxis der Ignoranz und der Wahl des geringsten Widerstands angesichts der sich immer weiter auftürmenden Nazi-Verbrechen war bereits in dessen Veröffentlichungsjahr 1961 Thema von Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter". Ganze vierzig Jahre dauerte es bis zu dieser Verfilmung durch Costa-Gavras, zugleich der zweite Film des Regisseurs nach dem im besetzten Frankreich unter der Vichy-Regierung spielenden "Section Spéciale", der sich mit dem Nationalsozialismus der Weltkriegsjahre befasst. Weitaus weniger emotional als viele andere Holocaust-Dramen der letzten Jahrzehnte kommt "Amen." daher, lässt etwas den Blick für die Essenz von Hochhuths Drama vermissen und sucht viel mehr nach möglichen Erklärungen dafür, wie die Massenvernichtung der Juden im internationalen Spiegel solange "übersehen" werden konnte. Dem bekennenden Christen und SS-Offizier Kurt Gerstein, von Ulrich Tukur im Film als überaus liebenswerter Zeitgenosse interpretiert, dem ein widerständliches Herz unter den Blitz-Runen schlägt, gilt heute als einer der wichtigsten bekennenden Zeugen der Vernichtungspraktiken. Bevor man ihm nach Kriegsende in Paris den Prozess machen konnte, fand man Gerstein in seiner Zelle erhängt vor - Fremdeinwirkung nicht ausgeschlossen.
Hinzugedichtet sind der, obschon auf realen Vorbildern basierende, Charakter des Märtyrers Riccardo Fontana, Gersteins persönliche Beziehung mit dem in Stück und Film namenlos bleibenden 'Doktor' Josef Mengele (hier gespielt von Ulrich Mühe) wiewohl auch sein eindeutig als heroisch zu bezeichnendes Engagement gegen das Reich, dessen Widerspruch zu seiner beständigen Funktion als Obersturmführer im Film nicht zufriedenstellend aufgelöst wird. So ist Gersteins tatsächliches Wesen bis heute historisch nicht eindeutig festlegbar. Costa-Gavras gestattete sich bei aller sonstigen Ehrenwertigkeit des Projekts einige sicher vermeidbare Faux-pas: Zunächst finde ich es diskutabel, ob es bei einer zu knapp 90 Prozent deutschsprachigen Besetzung wirklich Not tat, als Originalsprache Englisch zu wählen, die Sprachkenntnisse des Regisseurs hin oder her. Ferner stellt sich mir die Frage, ob die permanent durch den Film rollenden Deportationszüge bewusst in die jeweils "falsche" Bildrichtung fahren (also leer von West nach Ost, voll von Ost nach West) oder ob dies inszenatorische Manier ist. Dem gehenüber stehen großartige Szenen wie etwa die, in der Riccardo versucht, die Kardinäle beim üppigen Frühstück von den ihm durch Gerstein geschilderten Naziverbrechen zu unterrichten und diese ganz untangiert weiterspeisen. Da schimmert dann wieder ganz der alte, starke Costa-Gavras hervor.

7/10

Constantin Costa-Gavras Rolf Hochhuth based on play period piece Historie Nationalsozialismus Holocaust WWII Kirche Rom Vatikan Berlin Auschwitz Widerstand


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MISSING (Constantin Costa-Gavras/USA 1982)


"We're not involved, Mr Horman."

Missing (Vermisst) ~ USA 1982
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Santiago de Chile, September 1973: Der für ein linkes Blatt tätige, US-amerikanische Journalist Charlie Horman (John Shea) verschwindet während des Militärputschs durch Pinochet spurlos. Zusammen mit Charlies Vater Ed (Jack Lemmon), einem einflussreichen New Yorker Geschäftsmann, sucht seine Frau Beth (Sissy Spacek) vor Ort nach Spuren Charlies, während die Junta ihr blutiges Schreckensregime weiter installiert. Im naiven Glauben, die US-Administration vor Ort sei bezüglich seiner Investigation hilfsbereit, muss sich Ed Horman bald vom Gegenteil überzeugen lassen: Charlie ist während eines zufälligen Kurzaufenthalts im Badeort Viña del Mar auf einen redseligen US-Militärberater (Richard Bradford) gestoßen, der keinen Zweifel an der US-Intervention bei Pinochets Staatsstreich ließ. Wie tausende andere Verdächtige wurde Charlie daraufhin in das als riesiges Konzentrationslager dienende Nationalstadion verschleppt, wo sich seine Spur - ebenso wie die Tausender anderer Exekutierter - verliert. Am Ende seines sein Weltbild geraderückenden Aufenthalts in Santiago begreift Ed die weitreichenden Verstrickungen der USA nicht nur in diesen lateinamerikanische Machtwechsel.

Costa-Gavras' erste US-Produktion macht glücklicherweise nur wenige Zugeständnisse an massengeschmäcklerische Erwartungshaltungen. Zwar gestaltet sich seine Inszenierung glatter und zugänglicher als zuvor und bietet mit Lemmon und Spacek zwei "unkomplizierte" Stars als Identifikationsfiguren auf; der politischen Brisanz und leidenschaftlichen Aufbereitung des Themas jedoch tut dies kaum Abbruch. "Missing" ist ein Werk, das Türen aufstieß: Die Involvierung der CIA nebst der von Polizei- und Militärberatern in die Politik lateinamerikanischen Länder wurde in keinem vorherigen Studiofilm so gnadenlos und präzise umrissen wie hier. Zu Beginn des Films wird erklärt, dass einige Namen der in die neun Jahre zuvor geschehenen Ereignisse Beteiligten "zum Schutz der Personen und des Films geändert" werden mussten. Die Begriffe 'Chile', 'Pinochet' und 'Allende' fallen nicht, von Nixon ist lediglich einmal ein Wandporträt zu sehen, ganz am Ende erklingt aus dem Off der Name Kissingers. Der vehement verharmlosende, lügende und leugnende US-Botschafter vor Ort bleibt ungetauft; sein reales Pendant Nathaniel Davis, mittlerweile a.D., dessen Nennung immerhin in der dem Film zugrunde liegenden Buchvorlage von Thomas Hauser auftaucht, verklagte die Universal bei Erscheinen des Films auf eine Multi-Millionen-Dollar-Summe und sorgte für die vorübergehende Absetzung des Films. Beide Maßnahmen erwiesen sich jedoch als von mittelfristiger Erfolglosigkeit gekrönt. Immerhin: Charles Hormans Name - ohnedies der wichtigste des Films - bleibt unverfälscht und stolzes Zentrum der traurigen Schilderungen. Bei aller Ehrenhaftigkeit des Projekts: Dass ausgerechnet das Verschwinden des Sohnes eines reichen, einflussreichen New Yorker Businessman solche Wellen schlug, ist sicherlich wichtig und richtig. Dass jedoch auch ein Costa-Gavras nur die Spitzen der Pinochets Putsch säumenden Leichenberge der zehntausenden von Toten und Vermissten zeigen kann, deren Verlust weitaus stiller und ungehörter betrauert werden musste denn der Charles Hormans, sollte zu keiner Sekunde vergessen werden.

9/10

Constantin Costa-Gavras Chile period piece Historie Vater & Sohn Südamerika CIA


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ÉTAT DE SIÈGE (Constantin Costa-Gavras/F, I, BRD 1972)


"Dead?" - "Dead."

État De Siège (Der unsichtbare Aufstand) ~ F/I/BRD 1972
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Der für die vorgeblich technische Beratungsfirma A.I.D. in Montevideo tätige Philip Michael Santore (Yves Montand) wird unter großem Gezeter der amtierenden Militärregierung als eines von drei Zielen von der Stadtguerilla, den Tupamaros, entführt und verhört. Er soll für den erpressten Austausch politischer Gefangener herhalten. Während seiner siebentägigen Geiselhaft konfrontiert man Santore mit unumstößlichen, bewiesenen Fakten, die er zunächst vehement zu leugnen versucht: Tatsächlich ist er inoffizieller Polizei- und Militärberater, der für die US-Regierung in wechselnde lateinamerikanische Krisenherde reist, um dort die jeweilige Junta zu unterstützen und die Bildung von Todesschwadronen, die gezielt gegen revolutionäre Strömungen vorgehen, zu forcieren. Zu seinem "Lehrplan" zählen die Vermittlung brutalster Verhör- und Folterpraktiken sowie die praktische Schulung in Waffen- und Spengstoffgebrauch. Nach einigen Tagen gesteht Santore und äußert seine wahre politische Überzeugung: Dass sozialistische und kommunistische Strömungen überall auf der Welt systemzersetzend seien und mit allen Mitteln bekämpft werden müssten. Dass seine Person dabei nur ein austauschbares Zahnrädchen des sich immer weiter ausbreitenden, verselbstständigenden imperialistischen Virus von US-Banken und -Großkonzernen ist, wird ihm dabei selbst offenbar. Die Regierung geht auf die Forderungen der Tupamaros nicht ein und Santore wird exekutiert. Noch am Tage seiner Beerdigung steigt bereits sein Nachfolger aus dem Flugzeug.

"État De Siège" bildet den vorläufigen Abschluss von Costa-Gavras' Trilogie um Machtmissbrauch in repressiven Staatssystemen nach seinem Meisterwerk "Z" und dem mir zu meine größten Bedauern noch unbekannten "L'Aveu", der sich mit der Lage in der damaligen ČSSR befasst (in diesem Zusammenhang möchte ich es einmal mehr als große, ja, peinliche Schande anprangern, dass bis dato keiner von Costa-Gavras' "frühen", bis 1988 entstandenen Filmen - mit Ausnahme des unpolitischen "Clair De Femme" - trotz oftmals bundesdeutscher Produktionsbeteiligung hierzulande auf DVD erhältlich ist). In "État De Siège" (dessen Titel korrekt wahlweise als "Belagerungszustand" oder "Belagerungsstaat" übersetzt werden kann) schwenkt Costa-Gavras nach Südamerika und berichtet von dem - wiederum authentischen - Fall des in Uruguay offiziell als "Sicherheitsberaters" tätigen Daniel Anthony Mitrione, der tatsächlich im Auftrag der CIA jen- und auch diesseits der nordamerikanischen Grenzen die regierenden, faschistischen Kräfte im Kampf gegen revolutionäre Strömungen unterstützte, indem er ihnen Sonderausbildungen in Auspür- und Foltermethoden ermöglichte. Mitrione wurde von den Tupamaros gekidnappt und als Druckmittel für einen möglichen Regierungswechsel infolge antizipierter staatlicher Hilflosigkeit eingesetzt. Jener Plan schlug fehl und führte zu Mitriones Hinrichtung.
Weitaus weniger als noch "Z", der sich immerhin in Costa-Gavras' Vaterland verortete, versteht sich "État De Siège" als eindeutiges Pamphlet. Er erliegt nicht der falschen, wenngleich naheliegenden Versuchung, Santore/Mitrione als gewissenloses Monster und Projektionsfläche kapitalistischer Einflussnahme darzustellen, sondern als Opfer seines Berufsstandes, seiner fehlausgeprägten Ansichten und vor allem der unglücklichen Umstände. Dies verdankt Costa-Gavras nicht zuletzt der wiederum nuancierten Darstellung Montands, der seine Figur als einen seiner Sache selbst kaum mehr sicheren Handlanger darstellt, welcher seinen nahenden, gewaltsamen Tod mehr oder weniger akzeptiert, da er die Denkweise seiner eigenen Seite nicht nur begreift, sondern sogar entscheidend mitgeprägt hat: Ein funktionierender Militärstaat darf nicht erpressbar sein, sondern muss über personelle Kollateralschäden hinwegsehen können. Dennoch lässt der Regisseur die aus "Z" bekannte Leidenschaft auch hierin nicht vermissen: Die von einem überparteilichen, von O.E. Hasse gespielten Journalisten vorgetragenen, essayistischen Gedanken erläutern vorzüglich den großen Komplex, um den es bei alldem letzten Endes und einzig und allein geht: Einflussnahme, Fremdbestimmung, Geld. Kurz: Macht.

10/10

Constantin Costa-Gavras Uruguay CIA Südamerika Kidnapping





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Funxton

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