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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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WAG THE DOG (Barry Levinson/USA 1997)


"A good plan today is better than a perfect plan tomorrow."

Wag The Dog ~ USA 1997
Directed By: Barry Levinson

Als nur zwei Wochen vor den Wahlen bekannt wird, dass der amtierende US-Präsident eine minderjährige Schülerin auf Besuch im Weißen Haus verführt hat, wird Connie Brean (Robert De Niro), Vertuschungsspezialist allererster Güte, hinzugezogen. Mithilfe des Hollywood-Produzenten Stanley Motss (Dustin Hoffman) inszeniert Brean kurzerhand einen Krieg gegen Albanien, um die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit von dem Skandal abzulenken. Trotz diverser Unwägbarkeiten geht der Plan letzten Endes voll auf, nur dass Motss schließlich seine geheime Verschwörerrolle nicht mehr spielen mag...

Nach der Lewinsky-Affäre um Bill Clinton gab es gleich einen ganzen Schwung von Politsatiren, die mehr oder weniger scharf die Öffentlichkeitsarbeit des Weißen Hauses und die Beeinflussbarkeit der medialen Objektivität ins Kreuzfeuer nahmen. "Wag The Dog" dürfte darunter wohl den vordersten Platz einnehmen, denn hierin wird die PR-Maschinerie des obersten Landesvertreters mitsamt ihrer Manipulations- und Verschleierungsmöglichkeiten gnadenlos mit einer praktisch allmächtigen Verbrecherorganisation gleichgesetzt. Dass Robert De Niro den freundlich auftretenden Medienberater Connie Brean personifiziert, ist dabei kein Zufall. Der in Gangsterrollen versierte Mime trägt hier zwar keine Maßanzüge und wirkt mit seinem buschigen Bart eher wie ein liebenswerter Kauz; wie groß tatsächlich sein Machtradius, zu welcher Eiseskälte er fähig ist und dass jede seiner zunächst ironisch wirkenden Todesdrohungen gegen aufmüpfige Mitwisser höchst ernst gemeint ist, wird spätestens gegen Ende des Films auf kompromisslose Weise verdeutlicht. Gegen Brean haben selbst CIA, FBI und Militär keine Chance, er ist der Mann am längsten Hebel der Staatsräson. Wie "Wag The Dog" seinen Spagat zwischen Komik und durchaus ernst gemeinter Regierungsschelte vollzieht, seine schneidige Scriptarbeit, das macht ihn zu einer der brillantesten und nachhaltigsten Arbeiten Levinsons. Ein wenig Kritik darf und muss der unbeständigen, teils unentschlossenen Inszenierung gelten, die sich mitunter nicht recht entscheiden kann, ob sie eher einem modisch-hektischen Pseudoreportage-Stil oder doch klassischer Erzählkunst zugetan sein möchte. Anhand dessen ließe sich mutmaßen, ob ein anderer Regisseur noch mehr aus dem Stoff hätte herausholen mögen.

8/10

Barry Levinson Satire Hollywood Politik Fernsehen


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HIDDEN AGENDA (Ken Loach/UK 1990)


"God, you people are living in the dark ages."

Hidden Agenda (Das Geheimprotokoll) ~ UK 1990
Directed By: Ken Loach

Belfast in den frühen Achtzigern: Die beiden US-Menschenrechtsaktivisten Paul Sullivan (Brad Dourif) und Ingrid Jessner (Frances McDormand) sind vor Ort, um den Wahrheitsgehalt der Aussagen vormaliger politischer Gefangener der IRA zu überprüfen. Als der abtrünnige britische Agent Harris (Maurice Roëves) zu Paul Kontakt aufnimmt, wird dieser zusammen mit Harris' Kontaktmann ermordet. Die Polizei verschleiert die Tat und deklariert sie als Attentat der IRA. Gemeinsam mit dem aus England eingeflogenen, ermittelnden Polizisten Kerrigan (Brian Cox) stößt Ingrid auf die Existenz einer Cassette, die Harris dereinst aufgezeichnet hat und auf der eine Diskussion hoher Machtvertreter und Militärs darüber zu hören ist, wie die Regierungsübernahme durch die Tories unter Margaret Thatcher von Nordirland aus gezielt flankiert werden kann. Als Kerrigan in Kenntnis über die Wahrheit gerät, setzt man ihn gezielt unter Druck. Ingrid jedoch lässt sich nicht beirren.

Starkes, linkes Politkino von Ken Loach, der mit "Hidden Agenda" sehr in Richtung Costa-Gavras schielt. Natürlich ist Loachs Interpretation der Ereignisse rund um den Norirland-Konflikt eine ebenso komplexitätsreduzierte wie populistische. Der latent schwelende Krieg rund um Dublin wird als notwendige anti-imperialistische Maßnahme der Nordiren gewertet, als Kolonialkonflikt, der dazu angetan ist, die Besatzer von der Nachbarinsel mittelfristig aus dem Areal zu vertreiben und zur Republikwerdung zu führen. Loach unterstreicht dieses ebenso simple wie klare Statement mittels eines gescheiten Kniffs: Nordirland wird von den Machthabern in der Downing Street lediglich als Machtstütze missbraucht. Tatsächlich ist eine versteckte Vitalisierung oder gar Provokation terroristischer Aktionen durch die Besetzten sogar im Interesse der britischen Regierung: Politische Märtyrer machen sich gut als zweckdienliche Faktoren für Öffentlichkeitsarbeit.
Kein unbedingtes formales Schmankerl, dafür ein beherztes, intelligentes Stück filmischen Protests. Und wie packend kann ein solches zum rechten Zeitpunkt sein.

8/10

Ken Loach period piece Nordirland Irland Belfast Dublin Verschwörung Nordirland-Konflikt


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LAST EMBRACE (Jonathan Demme/USA 1979)


"A moment of reverence, please."

Last Embrace (Tödliche Umarmung) ~ USA 1979
Directed By: Jonathan Demme

Als bei einer ihm geltenden Mordattacke seine Frau (Sandy McLeod) erschossen wird, bleibt US-Agent Harry Hannan (Roy Scheider) schwer traumatisiert zurück. Nach sieben Jahren in einem Nerven-Sanatorium versucht Hannan, in sein altes Leben zurückzukehren, doch noch immer scheint ihm jemand nach dem Leben zu trachten. Während seine frühere Abteilung in ihrem nach wie vor verstört wirkenden Mitarbeiter ein Sicherheitsrisiko zu sehen beginnt, entdeckt Harry, dass jemand aus dem Hintergrund gezielt jüdischstämmige Männer ermordet, die allesamt etwas mit einem vor Jahrzehnten florierenden New Yorker Bordellbetrieb zu tun haben.

Mit "Last Embrace" inszenierte der vormalige Corman-Eleve Jonathan Demme eine sich durchaus luzide präsentierende Hitchcock-Hommage, wobei Anspruch und Realisierung nicht durchweg eine konforme Richtung einschlagen. Die Narration erweist sich in Relation zum eigentlich einfachen Rache-Plot im Sujetkern als allzu ambitioniert, um nicht zu sagen umständlich. Der zugrunde liegende Roman ist mir zwar nicht bekannt, es liegt jedoch nahe, dass dieser unwesentlich mehr als eine ordinäre Kriminalgeschichte vorlegt, während Demmes Arbeit beinahe zwangsweise den Hauch großangelegten Suspense zu atmen trachtet; die inhaltlichen Irrungen und Wirrungen, die Harry Hannan, seiner Ikonographie entsprechend einen verwirrten Profi, eigentlich nicht so sehr ins Bockshorn jagen dürften, wie es im Film letzten Endes geschieht, bekommen einen reinen Alibi-Charakter. Dennoch ist der Gute auf diverse Hinweise und Hilfen von außen angewiesen, deren Einsatz (Sam Levene!) sich mitunter kaum minder mysteriös gestaltet als die auf ihn abzielende Verschwörung. Die Auflösung des Ganzen schließlich erweist sich als eher alberne, völlig von der Kontemplation des Zuschauers abhängige Offenbarung, die, anders als es etwa bei De Palma der Fall ist, gar nicht recht um ihr triviales Wesen zu wissen scheint.
Ein absoluter Regiefilm also, in dem Form und Inhalt in einiger Unrelation zueinander stehen.

7/10

Jonathan Demme New York Verschwörung ethnics Madness Rache Prostitution Serienmord


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TOWN WITHOUT PITY (Gottfried Reinhardt/USA, D, CH 1961)


"Take her and leave this town, as quick as you can, and never come back!"

Town Without Pity (Stadt ohne Mitleid) ~ USA/BRD/CH 1961
Directed By: Gottfried Reinhardt

Eine bayrische Kleinstadt lebt vor allem von den vor Ort kasernierten G.I.s, die ihren Sold gern in den wenigen hiesigen Bars und mit den zwei, drei Nutten vor Ort verprassen. Als ein Soldatenquartett (Robert Blake, Richard Jaeckel, Frank Sutton, Mal Sondock) im Suff die sechzehnjährige Karin Steinhof (Christine Kaufmann) vergewaltigt, fliegt das Verbrechen umgehend auf und die vier uneinsichtigen Männer landen vorm Militärgericht. Dieses will an ihnen ein Exempel statuieren und eine Verurteilung zum Tode erwirken, was ihr rasch herbeieilender Verteidiger Major Garrett (Kirk Douglas) jedoch tunlichst verhindern möchte. Da alle Welt gegen ihn zu arbeiten scheint und insbesondere der um sein gesellschaftliches Renommee fürchtende Vater (Hans Nielsen) des Opfers Garretts Strategie torpediert, bleibt dem Anwalt keine andere Wahl, als Karin vorzuladen und öffentlich bloßzustellen, um die Schuld der Angeklagten abzumildern. Für das nach wie vor verwirrte Mädchen hat Garretts verzweifeltes Vorgehen jedoch katastrophale Folgen.

Dieser durchaus gelungene Versuch, deutsches Kolportagekino mit schneidig-sozialkritischem Hollywood-Gerichtsfilm zu verknüpfen, trug dank Gottfried Reinhardts Inszenierung, die mit einigem Geschick beiderlei auf den ersten Blick unvereinbare Richtungen abdeckt, recht genießbare Früchte. Das bereits dem Namen nach als Milieuschilderung angelegte Drama, welches das damals grassierende, schwer wie kalter Zigarettenqualm in den bundesdeutschen Wohnzimmern hängende Wirtschaftswunder-Biedermeiertum anprangerte, weiß besonders durch den Einsatz internationaler Schauspiel-Prominenz für sich einzunehmen: Mit Kirk Douglas in der Hauptrolle des gewieften, aber unerbittlichen Advokaten, die seiner ohnehin oftmals kritisch gezeichneten Heldentypologie einen weiteren, janusköpfigen Meilenstein hinzusetzte, gibt es bereits hinreichend verströmtes Hollywood-Flair, der weitere Einsatz von E.G. Marshall oder Robert Blake tut sein Übriges dazu. Der von niemand Geringerem als Dimitri Tiomkin komponierte und von Gene Pitney gesungene Titel-Schmachtfetzen sorgt dafür, dass der akustische Niederschlag des Films sich auch nach Tagen nicht verflüchtigen mag und dass demzufolge auch die vielen Profilbilder von einem erschütterten Kirk Douglas oder einer sich vor Qual windenden Christine Kaufmann im Gedächtnis bleiben.

8/10

Gottfried Reinhardt Kleinstadt Vergewaltigung Courtroom


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MAN ON FIRE (Élie Chouraqui/ I, F 1987)


"Guys like us ain't got nobody in the world... but not us."

Man On Fire ~ I/F 1987
Directed By: Élie Chouraqui

Der frühere CIA-Mann Creasy (Scott Glenn) lebt nach unguten "Geschäftserfahrungen" nunmehr von der Hand in den Mund. Sein Kumpel David (Joe Pesci) organisiert ihm einen Posten im Personenschutz in der Nähe von Mailand. Er soll Samantha (Jade Malle), die zwölfjährige Tochter eines wohlhabenden Geschäftsehepaars (Paul Shenar, Brooke Adams) im Auge behalten. Aus dem zunächst unangenehmen Job wird eine Lebensaufgabe: als das Eis einmal geschmolzen ist, werden Sam und Creasy, beide einsame Seeleninsulaner, dicke Freunde. Als Sam dann von einer Gruppe übler Ganoven entführt wird, und Creasy schwer angeschossen wird, sieht dieser rot und schießt sich den Weg bis zu dem Mädchen frei.

Leider waren Scott Glenns spärliche Gehversuche im Genre nie von dem verdienten Erfolg gekrönt; während einige seiner eher muskulös physiognomierten Kollegen im reaktionären Actionfilm der Achtziger sich zumindest im B-Film-Sektor eine geregelte fanbase erwirtschafteten, blieben für den eher nachdenklichen Akteur bestenfalls Krümelreste übrig. "Man On Fire" bildete einen der wenigen Fälle, in denen Glenn für eine Hauptrolle vorgesehen war und diese mit seinem stillen Stoizismus dann ganz vortrefflich ausfüllte. Chouraquis Rachefilm ist vielleicht einer der finstersten seines Umkreises, er zeigt ein Kaleidoskop gebrochener Typen, deren Existenz wahlweise desolat oder bemitleidenswert verläuft. Wo sich zumindest für die beiden Protagonisten Creasy und Sam ein nicht ganz unproblematischer Ausweg in Form einer unerfüllbaren Vater-Sohn-Beziehung, möglicherweise auch einer unmöglichen Liebesgeschichte eröffnet, fährt bald die äußere Gewalt durch kriminelle Umtriebe dazwischen. Das Mädchen wird entführt, später andeutungsweise auch vergewaltigt und bleibt nach seinem offenbar nicht eben kurzem Martyrium psychisch verkrüppelt zurück; der bereits vorgeschädigte Profikiller kann zwar seine selbstauferlegte Mission, das Kind zu finden und zurückzuholen, erfüllen; jedoch nur um den Preis des rücksichtsloser Vigilanterie, die mit einigen Folterungen und Hinrichtungen einhergeht, ebenjenen Methoden also, denen er eigentlich längst abgeschworen hatte. Wie es mit den beiden weitergehen wird, bleibt offen; ein "geregeltes" happy end jedenfalls hält "Man On Fire" bewusst nicht bereit.
In seiner konsequent vorgetragenen Geschichte um sich schmerzlich erfüllende Zwangswege entpuppt sich der formal eher karge Film als ein kleiner, diskursiver Meilenstein des dunklen Actionthrillers, dem bis heute viel zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde und von dem ich mir endlich eine adäquate Heimedition wünsche.

8/10

Élie Chouraqui Freundschaft Mailand Italien Rache Kidnapping


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THE UNBEARABLE LIGHTNESS OF BEING (Philip Kaufman/USA 1988)


"Take off your clothes."

The Unbearable Lightness Of Being (Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins) ~ USA 1988
Directed By: Philip Kaufman

Zur Zeit des Prager Frühlings lernt der renommierte Hirnchirurg Tomas (Daniel Day-Lewis), ein wilder Filou, die sanfte Kellnerin Tereza (Juliette Binoche) kennen und lieben. Zusammen mit der lebenslustigen Künstlerin Sabina (Lena Olin), mit der Tomas schon seit langem ein rein sexuelles Verhältnis pflegt, das Tereza trotz ihrer baldigen Heirat mit Tomas weiterhin widerwillig duldet, erlebt das Paar Höhen und Tiefen ihrer Beziehung. Angewidert von der Systemtreue des Altherren-Parteiflügels verfasst Tomas ein Pamphlet, in dem er die Kommunisten mit dem durch die Erkenntnis der Wahrheit gestraften König Ödipus vergleicht und das ein liberales Blatt veröffentlicht. Kurz vor dem Einmarsch der Hardliner-Kommunisten und Dubčeks Rücktritt im August desselben Jahres setzt sich Sabina nach Genf ab; Tomas und Tereza folgen ihr. Terezas Ängste und Unsicherheiten angesichts Tomas' nach wie vor sehr freigiebigem Lebensstil treiben sie jedoch nach einiger Zeit allein zurück in das mittlerweile trist anmutende Prag. Tomas, der Tereza bald vermisst, folgt ihr nach und soll einen Widerruf seiner dereinst verfassten Schrift unterzeichnen. Als er sich weigert, erhält er Berufsverbot und muss sich als Fensterputzer durchschlagen, heißt die "Degradierung" zum einfachen Arbeiter jedoch umweglos willkommen. Schließlich gehen er und Tereza aufs Land, wo sie bei dem Bauern Pavel (Pavel Landowský), einem früheren Patienten von Tomas, unterkommen und noch einmal glückliche Tage erleben. Ein gemeinsamer Autounfall setzt ihrer beider Leben ein Ende. Die mittlerweile in die USA emigrierte Sabina erhält Nachricht von Tod ihrer Freunde und ist zutiefst erschüttert.

An meinen erstmaligen Kontakt mit Kunderas Jahrhundertroman erinnere ich mich noch gut: Das war noch vor der Verfilmung, irgendwann Mitte der Achtziger, als "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" gerade der heißeste Belletristik-Scheiß all around war und meine vier Jahre ältere Cousine das Buch (leihweise, wenn ich mich recht erinnere) las - zur größten Empörung meiner erzspießigen Tante (von der ich später zumindest die Berufswahl übernahm), die dahinter für Teenager höchst ungeeignete Pornographie witterte und dementsprechend wetterte. Es gab dann bei einem sommerlichen Grillfest bei den Verwandten eine hitzige Tischdiskussion, der ich höchst gespannt lauschte. Bis ich selbst zu Kunderas Buch griff, war ich bereits mit literarischen Schmutzfinken wie Miller und Bukowski vertraut; der Tscheche konnte mir also in dieser Hinsicht nichts mehr anhaben. Erst jetzt begriff ich, wie im Prizip herrlich symptomatisch der einstige Disput zwischen Cousine und Tante war; meine Cousine war die Prager Jeunesse im lüsternen Reformtaumel, meine Tante die Sowjets beim Okkupieren ihres gefährdeten Geistes. Fehlte nur noch der Panzer unter ihrem Arsch.
Die von dem für epische bzw. geschichtsträchtige Stoffe perfekt geeigneten Produzenten Saul Zaentz vorbereitete und von Phil Kaufman inszenierte Adaption hält mit Kunderas peitschender Schreibe nicht ganz Schritt, ist aber ein höchst delektables Hollywoood-Epos voller Grandeur und Brillanz, dessen berauschende, tatsächlich niemals ins Anzügliche abfriftende Bilder über die gesamte Distanz des Films vereinnahmen; ganz so, wie es schwierige Liebesgeschichten vor historischen Zäsuren ja im besten Falle immer tun sollten. In den Szenen um den Einmarsch der Truppen und Panzer des Warschauer Pakts erreicht der Film seinen höchsten Effektivitätsgrad: Authentische Aufnahmen des tschechischen Filmemachers Jan Nemec vermischen sich nahtlos mit von dp Sven Nykvist nachgedrehten Sequenzen um die beiden Protagonisten. Hier gehen Fakt und Fiktion eine fast schon beängstigend "wahre" Symbiose ein. Zum Schluss muss man dann gleich zweimal heftigst schlucken: Erst wird die die Geschicke von Tereza und Tomas stets begleitende, unter Krebs leidende Hündin Karenin eingeschläfert, dann, Karenins Ableben weist bereits darauf hin, "entfliehen" die beiden Helden dem repressiven System auf die einzig optionale Art. Weiß, schwarz, Abblende. Aus.

10/10

Philip Kaufman Milan Kundera Prag Prager Frühling Tschechoslowakei Schweiz Genf Ehe Sittengemälde Widerstand Bohème


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CASABLANCA (Michael Curtiz/USA 1942)


"Of all the gin joints, in all the towns, in all the world, she walks into mine."

Casablanca ~ USA 1942
Directed By: Michael Curtiz

Das in Marokko liegende Casablanca dient 1942 als Zwischenstation für Nazi-Flüchtlinge, die von hier aus via Lissabon in die Staaten reisen wollen. Dafür benötigt man jedoch Pässe, Ausweise und Papiere die auf dem hiesigen Schwarzmarkt nur für teures Geld zu bekommen sind. Einer der Hauptumschlagsplätze ist "Rick's Café", ein beliebter Nachtclub, der von dem undurchsichtigen und als höchst arrogant geltendem Amerikaner Rick Blaine (Humphrey Bogart) geführt wird. Von dem Kleinganoven Ugarte (Peter Lorre) erhält Rick eines Abends kurz vor dessen Verhaftung zwei von ermordeten deutschen Kurieren gestohlene Transit-Visa, die ungehindertes Geleit nach Lissabon garantieren. Jene sind gedacht für den flüchtigen Widerständler Victor Laszlo (Paul Henreid) und seine Frau Ilsa Lund (Ingrid Bergman). Doch Rick, der einst in Paris eine Affäre mit Ilsa hatte und sich von ihr sitzengelassen glaubt, weigert sich aus trotzigem Stolz, ihnen die Visa zu überlassen. Für Laszlo wird die Situation derweil zunehmend brenzlig: Der Gestapo-Major Strasser (Conrad Veidt) ist ihm auf den Fersen. Ilsa liebt Rick noch immer und will zu ihm zurückkehren, wenn er zumindest Victor Laszlo eines der Visa überlässt. Doch gerade noch rechtzeitig erwacht in dem herzlosen Zyniker Rick der alte, rebellische Widerstandsgeist und sein verdorrtes Herz beginnt wieder zu schlagen...

"Casablanca" ist Meta-Kino in seiner denkbar pursten Form und eine gar nicht oft genug zu genießende, unerlässliche Lektion, wenn man etwas über den amerikanischen Film und Film per se zu lernen wünscht; und dies nicht allein, weil seine vielen Dialogzeilen, Standfotos, Songs und Filmplakate solitär in ganz besonders ihrer geballten Form an Einfluss beispiellose Bestandteile des popkulturellen Kanons sind. "Casablanca" ist sehr viel mehr: die vielleicht schönste Liebesgeschichte des Kinos; in jedem Falle die schönst unerfüllte; er ist ein leuchtendes Fanal für den Sieg von Integrität über Opportunismus; hat den coolsten Protagonisten aller Kinofilme und dazu eine Ménagerie zumeist zwielichtiger, aber, bis auf den Nazi Strasser, durchweg liebenswerter Charaktere. Selbst der ölige Gauner und Kriecher Ugarte erhält seinen Platz im Herzen des Publikums; immerhin hatte er hinreichend Chuzpe, zwei deutsche Funktionäre zu ermorden und ist im Grunde auch nur einer der vielen Träumer in Casablanca, zumindest aber einer, der (vielleicht unbedachten) Aktionismus lähmender Passivität vorzieht. Ferner darf man nicht vergessen: Ugarte ist der eigentliche Motor der geschilderten Ereignisse. Dann wäre da der dicke Sidney Greenstreet als Signor Ferrari, Besitzer des "Blue Parrot", ein unverwechselbarer Typ, der vielleicht älter und unbeweglicher ist als sein Geschäftskonkurrent Rick, ansonsten jedoch ein recht exaktes mentales Pendant zu diesem darstellt. Oberhaupt des ideologisch nebulösen Tribunals ist Louis Renault, der hiesige Polizei-Präfekt, der, wie er selbst eingesteht, sein Fähnchen stets nach dem Wind zu hängen pflegt. Ein ungewöhnlicher Repräsentant einer vormals revolutionären, stolzen Nation, durch die infolge des unglückseligen Teufelspakt Henri Philippe Pétains ein tiefer Riss verläuft: Irgendwo in Renault schlummert noch der ruhmreiche Patriotismus seiner Väter, sein Hang zu Spiel, Alkohl und schönen Frauen jedoch macht ihn zu einem noch unsteteren Wendehals als Rick. So gewinnt "Casablanca" zum Abschluss dann doch noch sein (vielleicht ohnehin einzig denkbares) Happy End - zwei einstmals schätzenswerte Individuen haben zu ihrer alten Klasse zurückgefunden und können mit wechselseitiger Unterstützung einen neuen Lebensabschnitt beginnen, über dem, soviel ist sicher, insbesondere wegen Männern wie ihnen eines Tages nicht mehr die Hakenkreuz-Flagge wehen wird.

10*/10

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EL SECRETO DE SUS OJOS (Juan José Campanella/ARG, E 2009)


Zitat entfällt.

El Secreto De Sus Ojos (In ihren Augen) ~ ARG/E 2009
Directed By: Juan José Campanella

Buenos Aires, kurz nach der Jahrtausendwende. Der pensionierte Beamte Benjamin Esposito (Ricardo Darín) schreibt einen Roman über einen authentischen Fall, den er 25 Jahre zuvor als Staatsanwaltsgehilfe bearbeitet hatte. Der "Fall Morales" hatte seinerzeit weitreichende Auswirkungen und konnte, obschon auf oberste Anordnung ad acta gelegt, nie gänzlich aufgeklärt werden. Damals war eine junge Frau (Carla Quevedo) vergewaltigt und brutal erschlagen worden, ihren jungen Bräutigam (Pablo Rago) niedergeschlagen hinterlassend. Esposito und sein bester Freund und Kollege, der versoffene Pablo Sandoval (Guillermo Francella), klemmten sich hinter die Suche nach dem Täter und konnten diesen nach langer Zeit tatsächlich in einem ehemaligen Schulfreund des Opfers, Isidoro Gómez (Javier Godino) ausmachen. Mit der zeitgleich entstehenden Militärdiktatur im Land gewinnt Gómez jedoch einflussreiche Freunde und arbeitet trotz offizieller Verurteilung bald als Auftragskiller für die Junta. Esposito und seine Chefin Irene (Soledad Villamil), in die er insgeheim verliebt ist, sind machtlos gegenüber dieser Entwicklung. Und damit nicht genug, entwickelt sich Gómez sogar zu einer latenten Bedrohung für sie, bis er kurz darauf verschwindet. Mit Espositos Aufarbeitung dieses Falles geht also auch die Beantwortung vieler persönlicher Fragen einher.

Ein zu Recht so hochgelobtes und vielgeliebtes Meisterwerk, ganz zweifellos das, was man wahrlich mit Fug und Recht als "perfekten Film" bezeichnen darf. Weniger die Kriminalgeschichte um einen niemals befriedigend beendeten Mordfall steht im Zentrum des Geschehens als die privaten Auswirkungen eines südamerikanischen Landes nach dem Umsturz. Anders als etwa bei Costa-Gavras, der eher die direkten Auswirkungen der Militärdiktatur oder die abertausenden Desaparecidos thematisiert hätte, machen sich in "El Secreto De Sus Ojos" die brüchigen Regimes der Post-Peronisten eher latent bemerkbar: Ein sadistischer Mörder und Soziopath wird zum Staatsinstrument "umfungiert", weil Menschen wie er als Handlanger unentbehrlich werden; eine unausgesprochene Liebe erlischt und bleibt über Jahrzehnte unerfüllt. "Lebenslänglich" ist der wohl wichtigste Terminus des Films, erweitert um die Motive und Geschicke seiner Figuren: lebenslängliche Trauer, lebenslängliche Rache, lebenslänglicher Verzicht. Dies mögen im Vergleich zum legitimierten Terror der Juntas vergleichsweise marginale Schicksale sein, doch in ihren spezifischen Auswirkungen, und das macht Campanellas Werk unmissverständlich klar, sind sie kaum weniger eklatant. So gerät die Geschichte um eine späte Aufarbeitung nie zur Gänze geklärter Ereignisse für Benjamin Esposito vor allem zu einer Reise zu sich selbst, zu einer nie getilgten Schuld und zu einer noch immer offenen Lebensangelegenheit. Dass "El Secreto" am Ende, nach der Revisionierung und Entdeckung ebenso konsequenter wie furchtbarer Privatrechtsprechung den Mut besitzt, der hemmungslosen Romantik doch noch stattzugeben, ist dann Balsam für die Seele. Ach, und die im Zentrum stehende Plansequenz im Fußballstadion dürfte De Palma vor Neid erblassen lassen.
Vielleicht ein neuer Lieblingsfilm, eine Folgebetrachtung wird es zeigen.

10/10

Juan José Campanella Rache Selbstjustiz Argentinien Buenos Aires period piece Eduardo Sacheri


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L'ARMÉE DES OMBRES (Jean-Pierre Melville/F, I 1969)


Zitat entfällt.

L'Armée Des Ombres (Armee im Schatten) ~ F/I 1969
Directed By: Jean-Pierre Melville

Nach der Besatzung durch die Nazis hat die Pariser Résistance, darunter deren Mit-Leiter Philippe Gerbier (Lino Ventura) alle Hände voll damit zu tun, im Verborgenen zu bleiben. Immer wieder schnappt die Gestapo wichtige Mitglieder des Widerstands, denen dann unter Verhör und Folter oft nurmehr der Griff zur Zyankali-Kapsel bleibt. Auch Gerbier wird mehrfach gefasst, kann mithilfe seiner Gesinnungsgenossen jedoch immer wieder entkommen, anders als viele seiner Freunde wie Felix Lepercq (Paul Crauchet) oder Jean-François Jardie (Vincent Cassel). Als die Gestapo die viel geachtete Widerständlerin Mathilde (Simone Signoret) fasst und sie mit ihrer Tochter erpresst, muss Gerbier eine folgenschwere Entscheidung treffen...

"L'Armée Des Ombres", entstanden inmitten seines späten Unterwelt-Zyklus, gilt als Melvilles persönlichster, für viele gar als sein vollendetster Film. Episodenhaft zeichnet er darin in herbstlichem Sepia die ins Leere führenden Werdegänge erklärter Nazi-Gegner dar, die im okkupierten Frankreich Entscheidungen treffen müssen, zu denen sie als einfache Zivilisten niemals gezwungen gewesen wären und allein dadurch ein gerüttelt Maß von ihrer vormaligen Menschenwärme einbüßen. Insofern unterscheiden sich die traurigen Helden aus "L'Armée Des Ombres" gar nicht mal so sehr von Melvilles Gangster-Figuren - wie diese unterliegen sie einem ungeschriebenem Ethos, sind gezwungen, unerkannt und im Untergrund zu agieren, sind auf verschwiegene Helfer und Vertrauensmomente angewiesen und können durch Denunziation Ehre und Leben verlieren.
Der jüdischstämmige Melville, der eigentlich Jean-Pierre Grumbach hieß, nahm den Nachnamen des "Moby Dick"-Autoren als Deckbezeichnung an, während er selbst für die Résistance tätig war. Viele seiner eigenen Erfahrungen hat er in "L'Armée Des Ombres" einfließen lassen; manche der Figuren tragen Facetten seines einstigen Selbst, andere personifizieren damalige Mitstreiter und Freunde. Am Ende, nachdem Gerbier seine aus humaner Hinsicht verabscheuungswürdigste Mission erfüllt hat, schließt Melville seinen Film mit einer bitteren Inventur: Jeder der im Film noch lebenden Charaktere wird, wie uns entsprechende Schrifttafeln verraten, über kurz oder lang selbst von der Gestapo gefasst werden, auch Gerbier selbst, der schon beim letzten Mal kurz davor war, die sadistischen Spiele der Nazis nicht länger mitzuspielen, "hat", so heißt es, "irgendwann genug davon, sich zu verstecken". Diese Wiederentdeckung persönlicher Integrität war damals gleichbedeutend mit der Wahl des Todes.

9/10

Jean Pierre-Melville Nationalsozialismus Widerstand Paris London Vichy-Frankreich


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LA REINE MARGOT (Patrice Chéreau/F, I, D 1994)


Zitat entfällt.

La Reine Margot (Die Bartholomäusnacht) ~ F/I/D 1994
Directed By: Patrice Chéreau

Paris, im August 1572. Nachdem die intrigante Königsmutter Katharina De Medici (Virna Lisi) ihre Tochter Margot (Isabelle Adjani) mit dem protestantischen König Henri de Navarre (Daniel Auteuil) verheiratet hat - eine rein diplomatisch bestimmte Ehe, der beide Parteien nur höchst widerwillig zustimmen - steigern sich die ohnehin latenten Aggressionen am Königshof gegen die Hugenotten, allen voran deren Führer Coligny (Jean-Claude Brialy), noch weiter. Wiederum durch den Einfluss seiner Mutter Katharina befiehlt der psychisch angeschlagene König Charles IX (Jean-Hugues Anglade) die verhängnisvolle Ermordung sämtlicher in Paris befindlicher Hugenotten. Ein beispielloses Massaker folgt, dem rund 6000 Menschen zum Opfer fallen, dem jedoch zumindest Navarre durch den Schutz Margots entgehen kann. Jene verliebt sich ihrerseits in den ebenfalls dem protestantischen Glauben frönenden Edelmann La Môle (Vincent Perez), derweil Navarre sich aus eher eigennützigen Motiven mit Charles befreundet. Sowohl dessen Mutter als auch seinem Bruder Anjou (Pascal Greggory) ist diese Freundschaft ein Dorn im Auge. Von den folgenden Mordanschlägen trifft schließlich einer Charles selbst, der sich elendig an einer Arsen-Vergiftung zu Tode quält. Auch La Môle wird getötet. Navarre flieht zurück in die Gascogne und Margot verlässt Paris, das Haupt ihres Geliebten mit sich führend.

Ein herrlich selbstverliebtes Epos, voll von Pomp, Blut, Sex und Intriganz, schwer und süffig wie ein alter Roter. Der hollywoodschen Art, Historienfilme zu erstellen bewusst entsagend, gibt sich Chéreaus Film ganz europäisch; die Dynastie derer von Medici wird ausgegeben als eine von irrläufigem Adelswahn geprägte Familie, bestehend aus zutiefst selbstgefälligen und bösen bis gestörten Mitgliedern. Über allem thront die legendäre Katharina, die Massenmord und Attentate im Sekundentakt befiehlt und ihren unbeholfenen Sohn als Marionette missbraucht. Wer gegen die Staatsräson oder das, was die Königsfamilie darunter versteht, verstößt, wird ohne großes Zaudern aus dem Weg geräumt, selbst, wenn es eine ganze Glaubensgemeinschaft betrifft. Zwischendrin vögelt sich die nebenbei noch dauergeile Gesellschaft ihre Pfade durch die Betten des Palastes, wobei jederzeit damit gerechnet werden muss, dass ein Parfum, ein Lippenstift oder ein Glas Wein zur Todesfalle werden kann.
Chéreau versteht es ausgezeichnet, dieses gleichfalls morbide wie lebenshungrige Klima des sich neigenden Spätmittelalters mit kräftigen Farben und ausgesuchtem Chiaroscuro zu inszenieren; ohnehin zur Exzentrik neigende Darsteller wie Adjani, Anglade, Auteuil oder der deutsche Thomas Kretschmann spielen dieses ausufernde grand guignol voller beserkerhaftem overacting. Die eine oder andere Länge, die jeweils die kurze Befürchtung aufkommen lässt, "La Reine Margot" gehe gleich die Puste aus, wird durch die garantiert folgende, nächste spektakuläre Sequenz wieder entkräftet. Großes Kostümkino aus der Nachbarschaft also, auch mal schön.

8/10

period piece Historie Biopic Mittelalter Frankreich Paris Pogrom D.C. Patrice Chéreau Alexandre Dumas Familie Geschwister Ehe