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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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G MEN (William Keighley/USA 1935)


"A very funny remark."

G-Men (Der FBI-Agent) ~ USA 1935
Directed By: William Keighley

Als sein freund Eddie Buchanan (Regis Toomey) erschossen wird, entschließt sich der nicht sonderlich erfolgreiche, weil immens idealistische New Yorker Anwalt Brick Davis (James Cagney), sich als G-Man beim FBI zu bewerben. Brick erweist sich für die Behörde bald als sehr nützlicher Neuzugang, denn durch seine früheren Kontakte in die Unterwelt legt er einige wertvolle Spuren offen, unter anderem die zu dem berüchtigten Bankräuber Danny Leggett (Edward Pawley).

Nachdem die klassischen Gangsterfilme um Cagney, Robinson und Muni während der Depressionsjahre ein Massenpublikum erobert hatten, stieg die Besorgnis der Zensoren bezüglich der falschen Leinwand-Ideale. Die Darstellung organisierten Verbrechens als Eskapismusfaktor im Kino und die erbarmungslose Realität der schweren Rezession vermochten, so schlussfolgerte man wohlweislich im Breen Office, verhängnisvolle Kausal-Zusammenhänge hervorrufen. Daher wurde aus dem "öffentlichen Feind" James Cagney ein aufrechter FBI-Mann, ein ebenso vorbildlich agierender wie romantischer Streiter gegen jene Elemente, die er zuvor (und später dann wieder) im Film verkörpert hatte. Seinen Brick Davis legte Cagney als liebenswerten Strahlemann an, für den Unbestechlichkeit und Integrität die obersten Maximen darstellten, der allerdings auch in zwischenmenschlicher Hinsicht ein feiner Kerl war; ganz anders eben als brutale Opportunisten und Emporkömmlinge wie Tom Powers, deren Verschlagenheit und latente Aggressivität Cagney wundersamerweise ebenso authentisch zu geben wusste wie die Liebenswürdigkeit des hier debütierenden Helden.
Dennoch funktionierte "G Men" nach wie vor nach den etablierten Schemata des Warner-Gangster-Movie, es ratterten die Thompsons und moralisch Aufrechte wie Gebeugte starben in deren Feuer. Bis auf einen leichten Perspektivwechsel konnte also das bewährte Produkt auch weiterhin an den Mann gebracht werden.

7/10

William Keighley New York Chicago FBI


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UN CONDÉ (Yves Boisset/F, I 1970)


Zitat entfällt.

Un Condé (Ein Bulle sieht rot) ~ F/I 1970
Directed By: Yves Boisset

Eine Spirale der Rache und der wechselseitigen Gewalt entbrennt in Paris: Nachdem der Gangsterboss Tavernier (Francis Cosne) den Konkurrenten Dassa (Pierre Massimi) ermorden lässt und dessen Schwester (Françoise Fabian) bedroht, tritt Dassas bester Freund Dan Rover (Gianni Garko) auf den Plan. Bei der folgenden Racheaktion erschießt Dassas Partner Viletti (Michel Constantin) den Polizisten Barnero (Bernard Fresson), was wiederum dessen Freund Favenin (Michel Bouquet) nicht ungesühnt lassen kann...

Wenn der Krieg zwischen Unterwelt und Polizei sich verselbstständigt und für die Beteiligten zur Privatfehde gerät, so "Un Condé", dann geraten selbst althergebrachte, natürliche Konfliktstrukturen in Bedrängnis: Durch den alternden, verbissenen und systemmüden Flic Favenin, der irgendwann erkennen muss, wie sinnlos seine Vendetta ist und das er dadurch mehr Schaden anrichtet denn repariert, gerät das traditionelle Gleichgewicht zwischen Recht und Verbrechen in eine geradezu gefährliche Unwucht. Boisset illustriert dabei wunderhübsch die Differenz zwischen französischer und italienischer Genrekost: Im Vergleich zu den östlich lebenden Polizotti-Anrainern gehen die Pariser Condés sehr viel biederer, leiser, verächtlicher, vielleicht sogar bedrohlicher zu Werke. So ist Boisset vielleicht kein Melville, für einen knackigen, harten Polizeifilm klassischer Koloratur jedoch langt es allemal.

8/10

Yves Boisset Paris Rache Mafia


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BIG GUNS - TONY ARZENTA (Duccio Tessari/I, F 1973)


Zitat entfällt.

Big Guns - Tony Arzenta (Tödlicher Hass) ~ I/F 1973
Directed By: Duccio Tessari

Der Mafiakiller Tony Arzenta (Alain Delon) will um seiner Familie Willen raus aus dem Geschäft. Für den Oberboss Grünwald (Anton Diffring) ein klarer Fall: Niemand kehrt seiner "Familie" ungestraft den Rücken. Arzenta soll liquidiert werden, doch die gelegte Autobombe erwischt versehentlich dessen Frau (Nicoletta Machiavelli) und seinen kleinen Sohn. Arzentas Gerechtigkeitsglaube genügt jedoch nicht, um, wie ihm geheißen, die Verantwortlichen durch Gott richten zu lassen. Er führt einen erbarmungslosen, ungebremsten Rachefeldzug gegen das Syndikat, begeht jedoch schließlich, des Tötens müde, einen einzigen, verhängnisvollen Fehler.

"Big Guns" mit dem ohnehin verallgemeinernden Etikett "Europloitation" zu versehen würde ihm nicht gerecht. Tessari hat mit diesem Gangsterfilm, möglicherweise seinem vordringlichsten Werk, nämlich einen ebenso schnörkellosen wie formvollendeten Rachethriller im Mafia-Umfeld inszeniert, der seinen Helden im Laufe seiner privaten Vendetta quer durch Europa führt. Für Alain Delon, wie zu dieser Zeit häufiger geschehen als Italiener besetzt, ein weiterer, formidabler Auftritt. Nicht ganz so unterkühlt wie bei Melville, aber dennoch von einer inneren Stringenz und Härte beseelt, die zumindest jene unter seinen Widersachern, die ihn gut kennen, wie den Mailänder Boss Nick Gusto (Richard Conte), vor Angst erbleichen lassen - wissen sie doch, dass Arzenta einer der Besten in seinem Metier ist, einer, der gnadenlos und präzise vorgeht. Doch selbst ein Tony Arzenta hat seine Achillesferse - Gutgläubigkeit und Vertrauensüberschuss, wo sie am Ende unangebracht sind. Möglicherweise geht er auch unbewusst bereitwillig in den Tod, ist mit seiner Familie schließlich auch seine Existenzgrundlage ausgelöscht worden, trotz neu entflammter Gefühle zu der Milieubraut Sandra (Carla Gravina).

9/10

Duccio Tessari Mafia Mailand Kopenhagen Profikiller Rache


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CANICULE (Yves Boisset/F 1984)


"Shit."

Canicule (Dog Day - Ein Mann rennt um sein Leben) ~ F 1984
Directed By: Yves Boisset

Nach einem missglückten Banküberfall in einer französischen Stadt, bei dem er von seinem Partner Snake (Pierre Clémenti) hintergangen wird, flüchtet der amerikanische Bankräuber Jimmy Cobb (Lee Marvin) mitsamt der Beute vor dem ihn verfolgenden Polizeiaufgebot in die sommerliche Provinz. Dort gerät er an eine dysfunktionale Bauernfamilie, die ihm zusätzlichen Stress verschafft, da jeder einzelne von ihnen schwer gestört ist und eigene Pläne verfolgt. Bald wissen auch Cobbs verbliebene Partner, wo er sich versteckt hält und es kommt zu diversen Konfrontationen.

Der vorvorletzte Film, den Lee Marvin mit seiner Präsenz adelte (vor dem ersten "Dirty Dozen"-Sequel und "The Delta Force") setzt ein spätes Highlight in seinem ohnehin glänzenden Schaffen. Als US-Gangster in Frankreich, dessen 'Spezialität' es ist, seinen Gegnern die Kniescheiben wegzuschießen, gerät er an etwas, mit dem selbst er niocht fertig werden kann, an westeuropäische Land-Idiotie nämlich. Auf dem durchaus imposanten Hof, auf dem er nach anstrengender Flucht strandet, erwarten ihn der sexgierige, versoffene Patriarch Horace (Victor Lanoux), dessen nicht minder versoffener Bruder Socrate (Jean Carmet), Horaces Frau Jessica (Miou-Miou), deren unehelicher Sohn Chim (David Bennent), die haltlos nymphomanisch veranlagte Ségolène (Bernadette Lafont), die alte Haushälterin Gusta (Muni), sowie zwei afrikanische Landknechte (Joseph Momo, Mohamed Bekhtaoui) - ein böses, verzerrtes Spiegelbild der zeitgenössischen französischen Gesellschaft, durch die Bank verdorben und verrückt. Besonders gegen Jessicas durchtriebene Pläne (ohnehin wirkt die ebenso kluge wie schöne, stilbewusste Frau wie ein Fremdkörper unter all den Hinterwäldlern) hat Cobb keine Chance. Zu David Bennent, diesem seltsam faszinierenden Kindmann, der einen jeden Film schon durch seine bloße Anwesenheit mystisch auflädt: extraordinaire, comme toujours.
Boisset ist ein kleines, schmutziges Meisterwerk zwischen Kunst und Sleaze geglückt, dessen prononciert-grotesker Erzählfarbe sicherlich auch ein Jeunet oder Kusturica manches verdanken.

9/10

Yves Boisset Sommer Flucht Familie Groteske


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DILLINGER (John Milius/USA 1973)


"I rob banks for a living, what do you do?"

Dillinger (Jagd auf Dillinger) ~ USA 1973
Directed By: John Milius

Während der Depressionszeit machen Bankräuber wie John Dillinger (Warren Oates) nebst seiner Gang, Pretty Boy Floyd (Steve Kanaly) oder Baby Face Nelson (Richard Dreyfuss) den Mittleren Westen unsicher. Das darbende Volk himmelt die Gentleman mit ihren bleispritzenden Thompsons als Rebellen an, die sich trotz der gestreckten Wirtschaftskrise ein schönes Leben machen, für das FBI, allen voran Agent Melvin Purvis (Ben Johnson), sind jene Gangster bloß Outlaw-Abschaum. Insbesondere der clevere Dillinger avanciert zu Purvis' erklärtem Todfeind, zumal es dem dreisten Gauner immer wieder gelingt, der Staatsgewalt zu entwischen.

Milius' erster Langfilm ist gleich ein Schmuckstück der gleich in Legionsstärke antretenden Depressions-Gangsterfilme der New-Hollywood-Jahre. Als ebenso luftiges wie hartes Pasticcio unterschiedlicher inhaltlicher und stilistischer Einflüsse hat Milius das Glück, mit Warren Oates, dessen Physiognomie tatsächlich der Dillingers ähnelte, einen herrlich charismatischen Titeldarsteller beschäftigen zu können, in seinem Gefolge um Harry Dean Stanton, Geoffrey Lewis und John P. Ryan (leider recht früh per Bauchschuss aus dem Szenario getilgt) kaum minder phantastische Akteure. Ben Johnson, der vier Jahre zuvor in Peckinpahs "The Wild Bunch" noch Oates' Bruder gespielt hatte, gibt hier den deklarierten Antagonisten. Da Dillingers und Purvis' Geschichten historisch und biographisch betrachtet untrennbar miteinander verwoben sind, erhält diese Paarung gleich noch einen zusätzlichen Reiz. Zeitsprünge und -raffungen über die erzählte Zeit zweier Jahre werden gern mit Überschriften und Leitartikeln aus Zeitungen überbrückt, derweil Purvis zusätzlich noch als Off-Erzähler fungiert. Den berühmten Banküberfall von Warsaw und die sich anschließende, endgültige Zersprengung der Dillinger-Bande inszenierte Milius als unglaublich dichtes, zudem technisch bravouröses Kabinettstück des Actiongenres. Spätere Belagerungs-, Shoot-Out- und Verfolgungsszenen werden sich hieran zu messen haben.

8/10

John Milius New Hollywood Great Depression Biopic FBI Duell Indiana Chicago Freundschaft Historie period piece


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RICCO (Tulio Demicheli/I, E 1973)


Zitat entfällt.

Ricco (Der Clan der Killer) ~ I/E 1973
Directed By: Tulio Demicheli

Als der delinquente Turiner Ricco (Chris Mitchum) aus dem Knast entlassen wird, muss er feststellen, dass sein Vater (Luis Induni), einer der obersten Syndikatschefs von Turin, von einemr Konkurrenten ermordet wurde. Außerdem hat sich der für ebendiese Tat primär in Frage kommende Don Vito (Arthur Kennedy) Riccos Liebchen Rosa (Malisa Longo) unter den Nagel gerissen. Mithilfe des mysteriösen Cyrano (Eduardo Fajrdo) und eines alternden Geldfälschers (Tomás Blanco) beginnt Ricco einen Kleinkrieg gegen Don Vito, der sich in immer eskalierendere Höhen schraubt...

Ganz vortrefflicher Gangsterkracher aus der imediterranen Blütezeit des Genres, der mit einer internationalen Besetzung, die den wie üblich schelmisch grinsenden Mitchum-Filius Christopher mit Pisspott-Frisur und einen gewohnt souverän agierenden Arthur Kennedy verbuchen kann. Daneben gibt es launigen Sex und einige für die damalige Zeit Aufsehen erregende Gewaltspitzen, die neben anderen üblen Mordpraktiken auch einen Säurekessel beinhalten, der sogar gut genug war, um den amerikanischen Titel ("The Cauldron Of Death") zu stiften. Besonders gegen Ende geht es derb zur Sache und Ricco sieht sich gezwungen, Rache auf italienisch zu üben, wobei sein eigenes Leben gleich im Vorhinein verwirkt ist. Das Unkraut rottet sich gegenseitig aus und die zuvor noch mahnende Polizei muss nurmehr die Leichensäcke stiften.
Die Motivlage des Films um rivalisierende Kriminelle und ihre Parajustiz ähnelt ziemlich der des Spaghetti-Western, aus dem ein im Prinzip typischer Plot in die Gegenwart und zurück in die alte Welt transferiert wurde. Die spätere, oftmals systemkritische Komponente des Genres, die etwa Polizeikorruption und Machthierarchien sezierte, fehlt bei Demicheli noch. Dafür bietet er ehrliches, knackiges Handwerk ohne falschen Stuck.

7/10

Tulio Demicheli Sleaze Europloitation Turin Rache Selbstjustiz


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BLACK SHAMPOO (Greydon Clark/USA 1976)


"So you're that hairbender..."

Black Shampoo ~ USA 1976
Directed By: Greydon Clark

Mr. Jonathan (John Daniels) besitzt nicht nur einen funky barbershop, er steht im Hinterzimmer desselben auch vornehmlich weißen, gut betuchten und einsamen Damen mit speziellen, alternativen Dienstleistungen zur Verfügung. Wirklich verliebt ist er allerdings in seine neue Empfangsdame Brenda (Tanya Boyd), eine echte Gazelle vor dem Herrn. Doch Tanya ist leider auch die Ex von Gangsterboss Mr. Wilson (Joe Ortiz) und selbiger lässt sich nicht gern die Fäden aus der Hand nehmen. Also verbimst er Jonathans Friseur Artie (Skip E. Lowe) und lässt den Laden zu Klump hauen. Brenda ist derweil nicht faul und tut so, als käme sie zu Wilson zurück - nur um ihm dessen Terminkalender zu klauen, der Wilsons sämtliche kriminellen Aktivitäten offenbart. Der Fiesling lässt sich selbiges nicht gefallen und es geht Mann gegen Mann...

Hal Ashbys "Shampoo" ist eine hellsichtige New-Hollywood-Komödie um einen straighten hairdresser on fire, dessen Gigolo-Qualitäten ihn noch um einiges erfolgreicher agieren lassen. Auf der Suche nach fruchtbar zu plagiierenden Topoi stieß das Blaxploitation-Kino dann irgendwann auf Ashbys Society-Satire und funktionierte sie zu einem veritablen, kleinen B-Klassiker um, der in seinen intellektuell eingeschränkten Grenzen durchaus für sich bestehen kann. Der zunehmend sleaziger werdende Habitus jener Subkategorie bediente sich darin wesentlich offenherzigerer Sex-Elemente, die den Film besonders im ersten Drittel hier und da wie einen Softporno wirken lassen, um später deutlich handfester Crime-Elemente in den Vordergrund zu rücken. Der Showdown schließlich macht Gebrauch von Kettensäge, Beil und Billard-Queue als tötliche Waffen und auch sonst keine Gefangenen. Mancher Szenenwechsel wird schnieke eingeleitet durch Einfrier- und Negativierungstechniken, was den Streifen zusätzlich hip erscheinen lässt, hinzu kommt eine erstklassige deutsche Synchronfassung aus München. Interessant ferner, dass ein schwules Tuckenpaar ausgerechnet in diesem sonst eher testosteronträchtig-homophoben Milieu als Sympathieträger und hero's best friends auftaucht, noch interessanter Clarks unbestechliches Auge bei der Besetzung des sich zu entkleidenden Weibsvolks. Tanya Boyd jedenfalls ist nichts weniger denn atemberaubend.

6/10

Greydon Clark Los Angeles Kalifornien Blaxploitation Sleaze


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INFERNO IN DIRETTA (Ruggero Deodato/I 1985)


Zitat entfällt.

Inferno In Diretta (Cut And Run) ~ I 1985
Directed By: Ruggero Deodato

Die in Miami tätige TV-Journalistin Fran Hudson (Lisa Blount) stößt im Zuge einer ausgedehnten Recherche im Drogendealer-Milieu auf eine Fotografie des totgeglaubten Colonel Brian Horne (Richard Lynch), einst die rechte Hand des berüchtigten Sektenstifters Jim Jones. Sie findet heraus, dass Horne irgendwo in Kolumbien leben muss und allerlei Intrigen spinnt, die sich gegen die von dort aus operierenden Kokainkartelle richten. Weil der Senderchef Allo (Richard Bright) in Hornes Umfeld auch seinen vermissten Sohn Tommy (Willie Aames) vermutet, schickt er Fran und ihren Kameramann Mark Ludman (Leonard Mann) zur Live-Berichterstattung in den Amazonasdschungel. Gleich bei ihrer Ankunft geraten die beiden in den just eskalierenden Drogenkrieg und stoßen bald auch auf den völlig wahnsinnig gewordenen Horne, der mit Hilfe gutgläubiger Indios das Kokainmonopol in Amerika an sich bringen will.

Ein zumindest in der unzensierten Fassung erstklassiger Italoploiter von allerbester Reife. Deodato ist ein saubererer Arbeiter als viele seiner Kollegen und besitzt zuweilen durchaus den Ehrgeiz, Qualität von international konkurrenzfähigem Rang zu liefern, was wohl auch die Mitwirkung der vielen US-Darsteller (neben den erwähnten finden sich noch Eriq La Salle und der stets für einen Scherz gute Michael Berryman als monströser Ober-Indio ein), sowie den Vor-Ort-Dreh an unwirtlichen, eines Werner Herog würdigen Schauplätzen erklärt. Auch zwei europäische Lieblingsgesichter sind dabei, Gabriele Tinti nämlich und John Steiner, die beide herrlich spektakuläre Tode sterben müssen. Besonders Steiners Aufesehen erregendem Ableben, bei dem er von einem sich auseinander ziehenden Flaschenzug in zwei Hälften zerrissen wird, verdankt "Inferno In Diretta" natürlich seinen nachhaltigen Ruf. Doch auch sonst geht es gehörig zur Sache, mehrere Enthauptungen und sonstige Macheteneinsätze sorgen für großes Hallo bei den entsprechenden Liebhabern. Dass Deodato sich freimütig bei Conrads "Heart Of Darkness" bedient und seinen Colonel Horne als unschwer erkennbares Abbild des verrückten Kurtz konstruiert hat, ist eine nette, literarische Randnotiz. Der Versuch allerdings, an die durchgängige Treffsicherheit des großen "Cannibal Holocaust" anzuschließen und eine ähnlich medienkritische Aufbereitung des Themas zu wiederholen, muss als bestenfalls 'halbherzig' umgesetzt durchgewunken werden und geht am Ende tatsächlich sogar nach hinten los. Dennoch: En gros ein prima Reißer mit allem, was da so hineingehört.

7/10

Ruggero Deodato Europloitation Kolumbien Florida Miami Kokain Sekte Drogen Splatter Journalismus Dschungel


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JOHNNY COOL (William Asher/USA 1963)


"The man you're looking for is dead."

Johnny Cool (Die Rache des Johnny Cool) ~ USA 1963
Directed By: William Asher

Der 'sizilianische Robin Hood' Salvatore Giordano (Henry Silva) wird von dem Mafiaboss Johnny Colini (Marc Lawrence) unter die Fittiche genommen und für eine umfassende Mission in Amerika vorbereitet. Mit einem Schlag soll 'Johnny Cool', unter dessen Decknamen Salvatore in den USA auftritt, binnen 48 Stunden die großen Bosse an Ost- und Westküste liquidieren und deren Aktiva in Colinis Organisation eingemeinden. Mit viel Selbstvertrauen geht Johnny Cool seine Aufgabe an, doch am Ende bringt ihn die Liebe zu Fall.

Ein im Laufe der Jahrzehnte eher untergegangener, von Peter Lawford mitproduzierter Gangsterfilm aus dem Dunstkreis des 'Rat Pack', der - leider vergeblich - versuchte, Henry Silva zu einer Ikone zu stilisieren. Dessen späterer Werdegang ist bekannt, neben diversen TV-Auftritten lieh er seine markante Physiognomie bald vor allem dem europäischen Genrefilm, wo er dann in einigen kleinen Klassikern doch noch reüssieren konnte. In "Johnny Cool" bereitet er sich bereits auf Parts wie denen in "Il Boss" oder "Quelli Che Contano" vor, ist allerdings (noch) gezwungen, sich von seiner rollenbedingten Naivität ausbremsen zu lassen. Die Amerikaner nahmen das alles einfach zu moralisch. Ashers Film ist zugleich ein Sammelbecken für viele primäre und sekundäre Kompagnons der Vegas-Entertainer-Clique: Telly Savalas, Sammy Davis Jr., Joey Bishop, Brad Dexter, Mort Sahl und andere bekannte Gesichter geben sich die Ehre, zum Teil in Kleinstauftritten. Für Sinatra oder Martin, die ja relativ ungenierte Verbindungen zu so gennanten 'Syndikaten' pflegten, wären Cameos in "Johnny Cool" vermutlich zu brisant, um nicht zu sagen: realitätsangebunden gewesen, so dass sie sie sich versagten. Ansonsten bekommt man einen schnittigen, kleinen Genrefitsch frei Haus, der spätere, vollendetere Nachfolger wie Boormans "Point Blank" sichtlich beeinflusste.

7/10

William Asher New York Los Angeles Las Vegas Rat Pack Mafia Sizilien amour fou


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DEEP COVER (Bill Duke/USA 1992)


"You oughta kill a man sometime. It's liberating."

Deep Cover (Jenseits der weißen Linie) ~ USA 1992
Directed By: Bill Duke

Zeit seines Lebens hat der Polizist Russell Stevens (Laurence Fishburne) versucht, sich betont diametral zu seinem kriminellen Vater (Glynn Turman) zu entwickeln, der einst einen frühen, gewalttätigen Tod in Russells Beisein sterben musste. Stevens lässt sich heuer vom DEA als Undercover-Cop anheuern, um die führenden Chicano-Verteiler von L.A. dingfest zu machen. Unter dem Namen John Hull nimmt er Tuchfühlung mit dem zugleich als Anwalt tätigen Dealer David Jason (Jeff Goldblum) auf, der seinerseits Verbindungen zu dem Großhändler Barbosa (Gregory Sierra) steht. Nach und nach entwickelt sich Stevens - auch auf ausdrückliche Weisung seines Verbindungsmannes Carver (Charles Martin Smith), zu einer eigenständig funktionierenden Größe im Kokaingeschäft und verliert die Orientierung, zumal der overlord Guzman (René Assa), auf den es Stevens eigentlich abgesehen hat, offenbar von ganz oben beschützt wird.

Stilvoller, spannender Gangsterfilm, im Gefolge des damals noch recht frischen 'New Black Cinema', dem neben Spike Lee, John Singleton oder Mario Van Peebles auch Bill Duke als Regisseur vorsaß. In "Deep Cover" nutzt er die Gelegenheit, Systemkritik, wie sie später von Soderberghs "Traffic" in inhaltlich und formal komplexerer, vor allem aber ungleich aufmerksamer beäugtem Maße hergeleitet wurde, in das Gewand eines auf den ersten Blick unspektakulären Genrefilms zu kleiden. Man lernt sie alle kennen: Vom großen Boss, der unter diplomatische Immunität aus Lateinamerika herbeieilt als es im Geschäft kriselt, bis hin zur Endkonsumentin, die ihr Kind für ein paar Schüsse verkaufen will und sich schließlich den Goldenen Schuss setzt. Von solchen Schicksalen lässt sich Russell Stevens, der längst Gefallen gefunden hat an Geld und Macht, bald nicht mehr betrüben, zumal er längst erkannt hat, dass das Rechtsstaat, dem er als kleines Zahnrädchen zu dienen glaubte, vom Kopf her stinkt und innerlich verfault. Am Ende kann er immerhin seine Seele retten, wobei sich ein väterlicher Ratgeber (Clarence Williams III) erst opfern muss, um ihm Erkenntnis zu verleihen.
Ein im besten Sinne klassischer Undercover-Thriller mit philosophischem Überbau ist Duke mit "Deep Cover" geglückt. Und einen tollen Soundtrack (Michel Colombier) gibt's gratis obendrauf.

8/10

Bill Duke Los Angelese Drogen Kokain Crack undercover