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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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EDUCAZIONE SIBERIANA (Gabriele Salvatores/I 2013)


"All creatures belong to heaven."

Educazione Siberiana (Sibirische Erziehung) ~ I 2013
Directed By: Gabriele Salvatores

Noch zu Zeiten der Sowjetunion werden alle großen Gangsterclans in die Kleinrepublik Transnistria verfrachtet, wo sie vom Rest der Sowjet-Staaten weitgehend abgeschirmt sind und ihre jeweils strengen Sitten und Gebräuche weiterverfolgen können. Als härtester der Clans gelten die Sibirier. Schon als Kinder lernen die besten Freunde Kolyma (Arnas Sliesoraitis) und Gagarin (Pijus Grude) den Umgang mit dem Messer und wie man Transportfahrzeuge ausraubt. Bis Gagarin erwischt wird und für sieben Jahre ins Gefängnis muss. Mit seiner Rückkehr kommt auch die reizende, geistig behinderte Xenja (Eleanor Tomlinson) in die von Kolyma und seinem ehrwürdigen Großvater Kuzya (John Malkovich) beherrschte Unterstadt. Die Zeit im Knast hat Gagarin verändert und als er ein unaussprechliches Verbrechen verübt, bleibt Kolyma nur, ihn unerbittlich zu verfolgen.

Ein sehr literarisch besetzter Entwicklungsroman in Filmform, eine italienische Produktion mit italienischem Stab in englischer Sprache und mit internationaler Besetzung, die auf ex-sowjetischem Boden spielt (vornehmlich jedoch in Italien und nur teilweise in Litauen gedreht wurde). Die Geschichte, die auf autobiographischen Erlebnissen beruhen soll, erinnert zuweilen stark an "Once Upon A Time In America": Vier Freunde lernen bereits in der Kindheit, sich durch ein hartes, von Regeln und Kodexen geprägtes Leben zu schlagen; die beiden im Zentrum stehenden Jungen verfeinden sich durch den Verrat des Einen am Anderen, bis eine späte, forcierte Wiederbegegnung Schuld und Sühne ausgleicht. Dazu gibt es eine merkwürdige, verschrobene Dame, die beide reizt, an der Ungestümheit des Einen jedoch zerbrechen wird. Ansonsten kleidet Salvatores sein Freundschaftsporträt in sehr lyrische, formvollendete Bilder mit vielen blendend schönen Szenen (wie einer am Kettenkarussell, die von Bowies "Absolute Beginners" vortrefflich untermalt wird), die "Educazione Siberiana" bei aller Parallelität zu Vorangegangenem noch immer die notwendige Eigenständigkeit verleihen, um als ausgereiftes Kunstwerk für sich stehend überzeugen zu können. Kein ganz großer Wurf, aber bestimmt ein sehenswerter Film.

7/10

Gabriele Salvatores Familie Russland UdSSR Biopic Freundschaft Rache ethnics


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DREI MÄNNER IM SCHNEE (Kurt Hoffmann/BRD 1955)


"Noch einen Cognac für mich!"

Drei Männer im Schnee ~ BRD 1955
Directed By: Kurt Hoffmann

Der reiche Unternehmer Schlüter (Paul Dahlke) gönnt sich den Luxus, sein von ihm selbst gestelltes Preisausschreiben unter falschem Namen ("Schulze") und getarnt als armer Schlucker zu gewinnen und ihm winterlichen 'Grand Hotel' abzusteigen, seinen Diener Johann (Günther Lüders), der seinerseits als Großaktionär auftreten soll, in unmittelbarer Nähe. Dabei geht die "Rettungsaktion" von Schlüters Töchterchen Hilde (Nicole Heesters) schwer nach hinten los: Diese kündigt telefonisch im Grand Hotel an, dass ein wohlhabender Sonderling, der sich als bettelarm ausgibt, vor Ort als Gast residieren wird und dass man ihm den dortigen Aufenthalt doch bitte möglichst komfortabel gestalten möge. Der überemsige Hoteldirektor (Hans Olden) hält jedoch den Zweitgewinner des Preisausschreibens, den wirklich armen Dr. Hagedorn (Claus Biederstaedt) für den angekündigten Millionär und Schlüter/Schulze für einen aufdringlichen Schmarotzer. Die beiden ungleichen Männer entwickeln derweil eine innige Freundschaft.

Grundgutes Wirtschaftswunderkino der etwas gescheiteren Sorte, nämlich, ganz kästner-like, als charmante Gesellschaftssatire, in der einmal mehr die Oberklasse als wunderliches, dennoch liebenswertes Exzentrikervölkchen exponiert wird und der arme, aber aufrechte Bildungsbürger als grundsolider, brav-bescheidenre Sozialverlierer, der dann im weiteren Verlaufe seine Chance zum Aufstieg bekommt durch die Bekanntschaft mit einem Vertreter vom anderen Ende des Verdienstspektrums. Über ein solch simplifiziertes Weltbild muss man weder länger sinnieren, noch sich an ihm reiben, zumindest nicht für die Dauer von Lektüre oder Betrachtung. Kästner war ein moderner Märchenerzähler, der es verstand, schnittigen Humor zu liefern ohne zynisch zu sein und seine Charaktere in all ihrer unperfekten Phänotypie liebenswert zu gestalten. Darum lachen die Protagonisten vermutlich auch mehr als das Publikum - man ist fröhlich um des Frohsinns Willen, wenngleich Paul Dahlkes Lachanfälle hier und da schon etwas gestellt anmuten. Immerhin saufen und qualmen die drei Herrschaften, dass es eine wahre Freude ist. Zu jeder Gelegenheit wird ein Gläschen Cognac gereicht oder eine Zigarre angezündet und auf die Gesundheit zugunsten von ein paar Genussminuten geschissen. Vor sechzig Jahren ging das noch, ganz reuelos.

8/10

Kurt Hoffmann Erich Kästner Hotel Freundschaft Satire Standesdünkel Alkohol


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DOWNHILL RACER (Michael Ritchie/USA 1969)


"World champion? There are many of them."

Downhill Racer (Schussfahrt) ~ USA 1969
Directed By: Michael Ritchie

Der aus Colorado stammende Abfahrtsläufer David Chappellet (Robert Redford) kommt als Ersatzmann während der Weltmeisterschaft nach Europa und macht sich durch hervorragende Zeiten einen Namen im US-Team. Sein Trainer Eugene Claire (Gene Hackman) hat dabei alle Hände voll zu tun, Chappellets naive Arroganz im Zaum zu halten. Zwei Jahre und diverse harte Lebens- und Sporttrainingssequenzen später läuft Chappellet nach dem Ausfall seines Mannschaftskollegen Johnny Creech (Jim McMullan) als Favorit bei der Winter-Olympiade.

Weder reizt mich Wintersport in aktiver noch in passiver Hinsicht sonderlich, aber Michael Ritchies etwas vergessenen Beitrag zu New Hollywood habe ich dennoch als meisterhaft empfunden. Nicht nur die von Anfang an fesselnde, collagehafte Montage, die eine dokumentarische Konnotation der ansonsten konventionellen Story ermöglicht, begeistert; auch die existenzialistische, mutige Einbettung jener drei Winter in eine ansonsten wenig bemerkenswerte Biographie kommt ungewöhnlich daher für den Sportfilm. So ist David Chappellet eigentlich kein besonders sympathischer Typ, sondern ein recht selbstgefälliger, wenig gescheiter Schnösel, dessen mangelnde Mondänität und Unerfahrenheit mit dem europäischen Wintersport-Jet-Set seine Herkunft als amerikanischer Kleinstadt-Bauernjunge belegt. Er verliebt sich unsterblich in die leicht versnobte Sportartikel-Managerin Carole (Camilla Sparv), muss jedoch bald frustriert erkennen, dass er in ihrer Welt von Glanz und Glitter nur einer von vielen ist. Ganz ähnlich sein finaler Sieg und die damit erworbene Goldmedaille - ein Konglomerat diverser, Chappellet zupass kommender Zufälle, die kaum werden verhindern können, dass auch sein Name irgendwann vergessen werden wird.
Ein kunstvoll inszeniertes Sportdrama, fernab aller Klischeefallen und absolut mustergültig für sein Genre.

9/10

Michael Ritchie Wintersport Schnee amour fou Freundschaft New Hollywood


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SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING (Karel Reisz/UK 1960)


"Don't let the bastards grind you down!"

Saturday Night And Sunday Morning (Samstagnacht bis Sonntagmorgen) ~ UK 1960
Directed By: Karel Reisz

Für den Jungarbeiter Arthur Seaton (Albert Finney) ist die Woche wohlstrukturiert: Von montags bis freitags geht's in die Fabrik, wo harte Maloche Ehrensache ist, am Samstag heißt es dann rein in den Zwirn und ab in den Pub, zehn bis zwölf Pints hinter die Binde und mit der eigentlich mit seinem Arbeitskollegen Jack (Brtyan Pringle) verheirateten Brenda (Rachel Roberts) in die Kiste. Der Sonntag ist dann zum gemächlichen Ausnüchtern bestimmt, bevor die Mühle am Montag wieder auf Null springt. Als Arthur die ihm deutlich zukommendere Doreen (Shirley Anne Field) kennenlernt, sieht er eine Möglichkeit, die sich ohnehin verkomplizierende Beziehung mit Brenda zu lösen - da eröffnet diese ihm, von ihm schwanger geworden zu sein. Für Arthur ein unhaltbarer Zustand, den er jedoch mittragen muss und der ihn einiges an Lehrgeld kostet.

Another angry young man, soon to be older: Diesmal sehen wir den noch taufrischen Albert Finney als einen Helden der Arbeiterklasse, der seine imposante Energie zum einen der Tatsache verdankt, dass er noch deutlich jünger ist als die meisten seiner Kollegen und zum anderen der unerschütterlichen Kraft der Träume. Für Arthur Seaton steht es außer Frage, dass er sich, wie bereits sein Vater (Frank Pettitt) vor ihm, zeitlebens den Buckel in der Fabrik krummschuften und früher oder später in die kleinbürgerliche Sackgasse des Alltags einfahren wird. Seine unerfreulich verlaufende Affäre mit der verheirateten Brenda grenzt ihn dabei zwar etwas von seinen geregelter dahinvegetierenden Zeitgenossen ab, bewahrt ihn letztlich jedoch auch nicht vor seinem vorgezeichneten Schicksal: Mit der reizenden Doreen naht zugleich das noch uneingelöste Versprechen des familiären Heimathafens. Mit ihr wird Arthur, so rotzig und kregel er sich jetzt auch geben mag, in Kürze eine eigene Familie gründen, in ein eigenes Häuschen ziehen und dereinst genauso enden wie sein Vater vor ihm. Was der Film von Arthur Seaton zeigt, ist vielleicht der letzte außergewöhnliche Ausschnitt seines Lebens, der letzte Rausch. Dann kommt nurmehr der Sonntagskater mit seinem langen, mühseligen Erwachen.

8/10

Karel Reisz Free Cinema Nottingham


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LOOK BACK IN ANGER (Tony Richardson/UK 1959)


"It's no good fooling about with love, you know."

Look Back In Anger (Blick zurück im Zorn) ~ UK 1959
Directed By: Tony Richardson

Jimmy Porter (Richard Burton) verdient sich seinen Lebensunterhalt zusammen mit seinem besten Freund Cliff (Gary Raymond) als Süßwarenverkäufer auf dem Markt. Sein wahres Herz schlägt jedoch für die Jazztrompete, der einzigen Möglichkeit für ihn, seine überbordende Gefühlswelt zu sublimieren. Jimmys Ehe mit der Middle-Class-Tochter Alison (Mary Ure) ähnelt derweil eher einem täglichen Kampf. Als erklärter Misanthrop macht er ihr mit seinen unkontrollierten Verbalattacken das Leben zur Hölle. Die Situation kippt, als Alison erfährt, dass sie ein Kind erwartet und zeitgleich ihre Freundin, die Schauspielerin Helena (Claire Bloom), für die Zeit eines Theater-Engagements in ihrer Wohnung unterkommt. Helena überredet Alison, Jimmy endlich zu verlassen, nur um sich dann selbst in eine halsbrecherische Affäre mit ihm zu stürzen. Am Ende müssen alle drei einsehen, dass sie falsche Entscheidungen getroffen haben.

Als eine Art britisches Pendant zu Tennessee Williams' "A Streetcar Named Desire" observiert John Osbornes Stück die Tücken einer viel zu schnell geschlossenen Ehe-Gemeinschaft, die ihren vorläufigen Bruch erlebt, als ein weiterer, weiblicher Part zwischen ihre verhärteten Fronten tritt. Tony Richardson fertigte daraus das erste bedeutende Werk des 'Free British Cinema' oder auch der Gattung 'Kitchen Sink': Genrelose Dramen, die, analog zur formal wesentlich verspielteren 'Nouvelle Vague' als Aufbruchskino entstanden und in der englischen Variante einen möglichst unverfälschten Blick auf die betont glanzlosen Alltagsexistenzen von Arbeiterfamilien und unzufriedenen Nachwüchslern warfen. Richard Burton zeichnet in der klassischen Rolle des Jimmy Porter, die übersee von Paul Newman oder Marlon Brando übernommen worden wäre, im Prinzip sein gesamtes folgendes Rollen-Repertoire vor. Er gibt hier den intellektuellen Zyniker in Reinform, der aus lauter Zorn über sein engmaschig umdrahtetes Leben zu einem in schäumendem Selbsthass gefangenen Individuum geworden ist, das jeden Tag mindestens ein rhetorisches Explosiönchen über seine Mitmenschen ergießt. Wo in späteren Rollen dann zumeist Resignation und Unterschwelligkeit regieren, leistet Burton sich hier noch den einen oder anderen veritablen Ausbruch. Dass es dabei zumeist seine zarte Ehefrau trifft, liegt in der Natur der Dinge. Dass am Ende die Erkenntnis obsiegt, dass man sich mit dem zu arrangieren hat, was das Leben einem bietet, ebenso. Allein der Weg dorthin macht "Look Back In Anger" so immens involvierend.

8/10

Tony Richardson John Osborne based on play Free Cinema Ehe amour fou Bohéme


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LA REINE MARGOT (Patrice Chéreau/F, I, D 1994)


Zitat entfällt.

La Reine Margot (Die Bartholomäusnacht) ~ F/I/D 1994
Directed By: Patrice Chéreau

Paris, im August 1572. Nachdem die intrigante Königsmutter Katharina De Medici (Virna Lisi) ihre Tochter Margot (Isabelle Adjani) mit dem protestantischen König Henri de Navarre (Daniel Auteuil) verheiratet hat - eine rein diplomatisch bestimmte Ehe, der beide Parteien nur höchst widerwillig zustimmen - steigern sich die ohnehin latenten Aggressionen am Königshof gegen die Hugenotten, allen voran deren Führer Coligny (Jean-Claude Brialy), noch weiter. Wiederum durch den Einfluss seiner Mutter Katharina befiehlt der psychisch angeschlagene König Charles IX (Jean-Hugues Anglade) die verhängnisvolle Ermordung sämtlicher in Paris befindlicher Hugenotten. Ein beispielloses Massaker folgt, dem rund 6000 Menschen zum Opfer fallen, dem jedoch zumindest Navarre durch den Schutz Margots entgehen kann. Jene verliebt sich ihrerseits in den ebenfalls dem protestantischen Glauben frönenden Edelmann La Môle (Vincent Perez), derweil Navarre sich aus eher eigennützigen Motiven mit Charles befreundet. Sowohl dessen Mutter als auch seinem Bruder Anjou (Pascal Greggory) ist diese Freundschaft ein Dorn im Auge. Von den folgenden Mordanschlägen trifft schließlich einer Charles selbst, der sich elendig an einer Arsen-Vergiftung zu Tode quält. Auch La Môle wird getötet. Navarre flieht zurück in die Gascogne und Margot verlässt Paris, das Haupt ihres Geliebten mit sich führend.

Ein herrlich selbstverliebtes Epos, voll von Pomp, Blut, Sex und Intriganz, schwer und süffig wie ein alter Roter. Der hollywoodschen Art, Historienfilme zu erstellen bewusst entsagend, gibt sich Chéreaus Film ganz europäisch; die Dynastie derer von Medici wird ausgegeben als eine von irrläufigem Adelswahn geprägte Familie, bestehend aus zutiefst selbstgefälligen und bösen bis gestörten Mitgliedern. Über allem thront die legendäre Katharina, die Massenmord und Attentate im Sekundentakt befiehlt und ihren unbeholfenen Sohn als Marionette missbraucht. Wer gegen die Staatsräson oder das, was die Königsfamilie darunter versteht, verstößt, wird ohne großes Zaudern aus dem Weg geräumt, selbst, wenn es eine ganze Glaubensgemeinschaft betrifft. Zwischendrin vögelt sich die nebenbei noch dauergeile Gesellschaft ihre Pfade durch die Betten des Palastes, wobei jederzeit damit gerechnet werden muss, dass ein Parfum, ein Lippenstift oder ein Glas Wein zur Todesfalle werden kann.
Chéreau versteht es ausgezeichnet, dieses gleichfalls morbide wie lebenshungrige Klima des sich neigenden Spätmittelalters mit kräftigen Farben und ausgesuchtem Chiaroscuro zu inszenieren; ohnehin zur Exzentrik neigende Darsteller wie Adjani, Anglade, Auteuil oder der deutsche Thomas Kretschmann spielen dieses ausufernde grand guignol voller beserkerhaftem overacting. Die eine oder andere Länge, die jeweils die kurze Befürchtung aufkommen lässt, "La Reine Margot" gehe gleich die Puste aus, wird durch die garantiert folgende, nächste spektakuläre Sequenz wieder entkräftet. Großes Kostümkino aus der Nachbarschaft also, auch mal schön.

8/10

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THE SIGNAL (William Eubank/USA 2014)


"What is the truth of the matter here?"

The Signal ~ USA 2014
Directed By: William Eubank

Auf dem Weg zur Westküste, wohin sie ihre Freundin Haley (Olivia Cooke) bringen, wollen die beiden Computernerds Nic (Brenton Thwaites) und Jonah (Beau Knapp) gleich noch dem geheimnisvollen Hacker 'Nomad' einen Besuch abstatten, der sich in alle möglichen abgeschirmten Intranetze einloggen kann und das Trio somit auf Schritt und Tritt verfolgen und überwachen kann. Die Spur führt zu einer geheimnisvollen, leerstehenden Hütte auf dem Land, die jedoch nicht zu Nomad, sondern geradewegs in ein unterirdisches Labor voller schutanzugbewährter Wissenschaftler, allen voran dem wortkargen Damon (Laurence Fishburne) führt. Dieser unterstellt dem desorientierten, verdutzten Nic, Kontakt mit Aliens gehabt zu haben und möglicherweise kontaminiert zu sein. Als Nic entsetzt feststellt, dass seine Beine gegen künstliche Substitute ausgetauscht worden sind, ergreift er zusammen mit Haley die nächste Möglichkeit zur Flucht. Offenbar befindet man sich im Bereich der "Area 51", die Herrschaften aus dem Labor dicht auf den Fersen...

"The Signal" wirkt ein wenig wie ein Film aus der Frühphase des Kanadiers Vincenzo Natali; stilisiert bis zur Perfektion, formal von penibelster Sorgfalt getragen und voller guter Ideen, die sich im Nachhinein jedoch en gros als bloßes Handwerkszeug zur Kreierung eines schicken Spielfilms und somit als selbstzweckhaft entpuppen. Das Gesamtbild entschädigt zwar dafür, kann seine Natur des Aufmerksamkeitheischens jedoch kaum verhehlen. Natürlich dreht sich am Ende die gesamte Szenerie auf den Kopf mitsamt herausgefordertem Aha-Effekt, ein paar lose inhaltliche Fäden bleiben aber dennoch zurück. "The Signal" enthält dabei unverhohlen ausgespielte Elemente aus Superhelden-Filmen zwischen "Unbreakable" und "X-Men", verschafft jedoch auch diesen eine gehörige Kehrtwende, als klar wird, welcher Natur die physischen Modifikationen der Kids in Wahrheit sind.
Seine untadelige Form macht "The Signal" trotz alledem recht delektabel und ich kann mir vorstellen, ihn mir beizeiten nochmal anzusehen, um dann vielleicht sogar einen besseren Eindruck zu gewinnen. Wäre doch nett, ge'.

7/10

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AMORE E MORTE NEL GIARDINO DEGLI DEI (Sauro Scavolini/I 1972)


Zitat entfällt.

Amore E Morte Nel Giardino Degli Dei (Liebe und Tod im Garten der Götter) ~ I 1972
Directed By: Sauro Scavolini

Ein alternder, habilitierter Ornithologe (Franz von Treuberg) mietet sich zwecks Studien der Vogelart 'Indikator' in eine leer stehende, umbrische Villa ein. Bei einem Gang über das dazugehörige, große Naturgrundstück entdeckt der Professor ein abgespultes Tonband. Nachdem er dieses wieder hergerichtet und gesäubert hat, hört er es sich an: Es enthält die Aufnahmen der therapeutischen Sitzungen eines Psychiaters (Ezio Marano) mit seiner Patientin Azzura (Erika Blanc). Jene hatte scheinbar ihren Selbstmord zu inszenieren versucht, jedoch erfolglos. Daher nahm sich der geschulte Freund ihres Mannes, des Tenors Timothy (Rosario Borelli) ihrer an. Der Professor lauscht einer Vielzahl intimer Geständnisse und erfährt unter anderem, dass Azurra ein langes, inzestuöses Verhältnis mit ihrem Bruder, dem Künstler Manfredi (Peter Lee Lawrence) pflegte. Dieser hat mittlerweile den Verstand verloren und lauert nach mehrfachen Morden nun auf den Professor, den letzten, unfreiwilligen Mitwisser seiner Verbrechen...

Ein sehr gemächlich erzählter Giallo, den der in der Hauptsache als Autor für Sergio Martino beschäftigte Sauro Scavolini mithilfe seines etwas bekannteren Bruders Romano herstellte. "Amore E Morte Nel Giardino Degli Dei" enthält sich weitgehend jeglicher Schlüpfrigkeiten und lautstarke Brutalitäten, verzichtet somit auf übermäßig Exploitatives und lässt sich eher zu den gemächlich erzählten, ruhigen Gattungsexemplaren rechnen. Mit dem ornithologisch tätigen Professor erhält der Zuschauer einen besonders entspannten, ruhigen Klienten, der seiner detektivischen Arbeit aus Neugier betont langsam, Kaffee trinkend und permanent rauchend nachgeht. Die entsprechenden Rückblenden, die sich aus den Tonband-Studien des Professors ergeben, spielen sich zumindest anfänglich kaum minder unaufgeregt ab. Zum richtigen Genrefilm - und damit wohl auch zu dem, was ungeduldigere Zeitgenossen sich von dem Film womöglich früher erhofft hätten - avanciert Scavolinis Werk erst in der zweiten Hälfte, in der, nach einigem Beziehungs-Hin-und-Her endlich auch das kriminalistische Element zu Tage befördert wird: Manfredi dreht nach einer höhnisch dargebotenen Wahrheits-Offerte endgültig durch und fährt wie ein Racheengel mit Schwert und Pistole auf all jene nieder, die er mit seiner Enttäuschung unmittelbar in Verbindung sieht. Dennoch erweist sich die narrative Komposition von "Amore E Morte Nel Giardino Degli Dei" letzten Endes als sehr ausgewogen, da sie eine saubere Einteilung in vier Akte ermöglicht und dem Film eine verschachtelte und dennoch wohldurchdacht anmutende Struktur verleiht. Hat mir sehr gefallen.

8/10

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SÜPERSEKS (Torsten Wacker/D 2004)


"Sisse, Wichsleitungen gehen wieder."

Süperseks ~ D 2004
Directed By: Torsten Wacker

Weil er beim Altonaer Paten, seinem Onkel Cengiz (Meray Ülgen) mit einer Menge Patte in der Kreide steht und ihm als Garantie das Haus seiner in der Türkei lebenden Mutter (Sevgi Özdamar) verpfändet hat, braucht der Taugenichts Elviz (Denis Moschitto) dringend eine zündende Idee. Die kommt ihm, durch eine ehefrustrierte Aktion seines älteren, ihn aushaltenden Bruders Tarik (Hilmi Sözer): Zusammen mit seinem in Comuterfragen beflissenen Kumpel Olaf (Martin Glade) zieht er eine ausschließlich für türkische Anrufer konzipierte Telefonsex-Hotline auf. Das entsprechende Kapital stammt von dem etwas eigenen Porno-Schneyder (Peter Lohmeyer). Die Sache lässt sich auch tatsächlich super an, bis Elviz' Schwarm Anna (Marie Zielcke) in dem Laden anfängt und den eifersüchtigen Schwerenöter völlig durcheinanderbringt. Am Ende erfährt die türkische Gemeinde von dem ganzen versauten Geschäft und reagiert höchst ungehalten. Alles scheint verloren, doch ausgerechnet Olaf hat noch ein letztes Ass im Ärmel...

Ich geb's zu: Ein guilty pleasure. Ich käme ja nie auf die Idee, mir eine dieser mich schon von Weitem abstoßenden RomComs von und mit Till Schweiger oder Matthias Schweighöfer anzusehen und mache mich im Gegenteil nur allzu vorliebig über den Pöbel lustig, der sich mit derlei abgibt. Weil ich aber Marie Zielcke so schön finde und sie, ganz nebenbei, noch immer vom Fleck weg heiraten täte, und diese hier als Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe antritt, habe ich mir damals "Süperseks" angeschaut. Und fand ihn wider Erwarten superwitzig, denn sowohl die Darstellung der als auch die Seitenhiebe auf die in Deutschland lebende, türkische Gemeinde sind von einiger hellsichtiger Brillanz und Wahrheit.
"Süperseks" ist darüberhinaus heute vielleicht sehr viel politischer als noch vor zehn Jahren, denn er zeigt auf ebenso ironische wie liebenswerte Weise falsche Wege auf: Forcierte Selbstghettoisierung, Selbstverleugnung, Bigotterie, religiöse Verlogenheit und die Wahrung eines längst obsolet gewordener Traditionen. Natürlich sind die Türken, die Süperseks zeigt, fast durchweg Klischeetypen: Der junge Deutschtürke zwischen den Welten, der fleißige, etwas bldungsferne Arbeiter, der insgeheim unter dem Omatriarchat steht (die Büyükanne, die Großmutter ist tatsächlich das heimliche Oberhaupt und graue Eminenz vieler türkischer Familien) und auf kitschige, anatolische "Heimatfilme" aus den Siebzigern steht, die insgeheim längst emanzipierte, türkische Ehefrau, der studierte Emporkömmling, der mit allen Mitteln westeuropäisch wirken möchte; dazu der altbekannte, uns Deutsche so befremdende Tand um Plüsch und Glitzerzeug. Klischees werden jedoch benötigt, um Satire machen zu können und sind damit probat.
Das Schöne an dem Film ist aber vor allem, dass er bei aller analytischen Freude keine didaktische, tendenziöse Allgemeinlösung propagiert, sondern für freie Entscheidung, Toleranz und ein friedfertiges Miteinander wirbt. Damit ist er ein kleines Original und mit einer Nasenlänge vorn, heute vielleicht mehr denn je.

8/10

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NOSTRADAMUS (Roger Christian/F, UK, D, RO 1994)


"I have seen paradise."

Nostradamus ~ F/UK/D/RO 1994
Directed By: Roger Christian

Michel De Nostradame (Tchéky Karyo) lebt und wirkt in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Frankreich. Er betätigt sich unter anderem als Astrologe, Mediziner, Apotheker, Parfümbrauer, Geheimlogist, Literat und nicht zuletzt als von Katharina De Medici (Amanda Plummer) anerkannter Königshausprophet. Er sorgt für entscheidende Fortschritte bei der Bekämpfung der Beulenpest und verheiratet sich ein zweites Mal, nachdem seine erste Gattin Marie (Julia Ormond) nebst Kindern der Seuche zum Opfer gefallen ist. Mehrfach entgeht er der Verhaftung und Hinrichtung als Ketzer, derweil seine Visionen mit zunehmendem Alter immer intensiver und häufiger vorkommen.

Als eine historische und gewissermaßen historizierte Lieblingsgestalt vieler Verschwörunstheoretiker und Weltuntergangs-Apologeten, der u.a. den Tod des amtierenden Königs Heinrich II (Anthony Higgins), die Batholomäusnacht, die französische Revolution, die Weltkriege des 20. Jahrhunderts und den Aufstieg Hitlers vorauszusagen pflegte (sowie, zumindest zufolge der letzten Filmszene, einen Menschheitsexodus Richtung Weltall um das 30. Jahrhundert infolge der endgültigen Zerstörung der Erde), erhielt Nostradamus mit Roger Christians kleinem Biopic auch sein pokulturell konsumierbares Manifest. All die Unbill der spätmittelalterlichen Misanthropie wird darin herausgekehrt; von der Macht und Willkür der Inquisition über Hexenverbrennung und frühe Geheimlogengründungen bis hin zur längst verfilzten, wissenschaftlichen Arroganz der herrschenden Kräfte. All das gehört natürlich stets zum "guten Ton" eines entsprechenden Zeitporträts. Wie zu lesen ist, hält der Film sich zumindest relativ eng an die bekannten, biographischen Eckdaten von Nostradamus' Vita; bezüglich seiner Visionen und vor allem deren Interpretationen jedoch dürfte viel Folklore mit ihm Spiel sein. Seine Prophezeiungen erschienen damals in Schriftform als jährlich publizierte Almanachen, die sich, wie man später ermittelte, häufig längst niedergeschriebenen Gedankenguts bedienten und ebenso sehr interpretationsbedürftig waren, was eine multiple Auslegung ihres Realitätsgehalts ermöglicht.
Christians Film will von derlei natürlich nichts wissen und reitet in all seiner maßlosen Heldenverklärung ganz auf der zu seiner Entstehungszeit gerade schwer angesagten Nostradamus-Renaissance-Welle mit, zumindest semi-erfolgreich. Betrachtet man dies Biopic unter einem eher distanzierten, vielleicht campigen Aspekt, kann es hier und da durchaus Freude bereiten, zumal es in einigen Nebenrollen trefflich besetzt ist.

6/10

Roger Christian period piece Biopic Historie Mittelalter Frankreich Camp Inquisition





Filmtagebuch von...

Funxton

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