Zum Inhalt wechseln


In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


Foto

LOVE ETERNAL (Brendan Muldowney/IE 2013)


"I'm a disordered human being."

Love Eternal ~ IE 2013
Directed By: Brendan Muldowney

Ian (Robert de Hoog) findet sich im Leben nicht zurecht. Der Tod ist sein ständiger Begleiter und seine einzigen sonstigen Interessen liegen in der Laien-Astronomie. Ansonsten fühlt Ian sich als existenziell fehl am Platze. Allenthalben setzt er zum Selbstmord an, doch immer wieder scheitern seine Versuche aufgrund obskurer Wendungen. Ian ist einsam und findet keine Erfüllung; selbst der Versuch einer nekrophilen Beziehung mit der in seiner Gegenwart gestorbenen Tina (Amanda Ryan) scheitert kurzfristig: Rigor mortis und dessen unästhetische Folgen sind dann auch nicht wrklich Ians Hausnummer. Dann die ihm immer wieder begegnende Naomi (Pollyanna McIntosh) - sie hat ihren kleinen Sohn durch einen Unfall verloren, sich von ihrem Mann (Aiden Condron) getrennt und schöpft nun durch Ians Interventionen neue Kraft. Auch Ian profitiert von dieser Freundschaft, und endlich wartet seine bestimmende Aufgabe auf ihn.

Eine mir zufällig aufgefallene Tendenz: Nach dem erst letzthin geschauten "Last Kind Words" handelt es sich auch bei "Love Eternal" um einen Film, der seine grundierende, tiefe Morbidität beinahe zwanglos zum Ethos erhebt, der förmlich zu predigen scheint: "Suicide's an alternative!" Der Protagonist Ian, in stiller Schönheit begeisternd von Robert de Hoog dargeboten, wähnt sich als Berglöwen im Körper eines Menschen; er sei schlicht im falschen Körper zur Welt gekommen und könne in seiner menschlichen Form kein zufrieden stellendes Leben führen. Sämtliche Versuche, sich der Welt und auch deren Negierung, anzunäheren, scheitern. Erst die platonische Beziehung zu der tieftraurigen, sich jedoch mit aller Macht gegen die Depression stemmenden Naomi führt ihm Alternativen vor Augen. Das Leben kann schön sein, man muss nur seine Nische finden. Ein dann doch noch impulsiv herbeigeführter Selbstmordversuch Naomis schlägt fehl - ausgerechnet, weil Ian ihr rechtzeitig das Leben rettet. Danach findet sie wieder zu ihrem Mann zurück und somit ins Leben; Ians "Radikaltherapie" ist erfolgreich, sein Lebenssinn erfüllt, er wieder allein, aber zufrieden. Seiner letzten Reise steht nun endgültig nichts mehr im Wege. Das ist "Amélie", gehüllt in tiefstes Schwarz!
Das zufriedene, freie Aus-dem-Leben-scheiden buchstabiert Muldowneys wirklich wunderbarer Film mit einer dermaßenen Selbstverständnis, dass ihm die FSK trotz wirklich kaum prekärer Visualisierungen wie bereits "Last Kind Words" ein 18er-Siegel verabreichte - man möge labile Jugendliche mit solcher Nekromantisierung doch bitte nicht auf falsche Ideen bringen. Eine wahrhaftig tragfähige Ausgangsbasis zur Hervorrufung eines um sich greifenden Neo-Werther-Effekts! Andererseits: Brächte man sich nach dem Genuss von "Love Eternal" einfach um, man könnte solch grandioser Filme wie diesem (oder auch ihm selbst) nie mehr ansichtig werden und das wäre wiederum doch verdammt schade.

9/10

Brendan Muldowney Irland Tod Suizid Biopic


Foto

CLAIR DE FEMME (Constantin Costa-Gavras/F, I, BRD 1979)


Zitat entfällt.

Clair De Femme (Die Liebe einer Frau) ~ F/I/BRD 1979
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Eigentlich will er nach Caracas abfliegen, aber aus zunächst unerfindlichen Gründen verschiebt Michel Follin (Yves Montand) die Reise. Auf dem Weg in ein Bistro stößt er mit der hilfsbereiten Lydia Tovalski (Romy Schneider) zusammen und fühlt sich prompt zu ihr hingezogen, versucht verzweifelt, sie auch für sich zu begeistern. In den nächsten Stunden erfahren die beiden viel von einander und geben dem jeweils anderen tiefe Einblicke in die jeweils zutiefst verwundete Seele: Lydia hat ihre kleine Tochter verloren bei einem Unfall, den ihr Mann Alain (François Perrot) verursacht hat. Dieser verschanzt sich seitdem hinter einem Schuldkomplex, der es ihm nurmehr erlaubt, in einer Phantasiesprache zu kommunizieren und der von regelmäßigen Suizidversuchen bestimmt wird. Lydia ist völlig allein gelassen. Michel derweil hat seiner todkranken Frau passive Sterbehilfe geleistet, indem er ihren Freitod akzeptiert und ihr versprochen hat, die Stadt zu verlassen - nur, um dann auf die nicht minder verletzte Lydia zu stoßen. Ihr kurzes Beisammensein ist zudem geprägt vom Abschied des seltsamen Vaudeville-Tier-Dompteurs Galba (Romolo Valli).

Dieser dröge Versuch Costa-Gavras', späte Nouvelle Vague zu machen, darf als in Ehren gescheitert betrachtet werden. Der ganze Film, nebst Darstellern, basaler Ausgangslage und Dialog gleicht einer distanzierten Versuchsanordnung, die ohne Montand und Schneider, die ihn mittels ihrer Kunst faktisch allein zu tragen haben, gänzlich verloren wäre. Die Figuren, und damit meine ich nicht ausschließlich nur die Protagonisten, erschweren durch ihre charakterbedingte Distanzierung zum Alltäglichen, ihre bleierne Lebensegierung und die damit einhergehende Suhle aus Selbstmitleid und müde exponiertem Zynismus die Herstellung einer wie auch immer gearteten Beziehungsebene mit dem Zuschauer: Wer Michel und Lydia zur Gänze versteht, muss wohl selbst irgendwie des Lebens müde sein. Auch Costa-Gavras scheint kurz der vitale Funke, der seine Filme sonst auszeichnet, verlassen zu haben, als er sich entschied, inmitten seiner großen politischen Filme plötzlich dieses Zwei-Personen-Kammerspiel abzusetzen, dem es im Vergleich zu der ihn werkimmanent umgebenden Kunst des Regisseurs ausgerechnet an deren Verve, Wucht, Wut und Lebensbejahung mangelt, wobei all dies gerade hier, in dem mikrokosmisch denkbar schmalsten Herunterbruch auf das Wesentliche - die Liebesbeziehung zweier Menschen nämlich - so obligatorisch gewesen wäre.

4/10

Constantin Costa-Gavras amour fou Vaudeville Paris


Foto

BLENDED (Frank Coraci/USA 2014)


"My bad!"

Blended (Urlaubsreif) ~ USA 2014
Directed By: Frank Coraci

Sie sind füreinander geschaffen und merken es nichtmal: Jim (Adam Sandler) ist Frühwitwer mit drei Töchtern (Alyvia Alyn Lind, Emma Fuhrmann, Bella Thorne), denen es ganz eindeutig an mütterlicher Fürsorge mangelt; Lauren (Drew Barrymore) ist halbwegs frisch getrennte Mutter zwei Söhne (Kyle Red Silverstein, Braxton Beckham), die sich in Ermangelung eines ordentlichen Vaters in etwas seltsame Richtungen zu entwickeln drohen. Ein erstes Blind Date zwischen den beiden geht hoffnungslos in die Hose, doch es kommt noch dicker: Ein dummer Zufall führt sie beide mitsamt ihren Kids in ein südafrikanisches Clubhotel für Frischverliebte, in dem neben einer durchgeknallten Belegschaft (u.a. Terry Crews, Abdoulaye Ngom) auch das amouröse Schicksal auf sie lauert...

Wenn der Sandman und Drew Barrymore zusammentreffen, dann kommt im Regelfalle Großartiges dabei heraus. "Blended" bildet diesbezüglich nach "The Wedding Singer" und "50 First Dates" keine Ausnahme, sondert bildet sogar das heimliche Meisterstück ihrer bisherigen, unoffiziellen "Traumpaar-Trilogie". Sandler, der sich in seinem Kernwerk ja stets neosoziokultureller Phänomene annimmt und diese auf seine so unnachahmlich authentische Weise observiert, widmet sich diesmal der Institution der Patchwork-Familie und singt zugleich ein Hohelied auf diese. Wobei, so neu ist dieser komödiatische Ansatz auch nicht, man denke an die alte Serie "The Brady Bunch". Heuer finden sich Sandler und Barrymore also als unfertige Familienoberhäupter wieder, die, wobei die alte Chemie sich wiederum wunderbar aufgefrischt findet, sogar ausnahmsweise über den kartographischen Rand der USA hinweg jetten müssen, um sich mittelfristig in die Arme schließen zu können. Die einzelnen Akte kommentiert allenthalben, wie im klassisch-aristotelischen Drama, ein ausgerechnet von einem herrlich ausgelassenen Terry Crews angeführter Chor.
Dem in diesem Zusammenhang naheliegenden Ruf praller Tourismus-Satire folgt "Blended" in diesem Zusammenhang auch gleich nach. Dabei ist Coracis Film gerade so bonbonfarben-überzeichnet, wie das Thema es eben so zulässt und damit auch von einer glänzenden Form. Ein wahrer Springbrunnen für Herz und Seele, ein zauberhafter Film, einer der schönsten des Jahres.

9/10

Frank Coraci Adam Sandler Südafrika Urlaub Hotel Patchwork-Familie


Foto

LAST KIND WORDS (Kevin Barker/USA 2012)


"We walk on the same paths."

Last Kind Words ~ USA 2012
Directed By: Kevin Barker

Der Teenager Eli (Spencer Daniels) zieht mit seinen Eltern auf ein Farmgelände in Kentucky, wo der Gutsbesitzer Waylon (Brad Dourif) seinem alten Jugendfreund Bud (Clay Wilcox), Elis Vater, etwas Arbeit offeriert, um über die Runden zu kommen. Im Wald jenseits des abgezäunten Grundstücks begegnet Eli der schönen, mysteriösen Amanda (Alexia Fast), in die er sich verliebt. Das sie umgebende Geheimnis kann der junge Mann bald lüften: Amanda ist ein Geist, in Wahrheit schon vor vielen Jahren erhängt an einem Baum im Wald. Sie war Waylons Schwester und auch die Jugendliebe von Elis Vater, der sie nie vergessen hat. Es gelingt Eli nach einigen schrecklichen Ereignissen, Amanda von ihrem Halbdasein als Zwischenwesen zu erlösen, doch der alte Fluch verlangt Nachschub...

Als Repräsentant dessen, was man etwas postmodernistisch gemeinhin als 'Southern Gothic' bezeichnen könnte, ist "Last Kind Words" vor allem dies: Erlesenst photographiert und von höchstem ästhetischen Reiz. Die kräftigen, sonnenlichdurchfluteten und verführerisch vitalen Farben, mit denen dp Bill Otto das Lokalkolorit einfängt, sprechen eine höchstselbst codierte Sprache, die den gesamten Rest des Films nebst seiner zerbröckelnden Ratio ganz bewusst überlagert. Die Ereignisse in dem - gemessen an der aktuell vorherrschenden Filmsprache - beinahe provozierend langsamem Film verschwimmen in teilweiser Redundanz, vielmehr zählt, nach einem sich erst spät besinnenden Prolog die höchst subjektiv gelagerte Perspektivierung. Eine dunkelromantische Coming-of-Age-Story entwickelt sich für den orientierungslosen Eli, der für die Liebe zur geisterhaften, sphärischen Amanda das Interesse an der ohnehin lähmenden Welt der Lebenden verliert: Was können die Erinnerung an einen alkoholisierten Vater, eine unglückliche Mutter, Geldnot und Schulden - die Erinnerungen an eine solch kaum erquickliche realis - auch für Reize bereit halten? Selbst seine höchst vitale Freundin Katie (Sarah Steele), die den "Absprung" schafft, vermag Eli nicht von seiner Faszination fürs Jenseitige zu heilen. Schließlich ist die Todessehnsucht allzu übermächtig. Die Verdammnis verschafft sich für ein paar Jahrzehnte ihren nächsten treuen Adlatus.

8/10

Kevin Barker Südstaaten Kentucky Wald Geist Coming of Age


Foto

THE NATURAL (Barry Levinson/USA 1984)


"C'mon Hobbs, knock the cover off the ball!"

The Natural (Der Unbeugsame) ~ USA 1984
Directed By: Barry Levinson

1939: Wie aus dem Nichts taucht der nicht mehr ganz taufrische Baseball-Spieler Roy Hobbs (Robert Redford) aus der Versenkung auf, um für die New York Knights als Schläger anzutreten. Erst nach einigen Spielen als 'bench warmer' setzt der skeptische Trainer Pop Fisher (Wilford Brimley) Hobbs ein und erlebt sein blaues Wunder, als dieser mit seinem selbstgemachten Bat "Wonderboy" einen Ball zerdeppert. In der Folge avanciert Hobbs zum Star, wird jedoch durch die Umgarnungen der undurchsichtigen Schönheit Memo Paris (Kim Basinger) alsbald wieder in seinem Erfolgsradius eingeschränkt. Erst die Wiederbegegnung mit seiner Jugendliebe Iris (Glenn Close) bringt Hobbs wieder auf Kurs - wären da nicht ein unheiliges Managment im Hintergrund und eine erneut aufbrechende, alte Magenwunde, die Hobbs einst schonmal sechzehn Jahre vom Feld ferngehalten hat...

Baseball-Filme sind vermutlich die uramerikanischsten Filme, die Hollywood Zeit seines Bestehens hervorgebracht; noch uramerikanischer als propagandistische Kriegsfilme, noch uramerikanischer gar als jeder andere Sportfilm. Baseball, das ist Religion, Kunst, Krisenbewältiger. Mit den großen Spielern wurde einst gefeiert und gelitten wie mit kaum einer anderen nationalen Persönlichkeit, der Sport taugte sogar dazu, die Leute während der Depressionszeit kurzfristig zu Euphorikern werden zu lassen. Basaeball, das ist amerikanisches Leben. "The Natural" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Bernard Malamud, der in seinem Buch zwar die fiktive Biographie eines Spielers erzählte, darin jedoch zugleich etliche reale Ereignisse und Anekdoten rund um den Sport aufgriff und umverwertete. Die Figur des Roy Hobbs bildete somit ein Konglomerat aus verschiedenen echten Spielern, sozusagen einen erfundenen Archetypus. Im Gegensatz zur traurig endenden Vorlage entschieden die Script-Autoren sich zu einem happy end, einem der furiosesten des Kinos noch dazu. Hobbs trifft seinen letzten Ball und das nächtliche Stadion explodiert förmlich in einer gewaltigen Zeitlupen-Kaskade aus Funken. Überhaupt dürfte "The Natural" ein eminenter formaler Wegbereiter für all den Kitsch sein, der das nachfolgende Mainstreamkino aus der Traumfabrik so unverkennbar und später auch langweilig machte: Der dp Caleb Deschanel nutzte für etliche Aufnahmen die 'magic hour', die goldene Dämmerungsstunde, in der infolge des abendlichen Lichts alles in Gold getaucht zu sein scheint. Dazu schrieb ausgerechnet Randy Newman einen der pompösesten, heroischsten Scores der Dekade, wie ihn sonst höchstens Michael Kamen oder John Williams hinbekommen hätten. Dennoch ist "The Natural" ein schöner Film, der wie wenige andere Einblicke in die so leicht verwundbare amerikanische Seele offeriert.
Baseball-Filme sind die uramerikanischsten Filme, die es gibt und "The Natural" ist der uramerikanischste unter ihnen.

7/10

Barry Levinson Baseball period piece Biopic Bernard Malamud New York


Foto

TWIN PEAKS (David Lynch et. al./USA 1990/91)


"When we meet again, it won't be me."

Twin Peaks ~ USA 1990/91
Directed By: David Lynch et.al.

Als in der nahe der kanadischen Grenze Kleinstadt Twin Peaks, Washington die Leiche der allseits beliebten High-School-Schülerin Laura Palmer (Sheryl Lee) gefunden wird, erdolcht und verschnürt in einem Plastiksack, ist allseitiges, bleiernes Entsetzen die ebenso erwartungsgemäße wie natürliche Folge. Nicht bei restlos jedem Einwohner allerdings und schon gar nicht bei jenen, die Laura besser als nur gut kannten. Denn hinter der blendend-makellosen Fassade der hübschen jungen Frau irrlichterten Drogenkonsum, Promiskuität und psychische Störungen. Für den rasch herbeieilenden FBI-Agenten Dale Cooper (Kyle MacLachlan), einen formvollendeten Gentleman alter Schule, beginnt mit der Untersuchung des Mordfalls eine Odyssee, die durch traum- und halbweltliche Ereignisse führt, durch Rationalität, Freundschaft, Liebe und schließlich die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit in der Person seines einst wahnsinnig gewordenen Partners Windom Earle (Kenneth Welsh).

"Twin Peaks" wurde zu Beginn der neunziger Jahre global unfassbar aggressiv gehypt und war folglich ein Musterbeispiel für das, was man hierzulande dereinst so gern als "Straßenfeger" zu bezeichnen pflegte. In der Tat eröffnete die nach der dreißigsten Folge (inklusive zweier Pilotfilme für jede der beiden Staffeln) abgesetzte Reihe weit über die bis dahin etablierten Sehgepflogenheiten des Allerweltspublikums eine völlig neue Perspektive auf die bis dato beruhigend antizipierbaren Dinge des Fernsehens. Nicht nur die brillante Form der Serie, die aus ihr, zumindest für die Dauer der ersten vierzehn Folgen, einen erzählzeitlich überdimensionierten Spielfilm machte, deren unterschiedliche RegisseurInnen ihr gleichfalls ihre individuellen Signaturen aufdrückten, sie aber dennoch wie aus "einem Guss" erscheinen ließen, war bis dahin beispiellos. Auch und insbesondere die kommerziell waghalsige Versuchsanordnung, David Lynch bei nahezu völliger kreativer Freiheit fürs seriell strukturierte Fernsehen arbeiten zu lassen, erscheint noch heute basal höchst irrational. Wer damals mit "Eraserhead" und "Blue Velvet" vertraut war, wusste vermutlich zumindest auf halbem Wege, worauf es sich einzulassen galt - die meisten weniger öffnungsbereiten Zuschauer werden nicht schlecht gestaunt haben. Mittlerweile sind Lynchs bevorzugte filmische Pfade und Topoi ebenso identifizierbar wie ausgetreten; eine Kategorisierung seiner auf den ersten Blick inhaltlich wirr erscheinenden Arbeiten unschwer zu vollziehen und, wohl auch für den Regisseur selbst, der seit acht Jahren keinen Langfilm mehr fürs Kino hergestellt hat, weithin obsolet bis uninteressant geworden. Damals jedoch bot "Twin Peaks" eine erzählerische Zäsur von höchsten Gnaden.
Willkommen in der Stadt, in der die hängenden Ampeln immer nur auf rot springen und nie auf grün, in der ein unergründlicher Wasserfall donnert und die uralten Fichten seit den Zeiten der Ureinwohner bedrohlich rauschen, in deren ruralen Randbezirken Dimensionstore lauern und in der das pure Böse allerorten willfährige Leiber und Wirte findet wie auch die Liebe selbst ihre Aspiranten. Und sogar für eine landesweite Renaissance von Kaffee und Cherry Pie taugte sie. Lynch war von Kleinstadtschnulzen wie "Peyton Place" höchst angetan, fand im Hochglanz der Fünfziger stets immense Inspiration und brachte somit in seinem Werk stets eine Vielzahl intertextueller Verweise unter. Davon kündet nicht zuletzt das casting der Serie, die, neben ihrem ohnehin atemberaubenden Ensemble, mit Altprominenz wie Richard Beymer, Russ Tamblyn, Piper Laurie oder Dan O'Herlihy prunkte und für Kleinstrollen sogar Royal Dano und Hank Worden verbuchen konnte. Selbstverständlich stieß jene antiquarische Naivität besonders deshalb auf Lynchs gesteigertes Interesse, weil ihre diametrale Kehrseite umso bösartiger hervorstach. Doch wie stets sollte man auch hier nicht den Fehler machen, naseweise Intensiv-Interpretationen vorzunehmen: Wenn Lynch seine Darsteller im roten Salon rückwärts agieren und sprechen lässt, dann tut er das vor allem deshalb, weil es eben ganz wunderhübsch befremdlich wirkt. "Twin Peaks" ist nämlich im besonderen Maße auch groteske Komödie mit manchmal liebenswert-komischen, manchmal regelrecht albern-verwachsenen Auswüchsen. Permanent werden Leute wahnsinnig, oder sind es längst schon - wobei der stark potenzierte Irrsinn sich im Regelfall auch wieder legt, nicht ganz spurlos freilich. Wie bei Ben Horne (Beymer), der zwischenzeitlich den Sezessionskrieg mit den Konföderierten als Sieger nachspielen muss, um eine persönliche Niederlage zu verwinden, oder bei Nadine Hurley (Wendy Robie), die nach einem gescheiterten Suizid-Versuch Superkräfte entwickelt und sich zwanzig Jahre jünger wähnt. Vermutlich ist auch Bob (Frank Silva), jener Dämon in Jeansjacke, bloß ein Symbol für das, was pathologische Obsession anzurichten pflegt: Ob Leland Palmer (Ray Wise - unglaublich gut) seine Tochter wirklich bloß unter dem Einfluss einer höllischen Entität vergewaltigt und ermordet hat, oder ob der Mann einfach ein perverser Sexualtäter mit gespaltener Persönlichkeit ist, bleibt letztlich der Interpretationsebene überlassen. Vermutlich ist es auch gut, dass man den stets so heldenhaft agierenden Agent Cooper, schwer schattiert von Twin Peaks und all seinen dubiosen Gestalten, mit seinem wahnsinnigen, versehrten Antlitz im Gedächtnis behält. Alles andere hätte bloß Nachhaltigkeit gekostet.

9/10

Kleinstadt FBI David Lynch Uli Edel James Foley Mark Frost Washington Dämon Groteske TV-Serie Serienmord Freundschaft Madness Lesli Linka Glatter Caleb Deschanel


Foto

TRUE LIES (James Cameron/USA 1994)


"Kids... 10 seconds of joy, 30 years of misery."

True Lies ~ USA 1994
Directed By: James Cameron

Harry Tasker (Arnold Schwarzenegger) arbeitet seit vielen Jahren als Spitzenagent für den US-Geheimdienst 'Omega', ohne dass seine Frau Helen (Jamie Lee Curtis) etwas davon ahnt. Sie hält Harry für einen biederen Angestellten in der Computerbranche. Während Harry alle Hände voll mit der ergreifung des arabischen Terroristen Aziz (Art Malik) zu tun hat, ist Helen dabei, auf den hochstapelnden Windhund Simon (Bill Paxton) hereinzufallen, dessen Masche ausgerechnet darin besteht, sich als Spion auszugeben, um gelangweilte Ehefrauen ins Bett zu bekommen. Somit muss Harry gleich an zwei Fronten parallel für Sicherheit sorgen: An der nationalen, vor allem aber an der privaten.

Megalomanisch, gigantomanisch... in jedem Falle irgendwie manisch. Nach "Terminator 2: Judgment Day" wurde es für James Cameron sozusagen verpflichtende Ehrensache, jeweils seinen eigenen Rekord des teuersten bis dato hergestellten Films einzustellen, Inflationsbereinigung ausgeklammert. Das Budget für "True Lies" überragte das des Vorgängers nochmals um gute zehn Millionen Dollar und der Film avancierte somit zu einem Wegbereiter für die sich immer weiter potenzierenden Investitionsirrsinn Hollywoods. Mittlerweile rangieren nurmehr "Titanic" und "Avatar" unter den hundert Kostspieligsten, wobei 98 Prozent davon nicht älter als fünfzehn Jahre sind. Diesbezügliche Bedenklichkeiten hin oder her ist Cameron mit "True Lies" ein wirklich ordentlicher Film geglückt, wenngleich die basale Idee bekanntermaßen keine originäre ist, sondern auf dem nur drei Jahre zuvor entstanden "La Totale!" von Claude Zidi fußt.
1994 hatte es seit immerhin fünf Jahren keinen neuen Bond-Film mehr gegeben, unter anderem, da das Franchise mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zum geflissentlichen Anachronismus geworden war. Neue Feindbilder waren jedoch rasch zur Hand in Form radikalmuslimischer Nahost-Terroristen, wobei insbesondere die noch in den republikanischen Nachwehen liegende US-Regierung darin ihre stets existenznotwendige Nemesis ausmachte. Zeit also für einen amerikanischen James Bond, der eine neue political correctness ganz im Sinne guten alten US-Konservativismus' personifizierte: Daheim ein ordinärer, spießiger Familienvater mit allen dazugehörigen Sorgen und Nöten, der gemeinsam mit Frau und Tochter (Eliza Dushku) am Abendbrottisch sitzt, sich im Feldeinsatz jedoch zur unaufhaltsamen Killermaschine wandelt mit mehr Toten auf dem Konto als John Rambo. Natürlich, so versichert Harry Tasker seiner mittlerweile unsanft erwachten Gattin im späteren Verlauf des Films, handele es sich dabei ausschließlich um "böse Jungs".
Der primäre Grund dafür, warum "True Lies" trotzdem über die gesamte Distanz hinweg delektabel bleibt, ist seine sanfte Ironie. Camerons Film fungiert trotz aller überdimensionaler, in unglaublicher Perfektion dargebrachter Aktion in erster Linie durchweg als klassisch arrangierte, herzige Komödie, die viele wirklich charmante Situationen und Figuren in sich vereint. Selbst der Bösewicht geriert zur Karikatur eines Terroristen, der ständig mit Allerweltsproblemen zu tun hat, wie einer batterieentleerten Kamera während seiner obligatorischen Feindesansprache. Dann der kittende Kuss der Traskers vor dem Atompilz: Beinahe ein Schlüsselbild. Als main comic relief zog man den Komiker Tom Arnold heran, der mit seinen schnippischen Sprüchen zwar Schwarzeneggers oneliner nicht überflüssig werden lässt, sie in punkto deftigen Humors jedoch locker überflügelt. Ganz toll sind auch Bill Paxton, der nach meinem Dafürhalten den besten Part des Films abbekommen hat und ihn auch entsprechend ausfüllt, sowie Jamie Lee Curtis und Eliza Dushku, die die rare Vorstellung eines zugleich rotzigen und nichtnervenden Teenagers zum Besten gibt.

8/10

James Cameron Washington D.C. Schweiz Florida Terrorismus Atombombe Ehe Familie Spionage Remake


Foto

THE PASSION OF DARKLY NOON (Philip Ridley/UK, D, B 1995)


"Who will love me now?"

The Passion Of Darkly Noon ~ UK/D/B 1995
Directed By: Philip Ridley

Der auf der Flucht befindliche Darkly Noon (Brendan Fraser) wird nach einem Zusammenbruch von dem Bestattergehilfen Jude (Loren Dean) aufgelesen und zum einsam im Wald gelegenen Haus von Callie (Ashley Judd) und Clay (Viggo Mortensen) gebracht. Clay ist gerade auf einer seiner Waldwanderungen und Callie mit Darkly vorübergehend allein. Während der folgenden paar Tage erfährt man voneinander: Der stotternde, schüchternde Darkly stammt aus einer Enklave gottesfürchtiger Sektierer, die niedergebrannt wurde. Seine bald erwachenden, erotischen Empfindungen für Callie kann er weder einordnen noch akzeptieren. Callie sieht in dem naiven jungen Mann derweil einen potenziellen Kindesersatz, der mit ihr und Clay eine Familie komplettieren könnte. Als Clay zurückkehrt, projiziert Darkly all seinen Hass auf den sich als stumm herausstellenden Sargmacher. Dass er mit Callie in "wilder Ehe" lebt, gibt dem jungen Mann nur noh mehr Grund zur Eifersucht, ebenso wie seine Bekanntschaft mit Clays gestörter Mutter Roxy (Grace Zabriskie), die in ihrem Hass auf Callie Darkly zu ihrem Instrument macht...

Philip Ridleys zweiter Ausflug in den Bible Belt und seine monströsen Auswüchse geistlichen Weltbegreifens. Anstatt in die sonnendurchflutete Kornkammer geht es diesmal in den tiefen Wald, der wiederum ebenfalls als Natursymbol fungiert: "Man kann einen Wald, so heißt es, immer nur zur Hälfte durchqueren. Danach befindet man sich bereits wieder auf dem Weg hinaus." Dieser klassische Märchenschauplatz führt drei ganz unterschiedliche Menschen in eine unheilige Beziehungstriangel, die durch den Wahnsinn eines von ihnen in Rauch und Feuer aufgeht. Darkly Noon ist ein bemitleidenswertes Opfer religiöser Indoktrination und wird, ohne den Schutz von Eltern und Gemeinde, verrückt, als seine sich ohnehin sehr verspätet meldende Libido erwacht. Doch ist auch die eigentlich wohlmeinende Callie mit schuldig an seiner sich entzündenden "Passionsgeschichte". Sie nutzt die Abwesenheit ihres Lebenspartners, um dem armen Darkly den Kopf zu verdrehen und offeriert ihm ihre Reize, ohne ihn ernstlich zum Zuge kommen zu lassen. Bei Ridley sind die Frauen immer auch sphinxartige Mysterien, beseelt von einer unirdischen Urkraft. Wunderschöne Szenen finden sich dazwischen; eine Hundebestattung in einem brennenden Riesenschuh-Boot auf dem Wasser oder Darklys finale Transformation in einen Quasi-Indianer auf dem Kriegspfad. Da greift Ridley dann noch mal eben nebenbei den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern auf.
Dem einen oder anderen mag diese wirklich offensive Symbol-, Bilder- und Gleichnisüberladung etwas supratendenziös erscheinen, bei entsprechender Wappnung jedoch sollte man sich ihr ausliefern. Die Belohnung folgt garantiert.

8/10

Philip Ridley amour fou Fanatismus Madness Bible Belt Wald Erwachsenenmärchen


Foto

BREAKFAST AT TIFFANY'S (Blake Edwards/USA 1961)


"She's a crazy. I mean, a phony. A real phony, you know."

Breakfast At Tiffany's (Frühstück bei Tiffany) ~ USA 1961
Directed By: Blake Edwards

Bei seinem Einzug in ein neues Appartment lernt der erfolglose New Yorker Autor Paul Varjak (George Peppard) seine exaltierte Nachbarin Holly Golightly (Audrey Hepburn) kennen. Die beiden teilen auf den zweiten Blick manche Gemeinsamkeit: Holly ist das, was man ein "Party-" oder "Glamour-Girl" nennt, eine in gehobenen Kreisen verkehrende Frau, die sich von ihren zahlreichen, männlichen Bekanntschaften aushalten und auf deren spendablen Händen durchs Leben tragen lässt - gegen die eine oder andere "Gefälligkeit", versteht sich. Auch Paul lässt sich von seiner "Mäzenin" 2-E (Patricia Neal) seinen nicht unexklusiven Alltag finanzieren und prostituiert sich damit auf eine ganz ähnliche Weise wie Holly. Diese hat jedoch noch ein weitaus größeres Problem in Form akuter Bindungsängste. Sobald sie beginnt, aufrichtige Gefühle für einen Mann zu empfinden, läuft sie vor diesem davon und stürzt sich unbesehen ins nächste Abenteuer. Erst, als Paul endgültig bereits ist, sie aufzugeben, begreift sie, was sie an ihm hat.

Jede große Hollywood-Ikone hat ihren einen Film mit diesem einen besonders definierenden Moment. Im Falle Audrey Hepburn mögen es beider sogar mehrere sein; dennoch lässt sich wohl unbestreitbar konstatieren, dass "Breakfast At Tiffany's" und gleich die Eingangssequenz, in der Holly Golightly mit Sonnebrille morgens um 6 auf der menschenleeren Fifth Avenue aus einem Taxi steigt und vor der Auslage von Tiffany's Croissant und Kaffee einnimmt, eine höchstcharakteristische, archetypische Spitze darstellt. Blake Edwards' Film ist demnach nicht nur einer jener Kino-Glücksfälle, in denen alles von vorn bis hinten sich findet, passt und im Fluss bleibt, sondern auch ein Monument für seine Hauptaktrice. Vermutlich weiß jeder Normalverbraucher, der "Breakfast" gesehen hat, daran, dass Audrey Hepburn darin ist, indes aber werden wenige sich an George Peppard erinnern - natürlich unverdient, aber bestimt ein empirisches Faktum für den Beweis, dass manche Projekte eigens für ein bestimmtes Personal stehen. Glücklicherweise für Edwards bleibt es nicht bei der Hepburn als solitärem, prägnanten Merkmal des Stücks. Ebenso hervorstechend sind Henry Mancinis Sound mitsamt dem immergrünen tearjerker "Moon River", Mickey Rooney als cholerischer, japanischer Nachbar Yunioshi, Hollys stets stilvollendete Garderobe, ihre durchgedrehte Party, ihr symbolträchtiger Kater und auch die vielen weiteren, spleenig aufspielenden Nebendarsteller von Martin Balsam bis hin zu John McGiver. Und wem am Ende, passend zum Manhattaner Regen, nicht die Tränen herabkullern, in dessen Brust schlägt kein Herz.

9/10

Blake Edwards Truman Capote New York


Foto

BABY BOY (John Singleton/USA 2001)


"I don't wanna reach the gates and Jesus be like: 'Turn yo ass around nigga.'"

Baby Boy ~ USA 2001
Directed By: John Singleton

Joseph (Tyrese Gibson) lebt in South Central L.A., ist um die 20, arbeitslos, bildungsarm, hat zwei kleine Kinder mit zwei verschiedenen Müttern, Yvette (Taraji P. Henson) und Peanut (Tamara LaSeon Bass) und lebt noch bei seiner Mutter Juanita (A.J. Johnson). Seine Beziehung zu leidet regelmäßig darunter, dass Joseph weder seine Ma loslassen noch ein eigenverantwortliches Leben führen kann. Die Situation spitzt sich für Josepoh gleich von zwei Seiten her zu, als Juanita mit dem bulligen Melvin (Ving Rhames) einen neuen Liebhaber mit nach Hause bringt und Yvettes extrem soziopathischer Exfreund Rodney (Snoop Dogg) aus dem Knast entlassen wird...

In streng objektiver Hinsicht ist "Baby Boy" vielleicht John Singletons reifster Film als Autor und zudem der bis dato letzte, den er nicht als Auftragsfilmer inszeniert hat. "Baby Boy" beschließt nach "Boyz N The Hood" und "Poetic Justice" ferner Singletons inoffizielle South-Central-Trilogie, in der er in einer jeweils spezifisch gewichteten Mischung aus biographischen Impressionen und pädagogischer Ambition das Leben der hiesigen Afroamerikaner abbildet. "Baby Boy" versteht sich in diesem Zusammenhang weniger als Lehrstunde in Sachen mentaler Renovierung, sondern zeigt mit gleichermaßen höchst subtiler Ironie und großartiger Wahrhaftigkeit die Unfähigkeit vieler junger Männer, sich trotz diverser guter Voraussetzungen von ihrer verquasten Imagepflege loszukommen und existenzielle Verantwortung zu übernehmen. Im Falles Josephs geht die (durch das rahmende, wunderbar illustrierte, symbolische Bild des erwachsenen Titelhelden in einem schützenden Uterus) Lebensinkompetenz sogar so weit, dass für ihn seine Mutter nach wie vor eine Art Schutzmatrone ist, zu der sich die - einseitig pathologische - Beziehung zeitlebens nicht gewandelt hat. Auch ist Joseph längst nicht der harte Knochen, der er gern wäre; er fährt die Kiste seiner Freundin und muss, selbige entzogen, mit einem Fahrrad durch die Straßen zockeln. Er lässt sich von ein paar Halbstarken abspeisen und hat seiner großen Klappe zum Trotze höllische Angst vor seinen beiden Widersachern. Die Art und Weise, wie Singleton hier Dekonstruktion fehlgeleiteter Männlichkeitsschemata betreibt und damit dann doch noch kostenlose Lektionen in Sachen Erweckungsbedarf liefert, kann man durchaus als grenzgenialisch bezeichnen.

8/10

John Singleton Los Angeles ethnics Mutter & Sohn Coming of Age