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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE TRAP (Sidney Hayers/UK 1966)


"Go clean the hut."

The Trap (Wie ein Schrei im Wind) ~ UK 1966
Directed By: Sidney Hayers

Der völlig verwilderte und grobschlächtige Trapper John La Bête (Oliver Reed) verbringt 95 Prozent seines Lebens fernab jeglicher Zivilisation in den Wäldern British-Columbias mit Fallenstellen, Tierehäuten und Rumsaufen. Als er sich eines Tages entschließt, sich eine Frau zu nehmen, kommt ihm das Angebot einer gierigen Krämersfrau (Barbara Chilcott) in der Hafenstadt gerade Recht: Gegen den Obolus von 1000 Dollar bietet sie La Bête ihre Patentochter, die seit einem Indianerüberfall auf ihre Familie verstummte Eve (Rita Tushingham). La Bête zögert nicht lang und nimmt die völlig verschüchterte Frau gegen ihren Willen mit. Innerhalb eines Jahres entsteht eine seltsame, symbiotische Freundschaft zwischen dem ungleichen Paar, wobei sie sich gegen seine Annäherungsversuche stets tapfer zu wehren weiß. Als sie jenen zu ihrem eigenen Entsetzen dann doch einmal stattgibt, scheint ein unsichtbares Band zerrissen: Über Umwege kehrt Eve zu ihrer Ersatzfamilie zurück, entscheidet sich jedoch nach wenigen Monaten für eine endgültige Rückkehr zu La Bête.

Ein eigenartiger Abenteuerfilm für Erwachsene, in der die Mär von der Schönen und dem Biest in tatsächlich beinahe kaum codierter Form neu erzählt wird. Nicht umsonst trägt der Frankokanadier La Bête seinen vielsagenden Rollennamen: Als mit lautem, gebrochenen Englisch krakeelender Waldmensch, der mit Blut und Därmen zu tun hat und sein letztes Paar Manieren - sofern überhaupt je gelernt - zusammen mit einer Flasche Rum heruntergespült hat, ähnelt Oliver Reed mehr Tier denn Mann. Dabei braucht er Eve, um nicht seinen letzten Faden zur Menschlichkeit zu verlieren - ihre Zartheit und Schüchternheit bildet den exakten Gegenpol zu La Bêtes lärmendem Wesen. Als er ihr schließlich sein Leben verdankt, verliert er zugleich seine Greulichkeit und schält sein Innerstes hervor, was durch einen lang hinausgeschobenen, unbeholfenen Liebesakt belohnt wird. Doch für die von ihren schrecklichen Kindheitserlebnissen noch immer schwer traumatisierte Eve kommt der vollzogene Koitus einem Verbrechen an sich selbst gleich: Sie flieht und verliert vor lauter Seelenkummer das in jener Nacht gezeugte Kind. Erst als sie mit einem braven, aber kantenlosen Bürgerssohn verheiratet werden soll, erkennt sie ihre wahre Zugehörig- und damit zugleich ihre wahre Persönlichkeit. Dabei enthält sich der Film der zwangsweise befürchteten "Falle", Rita Tushingham am Ende "sprechen zu lassen": Sie bleibt - wenngleich glücklich - stumm. Zumal La Bête sie gar nicht anders braucht.
Angereichert mit dem symbolbehafteten, faszinierten Blick des Europäers auf die unbändige Natur der Schauplätze ist "The Trap" eine höchst ungewöhnliche Romanze, die manch einer Zuschauerin misogyn erscheinen mag, hinter ihrer rauen Schale jedoch sehr viel Zärtlichkeit bereithält.

8/10

Sidney Hayers period piece Kanada


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THIEVES' HIGHWAY (Jules Dassin/USA 1949)


"Everybody likes apples, except doctors."

Thieves' Highway (Der Markt der Diebe) ~ USA 1949
Directed By: Jules Dassin

Nick Garcos (Richard Conte) kommt von einer längeren Zeit auf See heim zu seinen Eltern (Tamara Shayne, Morris Carnovsky), als er feststellen muss, dass sein Vater keine Beine mehr hat. Nick erfährt, dass dies in direktem Zusammenhang steht mit einem Handel, den sein Vater in San Francisco mit dem Obst- und Gemüsegroßhändler Mike Figlia (Lee J. Cobb) abschließen wollte. Offenbar hat Figlia für eine Fuhre Tomaten nicht zahlen wollen, Nicks Vater betrunken gemacht und dann in seinen Wagen gesetzt, bevor es zu dem verhängnisvollen Unfall kam. Mit dem alten Ed Kinney (Millard Mitchell) bietet sich nun eine Chance, Erlittenes zumindest ansatzweise wieder ins Reine zu bringen: Eine große Fuhre Äpfel soll an Figlia verkauft werden und er soll keinen müden Cent daran verdienen. Natürlich zeigt sich Figlia, kaum dass Nick nach einigen Schwierigkeiten in San Francisco angekommen ist, von seiner übelsten Seite. Wie einst Mr. Garcos Senior versucht er nun auch Nick zu übervorteilen, doch dieser ist wild entschlossen, Figlia nicht noch einmal ungeschoren davonkommen zu lassen...

Während der Produktion von "Thieves' Highway" hatte Dassin via Studiochef Zanuck bereits gesteckt bekommen, dass sein Name auf der Schwarzen Liste stand und er damit in Kürze arbeits- und leumundslos werden würde. Der nachfolgende "Night And the City" wurde sein letzter Film in seinem Geburtsland USA, bevor er 15 Jahre später in Frankreich mit "Du Rififi Chez Les Hommes" eine Zweitkarriere startete. Mit Dassin hatte man einen weiteren großen Filmschaffenden zur persona non grata erklärt und damit unweigerlich vor die Tür gesetzt.
"Thieves' Highway" transportiert eine stark naturalistische, irdene Perspektive, hält sich fern von sämtlichen Stereotypen mitsamt Anzugträgern, hartgekochten Privatschnüfflern, mafiösen Killergangstern und Mordopfern. Nick Garcos ist ein Arbeitersohn mit Migrationshintergrund, der, wenngleich eine ehrliche Haut, seinen Schnitt machen will und zu einem guten Geschäft nicht Nein sagt. Durch den Erlös aus dem Apfeltransport nach San Francisco plant er, seine Braut (Barbara Lawrence) in den Ehehafen führen zu können und zugleich dem lumpigen Figlia heimzuzahlen, was er seinem Vater angetan hat. Ausgerechnet die finstere Nacht im Hafen von San Francisco bringt dann existenzielle Erleuchtung mit sich. Vergleichsweise unspektakulär, unaufgeregt und realitätszugetan ist das. Vielleicht wäre Dassin in Hollywood über kurz oder lang sowieso falsch aufgehoben gewesen.

Jules Dassin San Francisco Kalifornien film noir Rache Nacht


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LEAVE HER TO HEAVEN (John M. Stahl/USA 1945)


"There's nothing wrong with Ellen. It's just that she loves too much."

Leave Her To Heaven (Todsünde) ~ USA 1945
Directed By: John M. Stahl

Zu Besuch bei Freunden in New Mexico lernt der Romancier Richard Harland (Cornel Wilde) die bezaubernd schöne Ellen Berent (Gene Tierney) kennen. Für eine laue Romanze bleibt gar keine Zeit, denn bevor Richard sich versieht, hat Ellen bereits ihrem bisherigen Verlobten Russell Quinton (Vincent Price) eine Absage erteilt und dafür die Hochzeit mit ihm geplant. Erste Anzeichen einer schweren pathologischen Störung zeigen sich, als Ellen zunehmend aggressiv fordert, Richard ganz für sich allein zu haben: Weder will sie ihre eigene Familie um sich haben, noch Richards behinderten, pflegebedürftigen Bruder Danny (Darryl Hickman). Irgendwann beginnt sie dann, aktiv und gezielt gewalttätig zu werden: Sie verursacht Dannys Ertrinkungstod, sorgt selbsttätig für einen Schwangerschaftsabort und plant, als sie bemerkt, dass Richard und ihre Adoptivschwester Ruth (Jeanne Crain) sich annähern, einen umfassenden Racheplan, der ihren eigenen Suizid mit einschließt.

Das Bemerkenswerteste an "Leave Her To Heaven", einem immens involvierenden Schmachtfetzen irgendwo zwischen Psychodrama und film noir, ist die Technicolor-Fotografie von Leon Shamroy. Brillanter komponierte Farbbilder wird man aus dieser Zeit nur schwerlich finden. Stahl und Shamroy nutzen leuchtende Primär- und blasse Pastellfarben zur Untermalung des jeweiligen Romanzenstatus zwischen Richard und Ellen; am Anfang leuchten Gene Tierneys Lippen noch in einem tiefen Kirschrot und das Dämmerlicht New Mexicos hüllt alles in heimeliges Zwielicht; später dann wird es neu-englisch herbstlich, Ellen offenbart dem Zuschauer ihre tiefsitzende Psychose und die Farbskala erbleicht. Gene Tierney, eine der obersten Vertragsschauspielerinnen der Fox, musste sich hier nach ihrer bereits in "Laura" erfolgten Darstellung einer undurchsichtig-geheimnisvollen, wenngleich am Ende unschuldigen Schönheit vollends dem Bösen zuwenden. Keine sonderlich dankbare Aufgabe, aber eine, die wahres Können erfordert und die sie auf eine Stufe stellte mit jenen Vorgängerinnen (und Nachfolgerinnen), die mehr als eine ansprechende Physis vorweisen konnten. Tierneys Spiel ist unglaublich nuanciert und trotz der Grellheit des Sujets sehr subtil; sie beherrscht diesen Film, der tatsächlich in erster Linie ein Geschenk an sie und ihre Karriere darstellt.

9/10

John M. Stahl amour fou femme fatale Massachusetts Georgia Familie New Mexico film noir


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TYCOON (Richard Wallace/USA 1947)


"I've got a railroad to build."

Tycoon ~ USA 1947
Directed By: Richard Wallace

Die neueste Aufgabe des als höchst zielstrebig bekannten Ingenieurs Johnny Munroe (John Wayne) besteht darin, einen Eisenbahntunnel durch einen gewaltiges Massiv in den Anden freizulegen. Entgegen seines vorhergehenden Rats, statt der risikoreichen Tunnelkonstruktion einen Brückenbau in die Wege zu leiten, hat das Management des Eisenbahnmoguls Alexander (Cedric Hardwicke) als zu kostspielig abgelehnt. Entsprechend unwegsam gestaltet sich Munroes Arbeit: permanent gibt es Un- und andere Zwischenfälle, die die Arbeit trotz hohen Einsatzes immer wieder verzögert. Als Munroe sich zu allem Überfluss in Alexanders Tochter Maura (Laraine Day) verliebt und diese zu des Vaters höchstem Unwillen ehelicht, legt der beleidigte Tycoon den Arbeitern immer noch zusätzliche Steine in den Weg, um Maura auf diesem Wege zu überzeugen, den Falschen geheiratet zu haben. Doch Alexander rechnet weder mit Munroes Entschlossenheit noch mit Mauras aufrichtiger Liebe zu ihm.

Launiges, wenngleich etwas merkwürdiges Heldenepos gestrickt rund um Duke Wayne, der hier wie üblich sich selbst spielt als hochgewachsenen Erz-Amerikaner, der vor exotischer Kulisse irgendwelche üblen kolonialkapitalstischen Belange durchzusetzen trachtet und am Ende natürlich in jeder Hinsicht erfolgreich ist. Soweit also nichts Spezielles. Spaßig wird "Tycoon" dennoch im Hinblick auf seine naive Ausgestaltung. Die Farbfilme der RKO sahen immer etwas anders aus als die der Konkurrenz, schienen stets noch etwas bunter und kontrastreicher und wirken heute aufgrund ihrer mitunter wenig adäquaten Lagerung noch zusätzlich angestaubt. "Tycoon" ist mehr als deutlich sichtbar nirgendwo in Lateinamerika aufgenommen worden, sondern ausschließlich im Atelier respektive im Steinbruch nebenan entstanden. Die eingesetzten matte paintings, besonders die der aus einem Straßenzug bestehenden Lokalmetropole, wirken nunmehr himmelschreiend, dazu gibt es einen der kitschigsten Sonnenuntergänge, die je im Film zu sehen waren. Dabei galt "Tycoon" als Prestigeprojekt der RKO; verwurstete einige Stars, war unverhältnismäßig teuer und stellte den verzweifelten Versuch des Studios dar, an die großen Kritiker- und Publikumserfolge der immer wieder reüssierenden Konkurrenz anzuknüpfen - heuer ein auf den ersten Blick erkennbar zum Scheitern verurteiltes Unterfangen - und gerade deshalb so liebenswert.

7/10

Richard Wallace Bauwesen


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WHERE THE SIDEWALK ENDS (Otto Preminger/USA 1950)


"Where the devil am I? I keep coming and going..."

Where The Sidewalk Ends (Faustecht der Großstadt) ~ USA 1950
Directed By: Otto Preminger

Der verbissene New Yorker Detective Mark Dixon (Dana Andrews) ist bereits seit Jahren hinter dem Gangsterboss Tommy Scalise (Gary Merrill) her, hat dem aalglatten Ganoven bisher jedoch nie etwas anhängen können. Als Scalise einen reichen Spielpartner, der ihn zuvor um eine hohe Sume erleichtert hat, kaltblütig umbringen lässt und versucht, die Schuld auf Ken Paine (Craig Stevens), einen seiner Speichellecker, abzuwälzen, wittert Dixon die heiß ersehnte Chance, Scalise endlich dingfest machen zu können. Paines Verhör verläuft jedoch anders als erwartet: Dixon muss sich gegen den Betrunkenen zur Wehr setzen und erschlägt ihn versehentlich. Um nicht selbst an den Pranger gestellt zu werden, versteckt Dixon Paines Leiche in den Docks. Dort wird sie jedoch kurz darauf entdeckt und Jiggs Taylor (Tom Tully), der Vater von Paines schöner Ex-Frau Morgan (Gene Tierney) gerät unter dringenden Tatverdacht. Dixon versucht alles, um Taylor vor der drohenden Verurteilung zu schützen, doch dafür muss er letztlich seine Schuld eingestehen.

Sechs Jahre nach "Laura" kam das 'winning team' Preminger - Andrews - Tierney erneut zusammen, um einen weiteren großen Beitrag zur Schwarzen Serie zu leisten. Wiederum in New York angesiedelt, mit deutlichen Parallelen in der Protagonistenzeichnung, unterscheidet sich "Where The Sidewalk Ends" aber doch in einigen Punkten von dem weichen Upper-Class-Crime des Vorbilds. "Where The Sidewalk Ends" ist ein Film der Nacht und der Lower East Side, der schummrigen kleinen Appartments, Bars und Restaurants, wo schmierige Gauner wie Tommy Scalise in den Hinterräumen zwielichtiger Dampfbäder ihre heimlichen Pokerrunden abhalten und Taxifahrer ein angesehener Job ist. Alfred Newmans wunderbares "Street Scene" findet hierin, wie in etlichen Filmen der Fox dieser Jahre, mehrfach Verwendung. Dabei ist es fast schon zu 'positiv' konnotiert, um gerade diesen Film einzuleiten Mark Dixon, besessen davon, alles besser zu machen als sein früh verstorbener, krimineller Vater, führt kein Privatleben. Verbissen lebt er nur für seinen Beruf und die verblendete Sisyphos-Tätigkeit, dem organisierten Verbrechen den Hahn abzudrehen. Darüber verflüchtigt sich auch schonmal der eigene Moralkodex. Erst die Liebe zu der unmöglich schönen, für eine Arbeitertochter eigentlich viel zu elegante Morgan Taylor führt ein Umdenken herbei.
"Where The Sidewalk Ends" ist natürlich nicht besser - oder schöner - als "Laura", dafür fehlt es ihm allein schon an Clifton Webb und Vincent Price; jedoch muss man ihn als ikonischen Polizeifilm kategorisieren, sozusagen als einen der transportierenden Urväter des heute zum alltäglichen cineastischen Figurenreservoir zählenden Fanatiker-Cops, dem das Subgenre alles in allem eine ganze Menge schuldet.

9/10

Otto Preminger New York Victor Trivas film noir


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JEZEBEL (William Wyler/USA 1938)


"Maybe I love her most when she's meanest, because I know that's when she's lovin' most."

Jezebel ~ USA 1938
Directed By: William Wyler

New Orleans, 1852: Nachdem die renitente Großbürgerstochter Julie Marsden (Bette Davis) ihn aufgrund ihrer kindischen Eskapaden einmal zuoft in der Öffentlichkeit brüskiert hat, geht der Bankier Preston Dillard (Henry Fonda) und kommt erst ein Jahr später zurück - verheiratet mit der "Yankee-Braut" Amy (Margaret Lindsay). Julie, die ihr aufsässiges Verhalten gleich nach Prestons Abreise zutiefst bereut und sich über all die Monate für ihn aufgespart hat, ist zutiefst verletzt und beginnt sogleich wieder zu intrigieren. Ihre Verleumdungen kosten das Leben eines Freundes (George Brent), der im Duell erschossen wird, derweil Preston versucht, der unter einer Gelbfieber-Epidemie leidenden Stadt hilfreich beizustehen. Als auch er erkrankt, sieht Julie in seiner selbstlosen Pflege ihre letzte Chance, die begangenen Sünden wieder gutzumachen.

So liebten Publikum und Kritik Bette Davis; wenn sie einen ganzen Film an sich riss und ihn vollkommen beherrschte, wenn sie die Illusion von physischer Schönheit schuf allein durch ihr weibliches Auftreten, wenn sie wankte zwischen Gutherzigkeit und feurigem Wahn. Die biblische Jezebel oder Isebel, die Frau König Ahabs, gilt im alttestamentarischen Bedeutungsfeld als Sinnbild einer bösen Furie und zänkischen Xanthippe, die ihr Leben ganz dem Schmieden und Umsetzen übler Ränke widmet. Ganz so schlimm ist Julie Marsden vielleicht doch nicht - sie wäre wohl eher dem klassischen literarischen Figurenarsenal der "missratenen Tochter" zuzuordnen, die sich bewusst oder unbewusst der Akzeptanz bürgerlicher Traditionen verweigert, die ihre Ziele deutlich leidenschaftlicher verfolgt als Zeitgenossinnen und die aktiven Feminismus in die widerspenstige Vergangenheit transponiert. Julies endgültiges Unglück beginnt damit, dass sie ein rotes Ballkleid trägt, wo unverheirateten Damen lediglich die weiße Entsprechung gestattet ist. Ein ungeschriebenes Südstaatengesetz, das sie ganz bewusst bricht, dessen unangenehme Konsequenzen in Form gesellschaftlicher Ächtung sie dann aber doch nicht tragen mag und damit ihre Haltlosigkeit beweist. Erst ein Jahr und diverse mehr oder weniger eminente faux-pas später ist die Zeit zur Sühne reif. Dieses wunderhübsch blumige Frauen- und Sittenporträt war ein Geschenk für Regisseur und Hauptdarstellerin - und wie wohlfeil wussten sie es für ihre Zwecke zu nutzen... isebelitisch!

8/10

William Wyler Südstaaten New Orleans Louisiana Familie Sittengemälde based on play John Huston


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JET PILOT (Josef von Sternberg/USA 1957)


"Oh, Palm Springs..."

Jet Pilot (Düsenjäger) ~ USA 1957
Directed By: Josef von Sternberg

In Alaska erhält der Airforce-Offizier Jim Shannon (John Wayne) "Besuch" von der über die Beringsee entkommenen Pilotin Anna Marladovna (Janet Leigh). Der aufreizenden Art der schönen Russin kann sich Shannon nur schwer entziehen. Um die drohende Ausweisung Annas zu verhindern, heiratet er sie vom Fleck weg. Dann jedoch erfährt er, dass Anna in Wahrheit eine gegnerische Spionin ist, die ihm militärische Geheimnisse über die US-Luftwaffe entlocken sollte. Scheinbar aus Liebe flüchtet er nun mit der von der Inhaftierung bedrohten Anna in die UdSSR, wo er tatsächlich selbst als Spion tätig wird. Mithilfe einer Wahrheitsdroge versuchen die Russen, Shannon auszuquetschen. Als Anna endlich ihre Liebe zu Shannon eingestehen kann, befreit sie ihn in letzter Sekunde und fliegt mit ihm zurück in die USA - diesmal endgültig.

"Jet Pilot", wie "The Conqueror" von Howard Hughes produziert und auch betreffs seiner Schilderung einer anscheinend unmöglichen Liebesbeziehung dem Zweitgenannten nicht unähnlich, kam erst mit einer Verspätung von rund acht Jahren in die Kinos. Dafür gab es mehrere Gründe: Der politische Stoff um eine Ost-West-Liebe schien trotz längerer Hollywood-Tradition urplötzlich zu brisant, um Thema eines einfachen Unterhaltungsfilms zu sein; Howard Hughes dokterte noch lange nach Josef von Sternbergs Einsatz an dem Film herum und fügte immer wieder Szenen und Details hinzu, um "Jet Pilot" 'technically up to date' zu halten. Letztlich erwiesen sich alle diese Maßnahmen als fruchtlos. Lange nach Hughes' Weggang von der RKO kaufte die Universal die Aufführungsrechte für "Jet Pilot" und brachte ihn doch noch auf die Leinwand, unter genau jenen Vorzeichen, die Hughes stets zu vermeiden suchte: Er wirkte nunmehr nämlich veraltet, in der Fliegerei gab es längst neue Innovationen und dass Duke plötzlich in einem Film deutlich jüngerer aussah als noch im letzten davor, kam den Leuten spanisch vor. Ganz hübsch misogyn indes der Gedanke, dass politische Überzeugung niemals gegen die Natur der Weiblichkeit ankommen kann: Janet Leigh zieht am Ende Nylons, Steaks und John Wayne Planwirtschaft, Kreml und Stalin vor. Esc lebt sich "drüben" vielleicht nicht so idealistisch, aber doch deutlich bequemer. Nun, was man Lubitsch und Wilder verzeiht, kann man auch einem Duke Wayne nachsehen, meine ich.

6/10

Josef von Sternberg Jules Furthman Howard Hughes Fliegerei Kalter Krieg Don Siegel


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THE CONQUEROR (Dick Powell/USA 1956)


"Dance for me, Tatar woman."

The Conqueror (Der Eroberer) ~ USA 1956
Directed By: Dick Powell

Der mongolische Stammesführer Temujin (John Wayne), der dereinst als Dschingis Khan in die Geschichte eingen wird, raubt die Tatarentochter Bortai (Susan Hayward), deren Vater Kumlek (Ted de Corsia) einst Temujins Vater ermordete. Dennoch will er Bortai zur Frau, koste es was es wolle. Zugleich will Temujin endlich Rache an den Tataren und entspinnt eine Fehde gegen sie, in die er auch den Chinesen Wang Khan (Thomas Gomez) einbezieht. Doch Temujin gerät in die Fänge seiner Feinde, aus denen Bortai, die ihrer heimlichen Liebe zu ihm endlich stattgibt, ihn wieder befreit. In einem einzigen großen Schachzug eignet er sich das Reich Wang Khans an und führt seine und dessen Armee siegreich gegen die Tataren.

In inhaltlicher Hinsicht nicht nur vollkommen banal, sondern nachgerade haarsträubend, ist "The Conqueror" einer der merkwürdigsten Filme aus Duke Waynes mittlerer Schaffensphase. Als letzte Filmproduktion des Millionärs Howard Hughes sowie Prestige- und immenses Risikoprojekt für die RKO erwarb sich "The Conqueror" vor allem den Ruf eines "Mörderfilms": Der Wüstendrehort in Utah lag nämlich genau in der Windrichtung eines Atombombentestgebiets im Nachbarstaat Nevada und wurde unentwegt von den stark radioaktiv verseuchten Staub- und Sandstürmen just durchgeführter Bombentests heimgesucht. Dies hatte mittelbar zur Folge, dass mit über einem Drittel aller an der Produktion beteiligten Darsteller und Stabsmitglieder ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Mitarbeiter an Leukämie und anderen strahlungsbegünstigten Krebsarten verstorben ist, darunter Wayne, Susan Hayward, Pedro Armendáriz, Agnes Moorehead und der Regisseur Dick Powell, in erster Linie eigentlich selbst Akteur. Nachweislich hatte dieser für Nachdrehs in Culver City sogar tonnenweise von dem vor Ort lagernden Sandstaub ins Atelier bringen lassen - um möglichst authentische Bilder zu erhalten. Ungeachtet der bösen Ironie, dass ausgerechnet der eherne Anti-Kommunist Wayne durch dem Kalten Krieg geschuldete A-Waffen-Experimente das Zeitliche segnen musste, ist "The Conqueror" lupenreiner Camp, ein Beispiel teurer, verschleuderter Logistik und ein weiterer Beweis der unbestechlichen Unfähigkeit Howard Hughes', Filme auch nur halbwegs gewinnbringend zu produzieren. Dennoch ist er gerade in seinem stolzen, verschwenderischen, kurzsichtigen Versagen sowie als das, was er eben über die Dekaden zu symbolisieren begann, sehr sehenswert.

5/10

Dick Powell Howard Hughes Dschingis Khan Mongolei period piece Camp


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GRAND HOTEL (Edmund Goulding/USA 1932)


"Grand Hotel... always the same. People come, people go. Nothing ever happens."

Grand Hotel (Menschen im Hotel) ~ USA 1932
Directed By: Edmund Goulding

Im Grand Hotel Berlin laufen binnen 48 Stunden mehrere Schicksale ineinander: Die stark depressive Ballett-Diva Grusinskaya (Greta Garbo) leidet unter Vereinsamung und steckt in einer schweren Schaffenskrise, bis sie den verarmten Blaublütigen Gaigern (John Barrymore) kennenlernt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Der gutherzige Baron seinerseits versucht, sich als Hoteldieb zu sanieren und will der 'Gru' eine Perlenkette stehlen - ein Plan, den er flugs drangibt als er sein "Opfer" näher kennenlernt. Den Großindustriellen Preysing (Wallace Beery) plagt derweil der drohende Konkurs seines Unternehmens. Um auf andere Gedanken zu kommen, setzt er sich ein Tête-à-tête mit seiner hübschen Stenotypistin Fräulein Flamm (Joan Crawford) in den Kopf, die sich ihrerseits in Baron Gaigern verguckt. Der alternde, todkrank diagnostizierte Buchhalter Otto Kringelein (Lionel Barrymore) schließlich, einer von Preysings vielen Angestellten, nimmt sich vor, in seinen letzten Lebenswochen nochmal richtig die Puppen tanzen zu lassen und lernt über die Vorzüge von Freundschaft, Champagner, Tango und Baccarat die wahre Lebensfreude schätzen.

Der Urvater des klassischen Ensemblefilms, der bis heute immer wieder schöne Sprösslinge hervorbringt und, wie sich anhand "Grand Hotel" recht gut studieren lässt, seine Grundform nur unwesentlich variiert hat - außer vielleicht mit der Einschränkung, dass spätere Meister wie Altman ihn noch wesentlich komplexer und ausführlicher gestalteten.
Das inhaltliche Konzept ist so einfach wie brillant: Mehrere Vitae begegnen sich, kollidieren miteinander, laufen fortan parallel oder brechen wieder auseinander, alles binnen einer streng gesetzten Orts- und Zeiteinheit. Die ursprüngliche Idee zu "Grand Hotel" stammt von Vicki Baum, die es als "Menschen im Hotel" 1929 mit dem Untertitel "Kolportageroman mit Hintergründen" als ein Porträt eines Edelhorts inmitten der Weimarer Republik veröffentlichte. William A. Drake machte daraus flugs ein Theaterstück, das schließlich in Form dieser schon damals gefeierten MGM-Produktion adaptiert wurde und nicht nur nochmals Baums Buch, sondern auch dem Motiv des Touristenhorts mit wechselnden Gesichtern und Geschichten Bahn brach. Es lässt sich mutmaßen, dass ohne den massenkulturellen Hattrick bestehend aus Roman, Stück und Buch (später kam noch ein Musical hinzu) der Ensemblefilm (und spätere TV-Serien-Ableger) nicht das wären, was sie heute sind. Gouldings Film ist ein Meisterwerk des gesellschaftskritischen Kinos, das Vicki Baums Vorlage vor allem aufgrund seiner Zeitnähe so adäquat einfangen konnte. Nur Monate später, als Berlin zusammen mit dem Rest der vormaligen Republik schleichend im braunen Sumpf versank, hätten die Entstehung des Films und natürlich das Resultat selbst einen schalen Beigeschmack erhalten. So ist der Nachwelt ein bei allem Zeitkolorit zeitloses Stück Hollywood erhalten geblieben, das aufzeigt wie weit Inszenierung, Dramaturgie und Schauspiel bereits in den jungen Tagen des Tonfilms bereits gediehen waren.

10/10

Edmund Goulding Berlin Hotel Ensemblefilm Vicki Baum based on play


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MIDNIGHT (Mitchell Leisen/USA 1939)


"Come on, everybody do la conga."

Midnight (Enthüllung nach Mitternacht) ~ USA 1939
Directed By: Mitchell Leisen

Völlig abgebrannt kommt die Sängerin Eve Peabody (Claudette Colbert) mit dem Zug aus Monte Carlo in Paris an - und hat das große Glück, am Bahnhof den charmanten Taxifahrer Tibor Czerny (Don Ameche) kennenzulernen, der sie auf Kredit zu sämtlichen relevanten Vorstellungsadressen fährt - umsonst. Dass es außerdem heftig zwischen den beiden funkt, ignoriert Eve vorsorglich, sie ist endlich einmal auf der Suche nach einer "guten Partie". Als Eve sich unrechtmäßig Zutritt zu einer versnobten Kammermusik-Soirée verschafft, iavanciert sie als selbsternannte "Baronin Czerny" prompt zum Mitglied der feinen Pariser Gesellschaft. Besonders der junge Playboy Picot (Francis Lederer) wirft ein Auge auf sie. Dies wiederum kommt dem alternden Millionär Flammarion (John Barrymore) sehr zupass, dessen junge Frau (Mary Astor) bis dato Picots heimliches Liebchen war. Darum tut er alles dafür, um Eve mit Picot zu verkuppeln. Doch Czerny und die wahre Liebe lassen sich nicht einfach abspeisen.

Von Billy Wilder und Charles Brackett geschrieben, inszenierte Leisen eine der prachtvollsten Screwball Comedies der dreißiger Jahre, die vielleicht nicht das irrwitzige Tempo eines Hawks-Films vorweisen konnte, dafür aber den fein perlenden, champagneresken Dialoghumor seiner brillanten Ersinner, den zu visualisieren Leisen absolut adäquat verstand. Dabei hilft ihm natürlich primär die wundervolle Claudette Colbert, die mit ihren großen, fröhlichen Strahleaugen ohnehin das Idealbild einer 'screwball actress' vorstellte und bei nahezu allen großen Komödien-Regisseuren jener Jahre, darunter Capra, Lubitsch und Preston Sturges, mindestens einmal reüssierte. "Midnight" könnte dabei durchaus meinen Verdacht erregen, ihr schönster Film zu sein; um ganz sicher zu gehen, müsste ich mir aber alle nochmal zeitnah anschauen. Zumindest in diesem Moment wäre ich jedoch relativ überzeugt davon. Don Ameche, den unsere Generation vornehmlich aus seinen tollen Seniorenrollen in den Achtzigern kennt und der zwischen 49 und 83, als er von John Landis für "Trading Places" reaktiviert wurde, in fünf Filmen auftrat, als vitalen Jungspund von dreißig Lenzen zu erleben, hat zudem etwas für sich. Von John Barrymore gar nicht zu reden.
In "Mein Kino" moniert Hellmuth Karasek das romantische Happy End des Film und mutmaßt, dass es ein Zugeständnis Wilders und Bracketts an Anstand und Sitte wäre. Ich bin nicht bereit, dem zu folgen. Mit einem anderen Ende hätte "Midnight" keinesfalls an Bissgkeit, sondern bvestenfalls an Zynismus hinzugewonnen. Und dieser passt nicht zu ihm, überhaupt nicht.

9/10

Mitchell Leisen Billy Wilder Screwball Paris Taxi





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