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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE PUBLIC EYE (Howard Franklin/USA 1992)


"Everybody loves to have their picture taken."

The Public Eye (Der Reporter) ~ USA 1992
Directed By: Howard Franklin

Im New York der frühen vierziger Jahre gibt es einen, der immer zur richtigen zeit am richtigen Ort ist: Leon Bernstein (Joe Pesci), freier Fotograf und Paparazzo, der vor allem Sensationsfotos von Tod und Elend schießt und diese dann gegen ein mittelprächtiges Entgelt an die Presse verscherbelt. Der einsame Leon sieht sich selbst als kunstbeflissener Großstadtchronist, vielleicht auch ein wenig, um seine schmutzige Profession abzuleugnen, weniger sensible Zeitgenossen bezeichnen ihn als "Blitzlichtratte". Als ihn Kay (Barbara Hershey), die Witwe des Nachtklubbesitzers Lou Levitz kontaktiert, um ihr Informationen über einen sie bedrängenden, angeblichen Partner (David Gianopoulos) ihres verblichenen Gatten zu geben, ist dies für Leon nur die erste Spur einer bis in höchste Politikerkreise reichende Schwarzbenzin-Affäre, in der der Mafiaboss Spoleto (Dominic Chianese) die Fäden zieht und sich unliebsamer Konkurrenten zu entledigen plant. Eine perfekte Möglichkeit, Leons Arbeit etwas aktionsnäher auszurichten...

Ein feiner neo noir, der, angesiedelt im klassischen Gangsterambiente, ausnahmsweise keinen ausgewiesenen Schnüffler, sondern einen weitflächig verachteten Zeitgenossen vom äußeren Bildrand zum Protagonisten deklariert. Die aufdringlichen, sensaionsgeilen Fotografen mit ihren riesigen Blitzlichtern nimmt man üblicherweise eher als mehr oder weniger lästiges Komparsengeschmeiß wahr - umso fälliger vielleicht eine wie in "The Public Eye" stattfindende Teilrehabilitierung ihres keineswegs belastungsarmen Berufsstandes im Kino. Joe Pesci hat hier ausnahmsweise die Möglichkeit, frei von Cholerik und explosivem Irrsinn zu agieren als ein eher schüchterner, sich nach Zuneigung sehnender Schmutzfink, der sich seine im Halblichtmilieu abspielende Arbeit schön redet und sie nur allzu gern als teuren Bildband ediert sähe. Den für eine solche Story unerlässlichen, glamourösen Faktor bringt eine großzügig dekolletierte Barbara Hershey mit ein, als nicht ganz durchsichtige Kay Levitz einen guten Kopf größer als der zudem schlecht gekleidete Leon Bernstein, die jedoch als einzige seinen Kern durchschimmern sieht. Das Ende bildet in seiner an "Taxi Driver" erinnernden Moralverkehrung einen passgenauen Abschluss für diesen kleinkalibrigen, jedoch wirklich sehenswerten Film.

8/10

New York period piece Howard Franklin Fotografie Mafia Verschwörung film noir neo noir


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NEIGHBORS (Nicholas Stoller/USA 2014)


"Let's make a baby!" - "Yes, that will solve all our problems."

Neighbors (Bad Neighbors) ~ USA 2014
Directed By: Nicholas Stoller

Ihre schlimmsten Befürchtungen werden wahr - und noch mehr, als rechts von Mac (Seth Rogen) und Kelly Radner (Rose Byrne) die Studenten-Bruderschaft Delta Psi Beta Quartier bezieht. Jede Nacht exzessive Partys mit allem dazugehörigen Blödsinn, pausenloser Lärm und idiotische Aktionen rauben Mac und Kelly, die zunächst noch versuchen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, bald Schlaf und Nerven. Und das Schlimmste: Von den Nachbrn, der Dekanin und selbst von der Polizei, die samt und sonders mit den Rabauken zu sympathisieren scheinen, ist keinerlei Hilfe zu erwarten. Also schreitet man höchstselbst zum nachbarschaftlichen Kleinkrieg, was der Delta-Psi-Vorsitzende Teddy (Zac Efron), der ohnehin ein neues Fanal für seinen Traditionsverein im Auge hat, höchst persönlich nimmt...

Viel Unerwartetes offenbart sich einem mit "Neighbors" nicht - das Ding entspricht im Gegenteil ziemlich exakt seinen antizipatorischen Vorgaben. Seth Rogen spielt, was er am Besten beherrscht - nämlich sich selbst, mit zunehmendem Alter weg von dem drogenaffinen Waschbären natürlich in Richtung Spießerschwelle tendierend. Ein bisschen geht es natürlich auch um die Grenzauslotung des hippen Mittdreißigers zwischen wildem Exzess und trautem Heim; welche Institution am Ende auf ganzer Linie die Oberhand gewinnt, muss kaum weiter eruiert werden. Stoller und seine Autoren sind höchst bewandert in der postmodernen Nerd-Kultur und lassen allenthalben entsprechende, generationsbeflissene Gags fahren. Naturgezüchtete Halluzinogene und deren Konsum sorgen für einige gelungene Gags, wie der ganze Film sich recht wacker über die Runden trägt. Mit den großen Kinokomödianten Sandler und Ferrell nebst ihren so wundderbar installierten, filmischen Pararealitäten kann "Neighbors" es jedoch zu keinem Zeitpunkt aufnehmen; dazu ist er, trotz Kondom- und Brustmelkwitzen einfach zu normiert. Außerdem geht mir der musikalische Unterbau dieser Humorgeneration (s. auch "This Is The End") bei aller sonstigen Sympathie fürchterlich auf den Zwirn. Flo Rida, Ke$ha, Jumbo Shrimp, GoodFellaz et al. up yours. Da kann auch ein verballhorntes Ozzy-Intro nix dran ändern, so'n Sound macht mich ganz einfach krank und sauer. Ansonsten aber, wie eben konstatiert, durchaus ganz lustig.

6/10

Nicholas Stoller Vorstadt Nachbarn Los Angeles Duell Drogen


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GIB GAS - ICH WILL SPASS! (Wolfgang Büld/BRD 1983)


"No, no Pizza. Calamari. Las Akne. Santa Maria di Hubert Kaiser. Markus, Platz!" - "Hä?"

Gib Gas - Ich will Spaß! ~ BRD 1983
Directed By: Wolfgang Büld

Tina (Nena) hat die Nase voll von Schule und Büffeln. Sie verknallt sich in den Schausteller Tino (Enny Gerber), der ihr die große Freiheit verspricht. Doch da ist auch noch der etwas weniger verwegene Klassenkamerad Robby (Markus), den Tina mitsamt seiner Vespa ausnutzt, um Tino durch die Provinz hinterherzujagen. Nach und nach muss Tina dann feststellen, dass es nicht lohnt, in die Ferne zu schweifen, wenn das Gute doch so nah liegt...

Sterben musste sowieso, schneller geht's mit Marlboro: Wolfgang Bülds Filmanalogie zur BRAVO, die anno 83 mindestestens jede eineinhalbste Woche den damaligen Dauerbrenner Nena auf dem Cover hatte, die damals entsprechend monströs bei den Kids einschlug und Beszucherzahlen-Sphären erklomm wie es heute bestenfalls noch stark werbeflankierte US-Animationsfilme für Kinder hinbekommen.
"Gib Gas - Ich will Spaß!", der sich auf den ersten Blick nicht sonderlich von der üblichen deutschen Strunz-Komödie jener Tage abhebt und ganz klar mit dem Serienkonzept der LISA-Film-Konkurrenz liebäugelt, zeichnet dabei ein gar nicht mal unverfälschtes Bild der subkulturell unbeflissenen Jugend dieser Tage, deren ausgestellt phlegmatische Rotzigkeit nicht einmal wenige Parallelen zu den "Zuständen" dreißig Jahre später aufweist. Büld hatte seinerzeit immerhin den Mut, mit den reinen, jedoch schwer angesagten Musikstars Nena und Markus, die jedweder schauspielerischen Ausbildung entbehrten, ein Revival des "Schlagerfilms" aus den Sechzigern als NDW-Musical zu drehen. Eine dankbare Entscheidung, das mit den Laiendarstellern, denn besonders die flippige, aus dem Südpott stammende Nena verleiht, noch in ihrer Prä-"99 Luftballons"-Phase dem Film eine regelrecht dokumentarische Authentizität, indem sie sich anscheinend schlicht selbst spielt. Auch hier ist die weitflächige Verwendung des Originaltons von entscheidender Bedeutung für das tragende Gesamtkonzept (die LISA synchronisierte ja häufig nochmal mit professionellen Sprechern im Studio nach), wobei allerdings zumindest der supporting punk Peter Lengauer in seinen Szenen von Martin Semmelrogge übersprochen wurde.
Es ist insgesamt schon schwer berückend, wie wenig Inhalt der Film transportiert und dabei doch voll ist von lebendigem Zeitkolorit. Und damit auch die Bananenfresser ihr Auskommen haben, gibt's den gloriosen Antiwitzler Karl Dall in multiplen Auftritten. Kleine Taschenlampe, brenn'...

6/10

Wolfgang Büld Musik München Kirmes Road Movie Venedig


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THE FOUR HORSEMEN OF THE APOCALYPSE (Vincente Minnelli/USA 1962)


"I'm doing what you wanted me to, father. See?"

The Four Horsemen Of The Apocalypse (Die vier apokalyptischen Reiter) ~ USA 1962
Directed By: Vincente Minnelli

Argentinien in den dreißiger Jahren: Der lebenslustige alte Patriarch Madariaga (Lee J. Cobb) ist Großvater zweier vervetterter Enkel, auf die er jeweils besonders stolz ist: Julio Desnoyers (Glenn Ford), dessen Vater Marcelo (Charles Boyer) gebürtiger Franzose ist und Heinrich von Hartrott (Karlheinz Böhm) mit seinem deutschstämmigen Vater Karl (Paul Lukas). Die politische Situation in Europa zerbricht die Familie und führt den Kummertod des Großvaters herbei: Die von Hartrotts bekennen sich als deren unumwunden rekrutierte Mitglieder zu den Nazis, während die Desnoyers nach Paris gehen. Heinrich wird Offizier bei der Waffen-SS, Karl geht zur Wehrmacht. Nach der Besetzung trifft man sich in Paris wieder. Hier lernt Julio auch Marguerite (Ingrid Thulin) kennen, die Gattin des linken Aktivisten Etienne Laurier (Paul Henreid). Als Etienne zur Front gezogen wird, ist der Weg zu Marguerite frei. Julios kleine Schwester Chi Chi (Yvette Mimieux) schließt sich derweil der Résistance an und bezahlt ihr Engagement mit dem Leben. Der wiedergekehrte Etienne erfährt von der Affäre Julios und Marguerites, leitet jedoch trotzdem den Pariser Widerstand. Der sich stets neutral gebende Julio kann bald nicht mehr anders als selbst zur Résistance zu gehen, was den Nazis und auch Vetter und Onkel bald gewahr wird. Julios letzter Auftrag führt ihn zu Heinrich und geradewegs in den Märtyrertod.

Ibáñezs berühmter, 1916 erschienener Roman spielt eigentlich vor dem historischen Hintergrund des Ersten Weltkriegs und verortet auch die personelle Struktur geflissentlich anders. Für diese bereits zweite Verfilmung (nach einer ersten, zeitgenössischen von Rex Ingram) wurde die Geschichte der zersplitternden Familie variiert und dem in dramatischer Hinsicht vielleicht dankbareren Szenario des Zweiten Weltkriegs anheim gestellt. "The Four Horsemen Of The Apocalypse" wird dabei zu einer Art episierter "Casablanca"-Variation mit erstaunlichen Parallelen: Es gibt den Opportunisten und Lebemann, der sich mit der Weltlage abfindet und zum eigenen Vorteil unter Umständen auch mit den Nazis kollaborieren würde, bis er seine wahre Bestimmung entdeckt; es gibt den unerschütterlichen, emotional jedoch weichen Widerständler, dessen Aktivitäten auf grundsolidem Idealismus fußen und dem Feind empfindliche Schlappen zufügen und es gibt schließlich die Frau, die beide lieben, die intellektuell von den humanistischen Werten des Einen eingenommen ist, erotisch jedoch dem eher schurkisch gezeichneten Libertin verfällt. Nicht zuletzt der doppelte Einsatz von Paul Henreid, der seine zwanzig Jahre zuvor gespielte Rolle hier nochmal revisioniert, lässt dem Zuschauer die inhaltliche Nähe beider Filme unumwunden aufleuchten; rein zufällig wird die Herzensdame auch gleich nocheinmal von einer schwedischen Kino-Schönheit gespielt.
Natürlich ist Minnellis der breitere, Aufsehen erregendere, opulentere. Von MGM ganz offensichtlich als großes Prestige-Projekt mit deutlichem Augenzwinkern zur Kritiker- und Preissektion hin angelegt, gibt es fantastische Bilder von Paris, dem Bürger-Exodus, als bekannt wird, dass die Nazis auf dem Vormarsch sind und auch von der Okkupation selbst. Hier leistet der Film geradezu Meisterliches. Die Familien- und Liebesgeschichte sowie auch Julios Wandlung hin zum Vorkämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit entbehren dann nicht einer klaren Camp-Note. In diesen intimeren Szenen erweist sich Minnelli als durchaus vernunftbegabter Regisseur, wenn er sich unmissverständlich darüber klar zu sein scheint, dass Script und Besatzung gewisse Klischees geradezu provozieren. Ergo inszeniert er sie gerade so, wie es eben angemessen ist. Ingrid Thulin ist atemberaubend und mit all ihrer Grandezza das größte darstellerische Plus des Films. Der Rest der Besetzung, mit Ausnahme von Böhm und Mimieux, ist deutlich zu alt für ihre Rollen. Glenn Ford, damals bereits stolze 46, als jungenhaften, politisch ungeprägten latin lover einzusetzen muss das Resultat einer verlorenen Wette gewesen sein; Paul Henreid mit noch steileren 54 wäre von jeder Front als Methusalixchen gleich wieder heimgeschickt worden, Paul Lukas schließlich, rekorverdächtige 71, ist selbst für einen silbermellierten Wehrmachtsoffizier zwei, drei Wochen zu betagt. Doch was soll's - Minnellis Film macht Freude, er ist schön, ausschweifend und scheitert auf eine mehr als charmante Art in seinem Bestreben, großes Weltdrama zu präsentieren.

6/10

Vincente Minnelli Argentinien Frankreich Paris Familie WWII Widerstand Vicente Blasco Ibáñez period piece


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REQUIEM FOR A DREAM (Darren Aronofsky/USA 2000)


"How come you know more about medicine than a doctor?"

Requiem For A Dream ~ USA 2000
Directed By: Darren Aronofsky

Junkie Harry Goldfarb (Jared Leto) und seine Freundin Marion Silver (Jennifer Connelly) lieben sich. Was sie jedoch noch mehr lieben, ist der nächste Schuss, der nächste Trip. Harrys bestem Kumpel Tyrone (Marlon Wayans) geht es da im Prinzip nicht anders. Harrys verwitwete Mutter Sara (Ellen Burstyn) lebt in ihrer eigenen Seniorenwelt der Einsamkeit, Altersnaivität und des Fernsehens. Als sie einem Werbelockruf bezüglich eines baldigen TV-Auftritts anheim fällt, wittert Sara ihre große Stunde: Es müssen nur ein paar Kilos runter, damit sie wieder in ihr schönes, rotes Kleid passt. Dazu lässt sie sich vom Arzt Appetitzügler und andere Präparate verschreiben, die nichts anderes sind als buntes Amphetamin und Psychopharmaka. Als Sara beginnt, die Dosen zu vertauschen und zu vermischen, verliert sie den Verstand und landet in der Gerontopsychiatrie. Harry, Marion und Tyrone geht es kaum besser: Ganz Brooklyn leidet unter ausbleibendem Heroin-Nachschub. So sehen sich Harry und Tyrone gezwungen, nach Florida zu fahren, um sich dort einzudecken. Doch Harrys linker Arm hat sich entzündet, man sucht sich Hilfe. Der bereits gesuchte Tyrone landet im Gefängnis, Harrys Arm wird amputiert, daheim muss sich Marion für den Stoff prostituieren.

Die zweite Romanadaption nach Hubert Selby Jr., an deren Script er wiederum eifrig mitgefeilt hat. Der diesmal zugrunde liegende erzählte Zeitrahmen beträgt ein Jahr, wobei die Jahreszeiten wie Verfallsstadien zu verstehen sind. Sommer, Herbst, Winter, Frühling und Tod. Noch unbarmherziger und transgressiver als "Last Exit To Brooklyn" geht "Requiem For A Dream" vor, der vier Personen nebst ihrer Suchtanamnese und der Drogenwirkungen in hyperrealistischer Weise skizziert und aufzeigt, welche Untiefen in der Suchtspirale lauern. Ob nun Verstand und Seele zu faulen beginnen oder gleich der physische Körper, ob man sich kriminalisiert oder prostituiert, die Antwort ist immer dieselbe, das endgültige Zerbrechen unausweichlich. Was sowohl "Last Exit To Brooklyn" als auch "Requiem For A Dream" - im besten Sinne - besonders perfid macht, ist der komplette Verzicht auf Erlösung oder auch nur der geringste Hinweis auf Lösungswege. Hier wie dort werden Individuen ihrem teils selbst herbeigeführten, teils milieugeschädigten Schicksal überantwortert und am Ende zerschmettert zurückgelassen. Spezifische Fallstudien, die allerdings von einer solch unbestechlichen Authentizität und vor allem Universalität geprägt sind, dass man sich ihrer intensiven Wirkung nicht entziehen kann. Fast ist "Requiem For A Dream" in dieser Hinsicht ein Horrorfilm, in dem jeder sein persönliches Schreckensbild findet, sei es der sich bewegende Kühlschrank, Saras Elektroschock-Therapie oder Jennifer Connellys Selbstprostitution. Mein Gipfel ist erreicht, als Harry sich einen Schuss in die bereits stark entzündete Wunde setzt. Hier schmelzen selbst meine Pupillen. Am Ende werden all diese Privatkatastrophen - Hoffnungslosigkeit, Amputation, Sedierung - gegeinandermontiert, eine beinahe tödliche Überdosis Schrecknis. Ein Film der Extreme; zugleich Prüfung und Hochgenuss. Vitaler kann Kino kaum sein.

10/10

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LAST EXIT TO BROOKLYN (Uli Edel/D, USA, UK 1989)


"May I take a ride?"

Last Exit To Brooklyn (Letzte Ausfahrt Brooklyn) ~ BRD/USA/UK 1989
Directed By: Uli Edel

Brooklyn, 1952: Während eines langwierigen Fabrikarbeiterstreiks erleben die Menschen eines kleinen Viertels Höhen und Tiefen: Der Familienvater und Gewerkschaftsfunktionär Harry Black (Stephen Lang) beginnt, seine Homosexualität auszuleben und wird dabei mit der emotionalen Kälte und dem Hedonismus der 'Szene' konfrontiert. Als er betrunken und ausgehöhlt bei einem minderjährigen Jungen zudringlich wird, kostet ihn das beinahe das Leben.
Transvestit Georgette (Alexis Arquette) wird von niemandem in der Gegend, einschließlich der eigenen Familie, ernstfenommen, geschweige denn geschätzt und ist unsterblich in den Schläger Vinnie (Peter Dobson) verliebt. Eine alkohol- und drogengeschwängerte Party, bei der auch Harry zu Gast ist, wird ihm zum Verhängnis.
Die Hure Tralala (Jennifer Jason Leigh) lebt davon, zusammen mit der örtlichen Schlägerclique betrunkene Matrosen auszunehmen. Als sie in Manhattan einen kurz vor seiner Abberufung nach Korea stehenden Offizier kennenlernt, erfährt sie eine ihr bislang völlig unbekannte Form von Zuneigung und Schutz.
Für den Arbeiter Joe (Burt Young) bricht eine Welt zusammen, als er erfährt, dass seine Tochter hochschwanger ist - immerhin ist sie unverheiratet. Dem entsprechenden Stecher, Joes Kollegen Tommy (John Costelloe), bleibt nichts anderes übrig als eine überhastete Heirat.

Hubert Selby Jr.s gleichnamiger Roman ist eines der stärksten amerikanischen Prosastücke des verangen Jahrhunderts und in Stil und Wirkmacht bestenfalls mit Burroughs, Thompson oder Kerouac zu vergleichen. Das "Skandalbuch" erschien erstmals 1964 und fokussierte eine zwölf Jahre zuvor stattgefundene, Brooklyner Episode, in der aus einer existenziellen Streik-Unsicherheit heraus ein kleiner Straßenzug überzubrodeln droht vor Gewalt und Angst. Protagonisten sind der ungeoutete Schwule Harry Black, von Stephen Lang brillant interpretiert, dessen Leben eine einzige, große Lüge ist, sowie die ungeliebte Nutte Tralala, die Zärtlichkeit und Aufopferungsbereitschaft bestenfalls vom Hörensagen kennt. Beide erleben sie ihren jeweiligen Super-GAU innerhalb dieser misanthropischen Gemeinde, in der nur überlebt, wer die größte Klappe und das schnellste Messer hat.
Eine Adaption stand 1989 schon länger ins Haus; unter anderem plante Ralph Bakshi bereits eine in den Siebzigern, die dann jedoch gecancelt wurde. Später erwarb Bernd Eichinger die Rechte, dessen Neue Constantin ja bereits damals dafür bekannt war, große, respektive Aufsehen erregende Weltliteratur kinotauglich aufzubereiten; schlag nach unter dem ebenfalls von Edel inszenierten "Christiane F.", "Die unendliche Geschichte" und "Der Name der Rose" sowie natürlich seinem später noch folgenden Ausstoß. So kommt es, dass dieser uramerikanische Film zu großen Teilen in den Münchener Bavaria Studios gedrehtwurde - was ihm glücklicherweise zu keiner Sekunde schadet. Im Gegenteil, die teils eindeutig als Atelierkulisse zu identifizierenden Schauplätze bereichern den Film durch ihre Artifizialität. Wie in "Christiane F." vermag Uli Edel es, eine ebenso berückende wie bedrückende Atmosphäre zu kreieren und Selbys allenthalben erklärtem, grenzenlosen Hass gegen jede Form von körperlicher und psychischer Gewaltanwendung passendes Bildgut zu verleihen. Menschen und Körper werden zerbrochen und am Ende läuft der Kreislauf des Lebens und alles andere dann doch vergleichsweise unbeeindruckt weiter. Der Streik ist vorbei, man hat ausgekatert, ein neuer Montagmorgen in der Fabrik steht an.

9/10

Uli Edel Homosexualität period piece New York Ensemblefilm Hubert Selby Jr. Gewerkschaft Streik Bernd Eichinger


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AMERICAN HUSTLE (David O. Russell/USA 2013)


"How about "we"?"

American Hustle ~ USA 2013
Directed By: David O. Russell

Ostküste, 1978: Der schmierige Wäschereibesitzer Irving Rosenfeld (Christian Bale) tut sich mit der nicht minder vergaunerten Sydney Prosser (Amy Adams) zusammen, um gefälschte oder gestohlene Kunstwerke an klamme Investoren zu verhökern. Bald jedoch kommt ihnen das FBI in Form des narzisstischen Ermittlers Richie DiMaso (Bradley Cooper) auf die Spur. Anstatt das saubere Pärchen jedoch anzuklagen, bietet DiMaso ihm an, mit ihm zusammenzuarbeiten und korrupte Politiker hochzunehmen. Als Erster soll der amtierende Bürgermeister von Camden, Carmine Polito (Jeremy Renner), Hopps genommen werden. Dieser plant, das marode Atlantic City hochzupeppeln und zu einem Vegas-ähnlichen Spieler-Mekka zu machen. Die Annahme entsprechender Zuschüsse, die von DiMaso fingiert werden, soll ihm das Genick brechen. Irving gerät jedoch schon bald in echte Gewissenskonflikte - er freundet sich mit dem sympathischen Polito an und kommt sich mehr und mehr wie ein Verräter vor.

David O. Russell hat seine Hausaufgaben gemacht. Wie erzählt man erfolgreich eine im Halbweltmilieu vergangener Zeiten angesiedelte, (semi-)authentische Story mit Tempo, Stil und latentem Humor? Genau: Schlag nach bei Scorsese ("Goodfellas", "Casino", "The Wolf Of Wall Street") und dem frühen Paul Thomas Anderson ("Boogie Nights"), deren Arbeit auf diesem Sektor sich ja mehr als bewährt hat und auf streng genommen ziemlich luziden Rezepturen fußt: Man nehme mehrere Off-Erzähler, eine sich in unermüdlichem Discomove bewegende, förmlich groovende Kamera, ein sorgfältig ausgewähltes Kontigent zeitgenössischer Songs, eine unüberschaubare Zahl an - häufig bloß kurz gestriffenen - Sprechrollen sowie markante Hauptdarsteller in Bestform. Im ultimativsten Falle finden sich dann noch altehrwürdige Gesichter vom Schlage eines Robert De Niro, Anthony Zerbe oder Paul Herman ein. Ein kompetent zu Werke gehender Regisseur - und ein solcher ist David O. Russell ja, zumal mit einem sehr attraktiven Humorverständnis gesegnet, kann da nicht mehr viel falsch machen. Entsprechend gelungen ist auch "American Hustle", ein Film, der seiner Antizipation vollauf gerecht wird, allerdings, ohne diese zu übertreffen. Gutes, wenngleich überraschungsfreies Handwerk bekommt man somit kredenzt. Manchmal, gerade in solchen, erfreulichen Fällen, reicht selbiges bereits. aus.

8/10

David O. Russell FBI New Jersey period piece Mafia Atlantic City


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ZIVOT I SMRT PORNO BANDE (Mladen Djordjevic/SRB 2009)


Zitat entfällt.

Zivot I Smrt Porno Bande (Leben & Tod einer Pornobande) ~ SRB 2009
Directed By: Mladen Djordjevic

Belgrad, 2001: Der sympathische Filmkünstler Marko (Mihajlo Jovanovic) bekommt kein Bein auf die Erde. Seine ambitionierten Vorstöße in den Bereich der Pornographie werden von seinem Produzenten Cane (Srdjan Miletic) als kommerziell untragbar zurückgewiesen. Also versucht er sich mit einigen Freunden aus der drogeninfizierten Undergroundszene an Porno-Cabaret, doch auch dies vergrätzt das Publikum und Cane, dem Marko mittlerweile eine gesalzene Summe Geld schuldet. Als "Pornobande" macht sich die Clique auf in die Provinz, wo man mit sozialkritisch-koitalem Improvisationstheater vor Dörflern und Bauern auftritt, jedoch rasch wiederum aneckt und einen üblen Ruf erwirbt. Alsbald macht Marko die Bekanntschaft des Snuff-Produzenten Franz (n.n.), der ihm willfährige Opfer verschafft, die sich vor der Kamera abschlachten lassen. Die entsprechende Sinnkrise der Gruppe lässt nicht lang auf sich warten, ebensowenig wie Krankheit, Tod und Wahnsinn.

Der damals etwa zeitgleich zu Srdjan Spasojevics "Srpski Film" entstandene, kaum minder skandalös aufgenomme "Zivot I Smrt Porno Bande" schlägt jenen in den meisten Kategorien recht anstandslos. Djordjevics Film ist noch sehr viel eindeutiger als Sozialparabel identifizierbar, trotz seiner teils schwer erträglichen, extrem real anmutenden Bilder von einer großen Zärtlichkeit für seine durchweg zum Sterben verdammten Figuren geprägt und dementsprechend nachhaltig zupackend. Markos Trip durch das serbische Hinterland steht symbolisch für einen Reise in das verfinsterte Herz einer gebrochenen Nation. Man begegnet, in ebendieser Reihenfolge: Missverstandenen, Ausgestoßenen, Kriegstraumatisierten, Strahlenopfern. Das, was die ohnehin vorgeschädigten Freunde an inneren und äußeren Extremen durchmachen müssen, wird, analog zu diesem verkrüppelten Humaninventar, mehr und mehr bizarr; von halluzinogenen Drogentrips über Epiphanien, Suizid und Seuche bis hin zu grün leuchtenden Rindern reicht die Bandbreite ihrer Erlebnisse, man verwandelt sich von ohnehin mental Aussätzigen immer mehr zu einer Art archaischer Gauklertruppe, deren Engagements sich um des schwindenden Selbstrettungsbedürfnis' Willen zunehmend pathologischer ausnehmen. Schuldgefühle, psychischer und physischer Zerfall gewinnen schließlich die vollständige Übermacht; Thanatos übertrumpft Eros - wie Marko es uns gleich zu Beginn ankündigt.
Dabei könnte die Vorarbeit hinreichender gar nicht geleistet worden sein: Der zweite apokalyptische Reiter hat das Land und die Seelen seiner Bewohner längst ausgehöhlt.

9/10

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PARIS BLUES (Martin Ritt/USA 1961)


"This romance is doomed."

Paris Blues ~ USA 1961
Directed By: Martin Ritt

Ram Bowen (Paul Newman) und sein Freund Eddie Cook (Sidney Poitier) leben als Jazzmusiker in Paris, wo sie allabendlich in einem kleinen Club spielen. Rams Ambitionen sind damit jedoch nicht erschöpft: Er mochte auch ein erfolgreicher Komponist werden wie seine großen Vorbilder. Als man die US-Touristinnen Lilian (Joanne Woodward) und Connie (Diahann Carroll) kennen lernt, bahnen sich unversehens zwei Romanzen an. Obschon Ram und Eddie von der Energie der Metropole leben und eigentlich nicht fortwollen, lassen sich beide zunächst von ihren Freundinnen überreden, mit in die USA zu kommen und dort mit ihnen zusammen zu leben. Doch nur einer wird am Ende wirklich den Mut aufbringen, zu seinen Plänen zu stehen.

Ein bisschen klischeprägend (und -geprägt) ist Ritts "Paris Blues", der zweite seiner insgesamt sechs Filme mit Paul Newman, ja schon. Spätestens seit "An American In Paris" wusste auch der mittwestliche Durchschnitts-Yankee, dass es in Paris in Europa eine Menge großer, alter Gebäude gibt und mindestens ebenso viele verruchte Spelunken, dass die Leute dort hemmungslos in der Öffentlichkeit herumknutschen, massig Rotwein trinken und rauchen und manche von ihnen gar Härteres konsumieren und dass der dunkelhäutigere Teil der Bevölkerung dort nichtmal halb so schief angeschaut wird wie daheim. Ein Menschenschlag für sich, die Altweltler. Hier hat auch der Jazz sein wahres Zuhause, weshalb auch hier nur ein kreativer Geist wie der Ram Bowens zur Entfaltung gelangen kann. Soviel zur Lebensweisheit von "Paris Blues". Dass dem gegenüber erwartungsgemäß phantastische Musik steht, von Duke Ellington aus dem off und von Satchmo aus dem on, dass Newman und Poitier gewohnt tadellos aufspielen und die Stadtimpressionen schöner kaum sein könnten, macht aus ihm einen sehens- und hörenswerten Film.

8/10

Martin Ritt Freundschaft Paris Musik Jazz Drogen Kokain Bohème Herbst


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ALMOST FAMOUS (Cameron Crowe/USA 2000)


"I didn't invent the rainy day, man. I just own the best umbrella."

Almost Famous ~ USA 2000
Directed By: Cameron Crowe

San Diego, 1973: William Miller (Patrick Fugit) ist erst 15 und versucht, sich verzweifelt aus den Klauen seiner vereinnahmenden Mutter Elaine (Frances McDormand) zu lösen. Seine momentan größte Liebe verdankt William seiner großen Schwester (Zooey Deschanel), die Elaine bereits aus dem Hause getrieben hat: Die zur Rockmusik. Da William zudem gern schreibt, kombiniert er seine zwei Leidenschaften und landet fix bei einem Angebot vom Rolling Stone Magazine, einen Artikel über Black Sabbath zu schreiben. Daraus wird über Umwege eine Tourgeschichte über Sabbaths Vorband Stillwater, die William zum größten Gram seiner Mutter auf deren folgender Konzertreise quer durch die Staaten begleitet. Dabei lernt William die Höhen und Tiefen des kriselnden Rock-Biz kennen und verliebt sich in das Groupie 'Penny Lane' (Kate Hudson), welches jedoch vornehmlich Augen für den Stillwater-Gitarristen Russell Hammond (Billy Crudup) hat...

Autobiographisch gefärbtes Meisterwerk des Musikjournalisten und Filmemachers Cameron Crowe, der seine innige Liebe zum Rock mit "Almost Famous" so unbestechlich vorgetragen hat wie es möglicherweise keinem anderen auteur je geglückt ist. Dem Film wohnt dieselbe, leichtfüßige Magie inne, die schon "Singles" bevölkerte - bittersüße Emotionalität trifft auf schwere Gitarren. In diesem Falle allerdings nicht immer. Mit dem erotischen Erwachen William Millers wird, ebewnso wie der gesamte Ton des Films, auch die Hintergrundmusik zunehmend leiser. So ist neben den multiplen Facetten, mit denen Crowe über die damalige Rockwelt in den USA berichtet, als Heavy Metal, ebenso wie die meisten anderen populärmusikalischen Subgenres gemeinhin noch nicht definiert und die entsprechenden Grenzen überhaupt noch sehr viel fließender waren, Crowes (natürlich höchstpersönlich getroffene) Songauswahl reinste, gegossene Poesie. Wenngleich Stillwater, die als fiktionaler Ersatz für die Allman Brothers herhalten, keine echte Band waren oder sind ("ihre" Songs stammen von Peter Frampton), spiegeln sie perfekt Lebens- und Zeitgefühl von damals wieder, soweit ein später Geborener wie ich sich das zumindest vorzustellen vermag. Ein musikalisches Tagebuch jener umwälzenden Zeit ist "Almost Famous", dazu eine der schönsten Coming-of-Age-Storys des jüngeren Kinos, die Traumwelten und Wahrheiten liebevollst diametralisiert.

10/10

Cameron Crowe period piece Road Movie Freundschaft Musik Journalismus Coming of Age Mutter & Sohn Kalifornien Band D.C. Drogen LSD