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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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YOU DON'T KNOW JACK (Barry Levinson/USA 2010)


"Have you no religion? Have you no God?" - "Oh, I do, lady, I have a religion. His name is Bach. Johann Sebastian Bach. And at least my God isn't an invented one."

You Don't Know Jack (Ein Leben für den Tod) ~ USA 2010
Directed By: Barry Levinson

In den achtziger Jahren macht der Pathologe Jack Kevorkian (Al Pacino) auf sich aufmerksam, indem er todkranken Menschen hilft, ihr Leben umstandslos und bei Bewusstsein selbst zu beschließen. Eine von ihm entwickelte Apparatur injiziert nacheinander Betäubungsmittel, Muskelrelaxanz und Gift in die Vene des Patienten, wenn dieser selbst den Knopf betätigt. Als "Selbstmordhelfer" in über 80 Fällen bringt Kevorkian in den Folgejahren immer mehr Fundamentalisten, selbsternannte Glaubenskrieger und auch die Justiz, die allesamt seine Methoden und vor allem sein Ethos durchweg missbilligen, gegen sich auf. Dennoch kann "Dr. Death", wie die Medien ihn sensationsgierig bezeichnen, sein Anliegen stets erfolgreich verteidigen. Brisant wird es, als Kevorkian bei dem Patienten Tom Youk (Justin Hoch) aktive Sterbehilfe praktiziert und die tödliche Injektion für ihn setzt. Trotz der Fürsprache seiner Frau und einer vermeintlich entlastenden Video-Aufzeichnung des Gnadenakts wird Kevorkian unter der Anklage 'Beihilfe zum Mord' vor Gericht gestellt und zu einer langen Haftstrafe verurteilt, von der er sieben Jahre absitzt.

Ein großer Sprung in meiner kleinen Levinson-Reihe, da seine zwischen "Liberty Heights" und dieser HBO-Produktion liegenden Arbeiten mir wahlweise bekannt sind und deren einmalige Betrachtung mir ausreicht, sie gegenwärtig nicht verfügbar sind (und bestimmt nachgeholt werden) oder mich schlichtweg nicht interessieren. Ein Vollständigkeitsanspruch (aufmerksame Leser meines FTB werden vielleicht bemerkt haben, dass ich mir bereits "Toys" aus offensichtlichen Gründen verkniffen habe) besteht und bestand speziell in diesem Falle (und eigentlich auch sonst) ohnehin nie.
Nach drei Jahrzehnten teils vielgepriesener Arbeit, die in kollektiver Form eine nahezu beispiellose Starpower aufbietet und viele lebende Legenden ihres Fachs häufig gleich mehrfach und in jeweiligen Sternstunden vereint, kollaborierte Levinson für das Fernseh-Biopic "You Don't Know Jack", das mehr oder weniger geschickt den Titel einer populären Quizspiel-Reihe verballhornt, erstmals mit Al Pacino. Dieser beschert als exzentrischer, fahriger Humanist, der mit seinem existenziellen Selbstverständnis um freie Entscheidung, Vernunft und Atheismus immer wieder vor Wände von reaktionären, erzkonservativer Werte-Perversion fährt, seinem Schaffen einen weiteren Höhepunkt. Als jener liebenswerte Dickkopf, dessen (reale) Persona noch immer die Geister scheidet, beschreibt Levinson Dr. Jack Kevorkian als einen Mann eherner Prinzipien, der um den Wert von Lebensqualität und Selbstbestimmtheit weiß und niemandem seine "Dienste" aufzwingt. Pacino projiziert diesen ehernen Missionarismus adäquat und exzellent auf sein Spiel.
Zudem tut "You Don't Know Jack" seine Herkunft als TV-Produktion gut: Levinson kann in Ruhe und gemäßigt inszenieren, seinen Film in grauem Sepia halten und ihn fließen lassen, ohne sich in falschem Attraktionismus ergehen zu müssen.
Sehenswert!

8/10

Barry Levinson Biopic period piece Sterbehilfe Bruder & Schwester Krebs TV-Film Detroit HBO Courtroom


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LIBERTY HEIGHTS (Barry Levinson/USA 1999)


"You don't walk out on Sinatra, sir."

Liberty Heights ~ USA 1999
Directed By: Barry Levinson

Baltimore, 1954: Während die gesellschaftliche Öffnung in Rassenfragen zwar auf dem Papier präsent ist, vollzieht sie sich in der Realität nur höchst gemächlich. Die beiden Brüder Van (Adrien Brody) und Ben Kurtzman (Ben Foster) leben im jüdischen Viertel Liberty Heights und finden sich von den "Anderen" in ihrem Alter nur schwerlich akzeptiert. Besonders ihre jeweils große Liebe erweist sich als nicht unproblematisch: Während Van sich in die aus schwerreichem Hause stammende, divaeske Dubbie (Carolyn Murphy) verkuckt, bendelt Murphy mit seiner farbigen Klassenkameradin Dylvia (Rebekah Johnson) an. Hinzu kommt die Liebäugelei von Kurtzman Sr. mit mafiösen Aktivitäten, die der Familie einigen Trubel beschert.

Im vierten und (bislang?) letzten Film seiner "Baltimore-Tetralogie" beweist Levinson wie kaum ein anderer gegenwärtig aktiver US-Regisseur vor allem Eines: Dass er stets dann am Besten ist, wenn das Thema seiner Arbeit ein persönliches, ihn selbst involvierendes ist. Familie, Geschwister, Freundschaft, der alltägliche, wechselseitige Rassismus, Generationskonflikt, Coming of Age und ein wenig Halbwelt-Romantik fließen ein in die anekdotenhafte Erzählweise von "Liberty Heights", der als schönes, sehr geschlossenes Stück über das Erwachsenwerden reüssiert. Manchmal urkomisch, dann und wann dramatisch und vor allem nostalgisch verklärt wandelt Levinson geradezu traumwandlerisch sicher durch dieses kleine Stück Fünfziger-Jahre-Romantik, das die uneingelösten Versprechen von Levinsons letzten Filmen, bei denen er sich spürbar unbehaglicher gefühlt haben dürfte, vielfach wieder wettmacht.
Ob es für oder gegen einen Regisseur spricht, dass er seinen Zenit nur dann erreicht, wenn das Sujet ihn wirklich anspornt, mag diskutabel sein. Immerhin stößt man so mehr oder weniger regelmäßig auf kleine Goldadern beim Schürfen.

8/10

Barry Levinson Baltimore period piece Brüder Familie Coming of Age amour fou Rassismus ethnics


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INTERSTELLAR (Christopher Nolan/USA, UK, CA 2014)


"Mankind was born on Earth. It was never meant to die here."

Interstellar ~ USA/UK/CA 2014
Directed By: Christopher Nolan

Die Zukunft: Der Planet Erde wendet sich schlussendlich gegen seinen todbringenden Virus - die Menschheit. Die Nahrungsmittel werden zusehends knapper, nur noch besonders resistente Feldfrüchte wie Mais können überhaupt angebaut werden und etliche Jugendliche werden zu Farmern zwangsausgebildet. Dennoch sorgen Dürre und Sandstürme immer wieder und überall für verheerende Ernteeinbußen. Durch einen augenscheinlichen Zufall stoßen der Ex-Ingenieur Cooper (Matthew McConnaughey) und seine aufgeweckte Tochter Murph (Mackenzie Foy) auf einen Hinweis, der sie in die Wüste führt. Dort stoßen sie auf ein im Geheimen operierendes NASA-Team unter dem Astrophysiker Brand (Michael Caine), das bereits seit Jahren an Plänen zur Evakuierung der Menschheit gen Weltall arbeitet. Kurzerhand wird Cooper auserkoren, mit drei Crewmitgliedern und einem Roboter einen Raumflug zu begehen, der sie durch ein Wurmloch in der Nähe des Saturn in eine andere Galaxie führt, wo es lebensfreundliche Welten geben soll. Die entsprechenden Daten hätten frühere Pioniere wie der Astronaut Mann (Matt Damon) bereits vor längerer Zeit übersandt. Um seine Kinder retten zu können, nimmt Cooper den Auftrag an - im Wissen, dass die Zeit im All für ihn und seine Crew sehr viel langsamer vergehen wird als auf der Erde.

Wenn ein neuer Nolan angekündigt wird, sinkt die globale Filmgemeinde ja bereits vorab ehrfürchtig zur Anbetung auf die Knie. Wer mich kennt, weiß, dass ich den Mann nicht nur überaus unsympathisch finde, sondern seinen Filmen auch mit steter Skepsis begegne, die sich dann im Nachhinein doch immer halbwegs relativiert, weil Nolans Filme hinter all ihrer Egozentrik und dem penetranten Autogewichse ihres Meisters eigentlich ganz okay sind. Im Falle "Interstellar" muss ich sogar sagen: deutlich besser als ich angenommen hatte und bei aller üblichen Behaftung mit den mir unangenehmen Facetten, ohne die ein Kino-Abgott Nolan eben längst nicht mehr kann, ein patenter SciFi-Film. In audiovisueller Hinsicht ist "Interstellar" zunächst einmal über jeden Zweifel erhaben. Die grandiosen Weltraum-Impressionen drücken einen in den Sitz, hier und da kommt etwas Spannung auf und die ausgedehnte Erzählspanne erlaubt diverse Wendungen und Plotkniffe, die besonders dann ihre Wirkung entfalten, wenn man sich vorab möglichst wenig über den Film informiert hat. Doch auch etliche Schwächen machen sich breit, etwa hinsichtlich der laut und dick vor- und aufgetragenen Message des Films: Liebe und nichts als Liebe kann die Menschheit vor ihrem selbst herbeigeführten Ende retten! Wenn ein furztrockener Technokrat wie Nolan, der Film gern mit Mathematik verwechselt, so etwas behauptet, dann wird es albern. Überhaupt die sich unmissverständlich als warnender Zeigefinger gerierende, pralle Öko-Message des Films: viele andere hätten sie effektvoll vermitteln mögen, mit seiner gezielt unbeteiligten, resignierten Inszenierung des nahenden Endes bleibt sie in "Interstellar" bloß Behauptung: die Erde ist am Arsch, die Menschheit zum baldigen Hungertod verdammt, es ist zu spät. So what? Selbst schuld. Und gut. Ein bisschen wenig "shocking", n'est-ce pas?
Dann der mittlerweile notorische Matthew McConnaughey. Okay, der Typ ist derzeit der heißeste Scheiß am Platze, aber wäre nicht gerade das ein Grund, mal auf ihn zu verzichten? Vielleicht beim nächsten Mal. Schließlich die Ambition des Films: Er will mit allen Mitteln große space opera sein, die dereinst mit den Großen des Genres in einem Atemzug genannt werden soll: "2001: A Space Odyssey", weder das bescheidenste, noch das unoffensichtlichste Vorbild, schimmert aus allen Winkeln, Nischen, Ecken, Lücken. Dass soviel unverhohlene Anbiederung eigentlich das Gegenteil bewirken sollte, scheint die Nolan-Gemeinde noch nicht gewahr worden zu sein. Aber gut. Von all den kleinen und großen Fettnäpfchen, bei denen Christopher Nolan gar nicht anders kann, als mitten rein zu treten, weil er eben Christopher Nolan ist und sie für sich persönlich gepachtet zu haben scheint, abgesehen, bietet "Interstellar", dies sei nochmals betont, wirklich ordentliches Genre-Entertainment. Die Welt jedoch wird er - auch wenn er es so gern würde - auch nicht retten.

8/10

Christopher Nolan Zukunft Dystopie Familie Vater & Tochter Raumfahrt Aliens


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BEDLAM (Mark Robson/USA 1946)


"This is the age of reason, mylord!"

Bedlam ~ USA 1946
Directed By: Mark Robson

London, 1761: Das, was sich in der künftigen Historie dereinst "Zeitalter der Aufklärung" schimpfen mag, ist zum damaligen Zeitpunkt in der englischen Metropole noch nicht recht ausgeprägt. Die kregle Nell Bowen (Anna Lee) lebt als Mündel bei dem dekadenten Tory Lord Mortimer (Billy House), der nichts mehr liebt, als extravagante Späße. Als Nell gewahr wird, welch unmenschliche Zustände in dem von dem kriecherischen George Sims (Boris Karloff) geleiteten Irrenhaus "St. Mary Of Bethlem", im Volksmund "Bedlam" genannt, vorherrschen, setzt sie alles daran, diesen Abhilfe zu leisten. Ihr Vorschlag an Mortimer jedoch, einen Teil seines Vermögens zur Reformierung von Bedlam beizusteuern, stößt auf wenig Gegenliebe, zumal Sims, dem am Erhalt des status quo gelegen ist, insistiert. Als sich Nell in ihrer Verzweiflung an den Whig Wilkes (Leyland Hodgson) wendet, scheint alles eine vielversprechende Wende zu nehmen, doch da lässt Sims sie öffentlich für geisteskrank erklären...

Ein vorrangig mit traditionsbewusster Poe-Poesie liebäugelndes, schwarzhumoriges Königsdrama, das einen letzten großen Höhepunkt für Val Lewtons RKO-Umtriebe markiert. "Bedlam" entpuppt sich im Verlauf seiner Erzählung, die mit hochsophistischem Elan soziale Missstände einkreist und der hollywoodtypischen, romantischen Verklärung der Alten Welt einen feist grinsenden Riegel vorschiebt, als existenzialistisches Manifest. Der Film gibt sich im Gedenken an "Masque Of The Red Death" sogar betont links und klassenkämpferisch; die Herrschenden sind wahlweise fette, reiche Mastschweine, die ihr Vergnügen selbst über Menschenleben stellen oder sadistische Opportunisten, die nach oben buckeln und nach unten treten. Gelegenheit für den o-beinigen Boris Karloff zu einer seiner denkwürdigsten Leistungen: Als "Master" George Sims, der seinen "Patienten" noch weitaus größere Pein bereitet haben muss, als der Film offenkundig auszusprechen im Stande ist [das Maurerkellen-Attentat auf ihn durch die vermeintlich katatonische Dorothea (Joan Newton) spricht Bände] und der seinen diabolisch veranlagten Posten um keinen Preis hergeben oder auch bloß beurteilt wissen will, bietet Karloff etliche Bühnen für nuancierteste Darstellungen des Bösen. Dass das in der Werbung des Films so sensationsträchtige "Irrenhaus" mitsamt seinen "loonies" am Ende als Ausgangspunkt für humanistische Reformen dasteht, mag man als ausgestreckten Mittelfinger in Richtung Publikum wahrnehmen. Mir jedenfalls gefällt dieser Gedanke ausgesprochen gut.

9/10

Mark Robson Val Lewton London Psychiatrie period piece Madness


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THE GHOST SHIP (Mark Robson/USA 1943)


"Authority cannot be questioned!"

The Ghost Ship ~ USA 1943
Directed By: Mark Robson

Tom Merriam (Russell Wade) geht als 3. Offizier an Bord des Frachters "Altair". Zunächst nimmt er den Captain des Schiffes, Will Stone (Richard Dix) als bestimmten, aber freundlichen Mann dar, dem seine Fürungsposition über alles geht. Dann jedoch entdeckt Merriam mehr und mehr alarmierende Hinweise, die Captain Stone als inkompetenten, despotisch veranlagten Irren entlarven. Eine Meldung bei der Schifffahrtsgesellschaft im nächsten Hafen bleibt allerdings fruchtlos, zumal die gesamte übrige Crew hinter Stone steht. Obschon Merriam auf eine Weiterreise an Bord der Altair verzichten will, landet er durch einen dummen Zufall wieder an Bord, diesmal lediglich als "Gast". Doch abermals bewahrheitet sich sein schrecklicher Verdacht gegen Stone: Der Mann will Merriams Anzeige keineswegs ungestraft hinnehmen und lant offenbar, ihn zu ermorden...

Mit seinem fünften Film aus Val Lewtons berühmten Zyklus für die RKO ist dem Produzenten abermals ein Sahnestück geglückt: Wenn hier überhaupt von Horror die Rede sein kann (oder vielmehr 'muss'), dann bestenfalls von einem denkbar subtilen, unterschwelligen. "The Ghost Ship" ist vielmehr die Charakterstudie eines psychisch getrübten See-Offiziers, dem Selbstanspruch und Einsamkeit einen irreparablen Schaden zugefügt haben. Damit steht Robsons Film in einer langen Hollywood-Tradition, zumal jenes Thema sich bis heute immer wieder aufgegriffen findet.
Sicher, einige mystische Elemente gehören zum guten Ton: Der den Rahmen bildende, blinde Bettler (Alec Craig) mit seinen prophetischen Fähigkeiten, der vielfach interpretierbare Name des Schiffs oder nicht zuletzt der mit der Antizipiation des Publikums spielende Filmtitel: Die Altair ist ein Geisterschiff, weil ihr Kapitän längst nurmehr ein (lebendiger) Geist ist. Von der Welt und der Vernunft verlassen, schippert er auf See wie der Fliegende Holländer, bis seinem verzweifelten, selbstgewählten Fluch durch helfende Hand ein Ende gemacht wird. Für unseren Helden Tom Merriam indes, dem 'Tertius', gibt es noch, wenn am Ende auch etwas diffus geäußerte, Hoffnung.

8/10

Mark Robson Val Lewton Ozean Seefahrt Duell Meuterei


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CRÓNICAS (Sebastián Cordero/MEX, EC 2004)


Zitat entfällt.

Crónicas ~ MEX/EC 2004
Directed By: Sebastián Cordero

Der TV-Sensations-Journalist Manolo Bonilla (John Leguizamo) ist mit seinem Team (Leonor Watling, José María Yazpik) für einen in Miami ansässigen Latino-Sender in Ecuador unterwegs. Hier treibt seit Längerem ein Kindermörder sein Unwesen, der bereits Dutzende von Opfern auf dem Gewissen hat. Eine zufällige Spur ergibt sich, als der Bibel-Vertreter Vinicio Cepeda (Damián Alcázar) einen kleinen Jungen anfährt, dessen Zwillingsbruder bereits von dem "Monster von Babahoyo" ermordet wurde. Als der verzweifelte Vater (Henry Layana) der toten Jungen Vinicio auf offener Straße verbrennen will, landen beide Männer im Gefängnis. Manolo springt für Vinicio in die Bresche und verkauft ihn zunächst als unschuldiges Opfer unglücklicher Umstände. Doch ein weiteres Gespräch weckt in Manolo einen schrecklichen Verdacht: Vinicio selbst scheint der gesuchte Kindermörder zu sein, verfügt er doch über höchst brisante Informationen bezüglich des Falles. Bevor Manolo die Sache mit seinem Anchorman (Alfred Molina) klären kann, wird der bereits fertiggestellte Bericht gesendet; Vinicio kann unbehelligt abtauchen und seinem blutigen Geschäft weiter nachgehen.

Die Schuldigkeit des arroganten Journalisten: Weil "Don Manolo", wie ihn seine lateinamerikanischen Fans ehrerbietig rufen, eine flotte Story wittert, die ihn einmal mehr als Anwalt der Unterdrückten ausweisen wird, macht er sich mitschuldig im Falle des Monsters. Dass Vinicio Cepeda (dessen Figur augenscheinlich ihr verschleiertes, authentisches Vorbild in dem kolumbianischen Kindermörder Pedro Alonso Lopéz hat) der gesuchte Killer ist, daran lässt der Film keinen Zweifel: Gleich zu Beginn wird er beim Epilog eines seiner furchtbaren Verbrechen gezeigt. Es geht "Crónicas" also ganz eindeutig nicht um die Entlarvung des Täters, sondern darum, dass allein die Sensationsgeilheit des prominenten Fernsehmachers und vor allem dessen weigerung, sich zu seinem Fehler zu bekennen, Cepedas Flucht ermöglicht und ihn weitere Bluttaten begehen lassen wird.
"Crónicas" verzichtet auf eine allzu scharfe Umreißung des Gebotenen und legt Wert darauf, das "Monster von Babahoyo" trotz seiner irrsinnigen Aktionen als Mensch zu porträtieren, was Damián Alcázar, der seinen Part großartig ausfüllt, nebenbei vortrefflich gelingt. Vinicio Cepeda wird nie als Ungeheuer dargestellt oder auch nur als bedrohlich denunziert: hier ist ein gottesfürchtiger, etwas einfacher Mann, der seine Familie liebt, eine freundliche, gar unterwürfige Art an den Tag legt und seine Lügenkonstrukte offenbar selbst glaubt. Kein Haarmann, kein Kürten, kein Hannibal Lecter - nur ein verwirrter Mensch mit todbringenden Neigungen. In den Szenen mit Alcázar entwickelt "Crónicas" eine Kraft, die ihm sonst leider abgeht. Daran, dass der Film, der unter produktionstechnischer Beteiligung der renommierten mexikanischen Filmemacher Alfonso Cuarón und Guillermo del Toro entstand, einst als Prestigeobjekt für das lateinmamerikanische Kino gedacht war, bleiben am Ende wenig Zweifel. Mit John Leguizamo und Alfred Molina konnten zwei berühmte Ethno-Gesichter verpflichtet werden. "Crónicas" wurde bei der Academy als Beitrag für den besten internationalen Film eingereicht und er schlägt bei all seiner Medienschelte und vor allem angesichts seines grauenvollen Topos einen allzu gemächlichen Ton an.
Im Rahmen des Serienkiller-Films sicher ein interessanter Exkurs, mehr jedoch kaum.

6/10

Sebastián Cordero Serienmord Ecuador Alfonso Cuarón Guillermo del Toro Fernsehen Unfall Madness


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WAG THE DOG (Barry Levinson/USA 1997)


"A good plan today is better than a perfect plan tomorrow."

Wag The Dog ~ USA 1997
Directed By: Barry Levinson

Als nur zwei Wochen vor den Wahlen bekannt wird, dass der amtierende US-Präsident eine minderjährige Schülerin auf Besuch im Weißen Haus verführt hat, wird Connie Brean (Robert De Niro), Vertuschungsspezialist allererster Güte, hinzugezogen. Mithilfe des Hollywood-Produzenten Stanley Motss (Dustin Hoffman) inszeniert Brean kurzerhand einen Krieg gegen Albanien, um die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit von dem Skandal abzulenken. Trotz diverser Unwägbarkeiten geht der Plan letzten Endes voll auf, nur dass Motss schließlich seine geheime Verschwörerrolle nicht mehr spielen mag...

Nach der Lewinsky-Affäre um Bill Clinton gab es gleich einen ganzen Schwung von Politsatiren, die mehr oder weniger scharf die Öffentlichkeitsarbeit des Weißen Hauses und die Beeinflussbarkeit der medialen Objektivität ins Kreuzfeuer nahmen. "Wag The Dog" dürfte darunter wohl den vordersten Platz einnehmen, denn hierin wird die PR-Maschinerie des obersten Landesvertreters mitsamt ihrer Manipulations- und Verschleierungsmöglichkeiten gnadenlos mit einer praktisch allmächtigen Verbrecherorganisation gleichgesetzt. Dass Robert De Niro den freundlich auftretenden Medienberater Connie Brean personifiziert, ist dabei kein Zufall. Der in Gangsterrollen versierte Mime trägt hier zwar keine Maßanzüge und wirkt mit seinem buschigen Bart eher wie ein liebenswerter Kauz; wie groß tatsächlich sein Machtradius, zu welcher Eiseskälte er fähig ist und dass jede seiner zunächst ironisch wirkenden Todesdrohungen gegen aufmüpfige Mitwisser höchst ernst gemeint ist, wird spätestens gegen Ende des Films auf kompromisslose Weise verdeutlicht. Gegen Brean haben selbst CIA, FBI und Militär keine Chance, er ist der Mann am längsten Hebel der Staatsräson. Wie "Wag The Dog" seinen Spagat zwischen Komik und durchaus ernst gemeinter Regierungsschelte vollzieht, seine schneidige Scriptarbeit, das macht ihn zu einer der brillantesten und nachhaltigsten Arbeiten Levinsons. Ein wenig Kritik darf und muss der unbeständigen, teils unentschlossenen Inszenierung gelten, die sich mitunter nicht recht entscheiden kann, ob sie eher einem modisch-hektischen Pseudoreportage-Stil oder doch klassischer Erzählkunst zugetan sein möchte. Anhand dessen ließe sich mutmaßen, ob ein anderer Regisseur noch mehr aus dem Stoff hätte herausholen mögen.

8/10

Barry Levinson Satire Hollywood Politik Fernsehen


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I NEVER PROMISED YOU A ROSE GARDEN (Anthony Page/USA 1977)


"I like it here, outside."

I Never Promised You A Rose Garden (Ich hab' dir nie einen Rosengarten versprochen) ~ USA 1977
Directed By: Anthony Page

In den vierziger Jahren wird die erst sechzehnjährige Deborah Blake (Kathleen Quinlan) in die geschlossene Psychiatrie für Frauen überwiesen. Ihre etwas unbeholfene Diagnose lautet auf Schizophrenie. Deborah zieht sich häufig in die von ihr selbst kreierte, archaische Phantasiewelt "Yr" zurück, in der man sogar eine ganz private Sprache spricht. Sie verliert häufig ihr Zeitempfinden, neigt zu heftigen, emotionalen Ausbrüchen und irrationalen Angstzuständen sowie Selbstverstümmelungen. Mit der sensiblen, intensiven Hilfe der Therapeutin Dr. Fried (Bibi Andersson) gelingt es Deborah nach drei Jahren, ihre Psychose langsam in den Griff zu bekommen.

Eine beeindruckend-faszinierende Produktion aus dem mit solch vermeintlich sperrigen Stoffen eher selten assoziierten Hause Corman und zugleich sicherlich einer der eminentesten Filmbeiträge zum Thema Psychiatrie. In ihrem gleichnamigen, teil-autobiographischem Roman schilderte die Autorin Joanne Greenberg unter dem Pseudonym 'Hannah Green'. Ihre von den Ärzten als solche bezeichnete Schizophrenie bildete dem Vernehmen nach ein Konglomerat aus psychotischen Episoden, Depressionen und einer Borderline-Störung. Halluzinationen und der Verlust zeitlich geordneter Wahrnehmung kennzeichnen ihr Krankheitsbild, derweil das schlecht geschulte Pflegepersonal, allen voran der unbeholfene Hobbs (Reni Santoni), mit den Patientinnen häufig nach eigenem, oftmals sehr willkürlichen Gutdünken verfahren.
Page gelingt es, dem Rezipienten die sich oftmals abrupt vollziehenden Sprünge zwischen irrealis und Außenwahrnehmung durch seine empathische Darstellung von Deborahs Leiden begreiflich zu machen, hinzu kommt Kathleen Quinlans bravouröse Darstellung der jungen Frau und ihrer Krankheitssymptome. Die Finanzierung des zuvor allseits als heikel angesehenen Projekts gelang infolge des enormen Erfolges von "One Flew Over The Cuckoo's Nest", wobei Pages Film im Gegensatz zu dem von Forman auf eine allzu kritische, metaphorische Darstellung psychiatrischer Bestrebungen als sozial-medizinisches Instrument der Entmündigung verzichtet, um sich stattdessen eben intensiver auf die Person Deborahs sowie die inneren und äußeren Bemühungen betreffs ihrer Genesung konzentrieren zu können.

8/10

Anthony Page Roger Corman Joanne Greenberg Psychiatrie Madness Freundschaft


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IL ROSSETTO (Damiano Damiani/I, F 1960)


Zitat entfällt.

Il Rossetto (Unschuld im Kreuzverhör) ~ I/F 1960
Directed By: Damiano Damiani

Die vierzehnjährige Silvana (Laura Vivaldi) ist heimlich in ihren Nachbarn Gino Luciani (Pierre Brice) verliebt, eine Tagelöhner und Klinkenputzer. Als in ihrem Haus eine als "leichtes Mädchen" bekannte Frau ermordet wird, fällt Gino spontan in den Verdächtigenkreis. Er jedoch behauptet, die Tote überhaupt nicht gekannt zu haben. Als Silvana ihm eröffnet, dass sie ihn am Tattag aus der Tür der Ermordeten habe kommen sehen, wird Gino jedoch nervös und schiebt dies auf Silvanas Einbildung. Von un an widmet er dem Mädchen mehr Zeit als beiden guttut und schließlich landet Gino als Hauptverdächtiger bei Commissario Fioresi (Pietro Germi). Dessen Verhör zieht eine Schlammschlacht nach sich, die vor allem die urplötzlich im Mittelpunkt des polizeilichen und öffentlichen Interesses stehende Silvana übel mitnimmt.

Ein Kriminalfall und wie er sämtliche Beteiligten und Unbeteiligten auf das Nachhaltigste involviert - für einen veritablen Vertreter des Neorealismus ist Damianis Frühwerk mit seinem wunderbar passgenauen Originaltitel ("Der Lippenstift") dann allerdings doch eine minimale Spur zu kolportagehaft geraten. Dabei liegt gerade darin der besondere Reiz des Films, nämlich Lokalkolorit und triviale Dramaturgie zu kreuzen, um daraus einen ebenso formal durchkomponierten wie sezierenden Genrefilm zu machen. Pierre Brice darf als schmieriger Filou noch große, man mchte bald konstatieren "ungewohnte" schauspielerische Qualitäten demonstrieren, wie es ihm in den Folgejahren nicht zuletzt durch seine immer normierteren elf "Winnetou"-Einsätze leider kaum mehr möglich war. Der eigentliche Star des Films dürfte jedoch Laura Vivaldi sein, die durch ihre berückende Darstellung eines emotional hoffnungslos überforderten, fragilen Mädchens im Angesicht selbstgerechter Maskulinität, die gleich aus mehrerlei Richtungen auf sie einprasselt, zu zerbrechen droht.

8/10

Damiano Damiani Rom Coming of age


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THE MAN IN THE GRAY FLANNEL SUIT (Nunnally Johnson/USA 1956)


"If you're going to be slick, be slick in the city."

The Man In The Grey Flannel Suit (Der Mann im grauen Flanell) ~ USA 1956
Directed By: Nunnally Johnson

Für den Ehemann und Familienvater Tom Rath (Gregory Peck) ergeben sich gleich mehrere Probleme: Seine Frau Betsy (Jennifer Jones) wirft ihm vor, nach seinem Kriegseinsatz nicht mehr den früheren Biss zu besitzen und sich allzu schnell mit dem Mindesten zufrieden zu geben. Als sich Tom die Chance bietet, bei einem großen New Yorker Fernsehsender als PR-Berater anzufangen, wird er zudem mit seiner Vergangenheit konfrontiert: Als alliierter Offizier hatte er zu Kriegszeiten in Rom ein Techtelmechtel mit einer Italienerin (Maria Montagne), aus dem, wie er von einem ihm zufällig wiederbegegneten Kameraden erfährt, ein mittlerweile zehnjähriger Sohn hervorgegangen ist, der in Armut aufwächst. Hinzu kommt, dass Toms Besitzrecht betreffs des von seiner verstorbenen Mutter geerbten Hauses von deren früherem Faktotum (Joseph Sweeney) angefochten wird. Kann Toms Ehe dieser elementaren Dreifach-Krise standhalten?

Nach einem ehedem berühmten Roman des Autors Sloan Wilson entstand dieses Prestige-Projekt der Fox, das in mehrerlei Hinsicht Erinnerungen an "The Best Years Of Our Lives" wachruft und nicht zuletzt diesbezüglich ganz bestimmt für den Gewinn vieler Preise konzipiert wurde. Zumindest die Academy jedoch zeigte sich verhalten und Johnsons Film, eine seiner wenigen Regiearbeiten, ist heute kaum mehr als eine Studio-Fußnote, wie so häufig zu Unrecht. Mag "The Man In The Gray Flannel Suit" auch nicht ganz die ausgestellte Famboyanz der Werke eines Douglas Sirk besitzen - als klassisches Drama mit all den dazugehörigen Attributen präsentiert er sich als tadelloses Kinostück, das in seiner existenzialistischen Tragweite oben genanntem Filmemacher durchaus Paroli zu bieten vermag. Mag Gregory Peck in der Rolle des leidenden Versagers, der an sich und seinem Leben einige Scharten auszuwetzen hat, auch fehlbesetzt sein: Den notwendigen Glamour bringt er recht mühelos in sein Porträt jenes amerikanischen Allerweltsmannes mit ein, wenngleich man stets felsengfest der Überzeugung bleibt, dass er am Ende wieder Oberwasser gewinnen wird. Der Titel bezieht sich natürlich in denkbar anonymster Form auf Tom Rath als Repräsentanten seiner Generation: kriegstraumatisiert, geheimnisumwittert, neuen Gesellschaftsfacetten wie Feminismus und Karrierismus noch nicht gewachsen. Ein Kerl, der wiederum kämpfen muss, um in jener ungewohnten Welt bestehen zu können. Interessanter in diesem Zusammenhang fast noch die Nebenfiguren: Fredric March als herzkranker Senderchef, der irgendwann seinen beruflichen Aufstieg vor seine Familie geschoben hat und Lee J. Cobb in einer ausnahmsweise rundum liebenswerten Rolle als ruraler Richter, dem Tom Rath am Ende viel zu verdanken hat.

8/10

Ehe Familie WWII Veteran New York Connecticut Rom Nunnally Johnson





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