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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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DER PFARRER VON ST. PAULI (Rolf Olsen/BRD 1970)


"Ihr solltet Gott dafür danken, wie jung ihr seid..."

Der Pfarrer von St. Pauli ~ BRD 1970
Directed By: Rolf Olsen

Im Kriege noch U-Boot-KaLeu, hat Konrad Johannsen (Curd Jürgens) gleich danach zum Glauben gefunden und ist seither Pfarrer auf St. Pauli. Huren, Luden und andere Kleinkriminelle besuchen seine Messen und Johannsen ist stolz darauf. Als er sich jedoch in eine Familienkrise rund um den reichen Unternehmer Ostro (Walter Buschhoff) einmischt, dessen Sohn (Klaus Hagen Latwesen) Vater eines unehelichen Kindes wird, ist es mit der Seelsorge auf dem Kiez vorbei. Ostro sorgt über eine grob gesponnene Intrige dafür, dass Johannsen seine Predigten künftig auf einer vornehmlich protestantisch geprägten Nordseeinsel verrichten darf. Seinen guten Leumund muss er sich hier jedoch noch erwerben und auch die Chance, Ostro nachträglich zu überführen, bietet sich...

Noch etwas inbrünstiger als üblich spielt Curd Jürgens zum vorletzten Mal für Rolf Olsen den großen Paulier Patriarchen, ohne dessen umspannenden, moralischen Rückhalt das Hafenviertel tatsächlich längst beim Teufel wäre. Wie gewohnt ist auch Konrad Johannsen ein höchst unkonventioneller Amtsinhaber, der sehr viel standfester auf dem Boden säkularer Tatsachen verkehrt, als es seinen eitlen Oberen lieb ist. So fällt es denen dann auch nicht schwer zu glauben, dass Johannsen abseitige Beziehungen zu einer Prostituierten pflegt. Aber so war das bei Olsen: Wenn hier eines problemlos von Statten ging, dann waren es Einfädelungen und Verläufe gemeiner Ränke. Später soll Johannsen sich dann noch in eine Insulanerin (Barbara Lass) verlieben, die seine Enkeltochter sein könnte - auf Wechselseitigkeit beruhend natürlich - bekommt jedoch im letzten Moment wieder die geistliche Vernunft zu fassen. Und auch der kapitalistische Schweinehund bekommt seine gerechte Strafe - selbst versetzt, auf dass er in die Hölle komme. Auf Pauli kann dann wieder alles seinen gewohnten Gang gehen. Natürlich nur, bis die nächste Schweinerei im Gange ist. Dann schwingt Hochwürden wieder die Fäuste...

7/10

Rolf Olsen Hamburg St. Pauli Kiez Kirche Dorf Sleaze


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DAS STUNDENHOTEL VON ST. PAULI (Rolf Olsen/BRD 1970)


"Wenn das 'n doppelter Cognac war, dann nehm' ich noch einen!"

Das Stundenhotel von St. Pauli ~ BRD 1970
Directed By: Rolf Olsen

Eine schlimme Nacht für den schwer übermüdeten Kommissar Canisisius (Curd Jürgens) von der Hamburger Kripo: Erst wird sein Sohn (Manfred Tümmler) bei einer anti-kapitalistischen Demo schwer verletzt und liegt nun unterm Messer; dann geschieht in einem berüchtigten Stundenhotel ein Mord an einem Homosexuellen (Laurence Bien), dessen Aufklärung Canisius' ganze Aufmerksamkeit erfordert. Das Hotel ist zur Tatzeit nämlich reich besucht und der Verdächtigen gibt es nicht eben wenige. Nur gut, dass Canisius mit deutlich mehr Milieu-Empathie vorgeht als sein nervöser Vorgesetzter, Kriminalrat Marschall (Konrad Georg)...

Erfindungsreiches Kolportagekino vom Allerfeinsten mal wieder aus der ewig streitenden Feder des Rolf Olsen, der hiermit bereits sein viertes "St.-Pauli"-Epos vom Stapel ließ und nimmerwüde weiter an der damals unumgänglichen, rauen Hafenromantik des Viertels strickte. Ein besserer Titel wäre "Der Kommissar St. Pauli" gewesen, denn ebenso wie zuvor als "Arzt" und gleich darauf auch noch als "Pfarrer" steht nämlich einmal mehr Curd Jürgens als verständige, aufrechte Moralinstanz mit zugedrücktem uge im Zentrum des Geschehens; ein Mann, dem die ehernen Werte über alles gehen, der jedoch auch weiß, dass er die Jungen trotz tonnenweisem Überschuss an Lebenserfahrung nie zur Vernunft wird bringen können und sich deswegen zähneknirschend mit den Dingen arrangiert. "Vielleicht haben wir Alten wirklich so viel falsch gemacht," konstatiert er in einer frühen Disput-Szene mit dem Sohnemann, "dass ihr ein Recht habt, Kritik zu üben. Aber Aggressivität und berufsmäßiges Rabaukentum, das dulde ich nicht!" Viel besser kann man Olsens ewige, zwanghafte Janusköpfigkeit nicht subsummieren: Erzspießer auf der einen Seite, schmunzelnder Voyeur auf der anderen. Aber eines unterscheidet ihn dann doch noch von Antel, Enz, Hofbauer und Konsorten: Überaus unappetitliche, regelmäßig zugeschaltete Bildergalerien von einer Operation am offenen Herzen hätten auch die nicht gezeigt. Sowas gab's dann doch wieder nur beim Rolf.

7/10

Rolf Olsen Hamburg St. Pauli Kiez Homosexualität Prostitution Sleaze Vater & Sohn


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REQUIEM FOR A DREAM (Darren Aronofsky/USA 2000)


"How come you know more about medicine than a doctor?"

Requiem For A Dream ~ USA 2000
Directed By: Darren Aronofsky

Junkie Harry Goldfarb (Jared Leto) und seine Freundin Marion Silver (Jennifer Connelly) lieben sich. Was sie jedoch noch mehr lieben, ist der nächste Schuss, der nächste Trip. Harrys bestem Kumpel Tyrone (Marlon Wayans) geht es da im Prinzip nicht anders. Harrys verwitwete Mutter Sara (Ellen Burstyn) lebt in ihrer eigenen Seniorenwelt der Einsamkeit, Altersnaivität und des Fernsehens. Als sie einem Werbelockruf bezüglich eines baldigen TV-Auftritts anheim fällt, wittert Sara ihre große Stunde: Es müssen nur ein paar Kilos runter, damit sie wieder in ihr schönes, rotes Kleid passt. Dazu lässt sie sich vom Arzt Appetitzügler und andere Präparate verschreiben, die nichts anderes sind als buntes Amphetamin und Psychopharmaka. Als Sara beginnt, die Dosen zu vertauschen und zu vermischen, verliert sie den Verstand und landet in der Gerontopsychiatrie. Harry, Marion und Tyrone geht es kaum besser: Ganz Brooklyn leidet unter ausbleibendem Heroin-Nachschub. So sehen sich Harry und Tyrone gezwungen, nach Florida zu fahren, um sich dort einzudecken. Doch Harrys linker Arm hat sich entzündet, man sucht sich Hilfe. Der bereits gesuchte Tyrone landet im Gefängnis, Harrys Arm wird amputiert, daheim muss sich Marion für den Stoff prostituieren.

Die zweite Romanadaption nach Hubert Selby Jr., an deren Script er wiederum eifrig mitgefeilt hat. Der diesmal zugrunde liegende erzählte Zeitrahmen beträgt ein Jahr, wobei die Jahreszeiten wie Verfallsstadien zu verstehen sind. Sommer, Herbst, Winter, Frühling und Tod. Noch unbarmherziger und transgressiver als "Last Exit To Brooklyn" geht "Requiem For A Dream" vor, der vier Personen nebst ihrer Suchtanamnese und der Drogenwirkungen in hyperrealistischer Weise skizziert und aufzeigt, welche Untiefen in der Suchtspirale lauern. Ob nun Verstand und Seele zu faulen beginnen oder gleich der physische Körper, ob man sich kriminalisiert oder prostituiert, die Antwort ist immer dieselbe, das endgültige Zerbrechen unausweichlich. Was sowohl "Last Exit To Brooklyn" als auch "Requiem For A Dream" - im besten Sinne - besonders perfid macht, ist der komplette Verzicht auf Erlösung oder auch nur der geringste Hinweis auf Lösungswege. Hier wie dort werden Individuen ihrem teils selbst herbeigeführten, teils milieugeschädigten Schicksal überantwortert und am Ende zerschmettert zurückgelassen. Spezifische Fallstudien, die allerdings von einer solch unbestechlichen Authentizität und vor allem Universalität geprägt sind, dass man sich ihrer intensiven Wirkung nicht entziehen kann. Fast ist "Requiem For A Dream" in dieser Hinsicht ein Horrorfilm, in dem jeder sein persönliches Schreckensbild findet, sei es der sich bewegende Kühlschrank, Saras Elektroschock-Therapie oder Jennifer Connellys Selbstprostitution. Mein Gipfel ist erreicht, als Harry sich einen Schuss in die bereits stark entzündete Wunde setzt. Hier schmelzen selbst meine Pupillen. Am Ende werden all diese Privatkatastrophen - Hoffnungslosigkeit, Amputation, Sedierung - gegeinandermontiert, eine beinahe tödliche Überdosis Schrecknis. Ein Film der Extreme; zugleich Prüfung und Hochgenuss. Vitaler kann Kino kaum sein.

10/10

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LAST EXIT TO BROOKLYN (Uli Edel/D, USA, UK 1989)


"May I take a ride?"

Last Exit To Brooklyn (Letzte Ausfahrt Brooklyn) ~ BRD/USA/UK 1989
Directed By: Uli Edel

Brooklyn, 1952: Während eines langwierigen Fabrikarbeiterstreiks erleben die Menschen eines kleinen Viertels Höhen und Tiefen: Der Familienvater und Gewerkschaftsfunktionär Harry Black (Stephen Lang) beginnt, seine Homosexualität auszuleben und wird dabei mit der emotionalen Kälte und dem Hedonismus der 'Szene' konfrontiert. Als er betrunken und ausgehöhlt bei einem minderjährigen Jungen zudringlich wird, kostet ihn das beinahe das Leben.
Transvestit Georgette (Alexis Arquette) wird von niemandem in der Gegend, einschließlich der eigenen Familie, ernstfenommen, geschweige denn geschätzt und ist unsterblich in den Schläger Vinnie (Peter Dobson) verliebt. Eine alkohol- und drogengeschwängerte Party, bei der auch Harry zu Gast ist, wird ihm zum Verhängnis.
Die Hure Tralala (Jennifer Jason Leigh) lebt davon, zusammen mit der örtlichen Schlägerclique betrunkene Matrosen auszunehmen. Als sie in Manhattan einen kurz vor seiner Abberufung nach Korea stehenden Offizier kennenlernt, erfährt sie eine ihr bislang völlig unbekannte Form von Zuneigung und Schutz.
Für den Arbeiter Joe (Burt Young) bricht eine Welt zusammen, als er erfährt, dass seine Tochter hochschwanger ist - immerhin ist sie unverheiratet. Dem entsprechenden Stecher, Joes Kollegen Tommy (John Costelloe), bleibt nichts anderes übrig als eine überhastete Heirat.

Hubert Selby Jr.s gleichnamiger Roman ist eines der stärksten amerikanischen Prosastücke des verangen Jahrhunderts und in Stil und Wirkmacht bestenfalls mit Burroughs, Thompson oder Kerouac zu vergleichen. Das "Skandalbuch" erschien erstmals 1964 und fokussierte eine zwölf Jahre zuvor stattgefundene, Brooklyner Episode, in der aus einer existenziellen Streik-Unsicherheit heraus ein kleiner Straßenzug überzubrodeln droht vor Gewalt und Angst. Protagonisten sind der ungeoutete Schwule Harry Black, von Stephen Lang brillant interpretiert, dessen Leben eine einzige, große Lüge ist, sowie die ungeliebte Nutte Tralala, die Zärtlichkeit und Aufopferungsbereitschaft bestenfalls vom Hörensagen kennt. Beide erleben sie ihren jeweiligen Super-GAU innerhalb dieser misanthropischen Gemeinde, in der nur überlebt, wer die größte Klappe und das schnellste Messer hat.
Eine Adaption stand 1989 schon länger ins Haus; unter anderem plante Ralph Bakshi bereits eine in den Siebzigern, die dann jedoch gecancelt wurde. Später erwarb Bernd Eichinger die Rechte, dessen Neue Constantin ja bereits damals dafür bekannt war, große, respektive Aufsehen erregende Weltliteratur kinotauglich aufzubereiten; schlag nach unter dem ebenfalls von Edel inszenierten "Christiane F.", "Die unendliche Geschichte" und "Der Name der Rose" sowie natürlich seinem später noch folgenden Ausstoß. So kommt es, dass dieser uramerikanische Film zu großen Teilen in den Münchener Bavaria Studios gedrehtwurde - was ihm glücklicherweise zu keiner Sekunde schadet. Im Gegenteil, die teils eindeutig als Atelierkulisse zu identifizierenden Schauplätze bereichern den Film durch ihre Artifizialität. Wie in "Christiane F." vermag Uli Edel es, eine ebenso berückende wie bedrückende Atmosphäre zu kreieren und Selbys allenthalben erklärtem, grenzenlosen Hass gegen jede Form von körperlicher und psychischer Gewaltanwendung passendes Bildgut zu verleihen. Menschen und Körper werden zerbrochen und am Ende läuft der Kreislauf des Lebens und alles andere dann doch vergleichsweise unbeeindruckt weiter. Der Streik ist vorbei, man hat ausgekatert, ein neuer Montagmorgen in der Fabrik steht an.

9/10

Uli Edel Homosexualität period piece New York Ensemblefilm Hubert Selby Jr. Gewerkschaft Streik Bernd Eichinger


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PI (Darren Aronofsky/USA 1998)


"Press... Return."

Pi ~ USA 1998
Directed By: Darren Aronofsky

Der verschrobene Mathematiker Max Cohen (Sean Gullette) hat sich in ein Appartment in Chinatown zurückgezogen, wo er halbwegs ungestört forschen kann. Sein einziger Gesprächspartner ist sein früherer Lehrer und Mentor und jetziger Nachbar Sol Robeson (Mark Margolies). Max strebt nach der Entschlüsselung der Kreisberechnungszahl 'Pi', nach dem Zusammenhang zwischen Zahlen und Realität sowie der Möglichkeit, jede lebensweltliche Fügung durch Algorithmen voraus sagen zu können. Neben dieser Besessenheit verschafft ihm auch der stete Konsum allerlei psychoaktiver Substanzen zunehmend wahnhafte Visionen und Ängste. Als sowohl eine offenbar mächtige Organisation unbekannter Provenienz sowie ein jüdischer Geheimbund auf Max und seine Fortschritte aufmerksam werden und Sol verstirbt, droht Max endgültig dem Irrsinn anheim zu fallen...

Ist es der Name Gottes selbst, der Schlüssel zur Welt gar - oder doch bloß eine ordinäre, 216-stellige, numerische Abfolge? Darren Aronofsky jedenfalls zehrt noch heute von der kompromisslosen formalen Vollendung, die sein Langfilmdebüt und dessen direkten Nachfolgen auszeichnen: In immens kotrastüberstärktem, grobkörnigem Schwarzweiß gewährt der auteur uns Zugang in eine Psyche, die sich selbst ableugnet; eine Existenz, die jedwede positiv gefärbte Emotionalität vollends negiert und sich stattdessen bereitwillig mit der Entdeckung von Dingen befasst, deren mögliche Decodierung kein Leben auf der Welt lebenswerter machen könnte.
Eine bedrückende Fallstudie über ein in höchstem Maße verkabeltes, bemitleidenswertes, vor allem jedoch dringend hilfsbedürftiges Individuum, dessen Welt buchstäblich jedweder Farbe entbehrt, das allerdings zu beschäftigt ist, um auf suizidale Schlussfolgerungen zu kommen. Am Schluss, die zur Verfügung stehenden Psychopharmaka liegen längst jenseits all seiner Toleranzgrenzen, die letztmögliche Konsequenz: Eine Auto-Lobotomie muss her. Und erstaunlicherweise scheint diese sogar Wirkung zu zeigen - Banalität und Lächeln bahnen sich Raum...

10/10

Darren Aronofsky Mathematik New York ethnics Madness Verschwörung Drogen Sucht Transgression


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FRANCES (Graeme Clifford/USA 1982)


"Occupation?" - "Cocksucker."

Frances ~ USA 1982
Directed By: Graeme Clifford

Die in Seattle aufwachsende Frances Farmer (Jessica Lange) gilt schon als junge Frau als höchst unkonventionell. In einem Schulaufsatz konstatiert sie zum allgemeinen Entsetzen, dass Gott tot sei und eine gewonnene Reise nach Moskau scheint perfekt zu ihrem kommunistischen Gedankengut zu passen. Eine bald eingeschlagene Hollywood-Karriere gibt Frances rasch wieder auf, um an den Broadway zu gehen und dort in Inszenierungen ihres Galans Clifford Odets (Jeffrey DeMunn) aufzutreten. Doch der Studioboss Bebe (Allan Rich) lässt sich nicht gern beiseite drängen und sorgt mithilfe finanziellen Drucks und der Macht der Presse dafür, dass Frances wieder zurück an die Westküste kommt. Hier beginnt für sie eine Odyssee des Schreckens: Je mehr man sie versucht, in sozial akzeptierte Formate zu pressen, desto mehr lehnt sie sich auf. Ihre stets Frances' Geschicke beeinflussende Mutter sorgt schließßlich dafür, dass Frances entmündigt wird und mehrere Anstaltsaufenthalte durchläuft, an deren Ende sie, Jahre später, begradigt und normiert entlassen wird.

Kenneth Anger bezeichnete die spätere Geschichte der Frances Farmer als den "unerträglichsten und tragischsten Fall in der Geschichte Hollywoods". In der Tat demonstriert ihre noch immer kaum fassbare, nur allzu gern zur Tinseltown-Fußnote degradierte Biographie, mit welch leidenschaftlicher Zielstrebigkeit die Studios und ihre Mogule des golden age nicht nur gezielt aufbauen, sondern mindestens ebenso kompromisslos zerstören konnten. Frances Farmer hatte, als freigeistige, libertinäre Intellektuelle mit überaus inken Ansichten das Pech, das Äußere einer potenziellen Filmschönheit und schauspielerische Ambitionen in sich zu vereinen. Damit war sie nämlich, die permanente Intervention ihrer allmächtigen Mutter inbegriffen, den Filmbossen zum Fraß vorgeworfen. Als Frances sich darüber klar wurde und sich fortan weigerte, als kleines Getrieberädchen die Mühlen weitermahlen zu lassen, gipfelte dies in einem beispiellosen, zerstörerischen Bewurf ihrer Person: Kleine und große Skandale, Schlägereien, Pöbeleien und Saufgelage sowie ihre allerörtliche, standhafte Kooperationsverweigerung sorgten schließlich dafür, dass sie als hochsensibler Mensch mehr als zehn Jahre in offenen und geschlossenen Kliniken gegen ihren Willen zubringen musste und mit Insulin- und Elektroschocks "behandelt" wurde. Das Gerücht, dass Frances zum Ende ihres Psychiatrie-Aufenthalts hin sogar einer transorbitalen Lobotomie unterzogen wurde, welches im Zuge einer höchst unangenehmen Szene auch der Film skandiert, erwies sich im Nachhinein als unhaltbar.
Abgesehen davon gelang Clifford eine wahrlich großartige, manchmal nur schwer erträgliche Studie über pathologischen Maternalismus sowie über die bloße Illusion von Glitzer und Glamour in einer tatsächlich alles andere als demokratisch basierten Welt und Zeit. Besonders empfehlenswert im Doppel mit Frank Perrys "Mommie Dearest", in dem die Mutter-Tochter-Rollen vertauscht sind.

9/10

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NOAH (Darren Aronofsky/USA 2014)


"Now you're a man."

Noah ~ USA 2014
Directed By: Darren Aronofsky

In grauer Vorzeit: Der dem allmächtigen "Schöpfer" hörige Noah (Russell Crowe) erhält eines Tages eine wegweisende Vision. Ein gewaltiger Regen wird die gesamte Welt überfluten und es ist an ihm, Noah, die Unschuldigen, nämlich die Tiere, in Sicherheit zu bringen. Zu diesem Zwecke soll er ein gewaltiges Schiff bauen, eine Arche, auf der je zwei Exemplare jeder Art Platz finden. Auch Noah und seine Familie dürfen als Erbauer und letzte Human-Vertreter darauf mitfahren. Mithilfe der "Wächter", steinerner Riesen, in deren Innerem sich die himmlischen Heerscharen des Schöpfers verbergen, gelingt Noah der Bau der Arche und auch das Zurückschlagen der anrückenden Horden des Tubal-Kain (Ray Winstone), der dereinst Noahs Vater (Marton Czokas) erschlug. Der Tyrann selbst allerdings kann sich in die Arche einschleichen und sich dort mithilfe von Noahs rachsüchtigem Mittleren Ham (Logan Lerman) verstecken. Derweil ist Noahs zumal unfruchtbare Adoptivtochter Ila (Emma Watson) schwanger. Dies steht jedoch dem Masterplan zur vollständigen Tilgung der Menschheit entgegen. Noah muss eine Entscheidung treffen...

Die Bibel ist ja ein duftes Märchenbuch, wenngleich über weite Passagen ziemlich mies geschrieben und mit allzu vielen Namen unübersichtlich aufgepimpt. Dennoch gab und gibt sie Fernseh- und insbesondere Hollywood-Studios immer wieder Anlass zu Demonstrationen von production values und vor allem zu solchen wahnhaften Vulgärglaubens. In das klassische Segment ebenjener Art Bibel-Adaption fällt auch Darren Aronofskys jüngster Film, dem ja in Kürze noch einige Konkurrenz-Produktionen folgen werden. Bibel ist anno 2014 wieder in. Was liefert nun der vorliegende, betont allegorisch arrangierte Gattungsvertreter? Edeltrash? Ziemlich sicher. Das Exempel eines in Ehren gescheiterten Großprojekts? Ganz bestimmt. Aronofsky gilt ja gemeinhin als ambitioniert zu werke gehender Filmemacher mit höchst spezifischer Note. "Noah" entwickelt erwartungsgemäß mancherlei Parallelen zu Aronofskys bisher unzugänglichstem Werk "The Fountain", das sich ebenfalls als philosophische Flexion verstand und sich verstärkt mit existenzialistischen Topoi auseinandersetzte. Ebenso wie im erwähnten The Fountain" geht es auch in "Noah" um Persistenz. Die der Menschheit selbst nämlich. Fragen über Fragen werden aufgeworfen wie die nach der grundsätzlichen Existenzberechtigung einer vernunftbegabten Spezies in einem an sich idealen natürlichen Gefüge. Ob die Welt nicht vielleicht besser ohne uns drehte, da sich mit dem Einschleichen geistiger Gewandtheit zugleich auch all unsere negativen Attribute potenzierten: maßloser Raubbau an allem, Krieg, Neid, Hass, Gier. Angesichts einer sich weiter drehenden Erde, auf der Dinge geschehen, wie sie aktuell omnipräsent sind, wirft "Noah" gleich noch die dräuende Frage nach dem möglichen Wert einer ultimativen Euthanasie auf, wie sie die biblische Sintflut ja dereinst vollzog: Gänzlich erholen könne sich unsere kranke, faulende Welt nurmehr ohne uns.
Natürlich ist das finale Fazit ein im humanistischen Sinne positives: durch das, was uns wesenhaft auszeichnet, durch Herz, Seele und die Fähigkeit, Barmherzigkeit zu entwickeln, verdienen auch wir weiterhin unsere Chancen; regelmäßige göttliche Warnschüsse vor den Bug allerdings und natürlich inbegriffen.
Dazwischen immer wieder beeindruckend gestaltete, aronofskysche Bilderfluten: von der Schöpfungsgeschichte über die sich forttragende Botschaft des Schöpfers an die Tiere, zur Arche zu kommen; vom Sündenfall bis hin zu Noahs Epiphanien. Ein wenig als drug movie nimmt sich "Noah" somit auch aus, in Kombination mit einer frappierend an die Tolkien-Adaptionen erinnernden Fantasy-Ästhetik allerdings als kein weltbewegendes. Manchmal, da ist er sogar direkt albern.

6/10

Darren Aronofsky Bibel Familie 3-D


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DALLAS BUYERS CLUB (Jean-Marc Vallée/USA 2013)


"I've been looking for you, lone star."

Dallas Buyers Club ~ USA 2013
Directed By: Jean-Marc Vallée

Es ist 1985 im Herbst, Rock Hudson ist soeben gestorben und Ron Woodrof (Matthew McConaughey), texanischer Rodeoheld, die Coolness in Person, erfährt nach einem Arbeitsunfall, dass er AIDS im Endstadium hat. Ausgerechnet er, der strikt heterosexuelle Macho mit Cowboyhut und Sonnenbrille, soll an der Schwulenseuche leiden und binnen dreißig Tagen sterben? Nachdem seine Freunde sich von ihm abgewandt haben, beginnt Ron, sich ernsthaft mit seiner Situation zu beschäftigen. Das noch im Teststadium befindliche Medikament AZT bringt auf Dauer nicht den gewünschten Effekt, zumal Ron zusätzlich eine Menge Kokain konsumiert. Als er von Dr. Vass (Griffin Dunne), einem in Mexiko praktizierenden Arzt erfährt, der in den USA nicht zugelassene Pharmazeutika an AIDS-Patienten vergibt, deckt er sich dort ein und zieht darüberhinaus in Dallas ein florierendes Geschäft mit lebensverlängernden Medikamenten auf. Sein Partner und bester Freund wird der ebenfalls kranke, transsexuelle Rayon (Jared Leto). Die Geschäfte des so genannten "Dallas Buyers Club" sind dem FDA, die den Medikamentenmarkt staatlich kontrollieren, ein Dorn im Auge: Lediglich AZT soll an ausgewählte Testprobanden abgegeben werden. In der Ärztin Eve Saks (Jennifer Garner) findet Ron jedoch eine weitere Unterstützerin.

Der wahrscheinlich beste und schönste aktuelle Film, den ich bislang in diesem Jahr gesehen habe.
Das wohlfeilste Signal für filmisches Höchstgefallen ist ja häufig, wenn man sich wünscht, dass das gerade betrachtete Werk möglichst nicht enden möge oder sich wahlweise das Bedürfnis einschleicht, es möge noch eine ganze Zeit lang weiter gehen. Wahrscheinlich und ziemlich sicher ist "Dallas Buyers Club" aber auch in der vorliegenden Erzählzeit perfekt. Dieser Ron Woodrof, der Matthew McConaughey fraglos auf der absoluten Höhe seines darstellerischen Könnens zeigt, wächst einem einfach so sehr ans Herz, dass man ihn nicht recht loslassen möchte. Trotz all seiner Fehler ist jener Typ nämlich der Beweis dafür, dass Lernfähigkeit im Extremfall auch unter der härtesten Nussschale verborgen liegt. McConaughey, extrem abgemagert, transportiert eine Authentizität, wie dies vielleicht nur ein echter Texaner vermag: holzköpfig, homophob, misogyn, höchst alkohol- und drogenaffin. Erst seine Krankheit nebst drohendem Tod, der plötzlich anbrechende Countdown, ändern ihn.
Das vielleicht größte Verdienst von Vallées Film liegt in seinem stoischen Verzicht auf Kitsch und Gefühsduseleien. Entgegen aller Befürchtungen ist dies nämlich kein Stück der Marke "tausend Mal gesehen und kaum wiedererkannt", sondern ein völlig eigenständiges Werk voller Wahrheit und Aufrichtigkeit, mit einem Höchstmaß an Liebe für seine Figuren und deren mitunter harte Geschicke. Als großes Ja ans (Über-)Leben verzichtet Vallée dankenswerterweise auch auf eine Sterbeszene für Woodrof. Die letzten Sekunden zeigen ihn da, wo sein Herz hängt: im Rodeosattel. Ein Knochengestell als Superheld des Lebens. Erst eine finale Texttafel klärt uns darüber auf, dass der Mann 1992 gestorben ist. Aus den prognostizierten dreißig Tagen sind sieben hart erkämpfte, ausgefüllte Jahre geworden.

10/10

Jean-Marc Vallée AIDS Dallas Texas Mexiko Freundschaft Pharmaindustrie Biopic Historie period piece Rodeo Kokain


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AMERICAN HUSTLE (David O. Russell/USA 2013)


"How about "we"?"

American Hustle ~ USA 2013
Directed By: David O. Russell

Ostküste, 1978: Der schmierige Wäschereibesitzer Irving Rosenfeld (Christian Bale) tut sich mit der nicht minder vergaunerten Sydney Prosser (Amy Adams) zusammen, um gefälschte oder gestohlene Kunstwerke an klamme Investoren zu verhökern. Bald jedoch kommt ihnen das FBI in Form des narzisstischen Ermittlers Richie DiMaso (Bradley Cooper) auf die Spur. Anstatt das saubere Pärchen jedoch anzuklagen, bietet DiMaso ihm an, mit ihm zusammenzuarbeiten und korrupte Politiker hochzunehmen. Als Erster soll der amtierende Bürgermeister von Camden, Carmine Polito (Jeremy Renner), Hopps genommen werden. Dieser plant, das marode Atlantic City hochzupeppeln und zu einem Vegas-ähnlichen Spieler-Mekka zu machen. Die Annahme entsprechender Zuschüsse, die von DiMaso fingiert werden, soll ihm das Genick brechen. Irving gerät jedoch schon bald in echte Gewissenskonflikte - er freundet sich mit dem sympathischen Polito an und kommt sich mehr und mehr wie ein Verräter vor.

David O. Russell hat seine Hausaufgaben gemacht. Wie erzählt man erfolgreich eine im Halbweltmilieu vergangener Zeiten angesiedelte, (semi-)authentische Story mit Tempo, Stil und latentem Humor? Genau: Schlag nach bei Scorsese ("Goodfellas", "Casino", "The Wolf Of Wall Street") und dem frühen Paul Thomas Anderson ("Boogie Nights"), deren Arbeit auf diesem Sektor sich ja mehr als bewährt hat und auf streng genommen ziemlich luziden Rezepturen fußt: Man nehme mehrere Off-Erzähler, eine sich in unermüdlichem Discomove bewegende, förmlich groovende Kamera, ein sorgfältig ausgewähltes Kontigent zeitgenössischer Songs, eine unüberschaubare Zahl an - häufig bloß kurz gestriffenen - Sprechrollen sowie markante Hauptdarsteller in Bestform. Im ultimativsten Falle finden sich dann noch altehrwürdige Gesichter vom Schlage eines Robert De Niro, Anthony Zerbe oder Paul Herman ein. Ein kompetent zu Werke gehender Regisseur - und ein solcher ist David O. Russell ja, zumal mit einem sehr attraktiven Humorverständnis gesegnet, kann da nicht mehr viel falsch machen. Entsprechend gelungen ist auch "American Hustle", ein Film, der seiner Antizipation vollauf gerecht wird, allerdings, ohne diese zu übertreffen. Gutes, wenngleich überraschungsfreies Handwerk bekommt man somit kredenzt. Manchmal, gerade in solchen, erfreulichen Fällen, reicht selbiges bereits. aus.

8/10

David O. Russell FBI New Jersey period piece Mafia Atlantic City


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3 RING CIRCUS (Joseph Pevney/USA 1954)


"Haha, the clown cries!"

3 Ring Circus (Im Zirkus der drei Manegen) ~ USA 1954
Directed By: Joseph Pevney

Nach ihrer Zeit beim Kommiss sind die Freunde Jerry Hotchkiss (Jerry Lewis) und Pete Nelson (Dean Martin) erstmal pleite. Für Jerry immerhin die Möglichkeit sich seinem größten Traum zu widmen: Der Arbeit beim Zirkus. Pete begleitet ihn und gemeinsam werden die beiden erstmal als Mädchen für alles eingesetzt. Doch der Aufstieg ist nicht fern: Wie erhofft wird Jerry als Clown 'Jerrico' zur Hauptattraktion des Unternehmens, derweil Pete sich zum Manager hocharbeitet. Doch dieser vergisst dabei die Ideale, für die der Zirkus steht: Es rappelt im Karton, bis Pete erkennt, was seine Freundschaft zu Jerry ihm wirklich bedeutet.

Noch so ein bezeichnend repräsentativer Film, der besonders Einsicht spendend illustriert, warum um diese Zeit Martins und Lewis' Kooperation in den letzten Zügen lag (es folgten noch vier gemeinsame Filme bis zum Bruch): Lewis als leichtherziger Komiker, dessen höchstes Gut darin liegt, Kindergesichter zum Lachen zu bringen, spielt als sein alter ego wohl so etwas wie das Idealbild seiner selbst; Martin darf nurmehr einen Song (den jedoch gleich dreimal) zum Besten geben und formuliert wiederum ein (unfreiwilliges?) Autoporträt: Den Womanizer, der sich im Zweifelsfall mehr für die volle Brieftasche interessiert als ein zufriedenes Publikum. Insofern ist "3 Ring Circus", abseits von seinen Schauwerten - den vielen, überschwänglichen Gags, von VistaVision und dem sonstigen schönen Schein -, vor allem eines im gemeinsamen Schaffen von Martin und Lewis: die schonungslose Vivisektion der sich ankündigenden Explosion. Warum das kleine Mädchen mit den Beinschienen am Ende (gespielt wird es von Sandy Descher, die im gleichen Jahr eine unvergessliche Darbietung als traumatisiertes Kind in "Them!" gab) allerdings nur dadurch zum Lachen zu bringen ist, dass der Clown ihretwegen traurig wird und weint (soll dies eine Allegorie auf infantilen Sadismus sein?), nimmt sich, gelinde gesagt, merkwürdig aus, eigentlich eher gruselig als witzig.

7/10

Joseph Pevney Zirkus Freundschaft Jerry Lewis Martin/Lewis