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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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DER MÖRDER MIT DEM SEIDENSCHAL (Adrian Hoven/BRD, I 1966)


"Ach, das Kind wird den Weg schon finden."

Der Mörder mit dem Seidenschal ~ BRD/I 1966
Directed By: Adrian Hoven

Die kleine Claudia (Susanne Uhlen) beobachtet durch Zufall, wie der gemeingefährliche Halunke Boris Garrett (Carl Möhner) ihre Mutter (Helga Liné), eine Tingeltangel-Sängerin, in ihrer Wohnung erdrosselt. Aus Angst, im Waisenhaus zu landen, entwischt Claudia den sich um sie kümmernden Polizeibeamten und versteckt sich mal hier, mal dort, den gefährlichen Garrett stets auf den Fersen. Polizeirat Moll (Folco Lulli) und sein Assistent Fischer (Harald Juhnke) haben alle Hände voll zu tun, Garrets Identität zu lüften und Claudia noch vor dem Verbrecher ausfindig zu machen.

Der aus etlichen mehr oder weniger schmalzigen Wirtschaftswunderfilmen als Akteur bekannte Tiroler Adrian Hoven besann sich mit Mitte 40 darauf, dass seine aparte Erscheinung ihm nicht ewigen Darstellerruhm würde eintragen können und dass ein zweites Standbein als Regisseur nicht schaden könnte. Das Debüt seiner dann in quantitativer Hinsicht doch eher spärlich fokussierten, dafür an späteren Höhepunkten umso reicheren Filmemacher-Karriere markierte dann "Der Mörder mit dem Seidenschal", eine triviale Wiener Kriminalgeschichte, basierend auf einem Groschenroman der eher karg beleumundeten Romancière Thea Tauentzien, die sich für ihre Mär wiederum mehr oder weniger eklatant von J. Lee Thompsons großartigem "Tiger Bay" hatte inspirieren lassen. Hier wie dort steht ein reizendes kleines Mädchen im Zentrum, das als unfreiwillige Mordzeugin auf gefährlichem Fuße lebt, derweil jedoch (allerdings aus unterschiedlichen Motiven heraus) kein Interesse daran hegt, sich in den sicheren Hafen des Polizeischutzes zu begeben. Bei Hoven allerdings ist die von einer noch sehr putzigen Susanne Uhlen gespielte Claudia nochmal deutlich schlechter dran, denn der ihr nachstellende Killer ist kein überspannter Matrose mit gutem Herzen, sondern ein echter Haderlump, der es dann auch nicht bei einem Kapitalverbrechen belässt (Hoven, der sich selbst einen nichtkreditierten Auftritt als schmieriger Zocker Waldemar Fürst spendierte, wird von Möhner aufs Fieseste hinterrücks erdolcht). Diese kunterbunte Mischung ergibt einen sehr lebendigen, kleinen Reißer, der gern ein bisschen wie "The Third Man" wäre, am Ende aber doch "nur" als kleinformatiger Krautkrimi bestehen kann. Ist aber auch gut so.

7/10

Adrian Hoven Wien Flucht car chase


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THE FOUR FEATHERS (Zoltan Korda/UK 1939)


"Why worry? Be a coward and be happy."

The Four Feathers (Vier Federn) ~ UK 1939
Directed By: Zoltan Korda

Unmittelbar vor seiner Abordnung in das unter dem aufständischen Mahdi brodelnde Nordostafrika quittiert der junge Offizier Harry Faversham (John Clements) seinen Dienst, teils aufgrund seiner pazifistischen Überzeugung, teils aus Unsicherheit betreffs seines regelkorrekten Verhaltens im Einsatz. Seine drei besten Soldatenfreunde und auch seine Braut Ethne (June Duprez) quittieren Harrys Entscheidung mit ernüchterter Enttäuschung und lassen ihm als Zeichen ihrer Verhöhnung vier Federn zukommen. Harry, der diese Schmach nicht erträgt, schifft sich insgeheim doch noch Richtung Nil ein und gibt sich vor Ort als geächteter Eingeborener aus. In dieser Rolle erhält Harry die Möglichkeit, seinem im Einsatz erblindeten Freund Durrance (John Richardson) zunächst unerkannt das Leben zu retten und dem später in Khartoum einrückenden Sirdar Kitchener entscheidende Rückendeckung bescheren. Harry kehrt als Held nach England zurück.

Zoltan Kordas prachtvollster Film bereicherte das internationale Kino-Superjahr 1939 um eine weitere Attraktion: Gewaltige Statistenaufmärsche in schönstem Drei-Streifen-Technicolor, aufwändige On-Location-Drehs und eine von wildem Herzschmerz geprägte Geschichte um eine buchstäblich heldenhafte Rehabilation präsentierte eindrucksvoll, das mit großem Abenteuer- und Monumentalkino nicht nur aus Hollywood zu rechnen war. A.E.W. Masons Vorlage trieb Regisseure diverser Kinoepochen um und wurde insgesamt nicht weniger als sechsmal adaptiert. Kordas Fassung gilt als die schönste und sehenswerteste darunter und wenngleich ich sonst nur die beiden jüngsten Verfilmungen kenne, bin ich geneigt, dem zuzustimmen. Um diese mittlerweile ja doch recht anachronistische Fabel um einen schlafenden Krieger im Pazifistenpelz glaubhaft darbieten zu können, bedarf es einem hohen Maß an Flamboyanz und emotionaler Auslieferung durch den Regisseur, wie sie heute, das zeigt etwa Shekhar Kapurs Version von 2002, kaum mehr zu aktivieren ist. Korda indes vermochte Harry Favershams widerwillige "Mannwerdung" noch mit adäquatem Herzblut und voller ehrlicher Inbrunst anzupreisen.

9/10

Zoltan Korda Kolonialismus Ägypten Sudan Khartoum Mahdi-Aufstand Militär Freundschaft A.E.W. Mason


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THE RESIDENT (Antti Jokinen/UK, USA 2011)


"This time, you get to remember."

The Resident ~ UK/USA 2011
Directed By: Antti Jokinen

Die gestresste Unfallärztin Juliet Deverau (Hillary Swank) hat gerade eine gescheiterte Beziehung hinter sich und sucht nach einer neuen Wohnung. Diese findet sie in einem schicken Appartment des Hausbesitzers Max (Jeffrey Dean Morgan): geräumig, mit Blick auf die Brooklyn Bridge und für eine Spottmiete ist das gute Stück zu mieten. Zudem scheint Max ein durchaus aparter Mann zu sein, was ihn für Juliet zunächst interessant macht. Doch sie liebt ihren Exfreund Jack (Lee Pace) noch immer und weist Max letztlich ab. Was Juliet nicht ahnt: Max ist ein Psychopath, der längst eine irre Obsession für Juliet entwickelt und ihr die Wohnung sogar gezielt zugeschustert hat. Er hat mehrere geheime Zugänge zu Juliets Wohnung, kann sie von überallher beobachten und betäubt sie des Nachts mit hochdosierten Anästhetika, um sie anzufassen und zu missbrauchen. Als Juliet hinter die Wahrheit kommt, muss sie Max in einem blutigen Duell entgegentreten.

Just your usual psycho picture: Irre Vermieter, die ihr gesamtes Haus über schmutzige, kleine Gucklöcher überwachen können, Geheimgänge hinter ihren Wänden konstruiert haben und Mitbewohner drangsalieren, sind ein altes Motiv im Genrekino; wobei der Wahnsinn manchmal auch nicht den Eigentümer, sondern den Mieter befällt. Alles längst bekannt. Dabei erinnert die Hammer-Produktion "The Resident" noch am Ehesten an David Schmoellers schön schmuddeligen "Crawlspace", in dem dereinst Kinski als Hausbesitzer durch Geheimgänge krabbelte, um seine eingemieteten Mitbewohnerinnen zu drangsalieren. Hier läuft all das etwas gepflegter ab; mit Hillary Swank, "Comedian" Jeffrey Dean Morgan und dem altehrwürdigen Hammer-Rückkehrer Christopher Lee als Großvater des Irren gibt es eine beträchtliche Besetzung und Spannung und Terror bewegen sich auf gediegenem Samstagabendunterhaltungslevel, so dass niemand angewidert Kino oder Zimmer verlassen muss. Ich schätze, für alleinstehende, junge Karrieristinnen wie die im Film von der Swank gespielten, die sich in großstädtische Appartments eingemietet haben und den Hauseigentümer möglicherweise sowieso für etwas unkoscher befinden, ist "The Resident" deutlich besser nachvollziebarer Horror - ein Typ, der in deiner Abwesenheit deine Zahnbürste benutzt, in der Wanne onaniert oder den Wäscheschrank durchwühlt und dich in deiner Anwesenheit stöhnend begafft oder gar im Schlaf befingert - diese Vorstellung dürfte für die eine oder andere Dame mit Fug und Recht höchst enervierend sein. Ich im umgekehrten Falle fände das jetzt - aber pssst! - nicht ganz so schlimm.

6/10

Antti Jokinen Hammer New York Madness Duell


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LITTLE ODESSA (James Gray/USA 1994)


"It's done."

Little Odessa ~ USA 1994
Directed By: James Gray

Schon vor Jahren hat sich Joshua Shapira (Tim Roth) seinem Heimatviertel Brighton Beach in Brooklyn, das die russisch-jüdischen Einwanderer "Little Odessa" nennen, den Rücken gekehrt. Er hatte in seiner Eigenschaft als Auftragsmörder damals den Sohn des hiesigen Paten Boris Volkoff (Paul Guilfoyle) getötet und war daher zur Flucht gezwungen. Sein aktueller Auftrag führt ihn zurück in die alte Zweitheimat. Ein Polizeispitzel (Leonid Citer) soll beseitigt werden. Joshuas Reise in die Vergangenheit bedeutet auch die Wiederbegegnung mit seiner Familie: Mit seinem kleinen Bruder Reuben (Edward Furlong), dessen Identitätssuche bisher erfolglos ist, mit seiner todkranken Mutter (Vanessa Redgrave) und vor allem mit dem verhassten Vater (Maximilian Schell), der zeitlebens erfolglos versucht hat, die Werte der Alten Welt mit in die Neue zu nehmen. Trotz fester Vorsätze lässt Joshua diverse alte Kontakte wieder aufleben, was geradewegs in die Katastrophe führt...

Ein tiefschwarzes Familiendrama ist James Grays bravouröses Langfilmdebüt geworden, eines zudem, für das ihm eine phantastische Besetzung zur Verfügung stand. Allen voran Tim Roth und Maximilian Schell, die ein zutiefst entzweites Vater-Sohn-Paar interpretieren, das dem jeweils anderen das eine ums andere Mal den Tod an den Hals wünscht und gerade durch diese Unbarmherzigkeit für eine furchtbare Wendung der Ereignisse sorgt. Joshua Shapira hat nichts von den glamourösen, coolen Auftragskillern der klassischen und jüngeren Kino-Historie. Er ist ein verhärmter Soziopath, der nichts und niemanden dichter als unbedingt nötig an sich heranlässt, einer, der es verlernt hat, zu weinen und zu lachen. Zwar erwacht mit seiner Rückkehr nach Little Odessa ein Rest familiäres Verantwortungsbewusstsein in ihm; dieses fällt infolge der gleichermaßenen Unerbittlichkeit des Vaters und dessen nicht minder überlagernden Unfähigkeit, alte Wunden sich schließen zu lassen, auf unfruchtbaren Boden. Am Ende ist aus Joshuas ursprünglichem Auftrag eine sehr viel tiefgreifedere, hochnotpersönliche Inventur geworden. Seine Familie ist tot und er wird seine nächste Mission noch verhärteter, noch gnadenloser ausführen als zuvor. James Grays betont kalte, winterliche Bildsprache gemahnt an die Filme der siebziger Jahre, in denen häufig kein Platz mehr war für Hochglanz und Farbe. Die Kamera nutzt durchweg gegebene, unarrangierte Lichtquellen, was dem Film genau jene grieslige Kargheit verleiht, die er zur Untermalung seiner Geschichte benötigt. Ein schöner Kontrastpunkt auch zu Tarantinos gerade im Erstarken begriffenen Westküsten-Genrefilm, der ja Tim Roth als gewissermaßene Verbindung vorweist: Bei Gray gibt es im Vergleich dazu keinerlei grelle Oberflächenreize und die in "Little Odessa" vorkommende Gewalt lädt weder zum Lachen, noch zum Applaudieren ein. Hiernach möchte man sich ganz einfach nur noch ganz klein machen.

9/10

James Gray New York Familie Vater & Sohn Brüder Russenmafia Profikiller ethnics Winter


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CASABLANCA (Michael Curtiz/USA 1942)


"Of all the gin joints, in all the towns, in all the world, she walks into mine."

Casablanca ~ USA 1942
Directed By: Michael Curtiz

Das in Marokko liegende Casablanca dient 1942 als Zwischenstation für Nazi-Flüchtlinge, die von hier aus via Lissabon in die Staaten reisen wollen. Dafür benötigt man jedoch Pässe, Ausweise und Papiere die auf dem hiesigen Schwarzmarkt nur für teures Geld zu bekommen sind. Einer der Hauptumschlagsplätze ist "Rick's Café", ein beliebter Nachtclub, der von dem undurchsichtigen und als höchst arrogant geltendem Amerikaner Rick Blaine (Humphrey Bogart) geführt wird. Von dem Kleinganoven Ugarte (Peter Lorre) erhält Rick eines Abends kurz vor dessen Verhaftung zwei von ermordeten deutschen Kurieren gestohlene Transit-Visa, die ungehindertes Geleit nach Lissabon garantieren. Jene sind gedacht für den flüchtigen Widerständler Victor Laszlo (Paul Henreid) und seine Frau Ilsa Lund (Ingrid Bergman). Doch Rick, der einst in Paris eine Affäre mit Ilsa hatte und sich von ihr sitzengelassen glaubt, weigert sich aus trotzigem Stolz, ihnen die Visa zu überlassen. Für Laszlo wird die Situation derweil zunehmend brenzlig: Der Gestapo-Major Strasser (Conrad Veidt) ist ihm auf den Fersen. Ilsa liebt Rick noch immer und will zu ihm zurückkehren, wenn er zumindest Victor Laszlo eines der Visa überlässt. Doch gerade noch rechtzeitig erwacht in dem herzlosen Zyniker Rick der alte, rebellische Widerstandsgeist und sein verdorrtes Herz beginnt wieder zu schlagen...

"Casablanca" ist Meta-Kino in seiner denkbar pursten Form und eine gar nicht oft genug zu genießende, unerlässliche Lektion, wenn man etwas über den amerikanischen Film und Film per se zu lernen wünscht; und dies nicht allein, weil seine vielen Dialogzeilen, Standfotos, Songs und Filmplakate solitär in ganz besonders ihrer geballten Form an Einfluss beispiellose Bestandteile des popkulturellen Kanons sind. "Casablanca" ist sehr viel mehr: die vielleicht schönste Liebesgeschichte des Kinos; in jedem Falle die schönst unerfüllte; er ist ein leuchtendes Fanal für den Sieg von Integrität über Opportunismus; hat den coolsten Protagonisten aller Kinofilme und dazu eine Ménagerie zumeist zwielichtiger, aber, bis auf den Nazi Strasser, durchweg liebenswerter Charaktere. Selbst der ölige Gauner und Kriecher Ugarte erhält seinen Platz im Herzen des Publikums; immerhin hatte er hinreichend Chuzpe, zwei deutsche Funktionäre zu ermorden und ist im Grunde auch nur einer der vielen Träumer in Casablanca, zumindest aber einer, der (vielleicht unbedachten) Aktionismus lähmender Passivität vorzieht. Ferner darf man nicht vergessen: Ugarte ist der eigentliche Motor der geschilderten Ereignisse. Dann wäre da der dicke Sidney Greenstreet als Signor Ferrari, Besitzer des "Blue Parrot", ein unverwechselbarer Typ, der vielleicht älter und unbeweglicher ist als sein Geschäftskonkurrent Rick, ansonsten jedoch ein recht exaktes mentales Pendant zu diesem darstellt. Oberhaupt des ideologisch nebulösen Tribunals ist Louis Renault, der hiesige Polizei-Präfekt, der, wie er selbst eingesteht, sein Fähnchen stets nach dem Wind zu hängen pflegt. Ein ungewöhnlicher Repräsentant einer vormals revolutionären, stolzen Nation, durch die infolge des unglückseligen Teufelspakt Henri Philippe Pétains ein tiefer Riss verläuft: Irgendwo in Renault schlummert noch der ruhmreiche Patriotismus seiner Väter, sein Hang zu Spiel, Alkohl und schönen Frauen jedoch macht ihn zu einem noch unsteteren Wendehals als Rick. So gewinnt "Casablanca" zum Abschluss dann doch noch sein (vielleicht ohnehin einzig denkbares) Happy End - zwei einstmals schätzenswerte Individuen haben zu ihrer alten Klasse zurückgefunden und können mit wechselseitiger Unterstützung einen neuen Lebensabschnitt beginnen, über dem, soviel ist sicher, insbesondere wegen Männern wie ihnen eines Tages nicht mehr die Hakenkreuz-Flagge wehen wird.

10*/10

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THE SANDPIPER (Vincente Minnelli/USA 1965)


"What would you do, in my shoes?" - "Wear them."

The Sandpiper (...die alles begehren) ~ USA 1965
Directed By: Vincente Minnelli

Die hippieeske, libertinäre Künstlerin Laura Reynolds (Elizabeth Taylor) lebt abgelegen an der nordkalifornischen Küste. Dort erzieht sie ihren Sohn Danny (Morgan Mason) allein, selbstständig und frei. Durch Dannys nonkonformistisches Verhalten gerät der gebildete Junge jedoch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, bis Laura von einem Richter (Torin Thatcher) dazu verdonnert wird, ihn auf die Privatschule des Episkopal-Pfarrers Edward Hewitt (Richard Burton) zu schicken. Zunächst weigert sich Laura, sich mit dieser Auflage zu arrangieren, findet jedoch bald gesteigerte Sympathie an dem ausgeglichen scheinenden Geistlichen. Ungeachtet der Tatsache, dass dieser selbst Familie hat, beginnen er und Laura eine stürmische Affäre, die jedoch bald auffliegt. Für Hewitt heißt es nun, sich für oder gegen sein früheres Leben und auch Laura zu entscheiden...

Ein typisches Taylor-/Burton-Vehikel; von der MGM produziert, von Vincente Minnelli flamboyant und mit ausufernder Verve inszeniert. Stürmisch wie die Gezeiten des Pazifik geht die kurze, von vornherein zu bösem Scheitern verdammte Beziehung der zwei garantiert nicht füreinander geschaffenen Liebenden vonstatten, und Minnelli scheut keine Gelegenheit, diesen blumigen Vergleich auch gleich in Bilder zu fassen. Wie eigens für sie verfasst, bekommen die beiden Katastrophen-Eheleute starke Dialoge verehrt, an denen unter anderem Dalton Trumbo mitgefeilt hat: Man lernt Verständnis füreinander und noch sehr viel mehr Lebensinhaltliches voneinander. Die Metaphorik erscheint derweil vielleicht etwas aufgesetzt literarisch: Der titelspendende "Strandläufer" ist ein kleiner Vogel mit gebrochenem Flügel, der von Laura zärtlich gesundgepflegt wird und sich seiner wiedergewonnen Freiheit zunächst unschlüssig ist. Ein klares Bild für Burtons Reverend Hewitt: Ein längst der gesellschaftlichen Korruption anheim gefallener Kirchen-Obmann, der sich wesentlich mehr um den finanzträchtigen Erhalt seiner Schule kümmert denn um geistliche Belange, gewinnt erst durch die Liebe zu Laura seine frühere Entschlusskraft, sprich: mentale Reinheit zurück. Burton ist also "der Sandläufer" ("Der Schluckspecht" wäre vielleicht auch etwas zu offensichtlich gewesen).
Zudem bekommt man hier die einmalige Gelegenheit, Charles Bronson (mit der deutschen Stimme von Günther Pfitzmann) als ebenso trinkfesten wie intellektuell ausbalancierten Bohèmien zu bewundern; eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Schöner Film ansonsten.

8/10

Vincente Minnelli Kalifornien amour fou Ehe Bohème Dalton Trumbo Taylor/Burton


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AGNES OF GOD (Norman Jewison/USA 1985)


"I feel as I've eaten glass!"

Agnes Of God (Agnes - Engel im Feuer) ~ USA 1985
Directed By: Norman Jewison

Die junge Nonne Agnes (Meg Tilly) hat in einem Kloster in der Nähe von Montreal ein Baby zur Welt gebracht, das daraufhin erdrosselt in einem Mülleimer in ihrem Zimmer gefunden wird. Nun gilt es für die Staatsanwaltschaft zu klären, wer an dem Tod des Säuglings die Schuld trägt und ob Agnes gegebenenfalls überhaupt schuldfähig ist. Dem soll die Gerichtspsychologin Martha Livingston (Jane Fonda) nachspüren, indem sie Agnes vor Ort befragt. Die junge Nonne stellt sich als eine völlig weltentlehnte Frau dar, die in ihrer Kindheit offenbar Schlimmes erlebt hat und glaubt, göttliche isionen zu empfangen. Von der Oberin Mutter Miriam Ruth (Anne Bancroft), einer durchaus liebenswerten Frau, werden Martha derweil immer wieder Steine in den Weg gerollt bei ihren Versuchen, Agnes' Vertrauen zu erwerben und ihr so näherzukommen. Dennoch warten zwei dringliche Fragen auf ihre Lösung: Wer ist der Vater des toten Babys und wer sein Mörder?

Norman Jewison geht über die Distanz seines Films ganz mit seiner von einer großartigen Jane Fonda gespielten Protagonisten einher: von der fest in der säkularen Welt verhafteten Zynikerin, die vor langer Zeit aufgrund persönlicher Erfahrungen mit der Institution Kirche abgeschlossen hat, verwandelt sich Martha Livingston aufgrund ihrer Bekannt- und Freundschaft zu den zwei ungleichen Nonnen Agnes und Mutter Ruth in eine Frau, die zumindest akzeptiert, dass spirituelle Geisteshaltungen mit zum Weltgeschehen gehören, vielleicht sogar gehören müssen. Zu Beginn des Films antizipiert man natürlich, wie in "Kirchenthrillern" üblich, eine skandalöse Enthüllung gegen Ende, eine erschütternde Auflösung, die das alte Klischee vom machtmissbrauchenden, geistlichen Oberhaupt füttert. Darauf jedoch verzichtet "Agnes Of God" wohlweislich wie ebenfalls glücklicherweise darauf, überhaupt irgendeine tendenziöse Richtung vorzugeben. Freilich wird die Kette rauchende Martha Livingston nie selbst eine Heilige werden; dazu hat sie auch zuviel erlebt; aber auch für sie bedeutet das Verfahren um die verwirrte Agnes eine große Lebenslektion: Sie lernt, Andersdenkendes, andersgläubiges in seiner möglicherweise sogar notwendigen Koexistenz zu respektieren.

7/10

Norman Jewison Montreal Kloster Nonnen Freundschaft Psychiatrie based on play Mutter & Tochter


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DER FLUCH (Ralf Huettner/AU, BRD 1988)


"Mama, wo gehen eigentlich die toten Kinder hin?"

Der Fluch ~ AU/BRD 1988
Directed By: Ralf Huettner

Ein verhängnisvoller Ausflug ins Gebirge: Zusammen mit ihren Eltern (Dominic Raacke, Barbrara May) begeht die kleine Melanie (Romina Nowack) einen zwecks Kurzwanderung geplanten Trip in die nahegelegenen Vor-Alpen. Doch mit Beginn der Ankunft im kleinen Kurort Silberhorn beginnt Melanie, sich seltsam zu verhalten: Sie verdreht Wegweiser und lässt nach dem Besuch einer einsamen Bergkapelle die Wanderkarte verschwinden. Man verläuft sich und ist zur Übernachtung in einer abgelegenen Hütte gezwungen, in deren Nähe Melanie eine halbgefrorene Mädchenleiche entdeckt. Drei weitere Mädchen wandern in der Ferne singend im Mondlicht auf dem Berg herum. Um die seltsamen Vorkommnisse zu entschlüsseln, bleibt Vater Rolf in der Gegend und unterhält sich mit dem Ortshistoriker (Gerd Lohmeyer). Dieser berichtet von vier vor rund 130 Jahren von ihren Eltern verpfändeten Mädchen, für deren "Tausch" in der Gegend Silber gefunden wurde, dass die Leute in der Gegend zwar reich, aber unglücklich zurückließ. Und heuer sieht es so aus, als forderten die Seelen jener kindlichen Opfer von einst ihren Tribut...

Ralf Huettners poetischen Horrorfilm, ein Kleinod der deutschen Kinolandschaft, habe ich zum ersten und bis dato letzten Mal bim Zuge einer gefühlte Ewigkeiten zurückliegenden TV-Ausstrahlung gesehen. Ich erinnere mich noch, dass der Film ganz normal im Abendprogramm lief und am nächsten Tag Gesprächsthema Nummer 1 in der Schule war - die ungewohnt grauselige Stimmung, die schließlich in einer kleinen Prophezeiungs-Apokalypse mündet und sich damit überaus böse auflöst, hatte uns Blagen insgeheim mehr mitgenommen als jeder hin und her getauschte Video Nasty. Ich habe mich an "Der Fluch" im Laufe der Jahrzehnte mehr oder weniger regelmäßig immer wieder erinnert und bin jetzt endlich dazu gekommen, ihn mir wieder anzuschauen. Man ist ja nun um einige rezeptorische Erfahrungen reicher, doch die Faszination, die Huettner damals bei mir ausgelöst hatte, konnte erfreulicherweise (in modifizierter Form selbstverständlich) mühelos reaktiviert werden. "Der Fluch" hält sich so weit als möglich streng an die Erlebens-Perspektive der achtjährigen Melanie, die bei einem Schulfreund zwar gewohnheitsmäßig harte Horror-Videos schaut, in deren Welt die realis um Tod und Sterben jedoch noch Begriffe von höchster Abstraktion sind. Nur selten wechselt Huettner den Blickwinkel, etwa, wenn er zu einer offenbar medial begabten, halbwahnsinnigen Frau (Ortrud Beginnen) schaltet, die mit Melanie am Abend vor ihrer Reise einen kleinen Verkehrsunfall hat und die unweigerliche Todesdetermination des Kindes erkennt, oder zum Vater, der dem Geheimnis um die gesichteten Geistermädchen nachspürt. Dass sich am Ende alles zu einem schauerlichen Gesamtbild fügt, in dem der titelgebende "Fluch", Rache, Katastrophe, Erfüllung, Schicksalhaftigkeit und auch Erlösung zu einer beunruhigend sinnstiftenden Conclusio geführt werden, vollendet diesen mit offensichtlichen und doch wirkungsvollsten Mitteln gefertigten Mini-Klassiker.
Baldige DVD-Veröffentlichung unumgänglich.

9/10

Ralf Huettner Alpen Fluch Kinder Geister Berg


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CHASING AMY (Kevin Smith/USA 1997)


"Forget her, dude. There's one bitch in the world, one with many faces."

Chasing Amy ~ USA 1997
Directed By: Kevin Smith

Als Comiczeichner Holden (Ben Affleck) auf einer Convention die lebenslustige Alyssa (Joey Lauren Adams) kennenlernt, ahnt er nicht, dass die schon bald von ihm angehimmelte Dame lesbisch ist. Nichtsdestotrotz entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden, ganz zum Leidwesen von Holdens langjährigem Busenfreund und Kreativpartner Banky (Jason Lee). Als Holden Alyssa schließlich hochnötig seine wahren Gefühle offenbart, wird aus der vormalig freundschaftlichen eine nicht minder intensive Liebesbeziehung, die sich jedoch bald durch einige lange zurückliegende Ereignisse in Alyssas Sexualleben, mit denen der verdutzte Holden nicht klarkommt, empfindlich gestört findet.

Über die Unmöglichkeit, über den eigenen Schatten zu springen: Smiths Portrait der Generation Slacker und Finalstück seiner New-Jersey-Trilogie enthält ebensoviele Klischees wie Lebenswahrheiten, eine der schönsten Liebeserklärungen des Kinos, die mit pubertären Witzchen zu coexistieren hat und kann ihre etlichen, tollen Ansätze somit nicht immer zur Gänze einlösen. Dennoch ist "Chasing Amy" insgesamt ein Gewinner, den man sich mit gebührendem Abstand gern auch wiederholt anschaut, von Smiths tiefer Leidenschaft zu seinen Figuren wie seiner eigenen Lebenshaltung geprägt, die wohl nie ganz erwachsen geworden ist oder jemals werden wird. Die Darsteller sind durchweg erstklassig, wobei insbesondere Joey Lauren Adams hervorzuheben wäre, deren Spiel im besten Sinne "echt" wirkt (ich kenne allerdings auch Stimmen, die sie als höchst enervierend empfinden). Was mir ferner besonders gefällt, ist Smiths Mut, die Geschichte zu einem klar formulierten unhappy ending zu führen, das die Dysfunktionalität der holden'schen Beziehungsgeflechte infolge seiner eigenen Unreife und Inkompetenz subsummiert. Hier gewinnt "Chasing Amy" dann doch noch die notwendige Ernsthaftigkeit, ganz einfach, weil er die letzte Hürde so lässig zu nehmen weiß.

8/10

Kevin Smith Comics Homosexualität Freundschaft amour fou New York New Jersey


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STONE (Sandy Harbutt/AUS 1974)


"We'll do what we fuckin' like."

Stone ~ AUS 1974
Directed By: Sandy Harbutt

Weil einer von ihnen, der schwer bedröhnte Toad (Hugh Keays-Byrne), Zeuge eines Anschlags auf einen Politiker wird, steht von nun ab die ganze Rockertruppe "Grave Diggers" auf der Abschussliste der Verschwörer. Nachdem bereits drei von ihnen Mordanschlägen zum Opfer gefallen sind, erhält der unkonventionelle Bulle Stone (Ken Shorter) den Auftrag, sich bei den Grave Diggers einzunisten, um von dort aus zu ermitteln. Der Polizist wird eher verhalten in die Reihen der Outlaws aufgenommen, kann sich bald jedoch einer gewissen Faszination für den unbändigen, freien Lebensstil der jungen Leute nicht länger erwehren. Schwankend zwischen der Abscheu für die immer wieder in unnötige Aggression verfallende Art seiner neuen "Freunde" und aufrichtigem Respekt für deren klare Ehrbegriffe kommt es am Schluss doch noch zu unausweichlichen Konfrontation, als man des Killers schließlich habhaft wird...

Ein ungeschliffener Rohdiamant des wilden australischen Siebziger-Kinos, das ultimative Oz-Pendant zu "The Wild Angels", "Easy Rider" und ihren vielen Epigonen. Inszenatorisch gleichermaßen unangepasst wie kompetent entspricht der Einblick in die "Szene", den "Stone" gewährt, ebenso wie die Perspektive des ehern auf der Gesetzesseite stehenbleibenden Polizisten, eine nie zur Gänze entschlüsselte Mixtur aus ehrlicher Faszination und ehrlichem Respekt. Die Charakterköpfe der Grave Diggers mit ihren lustigen Namen haben oder nehmen sich alles, was ihre instinktgesteuerte Para-Existenz ihnen vorgibt: Sie saufen, kiffen, schmeißen hier und da einen Trip, bumsen, wenn ihnen danach ist, machen Kneipenbesuche, pöbeln, beleidigen und prügeln sich mit der "Konkurrenz". Das höchste Freiheitsgefühl beziehen sie von dem Bock zwischen ihren Beinen. Ach, und Satanisten sind sie auch noch, im libertinär geprägten Stil eines Aleister Crowley, versteht sich.
Die Finalszene bringt die unausgewogene, weil unlösbare Ambivalenz, die Stone empfindet, auf den ultimativen Punkt: Der justament "Ausgestiegene", weil er die Suche nach dem Killer unter Gewaltanddrohung beenden konnte, referiert gegenüber seiner aus gutem, bourgeoisem Hause stammenden Freundin über die vielen Vorzüge, die sein kurzes Leben im Rocker-Milieu so mit sich brachte - nur um in der nächsten Sekunden von seinen geschätzten Freunden, die sich wegen Stone um ihre Rache betrogen fühlen und in sein Haus eindringen, schwer krankenhausreif, möglicherweise auch zu Tode geprügelt zu werden. Dennoch insistiert er: "Keine Polizei...". Das was Stone bei den Grave Diggers fand, möchte er nie mehr missen, auch, wenn es ihn die gesammelten Knochen im Leib kostet...

9/10

Sandy Harbutt Rocker Australien Sydney Subkultur undercover Freundschaft Drogen Marihuana Alkohol





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Funxton

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