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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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TO SIR, WITH LOVE (James Clavell/UK 1967)


"If you apologize because you are afraid, then you're a child, not a man."

To Sir, With Love (Herausgefordert) ~ UK 1967
Directed By: James Clavell

Der ausgebildete Ingenieur Mark Thackeray (Sidney Poitier) nimmt aus finanzieller Not einen Job als Lehrer an der North Quay Secondary School im Londoner East End an. Pädagogisch völlig unerfahren, dafür in Lebensdingen und Existenzfragen höchst bewandert, stößt Mark auf eine Klasse pubertierender Rotzgören, die den baldigen Schulabschluss lediglih benötigen, um eine Ausbildungsstelle zu bekommen oder arbeiten zu gehen, sich jedoch einen Kehrricht um Bildung und Sozialität scheren. Zunächst der Verzweiflung nahe, gelingt es Mark binnen der nächsten Woche, trotz immer wieder auftretender Probleme mit Authentizität, Aufrichtigkeit gerechter Strenge und lebensweltlich gefärbtem Unterricht das unbedingte Vertrauen seiner Klasse, den tiefen Respekt der Elternschaft und sogar die Bewunderung seines bereits teilresigniertem Kollegiums zu erringen. Als sich ihm zum Schuljahresende schließlich eine lang ersehnte Stelle als Techniker darbietet, muss Mark eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen soll...

Wunderbarer, zutiefst humanistischer Film, der trotz seiner mittlerweile fast fünfzig Jahre auf dem Buckel noch immer ganz viel Wahrheit enthält und einem jedem Lehrer, der seinen Beruf noch liebt, wie Balsam die Seele herunterläuft.
Mark Thackeray, gespielt von einem phantastischen Sidney Poitier, der zwölf Jahre nach "The Blackboard Jungle" die Bankseite gewechselt hat, personifiziert das, was wir alle sein wollen in höchster professioneller Reinkultur. Besonnen, klug, stark, aufrecht, kultiviert ist er; eine fast symbolisch gezeichnete Leitfigur. Wie er es schafft, die aus schwierigen Verhältnissen stammenden Kids bis zum Letzten auf seine Seite zu ziehen, das hat hier und da natürlich etwas Utopisches, verdeutlicht jedoch unser aller großes Wunschziel, am Ende eine Truppe aufrecht gehender Menschen, die man durchweg positiv geprägt hat, ins Leben zu entlassen.
Natürlich sind auch defätistisch gefärbte Filme zum Sujet wie "Class Of 1984", "One Eight Seven" oder zuletzt der nachhaltig erschütternde "Detachment" mit ihrem harten, teils krassen, illusionslosen Naturalismus von außerordentlicher Wichtigkeit, aber ist Konstruktives, Aufbauendes, meinethalben auch gepflegt Romantisierendes wie Clavells schönes Werk nicht manchmal ebenso weltbewegend? Ich meine, ganz bestimmt.
Prädikat: unendlich wertvoll.

9/10

James Clavell London Schule Lehrer Slum


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OUT OF THE FURNACE (Scott Cooper/USA 2013)


"I got a problem with everybody."

Out Of The Furnace (Auge um Auge) ~ USA 2013
Directed By: Scott Cooper

Als der rechtschaffene Stahlarbeiter Russell Blaze (Christian Bale) eines Abends leicht alkoholisiert in einen schweren Unfall verwickelt wird, hat dies schlimme Folgen für ihn: Er kommt wegen fahrlässiger Tötung ins Gefängnis. Während seines Knastaufenthalts trennt sich seine geliebte Freundin Lina (Zoe Saldana) von ihm und kommt mit dem örtlichen Sheriff (Forest Whitaker) zusammen, sein Vater (Bingo O'Malley) stirbt und sein jüngerer Bruder Rodney (Casey Affleck), traumatisierter Irakkriegsveteran, lässt sich hochverschuldet auf illegale Bareknuckle-Fights ein. Rodney gerät dabei an den miesen Hillbilly DeGroat (Woody Harrelson) gerät, was seinen Tod bedeutet. Da sich die Polizei in dieser Situation als unfähig erweist, entschließt sich Russell, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen.

Nach "Crazy Heart" eine weitere, stargespickte Ur-Americana von Scott Cooper um eine nicht minder "landestypische" Fallgeschichte. Dem ungeschriebenen, folkloristischen Gesetz zufolge, dass Country-Musik und legaler Waffenbesitz die Nation zu dem machen, was sie ist, muss es nunmehr also um die Waffe gehen. Um ein Präzisions-Jagdgewehr, um präziser zu sein.
Russell Blaze ist ein Mann, dem das Schicksal übel mitspielt. Einer, der stets das Richtige will und den dann die Ungerechtigkeit ereilt. Seine Strafe für den Unfall nimmt er, wenngleich im Grunde teilschuldig, bereitwillig in Kauf und sitzt sie ab. Er kämpft um seine Ex-Freundin, sieht jedoch ein, dass es keine Chance mehr für sie als Paar gibt. Er weint am Grab des toten Vaters, den er beim Sterben nicht begleiten konnte. Der baldigen Schließung seiner Arbeitsstätte sieht er mehr oder weniger gelassen entgegen. Seinem kriegsgeschädigten Bruder hört er zu und versucht, ihm Vernunft einzubläuen. Russell ist einsam, negiert jedoch tapfer Stillstand und Depression.
Angesichts all dieser auferlegten Bürden kann er angesichts der noch folgenden Ermordung Rodneys nicht anders, als ein einziges Mal zu reagieren, nicht tatenlos da zu stehen und zuzusehen, wie das Leben an ihm vorbeimäandert, ohne ihn aufs Boot zu lassen. Russells Selbstjustiz ist gezielt durchdacht, durchplant, moralisch abgesichert und sogar kirchlich absolutioniert: Harlan DeGroat, ohnehin nichts als wandelnder Menschenmüll, hat angesichts seiner Taten sein weiteres Recht auf unbehelligtes Weitermachen mit dem, was er so tut und wovon garantiert gar nichts menschenwürdig ist, verwirkt. Sheriff Barnes als letzte verbleibende, irdische Instanz hat da keine Schnitte mehr.
"Out Of The Furnace" als Selbstjustiz-Propaganda zu deklarieren, wäre viel zu kurz gedacht. Es geht vielmehr um die Weigerung einer stets im Gleichgewicht befindlichen Persönlichkeit, die ihn umgebenden Schicksalsschläge weiter passiv hinzunehmen. Den anschließenden, möglichen Fall, die gesetzliche Konsequenz, wird er erhobenen Hauptes hinnehmen (wie es für Russell weitergeht, lässt das Ende offen, man sieht ihn in einem letzten kurzen Einspieler ernst blickend und mit geschnittenem Haar an seinem Tisch sitzen - möglicherweise lag dazwischen eine weitere Gefängnisstrafe). Ob Russell das Richtige tut, mag man bestreiten - für sich selbst, daran gibt es keinen Zweifel, tut er das einzig Mögliche.
Einen Film zudem, der sich mit Pearl Jams "Release" eine musikalische Klammer setzt, kann ich am Ende schließlich nur lobpreisen.

8/10

Scott Cooper Rache Pennsylvania Brüder Faustkampf Appalachen Drogen Unfall


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VOM TEUFEL GEJAGT (Viktor Tourjansky/BRD 1950)


"Was ist das für ein Lärm da draußen...?"

Vom Teufel gejagt ~ BRD 1950
Directed By: Viktor Tourjansky

Der zu Unrecht in Ungnade gefallene Psychiater Dr. Fingal (Willy Birgel) findet, ebenso wie seine Freundin Cora (Maria Helst), eine Einstellung in der Klinik seines alten Freundes und Berufsgenossen Helmut Blank (Hans Albers). Blank gilt als idealistischer Arzt, der zugleich selbst mit pharmazeutischen Substanzen experimentiert. Ein aus dem Ausland importiertes, noch unerforschtes Mittel names K-27 verspricht Heilung sogar in schweren Fällen von Psychose. Um die körperlichen auswirkungen zu testen, probiert Blank das Mittel an sich selbst aus. Apathie, Gedächtnisverlust und Willenlosigkeit stellen sich für mehrere Stunden ein, bis der Geist sich wieder erholt. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Aussetzer: Nicht nur, dass Blank sich urplötzlich an ganze Tagesabläufe nicht erinnern kann, er entwickelt zugleich eine dunkle, kriminelle Seite, die immer dann zum Vorschein kommt, wenn er einen seiner "Aussetzer" hat...

Ein früher, deutscher Versuch, Genrekino zu machen, abseits von Heimatfilm, Kriegsschulddrama und aufkommender Wirtschaftswunderillusion und somit ein wichtiger Schritt in eine Richtung, die vor allem international verblasste, hiesige Leinwand wieder etwas weiter zu öffnen. "Vom Teufel gejagt" lässt sich dabei unschwer als "Jekyll/Hyde"-Variation identifizieren, wobei jedoch der Mut zu weiterer Intensivierung ausbleibt. Im Gegensatz zum "Original" ist Dr. Blank kein philosophisch angehauchter Kopf, der versucht, Es und Über-Ich zu trennen, sondern ein Philanthrop, dem es darum geht, seelische Krankheiten zu heilen. Im Selbstversuch muss der integre Mann dann unfreiwillig feststellen, dass er selbst eine ignorierte, weithin "abgespaltene" Persönlichkeitsfacette besitzt, die er bislang erfolgreich hat ignorieren können. Blanks Verwandlung in sein kriminelles alter ego wird zudem nie äußerlich sichtbar. Weder äffisches Schimpansengebiss noch zusammengewachsene Augenbrauen kennzeichnen seine Veränderung, nur ein leichtes Lichthuschen über die Augenpartie und eine lallende Sprechweise signalisieren: Der "böse Blank" ist wieder da.
Ein wenig klassischer "Mabuse" liegt darin, zudem eine recht hemdsärmelige Auffassung von Psychiatrie, die wahlweise nur völlig gestörte Geisteskranke (Alexander Golling) kennt oder überkandidelte Luxusfrauchen (Lil Dagover) mit Schoßhund. In jedem Fall ein nicht zu unterschätzender Lichtblick innerhalb der zeitgenössischen, nationalen Kinolandschaft.

8/10

Viktor Tourjansky Psychiatrie Medizin Madness Mad Scientist Jekyll & Hyde


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THE FOUR HORSEMEN OF THE APOCALYPSE (Vincente Minnelli/USA 1962)


"I'm doing what you wanted me to, father. See?"

The Four Horsemen Of The Apocalypse (Die vier apokalyptischen Reiter) ~ USA 1962
Directed By: Vincente Minnelli

Argentinien in den dreißiger Jahren: Der lebenslustige alte Patriarch Madariaga (Lee J. Cobb) ist Großvater zweier vervetterter Enkel, auf die er jeweils besonders stolz ist: Julio Desnoyers (Glenn Ford), dessen Vater Marcelo (Charles Boyer) gebürtiger Franzose ist und Heinrich von Hartrott (Karlheinz Böhm) mit seinem deutschstämmigen Vater Karl (Paul Lukas). Die politische Situation in Europa zerbricht die Familie und führt den Kummertod des Großvaters herbei: Die von Hartrotts bekennen sich als deren unumwunden rekrutierte Mitglieder zu den Nazis, während die Desnoyers nach Paris gehen. Heinrich wird Offizier bei der Waffen-SS, Karl geht zur Wehrmacht. Nach der Besetzung trifft man sich in Paris wieder. Hier lernt Julio auch Marguerite (Ingrid Thulin) kennen, die Gattin des linken Aktivisten Etienne Laurier (Paul Henreid). Als Etienne zur Front gezogen wird, ist der Weg zu Marguerite frei. Julios kleine Schwester Chi Chi (Yvette Mimieux) schließt sich derweil der Résistance an und bezahlt ihr Engagement mit dem Leben. Der wiedergekehrte Etienne erfährt von der Affäre Julios und Marguerites, leitet jedoch trotzdem den Pariser Widerstand. Der sich stets neutral gebende Julio kann bald nicht mehr anders als selbst zur Résistance zu gehen, was den Nazis und auch Vetter und Onkel bald gewahr wird. Julios letzter Auftrag führt ihn zu Heinrich und geradewegs in den Märtyrertod.

Ibáñezs berühmter, 1916 erschienener Roman spielt eigentlich vor dem historischen Hintergrund des Ersten Weltkriegs und verortet auch die personelle Struktur geflissentlich anders. Für diese bereits zweite Verfilmung (nach einer ersten, zeitgenössischen von Rex Ingram) wurde die Geschichte der zersplitternden Familie variiert und dem in dramatischer Hinsicht vielleicht dankbareren Szenario des Zweiten Weltkriegs anheim gestellt. "The Four Horsemen Of The Apocalypse" wird dabei zu einer Art episierter "Casablanca"-Variation mit erstaunlichen Parallelen: Es gibt den Opportunisten und Lebemann, der sich mit der Weltlage abfindet und zum eigenen Vorteil unter Umständen auch mit den Nazis kollaborieren würde, bis er seine wahre Bestimmung entdeckt; es gibt den unerschütterlichen, emotional jedoch weichen Widerständler, dessen Aktivitäten auf grundsolidem Idealismus fußen und dem Feind empfindliche Schlappen zufügen und es gibt schließlich die Frau, die beide lieben, die intellektuell von den humanistischen Werten des Einen eingenommen ist, erotisch jedoch dem eher schurkisch gezeichneten Libertin verfällt. Nicht zuletzt der doppelte Einsatz von Paul Henreid, der seine zwanzig Jahre zuvor gespielte Rolle hier nochmal revisioniert, lässt dem Zuschauer die inhaltliche Nähe beider Filme unumwunden aufleuchten; rein zufällig wird die Herzensdame auch gleich nocheinmal von einer schwedischen Kino-Schönheit gespielt.
Natürlich ist Minnellis der breitere, Aufsehen erregendere, opulentere. Von MGM ganz offensichtlich als großes Prestige-Projekt mit deutlichem Augenzwinkern zur Kritiker- und Preissektion hin angelegt, gibt es fantastische Bilder von Paris, dem Bürger-Exodus, als bekannt wird, dass die Nazis auf dem Vormarsch sind und auch von der Okkupation selbst. Hier leistet der Film geradezu Meisterliches. Die Familien- und Liebesgeschichte sowie auch Julios Wandlung hin zum Vorkämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit entbehren dann nicht einer klaren Camp-Note. In diesen intimeren Szenen erweist sich Minnelli als durchaus vernunftbegabter Regisseur, wenn er sich unmissverständlich darüber klar zu sein scheint, dass Script und Besatzung gewisse Klischees geradezu provozieren. Ergo inszeniert er sie gerade so, wie es eben angemessen ist. Ingrid Thulin ist atemberaubend und mit all ihrer Grandezza das größte darstellerische Plus des Films. Der Rest der Besetzung, mit Ausnahme von Böhm und Mimieux, ist deutlich zu alt für ihre Rollen. Glenn Ford, damals bereits stolze 46, als jungenhaften, politisch ungeprägten latin lover einzusetzen muss das Resultat einer verlorenen Wette gewesen sein; Paul Henreid mit noch steileren 54 wäre von jeder Front als Methusalixchen gleich wieder heimgeschickt worden, Paul Lukas schließlich, rekorverdächtige 71, ist selbst für einen silbermellierten Wehrmachtsoffizier zwei, drei Wochen zu betagt. Doch was soll's - Minnellis Film macht Freude, er ist schön, ausschweifend und scheitert auf eine mehr als charmante Art in seinem Bestreben, großes Weltdrama zu präsentieren.

6/10

Vincente Minnelli Argentinien Frankreich Paris Familie WWII Widerstand Vicente Blasco Ibáñez period piece


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DER PFARRER VON ST. PAULI (Rolf Olsen/BRD 1970)


"Ihr solltet Gott dafür danken, wie jung ihr seid..."

Der Pfarrer von St. Pauli ~ BRD 1970
Directed By: Rolf Olsen

Im Kriege noch U-Boot-KaLeu, hat Konrad Johannsen (Curd Jürgens) gleich danach zum Glauben gefunden und ist seither Pfarrer auf St. Pauli. Huren, Luden und andere Kleinkriminelle besuchen seine Messen und Johannsen ist stolz darauf. Als er sich jedoch in eine Familienkrise rund um den reichen Unternehmer Ostro (Walter Buschhoff) einmischt, dessen Sohn (Klaus Hagen Latwesen) Vater eines unehelichen Kindes wird, ist es mit der Seelsorge auf dem Kiez vorbei. Ostro sorgt über eine grob gesponnene Intrige dafür, dass Johannsen seine Predigten künftig auf einer vornehmlich protestantisch geprägten Nordseeinsel verrichten darf. Seinen guten Leumund muss er sich hier jedoch noch erwerben und auch die Chance, Ostro nachträglich zu überführen, bietet sich...

Noch etwas inbrünstiger als üblich spielt Curd Jürgens zum vorletzten Mal für Rolf Olsen den großen Paulier Patriarchen, ohne dessen umspannenden, moralischen Rückhalt das Hafenviertel tatsächlich längst beim Teufel wäre. Wie gewohnt ist auch Konrad Johannsen ein höchst unkonventioneller Amtsinhaber, der sehr viel standfester auf dem Boden säkularer Tatsachen verkehrt, als es seinen eitlen Oberen lieb ist. So fällt es denen dann auch nicht schwer zu glauben, dass Johannsen abseitige Beziehungen zu einer Prostituierten pflegt. Aber so war das bei Olsen: Wenn hier eines problemlos von Statten ging, dann waren es Einfädelungen und Verläufe gemeiner Ränke. Später soll Johannsen sich dann noch in eine Insulanerin (Barbara Lass) verlieben, die seine Enkeltochter sein könnte - auf Wechselseitigkeit beruhend natürlich - bekommt jedoch im letzten Moment wieder die geistliche Vernunft zu fassen. Und auch der kapitalistische Schweinehund bekommt seine gerechte Strafe - selbst versetzt, auf dass er in die Hölle komme. Auf Pauli kann dann wieder alles seinen gewohnten Gang gehen. Natürlich nur, bis die nächste Schweinerei im Gange ist. Dann schwingt Hochwürden wieder die Fäuste...

7/10

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DAS STUNDENHOTEL VON ST. PAULI (Rolf Olsen/BRD 1970)


"Wenn das 'n doppelter Cognac war, dann nehm' ich noch einen!"

Das Stundenhotel von St. Pauli ~ BRD 1970
Directed By: Rolf Olsen

Eine schlimme Nacht für den schwer übermüdeten Kommissar Canisisius (Curd Jürgens) von der Hamburger Kripo: Erst wird sein Sohn (Manfred Tümmler) bei einer anti-kapitalistischen Demo schwer verletzt und liegt nun unterm Messer; dann geschieht in einem berüchtigten Stundenhotel ein Mord an einem Homosexuellen (Laurence Bien), dessen Aufklärung Canisius' ganze Aufmerksamkeit erfordert. Das Hotel ist zur Tatzeit nämlich reich besucht und der Verdächtigen gibt es nicht eben wenige. Nur gut, dass Canisius mit deutlich mehr Milieu-Empathie vorgeht als sein nervöser Vorgesetzter, Kriminalrat Marschall (Konrad Georg)...

Erfindungsreiches Kolportagekino vom Allerfeinsten mal wieder aus der ewig streitenden Feder des Rolf Olsen, der hiermit bereits sein viertes "St.-Pauli"-Epos vom Stapel ließ und nimmerwüde weiter an der damals unumgänglichen, rauen Hafenromantik des Viertels strickte. Ein besserer Titel wäre "Der Kommissar St. Pauli" gewesen, denn ebenso wie zuvor als "Arzt" und gleich darauf auch noch als "Pfarrer" steht nämlich einmal mehr Curd Jürgens als verständige, aufrechte Moralinstanz mit zugedrücktem uge im Zentrum des Geschehens; ein Mann, dem die ehernen Werte über alles gehen, der jedoch auch weiß, dass er die Jungen trotz tonnenweisem Überschuss an Lebenserfahrung nie zur Vernunft wird bringen können und sich deswegen zähneknirschend mit den Dingen arrangiert. "Vielleicht haben wir Alten wirklich so viel falsch gemacht," konstatiert er in einer frühen Disput-Szene mit dem Sohnemann, "dass ihr ein Recht habt, Kritik zu üben. Aber Aggressivität und berufsmäßiges Rabaukentum, das dulde ich nicht!" Viel besser kann man Olsens ewige, zwanghafte Janusköpfigkeit nicht subsummieren: Erzspießer auf der einen Seite, schmunzelnder Voyeur auf der anderen. Aber eines unterscheidet ihn dann doch noch von Antel, Enz, Hofbauer und Konsorten: Überaus unappetitliche, regelmäßig zugeschaltete Bildergalerien von einer Operation am offenen Herzen hätten auch die nicht gezeigt. Sowas gab's dann doch wieder nur beim Rolf.

7/10

Rolf Olsen Hamburg St. Pauli Kiez Homosexualität Prostitution Sleaze Vater & Sohn


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REQUIEM FOR A DREAM (Darren Aronofsky/USA 2000)


"How come you know more about medicine than a doctor?"

Requiem For A Dream ~ USA 2000
Directed By: Darren Aronofsky

Junkie Harry Goldfarb (Jared Leto) und seine Freundin Marion Silver (Jennifer Connelly) lieben sich. Was sie jedoch noch mehr lieben, ist der nächste Schuss, der nächste Trip. Harrys bestem Kumpel Tyrone (Marlon Wayans) geht es da im Prinzip nicht anders. Harrys verwitwete Mutter Sara (Ellen Burstyn) lebt in ihrer eigenen Seniorenwelt der Einsamkeit, Altersnaivität und des Fernsehens. Als sie einem Werbelockruf bezüglich eines baldigen TV-Auftritts anheim fällt, wittert Sara ihre große Stunde: Es müssen nur ein paar Kilos runter, damit sie wieder in ihr schönes, rotes Kleid passt. Dazu lässt sie sich vom Arzt Appetitzügler und andere Präparate verschreiben, die nichts anderes sind als buntes Amphetamin und Psychopharmaka. Als Sara beginnt, die Dosen zu vertauschen und zu vermischen, verliert sie den Verstand und landet in der Gerontopsychiatrie. Harry, Marion und Tyrone geht es kaum besser: Ganz Brooklyn leidet unter ausbleibendem Heroin-Nachschub. So sehen sich Harry und Tyrone gezwungen, nach Florida zu fahren, um sich dort einzudecken. Doch Harrys linker Arm hat sich entzündet, man sucht sich Hilfe. Der bereits gesuchte Tyrone landet im Gefängnis, Harrys Arm wird amputiert, daheim muss sich Marion für den Stoff prostituieren.

Die zweite Romanadaption nach Hubert Selby Jr., an deren Script er wiederum eifrig mitgefeilt hat. Der diesmal zugrunde liegende erzählte Zeitrahmen beträgt ein Jahr, wobei die Jahreszeiten wie Verfallsstadien zu verstehen sind. Sommer, Herbst, Winter, Frühling und Tod. Noch unbarmherziger und transgressiver als "Last Exit To Brooklyn" geht "Requiem For A Dream" vor, der vier Personen nebst ihrer Suchtanamnese und der Drogenwirkungen in hyperrealistischer Weise skizziert und aufzeigt, welche Untiefen in der Suchtspirale lauern. Ob nun Verstand und Seele zu faulen beginnen oder gleich der physische Körper, ob man sich kriminalisiert oder prostituiert, die Antwort ist immer dieselbe, das endgültige Zerbrechen unausweichlich. Was sowohl "Last Exit To Brooklyn" als auch "Requiem For A Dream" - im besten Sinne - besonders perfid macht, ist der komplette Verzicht auf Erlösung oder auch nur der geringste Hinweis auf Lösungswege. Hier wie dort werden Individuen ihrem teils selbst herbeigeführten, teils milieugeschädigten Schicksal überantwortert und am Ende zerschmettert zurückgelassen. Spezifische Fallstudien, die allerdings von einer solch unbestechlichen Authentizität und vor allem Universalität geprägt sind, dass man sich ihrer intensiven Wirkung nicht entziehen kann. Fast ist "Requiem For A Dream" in dieser Hinsicht ein Horrorfilm, in dem jeder sein persönliches Schreckensbild findet, sei es der sich bewegende Kühlschrank, Saras Elektroschock-Therapie oder Jennifer Connellys Selbstprostitution. Mein Gipfel ist erreicht, als Harry sich einen Schuss in die bereits stark entzündete Wunde setzt. Hier schmelzen selbst meine Pupillen. Am Ende werden all diese Privatkatastrophen - Hoffnungslosigkeit, Amputation, Sedierung - gegeinandermontiert, eine beinahe tödliche Überdosis Schrecknis. Ein Film der Extreme; zugleich Prüfung und Hochgenuss. Vitaler kann Kino kaum sein.

10/10

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LAST EXIT TO BROOKLYN (Uli Edel/D, USA, UK 1989)


"May I take a ride?"

Last Exit To Brooklyn (Letzte Ausfahrt Brooklyn) ~ BRD/USA/UK 1989
Directed By: Uli Edel

Brooklyn, 1952: Während eines langwierigen Fabrikarbeiterstreiks erleben die Menschen eines kleinen Viertels Höhen und Tiefen: Der Familienvater und Gewerkschaftsfunktionär Harry Black (Stephen Lang) beginnt, seine Homosexualität auszuleben und wird dabei mit der emotionalen Kälte und dem Hedonismus der 'Szene' konfrontiert. Als er betrunken und ausgehöhlt bei einem minderjährigen Jungen zudringlich wird, kostet ihn das beinahe das Leben.
Transvestit Georgette (Alexis Arquette) wird von niemandem in der Gegend, einschließlich der eigenen Familie, ernstfenommen, geschweige denn geschätzt und ist unsterblich in den Schläger Vinnie (Peter Dobson) verliebt. Eine alkohol- und drogengeschwängerte Party, bei der auch Harry zu Gast ist, wird ihm zum Verhängnis.
Die Hure Tralala (Jennifer Jason Leigh) lebt davon, zusammen mit der örtlichen Schlägerclique betrunkene Matrosen auszunehmen. Als sie in Manhattan einen kurz vor seiner Abberufung nach Korea stehenden Offizier kennenlernt, erfährt sie eine ihr bislang völlig unbekannte Form von Zuneigung und Schutz.
Für den Arbeiter Joe (Burt Young) bricht eine Welt zusammen, als er erfährt, dass seine Tochter hochschwanger ist - immerhin ist sie unverheiratet. Dem entsprechenden Stecher, Joes Kollegen Tommy (John Costelloe), bleibt nichts anderes übrig als eine überhastete Heirat.

Hubert Selby Jr.s gleichnamiger Roman ist eines der stärksten amerikanischen Prosastücke des verangen Jahrhunderts und in Stil und Wirkmacht bestenfalls mit Burroughs, Thompson oder Kerouac zu vergleichen. Das "Skandalbuch" erschien erstmals 1964 und fokussierte eine zwölf Jahre zuvor stattgefundene, Brooklyner Episode, in der aus einer existenziellen Streik-Unsicherheit heraus ein kleiner Straßenzug überzubrodeln droht vor Gewalt und Angst. Protagonisten sind der ungeoutete Schwule Harry Black, von Stephen Lang brillant interpretiert, dessen Leben eine einzige, große Lüge ist, sowie die ungeliebte Nutte Tralala, die Zärtlichkeit und Aufopferungsbereitschaft bestenfalls vom Hörensagen kennt. Beide erleben sie ihren jeweiligen Super-GAU innerhalb dieser misanthropischen Gemeinde, in der nur überlebt, wer die größte Klappe und das schnellste Messer hat.
Eine Adaption stand 1989 schon länger ins Haus; unter anderem plante Ralph Bakshi bereits eine in den Siebzigern, die dann jedoch gecancelt wurde. Später erwarb Bernd Eichinger die Rechte, dessen Neue Constantin ja bereits damals dafür bekannt war, große, respektive Aufsehen erregende Weltliteratur kinotauglich aufzubereiten; schlag nach unter dem ebenfalls von Edel inszenierten "Christiane F.", "Die unendliche Geschichte" und "Der Name der Rose" sowie natürlich seinem später noch folgenden Ausstoß. So kommt es, dass dieser uramerikanische Film zu großen Teilen in den Münchener Bavaria Studios gedrehtwurde - was ihm glücklicherweise zu keiner Sekunde schadet. Im Gegenteil, die teils eindeutig als Atelierkulisse zu identifizierenden Schauplätze bereichern den Film durch ihre Artifizialität. Wie in "Christiane F." vermag Uli Edel es, eine ebenso berückende wie bedrückende Atmosphäre zu kreieren und Selbys allenthalben erklärtem, grenzenlosen Hass gegen jede Form von körperlicher und psychischer Gewaltanwendung passendes Bildgut zu verleihen. Menschen und Körper werden zerbrochen und am Ende läuft der Kreislauf des Lebens und alles andere dann doch vergleichsweise unbeeindruckt weiter. Der Streik ist vorbei, man hat ausgekatert, ein neuer Montagmorgen in der Fabrik steht an.

9/10

Uli Edel Homosexualität period piece New York Ensemblefilm Hubert Selby Jr. Gewerkschaft Streik Bernd Eichinger


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PI (Darren Aronofsky/USA 1998)


"Press... Return."

Pi ~ USA 1998
Directed By: Darren Aronofsky

Der verschrobene Mathematiker Max Cohen (Sean Gullette) hat sich in ein Appartment in Chinatown zurückgezogen, wo er halbwegs ungestört forschen kann. Sein einziger Gesprächspartner ist sein früherer Lehrer und Mentor und jetziger Nachbar Sol Robeson (Mark Margolies). Max strebt nach der Entschlüsselung der Kreisberechnungszahl 'Pi', nach dem Zusammenhang zwischen Zahlen und Realität sowie der Möglichkeit, jede lebensweltliche Fügung durch Algorithmen voraus sagen zu können. Neben dieser Besessenheit verschafft ihm auch der stete Konsum allerlei psychoaktiver Substanzen zunehmend wahnhafte Visionen und Ängste. Als sowohl eine offenbar mächtige Organisation unbekannter Provenienz sowie ein jüdischer Geheimbund auf Max und seine Fortschritte aufmerksam werden und Sol verstirbt, droht Max endgültig dem Irrsinn anheim zu fallen...

Ist es der Name Gottes selbst, der Schlüssel zur Welt gar - oder doch bloß eine ordinäre, 216-stellige, numerische Abfolge? Darren Aronofsky jedenfalls zehrt noch heute von der kompromisslosen formalen Vollendung, die sein Langfilmdebüt und dessen direkten Nachfolgen auszeichnen: In immens kotrastüberstärktem, grobkörnigem Schwarzweiß gewährt der auteur uns Zugang in eine Psyche, die sich selbst ableugnet; eine Existenz, die jedwede positiv gefärbte Emotionalität vollends negiert und sich stattdessen bereitwillig mit der Entdeckung von Dingen befasst, deren mögliche Decodierung kein Leben auf der Welt lebenswerter machen könnte.
Eine bedrückende Fallstudie über ein in höchstem Maße verkabeltes, bemitleidenswertes, vor allem jedoch dringend hilfsbedürftiges Individuum, dessen Welt buchstäblich jedweder Farbe entbehrt, das allerdings zu beschäftigt ist, um auf suizidale Schlussfolgerungen zu kommen. Am Schluss, die zur Verfügung stehenden Psychopharmaka liegen längst jenseits all seiner Toleranzgrenzen, die letztmögliche Konsequenz: Eine Auto-Lobotomie muss her. Und erstaunlicherweise scheint diese sogar Wirkung zu zeigen - Banalität und Lächeln bahnen sich Raum...

10/10

Darren Aronofsky Mathematik New York ethnics Madness Verschwörung Drogen Sucht Transgression


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FRANCES (Graeme Clifford/USA 1982)


"Occupation?" - "Cocksucker."

Frances ~ USA 1982
Directed By: Graeme Clifford

Die in Seattle aufwachsende Frances Farmer (Jessica Lange) gilt schon als junge Frau als höchst unkonventionell. In einem Schulaufsatz konstatiert sie zum allgemeinen Entsetzen, dass Gott tot sei und eine gewonnene Reise nach Moskau scheint perfekt zu ihrem kommunistischen Gedankengut zu passen. Eine bald eingeschlagene Hollywood-Karriere gibt Frances rasch wieder auf, um an den Broadway zu gehen und dort in Inszenierungen ihres Galans Clifford Odets (Jeffrey DeMunn) aufzutreten. Doch der Studioboss Bebe (Allan Rich) lässt sich nicht gern beiseite drängen und sorgt mithilfe finanziellen Drucks und der Macht der Presse dafür, dass Frances wieder zurück an die Westküste kommt. Hier beginnt für sie eine Odyssee des Schreckens: Je mehr man sie versucht, in sozial akzeptierte Formate zu pressen, desto mehr lehnt sie sich auf. Ihre stets Frances' Geschicke beeinflussende Mutter sorgt schließßlich dafür, dass Frances entmündigt wird und mehrere Anstaltsaufenthalte durchläuft, an deren Ende sie, Jahre später, begradigt und normiert entlassen wird.

Kenneth Anger bezeichnete die spätere Geschichte der Frances Farmer als den "unerträglichsten und tragischsten Fall in der Geschichte Hollywoods". In der Tat demonstriert ihre noch immer kaum fassbare, nur allzu gern zur Tinseltown-Fußnote degradierte Biographie, mit welch leidenschaftlicher Zielstrebigkeit die Studios und ihre Mogule des golden age nicht nur gezielt aufbauen, sondern mindestens ebenso kompromisslos zerstören konnten. Frances Farmer hatte, als freigeistige, libertinäre Intellektuelle mit überaus inken Ansichten das Pech, das Äußere einer potenziellen Filmschönheit und schauspielerische Ambitionen in sich zu vereinen. Damit war sie nämlich, die permanente Intervention ihrer allmächtigen Mutter inbegriffen, den Filmbossen zum Fraß vorgeworfen. Als Frances sich darüber klar wurde und sich fortan weigerte, als kleines Getrieberädchen die Mühlen weitermahlen zu lassen, gipfelte dies in einem beispiellosen, zerstörerischen Bewurf ihrer Person: Kleine und große Skandale, Schlägereien, Pöbeleien und Saufgelage sowie ihre allerörtliche, standhafte Kooperationsverweigerung sorgten schließlich dafür, dass sie als hochsensibler Mensch mehr als zehn Jahre in offenen und geschlossenen Kliniken gegen ihren Willen zubringen musste und mit Insulin- und Elektroschocks "behandelt" wurde. Das Gerücht, dass Frances zum Ende ihres Psychiatrie-Aufenthalts hin sogar einer transorbitalen Lobotomie unterzogen wurde, welches im Zuge einer höchst unangenehmen Szene auch der Film skandiert, erwies sich im Nachhinein als unhaltbar.
Abgesehen davon gelang Clifford eine wahrlich großartige, manchmal nur schwer erträgliche Studie über pathologischen Maternalismus sowie über die bloße Illusion von Glitzer und Glamour in einer tatsächlich alles andere als demokratisch basierten Welt und Zeit. Besonders empfehlenswert im Doppel mit Frank Perrys "Mommie Dearest", in dem die Mutter-Tochter-Rollen vertauscht sind.

9/10

Graeme Clifford period piece Seattle Hollywood Biopic Psychiatrie Mutter & Tochter





Filmtagebuch von...

Funxton

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