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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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RESERVOIR DOGS (Quentin Tarantino/USA 1992)


"You ever listen to K-Billy's "Super Sounds of the Seventies" weekend? It's my personal favorite."

Reservoir Dogs ~ USA 1992
Directed By: Quentin Tarantino

Ein von dem Gangsterboss Joe Cabot (Lawrence Tierney) und seinem Sohn Nice Guy Eddie (Chris Penn) angeheuertes, aus sechs Gaunern bestehendes Team soll einen akkurat geplanten Diamantenraub vollführen. Doch die Sache läuft gehörig aus dem Ruder, weil einer der sich zuvor untereinander unbekannten Teilnehmer ein Undercover-Cop ist, der bereits im Vorhinein seine Leute zum Schauplatz des Verbrechens beordert hat. Nachdem der schießwütige Mr. Blonde (Michael Madsen) vor Ort ein Massaker angerichtet hat und bereits zwei der Ganoven, Mr. Blue (Eddie Bunker) und Mr. Brown (Quentin Tarantino) dran glauben mussten, treffen die Übrigen nach und nach am verabredeten Treffpunkt, einer Lagerhalle, ein. Mr. Orange (Tim Roth) hat einen Bauchschuss und verblutet langsam, derweil Mr. White (Harvey Keitel) und Mr. Pink (Steve Buscemi) die Sache halbwegs ruhig und überlegt überblicken. Als Mr. Blonde mit einem gekidnappten Polizisten (Kirk Baltz) auftaucht, wartet bereits die nächste Katastrophe...

Als Quentin Tarantinos erste Filme bei uns auftauchten, sprich "Reservoir Dogs" und der von ihm gescriptete "True Romance", war ich wie viele andere ein ausgemachter Fan des Mannes und himmelte seine Arbeiten an - für einen 17- bis 20-jährigen Kinogänger zu dieser Zeit ganz gewiss nichts Ungewöhnliches. Als ich dann zu studieren anfing und in jeder noch so abgewichsten Klitsche, in der sich eine Party abspielte, ein "Pulp Fiction"-Poster vorfand, erkaltete meine Bewunderung für diesen plötzlich zum langweiligen Salonthema avancierten Filmemacher; ich wollte ihn bestenfalls nurmehr nett finden und jedes ihm zugewandte Gespräch mit demonstrativem Gähnen quittieren. Tarantino als "everybody's darling", der dann auch noch von Hinz und Kunz plagiiert wurde - das gefiel mir, der ich mich Trends stets tapfer verweigert habe, ganz und gar nicht. Dass er mit "Jackie Brown" seinen wie ich bis heute finde stärksten Film vorgelegt hat und nach "Hype Fiction" eigentlich alles genau richtig gemacht hat, war mir dann demonstrativ egal. "Reservoir Dogs" und "Pulp Fiction habe ich nach zuvor mitunter pathologischen Überdosierungen zum letzten Mal vor geschätzt fünfzehn Jahren gesehen und jetzt mal wieder Lust drauf bekommen. Zu ersterem darf ich schonmal sagen, dass er mich neuerlich begeistert konnte. Als einen ungeheuer frischen Film habe ich ihn just wieder wahrgenommen, voll von leidenschaftlichem fandom, angenehm exzessiv, getragen von einem unschlagbaren Narzissmus und, wenngleich betreffs seiner inszenatorischen Qualität weit hinter den meisten wirklich großen, klassischen amerikanischen Regisseuren liegend, als ein Musterexemplar seiner Gattung, dem längst selbst ein Platz im Olymp der nachwuchsinspirierenden Werke gebührt. Gewissermaßen schade angesichs dessen, dass Tarantino gezwungenermaßen zum Opfer seines eigenen Kults wurde - und es bis heute, ebenso gezwungenermaßen, geblieben ist.

9/10

Quentin Tarantino Ensemblefilm undercover Freundschaft Los Angeles Heist


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REDD INC. (Daniel Krige/USA 2012)


"This is your fifth and last caution!"

Redd Inc. (Headhunt) ~ USA 2012
Directed By: Daniel Krige

Der Serienmörder Thomas Reddman (Nicholas Hope), der seine fünf Opfer allesamt enthauptete, gilt als tot und begraben, als sich die Kronzeugin des Prozesses, die Internet-Stripperin Annabelle (Kelly Paterniti) nach einem Überfall in der Wohnung zusammen mit den übrigen an Reddmans Verurteilung beteiligten Personen an einem mit Arbeits-Computern ausgestattetem Tisch angekettet wiederfindet. Reddman ist mitnichten tot und fordert seine Gefangenen auf, nach Beweisen für seine Unschuld zu suchen. Wenngleich eine Geisel nach der anderen das Zeitliche segnen muss, erkennt Annabelle bald, dass ihr Peiniger zwar vollkommen verrückt, aber mitnichten der damals gesuchte "Headhunter" ist. Der sitzt indessen unentlarvt am gleichen Tisch wie sie...

Ein langweiliger Stinker, hässlich und blöd. Da kann die "Fangoria" noch so vielversprechend als Schirmherr auftreten und Tom Savini noch hundertmal in den Credits stolz geschwellt als S-F/X-Supervisor aufgeführt werden und ein dem Streifen ein Cameo spendieren; geadelt wird das Ding dadurch trotzdem nicht. "Redd Inc." hangelt sich lediglich von einer seiner immerhin fiesen, handgemachten und ordentlichen Gore-Sequenzen zur nächsten; hat dazwischen jedoch nurmehr katastrophale Leerläufe zu bieten und entlarvt sich damit selbst als ideenloser Käse. Das Szenario - ein gemeingefährlicher Schizo verschafft sich seine Privatrache, indem er die Denunzianten an ihm und an der Moral in einer schummrigen Lokalität bis aufs Blut drangsaliert, erscheint mir mit jedem Male, da ich es seit "Saw" gesehen habe, unorigineller und obsoleter.
Daher, liebe Nachwuchsfilmer, jene repräsentierend lieber Mr. Krige -- lasst euch endlich mal was Neues einfallen, auf dass im Genre weniger redundanter Bodensatz und wieder mehr Sehenswertes entstehe. Danke und liebe Grüße, gez. ein Fan.

2/10

Daniel Krige Splatter Groteske Serienmord


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L'ANNÉE DERNIÈRE À MARIENBAD (Alain Resnais/F, I 1961)


Zitat entfällt.

L'Année Dernière À Marienbad (Letztes Jahr in Marienbad) ~ F/I 1961
Directed By: Alain Resnais

Eine Frau, A (Delphine Seyrig) und ein Mann, X (Giorgio Albertazzi) begegnen sich in einem mondänen Kurhotel. X versucht, A davon zu überzeugen, dass man sich bereits vor einem Jahr kennen (und auch lieben) gelernt habe und dass sie ihn nach einer kurzen Romanze dazu angehalten habe, noch über ebendiese Distanz auf sie zu warten. Nun allerdings will A nichts mehr von einer wie auch immer gearteten Bekanntschaft mit X wissen; sie sähe ihn heuer zum ersten Mal.

Resnais' zweiter Langfilm "L'Année Dernière À Marienbad" gibt sich jede Menge Mühe, Kunst zu sein. Narration und Chronologie verschwimmen zusehends, die an Installationen erinnernden Bilder gleichen artifiziellen Arrangements, symbolisch für die unterschiedlichen Versionen der beiden Protagonisten wechseln die Perspektiven häufig aufs Abenteuerlichste, so dass sich in der einen Einstellung noch der berühmte Lustgarten im Hintergrund zeigt und in der anderen eine Furt. Die gezeigten Abläufe folgen, so sich dieses Verb hier überhaupt anbietet, bestenfalls einer Traumlogik; Assoziation, stream of consciousness, Unterbewusstsein, Sublimierung. Vielleicht findet all das im Zuge einer Hypnosesitzung beim Psychiater statt, die eine erlebte Vergewaltigung aufarbeiten soll, möglicherweise auch den sich seiner Schuld unbewussten Täter therapiert. Wenngleich Delphine Seyrig traumhaft schön ist und der mit ihr anscheinend legal verbendelte Sacha Pitoëff als M allein durch seine hohlwangige Physiognomie gepflegten Grusel verbreitet (ein Stück weit ist "Marienbad" nämlich auch Horrorfilm und seine Figuren sind Gespenster), so erweist sich die perfekt komponierte Photographie (Sacha Vierny) als die größte Attraktion des Films. Die in verschiedenen bayrischen Palästen und Schlössern getätigten Aufnahmen zeigen das namenlose Hotel selbst als eine Art schlafenden Organismus, dessen lange Gänge voller Gemälde, feinster Teppiche und Bergen von Stuck es wie ein unendliches Adergeäst durchziehen.
"Marienbad" ist kein im Vorbeigehen zu konsumierender Film, er will eher erfahren denn gesehen werden. Zeit seiner Existenz stößt er Massen von Publikum vor den Kopf und hat bereits in seiner frühesten Aufführungszeit die Leute in Scharen aus dem Kino gejagt. Über solche Filme weiß man heute: Sie sind oft die lohnenwertesten.

9/10

Alain Resnais Alain Robbe-Grillet Volker Schlöndorff Nouvelle Vague Surrealismus period piece


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EIN MÄDCHEN AUS FLANDERN (Helmut Käutner/BRD 1956)


"Der hatte'n Riecher für Blumen. War Lehrer."

Ein Mädchen aus Flandern ~ BRD 1956
Directed By: Helmut Käutner

Leutnant Alexander Heller (Maximilian Schell), dessen Vater General Haller (Friedrich Domin) längst eine militärische Legende im Kaiserreich ist, kämpft 1914 an der Front in Flandern. Als er mit seiner Garnison durch ein kleines Dorf zieht, begegnet er der scheuen Angeline (Nicole Berger), die er fortan nicht mehr vergessen kann. Immer wieder sucht er während der Kriegsjahre nach dem Mädchen, das ihrerseits die heimischen Partisanen unterstützt, und dessen weitere Odyssee es in ein Arbeitslager und später, als Zigarettenmädchen, in ein Brüsseler Bordell verschlägt. Alexanders Romanze mit seiner Angeline jedoch bleibt trotz aller kriegerischen Wirrnisse stets präsent, bis er am Ende sogar bereit ist, für sie zu desertieren.

Eine bittersüße Kriegsromanze, die glücklicherweise ein glückliches Ende für (fast) alle Beteiligten bereithält; sonst könnte man sie vor lauter zurückbleibendem Weltschmerz wohl auch kaum mehr ertragen. Was diese zwei durchweg guten Menschen alles durchmachen müssen, um sich schlussendlich und vor allem wohlverdient in die Arme schließen zu können, das bedeutet schon in "Ein Mädchen aus Flandern" allerschwerste Existenzbürde. Vor allem jedoch zeigt er, dass der bundesdeutsche Film selbst in den Wirtschaftswunderjahren, in denen Heimatfilm, Eskapismus und Vergangeheitsignoranz oberste Priorität im Kino hatte, immer wieder leuchtende Vorbilder hervorbrachte und noch immer, trotz der zwischenzeitlichen Nazi-Regentschaft und des damit einhergehenden Massen-Exodus großer Filmkünstler, durchaus internationale Konkurrenzfähigkeit besaß.
Große Schauspieler in kleinen und Kleinstrollen sind zu sehen, etwa Ralf Wolter, der in einer beeindruckenden Szene als Gefreiter einen kurzen, aber umso tragischeren Schützengraben-Tod stirbt, Wolfgang Völz, Herbert Weissbach, Fritz Tillmann und ein launiger Gert Fröbe als beleidigter, polternder Rittmeister mitsamt Monokel und Bismarck-Schnauzbart.
Nicole Berger ist derweil in der Tat zauberhaft und Schell demonstriert, dass er zu Hohem geboren ist.
Rundum fein!

9/10

Helmut Käutner Carl Zuckmayer WWI Vater & Sohn


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ONNA HISSATSU KEN (Kazuhiko Yamaguchi/J 1974)


Zitat entfällt.

Onna Hissatsu Ken (Die Karate-Tiger) ~ J 1974
Directed By: Kazuhiko Yamaguchi

In Hong Kong erfährt die Karate-Meisterin Koryu (Etsuko Shihomi), dass ihr verschwundener Bruder Mansei (Hiroshi Miyauchi) als Undercover-Agent für die Polizei gearbeitet hat. Koryu verfolgt Manseis Spur in übelste Rauschgifthändler-Kreise und stößt auf den Unterwelt-Boss Kakuzaki (Bin Amatsu), der sich Weltklasse-Kämpfer aller Couleur wie einen Privatzoo hält. An diesem muss Koryu erst vorbei, um sich zu Mansei, der in Kazuakis Verlies als gezüchtetes Heroinwrack dahinvegetiert, durchzuschlagen. Behilflich ist ihr dabei unter anderem der Shaolin-Meister Hibiki (Sonny Chiba).

Japanischer Karate-Irrsinn vom Feinsten, mitsamt 180-Grad-Kopfesverdrehung und herausquellendem Gedärm im Finale. Vorher schleppt sich "Onna Hissatsu Ken" hier und da etwas träge über die Runden, schließlich will ein Sinn erst installiert sein. Es gibt natürlich einstweilen auch viel zu lachen, wenn all die Superkämpfer vorgestellt werden, die da gegeneinander antreten - zum einen die zynischen, lichtscheuen Yakuza-Killer mit ihren duften Outfits und Spezialwaffen, zum anderen die Tempel-Schüler, die unter der Swastika des Glücks Nächstenliebe gepredigt bekommen und dass man nur kämpfen darf, um sich zu verteidigen (dann aber richtig, nämlich "wie ein Tiger"). Dass alles ist gerade so verrückt wie japanischer Sleaze der Mittsiebziger es eben zu sein hat und bereitet dementsprechend Vergnügen. Der zu englisch auch als "Sister Street Fighter" bekannte, und sich damit an die Chiba-Filme anlehnende Knaller hält zwar mit selbigen nicht ganz Schritt, langt aber immer noch ordentlich hin und, das Wichtigste, lässt die schwitzende, sich abrackernde Protagonistin als eine erscheinen, die es ernst meint.

6/10

Kazuhiko Yamaguchi Hong Kong Yakuza Martial Arts Japan Sleaze


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LIPSTICK (Lamont Johnson/USA 1976)


"Stop!"

Lipstick (Eine Frau sieht rot) ~ USA 1976
Directed By: Lamont Johnson

Chris McCormick (Margaux Hemingway), populäres Fotomodell für Lippenstift und ähnliche Kosmetikartikel, findet sich eines Abends in ihrer Wohnung von dem eigentlich unscheinbaren und zuvor freundlich auftretenden Musiklehrer ihrer dreizehnjährigen Schwester Kathy (Mariel Hemingway), Gordon Stuart (Chris Sarandon), überfallen und brutal vergewaltigt. Trotz der leidenschaftlich für sie kämpfenden Staatsanwältin Carla Bondi (Anne Bancroft) wird Stuart vor Gericht für unschuldig erklärt und darf sogar seinem Beruf an einer katholischen Mädchenschule weiterhin nachgehen. Doch es geht nach wie vor höchste Gefahr von dem gestörten Mann aus, was ausgerechnet Kathy am eigenen Leibe zu spüren bekommt...

Ein wenig wie eine Vorab-Light-Version von späteren Rape-&-Revenge-Klassikern wie Zarchis "Day Of The Woman" oder Ferraras "Ms. 45" wirkt Johnsons zeitweilig doch recht unangenehm einschlagendes Thriller-Drama. Zwar bleibt "Lipstick" betreffs seiner visuellen Gestaltung und Eindeutigkeit vergleichsweise zurückhaltend, das mindert seine intendierte Wirkung jedoch kaum. Das dramatische Gefühl des Ausgeliefertseins, der Verlust der Glaubwürdigkeit vor den Augen einer wahrnehmungsgetrübten, misogynen Justiz und vor allem die latente Angst vor dem freigesprochenen Täter, die sich dann auch noch auf das Schlimmste bestätigt findet; all diese Schreckensszenarien nutzt "Lipstick" effektvoll, um die Kurzschluss-Reaktion des Opfers gegen Ende zumindest erklärbar zu machen. Dass der Film bei seinem ernsthaften Sujet hier und da dann doch etwas überspannt mit sleaze'n grease liebäugelt sich vollends auf die Opfer-Perspektive konzentriert und den Täter gewissermaßen als Menschenmüll denunziert, muss man ihm im Hinblick auf seine wütenden Anspruch gewissermaßen nachsehen. Seiner starken Spannung und Sehenswertigkeit beraubt ihm all dies nicht.

8/10

Lamont Johnson Vergewaltigung courtroom Rape & Revenge Madness Schwestern Los Angeles Modelbranche Paraphilie


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THE MASTER OF BALLANTRAE (William Keighley/USA 1953)


"I have a style of my own."

The Master Of Ballantrae (Der Freibeuter) ~ USA 1953
Directed By: William Keighley

Schottland, Mitte des 18. Jahrhunderts: Nach der verlorenen Schlacht bei Culloden irrt Bonnie Prince Charlie, jüngster Repräsentat des alten Königshauses der Stuarts, durch das Hochland, stets auf der Flucht vor den Regierungstruppen Georgs II. Unter den Edelleuten hat er jedoch nach wie vor viele Sympathisanten, so den Gutserben Jamie Durie (Errol Flynn), der als Partisan gegen die englischen Besatzer kämpft, jedoch bald selbst zur Flucht gezwungen ist. Zusammen mit dem Iren Burke (Roger Livesey) glaubt Jamie sich irrigerweise von seinem jüngeren Bruder Henry (Anthony Steel) verraten und gerät über Umwege zu den Westindischen Inseln, wo er sich mitsamt seinem Freund bald mitten im Piraten-Milieu wiederfindet. Zusammen kapert man eine spanische Galeone und reist zurück in die Heimat, um die offenen Rechnungen zu begleichen.

Farbenprächtiges Flynn-Vehikel, das den langsam doch älter werdenden und vor allem infolge seiner privaten Exzesse etwas aufgedunsen wirkenden Hollywood-Charmeur durch seine Atelier-Kulissen jagt. Nicht ganz so berauschend wie der kurz zuvor entstandene "Against All Flags" führt Flynns jüngster Brot- bzw. Whiskey-Erwerb ihn neuerlich zumindest behauptet in sonnige Gefilde, sprich die Karibik. Hier erhält der von daheim Vertriebene und sich verraten glaubende Gentleman die Chance, Manneserfahrungen zu sammeln, indem er einen alten, versoffenen Piratenkapitän (Charles Goldner) aufs Kreuz legt und einen anderen, zudem eitlen, französischen Gecken (Jacques Berthier) im Fechtzweikampf in die Schranken weist. Das alles funktioniert natürlich wie am Schnürchen, so dass die Erzählzeit nicht überstrapaziert wird und Jamie Durie flugs wieder diesseits des Atlantiks zurückfindet. Dort wird dann noch ein par Rotröcken gepflegt der Hintern versohlt, das schwelende, brüderliche Missverständnis aufgeklärt und - geheiratet! Alles wieder im Lot nördlich des Hadrianswalls. Oder zumindest im hauseigenen Umfeld.

7/10

William Keighley Schottland Historie Karibik Piraten Seefahrt Widerstand period piece Brüder Freundschaft Rache Jack Cardiff


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NIGHT WILL FALL (André Singer/UK 2014)


"With freedom came the truth."

Night Will Fall ~ UK 2014
Directed By: André Singer

Als die alliierten Befreier im Frühjahr 1945 in Deutschland einmarschieren, ist ihnen der Begriff "Konzentrationslager" zwar geläufig, was sich in Wahrheit jedoch hinter den Stacheldrahtzäunen von Bergen-Belsen, Buchenwald, Ebensee und Auschwitz verbirgt, das mochte sich zuvor niemand von ihnen vorstellen. Berge von Leichen ausgezehrter, verhungerter, ermordeter Inhaftierter, eilends ausgehobene Massengräber, Vernichtungsmaschinerien von den Verbrennungsöfen über Gaskammern und Zyklon-B-Bestände. Die noch anwesenden Überlebenden sind zunächst als Menschen kaum mehr wahrzunehmen. Mehr tote als lebendige, von Seuchen gezeichnete, lebende Skelette. Mit den Soldaten kommen auch Kamerateams, die das Grauen auf 35mm-Schwarzweiß-Film und später in 16mm-Farbe dokumentieren. Aus den um die KZs herum liegenden Dörfern und Städten werden Würdenträger und Bürger dazu verpflichtet, sich die Überbleibsel der Gräuel anzuschauen, sich mit iohnen zu konfrontieren - mit dem, was vielen von ihnen ohnehin längst bekannt war oder sie zumindest ahnten. Niemand soll später sagen können, er habe von nichts gewusst oder alles sei lediglich der gut geölten Propagandamaschinerie der Siegermächte zuzuschreiben. Die in Auschwitz landenden Rotarmisten bekennen sich später dazu, in der Not ihrer Beweispflichts-Situation vor Ort einzelne Szenarien originalgetreu nachgestellt zu haben: Zwillingspärchen, die Mengeles barbarische Experimente überlebt haben, müssen vor der Kamera vorbeidefilieren. Das von dem Undenkbaren zeugende Bildmaterial, das zunächst in London zu einem "Lehrfilm" für die deutsche Bevölkerung zusammengeschnitten werden soll und an dem kurzzeitig sogar der eilends aus Hollywood eingeschiffte Alfred Hitchcock als technischer Berater arbeitet, wird nicht zur endgültigen, formellen Reife gebracht. Die Amerikaner fertigen daraus später ein sehr viel kürzeres, tendenzielleres Anklagewerk und auch bei den Nürnberger Prozessen finden die Rollen Verwendung. Erst letzthin wurde das Werk "German Concentration Camps Factual Survey" von Mitarbeitern des Britischen Kriegsmuseums in seiner ursprünglich intendierten, integralen Fassung aufbereitet.
"Night Will Fall" dokumentiert die Evolution dieses Films, ist also eine Dokumentation über eine Dokumentation. Was hierin zu sehen ist, wird den Allermeisten zumindest auszugsweise nicht unbekannt sein und kann andere Holocaust-Filme wie die von Ophüls oder Lanzmann bestenfalls ergänzen. Dennoch brennt sich jede authentische, rezitierte Einstellung aus "Night Will Fall" unweigerlich auf die Retina des Zuschauers. Man darf hier nicht wegschauen. Der industrielle Tod, der all diese unschuldigen Menschen ereilte, die wiederum fachgerechte Beseitigung durch ihre vormaligen Peiniger, eine unwürdige, angesichts der Dringlichkeit der Lage jedoch unvermeidbare, entwürdigende Behandlung selbst der Leichen wie lebloses Vieh, das zu immer höheren Lagen aufgeschichtet wird. Tausende und Abertausende von Biographien - einfach ausgelöscht.
Zurück bleibt nur unendliche Betrübnis.
Pflichtprogramm.

10/10

Alfred Hitchcock Billy Wilder Nationalsozialismus Holocaust WWII Film im Film André Singer


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ET DIEU... CRÉA LA FEMME (Roger Vadim/F, I 1956)


Zitat entfällt.

Et Dieu... Créa La Femme (...und immer lockt das Weib) ~ F/I 1956
Directed By: Roger Vadim

Die aufreizend-sinnliche Juliete (Brigitte Bardot) ist in St. Tropez bekannt wie ein bunter Hund - alle Männer zwischen 15 und 75 hecheln ihr hinterher wie Nachbars Lumpi und sie genießt die testeronale Aufmerksamkeit mit einigem Körpereinsatz. Besonders dem gesetzten Unternehmer Carradine (Curd Jürgens) hat sie es angetan. Doch ausgerechnet Antoine Tardieu (Christian Marquand), den sie selbst aufrichtig liebt, sieht in Juliete wie die meisten anderen nur die flotte Dorfschlampe, die man einmal rumkriegen und dann absägen sollte. So kommt es, dass Juliete Antoines jüngeren Bruder Michel (Jean-Louis Trintignant) ehelicht, mit dem sie zunächst glücklich wird. Doch ein Geschäft zwischen Carradine und den Tardieus sorgt dafür, dass der zuvor weggezogene Antoine zurückkehrt nach St. Tropez. Das Unglück ist vorprogrammiert...

Roger Vadims Regiedebüt in knalligen Farben und Scope ist zugleich sein populärster Film geblieben. Die Sittenwächter liefen im Entstehungsland von "Et Dieue... Créa La Femme" Sturm gegen die tatsächlich jeweils nur angedeutete Nacktheit der Hauptdarstellerin, zugleich Vadims damalige Muse, Ehefrau und damit die Erste einer ganzen Riege von mondänen Schönheiten, die der gewiefte Franzrussen-Philou sich zeitlebens in die Kiste und vor die Linse holte. Tatsächlich befand sich die damals 22-jährige BB in einem "gefährlichen" Stadium: Zwischen Lolita (Gesicht) und Vollweib (Rest) changierend bringt sie die ganze Tragik knospender weiblicher Schönheit auf den Punkt: Zwischen Gefallsucht und echtem Liebesbedürfnis liegt nämlich eine weite Kluft, die Juliete erst durchschreiten muss, bevor sie eine vernünftige Ehe zu führen bereit ist. Doch ernsthaft: Der Film ist so schick photographiert wie erzreaktionär in seinem Geschlechterbild und wahrscheinlich ein Höhepunkt verfilzter Misogynie. BBs Figur ist zu unvernünftig und triebgesteuert, um auch nur eine Sekunde lang autonom geschweige denn rational agieren zu können; das arme Mädchen kann, sow wie es gebaut ist, ja gar nicht anders, als seine körperlichen Reize im Dauereinsatz rotieren zu lassen. Also muss nicht sie sich emanzipieren - denn das schaffte sie ohnehin nicht - sondern der Ehemann, der vom geschrumpften Pantoffelhelden über sich hinauswächst, den großen Bruder zusammenwichst und seinem betrunkenen Weibchen ein paar gepfefferte Backpfeifen verpasst, bevor diese dann erleichtert und reumütig hinter ihm her nach Hause trottet. Und der Curd, der hat ja eh schon alles gewusst. Leider kommt er bei Juliete nicht zum Zuge, aber als Graue Eminenz von St. Tropez macht ihm trotzdem keiner was vor.

Roger Vadim Femme Fatale Côte dAzur Ehe amour fou Camp


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SHAO LIN SAN SHI LIU FANG (Chia Liang Liu/HK 1978)


Zitat entfällt.

Shao Lin San Shi Liu Fang (Die 36 Kammern der Shaolin) ~ HK 1978
Directed By: Chia Liang Liu

Der in Kanton herrschende Mandschuren-Despot Tien Ta (Lo Lieh) knechtet das Volk nach persönlichem Gutdünken und erstickt jede Rebellion schon im Keim. Zu seinen Opfern zählt auch die Familie des Studenten San Te (Gordon Liu), der zu einem abgelegenen Shaolin-Kloster aufbricht, um dort die Kunst des Kung Fu zu erlernen und die erworbenen Kenntnisse in seiner Heimat weiterzugeben. Mithilfe einer solch schlagkräftigen Truppe plant er, Tien Ta zu entmachten. Zunächst jedoch muss San Te selbst die weisen Lehren Buddhas begreifen und sich zahlreichen Prüfungen stellen. Nach einigen Jahren und zum Ende seiner Ausbildung bricht er dann wieder heimwärts auf, um seine selbstauferlegte Mission zu verwirklichen.

Disziplin noch und nöcher - ist schon toll, wenn man solchen Ehrgeiz bemühen, Verzicht üben und sich zu einer drahtigen Kampfmaschine mit perfekter Technik stählen kann. Hat jeder meinen Segen, der sich das antun will, auch und vor allem Gordon Liu, der sich mit dem nötigen Charisma durch diesen "Ausbildungs"-Film wurschtelt. Einige der abzulegenen Exerzizien machen einen schon beim bloßen Zuschauen mürbe, so dass man ganz froh ist, fett und faul auf der Couch liegen und Pils trinken zu können, derweil andere sich abrackern auf der Suche nach wahrer Erleuchtung. Auch wenn der ganz bestimmt gut gemeinte philosophische Überbau des Films, von dem immer geringer werdenden Rache-Motiv einmal abgesehen, mich nicht kratzte, muss ich Chia Liang Lu doch zugestehen, einen mustergültigen Job gemacht zu haben. "Shao Lin San Shi Liu Fang" enthält sich unnötiger Albernheiten und verfolgt straight seinen Kurs, in netten Kulissen, mit schönen Kostümen und Leuten, die ihr Handwerk in jeder Hinsicht verstehen.

8/10

Chia Liang Liu Martial Arts Shaw Bros. Shaolin period piece





Filmtagebuch von...

Funxton

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