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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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POMPEII (Paul W.S. Anderson/USA, CA, D 2014)


"They who are about to die salute you!"

Pompeii ~ USA/CA/D 2014
Directed By: Paul W.S. Anderson

Der Gladiator Milo (Kit Harrington) ist der letzte Überlebende eines von dem damaligen Feldherrn und jetzigem Senator Corvus (Kiefer Sutherland) gnadenlos niedergeschlagenen Kelten-Aufstands. Als Kind (Dylan Schombing) hatte Milo mit ansehen müssen, wie Corvus höchstpersönlich seine Eltern abschlachtete. Nunmehr steht er im Dienste des Gladiatorenbesitzers Graecus (Joe Pingue), der ihn nach Pompeii bringt, um dort die durch den reichen Patrizier Severus (Jared Harris) geplante Stadtrenovierung mittels seiner Spiele zu begleiten. Milo verliebt sich in Severus' Tochter Cassia (Emily Browning), auf die auch der sich ebenfalls vor Ort befindende Corvus ein Auge geworfen hat und schließt Freundschaft mit einem eigentlichen Todfeind, dem Gladiatoren Atticus (Adewale Akinnuoye-Agbaje). Bevor Corvus Severus nötigen kann, ihm Cassia zur Gemahlin zu geben, bricht der Vesuv aus und begräbt die Stadt unter sich - nicht ohne Milo Zeit für seine Rache zu lassen.

Dass derart reuelos gefertigter Camp wie "Pompeii" auch heute noch, da alles nach Perfektion und Reibungslosigkeit strebt, in die Kinos gelangt, mag nicht unbedingt als schlechtes Zeichen gelten. Ich kenne längst nicht alle seine Filme, aber ich schätze, Paul W.S. Anderson zählte und zählt kaum zu den filigraner vorgehenden Studio-Handwerkern. Hier aktualisiert er keinesfalls (und wie ich bis dato glaubte) die berühmte Geschichte von Bulwer-Lytton um Glaucus und Ione, sondern eine neu erfundene Story, die mehr oder minder grob die letzten fünfzehn Jahre popkultureller Aufbereitung des Römischen Reichs unter einen Hut zu bringen versucht. Ohne Gladiatoren geht es also schonmal nicht und weil "Game Of Thrones" momentan alle Welt umtreibt, holte man sich kurzerhand noch Jon Snow für die Hauptrolle hinzu. Das Script und auch seine Umsetzung nehmen sich in etwa so elegant aus wie ein Wikinger-Essen; im Grunde stimmt hier vorne nichts und hinten schon gar nichts. Man mag bei der Inszenierung beginnen, die sich nicht von gängigen TV-Formaten abgrenzen kann (oder will?), beim Script, das aber auch wirklich kein noch so offensichtliches Klischee-Fettnäpfchen auslässt fortfahren und von den Darstellern, von denen bestenfalls Kiefer Sutherland die Leinwand auszufüllen imstande wäre, der sich hier jedoch dem allgemeinen Niveau anpasst, zum Einsatz des audiovisuellen Effektefundus' gelangen, der sich ganz schamlos zum primären Entertainmentfaktor deklariert. Kurzum: "Pompeii" ist unverhohlen strunzdämlich, steht jedoch zu sich und seinem schlichten Geflecht in unerschütterlicher Selbstverleugnung und bereitet gerade deshalb schuldiges Vergnügen. Leider fällt er alles in allem ein wenig zu brav aus. Dennoch: ein glatter Anachronismus, der sicher noch in ein paar Jahrzehnten seine ihm kultisch ergebenen Anhänger haben wird.

5/10

Paul W.S. Anderson Rom period piece Camp Pompeii Vulkan Rache Gladiatoren 3-D


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MANDELA: LONG WALK TO FREEDOM (Justin Chadwick/UK, SA 2013)


"People learn to hate. They can be taught to love, for love comes more naturally to the human heart."

Mandela: Long Walk To Freedom (Mandela - Der lange Weg zur Freiheit) ~ UK/SA 2013
Directed By: Justin Chadwick

Der Lebensweg Nelson Mandelas (Idris Elba) von seinen Anfängen als Anwalt der entrechten, schwarzen Bürger von Johannesburg über seine erste, scheiternde Ehe, seinen Eintritt in den ANC und gezielte Sabotageakte gegen das Apartheids-Minoritätssystem, seine zweite Ehe mit Winnie (Naomie Harris), die sich selbst zu einer radikalen Vorkämpferin entwickelt, über seine insgesamt fast 26 Jahre der Inhaftierung bis hin zu seiner Freilassung und seiner Präsidentschaft im neuen Südafrika.

Kein ungewöhnliches Biopic, das Justin Chadwick da basierend auf Mandelas Autobiographie erstellt hat - eher ein typisches, gefälliges Kinoepos über einen großen Weltpolitiker, der sich nie durch systemische Repression brechen ließ, sondern stattdessen ehern seine Linie verfolgte und der wachsenden, äußeren Repression umgekehrt proportional mit zunehmender Milde und offensiver Friedfertigkeit begegnete. Darüber zu spekulieren, ob Idris Elba mit seiner Athletenphysis der bestgeeignete Darsteller für Mandela war, erweist sich spätestens nach dem Genuss des Films als müßig. Der Spirit gibt ihm Recht.
Gewaltvoller Aktionismus, so die stete, begleitende Kadenz von Chadwicks formal überraschungsarmem Film, ist etwas für junge, wütende Männer, ungestüm und ohne rechte Lebenserfahrung; derweil eine kluge, langfristig wirkende Revolution einzig auf intellektuellem Wege - besonnen, gemächlich und gezielt von innen heraus - stattfinden kann. Mandelas Ziel eines freien Südafrika lässt Jahrzehnte auf sich warten; Qual, Entbehrung und Ungerechtigkeit gehen ihm voraus, bis "Madiba", wie ihn seine Anhänger liebevoll bei seinem Clannamen rufen, erste Erfolge im Kleinen erreicht. Lange Hosen für die schwarzen Gefängnisinsassen von Robben Island, die Weigerung, sich vom Direktor Badenhorst (David Butler) zermürben, oder auch nur provozieren zu lassen, bis er ihn schließich vor Ort "überlebt". Stets ist Mandela zu Verhandlungsgesprächen mit Regierungsrepräsentanten bereit, die nach langer Zeit und wachsendem internationalen Protest endlich gewahr werden, dass ihr so heißgeliebter Rassistenstaat längst zu den meistverachteten Ländern des Globus zählt. Dabei weicht der mittlerweile ergraute Mann nie von seiner Linie ab: Einen Status halber Freiheit, einen der großzügig offerierten "Mitbestimmung", kann und darf es nicht geben. Am Ende siegt der vormalige Verlierer, weil er am beharrlichsten ist. Natürlich werden auch Mandelas frühe "Irwege" nicht ausgespart; dass er dereinst ein flotter Feger war, der trotz vormaliger Familiengründung kein hübsches Mädchen von der Bettkante stieß, bleibt ebensowenig ein Geheimnis wie sein zwischenzeitlicher Aufruf zu gewalttätiger Gegenwehr. Das Schlussbild jedoch ist jener großen Eminenz des Freiheitskampfes gewidmet, wie die Welt sie in Erinnerung hat und haben soll.

7/10

Justin Chadwick Südafrika Apartheid period piece Historie Biopic Gefängnis Nelson Mandela Widerstand Rassismus Freundschaft Ehe


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THE PUBLIC EYE (Howard Franklin/USA 1992)


"Everybody loves to have their picture taken."

The Public Eye (Der Reporter) ~ USA 1992
Directed By: Howard Franklin

Im New York der frühen vierziger Jahre gibt es einen, der immer zur richtigen zeit am richtigen Ort ist: Leon Bernstein (Joe Pesci), freier Fotograf und Paparazzo, der vor allem Sensationsfotos von Tod und Elend schießt und diese dann gegen ein mittelprächtiges Entgelt an die Presse verscherbelt. Der einsame Leon sieht sich selbst als kunstbeflissener Großstadtchronist, vielleicht auch ein wenig, um seine schmutzige Profession abzuleugnen, weniger sensible Zeitgenossen bezeichnen ihn als "Blitzlichtratte". Als ihn Kay (Barbara Hershey), die Witwe des Nachtklubbesitzers Lou Levitz kontaktiert, um ihr Informationen über einen sie bedrängenden, angeblichen Partner (David Gianopoulos) ihres verblichenen Gatten zu geben, ist dies für Leon nur die erste Spur einer bis in höchste Politikerkreise reichende Schwarzbenzin-Affäre, in der der Mafiaboss Spoleto (Dominic Chianese) die Fäden zieht und sich unliebsamer Konkurrenten zu entledigen plant. Eine perfekte Möglichkeit, Leons Arbeit etwas aktionsnäher auszurichten...

Ein feiner neo noir, der, angesiedelt im klassischen Gangsterambiente, ausnahmsweise keinen ausgewiesenen Schnüffler, sondern einen weitflächig verachteten Zeitgenossen vom äußeren Bildrand zum Protagonisten deklariert. Die aufdringlichen, sensaionsgeilen Fotografen mit ihren riesigen Blitzlichtern nimmt man üblicherweise eher als mehr oder weniger lästiges Komparsengeschmeiß wahr - umso fälliger vielleicht eine wie in "The Public Eye" stattfindende Teilrehabilitierung ihres keineswegs belastungsarmen Berufsstandes im Kino. Joe Pesci hat hier ausnahmsweise die Möglichkeit, frei von Cholerik und explosivem Irrsinn zu agieren als ein eher schüchterner, sich nach Zuneigung sehnender Schmutzfink, der sich seine im Halblichtmilieu abspielende Arbeit schön redet und sie nur allzu gern als teuren Bildband ediert sähe. Den für eine solche Story unerlässlichen, glamourösen Faktor bringt eine großzügig dekolletierte Barbara Hershey mit ein, als nicht ganz durchsichtige Kay Levitz einen guten Kopf größer als der zudem schlecht gekleidete Leon Bernstein, die jedoch als einzige seinen Kern durchschimmern sieht. Das Ende bildet in seiner an "Taxi Driver" erinnernden Moralverkehrung einen passgenauen Abschluss für diesen kleinkalibrigen, jedoch wirklich sehenswerten Film.

8/10

New York period piece Howard Franklin Fotografie Mafia Verschwörung film noir neo noir


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THE KING OF MARVIN GARDENS (Bob Rafelson/USA 1972)


"It's you that behaves like a three-year-old!"

The King Of Marvin Gardens (Der König von Marvin Gardens) ~ USA 1972
Directed By: Bob Rafelson

David Staebler (Jack Nicholson), ein einsamer, verschrobener Intellektueller, der einmal die Woche seine Biographie in einer essayistischen Radiosendung Revue passieren lässt, erhält eine Einladung von seinem älteren Bruder Jason (Bruce Dern), nach Atlantic City zu kommen, wo große Pläne auf ihn warteten. David findet seinen Bruder vor Ort im Knast sitzend vor und erfährt, nachdem Jason auf Kaution draußen ist, von dessen angeblichem Großprojekt: Jason will eine kleine hawaiianische Insel kaufen, sich dorthin absetzen, ein Spielcasino eröffnen und es sich gut gehen lassen, seine beiden Mätressen Sally (Ellen Burstyn) und Jessica (Julia Anne Robinson) im Schlepptau. Sein Bruder soll als sein Geschäftspartner fungieren. Der sogleich skeptische David findet bald heraus, was wirklich hinter Jasons Plänen steckt: In Wahrheit fehlen ihm auf ganzer Linie die finanziellen Mittel sowie einige notwendige Unterschriften, um das Ganze stemmen zu können, außerdem kann Jason keinen Schritt tun ohne die Erlaubnis seines heimlichen Bosses Lewis (Scatman Crothers). Hinzu kommt noch, dass sich die Dreiecksbeziehung um Jason und die beiden Frauen als höchst wurmstichig erweist.

Wenngleich diese Chronik eines erwartungsgemäßen Todes doch etwas anders schließt, als man es noch kurz zuvor hätte vermuten wollen, bleibt sie eines der Hauptwerke und ein Motor New Hollywoods. Als fünfte (und vorletzte, wesentliche) Produktion der kurzlebigen BBS, deren Filme von Columbia vertrieben wurden, erschließt sich bereits die Maßstäblichkeit dieses cineastischen "Familienunternehmens". Mit Nicholson, Dern und Burstyn gibt es drei darstellerische Gallionsfiguren der Bewegung zu sehen; der Schauplatz Atlantic City - mehr Ostküste geht kaum - bietet in all seiner maroden, salzigen Herbstlichkeit in perfekt-intimes Endzeitszenario. Die Figurenkonstellation ist mittlerweile hinlänglich bekanntes und gebrauchtes Kinogut: Zwei Brüder, der eine still und vernünftig, der andere ein großschnäuziger Bonvivant voller Selbstillusionen treffen eines der wenigen Male in ihrem Erwachsenenleben aufeinander und entfachen allzuviel Reibungshitze, als dass ihre Begegnung gesund enden könnte. Was dem einen Träume und Hoffnungen, sind dem anderen Realismus und Bodennähe eine wahrhaft bipolare Beziehung. Durch die beiden merkwürdigen Frauen, deren Leben seltsam verfahren scheint (sie sind zum einen Stiefmutter und -tochter, pflegen jedoch parallel dazu ein erotisches Liebesverhältnis mit wechselndem Zuneigungsgrad hinsichtlich Jason; auch Hinweise auf Prostitution und Prostituierung gibt es), spitzt sich die Situation noch mehr zu. David zeigt Interesse an Jessica, ist jedoch zu schüchtern, um weitere Schritte zu unternehmen. Am Ende reißen alle Bänder und David landet wieder bei seinen Mikrofonmonologen. New Hollywood war eben oft unerbittlich.

9/10

Bob Rafelson New Hollywood Atlantic City New Jersey Philadelphia Brüder


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IT'$ ONLY MONEY (Frank Tashlin/USA 1962)


"Let 'em all loose!"

It'$ Only Money (Geld spielt keine Rolle) ~ USA 1962
Directed By: Frank Tashlin

Gern wäre der tolpatschige Fernsehmechaniker Lester March (Jerry Lewis) so ein cooler Privatschnüffler wie sein Lieblingskunde Pete Flint (Jesse White). Als über die Nachrichten bekannt wird, dass der berühmte Erfinder und Multimillionär Albright verstorben ist, sein einst verschollener Sohn als Haupterbe gesucht und für dessen Auffindung eine großzügige Belohnung in Aussicht gestellt wird, fackelt Lester nicht lang und dient sich Flint als Kollege an. Zu diesem Zeitpunkt ahnen beide noch nicht, dass es sich ausgerechnet bei Lester um den gesuchten Millionenknaben handelt. Der raffgierige Notar DeWitt (Zachary Scott) indes weiß längst Bescheid. Und er hat nicht vor, Lester die Penunze zukommen zu lassen...

Zum Zeitpunkt von "It'$ Only Money" waren Lewis und Tashlin längst ein eingespieltes Team, das auf eine ganze Stange gemeinsamer Erfolgsproduktionen zurückblicken konnte (wie zu Beginn ein paar abgerissene, aber gut sichtbar im Bild drapierte Kinoplakate früherer Werke beweisen) - fünf alles in allem, inklusive zweier Filme mit Dean Martin.
Diesen Titel würde ich irgendwo im qualitativen Mittelfeld ihrer Kooperation verorten. Tashlin konnte eine höchstpersönliche, technische Stärke - jene nämlich, VistaVision und Technicolor einzusetzen - leider nicht ausspielen. "It'$ Only Money" wirkt ein wenig wie ein allzu sparsam gehaltenes Abschreibungsobjekt, das zwischengeschoben wurde, um Terminpläne aufzufüllen. Selbstverständlich hat auch dieser Tashlin seine gloriosen Momente - Zachary Scott als schmieriger Popanz und Erbschleicher, der ständig fassungslos zu seiner Zukünftigen Cecilia (Mae Questel), der Schwester des verstorbenen Albright nämlich, hinüberlinst, weil diese schon wieder dämlich Turnübungen vollzieht oder ein Liedchen schmettert, ist ebensolch eine Schau wie sein Hausmörder Jack Weston. Auch Jesse White und wie seine Figur die Klischees des hardboiled genre parodiert, macht sich hervorragend.
Im Grunde passt und fügt sich soweit alles, nur das letzte polish, das ich von Tashlins Filmen üblicherweise gewohnt bin, das vermisse ich hier.

7/10

Jerry Lewis Erbschaft Frank Tashlin Kalifornien


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BETWEEN HEAVEN AND HELL (Richard Fleischer/USA 1956)


"You've been doin' more for me than you can imagine."

Between Heaven And Hell (Feuertaufe) ~ USA 1956
Directed By: Richard Fleischer

Mit seinem Einzug gegen die Japaner beginnt für Sam Gifford (Robert Wagner), einem jungen, dafür aber umso hochnäsigeren, arroganten, Baumwollprinz aus dem Süden, für den einzig die familiäre Herkunft über Wohl und Wehe von jedermann entscheidet, eine schmerzhafte Bewusstseinswerdung. Sein ihm vorgesetzter Offizier und zugleich sein Schwiegervater, der liebenswerte Colonel Cousins (Robert Keith), fällt während einer Routine-Expedition und Sam bleiben ausgerechnet seine drei daheim stets abschätzig von ihm behandelten Pflücker (Harvey Lembeck, L.Q. Jones, Skip Homeier) als Vertraute und beste Freunde. Als diese allesamt versehentlich von seinem heimischen Kompagnon, Lt. Mosby (Tod Andrews), erschossen werden, schlägt Gifford diesen fast tot. Zur Strafe erhält er die Wahl zwischen Militärgefängnis und dem verlotterten Bataillon des schwer gestörten Captain Grimes (Broderick Crawford). Hier findet er in dem Gefreiten Crawford (Buddy Ebsen), zu Haus ebenfalls ein einfacher Arbeiter, einen neuen guten Freund.

Viel an komplexer Charakterisierung und entsprechend differenzierungsbedürftiger Darstellung lastet hier auf den schmalen Schultern des noch jungen Robert Wagner - möglicherweise mehr, als er zu stemmen befähigt war. Dabei ist die Thematik - eine Projektion der gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Heimat auf das Kriegsszenario im Südpazifik - bestimmt von einiger IRelevanz. Als Millionenerbe hat Sam Gifford, eine eigentlich sympathische, junge Südstaatenherrschaft, einige Not damit, seinen Laden am laufen zu halten; die Ernte will nicht ordentlich eingefahren werden, möglicherweise haben die zusätzlich überfordert scheinenden Pflückerfamilien auch noch nicht den rechten Respekt vor dem Nachwuchs-Patriarchen, der sich und seine Welt noch hundert Jahre in der Vergangenheit zu wähnen scheint. Entsprechend schroff und ungerecht sein herabwürdigender Umgang mit der Arbeiterschaft. Erst an der Front entdeckt Gifford als Platoon Sergeant die Menschen hinter ihrem Geburtsstand und die unumgängliche Wahrheit, dass man sich häufig eher auf einen Arbeiter denn auf einen vornehmen Vorgesetzten verlassen kann. Die schrecklichen Ereignisse, derer er Zeuge wird, verursachen schließlich ein schweres Nervenleiden bei Gifford, der seiner möglichen Zukunft in dem psychisch längst entgleisten Grimes ansichtig wird. Einzig der wiederum eher simpel gestrickte Crawford ist hinreichend befähigt, Gifford wieder aufzubauen und ihn zu einer letzten Heldentat zu motivieren.
Wie die allermeisten während des silver age Hollywoods tätigen Filmemacher war offensichtlich auch Richard Fleischer dazu angehalten, seinen einen, aufwändigen Kriegsfilm abzuliefern - so geschehen mit "Between Heaven And Hell" (fünfzehn Jahre später folgte noch die japanische Coproduktion "Tora! Tora! Tora!" mit Kinji Fukasaku).
Damit ist ihm ein gutes, wenngleich nicht sonderlich hervorstechendes Exempel für die Genreproduktionen jener Phase geglückt. Die dramaturgischen Schemata, mit denen zu Werke gegangen wurde sind gewohnt durchsichtig: Im Mittelpunkt steht ein etwas zerkratzter Heldencharakter, der, wenngleich nicht unproblematisch, dem US-Marine-Corps alles andere als Schande macht. Es gibt labilere Zeitgenossen, die dem Druck des ständige Belagerungszustandes nicht standhalten, inkompetente bis verrückte Vorgesetzte, den gesichtslosen und perfide vorgehenden Feind. Daraus lässt sich mit mehr oder weniger heißer Nadel ein mindestens solides Genrestück stricken, das sich, zeitbedingt unumgänglich - das Kriegsende lag immerhin gerade fünfzehn Jahre zurück -, nicht ganz zwischen Anklage und Eloge zu entscheiden weiß. Den letzten Schubs kann in solchen Fällen zumeist nur die Tragfähigkeit der Inszenierung liefern und mit Fleischer hatte man den richtigen Mann zur rechten Zeit auf dem Stuhl.

8/10

Richard Fleischer Standesdünkel Südstaaten WWII period piece Pazifikkrieg Freundschaft


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VIOLENT SATURDAY (Richard Fleischer/USA 1955)


"The Lord will prevent it."

Violent Saturday (Sensation am Sonnabend) ~ USA 1955
Directed By: Richard Fleischer

Ein Gangsterquartett (Stephen McNally, Lee Marvin, J. Carroll Naish, Robert Adler) hat sich für seinen nächsten Coup die Bank von Bradenville, einer Kleinstadt in Arizona, ausgesucht. Dabei haben die Leute von Bradenville, dessen Bruttosozialprodukt vornehmlich von dem unglücklich verheirateten Minen-Unternehmer Fairchild (Richard Egan) abhängig ist, bereits genug Sorgen: Fairchilds Manager Shelley Martin (Victor Mature) hadert mit seinem Ältesten (Billy Chapin), der ihn für einen Feigling hält, der Bankier Harry Reeves (Tommy Noonan) stellt der Krankenschwester Linda (Virginia Leith) nach, die Bibliothekarin Elsie Braden (Silvia Sidney) kommt mit ihren Wechseln nicht nach und Fairchilds Frau (Margaret Hayes) zieht über die Dörfer. Als ausgerechnet diese Scheinidylle von den vier Verbrechern aufs Korn genommen wird, stehen einige mehr oder weniger glückliche Renovierungen des lokalen Sozialgefüges ins Haus.

Eines seiner großen Meisterwerke ist ausgerechnet dieser wenig beleumdete Film Richard Fleischers, in jeder Hinsicht exzellent, irgendwo im gattungshistorischen Niemandsland zwischen film noir und den melodramatischen Kleinstadtstudien eines Douglas Sirk ersonnen und es sich darin vortrefflich bequemmachend. Technisch und narrativ höchst virtuos erzählt Fleischer seine Caper-Story unter Verwendung vieler kleiner Subplots und etlicher charakterisiernder Klein- und Kleinstdetails, was trotz der strengen Erzählzeit ein vollkommen tragfähiges Figurenkaleidoskop ermöglicht. Die beliebte Floskel des "Seiner Zeit Voraus"-Seins habe ich schon lange nicht mehr als so eklatant empfunden wie im Falle "Violent Saturday".
Freundschaft, Vertrauen, Obsession, Verzweiflung, Gewalt, Ethik und Liebe, all diese großen Emotionen bringen Fleischer und der Autor Sydney Boehm ("The Big Heat") wie beiläufig und doch höchst vital mit in ihr fabulöses Werk ein, das sich auf 48 angespannte Stunden erzählter Zeit kapriziert. Dabei habe ich den vielleicht tragischsten Charakter des Films bisher noch nicht einmal erwähnt: Ernest Borgnine als Amish-Farmer Stadt (ein rundes Vierteljahrhundert später wird er in einer ähnlich gelagerten Rolle in Wes Cravens "Deadly Blessing" zu sehen sein) weigert sich standhaft, auf die Gewalt der ihn und seine Familie in Geiselhaft nehmenden Gangster zu reagieren, bis er am Schluss zur Rettung seines Retters Martin zur Heugabel greift und damit durch einen instinktiven Streich seine gesamte Lebensüberzeugung verrät.

10/10

Richard Fleischer Arizona Kleinstadt Ensemblefilm Heist Vater & Sohn film noir


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COTTAGE COUNTRY (Peter Wellington/CA 2013)


"You can't be serious, Toddles."

Cottage Country ~ CA 2013
Directed By: Peter Wellington

Eine wunderbar romantische Woche soll's werden: Todd Chipowski (Tyler Labine) will seiner Freundin Cammie Ryan (Malin Akerman) endlich den langerwarteten Heiratsantrag machen. Dazu fährt man man extra ins romantisch an einem See gelegene Cottage von Todds Eltern (Kenneth Walsh, Nancy Beatty). Doch entern, schockschwerenot, zeitgleich Todds nichtsnutziger Bruder Salinger (Dan Petronijevic) und dessen debile Freundin Marsha (Lucy Punch) das Häuschen und verderben Todd und Cammie sämtliche traute Zweisamkeit. Zudem hat Salinger auch noch seine aus Drogenfreaks bestehende Kumpel-Baggage zu ein paar Partytagen eingeladen. Der zu erwartende Streit zwischen Todd und Salinger eskaliert und endet mit einer Axt in Salingers Hals. Nun muss auch Marsha weg, deren Abgang Cammie übernimmt. Die Leichen werden zerteilt und im See versenkt. Als Salingers Freunde eintreffen, schöpft vor allem der naseweise Dov sogleich (Benjamin Ayres) Verdacht, dass Salingers Ausbleiben kein Zufall sein kann. Ergo muss auch Dov dran glauben. Der Druck der ermittelnden Polizei kitzelt es schließlich aus Todd heraus: Eigentlich hat er Cammie nie geliebt und sich zu stellen ist die letzte Option...

Urkomischer Fun-Splatter, der seine Antriebsrädchen allesamt ganz sicher nicht neu erfindet, sie aber vortrefflich in Gang zu halten weiß. Wellington liefert eine herzhafte Satire gegen verspießbürgerte Establishment-Pärchen, die ihre Individualität und Träume zugunsten gesellschaftlicher Anpassung irgendwann in die Wüste geschickt haben. Im Leben Todd Cipowskis spielt nurmehr zweierlei eine Rolle: Ein guter, erfolgreicher Angestellter zu sein nämlich und die baldige Legalisierung der Beziehung zu seiner überaus vorzeigbaren Freundin Cammie. Cammie indes ist kaum minder verlogen: Als zweifelsohne dominantes Frauenzimmer braucht sie einen bärigen Pantoffelhelden wie Todd, den sie vollends manipulieren und beherrschen kann. Als es dann aus dem armen Todd herausexplodiert, kommt es gleich so richtig dicke: Zu spüren bekommt dies sein komplett diametral befindicher Bruder, ein ungepflegter Bohèmien und Nervensäge aus Überzeugung. Natürlich, das kennt man aus diversem ähnlich gelagerten Kinogut, muss ein einmal begonnener Amoklauf, und sei er auch noch so impulsiv, konsequent weitergeführt werden - Zeugen und Neugiereige verlangen nach Beseitigung. Dass Menschen sich in der Regel nicht so einfach umbringen lassen, müssen nunmehr auch Todd und Cammie feststellen, doch während der Eine sich, wenngleich viel zu spät, besinnt, dreht die Andere erst recht auf. Ein herrlich geschmackloses, böses Ende, das allen Illusionen nebst der unabwendbaren Verlogenheit arrangierter, trauter Zweisamkeit die rote Karte zeigt setzt ein leuchtendes Finish unter diesen überraschend gelungenen, köstlichen Film.

8/10

Peter Wellington Splatter Groteske Familie Brüder


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TO SIR, WITH LOVE (James Clavell/UK 1967)


"If you apologize because you are afraid, then you're a child, not a man."

To Sir, With Love (Herausgefordert) ~ UK 1967
Directed By: James Clavell

Der ausgebildete Ingenieur Mark Thackeray (Sidney Poitier) nimmt aus finanzieller Not einen Job als Lehrer an der North Quay Secondary School im Londoner East End an. Pädagogisch völlig unerfahren, dafür in Lebensdingen und Existenzfragen höchst bewandert, stößt Mark auf eine Klasse pubertierender Rotzgören, die den baldigen Schulabschluss lediglih benötigen, um eine Ausbildungsstelle zu bekommen oder arbeiten zu gehen, sich jedoch einen Kehrricht um Bildung und Sozialität scheren. Zunächst der Verzweiflung nahe, gelingt es Mark binnen der nächsten Woche, trotz immer wieder auftretender Probleme mit Authentizität, Aufrichtigkeit gerechter Strenge und lebensweltlich gefärbtem Unterricht das unbedingte Vertrauen seiner Klasse, den tiefen Respekt der Elternschaft und sogar die Bewunderung seines bereits teilresigniertem Kollegiums zu erringen. Als sich ihm zum Schuljahresende schließlich eine lang ersehnte Stelle als Techniker darbietet, muss Mark eine Entscheidung treffen, wie es weitergehen soll...

Wunderbarer, zutiefst humanistischer Film, der trotz seiner mittlerweile fast fünfzig Jahre auf dem Buckel noch immer ganz viel Wahrheit enthält und einem jedem Lehrer, der seinen Beruf noch liebt, wie Balsam die Seele herunterläuft.
Mark Thackeray, gespielt von einem phantastischen Sidney Poitier, der zwölf Jahre nach "The Blackboard Jungle" die Bankseite gewechselt hat, personifiziert das, was wir alle sein wollen in höchster professioneller Reinkultur. Besonnen, klug, stark, aufrecht, kultiviert ist er; eine fast symbolisch gezeichnete Leitfigur. Wie er es schafft, die aus schwierigen Verhältnissen stammenden Kids bis zum Letzten auf seine Seite zu ziehen, das hat hier und da natürlich etwas Utopisches, verdeutlicht jedoch unser aller großes Wunschziel, am Ende eine Truppe aufrecht gehender Menschen, die man durchweg positiv geprägt hat, ins Leben zu entlassen.
Natürlich sind auch defätistisch gefärbte Filme zum Sujet wie "Class Of 1984", "One Eight Seven" oder zuletzt der nachhaltig erschütternde "Detachment" mit ihrem harten, teils krassen, illusionslosen Naturalismus von außerordentlicher Wichtigkeit, aber ist Konstruktives, Aufbauendes, meinethalben auch gepflegt Romantisierendes wie Clavells schönes Werk nicht manchmal ebenso weltbewegend? Ich meine, ganz bestimmt.
Prädikat: unendlich wertvoll.

9/10

James Clavell London Schule Lehrer Slum


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NEIGHBORS (Nicholas Stoller/USA 2014)


"Let's make a baby!" - "Yes, that will solve all our problems."

Neighbors (Bad Neighbors) ~ USA 2014
Directed By: Nicholas Stoller

Ihre schlimmsten Befürchtungen werden wahr - und noch mehr, als rechts von Mac (Seth Rogen) und Kelly Radner (Rose Byrne) die Studenten-Bruderschaft Delta Psi Beta Quartier bezieht. Jede Nacht exzessive Partys mit allem dazugehörigen Blödsinn, pausenloser Lärm und idiotische Aktionen rauben Mac und Kelly, die zunächst noch versuchen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, bald Schlaf und Nerven. Und das Schlimmste: Von den Nachbrn, der Dekanin und selbst von der Polizei, die samt und sonders mit den Rabauken zu sympathisieren scheinen, ist keinerlei Hilfe zu erwarten. Also schreitet man höchstselbst zum nachbarschaftlichen Kleinkrieg, was der Delta-Psi-Vorsitzende Teddy (Zac Efron), der ohnehin ein neues Fanal für seinen Traditionsverein im Auge hat, höchst persönlich nimmt...

Viel Unerwartetes offenbart sich einem mit "Neighbors" nicht - das Ding entspricht im Gegenteil ziemlich exakt seinen antizipatorischen Vorgaben. Seth Rogen spielt, was er am Besten beherrscht - nämlich sich selbst, mit zunehmendem Alter weg von dem drogenaffinen Waschbären natürlich in Richtung Spießerschwelle tendierend. Ein bisschen geht es natürlich auch um die Grenzauslotung des hippen Mittdreißigers zwischen wildem Exzess und trautem Heim; welche Institution am Ende auf ganzer Linie die Oberhand gewinnt, muss kaum weiter eruiert werden. Stoller und seine Autoren sind höchst bewandert in der postmodernen Nerd-Kultur und lassen allenthalben entsprechende, generationsbeflissene Gags fahren. Naturgezüchtete Halluzinogene und deren Konsum sorgen für einige gelungene Gags, wie der ganze Film sich recht wacker über die Runden trägt. Mit den großen Kinokomödianten Sandler und Ferrell nebst ihren so wundderbar installierten, filmischen Pararealitäten kann "Neighbors" es jedoch zu keinem Zeitpunkt aufnehmen; dazu ist er, trotz Kondom- und Brustmelkwitzen einfach zu normiert. Außerdem geht mir der musikalische Unterbau dieser Humorgeneration (s. auch "This Is The End") bei aller sonstigen Sympathie fürchterlich auf den Zwirn. Flo Rida, Ke$ha, Jumbo Shrimp, GoodFellaz et al. up yours. Da kann auch ein verballhorntes Ozzy-Intro nix dran ändern, so'n Sound macht mich ganz einfach krank und sauer. Ansonsten aber, wie eben konstatiert, durchaus ganz lustig.

6/10

Nicholas Stoller Vorstadt Nachbarn Los Angeles Duell Drogen