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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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PAPER MOON (Peter Bogdanovich/USA 1973)


"I got scruples too, you know. You know what that is? Scruples?" - "No, I don't know what it is, but if you got 'em, it's a sure bet they belong to somebody else!"

Paper Moon ~ USA 1973
Directed By: Peter Bogdanovich

Damit hätte der schlitzohrige Trickbetrüger und Bibel-Vertreter Moses Pray (Ryan O'Neal) nicht gerechnet: Als er bei der Beerdigung einer Verflossenen vorbeischaut, drückt man ihm die neunjährige Addie Loggins (Tatum O'Neal) aufs Auge; er möchte sie doch mit nach Kansas nehmen, zu ihrer Tante Billie (Rosemary Rumbley) in St. Joseph, die sich von nun an um das Kind kümmern werde. Und dann ist da ja noch so eine seltsame, physiognomische Ähnlichkeit zwischen Moses und der kleinen Addy. Die beiden werden nach einigen Startschwierigkeiten jedenfalls ein hervorragendes Team, wenn es um das (gerechte) Abzocken naiver ZeitgenossInnen geht, landen einmal sogar fast im Gefängnis, als sie einen Bootlegger (John Hillerman) hereinlegen wollen und können sich doch kaum eingestehen, was sie eigentlich längst wissen: Dass sie zusammengehören wie Pech und Schwefel.

Fast wäre ich ja geneigt, nach dieser jüngsten Betrachtung (die letzte liegt vermutlich zwölf Jahre zurück) "Paper Moon" als Peter Bogdanovichs unumwundenes Meisterstück zu verorten, und wahrscheinlich ist er dies auch wirklich. Meine persönliche Beziehung zu "The Last Picture Show" ist, ähnlich der des Regisseurs vermutlich, jedoch eine etwas engere und auch tiefere, so dass ich dieses bis in minimalste Details vor formaler Perfektion strotzende Werk in meiner persönlichen Bogdanovich-Hitlist unter einiger Pein "lediglich" an Platz 2 setzen mag. Dabei hat er so unendlich viel Herz und Humor, dieser Film, und man möchte gar nicht, dass er aufhört, würde Moses und Addy auf dieser infiniten Straße ins Reich der Mythen und weiterer Abenteuer, kurz: des Film-Nirwana, am liebsten nacheilen und sie nie mehr aus den Augen verlieren. Das ist Kinopersonal für die Ewigkeit, ebenso übrigens, wie die diversen, vortrefflich ausgefeilten Nebencharaktere. Vater und Tochter O'Neal kann man nirgends in besserer Form antreffen, besonders Tatum, noch zigmal abgewichster und ausgebuffter als ihr liebenswerter, aber etwas unbedarfter Dad ist eine Offenbarung und straft jeden Lügen, der Kinder im Film par tout als Nervensägen und Ballast verdammt. Hätte die Academy nur ein wenig mehr Arsch in der Hose, die Kleine hätte nicht als Neben- sondern als Hauptdarstellerin nominiert werden und den Preis als solche erhalten müssen. So ein Töchterlein kann jedem Jungvater nur zur Ehre gereichen, wie ein solcher Film jeden Regisseur zum unangefochtenen Spitzenkönner deklariert.

10/10

Peter Bogdanovich Road Movie Great Depression Vater & Tochter period piece Missouri Kansas Freundschaft New Hollywood


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SOLARBABIES (Alan Johnson/USA 1986)


"Try SURGICAL ALTERATION. Ever heard of it?"

Solarbabies (Solarfighters) ~ USA 1986
Directed By: Alan Johnson

Nach dem Großen Knall ist die Erde zu einer einzigen, große Wüstenei verdorrt. Die letzten Wasservorkommen werden nach mehreren Öko-Kriegen vom "Protektorat" und dessen allgegenwärtiger "E-Polizei" kontrolliert. Die vielen verwaisten Kinder und Jugendlichen wachsen in Erziehungscamps auf, wo sie zu Nachwuchs für die E-Polizei gedrillt werden. Jason (Jason Patric) und seine fünf Freunde Terra (Jami Gertz), Daniel (Lukas Haas), Metron (James Le Gros), Rabbit (Claude Brooks) und Tug (Peter DeLuise) vertreiben sich die Zeit jedoch lieber mit unerlaubten (aber geduldeten) Skateball-Spielen, bei denen sie als 'Solarbabies' stets reüssieren. Nach einem solchen entdeckt Daniel, der Jüngste der Gruppe, eines Tages in einer Höhle ein außerirdisches Artefakt, eine pulsierende Kugel mit dem Namen Bohdai. Diese verfügt offenbar nicht nur über eine eigene Intelligenz, sondern auch über gewaltige Macht. Als der fiese E-Polizist Grock (Richard Jordan) des Geheimnisses der sechs Kids gewahr wird, flieht der geheimnisvolle Einzelgänger Darstar (Adrien Pasdar) mit Bohdai in die Wüste, die Solarbabies und hinter diesen die E-Polizei auf den Fersen.

In den Achtzigern pflegte Hollywood, einzelne Teenager oder gleich ganze Gruppen von ihnen in verschiedene, bewährte oder zumindest erfolgversprechende Genre-Kontexte zu setzen. "Solarbabies" füllte die noch offene Lücke betreffs postapokalyptischer SciFi-Action im Angedenken an "das große Vorbild Mad Max" (dessen dritter und jüngster Reihenbeitrag "Beyond Thunderdome" ja bereits als einer Art "Peter-Panade" für entsprechende Liebäugeleien einstand). Natürlich kostete die Zielgruppenausrichtung den Film einiges an Härte und Zynismus; immerhin war "Solarbabies" als Film für zehn- bis zwölfjährige Kids konzipiert. Ältere Zuschauer mussten und müssen einiges an unausgegoren-potpourristischem New-Age-Geschwurbel über sich ergehen lassen: Die Guten oder das, was von ihnen noch übrig ist, verweisen stets auf mysteriöse Indianer- oder Hippie-Vorfahren, der alles kontrollierende Polizeistaat besitzt typisch nazieske Züge. Es gibt einen sadistischen Superroboter ('Terminex'), eine tote Eule, einen exzentrischen Alten (Willoughby Gray) in einem Gruselkabinett und natürlich die putzige Kugel Bohdai, die es sogar schafft, echtes Mitgefühl beim Publikum zu evozieren. Freilich bewegen sich bei "Solarbabies" die Grenzen zur völligen Albernheit in stetem Fluss, wer sich jedoch noch lebhaft an die Achtziger und ihre kunterbunten Kinoauswüchse zu erinnern vermag bzw. damals im entsprechenden Alter war, der wird den Film auf seine spezifische Art 'begreifen'.

6/10

Alan Johnson Apokalypse Wasser Wüste Dystopie Teenager Freundschaft Alien


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DEADLINE - U.S.A. (Richard Brooks/USA 1952)


"That's the press, baby. The press! And there's nothing you can do about it."

Deadline - U.S.A. (Die Maske runter!) ~ USA 1952
Directed By: Richard Brooks

Für Ed Hutcheson (Humphrey Bogart), Chefredakteur des New Yorker Tageblatts "The Day", bricht eine harte Woche an: Seine von ihm immer noch innig geliebte Ex-Frau Nora (Kim Hunter) will sich neu verheiraten und seine Zeitung droht nach dem Tode des vormaligen Besitzers Garrison verkauft zu werden. Ausgerechnet jetzt gerät der allgemein als Gangsterboss bekannte Bauunternehmer Rienzi (Martin Gabel) ins öffentliche Kreuzfeuer: Offenbar steht er mit der Ermordung einer Tingeltangel-Tänzerin in engster Verbindung. Hutcheson wittert die wichtigste Schlagzeile seit langem und setzt sein gesamtes Team auf den Fall an - mit dem steten Damoklesschwert der baldigen Schließung des "Day" über dem gestressten Haupt...

Ein schon recht spätes Bogey-Kleinod, gleich nach seinem Oscar-Gewinn für "The African Queen" entstanden. Zwar sieht der Grandseigneur hier wieder deutlich gepflegter und domestizierter aus - seiner formidablen Wirkung als leading man tut dies jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil - im Großstadtdschungel liegt Bogarts wahres Jagdrevier. Hierin ist er zu sehen als leidenschaftlicher Zeitungsmacher mit Druckerschwärze statt Blut in den Adern, dem seine Aufklärungsarbeit das höchste moralische Lebensgut ist und der auch private Belange dafür schweren Herzens hintenan stellt.
Richard Brooks ging es ferner in seinem wie gewohnt brillanten Exposé um eine feurige Liebeserklärung an die vierte Staatsmacht und die Menschen dahinter, die sich für deren reibungsvolles Entrollen tagtäglich aufopfern. Nicht nur Ed Hutcheson trägt dabei den Löwenanteil, auch sein ihm durch Dick und Dünn folgendes Mitarbeiter-Team (u.a. Ed Begley, Audrey Christie) besteht zum Großteil aus erprobten Kämpfern für Wahrheit und Gerechtigkeit.
Komprimiert auf ein Minimum an Ortswechseln ("Deadline - U.S.A." gäbe auch ein hervorragendes Bühnenstück ab) und erzählt binnen eines Zeitraumes von etwa 60 Stunden nimmt sich Brooks' Film auch als Lehrstück für konzentriertes Filmemachen aus. Ein Glanzstück demnach, in jeder Hinsicht.

9/10

Richard Brooks Journalismus New York Mafia Duell film noir


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THE WATCHER IN THE WOODS (John Hough/UK, USA 1980)


"Something awful happened here."

The Watcher In The Woods (Schreie der Verlorenen) ~ UK/USA 1980
Directed By: John Hough

Auf der Suche nach einer großzügigen, ruralen Bleibe stößt die vierköpfige Familie Curtis in der englischen Provinz auf das Landgut der alleinstehenden, alten Mrs. Aylwood (Bette Davis), die sich selbst mittlerweile ins frühere Gesindehaus zurückgezogen hat. Mrs. Aylwood, eine etwas gruselige, aber nette Dame, nimmt die Curtises als Mieter bei sich auf, zumal sie sich für die ältere Tochter Jan (Lynn-Holly Johnson) interessiert, die sie an ihre eigene, vor dreißig Jahren spurlos verschwundene Karen (Katharine Levy) erinnert. Und tatsächlich empfangen sowohl Jan als auch ihre jüngere Schwester Ellie (Kyle Richards) bald Signale aus offenbar übersinnlichen Sphären - Karen scheint mit ihnen Kontakt aufnehmen zu wollen, während eine andere, jenseitige Macht sie davon abzuhalten versucht. Als Jan den Umständen um Karens damaliges Verschwinden nachgeht, entdeckt sie bald einen Weg, sie möglicherweise wieder zurückholen zu können.

Der Versuch, eine Brücke zu schlagen zwischen klassischem Horrorkino und modernem Familienfilm konnte anno 80 natürlich nur auf dem Mist des sich damals des Öfteren im Genrebereich betätigenden Disney-Studios wachsen. Beschränkten sich zehn, zwanzig Jahre zuvor die einzigen reinen Realfilm-Versuche der Micky-Mäuse auf ausgesprochen kindgerechte Abenteuer- und Wildnis-Geschichten sowie Fantasy-Komödien, liebäugelten Disney und deren Tochter Buena Vista um den Dekadenwechsel 70/80 mit höher budgetierten Ausflügen in die etwas handfesteren Gattungsniederungen: "The Black Hole", "Condorman", "Dragonslayer", "Night Crossing", "TRON", die etwas später entstandene Bradbury-Adaption "Something Wicked This Way Comes" und eben "The Watcher In The Woods" sind allesamt Beispiele für diese etwas seltsame Tendenz. Dabei wurde stets und unter oberster Priorität versucht, Kinder oder zumindest Jugendliche als potenzielles Hauptpublikum zu bewahren. So kann man auch bei diesem Film des traditionsbeflissenen Genreregisseurs John Hough a priori davon ausgehen, dass es garantiert niemals allzu wüst zugeht, dass die Gespenster bei aller mühsam evozierten Atmosphäre lediglch moderaten Grusel verbreiten und es zudem ein feistes Happy End für alle Beteiligten gibt. Die mittlerweile etwas zauselige Bette Davis ist die perfekte Wahl für die Rolle der undurchsichtigen Oma, als Bonus obendrauf gibt's Ian Bannen, der natürlich mehr weiß, als er zunächst preiszugeben bereit ist.
Alles in allem für 'nen verkaterten Sonntagabend genau das Richtige.

6/10

John Hough Vincent McEveety England Haus Geister


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IL MIO NOME È NESSUNO (Tonino Valerii/I, F, BRD 1973)


Zitat entfällt.

Il Mio Nome È Nessuno (Mein Name ist Nobody) ~ I/F/BRD 1973
Directed By: Tonino Valerii

Jack Beauregard (Henry Fonda) ist einer der letzten, legendären Gunmen des Alten Westens. Da er sein Gnadenbrot in Ruhe und möglichst unbehelligt einnehmen möchte, plant er eine Reise nach Europa. Doch es gibt noch alte, offene Rechnungen - so den Tod seines Bruders Nevada, der in krumme Geschäfte mit dem Goldmieneneigner Sullivan (Jean Martin) verstrickt war. Dieser würde Beauregard am Liebsten in einen Maßsarg stecken und hat neben ein paar anderen, gedungenen Killern bereits die legendäre "Wilde Horde" angeheuert - 150 Männer, die reiten und schießen wie 1000. Zu Beauregards Glück kreuzt allenthalben der schlitzohrige Nobody (Terence Hill) seinen Weg, eine Art Wildwest-Eulenspiegel, der seinen Colt nur bei sich trägt, um ungewinnbare Wetten zu gewinnen und sich ansonsten mit Backpfeifen und Ohrlaschen Resapekt verschafft. Nobody rettet Beauregard immer wieder das Leben und entwickelt sich langsam zu dessen Schutzengel - mit manch prophetischem Hintergedanken...

Dass Sergio Leone unkreditierter Co-Regisseur dieses Spät-Spätwesterns war, sieht man dem Resultat in vielen seiner elegischen Szenen unschwer an, wie der Meister des operesken Staub- und Stiefelkinos eigentlich dem ganzen Film seine Signatur aufgedrückt hat. Sei es ein enevierend lautes Uhrenticken, das einen Barbier-Besuch akustisch untermalt oder Morricones gar nicht mal ausgesprochen parodistisch gemeinte, musikalische Selbstzitate aus "C'Era Una Volta Il West".
Natürlich konnte und musste "Il Mio Nome È Nessuno" einzig als italienische Co-Produktion entstehen, zeigt er doch vor allem - und eigentlich schon etwas zu spät - das Weiterreichen der Erfolgsfackel. Vom klassischen Genrekino, wie die Italiener es sich kontinental zu eigen gemacht hatten, gesäumt von lauten Schnellschüssern und vielen Leichen hin zum damals in Europa so beliebten Spaß- und Prügelwestern um Bud Spencer und Terence Hill, der sich mit diesem Film hinreichend von seinem ewigen Duettpartner emanzipieren konnte. Die Generationen treffen aufeinander in der Person Henry Fondas, einer großen Gattungs-Ikone, der stoischen Ernst und ruhige Gelassenheit über die Dekaden trefflich präserviert hat (und nach "C'Era Una Volta Il West" wieder weg ist vom Schweinhündischen) sowie in der Hills, jenes buchstäblich spitzbübischen Chilibohnen-Fanatikers und Streichespielers, der sich anschickt, die mittlerweile auf Sehhilfen angewiesene Väterlein-Generation nicht nur zu beerben, sondern ihr gleichfalls noch einen adäquaten Abgang von der nach immer weiteren Legenden gierenden Öffentlichkeitsbühne zu verschaffen.
Heraus kam dabei ein ganz besonders unikaler Film, wahrscheinlich gar der einzige, der es fertigbrachte, eine wohlfeil abgemischte Schnittmenge aus klassisch-amerikanischem, klassisch-mediterranem und Neo-Spaß-Western samt gleichmäßig dargebrachten Anteilen zu kredenzen. Dass die deutsche, von Rainer Brandt erstellte Sprachfassung keine Gefangenen macht und die üblichen, verbalen Nonsenssegel setzt, gehört ebenso zur Geschichte dieses Films wie Morricones ohrwurmgarantierender, grauselig verzerrter Walküren-Ritt.

9/10

Sergio Leone Tonino Valerii Italowestern Freundschaft Hommage Parabel


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LANTANA (Ray Lawrence/AU, D 2001)


"Sometimes, love's not enough."

Lantana ~ AU/D 2001
Directed By: Ray Lawrence

Der zur Cholerik neigende Sidneyer Detective Leon Zat (Anthony LaPaglia) ist verheiratet und hat zwei Söhne. Dennoch lässt er sich auf einen Seitensprung mit Jane (Rachael Blake) ein, einer Frau aus jener Tanzschule, die auch Leon und seine Frau Sonja (Kerry Armstrong) besuchen. Während für Jane, die sich just von ihrem Mann (Glenn Robbins) getrennt hat, die Beziehung zu Leon mehr als nur ein Techtelmechtel ist, bereuts dieser die Affäre bereits nach kurzer Zeit. Währenddessen verschwindet die renommierte Analytikerin Valerie Somers (Barbara Hershey) spurlos nach einer nächtlichen Autopanne im Busch. Jane, die von dem Fall in den Nachrichten hört, verdächtigt ihren Nachbarn Nik (Vince Colosimo), etwas mit dem Fall zu tun zu haben, den wiederum Leon untersucht. Dessen Verdachtsmomente gehen in eine andere Richtung: Auf ihren Tonbandaufzeichnungen, unter denen Leon auch ihm bisher unbekannte Sitzungen mit seiner Frau Sonja entdeckt, berichtet Valerie von einem homosexuellen Patienten (Russell Dykstra), der eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat. Hinter diesem vermutet Leon Valeries Ehemann John Knox (Geoffrey Rush), den er einer Gewalttat durchaus für fähig hält...

Warum nicht mal Sidney statt Los Angeles? Wo die kalifornische Metropole sonst den traditionellen Hintergrund für kaleidoskopartige Ensemble-Dramen stellt, geht Ray Lawrence mit seiner Theaterverfilmung nach Sidney und nutzt die dortigen Gegebenheiten, zu denen besonders eine üppige, dschungelartige Vegetation gehört, für seine vielköpfige, brillant verflochtene Beziehungsgeschichte. Wenngleich ein Kriminalfall, der eigentlich gar keiner ist und der sich schließlich als ein durch böse Umstände herbeigeführter Unfalltod einer zunehmend neurotischen, seit dem Tod ihrer kleinen Tochter vereinsamten Frau entpuppt, im Zentrum der Geschichte steht, geht es in "Lantana" vor allen Dingen um Kommunikation: Um Sprechen, Verstehen, Zuhören. Die Geschicke der Figuren werden samt und sonders durch den Verzicht auf Aussprachen, die Angst vor Nachfragen und Missinterpretationen des Verhaltens ihrer Gegenüber in falsche Richtungen gelenkt. Zum Schluss steht dann, nach oftmals kathartischen Selbsterfahrungen, die in dieser Art Film stets notwendige, allgemeine Conclusio, die den meisten Figuren einen Neuanfang ermöglicht, den tragischen, letztlich unnötigen Tod der psychisch geschädigten Analytikerin jedoch nicht ungeschehen macht.
"Lantana" fasziniert besonders deshalb, weil er infolge seiner überaus geschickt konstruierten Narration häufig Gedankenspiele in multiple Richtungen ermöglicht und zahlreiche interpretatorische Freiräume lässt. So wird aus einem Stoff, der leicht hätte Gefahr laufen können, einer ordinären und spannungslosen Verarbeitung anheim zu fallen, ein intelligentes, ausgefeiltes Stück Kino.

9/10

Ray Lawrence Andrew Bovell Ensemblefilm Sidney Australien based on play


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LOVE ETERNAL (Brendan Muldowney/IE 2013)


"I'm a disordered human being."

Love Eternal ~ IE 2013
Directed By: Brendan Muldowney

Ian (Robert de Hoog) findet sich im Leben nicht zurecht. Der Tod ist sein ständiger Begleiter und seine einzigen sonstigen Interessen liegen in der Laien-Astronomie. Ansonsten fühlt Ian sich als existenziell fehl am Platze. Allenthalben setzt er zum Selbstmord an, doch immer wieder scheitern seine Versuche aufgrund obskurer Wendungen. Ian ist einsam und findet keine Erfüllung; selbst der Versuch einer nekrophilen Beziehung mit der in seiner Gegenwart gestorbenen Tina (Amanda Ryan) scheitert kurzfristig: Rigor mortis und dessen unästhetische Folgen sind dann auch nicht wrklich Ians Hausnummer. Dann die ihm immer wieder begegnende Naomi (Pollyanna McIntosh) - sie hat ihren kleinen Sohn durch einen Unfall verloren, sich von ihrem Mann (Aiden Condron) getrennt und schöpft nun durch Ians Interventionen neue Kraft. Auch Ian profitiert von dieser Freundschaft, und endlich wartet seine bestimmende Aufgabe auf ihn.

Eine mir zufällig aufgefallene Tendenz: Nach dem erst letzthin geschauten "Last Kind Words" handelt es sich auch bei "Love Eternal" um einen Film, der seine grundierende, tiefe Morbidität beinahe zwanglos zum Ethos erhebt und dabei förmlich zu predigen scheint: "Suicide's an alternative!" Der Protagonist Ian, in stiller Schönheit begeisternd von Robert de Hoog dargeboten, wähnt sich als Berglöwen im Körper eines Menschen; er sei schlicht im falschen Körper zur Welt gekommen und könne in seiner menschlichen Form kein zufrieden stellendes Leben führen. Sämtliche Versuche, sich der Welt und auch deren Negierung, anzunäheren, scheitern. Erst die platonische Beziehung zu der tieftraurigen, sich jedoch mit aller Macht gegen die Depression stemmenden Naomi führt ihm Alternativen vor Augen. Das Leben kann schön sein, man muss nur seine Nische finden. Ein dann doch noch impulsiv herbeigeführter Selbstmordversuch Naomis schlägt fehl - ausgerechnet, weil Ian ihr rechtzeitig das Leben rettet. Danach findet sie wieder zu ihrem Mann und somit zurück ins Leben; Ians "Radikaltherapie" ist erfolgreich, sein Lebenssinn erfüllt, er wieder allein, aber zufrieden. Seiner letzten Reise steht nun endgültig nichts mehr im Wege. Das ist "Amélie", bloß gehüllt in tiefstes Schwarz!
Das selbstzufriedene, freie Aus-dem-Leben-Scheiden buchstabiert Muldowneys wirklich wunderbarer Film nun also mit einem dermaßenen Selbstverständnis, dass ihm die FSK trotz wirklich kaum prekärer Visualisierungen wie bereits "Last Kind Words" ein 18er-Siegel verabreichte - man möge labile Jugendliche mit solcher Nekromantisierung doch bitte nicht auf falsche Ideen bringen. Eine wahrhaftig tragfähige Ausgangsbasis zur Hervorrufung eines um sich greifenden Neo-Werther-Effekts! Andererseits: Brächte man sich nach dem Genuss von "Love Eternal" einfach um, man könnte solch grandioser Filme wie diesem (oder auch seiner selbst) nie mehr ansichtig werden und das wäre wiederum doch verdammt schade.

9/10

Brendan Muldowney Irland Tod Suizid Biopic


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MERCENARY FIGHTERS (Riki Shelach Nissimoff/USA, SA 1988)


"Be the good guys for once..."

Mercenary Fighters (Freedom Fighters) ~ USA/SA 1988
Directed By: Riki Shelach Nissimoff

Die eigentliche Macht im zentralafrikanischen Kleinstaat Shinkasa(!) besitzt keineswegs der Präsident (Leslie Mongezi), sondern der Militärchef Colonel Kyemba (Robert DoQui). Um profitäre Interessen durchsetzen zu können, muss Kyemba sich zunächst der lästigen Guerilla unter deren Führer Jaunde (Henry Cele) entledigen, für die er jedoch eingeschworene Experten in Sachen Krieg, sprich: Söldner benötigt. Zusammen mit einem siebenköpfigen Team nimmt sich der gewissenlose Virelli (Peter Fonda) der Sache an. Für Virelli zählt nur, dass die Kasse stimmt, ansonsten besitzt er keinerlei Ideale. Anders als die beiden von ihm angeheuerten Freunde T.J. Christian (Reb Brown) und Cliff Taylor (Ron O'Neal): Diese lassen sich zwar zunächst kommentarlos einspannen, doch T.J. entdeckt sein Herz für die idealistische Krankenschwester Ruth (Joanna Weinberg), die die Rebellen mit Leib und Seele unterstützt. Auch in Jaunde findet T.J. einen durchaus sympathischen Vertreter für bessere Ziele. Er und Cliff stellen sich schließlich gegen Virelli und Kyemba, der mittlerweile einen Staatsstreich plant...

Söldner in Afrika geben seit Jack Cardiffs "The Mercenaries" stets einen dankbaren Topos im Actionfilm ab. So hat das Genre über die Jahrzehnte viele denkwürdige jener Sub-Beiräge hervorbringen können, darunter auch einige kleinere, weniger beachtete. Zu ebendiesen zählt auch der Exot "Mercenary Fighters", den die Cannon in ihrer späteren Phase vom Stapel ließ. Nicht unbedingt interessant nimmt sich bei diesem Film die wenig bemerkenswerte Inszenierung aus, sondern vielmehr die illustre Besetzung: Peter Fonda, dessen Stern sich um diese Zeit im Sinkflug befand und der des Öfteren für kleines Geld in Abschreibeproduktionen zu sehen war, spielt den leicht sadistisch veranlagten, vor allem jedoch völlig gewissenlosen Oberbösewicht Virelli, Robert Mitchums Ältester Jim ist als sein kaum minder schießwütiger Kumpan Wilson Jeffords an Bord. Allein diese ihren berühmten Vätern wie aus den gesichtern geschnittenen Charakterköpfe besorgen bereits die halbe Miete. Doch damit längst nicht genug: "Superfly" Ron O'Neal (ungebührlicherweise als 'O'Niel' kreditiert) ist der hero's best friend, ein Wiedersehen mit "Shaka Zulu" Henry Cele bringt diesen wiederum als patriotischen Partisanen. Schließlich der stets liebenswerte Muskelbär Reb Brown, zwischenzeitlich back from Italia, der sich Sly Stallones windschiefes Baller-Antlitz aus "Rambo: First Blood Part II" nahtlos zu eigen gemacht hatte und dies in nahezu jedem seiner Filme, so auch diesem hier, auszustellen pflegte. Brown ist gewiss kein guter Schauspieler, seine beeindruckende und zugleich liebenswerte Präsenz jedoch macht ihn immer wieder zum Gewinn. So auch in "Mercenary Fighters", in dem er dem beliebten Archetypen des sich vom Opportunisten zum Idealisten wandelnden good guy revisioniert, später, in einer die Grenzen der Albernheit rigoros durchbrechenden 7-Minuten-Szene gar die Erbfolge des sterbenden Rebellenführers antritt und die Fieslinge mit seinem Kumpel Superfly schlussendlich samt und sonders abserviert.
Ein unbedingter Schlager aus früheren Tagen und klassisches Achtziger-Genrekino zum Angewöhnen.

6/10

Cannon Riki Shelach Nissimoff Afrika Söldner Freundschaft


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UNDER THE SKIN (Jonathan Glazer/UK, USA, CH 2013)


"Why do you shop at night then?"

Under The Skin ~ UK/USA/CH 2013
Directed By: Jonathan Glazer

Ein Alien (Scarlett Johansson) in attraktiver Frauengestalt lockt in der Gegend um Glasgow einsame Männer, die vorerst niemand vermissen wird, in seine Fänge, um ihnen mittels einer seltsamen Maschine das Leben aus dem Körper zu saugen. Ein paar weitere Aliens, motorradbewährt und in männlicher Gestalt, sorgen dafür, dass der Fänger seiner Tätigkeit auch adäquat nachgeht. Entkommene Individuen werden wieder eingefangen. Als es dem Jäger-Alien zuviel wird, flieht es Richtung Norden, entdeckt seine humanoiden, physischen Reize und fühlt sich sogar zu einem es umsorgenden Erdenmann hingezogen. Doch auf den Versuch körperlicher Annäherung folgt nur eine weitere Flucht. In einem abgelegenen Waldstück begegnet es schließlich seinem irdischen Schicksal...

Seine unfehlbare Sogwirkung entfaltet "Under The Skin" gleich zu Beginn: Der Zuschauer wird Zeuge, wie das mit der Fänger-Mission betraute Alien seine feminine terrestrische Gestalt erhält. Ein menschliches Auge wird unter immenser visueller Psychedelik hergestellt und angepasst, die englische Sprache wird in phonetischem Schnelldurchlauf erlernt. Die fertige Camouflage benötigt schließlich noch Kleidung und ein Fahrzeug, um sich unbehelligt fortbewegen zu können. Beinahe auf dem Fuße folgt dann die mehrfache Erfüllung der tödlichen Mission (deren Zweck verborgen beibt) sowie das mehr oder weniger unfreiwillige Studium humaner Verhaltensweisen in der Glasgower Innenstadt: Das Alien wird gemeinschaftlich mit Linse und Publikum Zeuge, wie die Leute der westlichen Welt so ihren Alltag verleben: Beim Einkaufen, bei der Kommunikation, im Schönheitssalon. Unter Verwendung versteckter Kameras fängt Glazer diese erstaunlich authentischen Situationen ein, was tatsächlich eine ungewöhnliche Wirkung hinterlässt. Auch sonst ragt der immer wieder prononcierte Cinéma-vérité-Charakter dieser wahrlich alles andere als bodenständig einzuodnenden Geschichte weit hinein in die extrem durchkomponierten Formalia des Films: Der körperlich deformierte Mann (Adam Pearson) etwa trägt keine Maske und viele der vorherigen Opfer des Aliens werden gespielt von von der Straße weggecasteten Personen. Die damit einhergehenden, künstlerischen Wagnisse sind dem bei aller Kryptik keineswegs sperrigen "Under The Skin" gar nicht hoch genug anzurechnen, denn gerade infolge ihrer gewinnt das Werk seinen außerordentlichen, spezifischen Charakter.

8/10

Jonathan Glazer Aliens Schottland Edingurgh femme fatale


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AMEN. (Constantin Costa-Gavras/F, D, RO 2002)


"I see no other way to reach people's hearts."

Amen. (Der Stellvertreter) ~ F/D/RO 2002
Directed By: Constantin Costa-Gavras

Berlin, 1942: Als er infolge familiärer Beziehungen binnen kürzester Zeit zum Offizier der Waffen-SS aufsteigt, glaubt der ebenso naive wie christliche Ingenieur Kurt Gerstein (Ulrich Tukur) noch, dass seine Fortschritte in der Schädlingsmittelbekämpfung den Truppen an der Ostfront zugute kommen. Der mysteriöse "Doktor" (Ulrich Mühe) jedoch belehrt den Schockierten eines Besseren: Die Euthanasie, die systematische Ermordung geistig Behinderter, gehört ebenso zum verschleierten Nazi-Alltag wie die mittlerweile beschlossene "Endlösung der Judenfrage": Ganze Dynastien werden in Viehwagons gen Osten deportiert und dort im großindustrillen Maßstab und unter Verwendung des von Gerstein mitbeschafften Giftgases Zyklon B vernichtet. Hoffnung wähnt Gerstein beim schwedischen Botschafter (Justus von Dohányi) und bei der katholischen Kirche. Zum einen sollen die Alliierten über die Gaskammern und Krematorien in Kenntnis gesetzt werden, zum anderen versucht Gerstein mithilfe des idealistischen Jesuiten Riccardo Fontana (Matthieu Kassovitz), den Vatikan zu einer öffentlichen Verurteilung der Nazigräuel zu bewegen. Doch die allgemeine Angst vor Hitler überwiegt hier wie dort, niemand, am wenigsten Papst Pius XII (Marcel Iures), fühlt sich verantwortlich, bis zum Kriegsende Wesentliches zu unternehmen.

Back from Hollywood: Die von reichlich Arroganz gekennzeichnete katholische Praxis der Ignoranz und der Wahl des geringsten Widerstands angesichts der sich immer weiter auftürmenden Nazi-Verbrechen war bereits in dessen Veröffentlichungsjahr 1961 Thema von Rolf Hochhuths Stück "Der Stellvertreter". Ganze vierzig Jahre dauerte es bis zu dieser Verfilmung durch Costa-Gavras, zugleich der zweite Film des Regisseurs nach dem im besetzten Frankreich unter der Vichy-Regierung spielenden "Section Spéciale", der sich mit dem Nationalsozialismus der Weltkriegsjahre befasst. Weitaus weniger emotional als viele andere Holocaust-Dramen der letzten Jahrzehnte kommt "Amen." daher, lässt etwas den Blick für die Essenz von Hochhuths Drama vermissen und sucht viel mehr nach möglichen Erklärungen dafür, wie die Massenvernichtung der Juden im internationalen Spiegel solange "übersehen" werden konnte. Dem bekennenden Christen und SS-Offizier Kurt Gerstein, von Ulrich Tukur im Film als überaus liebenswerter Zeitgenosse interpretiert, dem ein widerständliches Herz unter den Blitz-Runen schlägt, gilt heute als einer der wichtigsten bekennenden Zeugen der Vernichtungspraktiken. Bevor man ihm nach Kriegsende in Paris den Prozess machen konnte, fand man Gerstein in seiner Zelle erhängt vor - Fremdeinwirkung nicht ausgeschlossen.
Hinzugedichtet sind der, obschon auf realen Vorbildern basierende, Charakter des Märtyrers Riccardo Fontana, Gersteins persönliche Beziehung mit dem in Stück und Film namenlos bleibenden 'Doktor' Josef Mengele (hier gespielt von Ulrich Mühe) wiewohl auch sein eindeutig als heroisch zu bezeichnendes Engagement gegen das Reich, dessen Widerspruch zu seiner beständigen Funktion als Obersturmführer im Film nicht zufriedenstellend aufgelöst wird. So ist Gersteins tatsächliches Wesen bis heute historisch nicht eindeutig festlegbar. Costa-Gavras gestattete sich bei aller sonstigen Ehrenwertigkeit des Projekts einige sicher vermeidbare Faux-pas: Zunächst finde ich es diskutabel, ob es bei einer zu knapp 90 Prozent deutschsprachigen Besetzung wirklich Not tat, als Originalsprache Englisch zu wählen, die Sprachkenntnisse des Regisseurs hin oder her. Ferner stellt sich mir die Frage, ob die permanent durch den Film rollenden Deportationszüge bewusst in die jeweils "falsche" Bildrichtung fahren (also leer von West nach Ost, voll von Ost nach West) oder ob dies inszenatorische Manier ist. Dem gehenüber stehen großartige Szenen wie etwa die, in der Riccardo versucht, die Kardinäle beim üppigen Frühstück von den ihm durch Gerstein geschilderten Naziverbrechen zu unterrichten und diese ganz untangiert weiterspeisen. Da schimmert dann wieder ganz der alte, starke Costa-Gavras hervor.

Constantin Costa-Gavras Rolf Hochhuth based on play period piece Historie Nationalsozialismus Holocaust WWII Kirche Rom Vatikan Berlin Auschwitz Widerstand





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