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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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A HIGH WIND IN JAMAICA (Alexander Mackendrick/UK 1965)


"Will I have to die now?"

A High Wind In Jamaica (Sturm über Jamaika) ~ UK 1965
Directed By: Alexander Mackendrick

Weil ein paar englische Kolonisten in Jamaica die umfassende Zivilisationsfeindlichkeit der Insel als schädigend für ihre Kinder empfinden, schicken sie sie per Schiff zurück in die Alte Welt. Kaum auf See, wird der Schoner von dem Piraten Chavez (Anthony Quinn) und seinen Männern ausgeraubt, sieben der Kinder schleichen sich derweil im Zuge eines Abenteuerspiels unbemerkt auf Chavez' Schiff. Erst am Abend entdecken die Piraten die heimlich an Bord gekommenen Kinder und behalten sie fürs Erste bei sich. Für die Kleinen entwickelt sich die folgende Reise zu einem keinesfalls unangenehmen Abenteuerspiel, derweil Chavez bei der königlichen Marine bereits im Verdacht steht, die Kinder umgebracht zu haben. Unter den Piraten brechen sich Konflikte den Weg, da die Mannschaft die durchaus furchtlose, selbstbewusste Wesensart der Kinder zunehmend misstrauisch beäugt. Als die Piraten ein holländisches Handelsschiff kapern, ersticht die ängstliche Emily Thornton (Deborah Baxter) missverständlich den fremden Kapitän (Gert Fröbe). In England werden Chavez und seine Leute schließlich wegen Mordes vor Gericht gestellt.

Ursprünglich hatte James Mason ein Auge auf Richard Hughes' Erzählung geworfen und eine erste Verfilmung geplant, diese jedoch wurde, nachdem sie kurz die Produktionsetage Disneys gestreift hatte, aufgrund ihrer impliziten Düsternis wieder verworfen und dann erst Jahre später von der Fox realisiert. Mackendricks ursprünglicher Schnitt fand sich für den Kinoeinsatz um rund eine halbe Stunde gekürzt, weshalb der britische Regisseur den Film nachträglich ablehnte. Dabei ist er auch in dieser Form noch hinreichend ungewöhnlich, um die Beschäftigung mit sich lohnenswert zu machen; als moralisches Stück um Schuld, Sühne und den zeitweiligen Zynismus göttlicher Gerechtigkeit lässt er den Zuschauer am Ende sehr nachdenklich zurück. Zwischen dem raubeinigen Piraten Chavez und der etwa zehnjährigen Emily entsteht während der Reise über den Atlantik eine zarte, von fast väterlichem Verständnis geprägte Freundschaft, die damit endet, dass Chavez sogar auf einen reichen Beutezug verzichten will, um die durch einen Unfall verletzte Emily und die anderen Kinder in Sicherheit zu bringen. Doch die Kollision der unschuldigen, aus gutem Hause stammenden Zöglinge mit den abergläubischen Raubgesellen lässt von Anfang an kein versöhnliches Ende zu: Bereits John (Martin Amis), der Älteste, muss unterwegs sterben, weil er durch eigene Unvorsicht aus einem Bordellfenster stürzt. Am Ende schlägt sich der durchaus unbeabsichtigte, unheilvolle Einfluss der Seeräuber so sehr nieder, dass Emily in einer für sie unüberschaubaren Situation zur Mörderin wird. Chavez als einziger Zeuge ihrer Tat verzichtet später vor Gericht freilich auf die Verkündung der Wahrheit, um einerseits Emily zu schonen und andererseits der überdies längst fälligen Sühne in Form des Stricks endlich ins Auge zu sehen. "Ich will nicht für etwas gehängt werden, dass ich gar nicht getan habe", wirft Chavez' mitverurteilter, jüngerer Freund Zac (James Coburn) ein. "Du wirst schonmal irgendetwas angestellt haben, dass den Galgen rechtfertigt", erwidert Chavez lachend. Die kleine Emily derweil gelangt zurück in die wohlbehüteten Arme ihrer Eltern, auf Lebzeit ein böses Geheimnis mit sich schleppend, dass sie vielleicht irgendwann als surrealen Albtraum wird verdrängen können.

8/10

Alexander Mackendrick Kolonialismus Piraten Kinder Karibik Freundschaft Jamaica Richard Hughes period piece


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THE FIGHTING KENTUCKIAN (George Waggner/USA 1949)


"Wouldn't you take a look to the horses?" - "I'll see to the horses."

The Fighting Kentuckian (In letzter Sekunde) ~ USA 1949
Directed By: George Waggner

Nach Napoleons Niederlage und Exil emigrieren einige der ehemaligen Bonapartisten mitsamt ihren Familien in die Neue Welt, erwerben Land in Alabama und bauen sich dort eine neue Existenz auf. John Breen (John Wayne) von der Kentucky-Miliz verliebt sich in die Generalstochter Fleurette De Marchand (Vera Ralston), die jedoch bereits dem vermeintlich heldenhaften Geschäftsmann Blake Randolph (John Howard) versprochen ist. Während seiner Werbung um Fleurette und seiner Rivalität mit Randolph deckt Breen, der sich zusammen mit seinem besten Freund Paine (Oliver Hardy) als Landvermesser tarnt, um in Fleurettes Nähe bleiben zu können, einen Grundstücksschwindel zu Ungunsten der französischen Siedler auf, der in einem Überfall auf Fleurettes Vater kulminieren soll.

Ebenso flotte wie komische Semi-Western-Romaze, die für einen veritablen Genrefilm nicht ganz das recht Setting und die rechte Ära widerspiegelt. Immerhin liefert Waggner mit "The Fighting Kentuckian", der Duke Seite an Seite mit Oliver Hardy in Fransenjacke und Waschbären-Fellmütze präsentiert, einen ungewohnten, cineastisch faktisch unbeackerten historischen Hintergrund, in dem Waterloo-Veteranen auf Südstaaten-Milizen treffen, was Gelegenheit zu einigem Hurra-Patriotismus und Ehrbekundungen gibt. Bedenkt man, dass die gesamte Geschichte derweil vor einer Romanze konstruiert wurde, könnte man sich allerdings besser Errol Flynn in der Titelrolle vorstellen als Duke, doch jener war als Warner-Zugpferd für eine Republic-Produktion vermutlich unabkömmlich. Müßig, darüber zu spekulieren, denn "The Fighting Kentuckian" ist auch so durchaus gelungen. Besonders schön natürlich die ungewöhnliche Partnerschaft zwischen Wayne und seinem comic sidekick Hardy, der sich in einem besonderen Ausnahmefall von seinem Dauerpartner Stan Laurel absentierte, auch neben Duke eine im wahrsten Wortsinne imposante Figur macht und der durch seine liebenswerte Performance viel von dem Film rettet.

7/10

George Waggner Alabama Südstaaten period piece


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HAS ANYBODY SEEN MY GAL? (Douglas Sirk/USA 1952)


"Do you have to make so much noise playing "Silent Night"?"

Has Anybody Seen My Gal? (Hat jemand meine Braut gesehen?) ~ USA 1952
Directed By: Douglas Sirk

Weil er keine legitimen Erben hat, überlegt sich der Multimilliardär Samuel Fulton (Charles Coburn), die (ihm freilich unbekannte) Familie seiner mittlerweile verstorbenen Jugendliebe Millicent, die in einer Kleinstadt lebenden Blaisdells, zu begütern. Um herauszufinden, ob sie dieser Ehre würdig sind, reist Fulton in cognito unter dem Namen John Smith vor Ort, zieht sich bei den Blaisdells als Untermieter ein und arbeitet als Eisverkäufer im Krämerladen des Vaters (Larry Gates). Alsbald hat Fulton seine "Quasi-Familie" sehr lieb gewonnen und entschließt sich, ihre finanzielle Not zu lindern, indem er ihnen anonym 100.000 Dollar zuschießt. Primär infolge der Euphorie der Mutter (Lynn Bari) dauert es nicht lange, und die Eltern haben sich zu versnobten Neureichen entwickelt, derweil die Kinder sich wieder in ihr altes Leben zurücksehnen. Dank Fultons Engagement fügt sich bald alles zu einem glücklichen Ende.

Für den wunderhübsch bunten "Has Anybody Seen My Gal?" fügte sich Sirk zum Moraldidaktiker vom Schlage eines Frank Capra und lieferte ein Reflexion über die alte Weisheit, wie schnell und wie sehr Geld den Charakter verdirbt. Dass er diese Geschichte mit der Lebensabendgestaltung eines superreichen Seniors verknüpft, der als eine Art 'guter Engel' die Geschicke der Familie Blaisdell steuert und beeinflusst, darin liegt der besondere Kniff des Films. Im Grunde ist "Has Anybody Seen My Gal?" nämlich ein prächtiges Altersgeschenk an den herzhaft-knuffigen Charles Coburn, der um diese Zeit, 74-jährig, als listiger und lustiger Opa stets gern gesehen ward und insbesondere diesen Film, eine ebenso erzkonservative wie spießige Hollywood-Phantasie, der man aufgrund ihres Alters jedoch alles zu verzeihen geneigt ist, faktisch trägt. Die noch sehr jungen Piper Laurie und Rock Hudson sind sicherlich nett anzuschauen, aber keineswegs basale Stützpfeiler für Sirk. Pikant wird es, wenn Coburn gegen Ende, nachdem er bei seinen Rettungsmanövern bereits in einer Schnbapsbar und einer Spielhölle aufgegriffen wurde, unterstellt wird, er mache sich an junge Mädchen heran. Glücklicherweise denkt man sich zumindest nichts Schlimmes bei seiner großväterlichen Freundschaft zu der kecken, kleinen Roberta (Gigi Perreau), aber solch verworfene Verdächtigungsoptionen ersparte man sich im sauberen Studiokino jener Tage bewusstermaßen. In einer Minisprechrolle, die retrospektiv seltsamerweise wie ein bewusst eingesetztes Cameo wirkt, ist der noch unbekannte James Dean als Milchbar-Kid zu erblicken.

8/10

Douglas Sirk Familie Erwachsenenmärchen Geld Freundschaft Weihnachten period piece


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THE LAST STAND (Jee-woon Kim/USA 2013)


"I'm the sheriff."

The Last Stand ~ USA 2013
Directed By: Jee-woon Kim

Das hat sich der Druglord Cortez (Eduardo Noriega) fein ausgedacht: Um seiner Überführung von Las Vegas in ein Sicherheitsgefängnis zu entgehen und über die mexikanische Grenze flüchten zu können, hat er bereits einen großbudgetierten Fluchtplan parat, der ihn mit einer superschnellen Corvette bis zum verschlafenen Grenzstädtchen Sommerton und dort über eine eigens angelegte Brücke in die Freiheit führen soll. Bei Sommerton sind Cortez' Handlanger, darunter der böse Burrell (Peter Stormare), alles andere als untätig. Cortez und Burrell rechnen jedoch nicht mit der Verbissenheit des zwar etwas betagten, aber immer noch höchst agilen Sheriffs Owens (Arnold Schwarzenegger), der sein friedliches Ambiente gar nicht gern gestört wissen möchte und mithilfe seiner Deputys auf die Barrikaden geht.

Dieser Quasi-Western, Arnies Hauptrollen-Comeback nach zehn Jahren verpeilter Polit-Abstinenz, hat mir außerordentlich gut gefallen; wesentlich besser sogar, als ich erwartet hatte. Seit "Eraser" hat man den Muskelmann in keinem solch spaßigen, ganz auf seine Person zugeschnittenen Actionfilm mehr sehen können; alles was danach kam, krankte wahlweise am Irrglauben der jeweiligen Produktion, die steirische Eiche in einer dramatisch tragfähigen Rolle ("End Of Days"), in einem sozialkritischen Szenario ("The 6th Day") oder als rachsüchtigen Privatmann ("Collateral Damage") einsetzen zu können, respektive an der allgemeinen Zweitklassigkeit des Films (Terminator 3: Rise Of The Machines"). "The Last Stand" indes begreift wiederum um die überlebensgroße Ikonographie der Kunstfigur Schwarzenegger, leugnet sie nicht und setzt ihr stattdessen noch ein weiteres Denkmal. Der Film ist versiert und sauber, witzig, trocken, brutal und schnell, ohne verlogen zu sein oder sich den langweiligen Neomechanismen des Genres gegenüber allzu affirmativ zu zeigen, ein generationenverbindendes, überaus unterhaltendes Stück Action. In dieser Form zudem eine wohlfeile Startrampe für Weiteres aus der entsprechenden Ecke.

8/10

Jee-woon Kim Arizona Las Vegas Kleinstadt Duell Neowestern FBI Grenze


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KILLING THEM SOFTLY (Andrew Dominik/USA 2012)


"Very few guys know me."

Killing Them Softly ~ USA 2012
Directed By: Andrew Dominik

Der kleine Gauner Johnny Amato (Vincent Curatola) lässt von zwei Handlangern (Scott McNairy, Ben Mendelsohn) ein von der Mafia organisiertes Pokerspiel überfallen. Die ehrenwerte Gesellschaft setzt daraufhin umgehend den Auftragskiller Jackie Cogan (Brad Pitt) auf die Übeltäter an. Sein ebenfalls herbestellter New Yorker Partner Mickey (James Gandolfini) erweist sich allerdings als zu deprimiert und ausgebrannt, um Jackie die versprochene Hilfe zu sein. Also erledigt dieser die betreffenden 'Jobs' allein.

"Killing Them Softly" ist die zweite Verfilmung eines Romans von George V. Higgins nach "The Friends Of Eddie Coyle". Dieser Autorenname verpflichtet also gewissermaßen. So ganz bin ich mir allerdings noch nicht schlüssig, wie ich Andrew Dominks jüngsten Film finden soll. Er jagt einen sozusagen durch affektive Wechselbäder. Nachdem man beispielsweise im Glauben war, dass jene in den Neunzigern so beliebte Tarantino-/Rodriguez-/Ritchie-Gaunergeschwafel, das via einer jeweils mehr oder weniger redundanten Kavalkade von Vierbuchstabenwörtern kostbare Erzählzeit künstlich aufblies mittlerweile passé seien, belehrt uns Dominik eines Besseren: Das verbale Um-die-Wette-Gebolze der beiden Handpuppen-Gangster Frankie und Russell entbehrt nach meinem Empfinden jedenfalls jedweder narrativer Relevanz. Anders die im Prinzip ausblendbare Figur James Gandolfinis, dessen Auftritte wiederum großartig sind und den Film durchaus veredeln. Dann macht es widerum Freude zu sehen, wie Dominik die klassische Genre-Erzähltheorie aushebelt. Eine wie auch immer geartete Klimax gibt es bei ihm nämlich weit und breit nicht, kein großes Drama, keine von japanischem Samurai-Ethos gefärbten Ehrenkodexe; bloß zwei bis drei heftige Gewaltakte, blöde bis gierige Kriminelle, einen Killerjob mehr, ein paar weitere Kerben auf dem fraglos langen Auftragsholz des Jackie Cogan. Und Brad Pitt einmal mehr als bösen Schmierlappen, wie man ihn eigentlich schon vor zwanzig Jahren am Liebsten sah. Ich glaube, "Killing Them Softly" gefällt mir alles in allem doch recht gut.

8/10

Andrew Dominik George V. Higgins New Orleans Südstaaten Mafia


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CAVE OF OUTLAWS (William Castle/USA 1951)


"Whom shall I trust now?"

Cave Of Outlaws (Die Höhle der Gesetzlosen) ~ USA 1951
Directed By: William Castle

Nach fünfzehn Jahren wird der einst als Teenager (Russ Tamblyn) verknackte Pete Carver (Macdonald Carey) aus dem Staatsgefägnis entlassen. Das einst von seinem Vater bei einem Zugüberfall geraubte und in einer Höhle versteckte Geld ist bis heute nicht wieder aufgetaucht. So heftet sich umgehend ein Pinkerton-Detektiv (Edgar Buchanan) an Carvers Fersen in der Hoffnung, der Ex-Knacki möge den Schatz in Kürze heben. Jener zeigt derweil gehobenes Interesse an der Zeitungsredakteurin Elizabeth Trent (Alexis Smith), ganz zum Unwillen des hiesigen Kupferbarons Ben Cross (Victor Jory), der seinerseits längst ein Auge auf Elizabeth geworfen hat und gewohnt ist, unliebsame Widersacher kurzerhand aus dem Weg zu räumen...

Der erste von neuneinhalb B-Western, die der berühmte "Gimmick-Regisseur" William Castle Anfang bis Mitte der fünfziger Jahre dirigierte, ein überaus gefälliger, erstaunlich wenig exploitativer Film. Zudem verhielt es sich mit "Cave Of Outlaws" wohl vergleichsweise ernsthaft - zumindest ließ Castle hier noch die Finger von Geschichtsklitterung und albernem Hurra-Patriotismus. Wenngleich ohne große Stars auskommend und fraglos der typischen 'Abteilung Abschreibung' der Universal-Western-Produktion zuzurechnen, fasziniert "Cave Of Outlaws" somit dennoch aufgrund seiner wirklich sorgfältigen, sauberen Inszenierung und des herrlichen Technicolor, das Castle wie eine alles überlappende Ölschicht nutzt und beinahe zu einem zusätzlichen Protagonisten macht. Der - psychologisch freilich uninteressante und für die Genrehistorie von bestenfalls sekundärer Bedeutung befindliche - "Cave Of Outlaws" bildet daher eine kurzfristig höchst reizvoll affizierende Augenweide, die besonders Freunde des trivialen, kleinen Unterhaltungswestern nebst passionierten G.F.-Unger-Lesern optimal bedient.

8/10

William Castle New Mexico Schatz Höhle Duell


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THE BROTHERS KARAMAZOV (Richard Brooks/USA 1958)


"If there is no God, then nothing can be immoral. Everything becomes lawful, even crime. Crime becomes not only lawful, but inevitable."

The Brothers Karamazov (Die Brüder Karamasov) ~ USA 1958
Directed By: Richard Brooks

Ein russisches Dörfchen um das Jahr 1880: Der alternde Patriarch Karamasov (Lee J. Cobb) hat vier Söhne, allesamt von verschiedenen Müttern: den lebenslustigen Soldaten Dimitri (Yul Brynner), den intellektuellen Journalisten Ivan (Richard Basehart), den zutiefst gläubigen Novizen Alexej (William Shatner) und schließlich den illlegitimen, aber stets an des Vaters Seite befindlichen Smerdjakov (Albert Salmi). Zwischen dem Alten und Dimitri bestehen tiefer Hass und leidenschaftliche Abneigung, da der Vater iDimitri sein rechtmäßiges Erbteil der Mutter vorenthält. Der besonnene Alexej kann jedoch immer wieder beruhigend auf die beiden Streithähne einwirken und zwischen ihnen vermitteln. Als der alte Karamasov jedoch die promiske Kneipenwirtin Gruschenka (Maria Schell) zu ehelichen plant und Dimitri sie ihm vor der Nase wegschnappt, eskaliert die Situation. Eines Nachts wird der Senior erschlagen und der leugnende Dimtri steht unter höchstem Tatverdacht.

Diese Verfilmung des letzten Dostojewski-Romans ist eine der prägenden West-Romantisierungen des alten Russland, der sich, zusammen mit "Dr. Zhivago" und "Fiddler On The Roof" durch sein gefälliges, folkloristisches Äußeres und - wer in den Siebzigern und Achtzigern aufgewachsen ist, wird sich erinnern - beständige TV-Wiederholungen tatsächlich maßgeblich für die bürgerliche Vorstellung jenes Zeit- und Lokalkolorits verantwortlich war (und ist). Und wahrhaftig; Yul Brynner als russian lover, Lee J. Cobb als fieser Lustgreis und die ehedem verführerisch schöne Maria Schell, die bereits mit ihrem Lächeln eroitische Tagträume auzulösen vermochte, personifizieren Typen, die aus dem klassischen US-Kino kaum mehr wegzudenken sind. Dass Brooks, ein Filmemacher, der ohnedies längst einmal einer weitflächigen Rekapitulation unterzogen gehörte, aus dem nachdenklich-reflexiven Alterswerk Dostojewskis eine vergleichsweise possierlich geratene, wenngleich flamboyante Hollywood-Soap gemacht hat, ist ihm angesichts des vorzüglich unterhaltenden Resultats nachzusehen.

8/10

Richard Brooks Fjodor Dostojewski Russland period piece Vater & Sohn Brüder Familie Courtroom


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ELMER GANTRY (Richard Brooks/USA 1960)


"Love is the morning and the evening star!"

Elmer Gantry ~ USA 1960
Directed By: Richard Brooks

Während der Depressionsjahre tingelt der opportunistische, dem Whiskey und vor allem den Frauen mehr als zugetane Glücksritter Elmer Gantry (Burt Lancaster) als Vertreter für Elektrogeräte durch die Südstaaten und den Mittelwesten. Als er die wandernde Erweckungspredigerin Sharon Falconer (Jean Simmons), die ihre Predigten einer Zirkusveranstaltung ähnlich in einem Kuppelzelt abzuhalten pflegt, kennenlernt, schließt er sich ihrem Tross an - zunächst freilich, um Sharon ins Bett zu bekommen. Doch bald findet Elmer tatsächlich Gefallen an seiner neuen Rolle als religiöse vox populi, zumal er durch sein exaltiertes Auftreten nach nicht allzu langer Zeit einen höheren Bekanntheitsgrad erlangt als die sich tatsächlich in ihn verliebende Sharon. Alles scheint für Elmer zum ersten Mal seit langem richtig gut zu laufen, bis er es mit seinem verlogenen Kreuzzug gegen die Laster der Welt übertreibt und ihm eine alte, sündige Lebensepisode ein hübsch bestrumpftes Bein stellt...

Fantastisches, seiner Zeit weit voraus blickende Geschichte über falsche Propheten und religiöse Eiferei des großen Auteurs Brooks, die Burt Lancaster zudem in einer seiner schönsten, unvergesslichsten Rollen zeigt. Wenngleich er den Part des die provinzielle Naivität seines Publikums gewinnbringend ausnutzenden Seelenverkäufers bereits in "The Rainmaker" zum Besten gegeben hatte, und ihn hier im Prinzip "lediglich" nochmals variiert, spürt man seiner Darbietung förmlich an, welche innere Nähe die Figur Elmer Gantrys zum Showman Lancaster gehabt haben muss. Dem Mann mit der gebleckten Kauleiste, die aus mindestens 50 Zähnen zu bestehen scheint, ist man wahrhaft alles abzunehmen versucht; vom Versprechen der Absolution bis hin zum defekten Staubsauger. Elmer Gantry wirkt ferner nicht zuletzt derart authentisch, weil er bei aller existenziellen Unsicherheit ein unerschütterliches Selbstvertrauen an den Tag legt und förmlich darauf konditioniert ist, stets auf die Füße zu fallen. Daher wird man von ihm auch keine Träne sehen, als sein großer Traum der Sesshaftwerdung einer Seifenblase gleich zerplatzt, sondern ein weiteres, egomanes Grinsen, das ihn stolzen Schrittes zu neuen Taten führt. Der Lebemann als bibelfestes Stehaufmännchen - wer anders als Lancaster hätte ihn mit derart formvollendeter Perfektion personifizieren können?

9/10

Richard Brooks Great Depression Wanderprediger Kirche Südstaaten Religion Satire


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SEPERATE TABLES (Delbert Mann/USA 1958)


"You know something? No one else I know of lies with such sincerity."

Seperate Tables (Getrennt von Tisch und Bett) ~ USA 1958
Directed By. Delbert Mann

Das "Beauregard" ist ein altehrwürdiges Hotel in einem englischen Seebad, in dem die meisten Gäste langfristig logieren. Bewirtschaftet wird das Traditionshaus von der liebenswürdigen Pat Cooper (Wendy Hiller), einer Art 'guter Seele' des Beauregard, die mit dem dem Alkohol zusprechenden Gast John Malcolm (Burt Lancaster) verlobt ist. Jeder der Einwohner hat so seine speziellen Problemchen, die eines Tages während der Herbstsaison kulminieren, als mit dem alternden Model Ann Shankland (Rita Hayworth) Malcolms Ex-Frau auftaucht. Der sich integer gebende Offizier Pollock (David Niven) erweist sich als heimlicher Lüstling mit seltsamen Neigungen, derweil die ihn anhimmelnde, alte Jungfer Sibyl Railton-Bell (Deborah Kerr) einen lange schwelenden Konflikt mit ihrer herrschsüchtigen Mutter (Gladys Cooper) austrägt.

Der teilweise überkritische Lancaster-Biograph Tony Thomas schreibt, "Separate Tables" sei der Film Deborah Kerrs und David Nivens. Dies stimmt, wenn auch nicht zur Gänze, so doch zumindest zu großen Teilen, denn in solch großartiger Form und vor allem derart untypisch angelegten Rollen hat man die beiden sonst selten Gelegenheit zu sehen. Besonders Niven als sexuell gestörter Hochstapler, ausnahmsweise mit kapitalem Schnauzer anstelle des schmalen Oberlippenbärtchens, der zur Bilanzierung gezwungen ist und der gerade durch seine letztlich liebenswürdige Offenheit die wahren Gesichter der übrigen Charaktere aufdeckt, erweist sich in der Rolle des Major Pollock als über sich selbst hinauswachsend. Doch auch die Hayworth, die ihren eigenen Diven-Status aufs Korn nimmt, um ihn dann nachgerade lustvoll zu unterminieren, beweist, dass weitaus mehr in ihr steckt als das ikonographische, erotisch-fatale Showgirl der vorvergangenen Dekade. Für Lancaster, das kommerzielle Aushängeschild des Films, bietet "Separate Tables" eher wenig Potenzial zur Ausschöpfung seiner Fähigkeiten. Den Zweifler auf der existenziellen Verliererspur mag man ihm nicht ganz abnehmen.

8/10

Delbert Mann Terence Rattigan England Hotel Ensemblefilm Mutter & Tochter based on play


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MAMA (Andrés Muschietti/E, CA 2013)


"Extraordinary claims require extraordinary proofs."

Mama ~ E/CA 2013
Directed By: Andrés Muschietti

Nachdem Lucas' (Nikolaj Coster-Waldau) zwei kleine Nichten vor 5 Jahren in den Wäldern Virginias verschwunden sind - ihr Vater, Lucas' Zwillingsbruder Jeffrey (Nikolaj Coster-Waldau) hatte im Zuge eines Familiendramas geplant, sie und danach sich selbst dort zu entleiben - tauchen die Mädchen in einer Waldhütte wieder auf, völlig verwildert und in ihrem Verhalten Wolfskindern ähnelnd, aber bei guter körperlicher Gesundheit. Für Lucas gibt es keine Diskussion, dass er sich um Victoria (Megan Charpentier) und Lilly (Isabelle Nélisse) kümmern wird - wenngleich seine Freundin Anabel (Jessica Chastain) anfänglich noch Angst vor der neuen Aufgabe hat. Doch unter der Beaufsichtigung und Therapie des Experten Dr. Dreyfuss (Daniel Kash) verspricht die neue Situation alsbald erste Erfolge, zumindest in Victorias Fall. Lilly weigert sich standhaft, sich an das zivilisierte Leben zu gewöhnen und scheint zudem untrennbar mit einer 'Mama' getauften Phantasiegestalt verbunden. Auch Victoria weiß von Mama, doch sie beginnt, Anabel als neuen Mutterersatz zu akzeptieren. Das lässt sich Mama, die tatsächlich existriert und sich als geisterhafte Präsenz einer vor über hundert Jahren umgekommenen Geisteskranken auf der Suche nach ihrem Baby herausstellt, nicht gefallen.

Ghost business as usual: Die originär ostasiatische Darstellungsform böser Geisterwesen, die, audiovisuell gepimpt via Zeitraffer, Shutter und lautes Tosen durch die Kadrage huschen, ist offenbar immer noch schwer up to date und mag sich nicht totlaufen. Mit "Mama" entert ein neues Schreckgespenst auf der zwischendimensionalen Suche nach Sühne, Vergeltung und Rechtsprechung die Leinwände und kann mitunter trotz seiner Hüllenlosigkeit auch ordentlich austeilen. Wer sich nun damit zufrieden gibt, der Affektebene des Horrorgenres ein neues Opfer in Form einiger weniger Nerven darzubringen, der sollte sich an "Mama", der mit Andrés Muschietti wohl einen Regisseur aus Guillermo del Toros recht umfassendem Nachwuchs-Protektorat vorweist, halbwegs gesundstoßen können. Was mich anbelangt, so bin ich solcherlei Produkten prinzipiell keinesfalls abgeneigt, nehme jedoch zwischen diesem und den vielen anderen Geisterfilmen der letzten 12, 13 Jahre mittlerweile bestenfalls noch marginale Unterschiede wahr. Ich schaue sie mir in ihrer Funktion als cineastisches Fast-Food-Amüsement mit geringer Halbwertszeit hier und da durchaus gern an und lasse mich über die gegebene Erzählspanne von ihnen einlullen, da sie sich aber in ihrer schematischen Art der Darbietung doch sehr ähneln, erscheinen sie mir kaum als etwas anderes denn leicht unterschiedlich stark gewürzte Esslöffelportiönchen aus ein- und demselben großen Gulaschpott.

6/10

Andrés Muschietti Guillermo del Toro Kinder Familie Spuk Dämon Fluch