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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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ROPE OF SAND (William Dieterle/USA 1949)


"You must have been such a sweet girl once."

Rope Of Sand (Blutige Diamanten) ~ USA 1949
Directed By: William Dieterle

Der Abenteurer Mike Davis (Burt Lancaster) kennt den exakten Fundort eines kleinen Diamantenfeldes innerhalb eines riesigen, eingezäunten Areals nahe Kapstadt. Nachdem der örtliche, machthungrige Polizeichef Vogel (Paul Henreid) bereits vor zwei Jahren vergebens versuchte, Mike sein Geheimnis durch Folter zu entlocken, kehrt dieser nun zurück, um sich die Edelsteine unter den Nagel zu reißen. Doch sowohl Vogel als auch der Diamantenhändler Martingale (Claude Rains), der die Glücksitterin Suzanne (Corinne Calvet) engagiert um Mike weichzukochen, sitzen ihm im Nacken.

Die Erinnerung an "Casablanca" kommt nicht ganz von ungefähr: Hal Wallis produzierte dieses in Afrika spielende, flamboyante Abenteuer um Gier, Opportunismus, Kriegstraumata, Verrat und Glücksspiel mit Burt Lancaster in der (beileibe nicht so elegant interpretierten) Rolle von Bogey, Paul Henreid in der Rolle von Conrad Veidt und Claude Rains und Peter Lorre in Wiederholung ihrer eigenen Rollen aus dem unerreichten Vorbild. Selbst einen neuen 'Sam' gibt es, in Gestalt von Davis' "Boy" John (Kenny Washington). Viele Szenen spielen in einer bezüglich Interieur und Atmosphäre an 'Rick's Café' gemahnenden Spelunke. Henreid genießt den Wandel vom aufrechten Widerstandskämpfer zum diabolischen Ekel, Sam Jaffe kommt noch vor als versoffener Arzt und die besten Auftritte hat - wie könnte es anders sein - Lorre als undurchsichtiger, kleinkrimineller Schnorrer, der wie ein kleines Gespenst immer dann auftaucht, wenn man es am wenigsten erwartet. Ein kleiner Diamant im Camp-Wust der Spätvierziger.

8/10

William Dieterle Südafrika Afrika Diamanten


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DEVIL'S PASS (Renny Harlin/USA, UK, RU 2013)


"What we're doing is right."

Devil's Pass ~ USA/UK/RU 2013
Directed By: Renny Harlin

Die US-Studentin Holly King (Holly Goss) begeistert sich für einen Zwischenfall im Ural, der sich 53 Jahre zuvor ereignete: Damals sind neun Bergwanderer, nach ihrem Führer 'Dyatlow-Expedition' benannt, auf unerklärliche, gewaltsame Weise auf einem Bergpass ums Leben gekommen. Die Umstände sind bis dato ungeklärt. Zusammen mit vier Kommilitonen reist Holly zum Unglücksort, um dort eine Film-Dokumentation über die Expedition zu drehen. Den Teilnehmertn wird bald mulmig: Riesige Barfußspuren finden sich im Schnee, merkwürdige, knallartige Geräusche sind zu vernehmen, in einer Wetterstation liegt eine menschliche Zunge. Und irgendjemand versucht offenbar krampfhaft, sie von weiteren Entdeckungen abzuhalten, auch unter Inkaufnahme ihrer aller Tode. Eine von außen verriegelte Stahltür im Berg schließlich scheint Aufschluss zu geben...

Mal etwas geringfügig anderes im Found-Footage-Bereich: Diesmal liegt der geschilderten Expedition kein fiktives, sondern ein reales Ereignis zugrunde. Die Dyatlow-Expedition hat es nämlich wirklich gegeben und die Umstände ihres Scheiterns und der Tode ihrer Teilnehmer sind tatsächlich so mysteriös, wie sie in Harlins Film dargestellt werden: Trotz der immensen Kälte erfroren einige, weil sie in ihrer Unterwäsche um ein Lagerfeuer saßen, andere wurden offenbar erschlagen, einem Opfer fehlte die Zunge, ohne, dass Spuren respektive Hinweise auf Kämpfe oder Angriffe äußerer Gewalten gefunden worden wären. Eine solche Geschichte gibt natürlich hinreichend Anlass zu Spekulationen und ganz gewiss auch zu einem Genrewerk im "Blair-Witch"-Stil. Selbiges kredenzt uns Renny Harlin, von dem, wie ich mal ganz vorlaut behaupte, schon seit einigen Jahren nicht viel Bedeutsames verlautbar wurde und der sich mit diesem stilistisch erwartungsgemäß kaum eklatanten Genrefilm zumindest mein Interesse zurückerobert hat. Ich entwickle ja zunehmend Herz für das Found-Footage-Segment und auch "Devil's Pass" konnte mich mitreißen, trotz einiger persönlicher Abstriche. Ziemlich toll, weil ziemlich wild fand ich die Auflösung am Ende, die in dieser Form wohl wirklich niemand erwarten kann, zumal im Prinzip alle sonstigen Spekulationen bereits im Vorhinein dramaturgisch abgetötet wurden. Weniger begeisternd die leider omnipräsente, etwas geschwätzige Protagonistin, die einer ihrer Mitreisenden mit der neunmalklugen Streberin 'Velma' aus der "Scooby-Doo"-Trickserie vergleicht und damit so ziemlich den Nagel auf den Kopf trifft. Auch die etwas sehr hektisch hingezauberten Creature-F/X im letzten Fünftel hätten im Idealfall noch einiger Optimierung bedurft, gehen aber infolge des Indie-Charakters des Streifens schon in Ordnung. Nicht übel.

7/10

Renny Harlin embedded filming found footage Russland Monster Experiment Independent


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THE TALK OF THE TOWN (George Stevens/USA 1942)


"I like people who think in terms of ideal conditions. They're the dreamers, poets, tragic figures in this world, but interesting."

The Talk Of The Town (Zeuge der Anklage) ~ USA 1942
Directed By: George Stevens

Sweetbrook, Massachusetts: Der sozialpolitisch engagierte Arbeiter Leopold Dilg (Cary Grant) wird zum Opfer eines Komplotts. Er soll die örtliche Textilfabrik niedergebrannt und das Leben eines Mitarbeiters auf dem gewissen haben. Um der drohenden Todesstrafe zu entgehen, flieht Dilg und versteckt sich im Dachboden des Landhauses von Nora Shelley (Jean Arthur), in das sich just zur selben Zeit der berühmte Rechtsgelehrte Professor Lightcap (Ronald Colman) eingemietet hat. Die drei so unterschiedlichen Individuen lernen sich bald besser kennen und werden gute Freunde, bis Leopold, der sich bislang als Gärtner Joseph verkauft hat, seine wahre Identität preisgeben muss. Auf den ehern rechtsverhafteten Professor wartet nun die Entscheidung für oder gegen seine langjährige Überzeugung.

Eine große Menge an Stoff steckt drin in George Stevens' schnippischer Komödie, die gleichsam eine etwas komplexere Capra-Geschichte darstellt. Die ernsten Topoi der Korruption und der willkürlich verhängten Todesstrafe bieten die Basis für eine Dreiecks-Romanze nebst philosophischen Grundsatzdiskussionen darüber, wie blasse Akademiker überhaupt Überlegungen über das existenzielle Fragen anzustellen vermögen, wenn sie sich doch stets vom wahren Leben fernhalten. Welche Berechtigung haben graumelierte, bärtige Habilitierte, moralische Maximen aufzustellen und zu verteidigen, wenn sie doch stets vom humanistischen Idealfall ausgehen? Cary Grant als unschuldig Vorverurteilter, der angesichts seiner sich mit dem Professor abtauschenden Wortgefechte neuen Lebensmut und Vertrauen in die Institutionen fasst und seinen vormailgen Sarkasmus wie beiläufig fallen lässt, präsentiert sich als ebensolch ein Gewinn wie Colman als steifer Rechtsphilosoph, der die kleinen Dinge des Lebens nicht vermisst, weil er sie nie kennen gelernt hat und wechselseitig von Leopold Dilg ins Sonnenlicht gestoßen wird. Jean Arthur ist ohnehin wie immer ersatzlos.

9/10

George Stevens Kleinstadt Massachusetts Freundschaft


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EXECUTIVE DECISION (Stuart Baird/USA 1996)


"Colonel, were not gonna make it!" - "You are!"

Executive Decision (Einsame Entscheidung) ~ USA 1996
Directed By: Stuart Baird

Unter dem Vorwand, seinen Kompagnon Jaffa (Andreas Katsulas) freizupressen, entführt der Terrorist Nagi Hassan (David Suchet) eine Passagiermaschine von Athen nach Washington D.C.. Tatsächlich plant Hassan jedoch, den Flieger über der Hauptstadt abstürzen zu lassen und somit eine an Bord versteckte, riesige Menge Nervengas freizusetzen, die große Teil der Ostküste verseuchen würde. Der Terrorbekämpfungsexperte Austin Travis (Steven Seagal) mit seinen Männern sowie der CIA-Analytiker David Grant (Kurt Russell) wolle sich über ein kompliziertes Andock-Manöver in der Luft an Bord des Jets schmuggeln und Bombe und Terroristen lahmlegen. Der Plan jedoch geht geflissentlich schief, Travis kommt ums Leben und der in Feldaktionen unerfahrene Grant muss mithilfe der nunmehr führungslosen Gruppe von Seals, der Stewardess Jean (Halle Berry) sowie dem Techniker Cahill (Oliver Platt) versuchen, die verfahrene Situation zu retten.

Einer der besten Genrebeiträge der Neunziger, der angesichts seiner traditionsbewusst-handgemachten und trotz des spektakulären Sujets nie über Gebühr albern wirkenden Inszenierung selbst den meisten aktuellen Actionfilmen noch eine lange Nase zu drehen vermag. Der vornehmlich als Cutter tätige Stuart Baird hat im Falle "Executive Decision" wirklich alles richtig gemacht: Zum Einen werden klassische Werke der Gattung wie "The Delta Force" eingehend zitiert und erfahren eine schöne Ehrerbietung, zum anderen ist dieser mit Herz und Seele abgefasste Film durch eine unablässige Verkettung von Suspense-Elementen, die sich in erster Linie darauf rekurrieren, dass die heimlich an Bord befindlichen Retter nicht von den Terroristen entdeckt werden, so unglaublich spannend und straff, dass die knapp 130 Minuten Laufzeit einem kaum halb so lang erscheinen. Ferner halte ich den Einfall, Seagal dem Heldentod zu überantworten, bevor es überhaupt richtig losgeht und stattdessen den als Salonlöwen eingeführten Krawattenträger Russell, der sich zudem erst den nötigen Respekt von Travis' Crew erwirtschaften muss, den Tag retten zu lassen, immer noch für pures Ideengold.

9/10

Stuart Baird Terrorismus Kidnapping Luftfahrt Flugzeug


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HISTOIRES EXTRAORDINAIRES (Roger Vadim, Louis Malle, Federico Fellini/I, F 1968)


"What am I doing here?"

Histoires Extraordinaires (Außergewöhnliche Geschichten) ~ I/F 1968
Directed By: Roger Vadim/Louis Malle/Federico Fellini

Dreimal Edgar Allan Poe in jeweils höchst eigener Interpretation: 1.) "Metzengerstein": Die Gräfin Frederique de Metzengerstein (Jane Fonda) führt ein ausschweifendes Leben, in dem multiple Perversionen und Orgien an der Tagesordnung sind. Zudem ist sie gewohnt, zu bekommen, was sie will. Als sich ihr Cousin Wilhelm Berlifitzing (Peter Fonda), in den sie sich aufrichtig verliebt, ihr jedoch verweigert, lässt sie seine Stalliungen anzünden, wobei Wilhelm ums Leben kommt. Fast zeitgleich läuft Frederique ein stolzer Rappe zu, der alsbald ihre ganze Aufmerksamkeit erhält und in dessen Sattel Frederique schließlich einen feurigen Freitod wählt. 2.) "William Wilson": Der arrogante Soldat William Wilson (Alain Delon) gilt seit jeher als misogyner, bösartiger Narziss, dessen Streiche häufig auch über die geschmacklichen Stränge schlagen. Doch er hat einen ehrbaren Doppelgänger selben Namens, der in besonders kritischen Situationen in Wilsons Biographie immer wieder auftaucht und ihn zur Räson bringt. Beim dritten Mal erdolcht er sein merkwürdiges Ebenbild, in umgehender Erkenntnis, dass dies auch seinen eigenen Tod bedeutet. 3.) "Toby Dammit": Der exzentrische englische Schauspieler Toby Dammit (Terence Stamp) kommt nach Italien, um einen allegorischen Western zu drehen. Tatsäclich interessiert ihn jedoch bloß die Prämie: Ein nagelneuer Ferrari. Als Dammit volltrunken von einer Preisverleihung getorkelt kommt, wartet das schnelle Gefährt bereits auf ihn. Doch nicht nur dieses; auch der Teufel in Gestalt eines kleinen Mädchens (Marina Yaru) hat Toby bereits auf der Liste.

Nach der sich etwas zäh entblätternden ersten Episode, die vor allem wegen der exaltierten Garderobe der Fonda interessant ist, die von ihrem damaligen Galan Roger Vadim in gewohnt geschmäcklerischer Optik nebst dezenter Erotik in Szene gesetzt wird, folgt ein bereits durchaus poe-eskeres Segment, eine Art "Jekyll-/Hyde"-Paraphrase, in der der böse, triebhafte Persönlichkeitsteil der offen agierende ist und der integer-vernünftige sich jeweils nur in gewissermaßen brenzliger Szenerie zeigt. Die zwingende, zutiefst moralische conclusio: Ohne das Gute kann auch das Böse nicht existieren. Im letzten Drittel schließlich explodiert der Film unter Fellini zu einer psychedelischen, visuellen tour de force: Der von Terence Stamp marvelös interpretierte Toby Dammit sieht alles nurmehr durch die realitätsverzerrende Brille des Polytoxikomanen, permanent unter Drogen stehend und alkoholisiert. Zwar hat Dammit gelernt, dass die chique Gesellschaft ihn nicht nur längst wegen seiner bizarren Auftritte akzeptiert, sondern ihn aufgrund derselben sogar als stetes enfant terrible feiert. Den Abgründen seines Inneren jedoch kann er selbst durch multiple Räusche nicht entfliehen.
Dreimal vom Übernatürlichen gestrafte Grausamkeit und Arroganz also, ein Kerntopos bei Poe und hier ausnahmsweise einmal nicht von Corman, sondern von drei europäischen Regie-Wunderkindern aufgegriffen, was den US-Verleiher AIP allerdings nicht daran hinderte, ein paar zusätzliche voice inserts von Vincent Price nachzuflechten. Tradition hat schließlich Tradition.

8/10

Roger Vadim Federico Fellini Louis Malle Edgar Allan Poe Episodenfilm period piece Mittelalter Rache Rom Alkohol


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THE COLLECTOR (William Wyler/USA 1965)


"There'd be a blooming lot more of this sort of thing, if more people had the time and the money."

The Collector (Der Fänger) ~ UK/USA 1965
Directed By: William Wyler

Mit dem großzügigen Gewinn aus einer Fußballwette plant der einsame Bankangestellte Freddie Clegg (Terence Stamp) gar Diabolisches: Er kauft ein altes Landhaus mit Kellerverlies und entführt seine alte Jugendliebe Miranda (Samantha Eggar), eine in der Hipsterszene verkehrende Kunststudentin, die nichts von ihm weiß. Wochenlang sperrt Freddie Miranda in das Verlies, mit dem Ziel, sie möge ihn besser kennenlernen und sich irgendwann in ihn verlieben. Doch die selbstbewusste junge Frau denkt gar nicht daran, sich von Freddie beugen zu lassen...

Ein junger Psychotiker, intellektuell leicht minderbemittelt und durch seine grundlegende Unfähigkeit zur Empathie zum Gewaltverbrecher werdend: Terence Stamp als Freddie Clegg, dessen größte Leidenschaft darin besteht, Schmetterlinge zu töten, auf Bretter zu nageln und seiner Sammlung einzuverleiben, steht in damals noch junger Tradition zu Anthony Perkins' Norman Bates und Karlheinz Böhms Mark Lewis, zwei nicht minder desolat-isolierte, junge Männer, schüchtern, unscheinbar, gar freundlich in ihrem Gebahren, die in ihrem Inneren jedoch die Bestie beherbergen. Nun ist Wylers Ansatz ein geflissentlich anderer: Den Schritt zum Serienmörder hat Freddie Clegg noch nicht vollzogen, seine Aktivität hat noch mehr von einem Hilferuf. Zudem wird er keiner tiefenpsychologischen Analyse unterzogen; wo Bates unter einem Mutter- und Lewis an einem Vaterkomplex zu leiden hatten, erfährt man im Falle Freddies nur Bruchstückhaftes. Am Ende jedoch erweist er sich als nicht minder pathologisch denn seine Vorbilder - Miranda hat, trotz ganz anders lautender Hoffnungsschürung, keine Chance, Freddie wieder zu entkommen. Sie kann es ihm gar nicht recht machen - bleibt sie ablehnend und spröde, wird sie weiter festgehalten und als sie schließlich trotz allen Widerstandes doch seelisch gebrochen ist, will ihr "Gastgeber" sie nicht mehr. Es folgt ein schleichender Tod aus Verzweiflung nach wochenlanger emotionaler Ber- und Talbahnfahrt. Vielleicht der schlimmstmögliche.

10/10

William Wyler Madness Kidnapping London amour fou


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WARNING SIGN (Hal Barwood/USA 1985)


"I warned you, Joanie!"

Warning Sign (Warnzeichen Gen-Killer) ~ USA 1985
Directed By: Hal Barwood

Die sich nach außen hin als agrarbiologisches Forschungszentrum gebende Firma 'Biotek' entwickelt hinter verschlossenen Türen in Wahrheit einen biologischen Kampfstoff. Als dieser infolge eines dummen Zufalls zum Ausbruch kommt, reagiert die besonnene Pförtnerin Joanie Morse (Kathleen Quinlan) sofort und riegelt das Gebäude hermetisch ab. Die zunächst an ein Versehen glaubenden Mitarbeiter finden sich schon bald eines Schlimmeren belehrt: Das Virus lässt seine Opfer zunächst unter starken Schmerzen zusammenbrechen und dann als mordlustige Wahnsinnige wieder aufstehen. Joanie, die seltsamerweise selbst immun gegen den Kampfstoff ist, hat alle Hände voll zu tun sich der umherstaksenden Irren zu erwehren, derweil ihr Mann Sheriff Morse (Sam Waterston) zusammen mit dem früheren Biotek-Mitarbeiter Fairchild (Jeffrey DeMunn) einen Weg in das Gebäude findet und ihr zur Hilfe eilt.

Eine inhaltliche Mischung aus "The Crazies" und dem unmittelbar zuvor geschauten "The Andromeda Strain", erreicht das Regiedebüt des vormals als Scriptautor aktiven Hal Barwood nie die Intensität seiner Vorbilder. Dafür erweist er sich hier und da dann doch als allzu ungeschlossen betreffs seines Gesamtbildes. Barwood vermisst es schlicht, klarzumachen, wohin sein Film eigentlich will; - eine exploitative Horrorgeschichte mit entstellten Wutzombies, eine Kritik an den Regierungsmachenschaften im Kalten Krieg oder schlicht der Versuch eines Katastrophenfilms? Irgendwie wohl alles davon und nichts so recht. Dann die vielen groben dramaturgischen Schnitzer: Die angerückten Nationalgardisten finden sich nicht in der Lage, gegen eine Wagenladung protestierender Farmer zu bestehen und riskieren eine kontinentale Krise, Morse und Fairchild schlüpfen recht problemlos durch ein offenes Treibhaus in das Biotek-Gebäude - warum schlüpft das Virus nicht einfach auch dort hinaus? Fragen über Fragen, deren Antworten der Film leider schuldig bleibt. Immerhin: Unterhaltsam ist er, gut besetzt und en gros irgendwie auch lohnenswert. Man sollte lediglich eine gute Portion Gutgläubigkeit als Rüstzeug mitbringen.

7/10

Hal Barwood Virus Utah


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THE ANDROMEDA STRAIN (Robert Wise/USA 1971)


"There's a fire, sir."

The Andromeda Strain (Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All) ~ USA 1971
Directed By: Robert Wise

Eine Raumkapsel stürzt über der Kleinstadt Piedmont, New Mexico ab. Nachdem sie geöffnet wurde, dringt eine mikroskopisch große Spore aus, die sofort fast alle Stadteinwohner und Säugetiere tötet und sich auszubreiten droht. Nun greift 'Operation Wildfire', ein von dem Wissenschaftler Jeremy Stone (Arthur Hill) initiiertes Forschungsprojekt, das in einem virologischen Notfall sämtliche Vorkehrungsmaßnahmen trifft von der Analyse bis hin zur Vernichtung des Organismus. Stone und seine drei Mitarbeiter Dutton (David Wayne), Hall (James Olson) und Leavitt (Kate Reid) arbeiten rund um die Uhr in dem eigens angelegten, unterirdischen Komplex.

Die besondere Faszination von "The Andromeda Strain" liegt in seiner minutiösen, hochnüchtern-präzisen Aufbereitung der im Zentrum stehenden Ereignisse. Zwar gönnt sich Wise hier und da modische formale Spielereien wie split screen und clevere Spezialeffekte, bleibt ansonsten aber extrem konzentriert am Kern des Geschehens - nämlich der Sondierung des alsbald mit dem Codenamen 'Andromeda' versehenen, sich als extraterrestrisch herausstellenden Erregers, der zum Entsetzen seiner Entdecker das Blut seiner Opfer gerinnen lässt und zu Staub zersetzt. Wise müht sich wie schon Michael Crichton in seiner Romanvorlage erfolgreich, eine unnachgiebige Ernsthaftigkeit mit höchster dramatischer Spannung zu verknüpfen. Dafür bedarf es weniger ausführlicher Charaktersektion (viel erfährt man über das Kern-Quartett im Grunde nicht) denn einer ausführlichen Schilderung des Untersuchungsprozesses, der Entdeckung und Isolierung von Andromeda, seines Wirkungsgrades, möglicher Immunstoffe und schließlich seiner Unschädlichmachung, die um ein Haar mit einer Atomexplosion nebst katastrophaler Folgen einhergeht. Sehr dicht, somit ein feines Genrestück und einer von Wises Besten.

9/10

Robert Wise Michael Crichton Virus Nevada New Mexico


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SWEETWATER (Logan Miller/USA 2013)


"I've done nothin'." - "Well, at least you know why I'm here."

Sweetwater ~ USA 2013
Directed By: Logan Miller

Auf solche Nachbarn kann man verzichten: Der verrückte Schafzüchter Josiah (Jason Isaacs) nennt sich selbst 'Prophet' und führt eine kleine Sektengemeinde mit integrierter Kirche, wobei er trotz frommer Reden selbst gegen so ziemlich jedes niedergeschriebene und unausgesprochene Gebot verstößt. Als sein Nachbar, der Kleinfarmer Miguel Ramírez (Eduardo Norriega) Josiah auffordert, dessen Tiere von seiner Ernte fernzuhalten, erschießt dieser ihn nach göttlichem Zwiegespräch. Für Ramírez' Witwe Sarah (January Jones) ist Miguel zunächst spurlos verschwunden, dann jedoch, Josiah hat sie unterdessen bereits vergewaltigt, entdeckt sie zufällig die Wahrheit. Ein unaufhaltsamer Rachefeldzug beginnt, bei dem ihr der neue Sheriff Jackson (Ed Harris) zumindest eine kleine Unterstützung liefert.

Liest sich kaum sonderlich innovativ, das Ganze - und ist es auch nicht, zumindest in losgelöster Anbetracht der aus vielfachen Genrezitaten bestehenden, zusammengeschusterten Story, die man als reine (und gelungen vollführte) Reminiszenz betrachten sollte. Darunter schält sich dann nämlich ein angemessen verrückter, von einer wirklich vorzüglichen Stilsicherheit geprägter Film hervor, der trotz seiner multipel gebrauchten Altlasten und Versatzstücke keinesfalls je dumm oder plump ist und über ebenso hübsch gezeichnete wie wiederum ikonoklastische Charaktere verfügt, seien es die an Jeanne Moreaus Julie Kohler gemahnende Sarah Ramírez, der einen Solowalzer auf staubiger Straße tanzende Ed Harris als Sheriff Jackson, der ein wenig hat von Gene Hackmans Curly Bill oder auch Prophet Jason Isaacs, seit Emmerichs "The Patriot" ohnehin ein großes Lieblings-Leinwandekel, nebst seiner ihm hündisch ergeben Clique. Ganz besonders January Jones, ohnehin eine der Bezauberndsten aus Hollywood, als violett gewandeter, vorübergehend zerschmetterter Racheengel ist (wie eigentlich immer) hervorzuheben; diese wunderbare Frau würde ich gern noch viel häufiger sehen. Kein erzwungener grindhouse, kein forcierter Tarantino - und trotzdem eine brodelnde Hommage: Das darf man guten Gewissens goutieren.

8/10

Logan Miller New Mexico Rache Fanatismus Duell


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MEEK'S CUTOFF (Kelly Reichardt/USA 2010)


"Hell is full o' dem bears."

Meek's Cutoff ~ USA 2010
Directed By: Kelly Reichardt

1845 auf dem Oregon Trail: Die auf Planwagen gen Westen reisenden Siedler haben mit harten Entbehrungen wie Wasserknappheit, Hunger und dem zerklüfteten Terrain zu kämpfen. Drei kleine Familien schließen sich mit ihren Habseligkeiten dem Trapper Stephen Meek (Bruce Greenwood) an, der behauptet, eine Abkürzung durch das unwegige Gelände zu kennen und lösen sich von dem Haupttreck. Aus den geplanten zwei Wochen werden bald noch viel mehr und ein sie mit Abstand begleitender Cayuse-Indianer (Rod Rondeaux) wird kurzerhand gefangengenommen und, nachdem Meek sich trotz anderer Behauptungen als wegunkundig erweist, als Fährtensucher eingesetzt. Doch kann man dem Fremden überhaupt trauen?

Eine Filmemacherin inszeniert einen unbhängig produzierten Treck-Western mit kleinem Ensemble und auf vager historischer Basis. Die Kamera, ehrfürchtiger Begleiter, fängt die Bilder zumeist statisch ein, porträtiert, bildet ab, unbeweglich. Das dramaturgische Gewicht liegt auf Seiten der Siedlerfrauen. Sie spülen, lüften Wäsche durch, hören den Katechismus der Kinder ab, haben Angst vor der Ungewissheit und drohen mitunter zu verzweifeln. Das Nachladen eines Gewehres dauert gut dreißig Sekunden. Ihr Führer, auf dem alles naive Vertrauen liegt, entpuppt sich als unzuverlässiger Aufschneider. Der hinzustoßende Indianer weiß nicht, was die Fremden eigentlich von ihm wollen - erst nehmen sie ihn gefangen und prügeln ihn, dann soll er für sie Wasser suchen - ohne die geringste Möglichkeit sprachlicher oder auch nur mimisch beiderseitig verständlicher Kommunikation.
Aus dieser Prämisse macht Kelly Reichardt ein hypnotisches Kleinod, dessen Ungewöhnlichkeit bereits damit beginnt, dass das Bild im Originalformat 4:3 aufgeführt wird. Im gegenwärtigen Kino fast undenkbar, zumal in einem Genre, dass seine viel beschworene Majestätik so gern aus breiten Landschaftsaufnahmen rekrutiert. Nicht so bei Reichardt, die sich den unverschnittenen Naturalismus ihres Projekts ganz groß auf die Fahne geschrieben hat, durch die ruhige Kraft des Dargestellten jedoch nie in irgendeine Form erzählerischer Zähigkeit verfällt. Ein kleines Meisterwerk, sollte "Meek's Cutoff" gerade wegen seiner gezwungenermaßen auf einen überschaubaren Zirkel beschränkten Rezipientenschaft Einzug halten in den Kanon der unverzichtbaren Western im neuen Jahrtausend.

9/10

Kelly Reichardt Oregon Siedler Treck Historie