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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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TRUE DETECTIVE: SEASON 1 (Cary Fukunaga/USA 2014)


"Time is a flat circle."

True Detective: Season 1 ~ USA 2014
Directed By: Cary Fukanaga

Die beiden sehr unterschiedlichen Detectives Rust Cohle (Matthew McConnaughey) und Marty Hart (Woody Harrelson) müssen 1995 als Partner den Mord an einer jungen Frau untersuchen, die in einem abgebrannten Weizenfeld gefunden wird. Im Laufe ihrer umfassenden Ermittlungen, in die besonders Cohle seine ganze Energie investiert, stoßen die beiden Cops immer wieder auf Gegenwind aus allen möglichen Richtungen, finden aber dennoch heraus, dass die Tote mit einer geheimen, paganistischen Sekte in Verbindung gestanden haben muss, sowie die Tatsache, dass es eine riesige Zahl ungeklärter Vermisstenfälle entlang der Bayou-Grenze gibt. Cohle ist überzeugt, es mit einer weitreichenden Verschwörung zu tun zu haben, in die die mächtige, alteingesessene Tuttle-Familie verstrickt ist, die führende Persönlichkeiten in Kirche und Politik stellt. Tatsächlich kostet es das Duo rund siebzehn Jahre und einen tiefgreifenden, entzweienden Streit, bis es endlich dem "gelben Riesen" gegenübersteht...

So kann ich mir ansonsten von mir wenig geliebte TV-Serien munden lassen: In Form einer abgeschlossenen, von vornherein auf eine begrenzte Episodenzahl angelegte Geschichte; geschrieben und inszeniert zudem von lediglich zwei zentralen Köpfen (Pizzolatto, Fukunaga) und somit extrem homogen und geschlossen in Stil und Ausrichtung. So ist "True Detective" - von wenigen Konzessionen an seine zwangsläufige Episodenhaftigkeit und der einen oder anderen dramaturgische Dehnungsfuge abgesehen - im Prinzip kaum anderes denn ein überlanger Spielfilm, der sich alle benötigte Zeit nimmt, um sein Kaleidoskop aus Figuren, Storywendungen, Diskursen und Zeitsprüngen sorgfältig zu entwickeln und ebenso gemächlich wie spannungsreich vor dem Publikum auszurollen.
Letztlich wird zwar eine Erwartungshaltung beim Rezpienten evoziert, die das Finale samt seiner mit Horrorelementen liebäugelnden Konventionalität nicht ganz einzulösen vermag und es bleiben einige Handlungsfäden lose; trotzdem zeigt "True Detective" recht eindrucksvoll auf, welch geräumiges episches, kreatives und auch intellektuelles Potenzial das zeitgenössische Fernsehen mittlerweile beherbergt. Davon dann gern mehr.

9/10

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BREAKDOWN (Jonathan Mostow/USA 1997)


"You the fella looking for his wife?"

Breakdown ~ USA 1997
Directed By: Jonathan Mostow

Auf ihrer Reise nach San Diego haben die aus Massachusetts stammenden Jeff (Kurt Russell) und Amy Taylor (Kathleen Quinlan) eine Autopanne in der Wüste. Ein anhaltender Trucker (J.T. Walsh) nimmt Amy mit - angeblich zum nächsten Diner, um von dort aus den Reparatur-Service anzufordern. Nachdem Jeff den Wagen selbst flott bekommen hat und zu dem Restaurant fährt, will dort niemand Amy gesehen haben. Und noch schlimmer: Der kurz darauf wieder auftauchende LKW-Fahrer behauptet in Anwesenheit eines Highway-Polizisten, weder Jeff noch Amy je begegnet zu sein. Bald findet Jeff herus, was hinter dem Albtraum steckt: Der Trucker ist der Oberkopf einer hiesigen Gang, die in der Gegend ahnungslose Touristen überfällt, erpresst, ausnimmt und "verschwinden" lässt - und dies offenbar im großen Stil. Doch Jeff ist eindeutig verbissener als deren bisherige Opfer...

Dynamisch inszeniertes Genrekino auf dem Punkt, von mitreißender Spannung sowie einer hervorragenden Inszenierung getragen. Die in "Breakdown" aufgetischte Story bietet zwar wenig Neues und zehrt von ähnlich konstituierten Vorgängern von "Duel" bis "The Road Killers", rettet auf seine überaus versierte Weise jedoch zumindest wesentliche Elemente des klassischen Terrorkinos in dieses ansonsten ja eher maue Filmjahrzehnt. Die Tatsache, dass sich hinter dem sich im Vergleich zum üblichen Hillbilly-Gezücht vordergründig als freundlicher Fernfahrer und Familienvater ein heimtückischer Gewaltverbrecher verbirgt, der ganz nebenbei offenbar Serienmord im großen Stil und aus rein profitären Zwecken betreibt, wird in "Breakdown" beinahe beiläufig geschildert. Viel mehr konzentriert er sich ganz auf das immer privater werdende Duell Russell-Walsh und deren sich über mehrere Runden erstreckenden Verlauf. Dabei ist auch die Wahl Russells für die Protagonisten-Rolle eminent, denn ihm nimmt man den erschrockenen und vor Angst gelähmten Spießbürger ebenso ab wie den über sich hinauswachsenden Action-Heros, in den sich Jeff Taylor forcierterdings verwandelt. Der eigentliche Star jedoch ist der auteur Jonathan Mostow, der wirklich tadellose Arbeit abliefert, ja, es sogar versteht, mit seiner konzentrierten Suspense-Action-Melange höchsten Ansprüchen zu genügen. Ein Jammer, dass er sich später an so mediokre Stoffe verschwendet hat.

8/10

Jonathan Mostow Wüste Kalifornien Terrorfilm Kidnapping Serienmord


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BLENDED (Frank Coraci/USA 2014)


"My bad!"

Blended (Urlaubsreif) ~ USA 2014
Directed By: Frank Coraci

Sie sind füreinander geschaffen und merken es nichtmal: Jim (Adam Sandler) ist Frühwitwer mit drei Töchtern (Alyvia Alyn Lind, Emma Fuhrmann, Bella Thorne), denen es ganz eindeutig an mütterlicher Fürsorge mangelt; Lauren (Drew Barrymore) ist halbwegs frisch getrennte Mutter zwei Söhne (Kyle Red Silverstein, Braxton Beckham), die sich in Ermangelung eines ordentlichen Vaters in etwas seltsame Richtungen zu entwickeln drohen. Ein erstes Blind Date zwischen den beiden geht hoffnungslos in die Hose, doch es kommt noch dicker: Ein dummer Zufall führt sie beide mitsamt ihren Kids in ein südafrikanisches Clubhotel für Frischverliebte, in dem neben einer durchgeknallten Belegschaft (u.a. Terry Crews, Abdoulaye Ngom) auch das amouröse Schicksal auf sie lauert...

Wenn der Sandman und Drew Barrymore zusammentreffen, dann kommt im Regelfalle Großartiges dabei heraus. "Blended" bildet diesbezüglich nach "The Wedding Singer" und "50 First Dates" keine Ausnahme, sondert bildet sogar das heimliche Meisterstück ihrer bisherigen, unoffiziellen "Traumpaar-Trilogie". Sandler, der sich in seinem Kernwerk ja stets neosoziokultureller Phänomene annimmt und diese auf seine so unnachahmlich authentische Weise observiert, widmet sich diesmal der Institution der Patchwork-Familie und singt zugleich ein Hohelied auf diese. Wobei, so neu ist dieser komödiatische Ansatz auch nicht, man denke an die alte Serie "The Brady Bunch". Heuer finden sich Sandler und Barrymore also als unfertige Familienoberhäupter wieder, die, wobei die alte Chemie sich wiederum wunderbar aufgefrischt findet, sogar ausnahmsweise über den kartographischen Rand der USA hinweg jetten müssen, um sich mittelfristig in die Arme schließen zu können. Die einzelnen Akte kommentiert allenthalben, wie im klassisch-aristotelischen Drama, ein ausgerechnet von einem herrlich ausgelassenen Terry Crews angeführter Chor.
Dem in diesem Zusammenhang naheliegenden Ruf praller Tourismus-Satire folgt "Blended" in diesem Zusammenhang auch gleich nach. Dabei ist Coracis Film gerade so bonbonfarben-überzeichnet, wie das Thema es eben so zulässt und damit auch von einer glänzenden Form. Ein wahrer Springbrunnen für Herz und Seele, ein zauberhafter Film, einer der schönsten des Jahres.

9/10

Frank Coraci Adam Sandler Südafrika Urlaub Hotel Patchwork-Familie


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DELIVER US FROM EVIL (Scott Derrickson/USA 2014)


"You radar again?"

Deliver Us From Evil (Erlöse uns von dem Bösen) ~ USA 2014
Directed By: Scott Derrickson

Der für seine besondere Spürnase bekannte New Yorker Detective Ralph Sarchie (Eric Bana) stößt auf eine Reihe seltsamer Vorkommnisse: Ein bis dahin unauffälliger Irakkriegs-Veteran (Chris Coy) wird seiner Familie gegenüber gewalttätig; eine Mutter (Olivia Horton) wirft ihr kleines Kind in einen Löwenkäfig; im Keller des Hauses einer Familie, in dem es zu spuken scheint, findet Sarchie eine übel zugerichtete Leiche. Der sich ebenfalls für die Ereignisse interessierende Pater Mendoza (Édgar Rámírez) arbeitet mit Sarchie zusammen. Gemeinsam finden die beiden heraus, dass alle Fäden zu einem Soldatentrio zusammenführen, das im Irak auf einen uralten Dämon gestoßen ist. Jener hat von ihnen Besitz ergriffen und treibt nun sein Unwesen in Manhattan. Die einzige Möglichkeit, den Unhold loszuwerden, ist ein fachmännisch durchgeführter Exorzismus...

Eine - im Prinzip erwartbare - Riesenenttäuschung. In der Hoffnung, einen "Sinister" zumindest halbwegs ebenbürtigen Nachfolger zu bekommen, gelang es mir wohl, die eigentlich unschwer erkennbaren, üblen Vorzeichen zu ignorieren. Tatsächlich setzt "Deliver Us From Evil" der bereits in den Neunzigern bis zum Erbrechen durchexerzierten Konstellation "Großstadtcop vs. Dämon/Serientäter" nicht eine frische Nuance hinzu, sondern akkomodiert lediglich sämtliche der altbekannten Narrativa und Formalia: Schauplatz ist ein vornehmlich nachtaktiver, verregneter Großstadtmoloch; Protagonist ein glaubensnegierender, harter Bulle, der seinen zermürbenden beruflichen Stress möglichst aus der Familie raushalten will, zu seinem Leidwesen dann aber doch einmal seine kleine Tochter (Lulu Wilson) anschreit. Den fiesen Dämon schleppen die besessenen US-Soldaten ausgerechnet aus dem Irak mit ein. Ob als Reminiszenz an "The Exorcist" oder als "subtiler" Kommentar bezüglich des dortigen Militäreinsatzes gedacht - dies wirkt schlicht redundant. Der Dämon hat, wie es sich für das inkarnierte Böse im jüngeren Studiofilm gehört, natürlich ein popmusikalisches Leitthema - dieser hier steht, Vorsicht, Symbolik, auf die "Doors", im Speziellen ihren Song "Break On Through (To The Other Side)". Escht ma janz wat neus.
Von der Belieferung von Spannung oder auch nur eines Hauchs Gänsehaut könnte Derricksons irritierend einfallsloser Film somit gar nicht weiter entfernt sein. Eine veritable Nullnummer, mit der zu verpassen man sich einen Gefallen tut.

3/10

Scott Derrickson New York Dämon Exorzismus Familie


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LONE SURVIVOR (Peter Berg/USA 2013)


"No sky too high, no sea too rough, no muff too tough."

Lone Survivor ~ USA 2013
Directed By: Peter Berg

Afghanistan, Sommer 2005: Eine Navy-SEALS-Einheit hat den Auftrag, in der Provinz Kunar den Taliban-Kopf Ahmad Shah (Yousuf Azami) zu lokalisieren und unschädlich zu machen. Die vier SEALS Lutrell (Mark Wahlberg), Murphy (Taylor Kitsch), Dietz (Emile Hirsch) und Axelson (Ben Foster) stoßen ins Feindesgebiet vor, machen Shah tatsächlich ausfindig und treffen auf dem Berg auf drei Ziegenhirten (Nicholas Patel, Daniel Arroyo, Zarin Rahimi). Man entscheidet sich, sie gehen zu lassen - ein tödlicher Fehler. Als besonders nachteilig erweist sich zudem der der permanent gestörte Funkverkehr zur Basis. In Windeseile werden die Taliban benachrichtigt, die das Quartett prompt einkesseln und binnen weniger Stunden gnadenlos aufreiben. Einzig Lutrell gelingt schwer verletzt die Flucht. Ein afghanischer Dörfler versteckt ihn und verteidigt ihn gegen die heranrückenden Taliban, bis Lutrell endlich von der Kommandatur geborgen und gerade noch gerettet werden kann.

Ein höchst zwiespältiger Film, der über die Jahre sicherlich fairer wird beurteilt werden können. Formal ist Peter Berg mit "Lone Survivor" ein veritables Meisterwerk gelungen. Ich bin mit den Regiearbeiten Bergs bis auf wenige Ausnahmen infolge zumeist thematischen Desinteresses wenig vertraut und kann mir insofern kein umfassendes Urteil darüber bilden, wie sehr er sich mit "Lone Survivor" seinem kreativen Zenit annähert - die zwingende klaustrophobische Atmosphäre allerdings, mit der er sich der authentischen Ereignisse um die Operation "Red Wings" annimmt, vermag die Situation von Soldaten im Einsatz für den Zuschauer zumindest nachvollziehbar zu gestalten. Was da passierte und später von Marcus Lutrell (der sich im Film per Cameo die Ehre gibt) als Aufarbeitung seines Traumas in Buchform gepresst wurde, ist tatsächlich albtraumhaft und wird ebenso unkomfortabel auch von Berg wiedergegeben: Den Tod permanent vor Augen, von der endgültigen Verzweiflung nurmehr durch indoktrinierten Männlichkeitsglauben bewahrt, sausen den belagerten Soldaten die Projektile um die Ohren und treffen sie hier und da, so lange, bis sie ins Gras beißen.
Unabhängig von der ganz intimen Grauenhaftigkeit jener Ereignisse bleibt natürlich ihre Sinnhaftigkeit nebulös: "Lone Survivor" versteht sich vermutlich nicht als Werbefilm für die Navy, der Rahmen allerdings, in dem deren existenzielle Notwendigkeit, ihr eingeschworener Kameradschaftskodex (die Soldaten bezeichnen sich stets als "Brüder") und ihre sie zu Elitekämpfern stählende Ausbildung stilisiert werden, kann sich von eindeuztig tendenziösen Elementen nicht freisprechen. Zudem sollte man nie vergessen, dass Lutrell und seine tragischerweise verstorbenen Freunde Berufssoldaten sind bzw. waren, die sich freiwillig zum Bestandteil der Weltpolizei gemacht haben. Dies mag ihren Tod weder rechtfertigen noch beschönigen, es veranschaulicht jedoch - und dies "vermeidet" "Lone Survivor" geflissentlich zu erwähnen, seine traurige Sinnlosigkeit.

7/10

Peter Berg period piece Afghanistan Militär Historie Freundschaft


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MY BODYGUARD (Tony Bill/USA 1980)


"Welcome to your sophomore year."

My Bodyguard (Die Schulhofratten von Chicago) ~ USA 1980
Directed By: Tony Bill

Clifford Peache (Chris Makepeace) ist 15 und führt ein eher untypisces Teenagerleben. Sein Vater (Martin Mull) ist Manager eines renommierten Chicagoer-Hotels und Witwer. Dafür vervollständigt Cliffords quirlige Oma (Ruth Gordon), die hinter Drinks und Männern her ist, wie der Teufel hinter der armen Seele, das funktionale Generationen-Trio. Gerade hat Clifford von einer Privatschule auf die ordinäre High School gewechselt und muss gleich mit den lokalen Bullys Bekanntschaft schließen, allen voran mit dem öligen Moody (Matt Dillon), der die Jüngeren um ihr Essensgeld erpresst. Doch da ist noch der hünenhafte Ricky Linderman (Adam Baldwin), der zwar kaum den Mund auftut, über den aber diverse schlimme Gerüchte kursieren. Clifford macht Ricky kurzerhand zu seinem persönlichen Bodyguard gegen Moody, ohne zu ahnen, dass Ricky zwar imposant auftritt, körperliche Gewalt jedoch in Wahrheit zutiefst verabscheut...

Eine wahrlich schöne "Coming-of-Age"-Komödie ist Tony Bill da mit seinem Regiedebüt aus den Fingern geflossen; ein feiner Chicago-Film noch nebenbei und ein glaubwürdig zeitangebundenes Schulporträt. Im Zentrum von "My Bodyguard" steht natürlich die Freundschaft zwischen den höchst unterschiedlichen Jungs Clifford und Ricky, die zwar etwa gleichaltrig sind, jedoch bereits physisch höchst unterschiedlich geartet. Ein entsprechend großes Missverständnis legt den Grundstein für ihre Beziehung: Wie alle anderen hält Clifford Ricky, den eine Menge phantastischer Anekdoten umwabern, zunächst für einen Massenmörder in Schülergestalt. Doch weit gefehlt: Hinter dem so gewaltigen Äußeren Rickys steckt ein sensibler, einsamer Junge mit einem gewaltigen Schuldkomplex, der in höchster Angst davor lebt, jemand anderen verletzen zu können.
Wie in den meisten halbwegs gescheiten Jugendgeschichten geht es folglich auch hier darum, sich von falschen Rollenerwartungen freizustrampeln, sprich: einen elementaren Schritt in Richtung Erwachsensein zu vollziehen. Tony Bill und vor allem der Autor Allan Ormsby bewältigen dies mit aller nötigen Sensibilität und Figuren-Empathie, was auch für die vielen, bunt gezeichneten Randfiguren ihrer Erzählung gilt.
Witzig in diesem Zusammenhang einmal mehr die deutsche Marketing-Strategie, die den Film wohl als hartes Ghettodrama im Stile von "The Warriors" und Ähnlichem zu verkaufen trachtete. Da wird manch einer blöd geguckt haben.

8/10

Tony Bill Chicago Familie Freundschaft Schule Hotel Coming of Age


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12 ANGRY MEN (William Friedkin/USA 1997)


"What do you want? I say he's guilty." - "We want to hear your arguments."

12 Angry Men (Die 12 Geschworenen) ~ USA 1997
Directed By: William Friedkin

Zwölf Geschworene begegeben sich an einem schwül-heißen Sommertag zwecks möglicher Schuldsprechung im Falle eines jungen Mannes (Douglas Spain), der seinen Vater ermordet haben soll, nach der Hauptverhandlung in einen abgeriegelten Raum. Elf von ihnen halten den Angeklagten in der Erstabstimmung für 'schuldig', nur der Geschworene Nummer 8 (Jack Lemmon) stimmt dagegen. Im Laufe der folgenden zwei Stunden gelingt es ihm, bei seinen Mitsitzern so immense Zweifel an den gehörten Zeugenaussagen und der nachlässigen Arbeit des Pflichtverteidigers zu wecken, dass man sich schließlich auf ein einstimmiges 'nicht schuldig' einigen kann.

Sinn und Unsinn von Remakes, die dem Original infolge ihrer sklavischen Ergebenheit kaum Neues hinzuzusetzen vermögen, zu erörtern, erspare ich mir an dieser Stelle, zumal darüber in der Vergangenheit in unserem Forum schon mehrfach ausgiebig diskutiert wurde. Stand ich Friedkins Variation von Reginald Roses Drama früher skeptisch gegenüber, eben weil sie "lediglich" eine Neu-Verfilmung darstellte, hat sich die Perspektive nun doch sehr zugunsten des Films verrückt. Zwar verzichtet er auf das zwingende Schwarzweiß des Originals von Sidney Lumet und besitzt vielleicht auch nicht ganz den emotionalen inszenatorischen Ungestüm des Jungregisseurs. Dafür lancieren ihn eben andere Qualitäten. Dass ein solcher Stoff auch vor unspektakulärer Inszenierung nämlich allein kraft seiner mentalen Ausgereiftheit Bestand hat, könnte vielleicht gar nicht trefflicher bewiesen werden denn via Friedkins Readaption. Er kann auf ein uneingeschränkt brillant aufspielendes Ensemble bauen, das vor allem infolge seines geschlossenen Zusammenspiels mindestens ebenso stark ist wie das aus Lumets Film. So bleibt, bis auf die geringfügige Auffälligkeit, dass Friedkin respektive sein dp Fred Schuler erhöhten Gebrauch von der Steadicam machen, die Inszenierung stets hintergründig bis auktorial. Insgesamt famos; Lumet beinahe ebenbürtig. Hätte ins Kino gehört.

8/10

William Friedkin Remake TV-Film Courtroom Ensemblefilm


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MOSQUITO (Gary Jones/USA 1995)


"Hey Doc, that's science fiction bullshit!"

Mosquito ~ USA 1995
Directed By: Gary Jones

Einer über einem US-Nationalpark abgeworfener außerirdischer Kapsel entsteigt ein rasch wachsendes, insektenartiges Wesen, dessen Gene sich mit denen einheimischer Moskitos vereinigen. Schon bald wird das Gelände von Schwärmen riesiger Mücken unsicher gemacht, derer sich eine unwillkürlich zusammengewürfelte Gruppe erwehren muss.

Possierlicher kleiner Trasher, der mächtig stolz darauf ist, dass Gunnar Hansen in ihm mitspielt und diesen am Ende dann auch gleich noch mit einer Kettensäge gegen die mutierten Viecher antreten lässt. Der Rest ist typischer monster mash, der seine Hauptenergie ungebremst in die visuelle Effektarbeit fließen ließ, dessen tonale F/X (Schrotflintenschüsse klingen wie Knallerbsen) mitsamt ein wenig armseligem Synthie-Geklimper, das man dreist als Score verkaufen möchte, dafür umso katastrophaler ausfallen. Da "Mosquito" allerdings noch aus einer Zeit stammt, in der zwanghafte Selbstreflexion noch nicht unabdingbarer Bestandteil eines jeden Genrefilms zu sein hatte, geht ihm glücklicherweise jedwede vorgeschobene Subtilität ab. Dies rettet Jones' Film, der sich noch weithin unbewusst naiv ausnimmt, immerhin in die Kategorie 'liebenswert inkompetenten Handwerks' mit dem Herzen am rechten Fleck.

4/10

Gary Jones Monster Tierhorror Aliens Trash Exploitation


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TEXASVILLE (Peter Bogdanovich/USA 1990)


"Hellzapoppin'!"

Texasville ~ USA 1990
Directed By: Peter Bogdanovich

1984 feiert Texasville County sein hundertjähriges Bestehen. Die Einwohner des Städtchens Anarene leben fast alle noch (oder wieder) vor Ort: Duane Jackson (Jeff Bridges) ist mittlerweile im Ölgeschäft reich geworden, first citizen des Städtchens und steht permanent kurz vor der Pleite. Er ist verheiratet mit der resoluten Alkoholikerin Karla (Annie Potts), hat vier Kinder und zwei Enkelkinder. Sein alter Freund Sonny Crawford (Timothy Bottoms), mittlerweile Bürgermeister von Anarene, hat niemals geheiratet und ist noch ganz der alte Melancholiker, der infolge seiner persönlichen full life crisis langsam wunderlich wird. Als auch die das Trio komplettierende Jacy Farrow (Cybill Shepherd) nach einigen privaten Schicksalsschlägen nach Anarene zurückkehrt und zu Karlas bester Freundin avanciert, glaubt auch Duane den Verstand zu verlieren.

Mit "Texasville" hat der mittlerweile seit Jahren in kreativer und rezeptiver Ödnis dahinvegetierende Peter Bogdanovich nicht etwa den Fehler begangen, formelhaft an sein Meisterwerk "The Last Picture Show", dessen spätes Sequel er hiermit vorlegte, anknüpfen zu wollen. Die dem Original innewohnende Tragik und existenzielle Schwere weicht hier der Leichtigkeit gesetzter Lebenserfahrung, zugunsten einer glänzenden Satire, die den Klassiker auf die vermutlich denkbar versöhnlichste Weise aufrundet. Die Perspektive wechselt komplett von Sonny Crawford zu seinem Kumpel Duane Jackson, der eben nicht das karge Lamento einer aussterbenden Zeit repräsentiert, sondern die Mittachtziger mit all ihren kleinen und großen Verrücktheiten. Im Country-Radio läuft jetzt vornehmlich Willie Nelson und nur einen Sender weiter bekommt man Madonna und Springsteen um die Ohren gehauen. Duane hat eine feudale Villa mit diversen Gästezimmern, in der jeder Einwohner von Anarene ein- und ausgeht. Die allseitig praktizierte Promiskuität ist längst kein wohlbehütetes Geheimnis mehr, sondern fester Altagsbestandteil geworden, was recht unübersichtliche Blüte in Form beinahe inzestuöser Lendenfrüchte treibt. Auch Duanes Sohn Dickie (William McNamara) mischt munter in dem bunten Treiben mit. Es wird allerorten gesoffen, dass die Schwarte kracht und wozu die anstehende Hundertjahrsfeier nochmal zusätzlich Anlass gibt. Einzig Sonny erweist sich als anachronistische Konstante: Er spielt die Spiele seiner Mitbürger nicht mit und hält sich am liebsten dort auf, wo sein wahres Zuhause liegt: In der Vergangenheit. Dies führt seinerseits zu merkwürdigen Aktionen, die das seltsame Mutter-Sohn-Verhältnis mit seiner alten Liebe Ruth Popper (Cloris Leachman) neu auffrischen. Die im Geschriebenen (auch die Vorlage zu "Texasville" stammt von Larry McMurtry) vergangene Zeit von 33 Jahren kann mit dem Anstand der beiden Filme (19 Jahre) nicht ganz Schritt halten, was jedoch in keinster Weise stört. wenngleich sich "Texasville" weitaus zynischer, witziger und künstlerisch zugänglicher gestaltet, wohnt ihm doch noch die alte Seele inne, verbindet ihn mit "The Last Picture Show" noch immer der vervollkommnete Anspruch eines runden Personen-Kaleidoskops. Viele Freunde des Originals hatten und haben mit "Texasville" ihre liebe Not, ich mag ihn, schon aufgrund seines unwiderstehlichen Humors, fast so sehr wie die große, alte Schwester.

9/10

Peter Bogdanovich Larry McMurtry Texas Sequel Familie Freundschaft Alkohol


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LAST KIND WORDS (Kevin Barker/USA 2012)


"We walk on the same paths."

Last Kind Words ~ USA 2012
Directed By: Kevin Barker

Der Teenager Eli (Spencer Daniels) zieht mit seinen Eltern auf ein Farmgelände in Kentucky, wo der Gutsbesitzer Waylon (Brad Dourif) seinem alten Jugendfreund Bud (Clay Wilcox), Elis Vater, etwas Arbeit offeriert, um über die Runden zu kommen. Im Wald jenseits des abgezäunten Grundstücks begegnet Eli der schönen, mysteriösen Amanda (Alexia Fast), in die er sich verliebt. Das sie umgebende Geheimnis kann der junge Mann bald lüften: Amanda ist ein Geist, in Wahrheit schon vor vielen Jahren erhängt an einem Baum im Wald. Sie war Waylons Schwester und auch die Jugendliebe von Elis Vater, der sie nie vergessen hat. Es gelingt Eli nach einigen schrecklichen Ereignissen, Amanda von ihrem Halbdasein als Zwischenwesen zu erlösen, doch der alte Fluch verlangt Nachschub...

Als Repräsentant dessen, was man etwas postmodernistisch gemeinhin als 'Southern Gothic' bezeichnen könnte, ist "Last Kind Words" vor allem dies: Erlesenst photographiert und von höchstem ästhetischen Reiz. Die kräftigen, sonnenlichdurchfluteten und verführerisch vitalen Farben, mit denen dp Bill Otto das Lokalkolorit einfängt, sprechen eine höchstselbst codierte Sprache, die den gesamten Rest des Films nebst seiner zerbröckelnden Ratio ganz bewusst überlagert. Die Ereignisse in dem - gemessen an der aktuell vorherrschenden Filmsprache - beinahe provozierend langsamem Film verschwimmen in teilweiser Redundanz, vielmehr zählt, nach einem sich erst spät besinnenden Prolog die höchst subjektiv gelagerte Perspektivierung. Eine dunkelromantische Coming-of-Age-Story entwickelt sich für den orientierungslosen Eli, der für die Liebe zur geisterhaften, sphärischen Amanda das Interesse an der ohnehin lähmenden Welt der Lebenden verliert: Was können die Erinnerung an einen alkoholisierten Vater, eine unglückliche Mutter, Geldnot und Schulden - die Erinnerungen an eine solch kaum erquickliche realis - auch für Reize bereit halten? Selbst seine höchst vitale Freundin Katie (Sarah Steele), die den "Absprung" schafft, vermag Eli nicht von seiner Faszination fürs Jenseitige zu heilen. Schließlich ist die Todessehnsucht allzu übermächtig. Die Verdammnis verschafft sich für ein paar Jahrzehnte ihren nächsten treuen Adlatus.

8/10

Kevin Barker Südstaaten Kentucky Wald Geist Coming of Age