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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE TERROR WITHIN (Thierry Notz/USA 1989)


"It can't be! It mustn't be!"

The Terror Within (Good Night Hell) ~ USA 1989
Directed By: Thierry Notz

Nach einem schwerwiegenden Unfall in einer biochemischen Fabrik ist die Erde fast gänzlich entvölkert und die Oberfläche nahezu unbewohnbar. Von unterirdischen Labors aus betreibt der Rest der Menschheit seine Forschungen. Unter der Mojave-Wüste lebt der alte Hal (George Kennedy) zusammen mit sieben Assistenten in einem geräumigen Komplex. Kurze Ausflüge an die Oberfläche sind möglich und liefern den Wissenschaftlern wertvolle Informationen. Bei einer dieser Exkursionen sterben zwei der Männer, nachdem sie von 'Gargoyles', schrecklichen, humanoiden Mutantenmonstern, angegriffen wurden. David (Andrew Stevens) verfolgt ihre Spur und findet außer den zerrissenen Leichen eine Frau (Yvonne Saa), die er mit in den Komplex nimmt. Karen, wie sie heißt, erweist sich als hochschwanger. Das "Baby" jedoch stellt sich als die Brut eines Gargoyle heraus, tötet die Mutter bei der zwangseingeleiteten Geburt und flieht in den Komplex. Die Truppe wird einer nach dem anderen von dem rasch wachsenden Monster dezimiert und schließlich obliegt es David, das Vieh im Duell zu besiegen.

Schamloses "Alien"-Rip-Off aus der Corman-Factory, das sich im Groben lediglich durch das subterrestrische Szenario vom Orginial unterscheidet sowie die Tatsache, dass die Monstren ihre Nachkommen auf "herkömmliche" Weise, nämlich koital, in ihre menschlichen Wirte einpflanzen. Natürlich ist der 'Gargoyle' dementsprechend der größte Hingucker. Dessen humanoide Gestalt ermöglichte es, einen Schauspieler in einen Gummianzug zu stecken, dessen ungeschlacht-fleischiges Hackepeter-Äußeres allerdings flott gestaltet ist und ordentlich ausschaut. Überhaupt überkommt einen, abgesehen von der innovationsfreien Geschichte, nur selten der Eindruck, einer ausnehmenden Billigveranstaltung beizuwohnen. Sonst hat mir noch der putzige Pitbull Butch gefallen, der trotz Monsterattacke überleben darf, sowie der neuerliche Beweis für die Annahme, dass sich (der in diesem Falle vermutlich für allerhöchstens drei Drehtage engagierte) George Kennedy in den Achtzigern aber auch für gar nichts zu schade war.

5/10

Thierry Notz Roger Corman Apokalypse Monster Wüste


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SABOTAGE (David Ayer/USA 2014)


"Your people don't seem like cops."

Sabotage ~ USA 2014
Directed By: David Ayer

John Wharton (Arnold Schwarzenegger), genannt 'Breacher' und sein neunköpfiges Team gelten als die härteste Undercover-Truppe der DEA. Nach einem Einsatz, bei dem ein mexikanischer Kartellboss hochgenommen wird, verschwindet eine Riesenmenge Drogengeld, von dem die Truppe zumindest einen ordentlichen Obolus abzuschöpfen plant. Doch auch dieser scheint, zuvor sorgfältig versteckt, plötzlich unauffindbar. Breacher und seine Leute werden des Diebstahls verdächtigt und beschattet, dürfen nach einer langwierigen, ergebnislosen Unterschung jedoch wieder ins Feld. Da ermordet ein Unbekannter plötzlich einen nach dem anderen aus der Truppe auf höchst unapptetitliche Weise. Zusammen mit der FBI-Agentin Caroline (Olivia Williams) versucht Breacher, den oder die Täter zu finden.

Gewohnt solide Qualität von David Ayer, andererseits nach seinem wirklich phantastischen "End Of Watch", der den Autoren wohl auf seinem Zenit präsentierte, jedoch wiederum auch ziemlich regressiv geraten. "Sabotage" ist auf (s)eine ziemlich prollige Weise sicherlich spaßig, versagt sich jedoch jegliches Gewicht und liebäugelt stattdessen unentwegt damit, eine alternde Ikone gewinnbringend auszustellen. Schwarzenegger passt sich analog dazu dann auch gleich der filmischen Postmoderne an: Noch nie hat die Kamera um ihn herum so halbdokumentarisch gewackelt, gezoomt und an der Schärfe herumreguliert, noch nie hat Arnie in einem Film dermaßen oft 'fuck' in allen möglichen Variationen sagen dürfen, geschweige denn so viele Kubaner qualmen. Mit gestrenger Gestapo-Frisur stürzt sich der alte Mann ins Geschehen und macht natürlich doch alles richtig. Seine Leinwandeinnahme erweist sich trotz diverser Falten und zunehmend akuter Dickfälligkeit als ungebrochen und es macht weiterhin Freude, ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Entsprechend eminent für Ayers Film ist Schwarzeneggers bloßer Anwesenheitsfaktor; mit einem weniger präsenten Hauptdarsteller hätte "Sabotage" die Durchschnittsmarke kaum knacken mögen.

7/10

David Ayer Korruption Georgia Atlanta Südstaaten Freundschaft Rache


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CRY BLOOD, APACHE (Jack Starrett/USA 1970)


"That's the way it was back then."

Cry Blood, Apache (Schreit, wenn wir verrecken) ~ USA 1970
Directed By: Jack Starrett

Der alte Pitcalin (Joel McCrea) kommt zurück an jenen Ort, an dem er einst beinahe ums Leben gekommen wäre und erinnert sich: Zusammen mit vier anderen Outlaws, dem Kartentrickser Charlie (Robert Tessier), dem verrückten Prediger Deacon (Jack Starrett) und den Dawson-Brüdern Benji (Don Henley) und Billy (Rick Nervick) ist er viele Jahre zuvor als junger Mann (Jody McCrea) im Apachengebiet unterwegs. Die Männer quälen und töten eine schutzlose Indianerfamilie, derweil deren Oberhaupt Vittorio (Dan Kemp) unterwegs ist. Einzig Vittorios Schwester Jemme (Marie Gahva) lassen sie am Leben, weil sie vorgibt, das Versteck größerer Goldvorkommen zu kennen. Zu diesem macht man sich alsbald auf den Weg. Inzwischen findet der heimgekehrte Vittorio seine ermordete Familie und verfolgt die Weißen unbarmherzig...

Ähnlich minimalistisch und karg wie die beiden Hellman-Western "The Shooting" und "Ride In The Whirlwind" und diesen gewissermaßen mental nachspürend, wenngleich weithin um ihre Kryptik erleichtert, inszenierte Jack Starrett diesen sträflich unterbewerteten Indie-Western, der zudem, obschon personell und auch sonst deutlich reduziert, Michael Winners "Chato's Land" antizipiert. Auch in "Cry Blood, Apache" obliegt es einem sich der weißen Zivilisation verweigernden Indianer, Rache an einer Gruppe sadistischer, feiger Mörder zu nehmen, die Schande über sein Heim gebracht haben. Einzig Pitcalin versündigt sich nicht und steht der gekidnappten Jemme nicht nur bei, sondern hält seine schützende Hand über sie, was ihm am Ende wiederum als Einzigem das Leben rettet. Vittorios Mordmethoden sind hübsch perfid, wobei sich zumindest deren graphische Drastik in Grenzen hält. Trotzdem möchte wohl keiner sterben wie die vier von ihm abgestraften Verbrecher.
Starretts Regie arrangiert sich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und lässt seinem faktischen No-Budget-Western"Cry Blood, Apache" trotz ökonomischer Widernisse Ambition und Eigenständigkeit nie ausgehen.

7/10

Jack Starrett Indianer Rache Gold Manhunt Independent New Mexico


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LUNG JI YAN CHE (Corey Yuen/HK, J 1982)


Zitat entfällt.

Lung Ji Yan Che (Ninja Kommando) ~ HK/J 1982
Directed By: Corey Yuen

Der abtrünnige Ninja-Kämpfer Jin-wu (Hiroyuki Sanada) will den Tod seines Vaters rächen und reist zu diesem Zwecke nach China, wo er den Schuldigen in Person des Eremiten Lee (Hiroshi Tanaka) vermutet. Dieser wird jedoch von seinem Neffen Jay (Conan Lee), einem wahren Kung-Fu-Ass, beschützt. Nachdem Jin-wu und Jay die Wahrheit übereinander erfahren und ihre Differenzen beigelegt haben, müssen sie gemeinsam mit einem bösen Magier (Jang Lee Hwang) fertig werden...

Viel Artistik und Choreographie hat es in diesem eher leicht lasierten Martial-Arts-Spektakel, das einen der ersten Filme von Corey Yuen darstellt. Viel von ihrem Reiz bezieht die geschichte aus der Konfrontation der chinesischen mit der japanischen Kultur, die zugleich ein Aufeinanderprallen der filmischen Differenzen beinhaltet. Conan Lee und noch mehr sein duller Kumpel Charlie (Po Tai) repräsentieren gewissermaßen das junge, neue Hong-Kong-Kino, in dem neben erhöhter Rasanz auch Slapstick und infantile Gags zum Räderwerk gehören, während Hiroyuki Sanada den Bierernst japanischer Ehrenkodexe herauskehrt und für die unweicheren Momente des Films zuständig ist. Der umfangreiche Showdown kombiniert dann in einer großen Zirkusvorstellung beide Komponenten und lässt sie über einen an sich übermächtigen Hexer triumphieren. Darin liegt natürlich auch ein gerüttelt' Maß Völkerverständigung.
Manch einer wird sich vielleicht erinnern: Im frühen, noch nicht gänzlich von der Godfrey-Ho-Maschinerie okkupierten Ninja-Subgenre bildete "Lung Ji Yan Che" vor allem für jüngere bundesdeutsche Zuschauer eine willkommene Abwechslung, denn er war, im Gegensatz etwa zu den Filmen der Cannon, bereits für Jugendliche ab 16 freigegeben und stand deswegen oft einsam und verlassen in den Familienvideotheken herum. Die deutsche, von Arne Elsholtz gescriptete Synchronfassung lässt sich in diesem Zusammenhang allerdings gut an, unterstreicht sie doch nochmals den fixen Irrsinn des Dargebotenen.

7/10

Corey Yuen China Japan Ninja Rache martial arts


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SCHWARZER MARKT DER LIEBE (Ernst Hofbauer/BRD 1966)


"Seltsam, diese afrikanischen Zigaretten..."

Schwarzer Markt der Liebe ~ BRD 1966
Directed By: Ernst Hofbauer

Harald (Claus Tinney) und sein Kumpel Rolf (Rolf Eden) ziehen einen mehr oder minder florierenden Mädchenhandel auf, den sie etwas umwegsam gestalten: Wahlweise lockt man die Opfer mit dem Angebot, in Nahost eine Tanztournee zu begehen. Oder lädt sie in das mondäne Hause einer lesbischen Gräfin (Tilly Lauenstein) ein, wo allenthalben exzessive Drogenpartys von teils hochrangigen Gesellschaftsvertretern gefeiert werden und offeriert der finanziell liquiden Altjungfer die unschuldigen Opfer. Die internationale Konkurrenz allerdings schläft nicht und so kommt es zu manchem Scharmützel, bis die zwei Unholde ihre gerechte Strafe ereilt. Das rettet die nette, unschuldige Birgit (Li Hardes) jedoch auch nicht mehr vor dem Selbstmord aus Schande...

Huh - es wird verrucht. Kriminelles Volk, Brutalinskis galore, Skrupellosigkeit, Prostitution, übler Schacher, Marihuana- und Heroin-Zigaretten, exzessives Bongospiel, eine heiße Beatversion von "Shotgun" (Junior Walker & The Allstars) und Rolf Eden sorgen für ein klassisches Sechziger-Halbwelt-Ambiente oder zumindest für das, was sich der gemeine Kolportage-Filmer, in diesem Falle Ernst Hofbauer, darunter vorzustellen pflegte. Die Lektionen, die Hofbauers gesottener Streifen bereithält, ergeben allerdings die eigentliche Sensation. Ohne die gesetzte High Snobiety in Ost und West nämlich, die, die's sich leisten können, ihren abgründigen Gelüsten freien Lauf zu lassen, würde es Schweinereien wie die hier gezeigten gar nicht geben. Harald und Rolf wären vielleicht Schlagersänger geworden, oder Schauspieler. Und die putzige Birgit wäre noch am Leben, unversaut durch Heroinkippen und Tilly Lauensteins welke Finger, und hätte ihren Märchenprinzen mitsamt Schimmel doch noch getroffen. Aber: wir leben in einer Scheißwelt, was irgendwie auch ganz cool ist, denn dieser Umstand gab und gibt Menschen wie dem stets in semiinvestigativen Untiefen rührigen Ernst Hofbauer die Möglichkeit, schonungslose Aufklärung zu betreiben und uns all die Unbill der Existenz vor Augen zu führen. S. auch: "Wenn die prallen Möpse hüpfen". Danke dafür, Ernst.

6/10

Ernst Hofbauer Mädchenhandel Drogen Berlin Genua Italien Camp Sleaze


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STRANGE BEHAVIOR (Michael Laughlin/USA, AU, NZ 1981)


"And now, Pete: Kill your father!"

Strange Behavior (Die Experimente des Dr. S.) ~ USA/AU/NZ 1981
Directed By: Michael Laughlin

Im Kleinstädtchen Galesburg geht offenbar ein wahnsinniger Serienmörder um, der vornehmlich Teenager aus dem Leben schlitzt. Polizeichef John Brady (Michael Murphy) steht auf dem Schlauch, wenngleich ihn bald eine unheilvolle Ahnung beschleicht. Derweil begeht ausgerechnet Bradys Sohn Pete (Dan Shor) den folgenschweren Fehler, sich, dem Beispiel seines Kumpels Oliver (Marc McClure) folgend, an der der Stadt angeschlossenen Uni als freiwilliger Proband für psychologische Experimente zur Verfügung zu stellen...

Ein richtig formvollendeter, kleiner Genrebrillant, von dem ich erst kürzlich durch eine via Facebook verlinkte Liste erfuhr. Flugs die DVD ins Haus geholt und nicht enttäuscht worden: "Strange Behavior", der auch unter dem Titel "Dead Kids" firmiert, erinnert atmosphärisch durchaus an die einstigen Genreexkursionen Steven Spielbergs zwischen "Jaws" und "Poltergeist" (wobei letzterer freilich erst noch her musste) - in das gemütliche, nicht unironisch präsentierte Ambiente einer typischen US-Kleinstadt platzt das Böse hinein in Form - und da erfolgt dann die Kehre zum spaßorientierten Flügel B - ferngesteuerter, zwangskonditionierter Jugendlicher, die von einem totgeglaubten, verrückten Wissenschaftler (Arthur Dignam) als Rachewerkzeuge missbraucht werden. Vor dieser inhaltlichen Grundierung entwickelt der Film eine geradezu provokative Unaufgeregtheit und Lakonie, die selbst potenzielle Spannungssituation sich völlig relaxt ausspielen lässt. Dp Louis Horvath macht einigen, klugen Gebrauch vom Dolly, wie überhaupt sich Condons und Laughlins Ideenfundus als reichhaltig erweist.
Laughlin hat eine interessante Karriere hinter sich: Einst war er mit Leslie Caron verheiratet, machte sich vormals als Produzent einiger bedeutender Klassiker einen Namen, führte dann in den Achtzigern bei nur drei Filmen Regie, um sich dann, nach einem letzten Versuch, mit einigen New-Hollywood-Streitern anno 2001 einen Erfolg als Autor zu landen ("Town & Country"), aufs hawaiianische Altenteil zurückzuziehen. Sieht man "Strange Behavior", glaubt man diese kunterbunte Biographie unbesehen.

8/10

Michael Laughlin Bill Condon Kleinstadt College Mad Scientist Madness Drogen


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NO DIRECTION HOME: BOB DYLAN (Martin Scorsese/USA 2005)


"Play it fuckin' loud."

No Direction Home: Bob Dylan ~ USA 2005
Directed By: Martin Scorsese

Als Beitrag zur umfassenden Biographien-Reihe "American Masters" entstanden, macht sich "No Direction Home" auch in Scorseses höchsteigener Filmographie hervorragend. Immer wieder hat der große Regisseur im Laufe seines Schaffens seinen musikalischen Zeitgenossen filmische Konzert- oder Persönlichkeitsporträts gewidmet, angefangen bei The Band, die ja vormals selbst künstlerische Kollaborateure Dylans waren, über Roots-Bluesmusiker bis hin zu Dylan, George Harrison und natürlich den Stones. Die Resultate sind durch die Bank von höchstem stilistischen wie informativem Rang und regelmäßig sehenswert. Im Falle "No Direction Home", den ich just mit einiger Verspätung zum ersten Mal geschaut habe, setzt sich diese Tradition fort. Der Mensch Bob Dylan bleibt auch nach dem umfassenden Stück ein Faszinosum und auch ein Rätsel; dankenswerterweise fokussiert der Film denn auch nicht seinen kompletten Werdegang, sondern jene turbulente Phase zwischen seinem Umzug von Minnesota nach New York City 1960 und der nach dem Album "Blonde On Blonde" begangenen Europa-Tournee, bei der ihn ein englischer Konzertgänger als "Judas" beschimpfte - man fand es in der Alten Welt vielfach unangemessen, dass Dylans künstlerische Entwicklung sich weg vom zwangspolitisierten Folk-Solisten hin zur Stromgitarre und zum Band-Sound vollzog und empfand ihn somit als "Verräter" an einer Sache, der sich der Musiker tatsächlich niemals gänzlich zugehörig fühlte. Tatsächlich beklagt seine zwischenzeitliche Lebensgefährtin Joan Baez sogar retrospektiv noch Dylans stoische Weigerung, sich wie viele seiner Kollegen eindeutiger Statements zu befleißigen und sich selbst je Eindeutigkeit zuzuschreiben. All das, so Baez, sei ein Mythos. Was im Nachhinein konsequenter Progression entspricht, war seinerzeit ein echtes Poltikum: Dylan plugs in. Erst wenn man sieht, wie grandios und energetisch er mit der Band jenes "legendäre", wütende Konzert in Manchester spielt und seine naseweisen, jugendlichen Fans mit nackter heavyness konfrontiert, begreift man halbwegs, was den Mann umtrieb. Und -treibt, natürlich.

9/10

Martin Scorsese Bob Dylan Allen Ginsberg Beat Generation Musik Folk Biopic


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BABY BOY (John Singleton/USA 2001)


"I don't wanna reach the gates and Jesus be like: 'Turn yo ass around nigga.'"

Baby Boy ~ USA 2001
Directed By: John Singleton

Joseph (Tyrese Gibson) lebt in South Central L.A., ist um die 20, arbeitslos, bildungsarm, hat zwei kleine Kinder mit zwei verschiedenen Müttern, Yvette (Taraji P. Henson) und Peanut (Tamara LaSeon Bass) und lebt noch bei seiner Mutter Juanita (A.J. Johnson). Seine Beziehung zu leidet regelmäßig darunter, dass Joseph weder seine Ma loslassen noch ein eigenverantwortliches Leben führen kann. Die Situation spitzt sich für Josepoh gleich von zwei Seiten her zu, als Juanita mit dem bulligen Melvin (Ving Rhames) einen neuen Liebhaber mit nach Hause bringt und Yvettes extrem soziopathischer Exfreund Rodney (Snoop Dogg) aus dem Knast entlassen wird...

In streng objektiver Hinsicht ist "Baby Boy" vielleicht John Singletons reifster Film als Autor und zudem der bis dato letzte, den er nicht als Auftragsfilmer inszeniert hat. "Baby Boy" beschließt nach "Boyz N The Hood" und "Poetic Justice" ferner Singletons inoffizielle South-Central-Trilogie, in der er in einer jeweils spezifisch gewichteten Mischung aus biographischen Impressionen und pädagogischer Ambition das Leben der hiesigen Afroamerikaner abbildet. "Baby Boy" versteht sich in diesem Zusammenhang weniger als Lehrstunde in Sachen mentaler Renovierung, sondern zeigt mit gleichermaßen höchst subtiler Ironie und großartiger Wahrhaftigkeit die Unfähigkeit vieler junger Männer, sich trotz diverser guter Voraussetzungen von ihrer verquasten Imagepflege loszukommen und existenzielle Verantwortung zu übernehmen. Im Falles Josephs geht die (durch das rahmende, wunderbar illustrierte, symbolische Bild des erwachsenen Titelhelden in einem schützenden Uterus) Lebensinkompetenz sogar so weit, dass für ihn seine Mutter nach wie vor eine Art Schutzmatrone ist, zu der sich die - einseitig pathologische - Beziehung zeitlebens nicht gewandelt hat. Auch ist Joseph längst nicht der harte Knochen, der er gern wäre; er fährt die Kiste seiner Freundin und muss, selbige entzogen, mit einem Fahrrad durch die Straßen zockeln. Er lässt sich von ein paar Halbstarken abspeisen und hat seiner großen Klappe zum Trotze höllische Angst vor seinen beiden Widersachern. Die Art und Weise, wie Singleton hier Dekonstruktion fehlgeleiteter Männlichkeitsschemata betreibt und damit dann doch noch kostenlose Lektionen in Sachen Erweckungsbedarf liefert, kann man durchaus als grenzgenialisch bezeichnen.

8/10

John Singleton Los Angeles ethnics Mutter & Sohn Coming of Age


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HIGHER LEARNING (John Singleton/USA 1995)


"Without struggle, there is no progress."

Higher Learning ~ USA 1995
Directed By: John Singleton

Auf einige Erstsemester wartet eine harter Einstieg am kalifornischen 'Columbus-College': Kristen (Kristy Swanson) bekommt kaum finanzielle Unterstützung von daheim. Nach einer feucht-fröhlichen Party wird sie von dem aufdringlichen Billy (Jay Ferguson) halb vergewaltigt und kann in letzter Sekunde entkommen. Sie trifft die emanzipatorische Vordenkerin Taryn (Jennifer Connelly) und verliebt sich in sie. Doch auch zu James (Trevor St. John) fühlt sie sich hingezogen.
Malik (Omar Epps) wähnt sich als farbiger Student gleich von vornherein hoffnungslos benachteiligt und notorisch unterprivilegiert. Darin bestärkt ihn vor allem der Langzeitstudent und Aktivist Fudge (Ice Cube), für den weiße Vormachtsstellung, Repression und Ausbeutung einhergehen. Malik findet seinen schlimmsten Feind schließlich in dem unsicheren Remy (Michael Rapaport), der als Sonderling keinen Anschluss findet und sich infolge seiner Einsamkeit schließlich zum labilen Neonazi wandelt, dessen Wut sich in offener Gewalt entlädt...

Was ich auteur John Singleton neulich noch betreffs "Boyz N The Hood" zugute hielt, nämlich seine gleichermaßen treffsichere wie unbestechliche didaktische Grundhaltung, gerät in seinem Drittwerk "Higher Learning" leider etwas zur Manier. Auch dieser Film wird von einem pointiert formulierten Imperativ geschlossen: "Unlearn!" heißt es da, womit nicht etwa eine forcierte Bildungslobotomie gemeint ist, sondern das Sich-Entledigen rassistischer, glaubenspraktischer und sexueller Phobien, wie sie das Resultat generationenlanger Vorprägung sind. Tatsächlich sollte man meinen, dass junge Menschen, die einmal den Campus geentert haben, weit über solchen verkniesten Vorurteilsschemata stehen, aber Singleton geht es in "Higher Learning" ja gerade darum, unperfekte Zustände zu veranschaulichen. Und solche bedürfen wohl rigoros tendenziös gezeichneter Klischeefiguren. Ice Cube könnte, etwas Phantasie vorausgesetzt, eine etwas ältere Version von Tre Styles aus "Boyz N The Hood" darstellen: Deutlich abgeklärter und härter als ehedem, aber mit einem ähnlich klaren sozialgeprägten und bildungstheoretischem Background versehen. Laurence Fishburne als erzliberaler Politologe Professor Phipps spielt im Prinzip seine Rolle des Furious Styles aufs Neue, diesmal bloß mit Brille, Fliege, Jackett und Vollbart versehen. Phipps erinnert darüber hinaus doch sehr an den wunderbaren James Earl Jones in "Soul Man": Eine integre, harte Autoritätsperson, die weiß, was soziale Benachteiligung bedeutet und daher besonders auf Schmarotzer und sich anbiedernde Günstlinge schlecht zu sprechen ist. Übers Ziel hinaus aber schießt Singleton eindeutig in der einfältigen Zeichnung des im Blitztempo vom Bauerntölpel zum Neofaschisten umerzogenen Remy. Wenngleich Michael Rapaport neben Omar Epps vermutlich die signifikanteste darstellerische Leistung des Films darbietet, strotzt seine Figur und ihre Genese nur so vor naiven bis üblen Klischees. Hieran scheitert selbst mein ansonsten wirklich ausgeprägter good will - ein gewisser Latenz-Alltags-Rassismus hätte bestimmt zu Remy gepasst, aber dass er gleich "Mein Kampf" lesen, Springerstiefel tragen und sich den Kopf kahl scheren muss, weil er einem ideologischen Rattenfänger (Cole Hauser) in die Fänge geraten ist - no go.
So bleibt ein alles in allem ehrenwerter Film mit einigen doch unauswetzbaren Scharten, der zudem keinem Vergleich mit Singletons kraftvollem Debüt standhält.

6/10

John Singleton College Rassismus Neo-Nazis ethnics Bisexualität Vergewaltigung Los Angeles Amok Coming of Age


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THE QUIET ONES (John Pogue/UK 2014)


"I'm sorry."

The Quiet Ones ~ UK 2014
Directed By: John Pogue

Der Kette rauchende und ehrgeizige Universitätsprofessor auf dem Fachgebiet "abseitiger Psychologie" Coupland (Jared Harris) ist der festen Überzeugung, dass psychotische Patienten, denen Besessenheit nachgesagt wird, in Wahrheit bloß über telekinetische Kräfte verfügen, vor denen sie sich selbst so sehr fürchten, dass sie eine Art Persönlichkeitsspaltung entwickeln und ein zweites Ich herbeifabulieren. So, so glaubt Coupland, ist es auch im Falle der jungen Jane Harper (Olivia Cooke), die unter zeitweiliger Amnesie leidet, mehrere Heim- und Psychiatrieaufenthalte hinter sich hat und glaubt, ein böses Mädchen namens "Evey" lebe in ihrem Körper. Zusammen mit seinen beiden Studierenden Krissi (Erin Richards) und Harry (Rory Fleck-Byrne) sowie dem für die filmische Dokumentation zuständigen Brian (Sam Claflin) wagt Coupland ein gefährliches Experiment: In einem abgelegen Landhaus will er die isolierte und schwer verstörte Jane dazu bringen, sich von ihrem vermeintlichen alter ego Evey zu lösen. Doch die Wahrheit mag er nicht akzeptieren, selbst dann nicht, als sie ihn bei der Kehle hat...

"The Quiet Ones", die mittlerweile sechste aktuelle Produktion der reaktivierten Hammer-Produktion, nimmt sich dann doch deutlich wichtiger als sie es letzten Endes ist. "The Haunting", "The Asphyx", "The Legend Of Hell House", "Poltergeist", "Prince Of Darkness" winken mit ihren modrigen Tüchlein: Wenn Genreconnaisseure eines längst gelernt haben, dann, dass die Wissenschaft dem Übernatürlichen trotz noch so geschickter Versuchsanordnungen stets haushoch unterlegen bleibt. Geister und Dämonen, insbesondere die bösen unter ihnen, lassen durch ESP und EMF-Geräte vielleicht erkennen, aber niemals einfangen, geschweige denn aus der Welt tilgen. So ist denn auch der ganze Vorlauf nebst dem Trara um mögliche Effektschwindeleien seitens des keinesfalls koscheren Professor Coupland vollkommen überflüssig. "The Quiet Ones" hält sich viel zu lang damit auf, unsere Identifikationsfigur, den ungläubigen Brian, durch seine Unsicherheitstrips zu jagen, bis er dann schließlich die dämonische Wahrheit herausfindet, aus der viel mehr hätte erstehen können. Ist einmal klar, dass sich hinter Janes Anfällen kein Mummenschanz verbirgt sondern ein tatsächlicher sumerischer Feuerdämon, der einige Jahre in den Untiefen von Janes verwirrter Psyche verborgen war, ist der Film schon fast wieder vorbei. Es fehlt ihm schlicht an Aktion und Effektezauber, die seine bloßen Verunsicherungsstrategien leider nicht aufzuwiegen vermögen. Dazu mangelt es Autorenschaft und Regie dann doch etwas zu sehr an formaler Kompetenz.

5/10

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Filmtagebuch von...

Funxton

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