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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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SHORT CUTS (Robert Altman/USA 1993)


"That was a 35 dollar belt!"

Short Cuts ~ USA 1993
Directed By: Robert Altman

L.A. Stories: Fliegengift, Dysfunktionale Beziehungen,Gleichgültigkeit, Spießertum, Lügen, Betrug, Eigennutz, Unfähigkeit zu Empathie und/oder Lebensrevision, Überreaktionen, Liebe, Hass und Tod.

Wie im vorhergehden Eintrag zu "Grand Canyon" erwähnt, nicht nur ein companion piece zu selbigem, sondern zugleich dessen contradiction piece. Wo uns Kasdan noch hoffnungsvolle Wege aus dem allumfassenden, südkalifornischen Existenzelend aufzeigt, bringt Altman alles in einer von mehreren großartigen, von Annie Ross gesungenen Jazzballaden auf den Punkt: "I'm a prisoner of life".
"Short Cuts" ist ein manchmal absurd komisches, manchmal todtrauriges Präludium zum zivilisatorischen Armageddon: Die Geschichten sind nicht meta-existenziell, symbolisch oder gar exemplarisch angelegt wie bei Kasdan, sie sind Momentaufnahmen stinknormaler Alltagsereignisse. Zwar befinden mehrere der auftretenden Protagonisten sich wahlweise an der Schwelle zur Psychose, haben diese bereits überschritten oder können sich gerade noch davor retten, doch auch das kommentiert der bereits reife Altman mit dem ihm eigenen, sarkastischen Achselzucken. Es ist, wie es ist und daran ändert sowieso keiner etwas. Möglicherweise schlägt auch bloß die widerwillig planierte, planquadrierte Natur zurück: Das nächtens über der Stadt verteilte Anti-Fruchtfliegengift scheint wenig förderlich für Kontaktpersonen zu sein; die Sommerhitze tut ihr Übriges, ein Erdbeben kündigt sich durch humane Aggressionsentladungen an. So wirklich identifikationstauglich - der vielleicht größte Kniff des Films auf emotionaler Ebene - ist keiner der sich immer wieder wechselseitig begegnenden Handlungsträger. Alle machen gleich mehrere elementare Fehler, vergessen Moral und Ratio und zerbrechen womöglich daran. Am exemplarischsten für die allseitige, mitunter in pures Grauen umkippende Narretei ist vielleicht Tim Robbins' Figur des Motorradpolizisten Gene Shepard: Der Mann ist ein komplettverschnürtes Ekelpaket, er lügt, betrügt, nutzt seine berufliche Position auf das Unangenehmste aus, ist inkonsequent wie ein Kleinkind und macht alles falsch, was er nur falsch machen kann. "Short Cuts" hat mich bei der gestrigen Betrachtung so sehr mitgerissen, dass ich nach dem Film selbst vorübergehend das schwindlerische Gefühl hatte, nurmehr durch eine schwenkende "Altman-Linse" zu blicken.
Ein irrsinniger, monströser Film von bleibendem Wert, ein großes Meisterwerk seines Regisseurs und überhaupt.

10*/10

Robert Altman Raymond Carver Los Angeles Ehe Ensemblefilm Freundschaft Alkohol Familie Hund Sommer Madness Malerei Unfall


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GRAND CANYON (Lawrence Kasdan/USA 1991)


"I think, it's not all bad."

Grand Canyon ~ USA 1991
Directed By: Lawrence Kasdan

Ein Beziehungsgeflecht in L.A.: Mack (Kevin Kline) und seine Frau Claire (Mary McDonnell) erleben ihre wohlsituierte Ehe als Tagesgeschäft, als Claire beim Joggen in den Büschen ein verlassenes Baby findet. Macks bester Freund Davis (Steve Martin) produziert gewalttätiges Actionkino in Hollywood. Als er überfallen und angeschossen wird, ändert er sein Berufsethos - allerdings nur kurz. Als Macks Wagen eines Nachts mitten in Southcentral stehen bleibt, rettet ihn der gerade noch rechtzeitig eintreffende Abschleppwagenfahrer Simon (Danny Glover) vor ein paar Nachwuchsgangstern. Dafür kann sich Mack gar nicht genug revanchieren und verschafft nicht nur Macks Schwester Deborah (Tina Lifford) und ihren Kindern eine neue Wohnung, sondern auch Mack eine neue Freundin (Alfre Woodward). Macks Sekretärin und Einmal-Geliebte Dee (Mary-Louise Parker) rutscht derweil in die Depression ab, weil ihr Chef sie im Regen stehen lässt.

Zeiten ändern dich: Damals, 1991, mit 15, habe ich "Grand Canyon" als einen wahren Erdrutsch von Film wahrgenommen, ein opus magnum, das dazu taugt, einem die Welt zu erklären und Amerika sowieso. Entsprechend häufig habe ich Kasdans Werk damals geschaut und meinen Freunden in schöner Regelmäßigkeit vorgeführt. Irgendwann hatte ich den Film dann über und ihn in die hinteren Gedächtnisgefilde verdammt. Gestern habe ich ihn erstmals vorsätzlich und im unmittelbaren Kontext zu "Short Cuts" angesehen, um den es mir eigentlich ging. Der Direktvergleich hat Hand und Fuß: Beides sind Ensemblestücke, beide zeigen fragmentarisch Momentaufnahmen des kalifornischen Molochs Los Angeles; beide Filme ergehen sich in einer auffälligen Hassliebe zu der flächigen Großstadt; in beiden Filmen kreisen Hubschrauber als Unheilsboten über ihr, in beiden kommt ein Erdbeben mit bösen Folgen vor. Jedoch: Kasdan ist nicht Altman und sein Film der wesentlich hoffnungsvollere, unkomplexere und konsumierbarere. Eine versöhnliche Bestandsaufnahme vornehmlich liebenswerter Menschen mit bourgeoisem, ehrbarem Hintergrund, die alles tun, um das sie umgebende Unfassbare, den Zynismus und die Babarei der Neuzeit von sich fernzuhalten. Hier ist noch Rettung möglich, man wirft sich gegenseitig Ringe zu und hält sich damit über Wasser. Wenngleich nicht jeder davon profitieren mag (Steve Martins "Quasi-Joel-Silver" verschwindet mit über Bord geworfenen Vorsätzen hinter einer riesigen Studiotür, aus dem Film und damit möglicherweise auch aus Macks Freundschaftsradius). Das ist nett, liebenswert und spricht für Kasdans Missionarismus, enthebt "Grand Canyon" aber auch seiner Bodenständigkeit. Ob man diese will, oder braucht, sei dahingestellt; an Kasdans aufrichtigem Arbeitseifer kann jedenfalls kein Zweifel bestehen.

8/10

Lawrence Kasdan Los Angeles Ensemblefilm Freundschaft Hollywood Ehe Baby midlife crisis


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HIGH SPIRITS (Neil Jordan/UK, USA 1988)


"This is not easy, this is very, very difficult!"

High Spirits ~ UK/USA 1988
Directed By: Neil Jordan

Der versoffene Burgerbe Peter Plunkett (Peter O'Toole) hat alle Hände voll damit zu tun, sein modriges, irisches Erbgut vor einem Verkauf nach Malibu zu retten. Um sich neue Touristenschichten zu erschließen, staffiert er mit seinen Angestellten Plunkett Castle zu einem Spukschloss um, wobei jeder einen bestimmten Geisterpart zu erfüllen hat. Was weder Plunkett noch die bereits herannahenden US-Urlauber ahnen: Auf Schloss Plunkett spukt es wirklich und die beiden über 200 Jahre alten Gespenster Mary (Daryl Hannah) und Martin (Liam Neeson) langweilen sich ob ihres sich allnächtlich wiederholenden Beziehungsdramas buchstäblich zu Tode. Trefflich ergo, dass mit Jack (Steve Guttenberg) und Sharon (Beverly D'Angelo) ein lebendes Pärchen anreist, dem es keinen Deut besser geht...

Wie Neil Jordan seine Gespensterkomödie stets lustvoll an der Beinahekatastrophe vorbeiinszeniert und aus einer potenziellen Gurke dann doch noch eine schönes Grusical mit viel Herz fertigt, das schaut man sich gern an. "High Spirits" hätte nämlich, mit einem unambitionierten, sprich: "falschen" Regisseur an der Hand, auch völlig in die Hose gehen können. Das überaus eigenwillige Script steckt nämlich voller entsprechender Stolpersteine, die Jordan jedoch durchweg bravourös umschifft. Dabei bleibt alles recht moderat und unübertrieben: Der Chaoshumor des Stücks, die Phantastik, die Romantik. Peter O'Toole war bei diversen Auftritten wohl wirklich ziemlich blau, schlingert aber ebenso cool wie souverän durch den Film. Die übrigen Darsteller, eine sehr feine Besetzung nebenbei, geben durch die Bank Vollgas und sind gut wie selten. Besonders Liam Neeson als furzender, dauergeiler Geist ist urkomisch.
Ich war ja als Dreizehnjähriger mal schwerstens in Daryl Hannah verliebt und habe mir "High Spirits" (ebenso wie ihre anderen bis dato verfügbaren Sachen) entsprechend häufig angeschaut. Heuer kann ich konstatieren: In diesem Falle war die Zeit nicht verschwendet.

8/10

Neil Jordan Irland Schloss Spuk Geister Tourismus Parapsychologie


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THE MONEY PIT (Richard Benjamin/USA 1986)


"This is turning out to be a pretty good day."

The Money Pit (Geschenkt ist noch zu teuer) ~ USA 1986
Directed By: Richard Benjamin

Walter (Tom Hanks) und seine Freundin Anna (Shelley Long) sind auf Wohnungssuche, seit Annas Ex Max (Alexander Godunov), ein hochnäsiger Dirigent, aus Europa zurück ist und sein New Yorker Appartment zurück beansprucht. Ein Angebot der schrulligen Estelle (Maureen Stapleton) kommt ihnen da gerade recht: Die Gute verkauft ihre luxuriös anmutende Provinzvilla für einen Spottpreis. Wie Anna richtig vermutet, hat die Sache, da sie einmal unter Dach und Fach ist, einen bösen Haken: Das schicke Haus ist nämlich völlig marode und an allen Ecken und Enden mehr als renovierungsbedürftig. Die entsprechenden Erlebnisse und Folgekosten zehren im Quadrat an Walters und Annas Beziehungssubstanz.

Großartige Komödie, die über die Jahre kein bisschen an Kraft eingebüßt hat und noch immer taufrisch daherkommt. Tom Hanks, zu dieser gerade an seinem Aufstieg vom comedian zum Hollywood-Star arbeitend, beweist, dass er in dieser Art Film eigentlich seine größten Karrieremeriten vorzuweisen hat: Als Endzwanziger, dem sein Geschick dermaßen übel mitspielt, dass er lange am Rande des Nervenzusammenbruchs entlangbalanciert, nur, um dann irgendwann gänzlich abzurutschen, war er für ein paar Jahre der Größte seiner Zunft. Die Chaosszene etwa, in der Walter aus Ungeschick den kompletten Gerüstbau an der Vorderfront seines Hauses demoliert und dann schlussendlich im Pissmänneken-Brunnen seines Gartens landet, ist noch immer allergrößtes Slapstick-Tennis. Doch auch viele andere Details in "The Money Pit" bereiten Höchstfreuden, so vor allem das illustre Spektrum an Nebenfiguren, wobei ganz besonders die Bauarbeiter (u.a. Frankie Faison, Mike Starr, Jake Steinfeld, Michael Jeter), die Walters und Annas sich zuspitzende Beziehungskrise als eine Art Live-Soap genießen, höchste Komik feilbieten. Rundum toll.

8/10

Richard Benjamin New York Beziehung Haus


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DE BEHANDELING (Hans Herbots/B 2014)


Zitat entfällt.

De Behandelig (Die Behandlung) ~ B 2014
Directed By: Hans Herbots

Mit der Jagd auf einen geisteskranken und gewaltbereiten Kinderschänder, der nicht nur seine jungen Opfer, sondern auch deren Eltern nachdrücklich leiden lässt und der in Kontakt mit einem organisierten Untergrundnetzwerk pädophiler Verbrecher steht, erlebt der belgische Polizist Nick Cafmeyer (Geert Van Rampelberg) zugleich eine Reise in die eigene, traumatische Vergangenheit: Im Kindesalter ist sein Bruder Björn von einem Päderasten, wahrscheinlich Nicks Nachbar Ivan Plettinckx (Johan van Assche), gekidnappt worden und seither nie mehr aufgetaucht. Weder konnte Plettinckx jemals die Entführung nachgewiesen noch Björns Leiche gefunden werden. Möglicherweise lebt er noch; zudem ergeht sich Plettinckx in höhnischen Versteckspielen mit Cafmeyer. Dennoch gilt es, zunächst, den "Troll" zu fangen, jenen geisterhaften Kinderschreck, der über Wände gehen kann und der stets "von oben kommt"...

Atmosphärisch und ansatzweise auch mental in der Tradition von all den abseitigen Genrestücken der letzten Jahre und Jahrzehnte, von "Se7en" über Stieg Larssons "Millenium"-Trilogie respektive deren Verfilmungen, "Srpski Film", "Prisoners" und der ersten Staffel "True Detective", steht dieser junge belgische Thriller, der vielleicht auch ein Stück weit zur nationalen Trauma-Bekämpfung dient, nachdem das kleine Land sich von den schrecklichen Ereignissen um Marc Dutroux und seinen wohl doch recht umfassenden "Interessenzirkel" nie wirklich erholen konnte. "De Behandeling" erfordert demgemäß einiges an Ertragenspotenzial. Was die Autorenphantasie hier um den völlig durchgedrehten Serientäter, der neben seinen abartigen Neigungen gleich noch ein paar weitere entsprechende Charakteristika aufweist - er ist impotent, (berechtigterweise, wie suggeriert wird) sozial isoliert, fettleibig, sabbert, stottert und experimentiert mit Pisse, um seine Privattheorie der seine Manneskraft verdrängenden, weiblichen Toxine zu verifizieren -, aus dem sprichwörtlichen Hut zaubert, ist schon abscheulich. Ein wahrer Untermensch also, den "De Behandeling" sich da neben einigen anderen "Szene"-Individuen da als Feindbild ausgesucht hat und von dem im Nachhinein alles Mögliche behauptet werden kann - nur nicht, als Objekt einer halbwegs differenzierten Figurenausarbeitung gedient zu haben.
Immerhin taugt Herbots Film zu dem, was er im Mindesten auch sein soll, nämlich als ordentlicher Nägelkauer, dessen Erzählzeit wie im Fluge vergeht und der besonders zum Finale hin, das dann auch nur semi-happy ausklingt, ein hohes Spannungsmaß aufrecht erhält. Auch, wenn's zunächst widersprüchlich anmuten mag: ebenso kompetent wie dumm.

6/10

Hans Herbots Pädophilie Belgien Home Invasion


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THE VAULT OF HORROR (Roy Ward Baker/UK, USA 1973)


"So that's what our destinies are meant to be..."

The Vault Of Horror (In der Schlinge des Teufels) ~ UK/USA 1973
Directed By: Roy Ward Baker

Im Fahrstuhl eines Geschäftsgebäudes steigen nach und nach fünf sich unbekannte Männer zu, die anstatt im Erdgeschoss auf einer "Sonderetage" landen, wo ein runder Tisch mit Getränken auf sie wartet. Das Quintett beginnt sich gegenseitig seine bösesten Albträume zu beichten: Rogers (Daniel Massey) will seine Schwester Donna (Anna Massey) hinsichtlich einer Familienerbschaft übervorteilen und tötet sie. Was er nicht weiß: Donna und etliche andere Bewohner ihrer Kleinstadt sind Vampire, die Rogers buchstäblich anzapfen. / Critchit (Terry-Thomas) treibt mit seiner neurotischen Pedanterie seine Ehefrau (Glynis Johns) in den Wahnsinn, die ihn daraufhin in sorgsame Einzelteile sortiert. / Das Magierpaar Sebastian (Curd Jürgens) und seine Gattin Inez (Dawn Addams) ist in Indien auf der Suche nach neuen Tricks für seine Zauberrevue. Dabei entlarvt Sebastian einen alten Fakir (Ishaq Bux) als Scharlatan, was dessen Tochter (Jasmina Hilton) zu einer arglistigen Racheaktion mit ihrem verhexten Seil bewegt. / Maitland (Michael Craig) will seine Lebensversicherung verfrüht kassieren, täuscht seinen Tod vor und lässt sich lebendig begraben. Sein narrensicherer Plan scheitert jedoch an zwei Medizinstudenten (Robin Nedwell, Geoffrey Davies), die ihm zufällig in die Parade fahren. / Der Maler Moore (Tom Baker) erfährt in der Karibik, dass seine drei Londoner Kompagnons (Denholm Elliott, Terence Alexander, John Witty) ihn übervorteilt und seine Bilder für teures Geld verkauft haben. Für seine Rache eignet er sich Voodoo-Kräfte an, deren Einsatz jedoch auf ihn selbst zurückfallen...

Der sechste und vorletzte große Omnibus-Horrorfilm der Amicus basiert wie bereits der mittelbare Vorgänger "Tales From The Crypt" auf der gleichnamigen E.C.-Comics-Serie, in der es einen dem Crypt Keeper nachempfunden Vault Keeper gab, einen sardonischen, alten Greis mit Fletschauge und Warzen, der standesgemäß immer einen gemeinen Spruch auf Lager hatte, um die bösen Fettnäpfchen, in die "seine" Protagonisten zu treten pflegten, zu kommentieren. Leider kommt er in Roy Ward Bakers Film nicht vor; die Ideenvielfalt, die sorgsame Inszenierung und der stets leichtfüßige Camp-Grusel, der wesentlich zur Materie gehört, bleiben aber trotzdem erhalten. Wie eh und je sind auch hier die Erzähler und Ersinner ihrer grauenhaften Werdegänge die eigentlichen Bösewichte und das, was ihnen schlussendlich widerfährt, lediglich das angemessene Waldesecho: Amoralische Gierhälse, Haustyrannen und Todsünder sind sie allesamt, was sie (in vieren der beschriebenen Fälle) schließlich zu Mördern werden und ihre Strafe auf dem Fuße folgen lässt: Vampire, die einen Blutdrink zum Diner bevorzugen, Komplettzerteilung, Autounfälle und ein mörderisches Zauberseil sind ihre übernatürlichen Richtschwerter! Adäquat besetzt mit einigen wohlbekannten, gesetzten Darstellern in Haupt- und Nebenrollen und wie gewohnt in ausgesuchtem Ambiente spielend, steht "The Vault Of Horror" in allerbester Tradition und seinen liebenswerten Vorgängern somit in nichts nach.

8/10

Roy Ward Baker Amicus Episodenfilm E.C.


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ELECTRIC BOOGALOO: THE WILD, UNTOLD STORY OF CANNON FILMS (Mark Hartley/AU, USA, IL, UK 2014)


"These two guys were the greatest salesman of their era!"

Electric Boogaloo: The Wild, Untold Story Of Cannon Films ~ AU/USA/IL/UK 2014
Directed By: Mark Hartley

Nach den bunten Kinoauswüchsen, die Australien und die Philippinen in den siebziger und achtziger Jahren getrieben haben, widmet sich Mark Hartley in seinem jüngsten Projekt der von den beiden israelische Vettern Menahem Golan und Yoram Globus gegründeten Independent Verleih- und Produktionsfirma "Cannon Films", deren Entwicklung sich in synoptischer Form freilich selbst ausnimmt, wie ein Filmmärchen. Ungeachtet der wahrhaft illustren Vielzahl von Interviewpartnern, die Hartley für seine Dokumentation auftreiben konnte, muss ich "Electric Boogaloo" leider attestieren, die Sujetliebe, die beim Autoren noch in seinen beiden "Pazifik-Film-Choniken" zu spüren war, diesmal zu vernachlässigen. Sicherlich hat eine Dokumentation nicht die zwingende Aufgabe, reine fanbase widerzuspiegeln oder sich tendenziös auszunehmen; sie sollte jedoch ebensowenig sardonisches Naserümpfen und Häme transportieren. Für mich und viele andere Menschen meiner Generation als buchstäbliche Kinder der Achtziger hat die Cannon eine Vielzahl der schönsten, mit denkbar warmherzigen Erinnerungen verbundenen Kino- und Video (kurz: Film-)erlebnisse hervorgebracht und wenn der wirtschaftliche Niedergang des Betriebes mit seinen drei spektakulär verkalkulierten Megaflops "Over The Top", "Masters Of The Universe" und "Superman IV: The Quest For Peace" belegt wird, da hämmerte es empört in mir: "Gottverdammt, ich habe damals meine Schuldigkeit und mir alle drei im Kino angeschaut - "Over The Top" sogar gleich zweimal!"
Hartley gefällt sich vor allem darin, Golan und Globus immer wieder altklug der Lächerlichkeit preiszugeben und Zeitgenossen zu interviewen, die mit den beiden rückblickend gnadenlos abrechnen (oder zumindest die Montage entsprechend wirken zu lassen). Vor allem die befragten Damen - Bo Derek, Laurene Landon, Martine Beswick und einige mehr, allesamt sichtlich verwelkt - ereifern sich durchweg, auf das teils Unangenehmste ausgebeutet worden zu sein, doch auch Autoren und Regisseure beklagen die oftmals unprofessionelle Schnellschuss-Atmosphäre hinter den Kulissen. Wahnsinnszeug wie "The Apple", "America 3000" oder "The Forbidden Dance" wird zur Unterstreichung der immer wieder suggerierten These, die Cannon habe ausschließlich shlock fabriziert, herangezogen; die "künstlerische Erweckungsphase", welche immerhin veritable Meisterwerke wie "Love Streams" oder "Barfly" hervorgebracht hat, wird (mit Ausnahme von "Runaway Train") als eine Art unfälliger Wurmfortsatz des zusehends anwachsenden Kontrollverlusts der beiden Herren abgestempelt. Ganz so einfach war's dann wohl doch nicht. Zugegeben: die Anekdote, in der Golan dem knapp gebuchten Film-Orang-Utan Clyde das Exposé von "Going Bananas" erklärt, ist schon sehr witzig. Immerhin lobt der rührend gebrechliche Franco Zeffirelli, der von Golan und Globus seinen "Otello" beschirmen ließ und diesen für sein absolutes Meisterwerk hält, die Vettern über den grünen Klee. Das brauchte "Electric Boogaloo" dann auch dringend!
Am Schluss setzt Hartley dann noch etwas höhnisch und implizit nach, dass Golan und Globus sich selbst nur deshalb nicht selbst geäußert hätten, weil sie seine Idee gestohlen haben und nun selbst dabei seien, mit "The Go-Go Boys" eine Dokumentation über Cannon in die Wege zu leiten. Das erklärt Manches.
Abgesehen allerdings von meiner zugegebenermaßen recht persönlich gefärbten Pikiertheit fand ich das Teil aber nicht übel.

7/10

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THE JUDGE (David Dobkin/USA 2014)


"Everyone wants Atticus Finch until there's a dead hooker in a bathtub."

The Judge (Der Richter - Recht oder Ehre) ~ USA 2014
Directed By: David Dobkin

Als seine Mutter stirbt, kommt der in Chicago arbeitende Staranwalt Hank Palmer (Robert Downey Jr.) nach vielen Jahren der Absenz zurück in seine Geburtsstadt in Indiana, wo sein Vater Joseph (Robert Duvall) noch immer als Richter tätig ist. Die Heimreise entwickelt sich zu einem Trip zu diversen, ungeklärten Sollbruchstellen in der Vergangenheit : Hank und sein Dad sind nämlich nicht gut aufeinander zu sprechen, seit Hank einst als Jugendlicher im Rausch einen Autounfall verursacht hat, der die Baseball-Karriere seines älteren Bruders Glen (Vincent D'Onofrio) zunichte machte. Palmer sr. verurteilte den Filius daraufhin zu einer Jugendgefängnisstrafe, was dieser nie verwunden hat. Urplötzlich muss Hank nun seinen Vater vor Gericht verteidigen, da dieser angeklagt wird, mutwillig einen früheren Verurteilten (Mark Kiely) überfahren zu haben. Der Alte kann sich jedoch an nichts erinnern - offenbar ein Nebeneffekt seiner öffentlich geheimgehaltenen Chemotherapie, mit der er seinen Darmkrebs im Zaum hält.

Ein biederes, überraschungsarm und vorhersehbar gescriptetes Vater-/Sohn-Drama im Gerichtsmilieu. Die Figuren entsprechen aus etlichem Artverwandtem bekannten Stereotypen und selbst die Besetzung des in vielerlei Hinsicht an die Grisham-Adaptionen erinnernden Films nimmt sich standesgemäß aus: Sowohl Downey Jr. als auch Duvall waren bereits in Altmans "The Gingerbread Man" zugegen und sind mit entsprechender Erfahrung ausgestattet. Damit nicht genug: Schon nach den ersten paar Minuten lässt sich auch mit geringer Kenntnis vermeintlicher hollywoodscher Erfolgsmechanismen der gesamte Verlauf des Films ganz gezielt herbeiorakeln: Sohn und Vater sind infolge eines lange zurückliegenden Streits zerstritten und müssen sich angesichts aktueller Ereignisse zusammenraufen; man lernt sich neu kennen und sogar lieben, der Opa lernt endlich sein reizendes Enkelkind (Emma Tramblay) kennen; der gelackte Yuppie erfindet sich neu, wenn er seinen inkontinenten Vater säubert und somit für diesen Verantwortung übernimmt. Am Ende ist alles wieder in harmonischem Einklang und der Filius bereit, die erbfolge eines Dads anzutreten. So weit, so bekannt.
Im Prinzip macht einzig die (allerdings auch) gewohnheitsmäßig bravouröse, manchmal mutige Vorstellung des exzellenten Robert Duvall "The Judge" sehenswert. Diese kann man dafür allerdings kaum hoch genug bewerten.

5/10

David Dobkin Courtroom Vater & Sohn Brüder Familie Krebs Indiana Chicago Rache


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CRIMINAL LAW (Martin Campbell/USA 1988)


"Hi Mom. Killing babies again?"

Criminal Law (Der Frauenmörder) ~ USA 1988
Directed By: Martin Campbell

Für den Yuppie-Anwalt Ben Chase (Gary Oldman) zählt einzig seine Erfolgsbilanz: Dass er dabei oftmals Monster und Schwerstkriminelle verteidigt, gehört eben zum Geschäft und kann zumeist erfolgreich ausgeblendet werden. Als Ben jedoch gewahr wird, dass sein jüngster Klient, der aus reichem Elternhause stammende Martin Thiel (Kevin Bacon) tatsächlich die Frau umgebracht hat, für deren grausamen Mord er auf der Anklagebank saß und von Ben erfolgreich verteidigt wurde, gerät er in einen herben Gewissenskonflikt. Plötzlich wird die Karriere zur Nebensache und die moralische Entscheidung darüber, inwieweit es überhaupt vertretbar ist, den mittlerweile zum Serienmörder aufgestigenen Thiel weiter zu vertreten, zu Bens Hauptumtrieb. Als auch seine neue Freundin Ellen (Karen Young) in tödliche Gefahr gerät, gibt es für Ben nurmehr eine Lösung...

Recht ausufernd erzählter Courtroom-Thriller, der sich qualitativ der in den Achtzigern grassierenden, legionären Masse des Subgenres angleicht. Mit Oldman und Bacon treten zwei damals noch sehr unverbrauchte Darsteller in den Ring, deren Beziehung zueinander sich zunehmend komplex gestaltet: Während Martin Thiel, der seit frühester Jugend ein schweres Trauma mit sich herumschleppt und zu dessen Tilgung nunmehr gezielte Opfer auswählt, in seinem Verteidiger eine Mischung aus Vertrauensperson und Marionette wähnt und augenscheinlich auch homoerotische Avancen in ihre einseitig belastete Bindung legt, gerät umgekehrt Thiel für den von seinem Antagonisten eigentlich kaum minder faszinierten Ben Chase zu einer berufsethischen Zerreißprobe. Der hedonistische Yuppie sieht sich vor die Wahl gestellt: Diesen extrem renommierten Fall gewinnen und einer ebenso erfolgreichen moralentleerten Karriere als gewissenloser Teufelsadvokat entgegen gehen oder zum Selbstjustizler werden, der seinen Mandant verraten muss, um die Gesellschaft vor ihm zu schützen. Es ist primär den Hauptakteuren und Campbells ihnen schadlos zuspielender Inszenierung zu verdanken, dass aus dieser eigentlich wenig innovativen Konstellation überdurchschnittlich spannendes Unterhaltungskino werden konnte.

7/10

Martin Campbell Courtroom Serienmord Madness


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LAST EMBRACE (Jonathan Demme/USA 1979)


"A moment of reverence, please."

Last Embrace (Tödliche Umarmung) ~ USA 1979
Directed By: Jonathan Demme

Als bei einer ihm geltenden Mordattacke seine Frau (Sandy McLeod) erschossen wird, bleibt US-Agent Harry Hannan (Roy Scheider) schwer traumatisiert zurück. Nach sieben Jahren in einem Nerven-Sanatorium versucht Hannan, in sein altes Leben zurückzukehren, doch noch immer scheint ihm jemand nach dem Leben zu trachten. Während seine frühere Abteilung in ihrem nach wie vor verstört wirkenden Mitarbeiter ein Sicherheitsrisiko zu sehen beginnt, entdeckt Harry, dass jemand aus dem Hintergrund gezielt jüdischstämmige Männer ermordet, die allesamt etwas mit einem vor Jahrzehnten florierenden New Yorker Bordellbetrieb zu tun haben.

Mit "Last Embrace" inszenierte der vormalige Corman-Eleve Jonathan Demme eine sich durchaus luzide präsentierende Hitchcock-Hommage, wobei Anspruch und Realisierung nicht durchweg eine konforme Richtung einschlagen. Die Narration erweist sich in Relation zum eigentlich einfachen Rache-Plot im Sujetkern als allzu ambitioniert, um nicht zu sagen umständlich. Der zugrunde liegende Roman ist mir zwar nicht bekannt, es liegt jedoch nahe, dass dieser unwesentlich mehr als eine ordinäre Kriminalgeschichte vorlegt, während Demmes Arbeit beinahe zwangsweise den Hauch großangelegten Suspense zu atmen trachtet; die inhaltlichen Irrungen und Wirrungen, die Harry Hannan, seiner Ikonographie entsprechend einen verwirrten Profi, eigentlich nicht so sehr ins Bockshorn jagen dürften, wie es im Film letzten Endes geschieht, bekommen einen reinen Alibi-Charakter. Dennoch ist der Gute auf diverse Hinweise und Hilfen von außen angewiesen, deren Einsatz (Sam Levene!) sich mitunter kaum minder mysteriös gestaltet als die auf ihn abzielende Verschwörung. Die Auflösung des Ganzen schließlich erweist sich als eher alberne, völlig von der Kontemplation des Zuschauers abhängige Offenbarung, die, anders als es etwa bei De Palma der Fall ist, gar nicht recht um ihr triviales Wesen zu wissen scheint.
Ein absoluter Regiefilm also, in dem Form und Inhalt in einiger Unrelation zueinander stehen.

7/10

Jonathan Demme New York Verschwörung ethnics Madness Rache Prostitution Serienmord