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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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FORCE: FIVE (Robert Clouse/USA 1981)


"Thank God for Black an' Decker!"

Force: Five (Die Macht der Fünf) ~ USA 1981
Directed By: Robert Clouse

Der teuflische Reverend Rhee (Master Bong Soo-Han) leitet eine Erleuchtungssekte, die ihm lediglich als Fassade dient, um in Ruhe seine Drogengeschäfte abwickeln und die zumeist aus reichem Hause stammenden Schäfchen um ihre dicken Börsen erleichtern zu können. Dem wohlhabenden William Stark (Michael Prince) sind Rhees Umtriebe seit Langem ein Dorn im Auge, doch jeder Versuch, dessen Organisation zu sprengen, schlug bislang fehl. Also heuert er den Kampfsportmeister Jim Martin (Joe Lewis) an, der wiederum ein sich aus bewährten Kampfprofis rekrutierendes Quintett (Sonny Barnes, Richard Norton, Benny Urquidez, Pam Huntington, Ron Hayden) um sich schart. Nachdem auch noch Stark von Rhees Handlangern ermordet wird, kennen Martin und seine Force: Five keine Gnade mehr.

Ein Remake in eigener Sache - "Force: Five" ist schon auf den ersten Blick nichts anderes als eine lediglich geringfügig modifizierte Variation von Clouses eigenem Schlager "Enter The Dragon". Anstelle von Bruce Lee ist nun Kickbox-Champion Joe Lewis zu sehen, der seine Mitstreiter allerdings nicht wie ehedem zufällig, sondern ganz gezielt auswählt, um den fiesen Obermotz zu vernichten. Jener wird - eine besonders hübsche Fußnote - von Master Bong Soo Han interpretiert, der wenige Jahre zuvor in der Enter The Dragon"-Parodie "A Fistful Of Yen", einem Segment aus John Landis' "The Kentucky Fried Movie", mit einem gewissen Dr. Klahn das Äquivalent zu Bruce Lees vormaligem Gegner Han (Shih Kien) spielte und am Ende durch eine Wasserdusche ("I'm melting, I'm melting!") besiegt wird. Allein jener "Besetzungscoup" verhindert, dass "Force:Five" sich auch nur ein Fünkchen Ernsthaftigkeit erwirtschaften kann. Doch auch der Rest des Films entspricht einer durchweg bizarren Scharade, die mehr mit den beiden um diese Zeit entstandenen Christian-Anders-Filmen "Die Brut des Bösen" und "Die Todesgöttin des Liebescamps" gemein hat als mit auch nur semiseriösem Genrekino. Dass der end boss hier in Form eines wilden Stiers daherkommt, scheint da nurmehr konsequent.
Ein wahlel Blüllel, wenn Sie mich flagen.

5/10

Robert Clouse Martial Arts Exploitation Trash


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THE BEAST WITH FIVE FINGERS (Robert Florey/USA 1946)


"Your mental balance is equal to mine, but don't consider that a tribute to your sanity."

The Beast With Five Fingers (Die Bestie mit den fünf Fingern) ~ USA 1946
Directed By: Robert Florey

Der in einem norditalienischen Städtchen wohnhafte, alternde Starpianist Francis Ingram (Victor Francen) kann seit einem Schlaganfall nurmehr die linke Hand bewegen. Dies tut seinem impressiven Reichtum jedoch keinen Abbruch. Um sich herum hat Ingram ein exklusives kleines Klübchen versammelt: Seine von ihm heißgeliebte Pflegerin Julie (Andrea King), den charmanten Trickbetrüger Conrad Ryler (Robert Alda), der Ingram spezielle Stücke für einhändiges Spiel schreibt, den zwielichtigen Notar Duprex (David Hoffman) und schließlich den Privatsekretär Hilary Cummins (Peter Lorre), einen überaus exzentrischen Zeitgenossen. Als Ingram eines Nachts die Treppe seines Hauses herabstürzt und stirbt, stellt sich die Frage nach seiner beträchtlichen Erbschaft. Diese gedenkt das kurz zuvor abgefasste Testament der überraschten Julie zu, doch die eilends herbeigereisten Vater (Charles Dingle) und Sohn Arlington (John Alvin), Vettern Ingrams, sind da ganz anderer Ansicht. Bald schon gibt es im Haus den ersten Toten. Und alles deutet darauf hin, dass Ingrams Hand sich selbstständig gemacht hat und nun auf Rachefeldzug geht...

Ein gepflegt aus der Rolle fallender, kleiner Genrefilm des vielbeschäftigten B-Filmers Robert Florey. Dieser hatte mit dem ebenfalls mit Peter Lorre besetzten "The Face Behind The Mask" wohl bereits sein mutmaßliches Meisterwerk abgeliefert, doch auch "The Beast With Five Fingers" hält sich recht stabil. Weder handelt es sich bei diesem um ein eindeutiges Werk der Gattung Horror, noch mag man ihn vollends dem Krimi-Genre zurechnen. Schmunzelnder Humor begleitet "The Beast" über weite Strecken wie ein alter Freund und löst seine ansonsten betont gotische Atmosphäre ein wenig ab. Kern und Herstück des Films ist erwartungsgemäß der irre mit den großen Augen rollende Lorre, dem man in seiner Rolle als eher nebenbei tätiger Sekretär und hauptsächlicher Astronom in einer Melange aus Sypathie und Befremdung zugetan ist. Zwar wird von Anfang an kein Hehl daraus gemacht, dass Hilary Cummins nicht mehr alle Nadeln an der Fichte hat, doch welch Irrsinn sich wirklich hinter seiner zuweilen kraus gezogenen Stirn verbirgt, dessen wird man erst zum Ende hin gewahr, nachdem man bereits bereit war, mit ihm an das Übernatürliche zu glauben. Hierin liegt dann auch ein außergewöhnlicher Kniff Floreys: Er macht die (im Übrigen sehr gut getricksten) Wahnvorstellungen Cummins' ohne weitere Erläuterungen zu objektiven Zuschauereindrücken, eine für die damalige Zeit noch recht unerhörte Praxis. Am Ende darf J. Carrol Naish, der zuvor alös emsiger Commissario zu ermitteln hatte, noch einen lustigen Finalgag aufbereiten. Damit fällt dann auch das letzte bisschen präservierter Grusel von dem Film ab. Schadet ihm trotzdem nichts.

8/10

Robert Florey Curt Siodmak Italien Kleinstadt Hand Madness period piece


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SATURDAY NIGHT AND SUNDAY MORNING (Karel Reisz/UK 1960)


"Don't let the bastards grind you down!"

Saturday Night And Sunday Morning (Samstagnacht bis Sonntagmorgen) ~ UK 1960
Directed By: Karel Reisz

Für den Jungarbeiter Arthur Seaton (Albert Finney) ist die Woche wohlstrukturiert: Von montags bis freitags geht's in die Fabrik, wo harte Maloche Ehrensache ist, am Samstag heißt es dann rein in den Zwirn und ab in den Pub, zehn bis zwölf Pints hinter die Binde und mit der eigentlich mit seinem Arbeitskollegen Jack (Brtyan Pringle) verheirateten Brenda (Rachel Roberts) in die Kiste. Der Sonntag ist dann zum gemächlichen Ausnüchtern bestimmt, bevor die Mühle am Montag wieder auf Null springt. Als Arthur die ihm deutlich zukommendere Doreen (Shirley Anne Field) kennenlernt, sieht er eine Möglichkeit, die sich ohnehin verkomplizierende Beziehung mit Brenda zu lösen - da eröffnet diese ihm, von ihm schwanger geworden zu sein. Für Arthur ein unhaltbarer Zustand, den er jedoch mittragen muss und der ihn einiges an Lehrgeld kostet.

Another angry young man, soon to be older: Diesmal sehen wir den noch taufrischen Albert Finney als einen Helden der Arbeiterklasse, der seine imposante Energie zum einen der Tatsache verdankt, dass er noch deutlich jünger ist als die meisten seiner Kollegen und zum anderen der unerschütterlichen Kraft der Träume. Für Arthur Seaton steht es außer Frage, dass er sich, wie bereits sein Vater (Frank Pettitt) vor ihm, zeitlebens den Buckel in der Fabrik krummschuften und früher oder später in die kleinbürgerliche Sackgasse des Alltags einfahren wird. Seine unerfreulich verlaufende Affäre mit der verheirateten Brenda grenzt ihn dabei zwar etwas von seinen geregelter dahinvegetierenden Zeitgenossen ab, bewahrt ihn letztlich jedoch auch nicht vor seinem vorgezeichneten Schicksal: Mit der reizenden Doreen naht zugleich das noch uneingelöste Versprechen des familiären Heimathafens. Mit ihr wird Arthur, so rotzig und kregel er sich jetzt auch geben mag, in Kürze eine eigene Familie gründen, in ein eigenes Häuschen ziehen und dereinst genauso enden wie sein Vater vor ihm. Was der Film von Arthur Seaton zeigt, ist vielleicht der letzte außergewöhnliche Ausschnitt seines Lebens, der letzte Rausch. Dann kommt nurmehr der Sonntagskater mit seinem langen, mühseligen Erwachen.

8/10

Karel Reisz Free Cinema Nottingham


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LOOK BACK IN ANGER (Tony Richardson/UK 1959)


"It's no good fooling about with love, you know."

Look Back In Anger (Blick zurück im Zorn) ~ UK 1959
Directed By: Tony Richardson

Jimmy Porter (Richard Burton) verdient sich seinen Lebensunterhalt zusammen mit seinem besten Freund Cliff (Gary Raymond) als Süßwarenverkäufer auf dem Markt. Sein wahres Herz schlägt jedoch für die Jazztrompete, der einzigen Möglichkeit für ihn, seine überbordende Gefühlswelt zu sublimieren. Jimmys Ehe mit der Middle-Class-Tochter Alison (Mary Ure) ähnelt derweil eher einem täglichen Kampf. Als erklärter Misanthrop macht er ihr mit seinen unkontrollierten Verbalattacken das Leben zur Hölle. Die Situation kippt, als Alison erfährt, dass sie ein Kind erwartet und zeitgleich ihre Freundin, die Schauspielerin Helena (Claire Bloom), für die Zeit eines Theater-Engagements in ihrer Wohnung unterkommt. Helena überredet Alison, Jimmy endlich zu verlassen, nur um sich dann selbst in eine halsbrecherische Affäre mit ihm zu stürzen. Am Ende müssen alle drei einsehen, dass sie falsche Entscheidungen getroffen haben.

Als eine Art britisches Pendant zu Tennessee Williams' "A Streetcar Named Desire" observiert John Osbornes Stück die Tücken einer viel zu schnell geschlossenen Ehe-Gemeinschaft, die ihren vorläufigen Bruch erlebt, als ein weiterer, weiblicher Part zwischen ihre verhärteten Fronten tritt. Tony Richardson fertigte daraus das erste bedeutende Werk des 'Free British Cinema' oder auch der Gattung 'Kitchen Sink': Genrelose Dramen, die, analog zur formal wesentlich verspielteren 'Nouvelle Vague' als Aufbruchskino entstanden und in der englischen Variante einen möglichst unverfälschten Blick auf die betont glanzlosen Alltagsexistenzen von Arbeiterfamilien und unzufriedenen Nachwüchslern warfen. Richard Burton zeichnet in der klassischen Rolle des Jimmy Porter, die übersee von Paul Newman oder Marlon Brando übernommen worden wäre, im Prinzip sein gesamtes folgendes Rollen-Repertoire vor. Er gibt hier den intellektuellen Zyniker in Reinform, der aus lauter Zorn über sein engmaschig umdrahtetes Leben zu einem in schäumendem Selbsthass gefangenen Individuum geworden ist, das jeden Tag mindestens ein rhetorisches Explosiönchen über seine Mitmenschen ergießt. Wo in späteren Rollen dann zumeist Resignation und Unterschwelligkeit regieren, leistet Burton sich hier noch den einen oder anderen veritablen Ausbruch. Dass es dabei zumeist seine zarte Ehefrau trifft, liegt in der Natur der Dinge. Dass am Ende die Erkenntnis obsiegt, dass man sich mit dem zu arrangieren hat, was das Leben einem bietet, ebenso. Allein der Weg dorthin macht "Look Back In Anger" so immens involvierend.

8/10

Tony Richardson John Osborne based on play Free Cinema Ehe amour fou Bohéme


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X: THE UNKNOWN (Leslie Norman/UK 1956)


"What happened, sir? I don't understand." - "Peter, I'm afraid I don't either."

X: The Unknown (XX... unbekannt) ~ UK 1956
Directed By: Leslie Norman

Während eines Übungseinsatzes der schottischen Armee, bei der die Rekruten den Umgang mit Geigerzählern lernen sollen, bricht urplötzlich der Erdboden auf und hinterlässt eine scheinbar bodenlose Spalte. Einer der Männer erleidet furchtbare Verbrennungen, die zu seinem Tode führen. Der herbeieilende Nuklearforscher Dr. Royston (Dean Jagger) findet nach weiteren Zwischenfällen heraus, was es mit dem Riss auf sich hat: Eine jahrmillionen alte Lebensform, die im Inneren der Erdkruste überlebt hat, bahnt sich ihren Weg nach draußen, um sich von Radioaktivität zu ernähren und weiter zu wachsen. Dem gallertartigen Wesen, das jeden, der ihm zu nahe kommt, durch Zerschmelzung gnadenlos vernichtet, ist zunächst nicht beizukommen. Schließlich entwickelt Royston die rettende Erfindung, um der Bestie den Garaus machen zu können...

Da waren die Briten mal schneller: Bereits zwei Jahre vor dem (dann aber doch etwas hübscheren) "The Blob" machte in "X: The Unknown" eines der raren intraterrestrisch wohnhaften Leinwandmonster den Fortbestand der Menschheit zum großen Fragezeichen. Welcher Farbe das Ding ist bzw. war, lässt sich leider nicht verifizieren, die höchst spezielle Konsistenz viskoser Konfitüre zumindest aber teilte es sich mit dem passend betitelten Weltraum-Ungeheuer aus Yeaworths Film.
Tatsächlich bildete "X: The Unknown" einen Versuch der damals noch nicht genrefesten Produktionsgesellschaft "Hammer Films", an den erfolgreich gelaufenen "The Quatermass Xperiment" anzuknüpfen. Hier wie dort bekam man "erwachsene", eloquente Sciende Fiction, die die Grenze zum Horror gern mal übertrat und gerade dadurch ihre Stabilität erreichte. Den weisen Wissenschaftler, der sich von einem einfältigen, aber zurecht erbosten Vater (Jameson Clark) zwar nachsagen lassen muss, dass er wegen seiner unheiligen Experimente bestraft gehöre, tatsächlich jedoch pro humanum agiert, spielt hier statt Brian Donlevy US-Import Dean Jagger, ähnlich charismatisch und sympathisch anzuschauen wie das große Vorbild.
Die recht deftigen Schmelz-Sequenzen schließlich schauen noch immer knorke aus. Saubere Kiste.

7/10

Leslie Norman Joseph Losey Jimmy Sangster Michael Carreras Hammer Schottland Militär Monster


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NACHT DER WÖLFE (Rüdiger Nüchtern/BRD 1982)


"Wir müssen mal wieder was bringen."

Nacht der Wölfe ~ BRD 1982
Directed By: Rüdiger Nüchtern

Revierstreitigkeiten zwischen der alteingesessenen Gang der "Revengers" und der sich in ihrem Viertel breitmachenden Türkenbande "Blutige Adler" sorgen dafür, dass sich die Lage besonders für die unstete Daniela (Daniela Obermaier) zuspitzt, die eigentlich nichts mehr so recht mit ihren früheren Freunden, besonders dem akut aggressiven Duke (Karl-Heinz von Liebezeit) zu tun haben möchte und den jüngeren Dogan (Ali Arkadas) von der gegnerischen Seite dafür nicht unsympathisch findet. Schließlich kommt es zum nächtlichen Aufmarsch beider Gruppen, der mit einem unschuldigen Todesopfer endet.

Die meisten Versuche deutscher Filmemacher, jugendliche Subkulturen nicht nur der Früh-und Mittachtziger dramaturgisch in Szene zu setzen, wirken heute stark nostalgisch bis posserlich. Wo die meisten internationalen Regisseure weitaus größere Erfolge verbuchen konnten, bleibt aus hiesigen Breitengraden also eher schmunzeln Machendes. "Nacht der Wölfe" bildet da keine besondere Ausnahme. Nüchterns Film, der mich streckenweise stark an den mir bereits seit anno dunnemals bekannten, jedoch vier Jahre jüngeren "Verlierer" von Bernd Schadewald erinnerte, befremdet bereits etwas durch seine Münchener Vorstadt-Location. Das alles hat viel zu wenig von urbanem Ghetto, um die erwünschte Trostlosigkeit glaubhaft zu machen. Auch der Versuch, die rivalisierenden Gangs mit Ausnahme von Ethnien ("Verlierer" ging in dieser Hinsicht später deutlich weniger demoskopisch vor) einen eindeutigen Stempel aufzudrücken, misslingt gepflegt. Weder sind die "Revengers" Nazi-Skins, noch Heavys, noch Punks noch überhaupt irgendwas Konkretes; mehr so eine gezielt spießbürgerfeindliche Gruppierung, die eigentlich bloß postpubertären Radau zu veranstalten geruht, schlechten Metal-Sound hört und durch dummes Getue auffällt. Für die zumindest wesentlich friedfertigeren Türken gilt ansonsten Ähnliches.
Nüchtern scheitert also zur Gänze darin, eine ernsthafte oder zumindest authentische Vivisektion westdeutscher Teenager-Befindlichkeit jener Ära zu liefern. Zumindest Zeitkolorit und unfreiwilliger Humor jedoch kommen zu keiner Sekunde zu kurz und retten "Nacht der Wölfe" dann doch noch über seine Runden. Die DVD lohnt sich vornehmlich wegen der urigen Extras, darunter ein aktuelles Interview mit dem damaligen Haupt- und Laiendarsteller Ali Arkadas, der die Gelegenheit beim Schopfe packt, Reklame für seinen Lackierbetrieb zu machen und in jedem zweiten Satz betont, "wie schön" es damals war. Funny.

6/10

Rüdiger Nüchtern München Subkultur Teenager Gangs


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OCULUS (Mike Flanagan/USA 2013)


"Hello again! You must be hungry."

Oculus ~ USA 2013
Directed By: Mike Flanagan

Schreckliche Ereignisse von vor elf Jahren brachten Tim Russell (Brenton Thwaites/Garrett Ryan) einst in die geschlossene Psychiatrie: Damals waren seine Eltern (Rory Cochrane, Katy Sackhoff) nach dem Umzug in ein Landhaus sukzessive wahnsinnig geworden; Tims Vater hatte seine Mutter getötet und er selbst musste, um sich und seine ältere Schwester Kaylie (Karen Gillan/Annalise Basso) zu retten, seinerseits den Vater erschießen. Nunmehr therapiert und entlassen, glaubt Tim an einen rational erklärbaren Hergang dieser Ereignisse. Nicht so jedoch Kaylie: Diese erinnert Tim an ihren alten Pakt, den antiquarischen Spiegel, der tatsächlich für all das Böse, das damals passierte, verantwortlich war, zu zerstören. Tim mag zunächst nicht an Kaylies Annahme glauben und verdrängt die Tatsache, dass die lange Geschichte des Spiegels von Blut und zahlreichen Selbstmordopfern getränkt ist. Doch die folgende Nacht in ihrem mittlerweile leerstehenden Elternhaus in Anwesenheit des Spiegels belehrt in eines Schlimmeren...

Der Spiegel als ein Leitmotiv phantastischer Literatur besitzt eine lange Tradition. Immer wieder wurde sein Status als Dimensionstor, als Zugang zu Parallelwelten, als Versteck für dämonische Kräfte, als Orakel oder als in irgendeiner Form besessenes Objekt prononciert - uralte abergläubische Annahmen, "Schneewittchen", Lewis Carrolls "Alice"-Fortsetzung "Through The Looking-Glass", Henry S. Whiteheads Kurzgeschichte "The Trap", Vampire, die sich nicht im Spiegel sehen können, im jüngeren Genrefilm "Amityville: A New Generation" oder "Candyman" - die Faszination des Spiegels als Mysterium bleibt gefüttert.
"Oculus" nun bemüht in dieser Zeit inflationärer Horrorproduktionen, die garantiert keine klassische Saite der Gruselklaviatur auslassen, auch jenen alten Reflektionstopos wieder. Hierin ist der Spiegel eine Art Lebensenergie aufsaugendes Monster, der sich an allem Organischen nährt, was sich in seinem Einflussradius findet: Pflanzen, Haustiere und Menschen. Diesen entzieht er zunächst den Verstand, um sie dann zu willenlosen Objekten zu machen, die sich dann, veranlasst durch subjektiv empfundene Scheinrealitäten, gegenseitig umbringen. Dabei vermag er es, sich selbst stets zu retten, denn niemand, der es sich auch noch so sehr vornimmt, ist in der Lage, den Spiegel zu zerstören. Insofern ist Kaylies noch so ausgeklügelter Plan, das böse Stück Zierrat zu überwältigen, natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Spiegel spielt mit den Geschwistern, gaukelt ihnen Trugbilder vor, lässt sie schlimme Dinge begehen und sorgt schließlich dafür, dass der arme "Timbo", wie seine Familie ihn zu Lebzeiten neckisch zu nennen pflegte, wieder dort landet, wo er just geheilt herkam: in der Gummizelle.
Die inszenatorische Finesse Flanagans liegt darin, Zeitebenen nahtlos zu überlappen und mittels exzellenter Montage zu demonstrieren, dass der böse Spiegel seine Übermacht allein dergestalt genüsslich ausspielt, indem er die Geschwister wieder in dieselben Fallen tappen lässt wie bereits elf Jahre zuvor. Spätestens in den letzten Minuten wird klar, dass das Monster unbesiegbar, ihm mit noch so viel Equipment und Willenskraft nicht beizukommen ist. Der Spiegel ist allmächtig. Der sich hier und da dann doch allzu sehr auf Gewohnheitsmäßiges und Vorgefertigtes verlassende Film nicht ganz, aber grundsätzlich anschauenswert wäre er wohl.

7/10

Mike Flanagan Bruder & Schwester Spiegel


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THE SACRAMENT (Ti West/USA 2013)


"I ain't goin' to heaven..."

The Sacrament ~ USA 2013
Directed By: Ti West

Die drei Dokumentaristen Patrick (Kentucker Audley), Sam (AJ Bowen) und Jake (Joe Swanberg) spüren einer geheimnisvollen Sekte nach, in der Patricks vormals drogensüchtige Schwester Caroline (Amy Seimetz) ein neues Leben begonnen hat. Die religiöse Gemeinde hat ein Hauptquartier jenseits der US-Grenzen, versteckt im Dschungel, die ausschließlich per Hubschrauber zu erreichen ist. Es gelingt dem Trio, eine Einladung nach "Eden Parish", wie sich das Sektendorf nennt, zu erhalten. Bereits der Empfang mit stark bewaffneten Wächtern macht einen wenig positiven Eindruck auf die drei jungen Männer, doch der bald auftauchenden Caroline gelingt es, sie zu beschwichtigen. Zudem machen die Bewohner des Camps einen überaus zufriedenen, ausgeglichenen Eindruck. Das bald stattfindende Interview mt dem charismatischen Sektenführer "Vater" (Gene Jones) gestaltet sich als das erwartungsgemäße Gespräch mit einem psychologisch wie rhetorisch gebildeten Mann, der kritische Fragen betreffs der Finanzierung seiner Sache oder möglicher Aussteiger geschickt herunterspielt oder abwälzt. Tatsächlich wurden die meisten der Sektierer einer Gehirnwäche unterzogen, mussten Folterungen erdulden und werden, so sie sich nicht Vaters Anweisungen fügen, hier festgehalten. Als Patrick, Sam und Jake die Wahrheit offenlegen, kommt es zur Katastrophe.

Nach dem von mir als sehr enttäuschend empfundenen "The Innkeepers" vollzieht Ti West mit "The Sacrament" wieder einen deutlichen Schritt nach vorn. Zwar ist seine Sekten-Observation im Prinzip alles andere als originell, doch vermag West es darin ein beträchtliches Maß an Atmosphäre, die von nachhaltiger Bedrohlichkeit und einigen Parallelen zum klassischen Genrekino geprägt ist, zu kreieren. "The Sacrament" bleibt über seine gesamte Distanz durchweg interessant und es gelingt ihm, seine unterschwellige Angststimmung konsequent zu schüren. Dabei ist der Kollektiv-Selbstmord einer radikalchristlichen Sekte, deren Führerfigur mit Personenkult, Abschottung, Autarkie-Illusionen und Suggestionen arbeitet ein ganz alter Hut in Film und Realität. Die Figur des "Father" und auch seines Ordens orientiert sich unzweideutig an dem realen Jim Jones und seiner Sekte "People's Temple", die sich im November 1978 infolge politischen Drucks durch einen von Jones befohlenen Massensuizid ein Ende setzte. In "The Sacrament" sind es allerdings nicht Menschenrechtswächter, sondern die heute noch omnipotenteren Massenmedien, die Father den entscheidenden Tiefschlag versetzen. Sein auf Gerechtigkeit und Philanthropie fußendes Moralkonstrukt bekommt starke Risse, als eine Mutter (Kate Lyn Sheil) die letzte Fluchtmöglichkeit für ihre bereits schwer bestörte, kleine Tochter (Talia Dobbins) wittert und den Reportern gegenüber unbequeme Wahrheiten ans Tageslicht bringt. Damit ist der Traum "Eden Parish" ausgeträumt und wer seinen Zyanid-Shake nicht freiwillig schluckt, wird abgeknallt. Father erweist sich derweil als ein seinem utopistischen Wahn verfallener, koksschnupfender Späthippie, dessen Konzept von Lieben und Friede mit sich durchsetzender Waffengewalt von Anfang an völlig verlogen war.
Dass West seinem Mockumentary-Stil nicht immer sicher sicher nachgeht und hier und da formale Brechungen in Kauf nimmt, um seinem Film über die eine oder andere Hürde zu hieven, sei ihm angesichts des mitreißenden Resultats verziehen. So kann es gern weitergehen.

7/10

Ti West Sekte Bruder & Schwester embedded filming Eli Roth


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PLANES, TRAINS & AUTOMOBILES (John Hughes/USA 1987)


"You're fucked!"

Planes, Trains & Automobiles (Ein Ticket für Zwei) ~ USA 1987
Directed By: John Hughes

Der in Manhattan tätige Werbekreative Neal Page (Steve Martin) möchte gern rechtzeitig zum Thanksgiving-Truthahn bei seiner Familie in Chicago sein und müht sich daher mit allen Mitteln, pünktlich zum Flughafen zu kommen. Doch bereits auf der 5th Avenue gerät er im Zuge der Jagd nach einem Taxi mit dem übergewichtigen Duschvorhangringverkäufer Del Griffith (John Candy) aneinander - der Beginn einer überaus fruchtbaren Hassliebe, die sich in den nächsten 48 Stunden stärkstens intensivieren wird. Denn die beiden ungleichen Männer werden immer wieder durch sich selbst oder das Schicksal zusammengeführt auf ihrer höchst stressintensiven Heimreise, die sich in immer abstrusere, halsbrecherischere Aktionen verläuft.

Ein Evergreen, passend zum Pilgerväter-Feiertag geschaut. Wie alle Filme John Hughes, wobei dieser der erste ist, der sich nicht mit der Bestandsaufnahme von Achtiger-Jahre-Mittelklasse-Teenagern befasst, ist auch "Plains, Trains & Automobiles" eine herrlich spitzfindige Satire mit einem brillanten Blick für komödiantisches Timing und exzellenter Darstellerführung. Dazu gibt es immer wieder pointierteste Musikeinsätze und, neben all den wunderbar skurrilen Nebenfiguren von Kevin Bacon als arrogantem Yuppie bis Dylan Baker als ekligem Kansas-Hillbilly, schließlich zwei große Humoristen in jeweiliger Höchstform; ferner nicht zu vergessen wunderhübsche Regieeinfälle wie der immer wieder großartige Moment, in dem Steve Martin während eines Unfalls John Candy als Teufel herbeiphantasiert. Soweit ein starker Film, wahrscheinlich eine der besten und klügsten Komödien ihres Jahrzehnts gar.
Allein die fürchterlich melancholische Conclusio als Siedepunkt diverser jeweils im Vorhinein gelegter Bindfäden, die den in dieser Form doch liebgewonnen, seinem Mitreisenden in vielerlei Hinsicht doch so sehr überlegenen Charakter des Del Griffith gewissermaßen über den Haufen werfen und zu einer im Grunde rein tragischen Figur machen, die von der nunmehr erstarkten Figur des Superspießers Neal Page "gerettet" werden muss, nimmt dem Film wieder eine Menge weg, beschädigt ihn sogar ein Stück weit. Es hat mich immer schon gestört, dieses süßliche Feiertagsschmelz-Ende auf den Spuren von "It's A Wonderful Life", wobei ich ehrlich gesagt auch keine rechte Alternative wüsste. Vielleicht hätte man Griffith einfach nicht zum Witwer machen und stattdessen am Ende eine Art Familienzusammenführung herbeidichten können oder Ähnliches. Dieser märchenhafte Schluss, der letztlich auch keine dauerhafte Lösung für Griffiths Probleme beinhaltet (soll er jetzt bei den Pages einziehen? wird dann später eine Sitcom draus??), zu dem fürderhin ein ziemlich ätzendes Paul-Young-Cover intoniert wird, markiert allerdings die einzige echte Kerbe in einem ansonsten über weite Strecken makellosen Film.

9/10

John Hughes Road Movie Freundschaft New York St. Louis Kansas Chicago Reise Satire Thanksgiving


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SILVER LODE (Allan Dwan/USA 1954)


"Just ten minutes ago you all wanted to kill me. And now you're telling me you're sorry..."

Silver Lode (Stadt der Verdammten) ~ USA 1954
Directed By: Allan Dwan

Just am Tage seiner Hochzeit mit der schönen Rose Evans (Lizbeth Scott), die auf den 4. Juli gelegt wurde, erhält der allseits geachtete Kleinstadtbürger Dan Ballard (John Payne) Besuch von einem angeblichen Marshall McCarthy (Dan Duryea) und seinem Deputy-Gefolge. McCarthy bezichtigt Ballard, vor zwei Jahren hinterrücks seinen Bruder niedergeschossen zu haben und sich mit einer hohen, geraubten Geldsumme aus dem Staube gemacht zu haben. Wenngleich zunächst niemand dem urplötzlich auftauchenden Tross Glauben Schenken mag, gelingt es McCarthy, immer mehr von Ballards Nachbarn und Freunden auf seine Seite zu ziehen, bis der Ärmste die ganze Stadt gegen sich hat. Nur seine Braut und das Barmädchen Dolly (Dolores Moran) stehen tapfer zu ihm und können McCarthy schließlich als den Schwindler entlarven, der er ist.

Wie ein dahergelaufener Scharlatan namens McCarthy sich mit marktschreierischen Sprüchen die vox populi zu Eigen macht, indem er sich selbst und seine politische Paranoia zur ultima ratio erklärt, etliche unmündige Naivlinge mitzieht und sie sogar dazu bringt, langjährige Bekannte und Freunde zu verachten und sogar zu denunzieren, das erlebte Amerika gerade in der Realität, als die RKO einen kleinen B-Western namens "Silver Lode" vom Stapel ließ, der sich ebenjene unhaltbaren Vorgänge allegorisch abzublden traute und damit zu einem der politischsten und mutigsten Filme seiner Ära geriet. Der falsche Prophet trägt in diesem Falle gar den Namen seines tatsächlichen Pendants: Ein intriganter, brutaler Hund, der sich tatsächlich sogar wesentlich mehr für das verschwundene Geld interessiert als für die Rache am Tod seines Bruders. Wesentlich eindrucksvoller allerdings gelingt Dwan, binnen 77 Minuten Spielzeit zu demonstrieren, wie eine ganze Gemeinde sich von demagogischer Stimme in eine hetzerischen Mob versäuseln lässt, nur um hernach räuspernd wieder zum Alltagsgeschäft zurückzukehren. Am Ende wird der Bösewicht tödlich von einer von ihm selbst abgefeuerten Kugel getroffen, die an einer Nachbildung der originalen Liberty Bell abprallt. Ein überaus konsequentes Ende für einen ausgemachten Hundsfott. Dass "Silver Lode" sich rein dramaturgisch betrachtet nicht wenig bei Fred Zinnemanns "High Noon" bedient, sei ihm angesichts seines starken Symbolismus' großmütig nachgesehen.
Ein wichtiger, unerlässlicher Genrebeitrag.

9/10

Allan Dwan Rache Kleinstadt





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