Zum Inhalt wechseln


In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


Foto

DEVIL'S PASS (Renny Harlin/USA, UK, RU 2013)


"What we're doing is right."

Devil's Pass ~ USA/UK/RU 2013
Directed By: Renny Harlin

Die US-Studentin Holly King (Holly Goss) begeistert sich für einen Zwischenfall im Ural, der sich 53 Jahre zuvor ereignete: Damals sind neun Bergwanderer, nach ihrem Führer 'Dyatlow-Expedition' benannt, auf unerklärliche, gewaltsame Weise auf einem Bergpass ums Leben gekommen. Die Umstände sind bis dato ungeklärt. Zusammen mit vier Kommilitonen reist Holly zum Unglücksort, um dort eine Film-Dokumentation über die Expedition zu drehen. Den Teilnehmertn wird bald mulmig: Riesige Barfußspuren finden sich im Schnee, merkwürdige, knallartige Geräusche sind zu vernehmen, in einer Wetterstation liegt eine menschliche Zunge. Und irgendjemand versucht offenbar krampfhaft, sie von weiteren Entdeckungen abzuhalten, auch unter Inkaufnahme ihrer aller Tode. Eine von außen verriegelte Stahltür im Berg schließlich scheint Aufschluss zu geben...

Mal etwas geringfügig anderes im Found-Footage-Bereich: Diesmal liegt der geschilderten Expedition kein fiktives, sondern ein reales Ereignis zugrunde. Die Dyatlow-Expedition hat es nämlich wirklich gegeben und die Umstände ihres Scheiterns und der Tode ihrer Teilnehmer sind tatsächlich so mysteriös, wie sie in Harlins Film dargestellt werden: Trotz der immensen Kälte erfroren einige, weil sie in ihrer Unterwäsche um ein Lagerfeuer saßen, andere wurden offenbar erschlagen, einem Opfer fehlte die Zunge, ohne, dass Spuren respektive Hinweise auf Kämpfe oder Angriffe äußerer Gewalten gefunden worden wären. Eine solche Geschichte gibt natürlich hinreichend Anlass zu Spekulationen und ganz gewiss auch zu einem Genrewerk im "Blair-Witch"-Stil. Selbiges kredenzt uns Renny Harlin, von dem, wie ich mal ganz vorlaut behaupte, schon seit einigen Jahren nicht viel Bedeutsames verlautbar wurde und der sich mit diesem stilistisch erwartungsgemäß kaum eklatanten Genrefilm zumindest mein Interesse zurückerobert hat. Ich entwickle ja zunehmend Herz für das Found-Footage-Segment und auch "Devil's Pass" konnte mich mitreißen, trotz einiger persönlicher Abstriche. Ziemlich toll, weil ziemlich wild fand ich die Auflösung am Ende, die in dieser Form wohl wirklich niemand erwarten kann, zumal im Prinzip alle sonstigen Spekulationen bereits im Vorhinein dramaturgisch abgetötet wurden. Weniger begeisternd die leider omnipräsente, etwas geschwätzige Protagonistin, die einer ihrer Mitreisenden mit der neunmalklugen Streberin 'Velma' aus der "Scooby-Doo"-Trickserie vergleicht und damit so ziemlich den Nagel auf den Kopf trifft. Auch die etwas sehr hektisch hingezauberten Creature-F/X im letzten Fünftel hätten im Idealfall noch einiger Optimierung bedurft, gehen aber infolge des Indie-Charakters des Streifens schon in Ordnung. Nicht übel.

7/10

Renny Harlin embedded filming found footage Russland Monster Experiment Independent


Foto

HISTOIRES EXTRAORDINAIRES (Roger Vadim, Louis Malle, Federico Fellini/I, F 1968)


"What am I doing here?"

Histoires Extraordinaires (Außergewöhnliche Geschichten) ~ I/F 1968
Directed By: Roger Vadim/Louis Malle/Federico Fellini

Dreimal Edgar Allan Poe in jeweils höchst eigener Interpretation: 1.) "Metzengerstein": Die Gräfin Frederique de Metzengerstein (Jane Fonda) führt ein ausschweifendes Leben, in dem multiple Perversionen und Orgien an der Tagesordnung sind. Zudem ist sie gewohnt, zu bekommen, was sie will. Als sich ihr Cousin Wilhelm Berlifitzing (Peter Fonda), in den sie sich aufrichtig verliebt, ihr jedoch verweigert, lässt sie seine Stalliungen anzünden, wobei Wilhelm ums Leben kommt. Fast zeitgleich läuft Frederique ein stolzer Rappe zu, der alsbald ihre ganze Aufmerksamkeit erhält und in dessen Sattel Frederique schließlich einen feurigen Freitod wählt. 2.) "William Wilson": Der arrogante Soldat William Wilson (Alain Delon) gilt seit jeher als misogyner, bösartiger Narziss, dessen Streiche häufig auch über die geschmacklichen Stränge schlagen. Doch er hat einen ehrbaren Doppelgänger selben Namens, der in besonders kritischen Situationen in Wilsons Biographie immer wieder auftaucht und ihn zur Räson bringt. Beim dritten Mal erdolcht er sein merkwürdiges Ebenbild, in umgehender Erkenntnis, dass dies auch seinen eigenen Tod bedeutet. 3.) "Toby Dammit": Der exzentrische englische Schauspieler Toby Dammit (Terence Stamp) kommt nach Italien, um einen allegorischen Western zu drehen. Tatsäclich interessiert ihn jedoch bloß die Prämie: Ein nagelneuer Ferrari. Als Dammit volltrunken von einer Preisverleihung getorkelt kommt, wartet das schnelle Gefährt bereits auf ihn. Doch nicht nur dieses; auch der Teufel in Gestalt eines kleinen Mädchens (Marina Yaru) hat Toby bereits auf der Liste.

Nach der sich etwas zäh entblätternden ersten Episode, die vor allem wegen der exaltierten Garderobe der Fonda interessant ist, die von ihrem damaligen Galan Roger Vadim in gewohnt geschmäcklerischer Optik nebst dezenter Erotik in Szene gesetzt wird, folgt ein bereits durchaus poe-eskeres Segment, eine Art "Jekyll-/Hyde"-Paraphrase, in der der böse, triebhafte Persönlichkeitsteil der offen agierende ist und der integer-vernünftige sich jeweils nur in gewissermaßen brenzliger Szenerie zeigt. Die zwingende, zutiefst moralische conclusio: Ohne das Gute kann auch das Böse nicht existieren. Im letzten Drittel schließlich explodiert der Film unter Fellini zu einer psychedelischen, visuellen tour de force: Der von Terence Stamp marvelös interpretierte Toby Dammit sieht alles nurmehr durch die realitätsverzerrende Brille des Polytoxikomanen, permanent unter Drogen stehend und alkoholisiert. Zwar hat Dammit gelernt, dass die chique Gesellschaft ihn nicht nur längst wegen seiner bizarren Auftritte akzeptiert, sondern ihn aufgrund derselben sogar als stetes enfant terrible feiert. Den Abgründen seines Inneren jedoch kann er selbst durch multiple Räusche nicht entfliehen.
Dreimal vom Übernatürlichen gestrafte Grausamkeit und Arroganz also, ein Kerntopos bei Poe und hier ausnahmsweise einmal nicht von Corman, sondern von drei europäischen Regie-Wunderkindern aufgegriffen, was den US-Verleiher AIP allerdings nicht daran hinderte, ein paar zusätzliche voice inserts von Vincent Price nachzuflechten. Tradition hat schließlich Tradition.

8/10

Roger Vadim Federico Fellini Louis Malle Edgar Allan Poe Episodenfilm period piece Mittelalter Rache Rom Alkohol


Foto

THE COLLECTOR (William Wyler/USA 1965)


"There'd be a blooming lot more of this sort of thing, if more people had the time and the money."

The Collector (Der Fänger) ~ UK/USA 1965
Directed By: William Wyler

Mit dem großzügigen Gewinn aus einer Fußballwette plant der einsame Bankangestellte Freddie Clegg (Terence Stamp) gar Diabolisches: Er kauft ein altes Landhaus mit Kellerverlies und entführt seine alte Jugendliebe Miranda (Samantha Eggar), eine in der Hipsterszene verkehrende Kunststudentin, die nichts von ihm weiß. Wochenlang sperrt Freddie Miranda in das Verlies, mit dem Ziel, sie möge ihn besser kennenlernen und sich irgendwann in ihn verlieben. Doch die selbstbewusste junge Frau denkt gar nicht daran, sich von Freddie beugen zu lassen...

Ein junger Psychotiker, intellektuell leicht minderbemittelt und durch seine grundlegende Unfähigkeit zur Empathie zum Gewaltverbrecher werdend: Terence Stamp als Freddie Clegg, dessen größte Leidenschaft darin besteht, Schmetterlinge zu töten, auf Bretter zu nageln und seiner Sammlung einzuverleiben, steht in damals noch junger Tradition zu Anthony Perkins' Norman Bates und Karlheinz Böhms Mark Lewis, zwei nicht minder desolat-isolierte, junge Männer, schüchtern, unscheinbar, gar freundlich in ihrem Gebahren, die in ihrem Inneren jedoch die Bestie beherbergen. Nun ist Wylers Ansatz ein geflissentlich anderer: Den Schritt zum Serienmörder hat Freddie Clegg noch nicht vollzogen, seine Aktivität hat noch mehr von einem Hilferuf. Zudem wird er keiner tiefenpsychologischen Analyse unterzogen; wo Bates unter einem Mutter- und Lewis an einem Vaterkomplex zu leiden hatten, erfährt man im Falle Freddies nur Bruchstückhaftes. Am Ende jedoch erweist er sich als nicht minder pathologisch denn seine Vorbilder - Miranda hat, trotz ganz anders lautender Hoffnungsschürung, keine Chance, Freddie wieder zu entkommen. Sie kann es ihm gar nicht recht machen - bleibt sie ablehnend und spröde, wird sie weiter festgehalten und als sie schließlich trotz allen Widerstandes doch seelisch gebrochen ist, will ihr "Gastgeber" sie nicht mehr. Es folgt ein schleichender Tod aus Verzweiflung nach wochenlanger emotionaler Ber- und Talbahnfahrt. Vielleicht der schlimmstmögliche.

10/10

William Wyler Madness Kidnapping London amour fou


Foto

WARNING SIGN (Hal Barwood/USA 1985)


"I warned you, Joanie!"

Warning Sign (Warnzeichen Gen-Killer) ~ USA 1985
Directed By: Hal Barwood

Die sich nach außen hin als agrarbiologisches Forschungszentrum gebende Firma 'Biotek' entwickelt hinter verschlossenen Türen in Wahrheit einen biologischen Kampfstoff. Als dieser infolge eines dummen Zufalls zum Ausbruch kommt, reagiert die besonnene Pförtnerin Joanie Morse (Kathleen Quinlan) sofort und riegelt das Gebäude hermetisch ab. Die zunächst an ein Versehen glaubenden Mitarbeiter finden sich schon bald eines Schlimmeren belehrt: Das Virus lässt seine Opfer zunächst unter starken Schmerzen zusammenbrechen und dann als mordlustige Wahnsinnige wieder aufstehen. Joanie, die seltsamerweise selbst immun gegen den Kampfstoff ist, hat alle Hände voll zu tun sich der umherstaksenden Irren zu erwehren, derweil ihr Mann Sheriff Morse (Sam Waterston) zusammen mit dem früheren Biotek-Mitarbeiter Fairchild (Jeffrey DeMunn) einen Weg in das Gebäude findet und ihr zur Hilfe eilt.

Eine inhaltliche Mischung aus "The Crazies" und dem unmittelbar zuvor geschauten "The Andromeda Strain", erreicht das Regiedebüt des vormals als Scriptautor aktiven Hal Barwood nie die Intensität seiner Vorbilder. Dafür erweist er sich hier und da dann doch als allzu ungeschlossen betreffs seines Gesamtbildes. Barwood vermisst es schlicht, klarzumachen, wohin sein Film eigentlich will; - eine exploitative Horrorgeschichte mit entstellten Wutzombies, eine Kritik an den Regierungsmachenschaften im Kalten Krieg oder schlicht der Versuch eines Katastrophenfilms? Irgendwie wohl alles davon und nichts so recht. Dann die vielen groben dramaturgischen Schnitzer: Die angerückten Nationalgardisten finden sich nicht in der Lage, gegen eine Wagenladung protestierender Farmer zu bestehen und riskieren eine kontinentale Krise, Morse und Fairchild schlüpfen recht problemlos durch ein offenes Treibhaus in das Biotek-Gebäude - warum schlüpft das Virus nicht einfach auch dort hinaus? Fragen über Fragen, deren Antworten der Film leider schuldig bleibt. Immerhin: Unterhaltsam ist er, gut besetzt und en gros irgendwie auch lohnenswert. Man sollte lediglich eine gute Portion Gutgläubigkeit als Rüstzeug mitbringen.

7/10

Hal Barwood Virus Utah


Foto

WOULD YOU RATHER (David Guy Levy/USA 2012)


"May the game begin!"

Would You Rather (Tödliches Spiel) ~ USA 2012
Directed By: David Guy Levy

Iris (Brittany Snow) bangt um das Leben ihres schwer krebskranken keinen Bruders Raleigh (Logan Miller). Dieser benötigt dringend eine teure Knochenmarkstransplantation. Ihr Arzt Dr. Barden (Lawrence Gilliard Jr.) macht Iris eines Tages mit dem Millionär Shepard Lambrick (Jeffrey Combs) bekannt. Dieser lädt Iris zu einem Spiel in seiner Stiftung ein, dessen Hauptgewinner sich sämtliche Lebensträume erfüllen können wird - für Iris die langersehnte Chance, Raleigh zu helfen. In Lambricks Haus angekommen trifftt Iris ihre sieben Mitspieler, allesamt problembehaftete Existenzen, deren jeweilige Vergangengenheit von Alkoholismus, Spielsucht, Kriegseinsätzen und anderen Traumata geprägt ist. Bald platzt Lambrick mit der Spielidee heraus: Abwechselnd muss jeder Mitspieler sich für eine von zwei Alternativen entscheiden, die zunehmend sadistischer und abartiger werden. Quält man einen Mitspieler oder lieber sich selbst? Verstümmelt man einen anderen oder macht eine Ertränkungsprobe? Am Ende gibt es nur einen Gewinner und der heißt Lambrick.

Vulgärpsychologischer torture porn, der den richtigen Bogen nie bekommt, weil er in den entscheidenden Momenten schlichterdings nicht die Eier hat, seine zuvor suggerierte Abseitigkeit kongenial zu visualisieren. Anders als der deutlich intelligentere, letzthin geschaute "Cheap Thrills", der ein ganz ähnliches Thema wesentlich pointierter verhandelt, scheitert "Would You Rather" beinahe auf ganzer Linie. Dabei sollte doch selbst harter Tobak wie jener, von dem David Guy Levy und Scriptersinner Steffen Schlachtenhaufen (kein Witz, der heißt wirklich so) hier fabulieren, anno Gegenwart auch onscreen kein ausgemachtes Problem mehr darstellen. Da jedoch verliert "Would You Rather" den Mut, scrollt eilends zur Reaktion des Nachbarn hinüber und bleibt damit auf scheinbar sicherem Eis.
Im Ernst, natürlich ist dies nicht das Hauptproblem des Films, der gewalttätige Teenager-Phantasien, wie wir sie wohl alle irgendwann einmal so oder ähnlich im Geiste durchgespielt haben, Schmerzgrenzen und Reaktionen zu seinen Topoi kürt. Es scheint mir ganz einfach das Versäumnis ausgefeilterer Charakterisierungen, geschliffenerer Persönlichkeitszeichnungen, derer eine Geschichte wie diese ausnahmslos bedarf, um sich Bedeutsamkeit zu erkaufen. Das hier eingeführte Figureninventar jedoch rekrutiert sich aus stereotypen Hülsen, die einem strunzegal sind und deren Schicksal nicht berührt. Einen wirklich brauchbaren Akteur wie John Heard verheizt man gleich zu Anfang und nutzt zur Mitte hin eine Pseudo-Rettungsaktion zwecks redundanter Erzählzeit-Verlängerung.
Das Ende schließlich ist nur noch doof. Die deutsch vertonte Fassung gilt es ferner unbedingt zu vermeiden, denn die Qualität der Synchronisation spottet jeder Beschreibung. Nee, das war nix. Und vor allem schade um die teils wirklich tollen Promo-Artworks.

3/10

David Guy Levy Spiel Terrorfilm Madness Bruder & Schwester Krebs


Foto

THE ILLUSTRATED MAN (Jack Smight/USA 1969)


"Don't you ever call them tattoos!"

The Illustrated Man (Der Tätowierte) ~ USA 1969
Directed By: Jack Smight

Während der Depressionszeit treffen sich zwei umherreisende Wanderer an einem abgelegen See in der Wildnis: Willie (Robert Drivas), der jüngere der beiden, ist auf dem Weg nach Kaifornien, wo Arbeit auf ihn wartet, Carl (Rod Steiger), der ältere, ein Zirkusarbeiter, ist auf der Suche nach einem mysteriösen Haus, das von einer Dame (Claire Bloom) bewohnt werden soll, die ihm einst binnen einer einzigen Nacht den gesamten Körper halsabwärts tätowiert hat. Doch sind dies keine gewöhnlichen Bilder: Betrachtet man sie länger, blickt man in die Zukunft und kann sogar seinen eigenen Tod sehen. Fasziniert beschaut sich Willie drei von Carls Zeichnungen und erblickt Absonderliches, das sich dereinst in fernen Jahren zutragen soll: 1.) Ein Ehepaar (Rod Steiger, Claire Bloom), das sich Sorgen macht wegen der zunehmend vielen Zeit, die seine zwei Kinder (Tim Weldon, Christine Matchett) in virtuellen Realitäten verbringen, wird von selbigen in deren Lieblings-Spielillusion gelockt, eine originalgetreue Kopie der afrikanischen Savanne, in der hungrige Löwen umherziehen... 2.) Vier Astronauten (Rod Steiger, Robert Drivas, Don Dubbins, Jason Evers) sind auf der Venus abgestürzt, auf der es unaufhörlich wie aus Eimern regnet. Auf der Suche nach einer von mehreren dort installierten 'Sonnenkuppeln', die Licht, Trockenheit und Wärme bieten, fallen drei der Gestrandeten dem Wahnsinn anheim. 3.) Ein idyllisch lebendes Ehepaar (Rod Steiger, Claire Bloom) erfährt, dass in der folgenden Nacht die Welt aufhören soll zu existieren - eine große Gruppe von Hellsehern hatte durchweg denselben, apokalyptischen Traum. Für die Kinder, die das Schreckliche nicht miterleben sollen, bekommen alle Familienväter 'Einschläferungspillen' mit nach Haus. Am nächsten Morgen stellen die Erwachsenen fest, dass die Prophezeiung falsch war - die Kinder jedoch haben ihre Dosis erhalten... Entsetzt sieht Willie schließlich auch seinen eigenen Tod: Carl wird ihn erwürgen. Um ihm zuvor zu kommen, versucht Willie, Carl mit einem Stein zu erschlagen...

Ray Bradbury selbst hasste diesen Film dem Vernehmen nach sehr - warum allerdings, das finde ich reichlich unverständlich. Gut, wenn jemanden das Recht auf Kritik an Literaturadaptionen obliegt, dann wohl primär dem Urheber der Vorlage. Ich als deren Student jedoch mag beide(s). Während allerdings die zugrunde liegende Anthologie inklusive der Rahmenstory ganze neunzehn Geschichten teils unterschiedlichster Stimmung und Konsequenz beinhaltet, fanden davon nur vier ihren Weg in Smights Verfilmung, jene jedoch in derart liebevoll-unspektakulärer Art umgesetzt, dass ich Bradburys ablehnende Haltung noch umso verwunderlicher finde. Steiger, Bloom und Drivas führen als Leitpersonal durch fast alle Episoden, wobei insbesondere Steigers Leistung wieder einmal als exorbitant eingestuft werden muss. Die dystopischen Settings finden ihren Platz ohne großen Aufhebens; ob zukünftiger Haushalt, Planet Venus oder Sonnenkuppel - alles wirkt funktional und unmanieristisch, entgegen den meisten Pop-Visionen der Zeit. Jerry Goldsmiths wie immer fabelhafter Score verleiht dem Ganzen den letzten Schliff. Sehenswert, bitteschön.

8/10

Jack Smight Ray Bradbury Great Depression Episodenfilm Dystopie Raumfahrt Wisconsin Zukunft


Foto

ALICE, SWEET ALICE (Alfred Sole/USA 1976)


"Where are you going?" - "None of your business, fatso."

Alice, Sweet Alice (Communion - Messe des Grauens) ~ USA 1976
Directed By: Alfred Sole

Zwei Schwestern, die eine, Karen (Brooke Shields) ein braves Zuckermäuschen, Alice (Paula Sheppard), die andere, ein fieses Biest, die darunter leidet, dass die Eltern sich getrennt haben und den Frust darüber, dass die Mutter (Linda Miller) ihre Liebe ziemlich ungleich verteilt, nur allzu gern an der jüngeren Karen auslässt. Ausgerechnet am Tage ihrer Erstkommunion wird Karen dann grausamst in der Kirche erdrosselt. Und es bleibt nicht bei diesem einen Vorfall: Tante Annie (Jane Lowry) wird mit einem Fleischermesser attackiert, Alices Vater (Miles McMaster) und der dicke Vermieter Mr. Alphonso (Alphonso DeNoble) werden ermordet. Doch die anfangs verdächtigte Alice scheidet wegen wasserfester Alibis aus. Wer also verbirgt sich unter Hexenmaske und gelbem Regenparka?

Im Gefolge von Romeros "Martin" eine weitere Studie um Vorstadt-Puritanismus, Irrsinn und Bigotterie. New Jersey schaut zwar nicht ganz so neoindustriell-schäbig aus der Wäsche wie Pittsburgh, schräge Figuren wie die hysterische Tante oder der fette Alphonso mit riesigem Pissfleck in der Haushose jedoch sorgen bereits ohnedies für eine konstant wenig heimelige Stimmung in der Gegend.
Alfred Soles Erzählung allerdings fällt im Vergleich zu seinem inszenatorischen Talent bezüglich Stimmungen und Gesichtern etwas ab. Eine im Prinzip sicher gelegte Fährte im Hinblick auf die Übeltäterin erweist sich als falsch, dafür wird zum letzten Drittel urplötzlich eine ganz unerwartete Person mit recht fadenscheiniger Motivation als Mordseele aus dem Hut gezogen. Außerdem ist der Film gut zehn Minuten zu lang, was seine vielen positiv zu wertenden Facetten allzu sehr unnötig in den Hintergrund drängt. Ansonsten aber ein brauchbares Stück blutigen Thrills für den willfährigen 70er-Genre-Chronisten.

6/10

New Jersey Kirche Familie Schwestern Madness Slasher


Foto

DARK TOURIST (Suri Krishnamma/USA 2012)


"You're disgusting."

Dark Tourist ~ USA 2012
Directed By: Suri Krishnamma

Der Wachmann Jim (Michael Cudlitz) hegt ein immenses Interesse an historischen Gewaltverbrechern. Gegenwärtig gilt eine ganze Konzentration dem Serienmörder und Brandstifter Carl Marznap (Pruitt Taylor Vince), der um die Mitte des 20. Jahrhunderts in der kalifornischen Provinz aktiv war und unter anderem seine eigenen Eltern getötet hat. Während seines Urlaubs reist Jim an die authentischen Schauplätze, um Marznaps Leben und Wirken nachzuspüren. Dabei verliert Jim in sich selbst und beginnt, sich mit dem ihm erscheinenden Marznap zu identifizieren...

Hervorragendes, pointiertes Serienkiller-Psychogramm, das, dessen bin ich mir bereits nach dieser Erstbetrachtung gewiss, zu den Höhepunkten des Subgenres gezählt werden kann. Krishnamma und Script-Autor Frank John Hughes tauchen tief hinab in die Psyche des tief gestörten Jim, zeigen seine diversen Zwangsneurosen und psychischen und physischen Narben, die offenbar von schwerem Missbrauch während seiner Kindheits- und/oder Jugendjahre herrühren, wie beiläufig und wählen stattdessen vornehmlich die subjektive Ich-Perspektive für ihre Erzählung. Erst ganz zaghaft, dann mit weiterreichender Konsequenz und schließlich im Nachhinein vervollständigt sich das zuvor infolge der bewusst einseitigen Berichterstattung brüchiges Identitätsporträt Jims, der unter komplexen Störungen leidet und sich infolge dessen ein gewalttätiges Ventil suchen. Krishnamma findet für diesen Abstieg in eine zutiefst menschliche Innenhölle betörend schöne und infolge dessen bald widersprüchliche Bilder und legt nicht nur diesbezüglich einen der beachtenswertesten Filme der jüngeren Zeit vor.

8/10

Suri Krishnamma Serienmord Madness Kalifornien Paraphilie


Foto

MOONTRAP (Robert Dyke/USA 1989)


"That's what we are - spare parts."

Moontrap ~ USA 1989
Directed By: Robert Dyke

Die NASA-Astronauten Grant (Walter Koenig) und Tanner (Bruce Campbell) finden eine gewaltige, extraterrestrische Raumschiff-Ruine im All, gemeinsam mit einer mumifizierten Leiche und einem Football-ähnlichen Gebilde. Zurück auf der Erde entpuppt sich dieses im Labor als 14.000 Jahre alter Techno-Organismus, der sich prompt sämtliche Apparaturen in seiner Nähe assimiliert und als Killer-Android zum Angriff übergeht. Grant und Tanner können ihre Vorgesetzten überreden, die Spur der Aliens auf dem Mond zurückzuverfolgen. Hier finden sie eine bereits vor Ewigkeiten entführte Erdenfrau (Leigh Lombardi) im Tiefschlaf und sehen sich einer ganzen Armee der Robot-Invasoren gegenüber, die nicht nur tote, sondern auch organische Materie assimilieren und mithilfe von Grants und Tanners Mondlandefähre als letztem fehlenden Puzzlestück für ihr defektes Schiff die endgültige Übernahme der Erde planen.

Nette B-Fiction, im Gefolge stilistischer Einflüsse der Cameron-Filme "The Terminator", "Aliens" und "The Abyss" als späte Invasions-Mär entstanden. Aus seinen recht bescheidenen Produktionsmitteln holt Robert Dyke das Bestmögliche heraus, findet Zeit für ein wenig Exploitation und bringt die ansonsten eher bescheidene Dramaturgie damit brauchbar über die Runden. Walter Koenig, wohlbekannt als eher unglorioser Maschinenpultler Chekov aus "Star Trek", als 'leading man' einzusetzen, ist sicherlich nach wie vor etwas streitbar, funktioniert aber dann doch irgendwie. Für Bruce Campbell gibt es nach seinem (zu frühen) Heldentod immerhin noch ein angemessenes Requiem und die anfänglich etwas lächerlich wirkenden Elektro-Außerirdischen erweisen sich erst in ihrer "reinrassigen" Form als durch Sehnen und Muskeln verbundene Mordmaschinen zu ihrem wahren Potenzial. Der Showdown an Bord der Fremden ist sogar ziemlich toll geworden, wobei Grants Überlistung der Androiden doch etwas einfältig von Statten geht. Dennoch, als - wenngleich unbedeutendes - Genre-Relikt einen Blick wert.

6/10

Robert Dyke Raumfahrt Aliens Mond Freundschaft Invasion


Foto

YOU'RE NEXT (Adam Wingard/USA 2011)


"I wanna meet your family."

You're Next ~ USA 2013
Directed By: Adam Wingard

Die australischstämmige Erin (Sharni Vinson) freut sich, endlich die wohlhabende Familie ihres Galans Crispian (AJ Bowen), den sie als Dozenten an der Uni kennen und lieben gelernt hat, zu treffen. Doch das umfangreich aufgetragene Diner im heimischen Herrenhaus, zu dem auch Crispians Geschwister mit ihren LebensgefährtInnen geladen sind, wird jäh gestört: Eine Gruppe Meuchelmörder mit Tiermasken greift die Gesellschaft mit Machete, Axt und Armbrust an und schickt einen nach dem anderen von ihnen ins Jenseits. Womit niemand rechnet: Erin hat einst im Outback ein hartes Survival-Training durchlaufen und erweist sich in dieser Krisensituation als gnadenlose Überlebenskünstlerin.

Ein Plot, der nicht ganz von ungefähr an Agatha Christies "Ten Little Indians" erinnert und auch in seiner conclusio stark an die klassische Kriminalromancière gemahnt, verpackt in einen Wingard gemäßen, harten Terrorfilm mit deutlichen Action-Anleihen. An sich setzt "You're Next" dem bereits hinreichend ausgeschöpften Subgenre der 'home invasion'-Thriller wenig Neues hinzu und die Atmosphäre nimmt sich niemals so bedrohlich aus wie bei den in dieser Hinsicht teils sehr viel nachhaltigeren Traditionswerken. Die Tiermasken des gedungenen Killertrios sind zwar eine knorke Idee zur Publikumsverunsicherung, wenn dann jedoch einmal die unspektakulär humanen Individuen darunter offenbart wurden, verpufft rasch der letzte Hauch des Mysteriösen. Abseits davon präsentiert sich Wingards Film als von einem gesunden Sarkasmus geprägt, von immenser visueller Härte (die mich ein ums andere Mal staunen ließ, dass er ungeschnitten mit einer FSK-Freigabe davon gekommen ist) und für Gernhaber moderner Qualitätsgenreware ungezügelter Gangart geradezu verpflichtend.

8/10

Adam Wingard Home Invasion Belagerung Terrorfilm Slasher Splatter Nacht