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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE UNNAMABLE (Jean-Paul Ouellette/USA 1988)


"I think she's afraid of men."

The Unnamable (White Monster) ~ USA 1988
Directed By: Jean-Paul Ouellette

Im längst verlassenen Haus des früheren Hexenmeisters Joshua Winthrop (Delbert Spain) hinterm Campus der Miskatonic-Universität soll es umgehen. Nachdem bereits der vorwitzige Joel (Mark Parra) tödliche Bekanntschaft mit dem in einer Dachkammer hausenden Geheimnis des Gemäuers gemacht hat, laden die zwei Burschenschaftler Bruce (Eben Ham) und John (Blane Wheatley) die beiden Erstsemesterinnen Tanya (Alexandra Durell) und Wendy (Laura Albert) zur nächtlichen Erkundung des Anwesens ein. Für Wendy-Anhimmler Howard (Charles King) und den emsigen Studiosus Randolph Carter (Mark Kinsey Stephenson) hinreichend Grund, selbst mal nach dem rechten zu sehen...

Lovecraft-Adaptionen, dazu noch anschaubare, sind eine ausgesprochene Rarität im Wust des preisgünstigen Genrekinos. Anno 88 schickte sich der ansonsten eher selten in Erscheinung getretene Filmemacher Jean-Paul Ouellette somit an, unter Verwendung günstiger Mittel die solide Verfilmung einer Kurzgeschichte des umstrittenen Meisters auf Zelluloid zu bannen. Aus den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, derer es augenscheinlich höchst limitierte gab, machte er dann auch etwas Gutes: Einige deftige Effekte, ein innovatives Monster (mit gekonnter Maske), der Lovecraft-Held Randolph Carter, von Mark Kinsey Stephenson kongeniual personifiziert, sowie ein Script, das der bei aller Stromlinienform stets distinguierten Sprache des Autors absolut gerecht wird und nie Gefahr läuft, in derbes Teenager-Vokabular zu verfallen. Hier und da etwas mehr Drive und ein Verzicht auf die unumwunden vermeidbaren Logiklöcher und "The Unnamable" hätte das Zeug zum veritablen Klassiker erhalten. So reicht es immerhin noch zum Geheimtipp für Freunde blutigen Achtziger-Horrors und zu einem Markstein im nach wie vor allzu übersichtlichen Feld verfilmter Lovecraft-Pantasmagorie.

6/10

Jean-Paul Ouellette H.P. Lovecraft Monster Splatter


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LES AVALEUSES (Jess Franco/F, B 1973)


Zitat entfällt.

Les Avaleuses (Entfesselte Begierde) ~ F/B 1973
Directed By: Jess Franco

Einsam, stumm, depressiv, jahrtausendealt, dauergeil: Die Vampirin Irina Karlstein (Lina Romay) hat's nicht leicht. Auf der schönen Insel Madeira sucht sie sich ihre Opfer, denen sie sämtliche Lebenssäfte bei Fellatio und Cunnilingus aus den Genitalien saugt und sie hernach glücklich, aber tot zurücklässt. Für den Gerichtsmediziner Dr. Roberts (Jess Franco) ein klarer Fall, ebenso wie für den mysteriösen, blinden Parapsychologen Dr. Orloff (Jean-Pierre Bouyxou). Selbst die Liebe zu dem Lyriker Baron Von Rathony (Jack Taylor) vermag Irina nicht auf den rechten Weg zu führen und so ist sie am Ende froh, dass ihre Ahnen sie wieder zurück in die nebulöse Dunkelheit rufen, aus der sie einst emporstieg.

Bilder und Töne in meditativer Einheit - als solcher und nur solcher muss man "Les Avalseuses" begegnen. Der Film ist denkbar purster Franco, schundig, schäbig, imbezil, avantgardistisch und höchst poetisch, er findet wie so häufig wieder (s)eine erstaunliche Nische zwischen Konzeptkunst und unverhohlenem Trash. Francos jüngste Muse und Ehefrau Lina Romay erwies sich ja als überaus zeigefreudig und stets bereit, jede noch so schmutzige Avance ihres Gatten vor der Kamera umzusetzen, so dass sie auch dieses Machwerk zur Gänze trägt. Die Szenen derweil, in denen der Meister selbst oder der noch hölzernere Bouyxou vor der Kamera zu agieren haben, präsentieren unglaubliches Schmierentheater hinter kaum fassbarem, ominösem Dialog (für dessen Einsprechung sich in der deutschen Vertonung selbst ein Erik Schumann nicht zu schade war). Aber das ist eben, wie hinreichend erwähnt, die höchsteigene Signatur dieses zu Lebzeiten nimmermüden Kino-Dynamos (oder, wie Schifferle ihn so schön nennt, 'Cinemanen').

5/10

Vampire Portugal Madeira Insel Sucht Jess Franco Europloitation


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BLUTGLETSCHER (Marvin Kren/A 2013)


"Würden Sie die Güte besitzen und aufhören zu fressen während Sie weinen?"

Blugletscher ~ A 2013
Directed By: Marvin Kren

Ein tauender Gletscher in den Tiroler Alpen: Kurz vor der öffentlichkeitswirksamen Stippvisite einer prominenten Ministerin (Brigitte Kren) sieht sich eine in abgeschiedener Höhe arbeitende Gruppe von Klimaforschen mitsamt dem ortskundigen Janek (Gerhard Liebmann) einer bizarren Bedrohung ausgesetzt: Die Gletscherschmelze hat offensichtlich uralte Einzeller freigesetzt, die, von Insekten aufgenommen und von größeren Tieren weiterverspeist, die beteiligten DNA-Stränge durcheinanderwirbeln und für die Entstehung aggressiver Mutantenwesen sorgen. Bald sehen sich alle Beteiligten einer kleinen Monster-Armada gegenüber, mit der es fertig zu werden gilt.

Marvin Kren macht deutschsprachiges Genrekino, wie es mir gefällt. Mit einem feinen Sinn für Humor ohne je ins Alberne fortzurutschen, mit einem ausgeprägten Sinn für die "Klassiker", die ebenso kompetent zitiert wie fortgeschrieben werden. Als man "Blutgletscher" in eher hilfloser, überseeischer Kategorisierungssucht als 'österreiche Antwort auf "The Thing"' einordnete, wurde man Krens zweitem Spielfilm damit trotz augenscheinlicher Parallelen zwischen beiden Stoffen nicht sonderlich gerecht. "Blutgletscher" findet sich thematisch in der Tradition des traditionellen Monsterfilms, der vor dem sorglosem Raubbau des Menschen an ökologischen Systemen warnte; uns mitzuteilen versuchte, dass manche Geheimnisse besser verborgen, manche Kräfte besser ungenutzt, manche Verschmutzung besser ungeschehen bleiben mochten. Kren verbindet (meines Wissens erstmals) die Folgen des Klimawandels direkt mit einem Genrestück: Die Monster und Mutanten sind hierin Folgeerscheinungen eines durch die Tauvorgänge freigesetzten Mini-Organismus, der die Welt blitzschnell ins Chaos stoßen könnte, bekäme er die Chance dazu. Die Viecher, die (in glücklicherweise streng limitierter Anzahl) durch Krens Bilder fliegen, krabbeln und palavern, zeugen dabei von hübscher, nicht zu bärbeißiger Phantasie. Und das Beste: Die CGI-Effekte bleiben überschaubar!

8/10

Marvin Kren Alpen Österreich Monster Mutanten Belagerung


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WHAT WAITS BELOW (Don Sharp/UK 1985)


"This can't be human."

What Waits Below (Das Geheimnis der Phantom-Höhlen) ~ UK 1985
Directed By: Don Sharp

Der in Mittelamerika tätige Söldner Rupert 'Wolf' Wolfsen (Robert Powell) wird nach Belize gerufen, um dort eine aus Höhlenforschern und Militärs bestehende Gruppe zu unterstützen. Man will in Vorarbeit für ein globales Manöver einen Sender in einem riesigen Höhlenkomplex installieren und benötigt dafür die Sprengerfahrungen Wolfsens. Doch in den Höhlen lauert eine unbekannte Gefahr in Form von lichtscheuen, aggressiven Wesen, die offenbar bereits vor Äonen von den Sternen kamen, hier gestrandet sind und sich unter der Erde in albinöse Kreaturen mit primitiver Sozialordnung zurückverwandelt haben.

Don Sharps letzte Arbeit fürs Kino ist, man kennt das bereits durch etliche andere Beispiele, nicht der große Abgesang, der sie sie eigentlich hätte sein müssen. Der zumindest betreffs seiner Grundprämisse ein wenig an die Quatermass-Storys erinnernde Plot erweist sich als zu wenig ergiebig, um daraus einen tragfähigen B-Film machen zu können. Alles ist ein wenig seltsam - ein aus dem Stein kommendes, riesenwurmartiges Monster mit Fangzähnen markiert da noch den schicksten Einfall. Design und Gebahren der im Abspann als 'Lemurians' bezeichneten, schlohweißen Gesellen, die infolge ihres beschränkten Genpools vermutlich inzestuös derangiert sind, liebäugelt ein wenig mit dem der Morlocks aus Pals "The Time Machine", wobei die dann doch noch eine gute Portion hässlicher waren. Der Einfall, die Lemurians mittels Walgesängen kommunizieren zu lassen, entpuppt sich als Mixtur aus albern und innovativ - ich konnte mich bis dato noch nicht recht entscheiden. Den SciFi-Subplot, der den Hinweis darauf gibt, dass die albinösen Grottenolme tatsächlich Aliens sein müssen (man findet eine verrostete Raumschiff-Armatur) und dem Film damit einen überflüssigen von-Däniken-Touch mitgibt entzaubert das Ganze redundanterweise ein wenig. Mediokres Genre-Entertainment von einem einstmals zuverlässigen Handwerker, der seine großen Zeiten spürbar lang hinter sich hat.

5/10

Don Sharp Aliens Mutanten Höhle Belize Freddie Francis


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SHARK WEEK (Christopher Ray/USA 2012)


"If you mess with the bull, you get the horn."

Shark Week ~ USA 2012
Directed By: Christopher Ray

Der superreiche Drogengangster Tiburon (Patrick Bergin) holt acht Individuen, denen er durchweg eine Teilschuld am gewaltsamen Tod seines Sohnes zuschiebt, auf eine abgelegene Privatinsel vor den Florida Keys. Dort hat der ausgesprochene Hai-Fan Tiburon (der Name sagt alles) diverse Fallen aufgestellt, an deren Ende ein jeweils anderes, hungriges Exemplar der entsprechenden Gattung auf sein Opfer harrt...

Mein erster Versuch mit einem der berühmt-berüchtigten Monsterstreifen der Trash-Schmiede "Asylum" ging so sehr nach hinten los, dass man sich im Nachhinein um die just gemachte Erfahrung bedauern muss. Mit "Shark Week" wollte ich es mal probieren, weil ich die Bilder um den Hai-Polyp-Hybriden und den zweiköpfigen Monsterhai schon von vornherein stulle fand. Hier sollte es ja 'normale' Haie geben, die Menschen fressen und das zusätzlich verpackt in eine Slasher-/Manhunt-Story. Was sich da jedoch vor mir entblätterte war eine komplette Akte produktionstechnischer und inszenatorischer 'Don'ts', ein entsetzlich fehlgeleiteteter Haufen Scheiße von einem Antifilm. Es geht los mit den auf meinem persönlichen Radar jahrelang abwesenden Patrick Bergin und Yancy Butler, die die Chuzpe besitzen, jede ihrer Szenen stockbesoffen zu absolvieren. Die übrigen Darsteller verdienen diese Bezeichnung kaum. Christopher Ray, Sohnemann von Fred Olen Ray, benutzt eine dulle DTV-Kamera, die hässliche Farben macht und denkt, es sei große Kunst, mit jump cuts zu hantieren. Die CGI-Haie (es gibt keine einzige Aufnahme eines echten Exemplars) sehen beschissen aus, fauchen unter Wasser (wie Haie das ja nun mal tun) und sind auch noch enttäuschend klein. Selbst blutig ist "Shark Week" nicht, weil wohl schlichterdings kein Filmblut zur Verfügung stand. Hat man auch noch am PC animiert und sieht entsprechend aus.
Ergo ein unglaublich mieser Rotz, weder witzig - auch unfreiwillig nicht- noch blutig, weder herzig, noch ambitioniert. Ein erbämlicher, seelenloser Schnellschiss, äh, schuss, der nur einem anheim fallen sollte: dem Vergessen.

1/10

Christopher Ray The Asylum Haiangriff Slasher Trash Florida Kalifornien Manhunt


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INBRED (Alex Chandon/UK, D 2011)


"What 'bout a pint for everyone?"

Inbred ~ UK/D 2011
Directed By: Alex Chandon

Im Zuge eines Resozialisierungsprogramms nehmen die beiden Londoner Sozialpädagogen Jeff (James Doherty) und Kate (Jo Hartley) ein renitentes Quartett straf- oder auffällig gewordener Jugendlicher mit in die nordenglische Provinz: aus Dwight (Chris Waller), asozialer Junggangster, Tim (James Burrows), fehlgeleiteter Pyromane, Sam (Nadine Rose Mulkerrin), introvertierte Borderlinerin und der Einbrecher Zeb (Terry Haywood) besteht ihre handverlesene Truppe. Vor Ort machen sie rasch die unangenehme Bekanntschaft der Einheimischen, wildwüchsiger bis derangierter Typen, die einen unheimlichen Eindruck machen. Natürlich kommt es bald zu einem unangehmen Zusammenstoß, der den Großstädtern das wahre Gesicht der Landeier präsentiert: Es handelt sich bei diesen nämlich um geisteskranke, inzestuös geprägte Kannibalen, die im wahrsten Sinne des wortes keine Gefangenen machen.

Obgleich ich seinen "Cradle Of Fear" noch immer in unguter Erinnerung habe, entschloss ich mich, Chandons jüngstem Exzess "Inbred" eine Chance zu geben - nicht unbelohnt. Was auf dem seinerzeit noch im Amateurstil und auf Videomaterial gefilmten Grufti-Splatter auf eher peinliche Weise selbsträsonistisch und stupide wirkte, fällt zehn Jahre später deutlich versöhnlicher und offener aus. Nachdem die europäische Genre-Gemeinde ja bereits via "Calvaire" und "Frontière(s)" erfahren musste, dass missgestaltete, verrückte, u.U. kannibalisch geprägte Hillbillys und Bootlegger nicht nur in den Appalachen heimisch, sondern auch diesseits des Großen Teiches kontinental verankert sind, ergriff Chandon ergänzend zu der Franzkonkurrenz Partei für die Insel und führt uns ein paar besonders widerliche Beispiele für unkontollierten, hinterwäldlerischen Wildwuchs vor: Seine zwischen mehr und weniger verwachsen changierenden Freaks sind Typen übelster Sorte, denen man selbst bei schönstem Tageslicht nicht begegnen möchte. Und wie man Chandon kennt, lässt er auch in "Inbred" wieder so richtig die Sau raus - wobei einen allenthalben das Gefühl beschleicht, Chandon habe von der Widerstandsfähigkeit menschlicher Körper eine etwas seltsame Vorstellung. Wenn nämlich irgendwas passiert, dann richtig - Leiber und Köpfe platzen und explodieren, dass man sich vorkommt wie auf dem Rummel. Grand guignol eben, aber in Reinkultur. Ich hatte meinen Spaß dran, auch ohne Originalitätsbescheinigung.

6/10

Alex Chandon Splatter Backwood Teenager Kannibalismus Terrorfilm


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NIGHT LIFE (David Acomba/USA 1989)


"Just kidding."

Night Life ~ USA 1989
Directed By: David Acomba

Teenager Archie Melville (Scott Grimes) wird von seinen Mitschülern fast durchweg höhnisch belächelt: Er arbeitet nämlich im Bestattungsunternehmen seines Onkels (John Astin) und empfindet den alltäglichen Umgang mit Leichen als ganz gewöhnliches Handwerk. Allein mit der KFZ-Mechanikerin Charly (Cheryl Pollak), wie er eine Außenseiterin, verbindet ihn eine unausgesprochene Romanze. Besonders die Football-Bullys Rog (Kenneth Ian Davies) und Allen (Mark Pellegrino) setzen Archie immer wieder zu - daher ist er auch nicht sonderlich erschüttert, als die Jungs mitsamt ihren Freundinnen (Darcy DeMoss, Lisa Fuller) eines Nachts bei einem Autounfall das Zeitliche segnen. Es kommt, wie es kommen muss, das pöbelnde Quartett landet durchweg auf Archies "Werkbank" - wird jedoch durch einen blitzeinschlag wieder zum Leben erweckt und stellt Archie und Charly toterdings weiter nach...

Außer in den ersten beiden "Critters"-Filmen und eben "Night Life" war von Scott Grimes in Leinwand-Breitengraden eher wenig zu sehen, er verschwand irgendwann in den Niederungen der TV-Serials und lugte daraus nur mal kurz als Will Scarlet für Scotts "Robin Hood" wieder hervor. Schade, denn jener ebenso augenzwinkernde wie sympathische Bursche war ehedem immer für einen Lacher gut - wie "Night Life", eine schelmische Mixtur aus Zombie-Splatter und Coming-of-Age-Comedy beweist. Im Prinzip fährt Acombas Film atmosphärisch natürlich gänzlich auf der Schiene ähnlich gelagerter Produktionen des Jahrzehnts rund um 'teenagers in heat' und könnte ebensogut auch als eine kammerspielartige Variation von "Return Of The Living Dead" bezeichnet werden, mit dem er sich einige Topoi teilt. "Night Life" allerdings verzichtet auch nicht auf baren Slapstick und schwarzen Humor beinahe klassischer Façon, etwa, wenn der linkische Archie unter Zeitdruck stehend die fachgerechte Präparierung einer Leiche vorlegen soll und dies unter einigem geschmacklosem Getöse völlig vermasselt. Im Finale werden die Schrauben dann nochmals mächtig angezogen, wenn es um die endgültige Entsorgung der bereits im Leben unsympathischen Zeitgenossen geht.
Hierzulande genießt der meines Erachtens sträflich vernachlässigte "Night Life" immerhin ein minimales Popularitätsniveau als einer der letzten §-131-Streifen, wobei es sich bei ihm vermutlich wirklich um den einen Film handelt, dessen Zwangsexilierung die lächerlichste, unangebrachteste und willkürlichste bundesdeutscher Zwangszensur markiert.
Right then: Eventually free "Night Life" and get'm on some fuckin' BR.

7/10

David Acomba Teenager Zombies Leichenbestatter Splatter Kleinstadt


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MARY REILLY (Stephen Frears/USA 1996)


"I always knew you'd be the death of us."

Mary Reilly ~ USA 1996
Directed By: Stephen Frears

Im London der 1880er Jahre erhält die als Kind schwer misshandelte und somit stark traumatisierte Mary Reilly (Julia Roberts) eine Anstellung als Hausmädchen bei dem renommierten Arzt Dr. Jekyll (John Malkovich). Die ebenso liebenswerte wie linkische Art des seltsamen Medziners fasziniert Mary und alsbald entsteht ein wechselseitiges, zartes Vertrauensverhältnis, das der Rest des Gesindes, allen voran der misstrauische Poole (George Cole), eher kritisch beäugt und das auf eine zusätzlich harte Probe gestellt wird, als Jekylls neuer Assistent, ein gewisser Mr. Hyde (John Malkovich), im Hause zu verkehren beginnt...

Nachdem bereits "Dracula" und "Frankenstein" durch Coppola und Brannagh zu Beginn respektive gegen Mitte der Dekade zeitgemäß konstruierte Neuinterpretationen im Kino erfahren hatten, kam mit dem vordergründig unscheinbar betitelten "Mary Reilly" auch die klassische Mär von Dr. Jekyll und Mr. Hyde zu aufgefrischten Ehren, allerdings in einer bereits literarisch umstrukturierten Variation, die ich allerdings stets sehr mochte. Hierin wechselt die Erzählperspektive zugunsten des von der Autorin Valerie Martin eigens neu eingeführten Hausmädchens Mary Reilly, eines ebenso verhuschten wie zartfühlenden Geschöpfes, das, ebenso wie der Hausherr, höchst abseitige libidinöse Untiefen beherbergt. Anders als im altbekannten Kontext, demzufolge Jekyll seine animalische Seite zu befreien trachtet und deshalb Mr. Hyde freisetzt, deutet Martin das Bedürfnis des Doktors nach innerer Befreiung als Resultat einer schweren Depression gekoppelt mit bleierner Todessehnsucht. Hyde ist hierin also eher die Entsprechung eines selbstzerstörerischen Geistes. Auch die Titelfigur ist ein Musterexempel für freudianische Analysierorgien; offenbar hat die einstmalige Misshandlung durch ihren versoffenen Vater (James Gambon) eine leichte Note masochistischer Unterwürfigkeit bei ihr hinterlassen, die sich in einer ihr selbst unerklärlichen Schwäche für Mr. Hyde manifestiert und sie in Verbindung mit ihren rational erklärbaren Gefühlen für Dr. Jekyll zu einer vollständigen Liebenden macht. Leider findet dieses im Grunde ideale Paar nicht zusammen, denn die Geschichte endet, wie sie eben endet - jedoch deutlich romantischer als gewohnt.

8/10

Stephen Frears Jekyll und Hyde London amour fou Victorian Age Serienmord period piece Madness mad scientist


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INSIDIOUS: CHAPTER 2 (James Wan/USA, CA 2013)


"Be a good girl, Marilyn!"

Insidious: Chapter 2 ~ USA/CA 2013
Directed By: James Wan

Josh Lamberts (Patrick Wilson) Astralkörper hat im Kampf um seinen Sohn Dalton (Ty Simpkins) den Weg zurück aus der Ewigwelt nicht bewältigen können und ist von jener mysteriösen alten Frau, die ihn seit seiner Kindheit verfolgt, überrumpelt worden. Nun steckt diese in Joshs Körper. Wie jedoch die beiden Parapsychologen Specs (Leigh Wannell) und Tucker (Angus Sampson) mithilfe von Elises (Lin Shaye) altem Kollegen Carl (Steve Coulter) und Joshs Mutter (Barbara Hershey) herausfinden, handelt es sich bei dem Josh infiltrierenden Geist mitnichten um eine alte Frau, sondern um den toten Serienkiller Parker Crane (Tom Fitzpatrick), einen zu Lebenszeiten von einem mörderischen Mutterkomplex gesteuerten Frauenmörder, dessen Opfer bis heute keinen Frieden gefunden haben. Der Kampf um eine Lambert-Seele entbrennt aufs Neue, doch dismal muss der Sohn den Vater zurückeskortieren...

Returning behind the red door: James Wan war im letzten Jahr besonders fleißig und hat neben dem schönen Revival-Grusler "The Conjuring" noch dieses Sequel zu seiner drei Jahre älteren "Poltergeist"-Reminiszenz "Insidious" nachgeschoben. Sämtliche Figuren aus dem Vorgänger begegnen uns in der Fortsetzung wieder, selbst die ermordete Elise Rainier, die den Helden hilft, gegen den Geist Parker Cranes vorzugehen, und, wie der Epilog verrät, künftig noch öfter als jenseitige Parapsychologin aktiv sein wird. Erwies sich schon der Erstling als hier und da recht einfältig, kann man dies noch umso mehr von dem chronologisch unmittelbar an diesen anknüpfenden Nachfolger behaupten: Die Ewigwelt verliert an Schrecken und wird zum relativ einfach zu besuchenden Zwischenreich; der fiese, wahrhaft teuflisch gezeichnete Dämon des Originals weicht einem vergleichsweise konventionellen Serienkillergeist, der sich als verkleidete "bride in black" entpuppt - eine wirkliche, böse Alte, siehe "The Conjuring", wäre da doch um Einiges schrecklicher und erklecklicher gewesen. So bleibt eine routinierte Geistermär, wiederum mit den immergleichen Tricks zugegeben versiert Spannung erzeugend und für ein unterhaltsames déjá-vu gut, so ähnlich, wie die alljährliche Kirmes-Geisterbahn, die, wenngleich altbekannt und schon leicht muffig riechend, doch stets den gleichen, liebsamen alten Schauer erzeugt.

6/10

James Wan Sequel Geister Parapsychologie Familie Serienmord Oren Peli Mutter & Sohn Madness Spuk


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V/H/S (Adam Wingard, Ti West, David Bruckner, Glenn McQuaid, Joe Swanberg u.a./USA 2012)


"I like you."

V/H/S ~ USA 2012
Directed By: Adam Wingard/Ti West/David Bruckner/Glenn McQuaid/Joe Swanberg/Radio Silence/Matt Bettinelli-Olpin/Tyler Gillett/Justin Martinez/Chad Villella

Eine Gang delinquenter Herumtreiber, die ihre üblen Aktionen gern mit einer Videokamera aufzeichnet und später verscherbelt, erhält den Auftrag, aus einem Haus vor der Stadt ein mysteriöses Tape zu bergen. In dem Gebäude findet man nicht nur eine im Fernsehsessel sitzende Leiche vor einem Turm aus flimmernden Röhrengeräten, sondern auch zahlreiche Video-Cassetten mit höchst eigenartigen Inhalten: 1.) Drei Jungs schleppen zwei vermeintlich volltrunkene Mädels aus der Disco ab, wovon sich eine im Hotelzimmer als von einem höchst abnormen Appetit gesegnet präsentiert; 2.) Ein Hochzeitspaar ist auf der Route 66 unterwegs von Motel zu Motel, wird dabei jedoch von einer mysteriösen, dritten Person verfolgt; 3.) Wendy schleppt drei ihrer Collegefreunde an einen einsam gelegenen Waldsee, wo sie als Köder für einen offenbar übernatürlichen Killer herhalten sollen, mit dem Wendy noch eine alte Rechnung offenhat; 4.) Ein eine Fernbeziehung führendes Pärchen kommuniziert via Internetchat. Sie hört merkwürdige Geräusche in ihrer Wohnung, die auf geisterhafte Erscheinungen zurückzuführen sind und hat ein eigenartiges Ekzem am Arm; 5.) Vier Kids wollen zu einem Halloween-Happening, platzen jedoch ohne es zu wissen in eine Teufelsaustreibung, die sie dummerweise auch noch fehlinterpretieren...

Recht experimentell angelegter Found-Footage-Eisodenhorror, der das genreimmanent klassische, narrative Muster einer Omnibus-Erzählung mit loser Rahmenhandlung eigentlich recht traditionell variiert, es jedoch mit dem Stilmittel des embedded filming, also der subjektiven Kamera als zusätzlichem Protagonisten anreichert. "V/H/S" nimmt sich dabei in formaler Hinsicht prononciert wild und anarchisch aus, verzichtet gezielt auf ein konzises Gesamtbild und müht sich, sein Publikum via konzeptionell bedingter Unübersichtlichkeit zu verunsichern und zu ängstigen. Die einzelnen Geschichten, die Frame-Story inbegriffen gibt es derer insgesamt sechs, können dabei durchweg gut bestehen, versuchen natürlich, jede für sich und von einem anderen Filmemacher entwickelt, eine besondere Klimax zu erreichen, kämpfen jedoch letztlich auch mit den ganz gewöhnlichen Problemen, mit denen sich jeder Horrorfilm, der sich auf die Fahne schreibt, seine Zuschauer mittels ungewöhnlicher Methoden umzupusten, konfrontiert findet: Letztlich ist man auf klassische, um nicht zu sagen obsolete Motive angewiesen, die mittlerweile eben durch die Bank und allesamt nurmehr Vorhandenes repetieren können. Auch "V/H/S" macht da keine Ausnahme, er stellt, vor allem infolge mangelnder Konzision, perzeptionell zwar eine gewisse Herausforderung dar, die sich auf dem heimischen Fernseher sicherlich einfacher bewältigen lässt denn auf der Großleinwand, benötigt für sein erklärtes Ziel der Verstörung allerdings ein halbwegs "jungfräuliches" Publikum. Dennoch ein beachtenswerter, ambitionierter Film.

7/10

Los Angeles Adam Wingard Ti West David Bruckner Glenn McQuaid Joe Swanberg Radio Silence Matt Bettinelli-Olpin Tyler Gillett Justin Martinez Chad Villella Episodenfilm found footage embedded filming Splatter





Filmtagebuch von...

Funxton

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