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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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MOSQUITO (Gary Jones/USA 1995)


"Hey Doc, that's science fiction bullshit!"

Mosquito ~ USA 1995
Directed By: Gary Jones

Einer über einem US-Nationalpark abgeworfener außerirdischer Kapsel entsteigt ein rasch wachsendes, insektenartiges Wesen, dessen Gene sich mit denen einheimischer Moskitos vereinigen. Schon bald wird das Gelände von Schwärmen riesiger Mücken unsicher gemacht, derer sich eine unwillkürlich zusammengewürfelte Gruppe erwehren muss.

Possierlicher kleiner Trasher, der mächtig stolz darauf ist, dass Gunnar Hansen in ihm mitspielt und diesen am Ende dann auch gleich noch mit einer Kettensäge gegen die mutierten Viecher antreten lässt. Der Rest ist typischer monster mash, der seine Hauptenergie ungebremst in die visuelle Effektarbeit fließen ließ, dessen tonale F/X (Schrotflintenschüsse klingen wie Knallerbsen) mitsamt ein wenig armseligem Synthie-Geklimper, das man dreist als Score verkaufen möchte, dafür umso katastrophaler ausfallen. Da "Mosquito" allerdings noch aus einer Zeit stammt, in der zwanghafte Selbstreflexion noch nicht unabdingbarer Bestandteil eines jeden Genrefilms zu sein hatte, geht ihm glücklicherweise jedwede vorgeschobene Subtilität ab. Dies rettet Jones' Film, der sich noch weithin unbewusst naiv ausnimmt, immerhin in die Kategorie 'liebenswert inkompetenten Handwerks' mit dem Herzen am rechten Fleck.

4/10

Gary Jones Monster Tierhorror Aliens Trash Exploitation


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LAST KIND WORDS (Kevin Barker/USA 2012)


"We walk on the same paths."

Last Kind Words ~ USA 2012
Directed By: Kevin Barker

Der Teenager Eli (Spencer Daniels) zieht mit seinen Eltern auf ein Farmgelände in Kentucky, wo der Gutsbesitzer Waylon (Brad Dourif) seinem alten Jugendfreund Bud (Clay Wilcox), Elis Vater, etwas Arbeit offeriert, um über die Runden zu kommen. Im Wald jenseits des abgezäunten Grundstücks begegnet Eli der schönen, mysteriösen Amanda (Alexia Fast), in die er sich verliebt. Das sie umgebende Geheimnis kann der junge Mann bald lüften: Amanda ist ein Geist, in Wahrheit schon vor vielen Jahren erhängt an einem Baum im Wald. Sie war Waylons Schwester und auch die Jugendliebe von Elis Vater, der sie nie vergessen hat. Es gelingt Eli nach einigen schrecklichen Ereignissen, Amanda von ihrem Halbdasein als Zwischenwesen zu erlösen, doch der alte Fluch verlangt Nachschub...

Als Repräsentant dessen, was man etwas postmodernistisch gemeinhin als 'Southern Gothic' bezeichnen könnte, ist "Last Kind Words" vor allem dies: Erlesenst photographiert und von höchstem ästhetischen Reiz. Die kräftigen, sonnenlichdurchfluteten und verführerisch vitalen Farben, mit denen dp Bill Otto das Lokalkolorit einfängt, sprechen eine höchstselbst codierte Sprache, die den gesamten Rest des Films nebst seiner zerbröckelnden Ratio ganz bewusst überlagert. Die Ereignisse in dem - gemessen an der aktuell vorherrschenden Filmsprache - beinahe provozierend langsamem Film verschwimmen in teilweiser Redundanz, vielmehr zählt, nach einem sich erst spät besinnenden Prolog die höchst subjektiv gelagerte Perspektivierung. Eine dunkelromantische Coming-of-Age-Story entwickelt sich für den orientierungslosen Eli, der für die Liebe zur geisterhaften, sphärischen Amanda das Interesse an der ohnehin lähmenden Welt der Lebenden verliert: Was können die Erinnerung an einen alkoholisierten Vater, eine unglückliche Mutter, Geldnot und Schulden - die Erinnerungen an eine solch kaum erquickliche realis - auch für Reize bereit halten? Selbst seine höchst vitale Freundin Katie (Sarah Steele), die den "Absprung" schafft, vermag Eli nicht von seiner Faszination fürs Jenseitige zu heilen. Schließlich ist die Todessehnsucht allzu übermächtig. Die Verdammnis verschafft sich für ein paar Jahrzehnte ihren nächsten treuen Adlatus.

8/10

Kevin Barker Südstaaten Kentucky Wald Geist Coming of Age


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LAKE MUNGO (Joel Anderson/AU 2008)


"Who was that girl?"

Lake Mungo ~ AU 2008
Directed By: Joel Anderson

Im Rahmen einer (Pseudo-) Dokumentation werden die Umstände um Verschwinden und Tod eines sechzehnjährigen australischen Mädchens (Talia Zucker) nebst des Umgangs ihrer Familie und Freunde mit dem urplötzlichen Verlust sowie die Möglichkeit geisterhafter Erscheinungen aufgearbeitet.

Mit ihrer Namensvetterin Laura Palmer, die mich just erst so intensiv im Rahmen der Serie "Twin Peaks" und des anschließenden Spielfilm-Prequels beschäftigte, teilt sich Alice Palmer, um deren Ableben und dessen Nachhall "Lake Mungo" kreist, nicht nur den Familiennamen. Wie Laura war auch Alice im Leben eine adoleszente Schülerin, deren sexuelle Entwicklung höchst seltsame, gesellschaftlich inakzeptable Wege beschritt, die ihr Sterben durch übernatürliche Omen voraussah; die insgeheim einen (Para-)Psychologen (Steve Jodrell) konsultierte und deren mysteriöser Tod ihre Mitmenschen nachhaltig in Anspruch nimmt. Ich halte diese Parallelen keineswegs für weit hergeholt - ein merkwürdiger Zufall insofern, dass ich beide Werke in so kurzem Abstand angeschaut habe.
Auf "Lake Mungo" bin ich im Rahmen einer interessanten kleinen BFI-Liste gestoßen, in deren ergänzenden Kommentaren der Film Erwähnung findet und aus der ich noch ein paar andere Werke sehen muss. Etwa zeitgleich zu dem nicht ganz themenfernen "Paranormal Activity" entstanden, entpuppt sich "Lake Mungo" dann doch weniger als trivial gehaltene Genrekost, denn eine Demonstration möglicher manipulativer, dokumentarfilmischer Mittel. Anders als die "interviewten" Protagonisten der Geschichte, die zum Zeitpunkt ihrer Berichte mit der Gesamtentwicklung des Falls vertraut sind, folgt der Rezipient den Ereignissen in chronologischer Form: Erste geisterhafte Erscheinungen entpuppen sich als Versuch des technisch versierten Bruders Matt (Martin Sharpe), mit dem Verlust seiner älteren Schwester ins Reine zu kommen, im späteren Verlauf erfolgt dann ein Abriss von Alices paralleler "Geheimexistenz" (sie pflegte eine Dreiecksbeziehung mit dem deutlich älteren Nachbarsehepaar) bis hin zu einem dann doch unerklärlichen Ereignis im titelgebenden Nationalpark, in dem Alice im Rahmen eines Schulausflugs ihrem bevorstehenden Tod ins Auge blickt. Durch den "Zugriff" auf privates Videomaterial, Fotografien und Handy-Clips ermöglicht sich ein filmisches Mosaik, das geschickt über bloße Interview-Fragmente hinausreicht. Ob die dann doch noch zum Phantastischen hin schwenkende Conclusio ein Zugeständnis an Genrestruktur und Zuschauer-Antizipation ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Meine persönliche Einordnung des Films nimmt sich allerdings verhalten aus; ich hätte mir schlicht mehr Spuk und weniger familiäres Umherrutschen gewünscht. Den sicherlich ungeschickteren, konventionelleren "Paranormal Activity" jedenfalls fand ich deutlich packender. Bin da wohl doch eher 'used to them old guts'.

6/10

Joel Anderson Australien Geist Tod Familie Mockumentary embedded filming


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ERASERHEAD (David Lynch/USA 1977)


"Just cut them up like regular chickens."

Eraserhead ~ USA 1977
Directed By: David Lynch

Henry Spencers (Jack Nance) Leben wird zu einem desolaten Albtraum: Der als Drucker in einer von Fabriken gesäumten Industrielandschaft tätige Mann heiratet gezwungenermaßen seine neurotische Verlobte Mary (Charlotte Stewart), da sie ein Baby von ihm bekommt. Das Neugeborene hat jedoch mehr Ähnlichkeit mit einem Saurier/Strauß-Hybriden denn mit einem menschlichen Kind und krakeelt den ganzen Tag vor sich hin. Mary verlässt Henry und das Baby und zieht zurück zu ihren Eltern. Henry halluziniert eine seltsame Gesangsnummer hinter seiner Zimmerheizung herbei, ebenso, wie seine plötzliche Enthauptung, nach der sein Hirn zu Radierern verabeitet wird. Es gelüstet ihn nach seiner Nachbarin (Judith Roberts), die jedoch rasch das Interesse an ihm verliert. Schließlich tötet er das ihn nurmehr auszulachen scheinende Baby und tritt danach selbst eine Reise ins chaotische Nirgendwo an.

Was rein inhaltlich eigentlich einen Kurzfilm hätte säumen mögen, baut Lynch in seinem Langfilmdebüt, an dessen Schaffung er über fünf Jahre hinweg arbeitete, auf eine Distanz über 85 Minuten auf. Der Witz ist, dass sein im Prinzip völlig pathologisches Hirnidiom völlig aufgeht und infolge seiner unerreichten, unverwechselbaren und unikalen Ästhetik den Rezpienten sogar fest an sich zu fesseln versteht. "Eraserhead" will weniger gesehen und schon erst gar nicht begriffen, sondern schlicht "erfahren" werden. Lynch unterminiert hier bereits in vollster Radikalität den omnipräsenten Wunsch des ordinären Kinogängers nach Ratio und Struktur, nach Akten und Begrifflichkeiten, nach Halt und Säule. "Eraserhead" jedoch enthält seinem Publikum nicht nur all dies vor, sondern dreht ihm gleich dazu auch noch eine lange Nase, wenn er subjektive Geisteswelten und Traumlogik projiziert und erfahrbar macht. Obschon ihm eine stringente Narration mehr oder weniger fehlt, ist "Eraserhead" komisch und traurig, romantisch und entsetzlich, sehnsuchtsvoll und ekelhaft. Dabei, und das ist das eigentlich Tolle, ist es eben egal, wovon er berichtet (oder ob er gar überhaupt von etwas berichtet), ob von einem jungen Vater, der eine folgenschwere Psychose durchlebt, einem einsamen Kafka-Protagonisten, der zum Opfer einer bizarren Versuchsanordnung der Obrigkeit wird oder ob er einfach einen seltsamen Traum wiedergibt.
In heaven, everything is fine. Mehr muss man nicht wissen.

9/10

David Lynch Surrealismus Baby Madness


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TWIN PEAKS: FIRE WALK WITH ME (David Lynch/USA 1992)


"You always hurt the ones you love."

Twin Peaks: Fire Walk With Me (Twin Peaks - Der Film) ~ USA 1992
Directed By: David Lynch

Nachdem sein Kollege Chester Desmond (Chris Isaak) bei der Aufklärung des Mordfalls um eine Teresa Banks (Pamela Gidley) spurlos verschwindet, übernimmt Special Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) die weiteren Nachforschungen. Teresas "Bekannte" Laura Palmer (Sheryl Lee) kämpft derweil rund ein Jahr später mit der irrationalen Angst vor einem sie verfolgenden Psychopathen namens Bob (Frank Silva), der wohl auch Teresa auf dem Gewissen hatte. Als Laura feststellt, dass ihr eigener Vater (Ray Wise) von Bob besessen ist, kompensiert sie ihre kaum greifbare Todesangst nur mit noch mehr Kokain und Ausschweifungen. Doch Lauras grauenvolle Nemesis lässt sich nicht einfach wegschnupfen...

Dass ein David Lynch sich nicht so einfach das Zepter aus der Hand nehmen lässt, schon gar nicht von einem stinkordinären TV-Konsortium namens 'ABC', stellte er bereits kurz nach der Absetzung von "Twin Peaks" unter Beweis. Anstatt jedoch den Fehler zu begehen, die abrupt endende Story mit all ihren losen Fäden wieder aufzunehmen, tat Lynch einen großen Schritt zurück und erzählte von etwas wesentlich Interessanterem: den letzten Tagen im Leben der Laura Palmer nämlich, die wir nicht etwa als jene Scheinperson kennenlernen, als die sie noch anfänglich in der Serie vorgestellt wurde. Nein, Lynch geht gleich in medias res. Nachdem die etwas mysteriös anmutende Vorgeschichte um Agent Desmond und Teresa Banks Revue passiert hat, kommt Laura Palmer ins Spiel, die vor dem Schlafengehen im Kinderzimmer gern Cocktails aus Bourbon und Koks konsumiert oder in schummrigen Halbweltschuppen herumhängt, wo sie mit Gestalten wie dem eher unappetitlichen Kanadier Jacques Renault (Walter Olkewicz) oder irgendwelchen dahergelaufenen Freiern für ein Trinkgeld Körperflüssigkeiten austauscht. Dass Laura das Opfer eines zumindest latenten sexuellen Missbrauchs seitens ihres Vaters Leland Palmer (Ray Wise) ist, daran lässt ihr psychologisches Profil wenig Zweifel, ob mit oder ohne Bob im Nacken. Ihrer Freundin Donna (leider nicht mehr gespielt von Lara Flynn Boyle, sondern deren blassem Substitut Moira Kelly) gönnt sie nicht den Abstieg in Promiskuität und Dauerrausch. Soweit hinab dürfen nur ausgewiesene Borderline-Persönlichkeiten wie Laura selbst.
In "Fire Walk With Me" gibt es jedenfalls auch Brüste zu bewundern und pittoreske Einschusslöcher in Köpfen; Graphisches also, dass anno 1990 noch keine Option war im Fernsehen. Auch darin liegt eine gewisse lynchsche Vendetta und Rückmeldung:
Das Kino darf eben doch stets noch ein bisschen mehr.

8/10

David Lynch Kleinstadt FBI Dämon Serienmord Kokain Prostitution Prequel


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TWIN PEAKS (David Lynch et. al./USA 1990/91)


"When we meet again, it won't be me."

Twin Peaks ~ USA 1990/91
Directed By: David Lynch et.al.

Als in der nahe der kanadischen Grenze Kleinstadt Twin Peaks, Washington die Leiche der allseits beliebten High-School-Schülerin Laura Palmer (Sheryl Lee) gefunden wird, erdolcht und verschnürt in einem Plastiksack, ist allseitiges, bleiernes Entsetzen die ebenso erwartungsgemäße wie natürliche Folge. Nicht bei restlos jedem Einwohner allerdings und schon gar nicht bei jenen, die Laura besser als nur gut kannten. Denn hinter der blendend-makellosen Fassade der hübschen jungen Frau irrlichterten Drogenkonsum, Promiskuität und psychische Störungen. Für den rasch herbeieilenden FBI-Agenten Dale Cooper (Kyle MacLachlan), einen formvollendeten Gentleman alter Schule, beginnt mit der Untersuchung des Mordfalls eine Odyssee, die durch traum- und halbweltliche Ereignisse führt, durch Rationalität, Freundschaft, Liebe und schließlich die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit in der Person seines einst wahnsinnig gewordenen Partners Windom Earle (Kenneth Welsh).

"Twin Peaks" wurde zu Beginn der neunziger Jahre global unfassbar aggressiv gehypt und war folglich ein Musterbeispiel für das, was man hierzulande dereinst so gern als "Straßenfeger" zu bezeichnen pflegte. In der Tat eröffnete die nach der dreißigsten Folge (inklusive zweier Pilotfilme für jede der beiden Staffeln) abgesetzte Reihe weit über die bis dahin etablierten Sehgepflogenheiten des Allerweltspublikums eine völlig neue Perspektive auf die bis dato beruhigend antizipierbaren Dinge des Fernsehens. Nicht nur die brillante Form der Serie, die aus ihr, zumindest für die Dauer der ersten vierzehn Folgen, einen erzählzeitlich überdimensionierten Spielfilm machte, deren unterschiedliche RegisseurInnen ihr gleichfalls ihre individuellen Signaturen aufdrückten, sie aber dennoch wie aus "einem Guss" erscheinen ließen, war bis dahin beispiellos. Auch und insbesondere die kommerziell waghalsige Versuchsanordnung, David Lynch bei nahezu völliger kreativer Freiheit fürs seriell strukturierte Fernsehen arbeiten zu lassen, erscheint noch heute basal höchst irrational. Wer damals mit "Eraserhead" und "Blue Velvet" vertraut war, wusste vermutlich zumindest auf halbem Wege, worauf es sich einzulassen galt - die meisten weniger öffnungsbereiten Zuschauer werden nicht schlecht gestaunt haben. Mittlerweile sind Lynchs bevorzugte filmische Pfade und Topoi ebenso identifizierbar wie ausgetreten; eine Kategorisierung seiner auf den ersten Blick inhaltlich wirr erscheinenden Arbeiten unschwer zu vollziehen und, wohl auch für den Regisseur selbst, der seit acht Jahren keinen Langfilm mehr fürs Kino hergestellt hat, weithin obsolet bis uninteressant geworden. Damals jedoch bot "Twin Peaks" eine erzählerische Zäsur von höchsten Gnaden.
Willkommen in der Stadt, in der die hängenden Ampeln immer nur auf rot springen und nie auf grün, in der ein unergründlicher Wasserfall donnert und die uralten Fichten seit den Zeiten der Ureinwohner bedrohlich rauschen, in deren ruralen Randbezirken Dimensionstore lauern und in der das pure Böse allerorten willfährige Leiber und Wirte findet wie auch die Liebe selbst ihre Aspiranten. Und sogar für eine landesweite Renaissance von Kaffee und Cherry Pie taugte sie. Lynch war von Kleinstadtschnulzen wie "Peyton Place" höchst angetan, fand im Hochglanz der Fünfziger stets immense Inspiration und brachte somit in seinem Werk stets eine Vielzahl intertextueller Verweise unter. Davon kündet nicht zuletzt das casting der Serie, die, neben ihrem ohnehin atemberaubenden Ensemble, mit Altprominenz wie Richard Beymer, Russ Tamblyn, Piper Laurie oder Dan O'Herlihy prunkte und für Kleinstrollen sogar Royal Dano und Hank Worden verbuchen konnte. Selbstverständlich stieß jene antiquarische Naivität besonders deshalb auf Lynchs gesteigertes Interesse, weil ihre diametrale Kehrseite umso bösartiger hervorstach. Doch wie stets sollte man auch hier nicht den Fehler machen, naseweise Intensiv-Interpretationen vorzunehmen: Wenn Lynch seine Darsteller im roten Salon rückwärts agieren und sprechen lässt, dann tut er das vor allem deshalb, weil es eben ganz wunderhübsch befremdlich wirkt. "Twin Peaks" ist nämlich im besonderen Maße auch groteske Komödie mit manchmal liebenswert-komischen, manchmal regelrecht albern-verwachsenen Auswüchsen. Permanent werden Leute wahnsinnig, oder sind es längst schon - wobei der stark potenzierte Irrsinn sich im Regelfall auch wieder legt, nicht ganz spurlos freilich. Wie bei Ben Horne (Beymer), der zwischenzeitlich den Sezessionskrieg mit den Konföderierten als Sieger nachspielen muss, um eine persönliche Niederlage zu verwinden, oder bei Nadine Hurley (Wendy Robie), die nach einem gescheiterten Suizid-Versuch Superkräfte entwickelt und sich zwanzig Jahre jünger wähnt. Vermutlich ist auch Bob (Frank Silva), jener Dämon in Jeansjacke, bloß ein Symbol für das, was pathologische Obsession anzurichten pflegt: Ob Leland Palmer (Ray Wise - unglaublich gut) seine Tochter wirklich bloß unter dem Einfluss einer höllischen Entität vergewaltigt und ermordet hat, oder ob der Mann einfach ein perverser Sexualtäter mit gespaltener Persönlichkeit ist, bleibt letztlich der Interpretationsebene überlassen. Vermutlich ist es auch gut, dass man den stets so heldenhaft agierenden Agent Cooper, schwer schattiert von Twin Peaks und all seinen dubiosen Gestalten, mit seinem wahnsinnigen, versehrten Antlitz im Gedächtnis behält. Alles andere hätte bloß Nachhaltigkeit gekostet.

9/10

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END OF DAYS (Peter Hyams/USA 1999)


"How do you expect to defeat me when you are but a man, and I am forever?"

End Of Days ~ USA 1999
Directed By: Peter Hyams

Der Silvesterabend des Jahres 1999 naht. Ein alltäglicher Auftrag wird für den Ex-Cop und Personenschutzangestellten Jericho Cane (Arnold Schwarzenegger) zum Auftakt einer Kette unheimlicher Ereignisse. Es scheint, als habe Luzifer persönlich sich einen menschlichen Wirt (Gabriel Byrne) gesucht, um mit einer Auserwählten namens Christine York (Robin Tunney) seinen irdischen Sohn zu zeugen und damit die ganze Welt in Dunkelheit und Chaos zu stürzen. Für den seit der Ermordung seiner Familie zum Atheisten gereiften Cane eine nur schwerlich zu begreifende Angelegenheit. Dennoch findet und schützt er Christine sowohl vor den satanischen Heerscharen als auh vor einer Gruppe radikaler, vatikanischer Ordensritter, die die junge Frau ermorden wollen, bevor sie die Teufelsbrut empfangen kann. Doch gegen den Gehörnten nutzt selbst die größte Feuerkraft nichts, wie Cane feststellen muss. Hier bedarf es etwas mehr...

Dem damals grassierenden Y2K-Hype begegnete die stets spürnasige Studios Ende der Neunziger mit einer ganzen Kohorte mehr oder minder gelungener Teufels- und Dämonenfilmen, darunter "End Of Days", in dem Arnold Schwarzenegger mit viel Firepower gegen His Satanic Majesty persönlich antrat. Wie die meisten Filme von Peter Hyams genießt auch "End Of Days" keinen besonderen Leumund, wie den meisten Filmen von Hyams geschieht ihm damit Unrecht - vor allem retrospektiv betrachtet, da man ihn halbwegs losgelöst von der besagten Welle betrachten kann.
Die PR-Maschine ließ damals stolz verlauten, Schwarzenegger spiele gegen sein Image an, was auf den zweiten Blick natürlich Blödsinn ist. Er soll einen verzeifelten und infolge dessen verlotterten Ex-Polizisten geben, der Alkoholiker ist und zudem akut depressiv und selbstmordgefährdet. Das haut erwartungsgemäß nicht hin. Wenngleich Cane sich in seiner ersten Szene verkatert eine Knarre an die Stirn hält und sich danach einen Ekel-Frühstücks-Shake mixt, den nur ein Abartiger genießen kann, sieht er kurz darauf schon wieder aus wie aus dem Ei gepellt, die athletische Figur unter dem Mantel mühselig verbergend und präsentiert sich im Zuge der entbrennenden Verfolgungsjagd auf einen Attentäter fitter als ein Turnschuh. Ein Dreitagebart reicht eben nicht ganz aus zum Verkauf von Verwahrlosung. Kurzum spielt Arnold also einmal mehr seinen gewohnten Typus, diesmal vielleicht etwas problembehafteter und somit ausdifferenzierter als gewohnt. Damit arrangiert läuft dieser Hybrid aus Action und Horror ganz gut rein; inszenatorisch leistet Hyams keinerlei Schnitzer und der unter anderem von Stan Winston betreute Effektezauber sieht noch immer ordentlich aus. Das streng christlich konnotierte Ende, an dem Jericho Cane sich als moderne Christus-Inkarnation quasi für die Sünden der Welt opfert und ins Schwert stürzt, muss man gezwungenermaßen hinnehmen. Gegen Luzifer hilft eben auch der dickste Granatwerfer nichts, selbst, wenn Schwarzenegger ihn bedient. Da kann nur wahres Märtyrertum Abhilfe schaffen. Hätte man sich dieses forcierte Happy End geschenkt, "End Of Days" wäre richtig knorke geworden. So gefällt er mir immerhin noch gut.

7/10

Peter Hyams New York Y2K Silvester Satan Kirche Verschwörung Glauben Apokalypse


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THE TERROR WITHIN (Thierry Notz/USA 1989)


"It can't be! It mustn't be!"

The Terror Within (Good Night Hell) ~ USA 1989
Directed By: Thierry Notz

Nach einem schwerwiegenden Unfall in einer biochemischen Fabrik ist die Erde fast gänzlich entvölkert und die Oberfläche nahezu unbewohnbar. Von unterirdischen Labors aus betreibt der Rest der Menschheit seine Forschungen. Unter der Mojave-Wüste lebt der alte Hal (George Kennedy) zusammen mit sieben Assistenten in einem geräumigen Komplex. Kurze Ausflüge an die Oberfläche sind möglich und liefern den Wissenschaftlern wertvolle Informationen. Bei einer dieser Exkursionen sterben zwei der Männer, nachdem sie von 'Gargoyles', schrecklichen, humanoiden Mutantenmonstern, angegriffen wurden. David (Andrew Stevens) verfolgt ihre Spur und findet außer den zerrissenen Leichen eine Frau (Yvonne Saa), die er mit in den Komplex nimmt. Karen, wie sie heißt, erweist sich als hochschwanger. Das "Baby" jedoch stellt sich als die Brut eines Gargoyle heraus, tötet die Mutter bei der zwangseingeleiteten Geburt und flieht in den Komplex. Die Truppe wird einer nach dem anderen von dem rasch wachsenden Monster dezimiert und schließlich obliegt es David, das Vieh im Duell zu besiegen.

Schamloses "Alien"-Rip-Off aus der Corman-Factory, das sich im Groben lediglich durch das subterrestrische Szenario vom Orginial unterscheidet sowie die Tatsache, dass die Monstren ihre Nachkommen auf "herkömmliche" Weise, nämlich koital, in ihre menschlichen Wirte einpflanzen. Natürlich ist der 'Gargoyle' dementsprechend der größte Hingucker. Dessen humanoide Gestalt ermöglichte es, einen Schauspieler in einen Gummianzug zu stecken, dessen ungeschlacht-fleischiges Hackepeter-Äußeres allerdings flott gestaltet ist und ordentlich ausschaut. Überhaupt überkommt einen, abgesehen von der innovationsfreien Geschichte, nur selten der Eindruck, einer ausnehmenden Billigveranstaltung beizuwohnen. Sonst hat mir noch der putzige Pitbull Butch gefallen, der trotz Monsterattacke überleben darf, sowie der neuerliche Beweis für die Annahme, dass sich (der in diesem Falle vermutlich für allerhöchstens drei Drehtage engagierte) George Kennedy in den Achtzigern aber auch für gar nichts zu schade war.

5/10

Thierry Notz Roger Corman Apokalypse Monster Wüste


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STRANGE BEHAVIOR (Michael Laughlin/USA, AU, NZ 1981)


"And now, Pete: Kill your father!"

Strange Behavior (Die Experimente des Dr. S.) ~ USA/AU/NZ 1981
Directed By: Michael Laughlin

Im Kleinstädtchen Galesburg geht offenbar ein wahnsinniger Serienmörder um, der vornehmlich Teenager aus dem Leben schlitzt. Polizeichef John Brady (Michael Murphy) steht auf dem Schlauch, wenngleich ihn bald eine unheilvolle Ahnung beschleicht. Derweil begeht ausgerechnet Bradys Sohn Pete (Dan Shor) den folgenschweren Fehler, sich, dem Beispiel seines Kumpels Oliver (Marc McClure) folgend, an der der Stadt angeschlossenen Uni als freiwilliger Proband für psychologische Experimente zur Verfügung zu stellen...

Ein richtig formvollendeter, kleiner Genrebrillant, von dem ich erst kürzlich durch eine via Facebook verlinkte Liste erfuhr. Flugs die DVD ins Haus geholt und nicht enttäuscht worden: "Strange Behavior", der auch unter dem Titel "Dead Kids" firmiert, erinnert atmosphärisch durchaus an die einstigen Genreexkursionen Steven Spielbergs zwischen "Jaws" und "Poltergeist" (wobei letzterer freilich erst noch her musste) - in das gemütliche, nicht unironisch präsentierte Ambiente einer typischen US-Kleinstadt platzt das Böse hinein in Form - und da erfolgt dann die Kehre zum spaßorientierten Flügel B - ferngesteuerter, zwangskonditionierter Jugendlicher, die von einem totgeglaubten, verrückten Wissenschaftler (Arthur Dignam) als Rachewerkzeuge missbraucht werden. Vor dieser inhaltlichen Grundierung entwickelt der Film eine geradezu provokative Unaufgeregtheit und Lakonie, die selbst potenzielle Spannungssituation sich völlig relaxt ausspielen lässt. Dp Louis Horvath macht einigen, klugen Gebrauch vom Dolly, wie überhaupt sich Condons und Laughlins Ideenfundus als reichhaltig erweist.
Laughlin hat eine interessante Karriere hinter sich: Einst war er mit Leslie Caron verheiratet, machte sich vormals als Produzent einiger bedeutender Klassiker einen Namen, führte dann in den Achtzigern bei nur drei Filmen Regie, um sich dann, nach einem letzten Versuch, mit einigen New-Hollywood-Streitern anno 2001 einen Erfolg als Autor zu landen ("Town & Country"), aufs hawaiianische Altenteil zurückzuziehen. Sieht man "Strange Behavior", glaubt man diese kunterbunte Biographie unbesehen.

8/10

Michael Laughlin Bill Condon Kleinstadt College Mad Scientist Madness Drogen


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THE QUIET ONES (John Pogue/UK 2014)


"I'm sorry."

The Quiet Ones ~ UK 2014
Directed By: John Pogue

Der Kette rauchende und ehrgeizige Universitätsprofessor auf dem Fachgebiet "abseitiger Psychologie" Coupland (Jared Harris) ist der festen Überzeugung, dass psychotische Patienten, denen Besessenheit nachgesagt wird, in Wahrheit bloß über telekinetische Kräfte verfügen, vor denen sie sich selbst so sehr fürchten, dass sie eine Art Persönlichkeitsspaltung entwickeln und ein zweites Ich herbeifabulieren. So, so glaubt Coupland, ist es auch im Falle der jungen Jane Harper (Olivia Cooke), die unter zeitweiliger Amnesie leidet, mehrere Heim- und Psychiatrieaufenthalte hinter sich hat und glaubt, ein böses Mädchen namens "Evey" lebe in ihrem Körper. Zusammen mit seinen beiden Studierenden Krissi (Erin Richards) und Harry (Rory Fleck-Byrne) sowie dem für die filmische Dokumentation zuständigen Brian (Sam Claflin) wagt Coupland ein gefährliches Experiment: In einem abgelegen Landhaus will er die isolierte und schwer verstörte Jane dazu bringen, sich von ihrem vermeintlichen alter ego Evey zu lösen. Doch die Wahrheit mag er nicht akzeptieren, selbst dann nicht, als sie ihn bei der Kehle hat...

"The Quiet Ones", die mittlerweile sechste aktuelle Produktion der reaktivierten Hammer-Produktion, nimmt sich dann doch deutlich wichtiger als sie es letzten Endes ist. "The Haunting", "The Asphyx", "The Legend Of Hell House", "Poltergeist", "Prince Of Darkness" winken mit ihren modrigen Tüchlein: Wenn Genreconnaisseure eines längst gelernt haben, dann, dass die Wissenschaft dem Übernatürlichen trotz noch so geschickter Versuchsanordnungen stets haushoch unterlegen bleibt. Geister und Dämonen, insbesondere die bösen unter ihnen, lassen durch ESP und EMF-Geräte vielleicht erkennen, aber niemals einfangen, geschweige denn aus der Welt tilgen. So ist denn auch der ganze Vorlauf nebst dem Trara um mögliche Effektschwindeleien seitens des keinesfalls koscheren Professor Coupland vollkommen überflüssig. "The Quiet Ones" hält sich viel zu lang damit auf, unsere Identifikationsfigur, den ungläubigen Brian, durch seine Unsicherheitstrips zu jagen, bis er dann schließlich die dämonische Wahrheit herausfindet, aus der viel mehr hätte erstehen können. Ist einmal klar, dass sich hinter Janes Anfällen kein Mummenschanz verbirgt sondern ein tatsächlicher sumerischer Feuerdämon, der einige Jahre in den Untiefen von Janes verwirrter Psyche verborgen war, ist der Film schon fast wieder vorbei. Es fehlt ihm schlicht an Aktion und Effektezauber, die seine bloßen Verunsicherungsstrategien leider nicht aufzuwiegen vermögen. Dazu mangelt es Autorenschaft und Regie dann doch etwas zu sehr an formaler Kompetenz.

5/10

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