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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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HONEYMOON (Leigh Janiak/USA 2014)


"But you're different. You're different."

Honeymoon ~ USA 2014
Directed By: Leigh Janiak

Frisch verheiratet begeben sich Bea (Rose Leslie) und Paul (Harry Treadaway) für ihre Flitterwochen in das Cottage von Beas Eltern, das an einem idyllischen Waldsee liegt. Eines Nachts läuft Bea in den Wald und Paul findet sie dort ohne ihr Nachthemd und wie hypnotisiert. In den nächsten Tagen meint er, immer schwerwiegendere Veränderungen an ihr vorzufinden: Bea kann sich nicht an bestimmte Begebenheiten oder Wörter in ihrer gemeinsamen Vergangenheit erinnern, probt ganze Sätze vor dem Spiegel, wenn sie sich allein wähnt und vermeidet Körperlichkeiten. Ihr Nachthemd findet Paul zerrissen und mit Schleimspuren daran im Wald. Irgend etwas muss mit Bea in der betreffenden Nacht geschehen sein - und zwar nicht bloß somnambules Umhergetappse.

Die Ehe, die große Unbekannte. Man kann sich ja noch so gut kennen, aber erst der Ringtausch scheint eine Lizenz zu beinhalten, sein Inneres vor dem Anderen nach außen zu kehren und diverse Dinge fallen einem nach und nach auf, die vielleicht zuvor in dieser Form undenkbar gewesen wären. "Honeymoon" lässt sich recht umweglos als metaphorisches Konstrukt bezüglich dieser Phänmenologie lesen - das geliebte Wesen verwandelt sich mittelbar nach der Hochzeit in etwas, das man gar nicht mehr so wie vorher lieben kann, geschweige denn möchte. An Zulawskis "Possession", der ja auch eheliche Entfremdung zum Thema hat, erinnert "Honeymoon" hier und da: Auch diesmal gibt es Schleim und Monströses anstelle von besiegelter Zweisamkeit, allerdings in verhaltenerer und etwas weniger mehrdeutiger Form. Einer wirklichen conclusio enthält sich Janiaks Film, wenngleich sich recht gezielte Vermutungen anstellen lassen. Vielmehr geht es ihm um das sachte Anwachsen des Unbehagens, den höchst privaten Schrecken, der einen befällt, wenn das vertraut Geglaubte sich plötzlich als Mysterium erweist.

8/10

Leigh Janiak Ehe Wald Flitterwochen


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GRINDHOUSE (Robert Rodriguez, Quentin Tarantino/USA 2007)


"I never miss."

Grindhouse ~ USA 2007
Directed By: Robert Rodriguez/Quentin Tarantino

Aus Robert Rodriguez' und Quentin Tarantinos dereinst recht vollmundig angekündigtem "Grindhouse"-Projekt, das eine Hommage an das bereits im Titel postulierte "Kleinkunstkino" der siebziger Jahre darstellte, wurden zunächst die beiden Einzelsegmente "Planet Terror" und "Death Proof" destilliert und als eigenständige Arbeit des jeweiligen Regisseurs vermarktet. Gewinnmaximierung, ganz im Sinne jener liebevoll hofierter und karikierter Schmuddelreißer aus besseren Kinotagen. Die beiden solitär genossenen "Hauptfilme" (deren Reihenfolge innerhalb von "Grindhouse" selbst in umgekehrter Provenienz vielleicht etwas geschickter gewesen wäre, aber achronologische Durchmengung gehört ja zu Tarantinos kleinen Spezialitäten), die in ihren Einzelversionen jeweils mit einigen Szenen angereichert und gestreckt wurden, ergeben in ihrer Kompilation mitsamt all den hübschen Trailern ein deutlich passgenaueres Vergnügen. Diverse Darsteller, ja, sogar Charaktere wie der stets gern gesehene, vom zerknirschten Michael Parks gegebene Sheriff Earl McGraw, tauchen ja in beiden Filmen auf, was dem eigentlich intendierten venue sehr zuspricht. Einerseits muss man somit zwar auf Wohlgelittenes wie etwa den Lap Dance von Vanessa Ferlito verzichten, es bleibt einem jedoch auch geflissentlich störender Füllstoff erspart. Die Sinnfälligkeit des Ganzen, insbesondere die von Form und Präsentation jedenfalls erschließt sich zur Gänze erst im Double Feature, das ich den beiden Einzelbeiträgen stets vorziehen würde.

9/10

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REDD INC. (Daniel Krige/USA 2012)


"This is your fifth and last caution!"

Redd Inc. (Headhunt) ~ USA 2012
Directed By: Daniel Krige

Der verurteilte Serienmörder Thomas Reddman (Nicholas Hope), der seine fünf Opfer allesamt enthauptete, gilt als tot und begraben, als sich die Kronzeugin des Prozesses, die Internet-Stripperin Annabelle (Kelly Paterniti) nach einem Überfall in der Wohnung zusammen mit den übrigen an Reddmans Verurteilung beteiligten Personen an einem mit Arbeits-Computern ausgestattetem Tisch angekettet wiederfindet. Reddman ist mitnichten tot und fordert seine Gefangenen auf, nach Beweisen für seine Unschuld zu suchen. Wenngleich eine Geisel nach der anderen das Zeitliche segnen muss, erkennt Annabelle bald, dass ihr Peiniger zwar vollkommen verrückt, aber tatsächlich mitnichten der damals gesuchte "Headhunter" ist. Der sitzt indessen unentlarvt am gleichen Tisch wie sie...

Ein langweiliger Stinker, hässlich und blöd. Da kann die "Fangoria" noch so vielversprechend als Schirmherr auftreten und Tom Savini noch hundertmal in den Credits stolz geschwellt als S-F/X-Supervisor aufgeführt werden und ein dem Streifen ein Cameo spendieren; geadelt wird das Ding dadurch trotzdem nicht. "Redd Inc." hangelt sich lediglich von einer seiner immerhin fiesen, handgemachten und ordentlichen Gore-Sequenzen zur nächsten; hat dazwischen jedoch nurmehr katastrophale Leerläufe zu bieten und entlarvt sich damit selbst als ideenloser Käse. Das Szenario - ein gemeingefährlicher Schizo verschafft sich seine Privatrache, indem er die Denunzianten an ihm und an der Moral in einer schummrigen Lokalität bis aufs Blut drangsaliert, erscheint mir mit jedem Male, da ich es seit "Saw" gesehen habe, unorigineller und obsoleter.
Daher, liebe Nachwuchsfilmer, jene repräsentierend lieber Mr. Krige -- lasst euch endlich mal was Neues einfallen, auf dass im Genre weniger redundanter Bodensatz und wieder mehr Sehenswertes entstehe. Danke und liebe Grüße, gez. ein Fan.

2/10

Daniel Krige Splatter Groteske Serienmord


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SUBLIME (Tony Krantz/USA 2007)


"Welcome to the Outback Snakehouse."

Sublime ~ USA 2007
Directed By: Tony Krantz

Aus einer routinierten Darmspiegelung kurz nach seinem 40. Geburtstag wird für den gesetzten Ehemann und Familienvater George ein nicht enden wollender Albtraum: Schwach und am Tropf hängend liegt er in seinem Krankenhauszimmer und erhält die Nachricht, dass man an ihm versehentlich eine andere Operation durchgeführt habe, die zur Reduktion körperlicher Schweißproduktion dient. Aus seinem sich nicht bessernden Zustand heraus versucht George, die Hintergründe dieses "Kunstfehlers" zu klären. Ist er möglicherweise ein zu verschleiernder Fall und darf deswegen nicht das Krankenhaus verlassen? Wer ist sein mysteriöser Pfleger (Lawrence Hilton-Jacobs) und was passiert Furchtbares in dem offiziell stillgelegten Nebenflügel des Hospitals? Soll George möglicherweise für immer zum Scheigen gebracht werden? Realität und verzerrte Wahrnehmung verschwimmen immer mehr, bis George nur einen Ausweg sieht: Die Flucht nach vorn!

Diese DTV-Produktion des kurzlebigen Warner-Genre-Ablegers "Raw Feed" fand ich überraschend gut. Tatsächlich vermag es der Film, sein Publikum im Gefolge des unglückseligen Protagonisten George - sofern unaufgeklärt - über mindestens zwei Drittel seiner Laufzeit im Vagen zu belassen. Ich selbst etwa dachte im Vorhinein, es würde sich um einen Organhandel-Thriller mitsamt unfreiwilligem Spender handeln, wurde dann jedoch eines deutlich Positiveren belehrt. Tatsächlich ist die gleich von der ersten Erzählsekunde an betonte, inhaltliche Komposition überaus ausgeklügelt und sinnhaft, woran sich die Form hervorragend angliedert. Sicherlich schimmern auch hier mehr oder weniger eindeutige Inspirationen und Vorbilder hervor, an Finchers "The Game" erinnert man sich gelegentlich oder hier und da an Tarsems "The Fall". Ein wirklicher Genrefilm ist "Sublime", vielleicht muss man das derart konstatieren: glücklicherweise, nicht. Dafür bekleidet er klare, existenzielle und auch medizinisch-ethische Standpunkte und propagiert an seinem bitteren, aber doch erlösungsbetonten Ende eine der elemetarsten Botschaften der Menschheitsgeschichte: den möglichst ungehinderten Gebrauch des individuellen, freien Willens.

8/10

Tony Krantz DTV Krankenhaus Koma Ehe


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HEXEN GESCHÄNDET UND ZU TODE GEQUÄLT (Adrian Hoven/BRD, UK 1973)


"Die wahren Teufel sitzen in Kutschen und leben in schönen Palästen."

Hexen geschändet und zu Tode gequält ~ BRD/UK 1973
Directed By: Adrian Hoven

Im Jahre 1780 gerät die Gräfin Elisabeth Von Salmenau (Erika Blanc) an den sadistischen Hexenjäger Balthasar "Balzer" von Ross (Anton Diffring), nachdem ihr Ehemann (Adrian Hoven) versucht hat, eine von Ross' nicht minder abartig veranlagtem Schergen Natas (Reggie Nalder) durchgeführte "Wasserprobe" zu vereiteln und dabei getötet wurde. Anstatt die ihr zustehende, weltgerichtlichliche Sühne zu erhalten, stehen die Gräfin und ihr kleiner Sohn (Percy Hoven) nebst einigen ehrbaren Kirchendienern nach einer boshaft eingefädelten Intrige Ross' bald selbst vor Gericht und unter dem Verdacht, mit Satan zu paktieren.

Stets im Schatten des wesentlich populäreren Originals "Hexen bis aufs Blut gequält" stehend, fällt dieses sich wichtig auf authentische Geschehnisse berufende von Adrian Hoven inszenierte Quasi-Sequel tatsächlich nicht mehr ganz so wirkmächtig aus. Die Effektivität des Originals rührte ja gerade aus dessen ungeheuerlichem Ansatz, aus jenem finsteren Kapitel anglo-europäischer Kirchengeschichte ein bärbeißiges exploitation movie mit Anklängen an heimatfilmische Schemata herauszuhauen. Die von Folter und Qual berichtenden Bilder und vor allem deren Affizierung des Rezipienten, die ihre Ungeheuerlichkeit insbesondere durch die Darstellung der Gräuel als Ausuferungen feudalistischer Willkür erreichte, besaßen nurmehr wenig Exklusivität. Tatsächlich scheinen die in "Hexen geschändet und zu Tode gequält" geschilderten Folterungen tatsächlich eher im Sinne einer Art visuellen Sado-Tourismus' gemacht: sie sind zwar kaum minder grausam und ekelhaft als bei Armstrong (der hierfür wohl wiederum am Script mitarbeitete), wirken aber dennoch weit weniger empörend oder aufpeitschend, sondern eben wie lupenreine, zweckdienliche exploitation. So sind die beiden "Hexen"-Filme durchaus gut geeignet, um die manchmal doch sehr feine Differenz zwischen unterschiedlich motivierten von Gewaltdarstellungen zu veranschaulichen.
Immerhin ist Hovens dritte Regiearbeit, wenngleich als brauchbare Inquisitions-Kritik wenig seriös, so doch unterhaltsam und recht spaßig geraten und mit dem meisten notwendigen Ingrediezien versehen worden. Aus "Hexen bis aufs Blut gequält" begegnen uns neben diversen Dreispitzen und anderen Requisiten auch der unvergesslichen Reggie Nalder, der immer tolle Johannes Buzalski sowie freilich Hoven Senior und Junior wieder.
Ordentliches DVD-Release längst überfällig und dringend erwünscht!

6/10

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THE WOMAN IN BLACK (James Watkins/UK, CA, S 2012)


"Don't go chasing shadows, Arthur."

The Woman In Black (Die Frau in Schwarz) ~ UK/CA/S 2012
Directed By: James Watkins

Für den Londoner Angestellten Arthur Kipps (Daniel Radcliffe), verwitweter und alleinerziehender Vater eines vierjährigen Jungen (Misha Handley), wird es brenzlig: Seine depressiven Episoden haben ihn schon beinahe seine Anstellung gekostet, als er den Auftrag erhält, den Nachlass einer verstorbenen Dame, Mrs. Drablow, zu sichten, die ihr abgelegenes Haus Eel Marsh mitten im nordenglischen Marschland, in der Nähe des Dörfchens Gifford bewohnte. Mit Ausnahme des offenherzigen Squire Sam Dailey (Ciarán Hinds) begegnen ihm die Einwohner Giffords durchweg mit hohem Misstrauen. Niemand will etwas mit Eel Marsh House zu tun haben oder darüber sprechen. Der Grund dafür wird Arthur bald nur zu einleuchtend: In dem Haus hat sich dereinst Mrs. Drablows Schwester Jennet Humfrye (Liz White) das Leben genommen, nachdem man ihr zunächst ihren Sohn Nathaniel weggenommen hat und dieser dann im Marschland ertrunken ist. Ihr hinterlassener Fluch besagt nun, dass jedesmal, wenn sie als geisterhafte "Frau in Schwarz" jemandem erscheint, eines oder mehrere Kinder sterben müssen. Arthur erfährt diese Weissagung bald am eigenen Leibe, und mehr, als ihm lieb sein kann...

Nach dem im heutigen New York angesiedelten, sehr konventionellen Thriller "The Resident" bildet "The Woman In Black" die nächste Produktion der revitalisierten Hammer; ein in jeder Beziehung hinreißender, vor allem jedoch erlesen fotografierter Gruselfilm im viktorianischen Gewand; sich auf "alte" Tugenden des Genres besinnend, indem er von langen Einstellungen und gemächlichen Kamerafahrten Gebrauch macht und überhaupt sehr geschmackvoll mit seinen vortrefflichen Ingredienzien verfährt. Der auf einem - angesichts seiner in punkto Zeitkolorit blendend getroffenen Atmosphäre - noch erstaunlich jungen Roman (1983) von Susan Hill basierende gothic horror verzichtet dabei bis auf wenige, dafür umso wirkungsvoller eingesetzte Ausnahmen auf modischen Digitalkintopp. Stattdessen gedenkt man der früheren Hammer-Qualitäten: set pieces, Interieurs, Kostüme sind von ausgesuchter Noblesse und Authentizität, die Landschaftsbilder gleichen oftmals den Gemälden zeitgenössischer Romantiker und sogar Daniel Radcliffe als trauriger junger Notarsadlatus in direkter Erbfolge eines Jonathan Harker überzeugt trotz seiner schweren Zauberer-Bürde. Für alle Liebhaber von haunted house movies, besonders von jenen, die in England (oder zumindest in Neu-England) angesiedelt sind, eine unbedingte Pflichtveranstaltung!

9/10

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DER FLUCH (Ralf Huettner/AU, BRD 1988)


"Mama, wo gehen eigentlich die toten Kinder hin?"

Der Fluch ~ AU/BRD 1988
Directed By: Ralf Huettner

Ein verhängnisvoller Ausflug ins Gebirge: Zusammen mit ihren Eltern (Dominic Raacke, Barbrara May) begeht die kleine Melanie (Romina Nowack) einen zwecks Kurzwanderung geplanten Trip in die nahegelegenen Vor-Alpen. Doch mit Beginn der Ankunft im kleinen Kurort Silberhorn beginnt Melanie, sich seltsam zu verhalten: Sie verdreht Wegweiser und lässt nach dem Besuch einer einsamen Bergkapelle die Wanderkarte verschwinden. Man verläuft sich und ist zur Übernachtung in einer abgelegenen Hütte gezwungen, in deren Nähe Melanie eine halbgefrorene Mädchenleiche entdeckt. Drei weitere Mädchen wandern in der Ferne singend im Mondlicht auf dem Berg herum. Um die seltsamen Vorkommnisse zu entschlüsseln, bleibt Vater Rolf in der Gegend und unterhält sich mit dem Ortshistoriker (Gerd Lohmeyer). Dieser berichtet von vier vor rund 130 Jahren von ihren Eltern verpfändeten Mädchen, für deren "Tausch" in der Gegend Silber gefunden wurde, dass die Leute in der Gegend zwar reich, aber unglücklich zurückließ. Und heuer sieht es so aus, als forderten die Seelen jener kindlichen Opfer von einst ihren Tribut...

Ralf Huettners poetischen Horrorfilm, ein Kleinod der deutschen Kinolandschaft, habe ich zum ersten und bis dato letzten Mal bim Zuge einer gefühlte Ewigkeiten zurückliegenden TV-Ausstrahlung gesehen. Ich erinnere mich noch, dass der Film ganz normal im Abendprogramm lief und am nächsten Tag Gesprächsthema Nummer 1 in der Schule war - die ungewohnt grauselige Stimmung, die schließlich in einer kleinen Prophezeiungs-Apokalypse mündet und sich damit überaus böse auflöst, hatte uns Blagen insgeheim mehr mitgenommen als jeder hin und her getauschte Video Nasty. Ich habe mich an "Der Fluch" im Laufe der Jahrzehnte mehr oder weniger regelmäßig immer wieder erinnert und bin jetzt endlich dazu gekommen, ihn mir wieder anzuschauen. Man ist ja nun um einige rezeptorische Erfahrungen reicher, doch die Faszination, die Huettner damals bei mir ausgelöst hatte, konnte erfreulicherweise (in modifizierter Form selbstverständlich) mühelos reaktiviert werden. "Der Fluch" hält sich so weit als möglich streng an die Erlebens-Perspektive der achtjährigen Melanie, die bei einem Schulfreund zwar gewohnheitsmäßig harte Horror-Videos schaut, in deren Welt die realis um Tod und Sterben jedoch noch Begriffe von höchster Abstraktion sind. Nur selten wechselt Huettner den Blickwinkel, etwa, wenn er zu einer offenbar medial begabten, halbwahnsinnigen Frau (Ortrud Beginnen) schaltet, die mit Melanie am Abend vor ihrer Reise einen kleinen Verkehrsunfall hat und die unweigerliche Todesdetermination des Kindes erkennt, oder zum Vater, der dem Geheimnis um die gesichteten Geistermädchen nachspürt. Dass sich am Ende alles zu einem schauerlichen Gesamtbild fügt, in dem der titelgebende "Fluch", Rache, Katastrophe, Erfüllung, Schicksalhaftigkeit und auch Erlösung zu einer beunruhigend sinnstiftenden Conclusio geführt werden, vollendet diesen mit offensichtlichen und doch wirkungsvollsten Mitteln gefertigten Mini-Klassiker.
Baldige DVD-Veröffentlichung unumgänglich.

9/10

Ralf Huettner Alpen Fluch Kinder Geister Berg


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L'ORRIBILE SEGRETO DEL DR. HICHCOCK (Riccardo Freda/I 1962)


Zitat entfällt.

L'Orribile Segreto Del Dr. Hichcock ~ I 1962
Directed By: Riccardo Freda

London, in den frühen 1880er Jahren: Der renommierte Chirurg Professor Bernard Hichcock (Robert Flemyng) hat ein süchtig machendes Anästhetikum entwickelt, das er allabendlich seiner Frau Margherita (Maria Teresa Vianello) verabreicht. Nach einer Überdosis der Droge stirbt Margherita. Der frustrierte Professor reist ins Ausland und kehrt zwölf Jahre später mit seiner neuen Gattin Cynthia (Barbara Steele) nach Hichcock Manor zurück. Cynthia fühlt sich gleich in der ersten Nacht im Anwesen ihres Gatten höchst unwohl; Schreie und Stöhnen durchdringen das Gemäuer und Margheritas Gemälde hängt wie ein dräuendes Schreckgebilde im Arbeitszimmer des Professors. Die ältliche Haushälterin Martha (Harriet Medin) behauptet, das Wehklagen sei auf ihre verrückte Schwester zurückzuführen, die sie während der Abwesenheit des Professors gepflegt und nunmehr in ein Heim abgeschoben habe, doch weder hören die nächtlichen Geräusche auf, noch erweist sich eine auf dem Grunde des Hauses umherirrende Frauengestalt als blanke Einbildung. Lebt Margherita möglicherweise doch noch...?

Wie das italienische Genrekino formal weit über Inhalte triumphierte, lässt sich besonders schön anhand zweier Meisterwerke in Technicolor eruieren: Mario Bavas "Operazione Paura" und der noch vier Jahre zuvor entstandene "L'Orribile Segreto Del Dr. Hichcock" sind perfekte Beispiele für erlesene Regisseurskunst, für suggestive Atmosphäre und, ganz profan, für klassischen gothic horror. Begrenzt auf sehr eingeschränkte monetäre Mittel macht Freda das Beste aus dem ihm zur Verfügung Stehenden und sogar noch mehr: Wallende Nebel, haulende Winde und klappernde Fensterläden; eine brillante Nutzung eingeschränkter Raumkonstruktionen, exquisite Einfärbung und meisterhafte Kadrierung, rondellförmig aufgebaut um die gothic queen Barbara Steele, die hier ausnahmsweise einmal als durchweg unschuldiges Opfer auftritt. Nicht ganz perfekt geht Freda zu Werke - "Dr. Hichcock" bleibt noch immer B-Kino - wenn etwa vor einer Londoner Villa plötzlich Palmengewächse auftauchen oder einzelne narrative Wendungen sich nur unbefriedigend erläutert finden. Dass sich der Film ferner und infolge seines Titels erwartungsgemäß als große Hitchcock-Hommage begreift, raubt ihm zudem einiges an inhaltlicher Originalität. Das Kerbholz der "Einflüsse" reicht von "Rebecca" über "Suspicion" und "Under Capricorn" (also im Grunde sämtliche Hitchcock-Filme über potenziell dissoziative Ehekonstrukte) bis, in subtilerem Maße, hin zu "Vertigo" und "Psycho", in denen postmortale, obsessive Hirngespinste die Oberhand ergreifen. Wenngleich es sich damit zu arrangieren gilt, könnte die Belohnung größer kaum sein: Fredas womöglich bester Film bildet einen unverzichtbaren Markstein seiner Gattung.

9/10

Riccardo Freda Victorian Age Arzt Ehe Madness


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I WAS A TEENAGE WEREWOLF (Gene Fowler Jr./USA 1957)


"What's one life compared to such a triumph?"

I Was A Teenage Werewolf (Der Tod hat schwarze Krallen) ~ USA 1957
Directed By: Gene Fowler Jr.

Tony Rivers (Michael Landon) ist ein zu explosiven Aggressionen neigender Teenager, der jeden noch so kleinen Disput nur mittels einer Schlägerei zu lösen geneigt ist. Als sein Problem endgültig Überhand nimmt, hört er auf die Bitten von Detective Donovan (Barney Phillips) sowie die seiner Freundin Arlen (Yvonne Fedderson) und wird beim Therapeuten Dr. Brandon (Whit Bissell) vorstellig. Bei diesem handelt es sich jedoch mitnichten um einen seriösen Vertreter seiner Zunft: Brandon sucht vielmehr ein humanes Versuchsobjekt, an dem er sein selbstentwickeltes Serum testen kann, das Menschen in ihr atavistisches Ich zurückverwandelt und zu willenlosen Marionetten ihrer eigenen Triebhaftigkeit macht. Tony verwandelt sich daraufhin in einen blutrünstigen Werwolf, der in seinem animalischen Zustand auf Beutezug geht...

Allerbestes Drive-In-Kino der Spätfünfziger, ein wahres Vorzeigeexemplar seiner Gattung. Ausgerechnet der junge Michael Landon, der später als liebenswerter TV-Farmpatriarch und dann als noch liebenswerterer TV-Engel auszog, die Menschheit zu retten, gibt hier die personifizierte Destrudo. Als 2nd-Hand-Heir von Brando und Dean ist er ein rebellischer Youngster, dessen alleinerziehender Vater (Malcolm Atterbury) an seinem Filius verzweifelt, der schon mit seinen jungen Jahren polizeibekannt ist und den Eltern (John Launer, Doroth Crehan) seiner Freundin Kopfzerbrechen bereitet; einer, der gern üble Streiche spielt, dessen eigene Lunte jedoch milimeterkurz ist. Ein willkommenes Versuchskaninchen für den natürlich obligatorischen, geisteskranken Akademiker, der die Welt verändern will, indem er die Menschheit in Tiere zurückverwandelt. Eine Anbindung an den folkloristischen Werwolf-Topos, wie ihn gut zehn Jahre zuvor noch Lon Chaney Jr. im Kino inkarnierte, bleibt vage Behauptung - der lykanthrope Tony Rivers ist vielmehr ein 'misfit of science', einer, der für seine ausgelebte Monstrosität nichts kann, dennoch mit dem Leben bezahlen muss und damit eine umso tragischere Figur ist. "It's not for man to interfere in the ways of God", schließt sein vormaliger, polizeilicher Frühsprecher den ungewöhnlichen Fall und subsummiert somit gleichermaßen die Irrwege des üblichen, diabolischen Forschungsdrangs verrückter Filmwissenschaftler als auch jene einer delinquenten Rebellion "ohne Grund".

8/10

Gene Fowler Jr. Werwolf Monster Teenager mad scientist


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THE NESTING (Armand Weston/USA 1981)


"You're free to leave!"

The Nesting ~ USA 1981
Directed By: Armand Weston

Die New Yorker Autorin Lauren Cochran (Robin Groves) leidet unter einer agoraphobischen Störung, der sie entgegenwirken will, indem sie für einige Zeit in de Provinz zieht. Lauren mietet sich in ein sie gleich bei der ersten Besichtigung vereinnahmenden, achteckigen Landhaus ein, um dort ihren neuesten Roman zu schreiben. Schon bald befällt sie jedoch das Gefühl, dass es in dem dem alten Colonel LeBrun (John Carradine) gehörenden Haus umgeht: Merkwürdige Träume, Visionen und Flashbacks in vergangene Zeiten bemächtigen sich ihrer und bald gibt es höchst seltsame Todesfälle zu beklagen. Daniel (Michael David Lally), der just heimgekehrte Enkel des Colonels, betreibt Nachforschungen über die Vergangenheit des Hauses und findet bald höchst Obskures heraus...

Einer der vielen um diese Zeit entstandenen Spukhaus- und Geisterfilme, der sich betreffs der Kreierung von Atmosphäre und Mysterium relativ nahtlos in das Gros der Welle einfügt. Durch seine Liebäugeleien mit exploitativen Elementen und einige seltsame dramaturgische Kapriolen verschafft "The Nesting" sich dann aber doch ein unikales Element: Bei dem Spukhaus handelt es sich nämlich um ein ehemaliges Bordell, in dem zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs vornehmlich G.I.s auf Heimaturlaub "verkehrten" und das durch ein ungesühntes Verbrechen verflucht ist. Die damals per Auftrag von einem örtlichen Hillbilly-Trio in wildem Blutrausch erschossenen Huren (die Puffmutter wird von einer seltsam wenig gealterten Gloria Grahame gespielt) bemächtigen sich Lauren als willkürlichem Rache-Medium und geben, nachdem sie ihre Vergeltung gehabt haben, auch schon wieder Ruhe. Westons Film schließt daraufhin höchst wichtigtuerisch mit Bach, lässt einige offene Fragen kurzerhand unbeantwortet und darf sich durch sein chaotisches, selbstsicheres Auftreten sicher sein, beim Zuschauer zumindest zwei bis drei Widerhaken hinterlassen zu haben. Mission erfüllt.

6/10

Armand Weston Spuk Haus Geister Standesdünkel Rache