Zum Inhalt wechseln


In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


Foto

I WAS A TEENAGE WEREWOLF (Gene Fowler Jr./USA 1957)


"What's one life compared to such a triumph?"

I Was A Teenage Werewolf (Der Tod hat schwarze Krallen) ~ USA 1957
Directed By: Gene Fowler Jr.

Tony Rivers (Michael Landon) ist ein zu explosiven Aggressionen neigender Teenager, der jeden noch so kleinen Disput nur mittels einer Schlägerei zu lösen geneigt ist. Als sein Problem endgültig Überhand nimmt, hört er auf die Bitten von Detective Donovan (Barney Phillips) sowie die seiner Freundin Arlen (Yvonne Fedderson) und wird beim Therapeuten Dr. Brandon (Whit Bissell) vorstellig. Bei diesem handelt es sich jedoch mitnichten um einen seriösen Vertreter seiner Zunft: Brandon sucht vielmehr ein humanes Versuchsobjekt, an dem er sein selbstentwickeltes Serum testen kann, das Menschen in ihr atavistisches Ich zurückverwandelt und zu willenlosen Marionetten ihrer eigenen Triebhaftigkeit macht. Tony verwandelt sich daraufhin in einen blutrünstigen Werwolf, der in seinem animalischen Zustand auf Beutezug geht...

Allerbestes Drive-In-Kino der Spätfünfziger, ein wahres Vorzeigeexemplar seiner Gattung. Ausgerechnet der junge Michael Landon, der später als liebenswerter TV-Farmpatriarch und dann als noch liebenswerterer TV-Engel auszog, die Menschheit zu retten, gibt hier die personifizierte Destrudo. Als 2nd-Hand-Heir von Brando und Dean ist er ein rebellischer Youngster, dessen alleinerziehender Vater (Malcolm Atterbury) an seinem Filius verzweifelt, der schon mit seinen jungen Jahren polizeibekannt ist und den Eltern (John Launer, Doroth Crehan) seiner Freundin Kopfzerbrechen bereitet; einer, der gern üble Streiche spielt, dessen eigene Lunte jedoch milimeterkurz ist. Ein willkommenes Versuchskaninchen für den natürlich obligatorischen, geisteskranken Akademiker, der die Welt verändern will, indem er die Menschheit in Tiere zurückverwandelt. Eine Anbindung an den folkloristischen Werwolf-Topos, wie ihn gut zehn Jahre zuvor noch Lon Chaney Jr. im Kino inkarnierte, bleibt vage Behauptung - der lykanthrope Tony Rivers ist vielmehr ein 'misfit of science', einer, der für seine ausgelebte Monstrosität nichts kann, dennoch mit dem Leben bezahlen muss und damit eine umso tragischere Figur ist. "It's not for man to interfere in the ways of God", schließt sein vormaliger, polizeilicher Frühsprecher den ungewöhnlichen Fall und subsummiert somit gleichermaßen die Irrwege des üblichen, diabolischen Forschungsdrangs verrückter Filmwissenschaftler als auch jene einer delinquenten Rebellion "ohne Grund".

8/10

Gene Fowler Jr. Werwolf Monster Teenager mad scientist


Foto

THE NESTING (Armand Weston/USA 1981)


"You're free to leave!"

The Nesting ~ USA 1981
Directed By: Armand Weston

Die New Yorker Autorin Lauren Cochran (Robin Groves) leidet unter einer agoraphobischen Störung, der sie entgegenwirken will, indem sie für einige Zeit in de Provinz zieht. Lauren mietet sich in ein sie gleich bei der ersten Besichtigung vereinnahmenden, achteckigen Landhaus ein, um dort ihren neuesten Roman zu schreiben. Schon bald befällt sie jedoch das Gefühl, dass es in dem dem alten Colonel LeBrun (John Carradine) gehörenden Haus umgeht: Merkwürdige Träume, Visionen und Flashbacks in vergangene Zeiten bemächtigen sich ihrer und bald gibt es höchst seltsame Todesfälle zu beklagen. Daniel (Michael David Lally), der just heimgekehrte Enkel des Colonels, betreibt Nachforschungen über die Vergangenheit des Hauses und findet bald höchst Obskures heraus...

Einer der vielen um diese Zeit entstandenen Spukhaus- und Geisterfilme, der sich betreffs der Kreierung von Atmosphäre und Mysterium relativ nahtlos in das Gros der Welle einfügt. Durch seine Liebäugeleien mit exploitativen Elementen und einige seltsame dramaturgische Kapriolen verschafft "The Nesting" sich dann aber doch ein unikales Element: Bei dem Spukhaus handelt es sich nämlich um ein ehemaliges Bordell, in dem zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs vornehmlich G.I.s auf Heimaturlaub "verkehrten" und das durch ein ungesühntes Verbrechen verflucht ist. Die damals per Auftrag von einem örtlichen Hillbilly-Trio in wildem Blutrausch erschossenen Huren (die Puffmutter wird von einer seltsam wenig gealterten Gloria Grahame gespielt) bemächtigen sich Lauren als willkürlichem Rache-Medium und geben, nachdem sie ihre Vergeltung gehabt haben, auch schon wieder Ruhe. Westons Film schließt daraufhin höchst wichtigtuerisch mit Bach, lässt einige offene Fragen kurzerhand unbeantwortet und darf sich durch sein chaotisches, selbstsicheres Auftreten sicher sein, beim Zuschauer zumindest zwei bis drei Widerhaken hinterlassen zu haben. Mission erfüllt.

6/10

Armand Weston Spuk Haus Geister Standesdünkel Rache


Foto

WOLFCOP (Lowell Dean/USA 2014)


"Could you once again report what happened?" - "Yeah. It was a big fuckin' wolf."

WolfCop ~ USA 2014
Directed By: Lowell Dean

Der versoffene Kleinstadt-Cop Lou Garou (Leo Fafard) wacht eines morgens und ohne Erinnerung an die Nacht zuvor mit einem großen, eingeritzten Pentagramm auf der Brust auf. Bei Aufzug von Vollmond und Sonnenfinsternis verwandelt sich Lou schon in der nächsten Nacht um Punkt 10 p.m. in einen Werwolf. Mithilfe des durchgeknallten Waffenladenbesitzers Willie (Jonathan Cherry) hebt der im lykanthropen Zustand noch immer bei Bewusstsein befindliche daraufhin erstmal das örtliche Nest von Crystal-Meth-Rockern aus und pimpt sein Polizeiauto zum Wolfsmobil auf. Doch sein Zustand kommt nicht von ungefähr: Das Provinznest wird nämlich schon seit Jahrhunderten unerkannt von einer echsenhaften Gestaltwandler-Sippe beherrscht, die alle 32 Jahre frisches Werwolfsblut benötigt um ihren Fortbestand zu sichern...

Ein liebenswertes kleines Fun-Splatter-Flick von Fans für Fans, gut sichtbar mit durchweg handgemachten, nostalgieverhafteten Latexeffekten ausgestattet, manchmal etwas über-albern, doch in der Regel durchaus cool, lässig und gewitzt. Der kreative Kopf hinter "WolfCop", Lowell Dean, hat dabei vor allem seine Hausaufgaben betreffs adäquater Genre-Verwurzelung bravourös erledigt: Aus diversen Gattungsbeiträgen der letzten Jahrzehnte finden sich kleine und große hints, von der "Howling"-Reihe über "Teen Wolf" bis hin zu "Full Eclipse". Der bereits präventiv als Serienheld angelegte Antiheld Lou Garou (eine Texttafel am Schluss verkündet groß: "WolfCop will return in 2015") macht in seiner origin dabei eine katapultartige Entwicklung vom versoffenen Dümmling hin zum haarigen Supermann durch, der üble kriminelle und/oder paranormale Elemente wahlweise anpisst, unter Pistolenfeuer nimmt, oder gleich um teils lebenswichtige Gliedmaßen erleichtert. Eine comiceske Figur, wie geschaffen für weitere Abenteuer. Nun, solange diese weiterhin so amüsant eingestielt sind, bin ich gern dabei.

6/10

Lowell Dean Independent Splatter Groteske Werwolf Monster Hommage Trash


Foto

ALL CHEERLEADERS DIE (Lucky McKee, Chris Sivertson/USA 2013)


"Bitches go!"

All Cheerleaders Die ~ USA 2013
Directed By:: Lucky McKee/Chris Sivertson

Das hat sich die High-School-Elevin Maddie (Caitlin Stasey) anders vorgestellt: was als großangelegte Racheaktion an dem hiesigen Football-Ass Terrie (Tom Williamson) geplant war, ewtwickelt sich nämlich nunmehr zu einem veritablen Horrortrip! Maddies ursprüngliche Idee sieht vor, sich in die oberflächiche, von Maddie eigentlich höchst gering geschätzte Cheerleader-Clique der 'Bitches' einzuschleichen, um auf diese Weise Terrys Freundin Tracy (Brooke Butler) gegen ihn aufzuhetzen. Doch ehe sie es sich versieht, stirbt Maddie zusammen mit Brooke und zwei weiteren Mädels einen durch Terry forcierten Unfalltod. Nicht jedoch für lang, denn die Maddie anhimmelnde Teenagerhexe Leena (Sianoa Smit-McPhee) entwickelt das Quartett mittels magischer Juwelen wieder zum Leben. Die Zombie-Cheerleader benötigen allerdings stets frisches Blut, um ihren Verfallsprozess aufzuhalten, wovon bald auch Terry Wind bekommt. Dieser hätte die Wundersteinchen gern allesamt für sich selbst...

Nach seinem bösen Meisterwerk "The Woman" machte sich Lucky McKee zusammen mit seinem Kollegen Chris Sivertson an dieses von mir wieder als deutlich rückschrittig empfundene Remake ihres eigenen Low-Budget-Films von 2001. Aufgrund dessen schwieriger Verfügbarkeitslage kann ich mir kein kompaktes Bild dazu machen, welchen Sinn und welche künstlerische Räson jener Neuverfilmungsansatz haben mag - am naheliegendsten erscheint mir, dass McKee und Sivertson es wohl als eine Art Schuldigkeit gegenüber sich selbst erachteten, mit höherem Etat, frischem Wind und Kinoeinsatz eine Revision ihres Debüts vorlegen wollten. Bei diesem handelt es sich jedenfalls um eine nicht unbedingt originelle High-School-Splatter-Stoner-Comedy Marke "Idle Hands", die mit viel groteskem, um nicht zu sagen: bekifftem Humor angereichert ist und die typischen Themen jener Filme von der dem amerikanischen Schulsystem immanenten Cliquenhierarchisierung bis hin zur Sexualitätsfindung streift. Hinzu kommt ein nicht allzu überbordender Voyeurismus, der vor allem den knackigen Hauptdarstellerinnen frönt, ein wenig Liebäugelei mit Comic- und Superhelden-Mythen und fertig. Da die Endtitel den Zusatz "Part 1" tragen, dürften Fortsetzungen um das schlussendlich noch romantisch verwobene Paar Maddie/Leena zum festen Plan gehören. Ob diese allerdings tatsächlich sein müssen, würde ich zum jetzigen Zeitpunkt mal dahin gestellt lassen. McKee kann's in jedem Fall auch besser.

6/10

Lucky McKee Chris Sivertson Remake Zombies Schule Teenager Freundschaft Splatter


Foto

THE WOODS (Lucky McKee/USA, UK, D 2006)


"Got it, fire-crotch?"

The Woods ~ USA/UK/D 2006
Directed By: Lucky McKee

Im Frühling 1965 kommt die von ihren Eltern (Bruce Campbell, Emma Campbell) als überaus renitent wahrgenommene Heather Fasulo (Agnes Bruckner) in das abgelegene, renommierte Mädchen-Internat Falburn. Gleich nach ihrer Ankunft fühlt sich Heather dort unwohl. Ihre Mitschülerinnen sind spleenig bis aggressiv, das Kollegium inklusive der Schulleiterin Ms. Traverse (Patricia Clarkson) ein zugeknöpftes Altdamen-Kränzchen. Bald beginnt Heather, Stimmen aus den die Schule umgebenden Wäldern zu hören, sie hat merkwürdige Visionen und Mitschülerinnen verschwinden aus ihren Betten, wobei sie nurmehr einen Haufen welkes Laub hinterlassen. Falburn ist von einem mysteriösen Geheimnis umgeben und es ist an Heather, dieses zu lüften.

Young girls in serious trouble - das scheint mir - keine wirklich sensationelle Enttdeckung - Lucky McKees Leib- und Magen-Thema zu sein, wenn man die vorzügliche, in Kooperation mit Trygve Allister Diesen entstanden Ketchum-Adaption "Red" einmal außen vor lässt. Nach "May" begibt sich McKee erneut in die Untiefen juveniler, übersinnlich begabter Mädchen-Psychen auf den Spuren von "Suspiria" und besonders "Phenomena", wobei Heathers Charakter, McKee-intern betrachtet, eher am diametralen Befindlichkeits-Spektralende zu verorten wäre im Vergleich etwa zu der einsamen May. Heather Fasulo kommt eher aus der rebellischen Pubertätsecke, spielt nur zu gern buchstäblich mit dem Feuer und lässt sich von niemandem bevormunden. Dass sie in dem sie in Falburn umgebenden Erwachsenenpersonal gleich ein paar uralte Waldgeister ausfindig machen muss, die es nach jungfräulichem, spiritistisch starken Mädchenseelen gelüstet, passt als Ausgangslage für ein ungewöhnliches Duell progressiv vs. konservativ nur allzu trefflich. So ist natürlich auch "The Woods" mit seinem subtilen Humorlametta metaphorisch zu lesen, als Liebeserklärung an jedweden hinterfragenden, kritischen und unangepassten Nachwuchs im Spiegel verkrusteter Autoritätsstrukturen.

7/10

Lucky McKee Wald Internat period piece Dämonen


Foto

MAY (Lucky McKee/USA 2002)


"I like weird. I like weird a lot."

May ~ USA 2002
Directed By: Lucky McKee

May Canady (Angela Bettis) ist infolge ihrer seltsamen Mutter (Merle Kennedy) sowie durch einen Augenunfall als Kind (Chandler Riley Hecht) zeitlebens eine verschrobene Außenseiterin geblieben, deren in einem Glaskasten befindliche Puppe Lucy ihre einzige Freundin ist. Aufgrund ihrer Nähkünste arbeitet May als Tierarztgehilfin. Sie träumt davon, den Nachwuchsfilmer Adam (Jeremy Sisto), in den sie sich aus der Entfernung verliebt hat, kennenzulernen, was ihr eines Tages tatsächlich gelingt. Adam, ein beinharter Argento-Fan, liebt zwar das Ungewöhnliche, aber Mays Abseitigkeiten gehen ihm bald zu weit. Keinen echten Trost findet May fürderhin auch weder bei ihrer nymphomanen, lesbischen Arbeitskollegin Polly (Anna Faris) noch bei ihrer neuen, ehrenamtlichen Stellung als Erzieherin blinder Kinder. Bald rutscht Mays Sehnsucht nach dem perfekten Freund fürs Leben endgültig in eine pathologische Obsession ab: Sie beschließt kurzerhand, sich selbst einen zu machen...

Lucky McKee dürfte einer der interessantesten und gescheitesten Genregisseure des neuen Jahrtausends sein. Im Regelfalle sind seine leider nur spärlich vom Stapel gelassenen Filme von einem bösen, schwarzen Humor angehaucht und offerieren tiefe Einblicke in zutiefst gestörte und vor allem verstörende psychische Abgründe. Sein Langfilmdebüt "May" verleiht diesem signifikanten Ansatz gleich brachiale Fahrt und haucht ihm Leben ein: die eigentlich sehr hübsche, fragil erscheinende May leidet unter der konsequenten Bevormundung ihrer Mutter, deren diverse, falsche pädagogische Entscheidungen ihr Leben unbewusst zu einer Hölle der Einsamkeit werden lassen. So muss May als kleines Mädchen mit einer Augenklappe herumlaufen, was sie für die anderen Kinder als eine merkwürdige Piratin erscheinen lässt, der man besser aus dem Weg gehen sollte. Ihre einzige Erfüllung findet sie in der nun folgenden, von Abkapselung und Solipsismus geprägten Biographie, wahlweise in ihrer Profession als Näherin sowie im "Dialog" mit ihrer Puppenfreundin Lucy, einer eigentlich grausligen Porzellangestalt, die stets hinter einer Glasscheibe verborgen bleiben muss (so hat es May ihre Mutter einst eingeschärft). Als jener Glaskasten zerbricht, zerbricht damit gleichermaßen auch jene Schutzscheibe, die die Welt bislang vor May bewahrt hat. Diese lässt ihrem wahnhaften Bild von Perfektion damit endgültig freien Lauf und schafft sich, blutig mordend, ihr eigenes, lebensgroßes Frankenstein-Püppchen.

8/10

Lucky McKee Madness Puppe


Foto

DISCOPATHE (Renaud Gauthier/CA 2013)


"I'm gonna get this guy..."

Discopathe (Discopath) ~ CA 2013
Directed By: Renaud Gauthier

New York, 1976: Seit er als Kind (Nicolas Laliberté) den Unfalltod seines Vaters (Pierre Lenoir), eines Plattentüftlers und Hobby-DJs, mitansehen musste, ist bei Duane Lewis (Jérémie Earp-Lavergne) eine gewaltige Schraube locker. Jedesmal, wenn er Disco-Musik hört, brennt eine Sicherung bei ihm durch und er muss töten. Nachdem er in der Manhattaner Disco "Seventh Heaven" eine junge Tänzerin (Katherine Cleland) grausam ermordet hat, setzt sich Duane heimlich und unter falscher Identität nach Montreal ab, wo er vier Jahre unerkannt als vorgeblich taubstummer Hausmeister in einem Mädchen-Internat arbeitet. Als dann eines Abends im ansonsten leerstehenden Haus zwei Schülerinnen ihre neuesten Singles anhören, kommt der alte Wahnsinn zurück. Und diesmal manifestiert er sich dauerhaft...

Grundsätzlich liebenswerte, in der finalen Ausführung hier und da jedoch eher gut gemeinte denn umgesetzte Hommage an das Grindhouse-/Splatter-Kino um die Spätsiebziger/Frühachtziger. Sich deutlich an "Don't Go In The House", "Maniac" und ähnlich Kuleuriertem orientierend, verbindet der ebenfalls als Musiker umtriebige Gauthier den traditionellen Psychopathen-Topos mit zeitgenössischem Elektonik- und Disco-Sound, wobei die Titelliste sich aus einigen authentischen Hits und neuen Eigenkompositionen zusammensetzt. Hinzu kommt der Score, der sich deutlich an den damaligen Klängen von Tangerine Dream und Vangelis entlanghangelt. Ein weiterer "Hommage"-Film also, diesmal allerdings einer ohne künstlich eingefügte Staubpartikel und Klebestellen, sondern gewissermaßen schon einer für den "fortgeschrittenen" Rezipienten, der seine intertextuellen Bezüge weniger in Aufgewärmten zu suchen wünscht denn in Variation. Das ist soweit okay und sicherlich auch ehrenhaft in seiner Ursprungsintention, für jenen wirklich guten, frischen Film, der "Discopath" gern wäre, jedoch von zu vielen Unwägbarkeiten durchzogen, die Gauthiers Werk in der Summe seiner Teile lediglich durchschnittlich medioker lassen. Zudem sollte man die Ersteller der katastrophalen deutschen Synchron-Vertonung, welche es ergo unbedingt zu meiden gilt, zu mindestens vier Wochen Wasser und Brot verdonnern.

5/10

Renaud Gauthier Montreal New York Disco Musik Slasher Splatter Hommage Sleaze Madness period piece


Foto

LE MOINE (Adonis Kyrou/F, I, BRD 1972)


"In nomine Patris et Filii, et Spiritus Sancti."

Le Moine (Der Mönch und die Frauen) ~ F/I/BRD 1972
Directed By: Adonis Kyrou

Vater Ambrosio (Franco Nero) gilt als besonders eherner, geschulter und aufrechter Kirchenvertreter, dessen Messen ihre Zuhörer regelmäßig in höchste Verzückung versetzen. So gottesfürchtig er sich gibt, so unerbittlich ist er in der Einhaltung kirchlicher Richtlinien: Die unfällig schwangere, ihn um Hilfe ersuchende Nonne Agnes (Elisabeth Wiener) aus dem Nachbarkonvent lässt Ambrosio rigoros bestrafen. Derweil gibt sich der junge Novize Rosario (Nathalie Delon) als Frau namens Matilda zu erkennen, die sich nach Ambrosio verzehrt und daher seine Nähe sucht. Eine unheilige Affäre beginnt, an der Ambrosio bald wieder das Interesse verliert, als er die minderjährige Antonia (Eliana De Santis) kennenlernt. Er will das Mädchen um jeden Preis besitzen und nimmt dafür sogar die schwarzen Künste, in denen Matilda bewandert ist, als Hilfsmittel. Doch sein folgender Annäherungsversuch endet mit Mord und Flucht. Ambrosio verliert jedwedes Zutrauen seiner vormaligen Gefolgsleute und findet letzte Zuflucht bei dem völlig dekadenten Duke von Talamur (Nicol Williamson), der Ambrosio bei der Inquisition denunziert. Deren Ankündigung, Ambrosio für seine Sünden büßen zu lassen, schlagen fehl: Seine mittlerweile geknüpften Verbindungen zur Unterwelt sorgen dafür, dass Ambrosio heilig gesprochen wird.

Nachdem Luis Buñuels Interesse an einer Filmadaption von Matthew Lewis' klassischem schauerromantischen Roman infolge mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten abgeebbt war, bediente sich sein Freund und Kollege Adonis Kyrou Buñuels Scripts und machte daraus eine eigene Filmversion. Diese liebäugelt mit der damals verbreiteten Nunsploitation-Welle und dem sonstigen via historische Stoffe kommuniziertem Camp jener Kinojahre, schafft jedoch zugleich etwas Unikales. Die ersten zwei Drittel von "Le Moine" bewegen sich, allerdings unter Auslassung zahlreicher Nebenfiguren und Handlungsstränge, relativ dicht am Romankern - ein sich unbefleckt gottesfürchtig wähnender Kirchenmann scheitert an der sich ihm offenbarenden Versuchung, gibt sein Zölibat auf und verfällt darüber hinaus noch sehr viel fürchterlicheren Sündenpfuhlen. Die stark ironisch konnotierte Figur des Duke von Talamur hingegen, die im weiteren Verlauf als komplette Negierung jedweder moralischer Werte eine zunehmend gewichtige Rolle einnimmt, wird hinzugedichtet. Talamur adoptiert -freiwillig und unfreiwillig - kleine Mädchen aus der Umgebung und lässt sie für sich arbeiten, derweil er sich manchmal auch eines von ihnen als Ragout zum Abendessen servieren lässt. Bei diesem Satan in Menschengestalt haust nicht nur Matilda als regelmäßiger Gast - auch für den tief gefallenen Ambrosio bewahrt er ein Plätzchen, da hier eine Art Seelenverwandter gefunden scheint. Doch währt diese junge Freundschaft auch nicht weiter als die Fangarme der Inquisition reichen, wobei deren weltlicher Machtumfang mittlerweile nicht mehr zu Ambrosios unvorstellbarer Fallhöhe hinabreichen. Da erreicht "Le Moine" dann seinen satirischen Höhepunkt: Der einst der Verdammnis zusprechende Sünder tritt als moderner Papst auf den Petersplatz hinaus und begrüßt seine ihm zujubelnden Schäfchen.
Im Roman gestaltet sich das Ende noch um Einiges versöhnlicher und konventioneller: In inquisitorischer Haft verscherbelt der angsterfüllte Ambrosio seine Seele endgültig dem Satan und muss dann in langer Qual, den Körper zerschmettert, sein Leben einsam in einer Schlucht aushauchen, derweil zwei durch die Ereignisse gezeichnete, junge Paare in den Ehehafen einfahren dürfen. Buñuels streitbare Conclusio gefällt mir da sogar wesentlich besser.

8/10

Adonis Kyrou Luis Buñuel Matthew Lewis Inquisition period piece Madness


Foto

THE BEAST WITH FIVE FINGERS (Robert Florey/USA 1946)


"Your mental balance is equal to mine, but don't consider that a tribute to your sanity."

The Beast With Five Fingers (Die Bestie mit den fünf Fingern) ~ USA 1946
Directed By: Robert Florey

Der in einem norditalienischen Städtchen wohnhafte, alternde Starpianist Francis Ingram (Victor Francen) kann seit einem Schlaganfall nurmehr die linke Hand bewegen. Dies tut seinem impressiven Reichtum jedoch keinen Abbruch. Um sich herum hat Ingram ein exklusives kleines Klübchen versammelt: Seine von ihm heißgeliebte Pflegerin Julie (Andrea King), den charmanten Trickbetrüger Conrad Ryler (Robert Alda), der Ingram spezielle Stücke für einhändiges Spiel schreibt, den zwielichtigen Notar Duprex (David Hoffman) und schließlich den Privatsekretär Hilary Cummins (Peter Lorre), einen überaus exzentrischen Zeitgenossen. Als Ingram eines Nachts die Treppe seines Hauses herabstürzt und stirbt, stellt sich die Frage nach seiner beträchtlichen Erbschaft. Diese gedenkt das kurz zuvor abgefasste Testament der überraschten Julie zu, doch die eilends herbeigereisten Vater (Charles Dingle) und Sohn Arlington (John Alvin), Vettern Ingrams, sind da ganz anderer Ansicht. Bald schon gibt es im Haus den ersten Toten. Und alles deutet darauf hin, dass Ingrams Hand sich selbstständig gemacht hat und nun auf Rachefeldzug geht...

Ein gepflegt aus der Rolle fallender, kleiner Genrefilm des vielbeschäftigten B-Filmers Robert Florey. Dieser hatte mit dem ebenfalls mit Peter Lorre besetzten "The Face Behind The Mask" wohl bereits sein mutmaßliches Meisterwerk abgeliefert, doch auch "The Beast With Five Fingers" hält sich recht stabil. Weder handelt es sich bei diesem um ein eindeutiges Werk der Gattung Horror, noch mag man ihn vollends dem Krimi-Genre zurechnen. Schmunzelnder Humor begleitet "The Beast" über weite Strecken wie ein alter Freund und löst seine ansonsten betont gotische Atmosphäre ein wenig ab. Kern und Herstück des Films ist erwartungsgemäß der irre mit den großen Augen rollende Lorre, dem man in seiner Rolle als eher nebenbei tätiger Sekretär und hauptsächlicher Astronom in einer Melange aus Sypathie und Befremdung zugetan ist. Zwar wird von Anfang an kein Hehl daraus gemacht, dass Hilary Cummins nicht mehr alle Nadeln an der Fichte hat, doch welch Irrsinn sich wirklich hinter seiner zuweilen kraus gezogenen Stirn verbirgt, dessen wird man erst zum Ende hin gewahr, nachdem man bereits bereit war, mit ihm an das Übernatürliche zu glauben. Hierin liegt dann auch ein außergewöhnlicher Kniff Floreys: Er macht die (im Übrigen sehr gut getricksten) Wahnvorstellungen Cummins' ohne weitere Erläuterungen zu objektiven Zuschauereindrücken, eine für die damalige Zeit noch recht unerhörte Praxis. Am Ende darf J. Carrol Naish, der zuvor alös emsiger Commissario zu ermitteln hatte, noch einen lustigen Finalgag aufbereiten. Damit fällt dann auch das letzte bisschen präservierter Grusel von dem Film ab. Schadet ihm trotzdem nichts.

8/10

Robert Florey Curt Siodmak Italien Kleinstadt Hand Madness period piece


Foto

OCULUS (Mike Flanagan/USA 2013)


"Hello again! You must be hungry."

Oculus ~ USA 2013
Directed By: Mike Flanagan

Schreckliche Ereignisse von vor elf Jahren brachten Tim Russell (Brenton Thwaites/Garrett Ryan) einst in die geschlossene Psychiatrie: Damals waren seine Eltern (Rory Cochrane, Katy Sackhoff) nach dem Umzug in ein Landhaus sukzessive wahnsinnig geworden; Tims Vater hatte seine Mutter getötet und er selbst musste, um sich und seine ältere Schwester Kaylie (Karen Gillan/Annalise Basso) zu retten, seinerseits den Vater erschießen. Nunmehr therapiert und entlassen, glaubt Tim an einen rational erklärbaren Hergang dieser Ereignisse. Nicht so jedoch Kaylie: Diese erinnert Tim an ihren alten Pakt, den antiquarischen Spiegel, der tatsächlich für all das Böse, das damals passierte, verantwortlich war, zu zerstören. Tim mag zunächst nicht an Kaylies Annahme glauben und verdrängt die Tatsache, dass die lange Geschichte des Spiegels von Blut und zahlreichen Selbstmordopfern getränkt ist. Doch die folgende Nacht in ihrem mittlerweile leerstehenden Elternhaus in Anwesenheit des Spiegels belehrt in eines Schlimmeren...

Der Spiegel als ein Leitmotiv phantastischer Literatur besitzt eine lange Tradition. Immer wieder wurde sein Status als Dimensionstor, als Zugang zu Parallelwelten, als Versteck für dämonische Kräfte, als Orakel oder als in irgendeiner Form besessenes Objekt prononciert - uralte abergläubische Annahmen, "Schneewittchen", Lewis Carrolls "Alice"-Fortsetzung "Through The Looking-Glass", Henry S. Whiteheads Kurzgeschichte "The Trap", Vampire, die sich nicht im Spiegel sehen können, im jüngeren Genrefilm "Amityville: A New Generation" oder "Candyman" - die Faszination des Spiegels als Mysterium bleibt gefüttert.
"Oculus" nun bemüht in dieser Zeit inflationärer Horrorproduktionen, die garantiert keine klassische Saite der Gruselklaviatur auslassen, auch jenen alten Reflektionstopos wieder. Hierin ist der Spiegel eine Art Lebensenergie aufsaugendes Monster, der sich an allem Organischen nährt, was sich in seinem Einflussradius findet: Pflanzen, Haustiere und Menschen. Diesen entzieht er zunächst den Verstand, um sie dann zu willenlosen Objekten zu machen, die sich dann, veranlasst durch subjektiv empfundene Scheinrealitäten, gegenseitig umbringen. Dabei vermag er es, sich selbst stets zu retten, denn niemand, der es sich auch noch so sehr vornimmt, ist in der Lage, den Spiegel zu zerstören. Insofern ist Kaylies noch so ausgeklügelter Plan, das böse Stück Zierrat zu überwältigen, natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt. Der Spiegel spielt mit den Geschwistern, gaukelt ihnen Trugbilder vor, lässt sie schlimme Dinge begehen und sorgt schließlich dafür, dass der arme "Timbo", wie seine Familie ihn zu Lebzeiten neckisch zu nennen pflegte, wieder dort landet, wo er just geheilt herkam: in der Gummizelle.
Die inszenatorische Finesse Flanagans liegt darin, Zeitebenen nahtlos zu überlappen und mittels exzellenter Montage zu demonstrieren, dass der böse Spiegel seine Übermacht allein dergestalt genüsslich ausspielt, indem er die Geschwister wieder in dieselben Fallen tappen lässt wie bereits elf Jahre zuvor. Spätestens in den letzten Minuten wird klar, dass das Monster unbesiegbar, ihm mit noch so viel Equipment und Willenskraft nicht beizukommen ist. Der Spiegel ist allmächtig. Der sich hier und da dann doch allzu sehr auf Gewohnheitsmäßiges und Vorgefertigtes verlassende Film nicht ganz, aber grundsätzlich anschauenswert wäre er wohl.

7/10

Mike Flanagan Bruder & Schwester Spiegel





Filmtagebuch von...

Funxton

    Avanti, Popolo

  • Supermoderator
  • PIPPIPPIPPIPPIPPIPPIPPIPPIP
  • 8.237 Beiträge

Neuste Kommentare