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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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BUTCHER BOYS (Duane Graves, Justin Meeks/USA 2012)


"Excuse me, Ma'am."

Butcher Boys ~ USA 2012
Directed By: Duane Graves/Justin Meeks

Auf einer Tour durch das nächtliche San Antonio gerät die verwöhnte Sissy (Ali Faulkner) nach ihrer Geburtstagsparty und infolge eines Rennens gegen ein paar andere Kids in die Fänge einer Straßengang, der 'Boneboys', der sämtliche Freunde Sissys und übrige Beteiligte unversehens und ratzeputz zum Opfer fallen. Obschon die Boneboys sich äußerlich nicht von der "Konkurrenz" unterscheiden, haben sie doch eine signifikante Eigenart: Sie essen ihre Opfer auf. Damit nicht genug, verbirgt sich, wie Sissy als einzige Überlebende bald feststellen muss, hinter der äußerlichen Unscheinbarkeit des Gang-Hauptquartiers im Industrieviertel der Stadt ein wahres Höllenkabinett, denn hier wird ganz besonderes Fleisch für ganz besondere 'gourmands' produziert...

Die einmal herbeigerufenen, kannibalischen Texaner lassen den armen Kim Henkel offenbar nicht los - mit "Butcher Boys" oder "Bone Boys", wie der alternative Titel dieses fiesen, kleinen Films lautet, legt der Autor von "The Texas Chain Saw Massacre" ein weiteres, inoffizielles Remake des von ihm mitkreierten Originals vor, unter etwas anderer Determination zwar, mit milder Sozialkritik versehen und unter stetiger Berufung auf ein satirisches Essay Jonathan Swifts, atmosphärisch und im Hinblick auf seinen ganz natürlichen Wahnsinn jedoch eine echte "TCM"-Vollblut-Variation und sicherlich wesentlich verwandter mit dem mentalen Grundstock des ursprünglichen Franchise denn all seine übrigen Sequels und Neuverfilmungen. Tatsächlich haben Henkel und seine beiden Regisseure Graves und Meeks das eigentlich Unerwartbare bewältigt: Ein zeitgemäßes, gekonntes Reboot zu schaffen, das den bösen Humor der Geschichte präserviert und sich im Gegensatz zu den letzten nominellen "TCM"-Filmen, keiner Publikumsschicht anbiedert - mit Ausnahme von Liebhabern des 74er-Originals vielleicht, die neben dem Genuss eines ruppigen Genrestücks die Möglichkeit erhalten, viele Reminiszenzen in personeller und formaler Gestalt auszumachen. Irgendwie geil auch, dass der Film auf der imdb so mies abschneidet, weist dies doch ganz wunderbar nach, wie speziell und ungemütlich er ist.

7/10

Duane Graves Justin Meeks Texas San Antonio Kannibalismus Terrorfilm Nacht Kim Henkel


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GOJIRA (Ishirô Honda/J 1954)


Zitat entfällt.

Gojira (Godzilla) ~ J 1954
Directed By: Ishirô Honda

Ein aus der Jura-Periode stammender, seit Jahrmillionen im Pazifik schlafender Urzeitdrache wird durch Atombombentests aufgeweckt und macht sich Richtung Japan auf. Die Ureinwohner nennen ihn nach einer alten Sage 'Godzilla'. Nachdem das Monster die Fischer-Insel Oto dem Erdboden gleich gemacht hat, bewegt es sich weiter Richtung Tokio, wo es im Zuge zweier Attacken nicht nur große Teile der Stadt niedertrampelt, sondern sich auch noch als Feuer zu spucken imstande entpuppt. Sämtliche Waffen vom MG über schwere Haubitzen bis hin zu Luftraketen stellen sich im Kampf gegen den Godzilla als wirkungslos heraus.Für die junge Emiko (Momoko Kôchi), die zwischen den beiden Galanen Serizawa (Akihiko Hirata) und Ogata (Akira Takarada) steht, gibt es somit nur eine Lösung: Sie muss, obschon sie anderes gelobt hat, Serizawas Geheimnis preisgeben. Dieser hat nämlich eine alles vernichtende Wunderwaffe, den 'Oxygen-Zerstörer', entwickelt, der, unter Wasser gezündet, sämtlichem organischen Leben die Grundlage entzieht und es binnen Sekunden skelettiert. Wenngleich Serizawa dieses Vernichtungswerkzeug nie einsetzen wollte, tut er es zum Wohle Japans dann doch - mit Erfolg: Der Godzilla und auch der sich opfernde Serizawa lösen sich in Wohlgefallen auf.

Dieser allererste "Gojira" hat, das weiß man, mit seinen nachfolgenden Inkarnationen wenig bis gar nichts zu tun. Was später zu einer - mir persönlich nicht besonders zusagenden - Zirkusnummer für Kinder und/oder Junggebliebene verkommen wird, ist in Hondas Erstbericht noch bierernster Monsterstoff. Als Warnung gegen den Missbrauch und generellen Einsatz von Atomwaffen begreift sich der Film, als Mahnmal gegen begangenes und noch folgendes Unrecht gegen Mensch, Gesellschaft und Natur. Godzilla ist noch kein knuffiges Gummimonster, das den Menschen je nach Laune auch mal den Tag rettet, sondern ein todbringender Höllenbotschafter, der, wo er geht und steht, Trümmer, Asche und bare Verzweiflung hinterlässt, stets von einer finsteren Aura umgeben scheint und aus dessen immer nur kurz zu erheischenden Augen handfester Wahnsinn zu sprechen scheint. Auch die 'intimen' Folgen seiner Attacken zeigt Honda - eine Mutter mit Kindern, die nicht rechtzeitig evakuiert werden konnte und zum Opfer der Bestie wird, verwaiste Kinder im Notkrankenhaus, ein mutiges Nachrichtenteam, das bis zur letzten Sekunde dokumentiert. Das Alles hat wenig von filmischem Katastrophentourismus und entspinnt sich, zumal im Verbund mit den eher trist gezeichneten Hauptfiguren um die zunehmend verzweifelte Emiko, als dräuendes Drama.

8/10

Ishirô Honda Monster Japan Tokio Godzilla Kaiju


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THE MANGLER (Tobe Hooper/USA 1995)


"I think... we may be fucked."

The Mangler ~ USA 1995
Directed By: Tobe Hooper

Der verkrüppelte Bill Gartley (Robert Englund) betreibt die "Blue Ribbon"-Wäscherei, deren Arbeitszentrum und ganzer Stolz eine riesige, noch aus Industrialisierungszeiten stammende Heißmangel-Maschine ist, eine 'Hadley-Watson-6'. Als eines Tages eine ältere Wäscherin (Vera Blacker) in die Mangel gerät und völlig zerstückelt wird, glaubt der verwitwete Polizist John Hunton (Ted Levine) zunächst an einen gewöhnlichen Arbeitsunfall. Doch sein Schwager Mark (Daniel Matmor), der sich für Okkultes allerlei Art interessiert, ist anderer Ansicht und dies zu Recht: Binnen weniger Stunden häufen sich die Unfälle rund um die Hadley-Watson und es wird deutlich, dass der eiserne Koloss von einer dämonischen Macht besessen ist, auf der der ganze monetäre Erfolg Gartleys beruht - und nicht nur seiner...

Diabolus ex machina: Bis in die Gegenwart genießt "The Mangler" ein Nischendasein. Die imdb-Durchschnittswertung liegt bei momentan unglaublichen 3,8 und es existieren bis dato lediglich unbefriedigende DVD-Editionen des Films, dessen angebliches 'Misslingen' viel zu Tobe Hoopers kontinuierlich nachlassendem Leumund beigetragen haben dürfte. Der tatsächlich zumeist unbequeme Regisseur nahm sich mit "The Mangler" sechzehn Jahre nach der TV-Arbeit "Salem's Lot" zum zweiten Mal eines Stoffes von Stephen King an, und dies - um, hoho, direkt zu meiner persönlichen Qualitätseinstufung vorzupreschen - um keinen Deut nachlassender. Besessene Maschinen sind, zumal in einem vordringlich satirischen Kontext gehalten, keine Seltenheit im Genrekino; man denke an "The Demon Seed", "Iron Thunder" oder "The Refrigerator". Doch der allegorische "The Mangler" geht noch einen Schritt weiter: Die (nebenbei überwältigend designte) Heißmangel des wie üblich exzellent maskierten Robert Englund ist ein Albtraum-Relikt der Industriellen Revolution und verlangt als solches nach wie vor seinen regelmäßigen Blutzoll. Wer der illuminatenähnlichen Geheimloge um die Maschine angehören will, muss seine jungfräuliche Tochter sowie einen Ringfinger opfern und ist anhand dieses Mals unverkennbar. Sämtliche Kleinstadtgrößen vom Sheriff bis zum Chefarzt gehören zu jenem Zirkel, dessen Seelenmarkt Reichtum und Macht verheißt. So läuft es bereits seit 150 Jahren und wird, wie das schöne Ende zeigt, trotz emsiger exorzistischer Exerzitien, auch die nächsten 150 so bleiben.

7/10

Tobe Hooper Stephen King Kleinstadt Splatter Monster Dämon Satire Exorzismus


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STRIDULUM (Giulio Paradiso/I, USA 1979)


"I couldn't kill a child, could I?"

Stridulum (Die Außerirdischen) ~ I/USA 1979
Directed By: Giulio Paradiso

Nachdem der superböse, interplanetarische Renegat Satin bereits vor Generationen unerkannt einige Erdenfrauen geschwängert hat, auf dass deren Nachkommen einst die Welt unterjochen mögen, wird sein alter Gegner und Verfolger Jerzy Colsowicz (John Huston) auf die kleine Katy Collins (Paige Conner) aufmerksam. Hinter diesem kleinen, blonden Engelchen verbirgt sich nämlich ein waschechtes Wechselbalg, das seine komplette Umwelt, allen voran seine verzweifelte Mutter Barbara (Joanne Nail), zu manipulieren versteht. Unter anderem wird, nachdem Katy die Querschnittslähmung der armen Mama verursacht hat, Detective Durham (Glenn Ford) auf das Mädchen aufmerksam, der jedoch nicht nur ein paar frechen Sprüchen Katys, sondern bald auch einem grauenvollen Unfalltod anheim fällt. Erst als Jerzy sich zu erkennen gibt, zeigt das Kind dann seine wahre Natur.

Einer der verrücktesten, wenn nicht der verrückteste Film, den ich in diesem Filmjahr erstmals bewundern durfte, ist Giulio Paradisos "Stridulum", nach dessen Genuss ich mich frage, warum er keinen viel weitflächigeren Bekanntheits- und Bewunderungsgrad genießt. Abgesehen davon, dass härtere Goreeffekte weitestgehend fehlen, bietet er nämlich alles auf, was großes Italo-Plagiatskino ausmacht: Da wäre zunächst die unfassbare Besetzungsliste anzuführen: Neben den erwähnten Huston und Ford geben sich Mel Ferrer, Shelley Winters, Lance Henriksen, Franco Nero und - unfassbar - Sam Peckinpah die Ehre teils sporadischer Auftritte, immerhin aber haben sie alle sich für den Film zur Verfügung gestellt. Produziert wurde der Schmarren von Ovidio G. Assonitis, der ja gern vor Ort in den Staaten arbeitete, zwei seiner Hauptdarsteller (Huston, Winters) gleich aus dem zuvor inszenierten "Tentacoli" mitbrachte (was durchaus auf reziproke Sympathien schließen lässt) und der mutmaßlich wohl hier und da auch mal auf dem Regiestuhl Platz nahm. Der Film schwelgt in erlesen Bildern Atlantas, der renommierte, bis heute aktive dp Ennio Guarnieri, der auch mit Lina Wertmüller, Zeffirelli und Fellini zusammengearbeitet hat, beweist ein großartiges Auge für Räume, Architekturen und weite Flächen. Die teils etwas (vor-)laute Musik stammt von Franco Micalizzi. Was nun all diese untadeligen Talente veranlasst haben mag, für ein solch krudes, offenbar mindestens im Halbwahn zusammengeleimtes Stück mit ganzem Elan einzustehen, das soll wohl zu den ganz großen Rätseln des Kino-Orkus gehören. Keine Frage, es macht viel, viel Spaß, "Stridulum" beim fortschreitenden Geistesverfall zuzusehen; es gibt Manches zu bestaunen, viel zu lachen und sogar zu bewundern. Grob gefasst setzt der Inhalt sich zusammen aus Versatzstücken und Elementen aus "Village Of The Damned", "The Bad Seed", "The Exorcist", "The Omen" und sicherlich noh einer Menge, die ich nicht gleich erkannt habe. Der somit erwartungsgemäß komplett zerfahrene Plot, der mit einem Prolog um Franco Nero als goldgelocktem Messias, der glatzköpfigen Alienkindern eine völlig hanebüchene Geschichte auftischt und sich mit fortlaufend stringenter Dramaturgie immer weiter verdeht, bildet ein zum gesamten Rest in krassem Gegensatz stehendes, eklektisches Zentrum.
Alles in allem ein Muss für jeden Italo-Heuler-Komplettisten, das ich mir gern noch oft anschauen werde und dessen deutsche (Münchener) Synchro großartig geworden ist: "Na schön, was hast du mir bis jetzt denn noch nicht erzählt, Katy?" - "Haben Sie einen Kugelschreiber?" - "Ja." - "Stecken Sie ihn sich in den Arsch."

8/10

Giulio Paradiso Ovidio G. Assonitis Georgia Atlanta Europloitation Kind Aliens Duell


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DEVIL'S PASS (Renny Harlin/USA, UK, RU 2013)


"What we're doing is right."

Devil's Pass ~ USA/UK/RU 2013
Directed By: Renny Harlin

Die US-Studentin Holly King (Holly Goss) begeistert sich für einen Zwischenfall im Ural, der sich 53 Jahre zuvor ereignete: Damals sind neun Bergwanderer, nach ihrem Führer 'Dyatlow-Expedition' benannt, auf unerklärliche, gewaltsame Weise auf einem Bergpass ums Leben gekommen. Die Umstände sind bis dato ungeklärt. Zusammen mit vier Kommilitonen reist Holly zum Unglücksort, um dort eine Film-Dokumentation über die Expedition zu drehen. Den Teilnehmertn wird bald mulmig: Riesige Barfußspuren finden sich im Schnee, merkwürdige, knallartige Geräusche sind zu vernehmen, in einer Wetterstation liegt eine menschliche Zunge. Und irgendjemand versucht offenbar krampfhaft, sie von weiteren Entdeckungen abzuhalten, auch unter Inkaufnahme ihrer aller Tode. Eine von außen verriegelte Stahltür im Berg schließlich scheint Aufschluss zu geben...

Mal etwas geringfügig anderes im Found-Footage-Bereich: Diesmal liegt der geschilderten Expedition kein fiktives, sondern ein reales Ereignis zugrunde. Die Dyatlow-Expedition hat es nämlich wirklich gegeben und die Umstände ihres Scheiterns und der Tode ihrer Teilnehmer sind tatsächlich so mysteriös, wie sie in Harlins Film dargestellt werden: Trotz der immensen Kälte erfroren einige, weil sie in ihrer Unterwäsche um ein Lagerfeuer saßen, andere wurden offenbar erschlagen, einem Opfer fehlte die Zunge, ohne, dass Spuren respektive Hinweise auf Kämpfe oder Angriffe äußerer Gewalten gefunden worden wären. Eine solche Geschichte gibt natürlich hinreichend Anlass zu Spekulationen und ganz gewiss auch zu einem Genrewerk im "Blair-Witch"-Stil. Selbiges kredenzt uns Renny Harlin, von dem, wie ich mal ganz vorlaut behaupte, schon seit einigen Jahren nicht viel Bedeutsames verlautbar wurde und der sich mit diesem stilistisch erwartungsgemäß kaum eklatanten Genrefilm zumindest mein Interesse zurückerobert hat. Ich entwickle ja zunehmend Herz für das Found-Footage-Segment und auch "Devil's Pass" konnte mich mitreißen, trotz einiger persönlicher Abstriche. Ziemlich toll, weil ziemlich wild fand ich die Auflösung am Ende, die in dieser Form wohl wirklich niemand erwarten kann, zumal im Prinzip alle sonstigen Spekulationen bereits im Vorhinein dramaturgisch abgetötet wurden. Weniger begeisternd die leider omnipräsente, etwas geschwätzige Protagonistin, die einer ihrer Mitreisenden mit der neunmalklugen Streberin 'Velma' aus der "Scooby-Doo"-Trickserie vergleicht und damit so ziemlich den Nagel auf den Kopf trifft. Auch die etwas sehr hektisch hingezauberten Creature-F/X im letzten Fünftel hätten im Idealfall noch einiger Optimierung bedurft, gehen aber infolge des Indie-Charakters des Streifens schon in Ordnung. Nicht übel.

7/10

Renny Harlin embedded filming found footage Russland Monster Experiment Independent Mockumentary


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HISTOIRES EXTRAORDINAIRES (Roger Vadim, Louis Malle, Federico Fellini/I, F 1968)


"What am I doing here?"

Histoires Extraordinaires (Außergewöhnliche Geschichten) ~ I/F 1968
Directed By: Roger Vadim/Louis Malle/Federico Fellini

Dreimal Edgar Allan Poe in jeweils höchst eigener Interpretation: 1.) "Metzengerstein": Die Gräfin Frederique de Metzengerstein (Jane Fonda) führt ein ausschweifendes Leben, in dem multiple Perversionen und Orgien an der Tagesordnung sind. Zudem ist sie gewohnt, zu bekommen, was sie will. Als sich ihr Cousin Wilhelm Berlifitzing (Peter Fonda), in den sie sich aufrichtig verliebt, ihr jedoch verweigert, lässt sie seine Stalliungen anzünden, wobei Wilhelm ums Leben kommt. Fast zeitgleich läuft Frederique ein stolzer Rappe zu, der alsbald ihre ganze Aufmerksamkeit erhält und in dessen Sattel Frederique schließlich einen feurigen Freitod wählt. 2.) "William Wilson": Der arrogante Soldat William Wilson (Alain Delon) gilt seit jeher als misogyner, bösartiger Narziss, dessen Streiche häufig auch über die geschmacklichen Stränge schlagen. Doch er hat einen ehrbaren Doppelgänger selben Namens, der in besonders kritischen Situationen in Wilsons Biographie immer wieder auftaucht und ihn zur Räson bringt. Beim dritten Mal erdolcht er sein merkwürdiges Ebenbild, in umgehender Erkenntnis, dass dies auch seinen eigenen Tod bedeutet. 3.) "Toby Dammit": Der exzentrische englische Schauspieler Toby Dammit (Terence Stamp) kommt nach Italien, um einen allegorischen Western zu drehen. Tatsäclich interessiert ihn jedoch bloß die Prämie: Ein nagelneuer Ferrari. Als Dammit volltrunken von einer Preisverleihung getorkelt kommt, wartet das schnelle Gefährt bereits auf ihn. Doch nicht nur dieses; auch der Teufel in Gestalt eines kleinen Mädchens (Marina Yaru) hat Toby bereits auf der Liste.

Nach der sich etwas zäh entblätternden ersten Episode, die vor allem wegen der exaltierten Garderobe der Fonda interessant ist, die von ihrem damaligen Galan Roger Vadim in gewohnt geschmäcklerischer Optik nebst dezenter Erotik in Szene gesetzt wird, folgt ein bereits durchaus poe-eskeres Segment, eine Art "Jekyll-/Hyde"-Paraphrase, in der der böse, triebhafte Persönlichkeitsteil der offen agierende ist und der integer-vernünftige sich jeweils nur in gewissermaßen brenzliger Szenerie zeigt. Die zwingende, zutiefst moralische conclusio: Ohne das Gute kann auch das Böse nicht existieren. Im letzten Drittel schließlich explodiert der Film unter Fellini zu einer psychedelischen, visuellen tour de force: Der von Terence Stamp marvelös interpretierte Toby Dammit sieht alles nurmehr durch die realitätsverzerrende Brille des Polytoxikomanen, permanent unter Drogen stehend und alkoholisiert. Zwar hat Dammit gelernt, dass die chique Gesellschaft ihn nicht nur längst wegen seiner bizarren Auftritte akzeptiert, sondern ihn aufgrund derselben sogar als stetes enfant terrible feiert. Den Abgründen seines Inneren jedoch kann er selbst durch multiple Räusche nicht entfliehen.
Dreimal vom Übernatürlichen gestrafte Grausamkeit und Arroganz also, ein Kerntopos bei Poe und hier ausnahmsweise einmal nicht von Corman, sondern von drei europäischen Regie-Wunderkindern aufgegriffen, was den US-Verleiher AIP allerdings nicht daran hinderte, ein paar zusätzliche voice inserts von Vincent Price nachzuflechten. Tradition hat schließlich Tradition.

8/10

Roger Vadim Federico Fellini Louis Malle Edgar Allan Poe Episodenfilm period piece Mittelalter Rache Rom Alkohol


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THE COLLECTOR (William Wyler/USA 1965)


"There'd be a blooming lot more of this sort of thing, if more people had the time and the money."

The Collector (Der Fänger) ~ UK/USA 1965
Directed By: William Wyler

Mit dem großzügigen Gewinn aus einer Fußballwette plant der einsame Bankangestellte Freddie Clegg (Terence Stamp) gar Diabolisches: Er kauft ein altes Landhaus mit Kellerverlies und entführt seine alte Jugendliebe Miranda (Samantha Eggar), eine in der Hipsterszene verkehrende Kunststudentin, die nichts von ihm weiß. Wochenlang sperrt Freddie Miranda in das Verlies, mit dem Ziel, sie möge ihn besser kennenlernen und sich irgendwann in ihn verlieben. Doch die selbstbewusste junge Frau denkt gar nicht daran, sich von Freddie beugen zu lassen...

Ein junger Psychotiker, intellektuell leicht minderbemittelt und durch seine grundlegende Unfähigkeit zur Empathie zum Gewaltverbrecher werdend: Terence Stamp als Freddie Clegg, dessen größte Leidenschaft darin besteht, Schmetterlinge zu ersticken, auf Bretter zu nageln und seiner Sammlung einzuverleiben, steht in damals noch junger Tradition zu Anthony Perkins' Norman Bates und Karlheinz Böhms Mark Lewis, zwei nicht minder desolat-isolierte, junge Männer, schüchtern, unscheinbar, gar freundlich in ihrem Gebahren, die in ihrem Inneren jedoch die Bestie beherbergen. Nun ist Wylers Ansatz ein geflissentlich anderer: Den Schritt zum Serienmörder hat Freddie Clegg noch nicht vollzogen, seine Aktion besitzt noch mehr von einem Hilferuf. Zudem wird er keiner tiefenpsychologischen Analyse unterzogen; wo Bates unter einem Mutter- und Lewis an einem Vaterkomplex zu leiden hatten, erfährt man im Falle Freddies nur Bruchstückhaftes. Am Ende jedoch erweist er sich als nicht minder pathologisch denn seine Vorbilder - Miranda hat, trotz ganz anders lautender Hoffnungsschürung, keine Chance, Freddie wieder zu entkommen. Sie kann es ihm gar nicht recht machen - bleibt sie ablehnend und spröde, wird sie weiter festgehalten und als sie schließlich trotz allen Widerstandes doch gebrochen ist und sich Freddie gar widerstandslos hingibt, will ihr "Gastgeber" sie nicht mehr. Es folgt ein schleichender Tod aus Verzweiflung nach wochenlanger emotionaler Berg- und Talbahnfahrt. Vielleicht der schlimmstmögliche.

10/10

William Wyler Madness Kidnapping London amour fou


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WARNING SIGN (Hal Barwood/USA 1985)


"I warned you, Joanie!"

Warning Sign (Warnzeichen Gen-Killer) ~ USA 1985
Directed By: Hal Barwood

Die sich nach außen hin als agrarbiologisches Forschungszentrum gebende Firma 'Biotek' entwickelt hinter verschlossenen Türen in Wahrheit einen biologischen Kampfstoff. Als dieser infolge eines dummen Zufalls zum Ausbruch kommt, reagiert die besonnene Pförtnerin Joanie Morse (Kathleen Quinlan) sofort und riegelt das Gebäude hermetisch ab. Die zunächst an ein Versehen glaubenden Mitarbeiter finden sich schon bald eines Schlimmeren belehrt: Das Virus lässt seine Opfer zunächst unter starken Schmerzen zusammenbrechen und dann als mordlustige Wahnsinnige wieder aufstehen. Joanie, die seltsamerweise selbst immun gegen den Kampfstoff ist, hat alle Hände voll zu tun sich der umherstaksenden Irren zu erwehren, derweil ihr Mann Sheriff Morse (Sam Waterston) zusammen mit dem früheren Biotek-Mitarbeiter Fairchild (Jeffrey DeMunn) einen Weg in das Gebäude findet und ihr zur Hilfe eilt.

Eine inhaltliche Mischung aus "The Crazies" und dem unmittelbar zuvor geschauten "The Andromeda Strain", erreicht das Regiedebüt des vormals als Scriptautor aktiven Hal Barwood nie die Intensität seiner Vorbilder. Dafür erweist er sich hier und da dann doch als allzu ungeschlossen betreffs seines Gesamtbildes. Barwood vermisst es schlicht, klarzumachen, wohin sein Film eigentlich will; - eine exploitative Horrorgeschichte mit entstellten Wutzombies, eine Kritik an den Regierungsmachenschaften im Kalten Krieg oder schlicht der Versuch eines Katastrophenfilms? Irgendwie wohl alles davon und nichts so recht. Dann die vielen groben dramaturgischen Schnitzer: Die angerückten Nationalgardisten finden sich nicht in der Lage, gegen eine Wagenladung protestierender Farmer zu bestehen und riskieren eine kontinentale Krise, Morse und Fairchild schlüpfen recht problemlos durch ein offenes Treibhaus in das Biotek-Gebäude - warum schlüpft das Virus nicht einfach auch dort hinaus? Fragen über Fragen, deren Antworten der Film leider schuldig bleibt. Immerhin: Unterhaltsam ist er, gut besetzt und en gros irgendwie auch lohnenswert. Man sollte lediglich eine gute Portion Gutgläubigkeit als Rüstzeug mitbringen.

7/10

Hal Barwood Virus Utah


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WOULD YOU RATHER (David Guy Levy/USA 2012)


"May the game begin!"

Would You Rather (Tödliches Spiel) ~ USA 2012
Directed By: David Guy Levy

Iris (Brittany Snow) bangt um das Leben ihres schwer krebskranken keinen Bruders Raleigh (Logan Miller). Dieser benötigt dringend eine teure Knochenmarkstransplantation. Ihr Arzt Dr. Barden (Lawrence Gilliard Jr.) macht Iris eines Tages mit dem Millionär Shepard Lambrick (Jeffrey Combs) bekannt. Dieser lädt Iris zu einem Spiel in seiner Stiftung ein, dessen Hauptgewinner sich sämtliche Lebensträume erfüllen können wird - für Iris die langersehnte Chance, Raleigh zu helfen. In Lambricks Haus angekommen trifftt Iris ihre sieben Mitspieler, allesamt problembehaftete Existenzen, deren jeweilige Vergangengenheit von Alkoholismus, Spielsucht, Kriegseinsätzen und anderen Traumata geprägt ist. Bald platzt Lambrick mit der Spielidee heraus: Abwechselnd muss jeder Mitspieler sich für eine von zwei Alternativen entscheiden, die zunehmend sadistischer und abartiger werden. Quält man einen Mitspieler oder lieber sich selbst? Verstümmelt man einen anderen oder macht eine Ertränkungsprobe? Am Ende gibt es nur einen Gewinner und der heißt Lambrick.

Vulgärpsychologischer torture porn, der den richtigen Bogen nie bekommt, weil er in den entscheidenden Momenten schlichterdings nicht die Eier hat, seine zuvor suggerierte Abseitigkeit kongenial zu visualisieren. Anders als der deutlich intelligentere, letzthin geschaute "Cheap Thrills", der ein ganz ähnliches Thema wesentlich pointierter verhandelt, scheitert "Would You Rather" beinahe auf ganzer Linie. Dabei sollte doch selbst harter Tobak wie jener, von dem David Guy Levy und Scriptersinner Steffen Schlachtenhaufen (kein Witz, der heißt wirklich so) hier fabulieren, anno Gegenwart auch onscreen kein ausgemachtes Problem mehr darstellen. Da jedoch verliert "Would You Rather" den Mut, scrollt eilends zur Reaktion des Nachbarn hinüber und bleibt damit auf scheinbar sicherem Eis.
Im Ernst, natürlich ist dies nicht das Hauptproblem des Films, der gewalttätige Teenager-Phantasien, wie wir sie wohl alle irgendwann einmal so oder ähnlich im Geiste durchgespielt haben, Schmerzgrenzen und Reaktionen zu seinen Topoi kürt. Es scheint mir ganz einfach das Versäumnis ausgefeilterer Charakterisierungen, geschliffenerer Persönlichkeitszeichnungen, derer eine Geschichte wie diese ausnahmslos bedarf, um sich Bedeutsamkeit zu erkaufen. Das hier eingeführte Figureninventar jedoch rekrutiert sich aus stereotypen Hülsen, die einem strunzegal sind und deren Schicksal nicht berührt. Einen wirklich brauchbaren Akteur wie John Heard verheizt man gleich zu Anfang und nutzt zur Mitte hin eine Pseudo-Rettungsaktion zwecks redundanter Erzählzeit-Verlängerung.
Das Ende schließlich ist nur noch doof. Die deutsch vertonte Fassung gilt es ferner unbedingt zu vermeiden, denn die Qualität der Synchronisation spottet jeder Beschreibung. Nee, das war nix. Und vor allem schade um die teils wirklich tollen Promo-Artworks.

3/10

David Guy Levy Spiel Terrorfilm Madness Bruder & Schwester Krebs


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THE ILLUSTRATED MAN (Jack Smight/USA 1969)


"Don't you ever call them tattoos!"

The Illustrated Man (Der Tätowierte) ~ USA 1969
Directed By: Jack Smight

Während der Depressionszeit treffen sich zwei umherreisende Wanderer an einem abgelegen See in der Wildnis: Willie (Robert Drivas), der jüngere der beiden, ist auf dem Weg nach Kaifornien, wo Arbeit auf ihn wartet, Carl (Rod Steiger), der ältere, ein Zirkusarbeiter, ist auf der Suche nach einem mysteriösen Haus, das von einer Dame (Claire Bloom) bewohnt werden soll, die ihm einst binnen einer einzigen Nacht den gesamten Körper halsabwärts tätowiert hat. Doch sind dies keine gewöhnlichen Bilder: Betrachtet man sie länger, blickt man in die Zukunft und kann sogar seinen eigenen Tod sehen. Fasziniert beschaut sich Willie drei von Carls Zeichnungen und erblickt Absonderliches, das sich dereinst in fernen Jahren zutragen soll: 1.) Ein Ehepaar (Rod Steiger, Claire Bloom), das sich Sorgen macht wegen der zunehmend vielen Zeit, die seine zwei Kinder (Tim Weldon, Christine Matchett) in virtuellen Realitäten verbringen, wird von selbigen in deren Lieblings-Spielillusion gelockt, eine originalgetreue Kopie der afrikanischen Savanne, in der hungrige Löwen umherziehen... 2.) Vier Astronauten (Rod Steiger, Robert Drivas, Don Dubbins, Jason Evers) sind auf der Venus abgestürzt, auf der es unaufhörlich wie aus Eimern regnet. Auf der Suche nach einer von mehreren dort installierten 'Sonnenkuppeln', die Licht, Trockenheit und Wärme bieten, fallen drei der Gestrandeten dem Wahnsinn anheim. 3.) Ein idyllisch lebendes Ehepaar (Rod Steiger, Claire Bloom) erfährt, dass in der folgenden Nacht die Welt aufhören soll zu existieren - eine große Gruppe von Hellsehern hatte durchweg denselben, apokalyptischen Traum. Für die Kinder, die das Schreckliche nicht miterleben sollen, bekommen alle Familienväter 'Einschläferungspillen' mit nach Haus. Am nächsten Morgen stellen die Erwachsenen fest, dass die Prophezeiung falsch war - die Kinder jedoch haben ihre Dosis erhalten... Entsetzt sieht Willie schließlich auch seinen eigenen Tod: Carl wird ihn erwürgen. Um ihm zuvor zu kommen, versucht Willie, Carl mit einem Stein zu erschlagen...

Ray Bradbury selbst hasste diesen Film dem Vernehmen nach sehr - warum allerdings, das finde ich reichlich unverständlich. Gut, wenn jemanden das Recht auf Kritik an Literaturadaptionen obliegt, dann wohl primär dem Urheber der Vorlage. Ich als deren Student jedoch mag beide(s). Während allerdings die zugrunde liegende Anthologie inklusive der Rahmenstory ganze neunzehn Geschichten teils unterschiedlichster Stimmung und Konsequenz beinhaltet, fanden davon nur vier ihren Weg in Smights Verfilmung, jene jedoch in derart liebevoll-unspektakulärer Art umgesetzt, dass ich Bradburys ablehnende Haltung noch umso verwunderlicher finde. Steiger, Bloom und Drivas führen als Leitpersonal durch fast alle Episoden, wobei insbesondere Steigers Leistung wieder einmal als exorbitant eingestuft werden muss. Die dystopischen Settings finden ihren Platz ohne großen Aufhebens; ob zukünftiger Haushalt, Planet Venus oder Sonnenkuppel - alles wirkt funktional und unmanieristisch, entgegen den meisten Pop-Visionen der Zeit. Jerry Goldsmiths wie immer fabelhafter Score verleiht dem Ganzen den letzten Schliff. Sehenswert, bitteschön.

8/10

Jack Smight Ray Bradbury Great Depression Episodenfilm Dystopie Raumfahrt Wisconsin Zukunft





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