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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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CASTLE KEEP (Sydney Pollack/USA 1969)


"Everybody should eat more bread. Feeds the heart."

Castle Keep (Das Schloss in den Ardennen) ~ USA 1969
Directed By: Sydney Pollack

Während der Ardennen-Offensive im Winter 44 besetzen Major Falconer (Burt Lancaster) und seine siebenköpfige Einheit das einsam gelegene Schloss des Grafen Maldorais (Jean-Pierre Aumont), das genau auf der Durchmarschroute der Wehrmacht liegt. Maldorais lebt in einer inzestuösen Beziehung mit seiner Nichte Therese (Astrid Heeren) und hat in seinem Domizil zahlreiche Kunstschätze gehortet, die besonders den entsprechend beflissenen Historiker Captain Beckman (Patrick O'Neal) zutiefst beeindrucken. Während Falconer eine unverhohlene Affäre mit Therese beginnt, schlagen die restlichen Männer die zermürbende Wartezeit mit Suff, Philosophieren oder Besuchen in dem benachbarten Dorf St. Croix tot, wo der Puff "La Reine Rouge" zu finden ist und Sergeant Rossi (Peter Falk) sich in die Witwe (Olga Bisera) des hiesigen Bäckers verliebt. Als die Deutschen schließlich mit einer gewaltigen Übermacht anrücken stellt sich die gesamte Aktion als kalkulierter Wahnsinn heraus, der Hitlers Armee lediglich dezimiert und der in strategischer Hinsicht im Prinzip völlig vermeidbar gewesen wäre.

Kriegsfilm als kunstvolle Parabel - das gab es nicht erst mit Coppolas "Apocalypse Now", auch Pollacks "Castle Keep", Adaption des Romans von William Eastlake und vielleicht des Regisseurs großartigster Film ,- in jedem Falle aber einer seiner ambitioniertesten -, scheut sich nicht davor, das zu dieser Zeit noch gern in Zeichen aktionsreicher, unterhaltsamer Männerunterhaltung stehende Genrekino satirisch umzukrempeln und ihm eine Dosis tiefschwarzer Bitternis in Kombination mit vortrefflichem Galgenhumor zu versetzen. Die fantastische Besetzung erhält Zeit für die implizite Vorstellung von Einzelporträts und rasch wird offenbar, dass jeder der Männer einen, vermutlich kriegsinduzierten, Sprung in der Schüssel hat. Damit stehen sie dem durch die Gegend irrenden, Choräle anstimmenden Deserteur Bix (Bruce Dern) kaum nach. Pollack derweil pflegt eine geradezu offensiv-impressionistische Inszenierung mit Sekundenschnitten und einmontierten Frames von Wasserspeiern, die das damalige Publikum, besonders in berechtigt antizipatorischer Erwartung eines halbwegs geradlinigen Kriegsabenteuers in der Manier des nur zwei Jahre zuvor aufgeführten "The Dirty Dozen", gehörig vor den Kopf gestoßen haben dürfte.
"Castle Keep", ein Meisterwerk seiner Zunft, hat somit Bestand als einer der größten (Anti-)Kriegsfilme und als wegweisendes Stück New Hollywood außerdem.

10/10

Sydney Pollack WWII Belgien Ardennen period piece Schloss New Hollywood William Eastlake Satire Parabel


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THE CADDY (Norman Taurog/USA 1953)


"Excuse me. I have to win a tournament."

The Caddy (Der Tolpatsch) ~ USA 1953
Directed By: Norman Taurog

Tagelöhner Harvey Miller Jr. (Jerry Lewis) könnte ein grandioser Golfer sein, hätte er nicht die seltsame Neurose, in Gegenwart von Zuschauern keinen Abschlag auf die Reihe zu bekommen. Um dennoch etwas Geld zusammenkratzen und seine Braut Lisa (Barbara Bates) ehelichen zu können, plant er daher die Eröffnung einer Golfschule. Da lernt er Lisas Bruder Joe Anthony (Dean Martin) kennen, wie Harvey ein vagabundierender Hallodri. Doch Joe besitzt ein Naturtalent für Golf und macht sich mit Harvey als seinem Lehrer und Caddy auf, ein Star der Szene zu werden. Am Ende kommt freilich alles ganz anders...

In ihrem neunten gemeinsamen Film exerzieren Martin und Lewis aufs Neuerliche das bekannte Schema ihrer businessträchtigen Partnerschaft durch, wie stets etwas ungleich gewichtet. Während Martin als der amouröse Latin Lover par excellence "That's Amore" zum Besten gibt, bekommen wir Lewis als naiven Tropf, als Baby in Mannesgestalt, das wie ein frisch aus seinem Ei geschlüpftes, putziges Alien staunend die Welt entdeckt. Man schließt Freundschaft und bricht miteinander, weil der eine den anderen erwartungsgemäß übervorteilt und am Ende emanzipiert man sich wechselseitig, denn die wahre Stärke liegt in dder Vereinigung. So ließen es sich die beiden Stars nicht nehmen, in einem (hinlänglich überflüssigen) Schlussgag auf ihre realen Doppelgänger zu treffen. "The Caddy" ist, wenngleich immens unterhaltsam und für Freunde des Duos verpflichtendes Programm, einer der weniger gut gealterten Martin/Lewis-Filme. Frank Tashlin war mit seiner geflissentlich hellsichtigeren Perspektive der Dinge ganz eindeutig der bessere Mann für die beiden.

6/10

Norman Taurog Martin/Lewis Freundschaft Jerry Lewis Showbusiness Golf Kalifornien San Francisco


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FOOTLOOSE (Herbert Ross/USA 1984)


"I thought I was alone." - "Not in this town. There's eyes everywhere."

Footloose ~ USA 1984
Directed By: Herbert Ross

Als Teenager Ren (Kevin Bacon) in das Nest in Utah kommt, in das es ihn und seine Mom (Frances Lee McCain) nach deren Scheidung verschlägt, traut er zunächst Augen und Ohren nicht: Laute Popmusik gilt als verpönt, Tanz und Disco sind sogar gesetzlich untersagt. Vorreiter dieser erzkonservativen Christen-Bewegung ist der hiesige Reverend Moore (John Lithgow), dessen Sohn dereinst bei einem Autounfall nach der Disco verstarb. Moores Tochter Ariel (ori Singer) rebelliert derweil gegen ihren Dad, wo sie nur kann und findet in Ren genau das, was sie und die übrigen Jugendlichen der Stadt brauchen: Einen coolen Typen, der genug Mumm besitzt, den Mund aufzumachen.

Eine Art "Saturday Night Fever" für Provinzjugendliche, zusammengenommen immerhin auch eine recht zahlungskräftige Zielgruppe, die für das damals auf solche Filme spezialisierte Studio Paramount zu einem mehr als achtbaren Erfolg heranreifte. Der noch relativ unbekannte Kevin Bacon ergänzte das gerade im Etablieren befindliche 'Brat Pack' um ein neues Gesicht, das so ziemlich alles personifizierte, was orientierungsbedürftige Jugendliche in den mittleren Achtzigern verehrten: Ein Typ mit eigenem Klamotten- und Frisurstil, kein idealtypischer Schönling, aber ein markanter Kerl mit Geschmack, der sich bewegen kann, coole Tapes im Radio hat und nicht nur flotte Sprüche schwingt, sondern auch was in der Birne hat, Vonnegut kennt und ganz ohne eigenes Zutun im Mittelpunkt des Geschehens landet.
Und genau da wird Ross' Film zum Paradoxon: Er warnt vor Bigotterie, Konservativismus und Tradierung, mahnt, dass der ewig Gestriggläubige schnell dem Stillstand und damit dem Bösen zu verfallen droht. Einmal fangen Moores Gesinnungsgenossen an, öffentlich Bücher zu verbrennen und der entsetzte Geistliche erkennt, welche Dämonen er da gerufen hat. Doch: Befreit die Jugend sich selbst von ihrem Spießerjoch? Nein, eine Lichtgestalt muss her, ein Messias, ein Rocker aus Chicago. Der alte Götze wird von einem neuen ersetzt, das hat fast schon die satirische Dimension einer "Simpsons"-Episode. Nur, dass sich "Footloose" sehr wohl völlig ernst nimmt und ganz offensichtlich auch noch gefällt im engmaschigen Gatter seiner ominösen Lösungsvorschläge. Und damit ist er letzten Endes zu ebendem geworden, was er wohl zu sein wünschte: Dem filmischen Äquivalent zu einem Kenny-Loggins-Song.

5/10

Herbert Ross Musik Tanz Kleinstadt Utah Kirche


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PIRANHA DD (John Gulager/USA 2012)


"Josh cut off his penis because something came out of my vagina!"

Piranha DD (Piranha 2) ~ USA 2012
Directed By: John Gulager

Der rücksichtslose Spaßbaderbe Chet (David Koechner) hat den Plan, das erhaltene Wasserparadies mit einer "Adult"-Sektion samt nackt badenden Stripperinnen und neckischen Scherzen wie Unterwasserkameras "anzureichern". Seine Nichte Maddy (Danielle Panabaker) ist davon wenig angetan, zumal sie bemerkt, dass Chet, um Wasserkosten zu sparen, ein unterirdisches Flusssystem angezapft hat, in dem sich die bösen Ur-Piranhas aus dem Lake Victoria tummeln. Es kommt, wie es kommen muss...

Im Grunde besitzt "Piranha DD", ein - soviel dürfte bereits im Vorhinein klar sein - rückhaltlos doofer Film, bloß die Chuzpe, die mit dem Vorgänger angedeutete Richtung konsequent weiterzuverfolgen. In diesem wollte Aja sich nicht recht zwischen Funsplatter und Terrorfilm entscheiden, John Gulager, Sohnemann von Clu (der in "Piranha DD" naturellement seine Szene hat), fackelt da nicht lang und beschreitet mit großen Taperschritten ersteren Pfad. Dialoge wie der oben zitierte kultiviert der Film über die volle Distanz, macht Geschmacklosigkeiten nebst billiger CGI und 3D-Hokuspokus, wie er in dieser miesen Form zuletzt im seligen "Jaws 3-D" zu sehen war, zu seinem ureigenen Metier und gibt sich lustvoll sexistisch. Ein langer Weg, dereinst von unabhängig Produziertem wie "The Evil Dead", "Re-Animator" und "Braindead" geebnet, scheint mir nun endgültig vervollkommnet: Die Melange aus hartem Splatter und der Groteskkomödie Marke ZAZ, mit dem Qualitätsstempel der Weinsteins versehen. "Piranha DD" schwingt die grobe Harke und lässt sie tiefe Furchen ziehen, perfektioniert in seinen engmaschig gezogenem Konzept von einem David Hasselhoff, der eine so unnachgiebig harte Selbstparodie (eigentlich müsste es "Selbstanalyse" heißen) liefert, wie ich sie noch nie zu Gesicht bekommen habe. "Welcome to the rock bottom." That's exactly it, baby.

6/10

John Gulager Sequel Fisch 3-D Monster Splatter Groteske Slapstick Arizona Vergnügungspark Parodie Trash Exploitation Marcus Dunstan Tierhorror


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THE RAINMAKER (Joseph Anthony/USA 1956)


"Believe me, Lizzie. You ARE ugly."

The Rainmaker (Der Regenmacher) ~ USA 1956
Directed By: Joseph Anthony

Bill Starbuck (Burt Lancaster) tingelt auf seinem bunten Pferdewagen durch den Mittelwesten und verkauft den naiven Kleinstädtern dort allerlei wirkungslosen Firlefanz gegen die widrigen Witterungsverhältnisse, vor allem jedoch Phantasie und Hoffnung. Als er auf die Rancher-Familie Curry trifft, den verwitweten, liebevollen Vater H.C. (Cameron Prud'Homme), seinen ältesten, besserwisserischen Sohn Noah (Lloyd Bridges), dessen jüngeren, einfältigen Bruder Jim (Earl Holiman) und ihre altjungferliche Schwester Lizzie (Katharine Hepburn), schafft er es binnen weniger Stunden, neue Ordnung in deren verfilzte Beziehungsinteraktionen zu bringen. Und am Ende fällt sogar der versprochene Regen.

Die alte Mär von der zunächst unmöglichen scheinenden Gangbarkeit zwischen Wahrhaftigkeit und Träumerei arbeitet Nashs klassisches Stück in liebenswerter Weise und leuchtendem VistaVision auf. Eine von Lancasters großen Paraderollen bildet die Figur des Bill Starbuck, jener selbstherrliche, breit grinsende und umherhüpfende Scharlatan, dessen Betrügereien und Eulenspiegelein seinen Opfern wesentlich wohler tun als sie im Nachhinein zuzugeben bereit sind. Starbucks selbstgebastelte Ideen von Tornadoschutz und Regenzauber funktionieren zwar bestenfalls nur zufällig, vermitteln ihren Konsumenten jedoch zumindest ein mittelfristiges Gefühl von Verständnis und Geborgenheit. Vor allem erkennt Starbuck die Menschen hinter ihrer Fassade. Der streng schwarzweiß und numerisch denkende Rationalist Noah erregt sogleich sein Mitleid, derweil dem leicht dümmlichen, aber frisch verliebten Firlefanz Jim all seine Sympathie zuwandert. Die vertrocknete Lizzie erlebt bei ihm erstmals ein Gefühl des Begehrtwerdens und der Weiblichkeit, womit auch sie sich schlussendlich gerettet und aus ihrem depressiven Trauertal geführt findet. Die Saat für die Zukunft ist gesät, passend dazu findet sich die ausgedorrte Erde Utahs bald neu aufgelockert. Weltverbesserungskino deluxe.

8/10

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FATHER'S LITTLE DIVIDEND (Vincente Minnelli/USA 1951)


"Don't worry, if she took her toothbrush, she's not headed for the river."

Father's Little Dividend (Ein Geschenk des Himmels) ~ USA 1951
Directed By: Vincente Minnelli

Auf Stanley T.Banks (Spencer Tracy), der gerade seine letzte Hypothek abbezahlt hat, wartet nach der kapriziösen Hochzeit seiner Tochter Kay (Elizabeth Taylor) gleich die nächste Hiobsbotschaft: Kay erwartet ein Baby. Was für Stanleys Frau Ellie (Joan Bennett) und die Schwiegereltern (Billie Burke, Moroni Olsen) den Startschuss zu närrischem Getue gibt, lässt Stanley bloß verzweifeln: Er soll jetzt bald der Opa sein und eine Rolle bekleiden, die ihm doch überhaupt nicht zukommt? Doch nach anfänglichem postnatalen Gerangel raufen er und sein Enkelsohn sich schließlich doch noch zusammen.

Sequels bildeten um diese Zeit im Kino noch eher die Ausnahme denn die Regel; umso ungewöhnlicher, dass ausgerechnet auf "Father Of The Bride" in kurzem Abstand eine Fortsetzung folgte. Minnellis nachlassendes Interesse kann der inszenatorisch etwa auf Fernsehniveau befindliche Film kaum verstecken, ansonsten hält man - speziell wiederum Tracy - sich jedoch wacker. Dabei ist die Weiterführung jener Story so konsequent wie logisch: Stanley T. Banks, durch Spencer Tracys neuerlich formidable Interpretation sozusagen der Archetypus des patriarchalischen Kleinstadtspießers, darf seine Mittlebenskrise natürlich erst hinter sich lassen, wenn das letzte Rollendrittel seines Lebens erreicht wurde: Das des Großvaters, des Seniors, des Meckerfritzen in seinem Existenzherbst. Zu akzeptieren, dass die Halbzeitpause längst hinter ihnen liegt, fällt bekanntlich insbesondere den Jägern und Sammlern des Menschengeschlechts schwer und Stanley T. Banks geht es da kaum anders. Umso giftiger reagiert er auf die Nachricht des dräuenden Nachwuchses und sogar noch giftiger, als selbiger dann einmal da ist. Entsprechend rührend der schlussendliche Friedensschluss zwischen Opa und Enkel, der dann auch diese Familie glücklich und zufrieden ins Kino-Nirwana entlässt. Zumindest bis zu den zeitgemäß aufgedonnerten Remakes vierzig Jahre später.

7/10

Vincente Minnelli Familie Ehe Baby Schwangerschaft Satire Sequel midlife crisis


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FATHER OF THE BRIDE (Vincente Minnelli/USA 1950)


"I was wrong. I figured without the wedding."

Father Of The Bride (Vater der Braut) ~ USA 1950
Directed By: Vincente Minnelli

Für den gesetzten Familienvater Stanley T. Banks (Spencer Tracy) entwickelt sich die Hochzeitsplanung seiner Tochter Kay (Elizabeth Taylor) zur nervlichen Zerreißprobe. Nicht genug damit, dass sein Augapfel plötzlich erwachsen ist und ihre eigene Existenz auf die Beine stellt, muss er als Brautvater auch noch die Ausrichtungskosten übernehmen und sein Haus für sämtliche Feierlichkeiten zur Verfügung stellen. Alsbald droht ihm die Sache über den kopf zu wachsen, doch als er realisiert, dass er für Kay insgeheim noch immer der Größte ist und bleibt, kann er sich zufrieden zurücklehnen.

Herzlich-charmanter Comedy-Klassiker mit einer Paraderolle für den großen Spencer Tracy. Etliche witzige (und sehr wahre) Einfälle wie Stanleys misslungener Martini-Empfang machen den im Hinblick auf seine Inszenierung eher betulich wirkenden Film innerhalb des Genres zu einem Ereignis. Mit liebevoller Ironie verballhornt das Script die Pseudonöte des suburban American bourgeois, beschränkt geradezu wohltuend die Weltschmerz auf seinen vorstädtischen Mikrokosmos und versichert dem Zuschauer, dass auch intrafamiliäre Liebe in Überdosen verabreicht zu gefährlicher Überzuckerung führen mag.
Minnelli besaß ein spezielles Händchen für Komödien mit trockenem Unterbau, davon zeugt neben "Father Of The Bride" auch der etwas später entstandenere "Designing Woman", letzterer sogar ganz erheblich. Der Meister hätte sich auf diesem Gebiet noch verstärkter aktivieren sollen.

8/10

Vincente Minnelli Ehe Familie Hochzeit midlife crisis Satire


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SKIN DEEP (Blake Edwards/USA 1989)


"My name is Zachary Hutton and my wish is to fuck you."

Skin Deep ~ USA 1989
Directed By: Blake Edwards

Der gefeierte Dramatiker, Romancier und Intellektuelle Zack Hutton (John Ritter) ist ein polymorpher Süchtiger: Weder kann er die seine Kreativität lähmende Trinkerei ad acta legen, noch schafft er es, nicht irgendeinem attraktiven Rock hinterherzujagen. Seine postpubertäre Lebenslust kostete ihn allerdings bislang jede ernstzunehmende Beziehung, insbesondere die zu seiner vormaligen Ehefrau Alex (Alyson Reed), die er noch immer liebt und der er hinterhertrauert, die ihm jedoch nicht mehr trauen mag.

Im Prinzip eine etwas modifizierte Variation des aus "10" bekannten, edward'schen Leibthemas des mittalten Mannes in der Sinnkrise ist "Skin Deep" der letzte große Wurf des Genremaestros. Wiederum geht es hier um ein künstlerisch befähigtes, maskulines Individuum jenseits der 40, das Angst hat, seinem liderlichen Lebenswandel Lebewohl zu sagen und das familiäre Sesshaftwedung mehr oder weniger unbewusst mit Altwerden und Tod gleichsetzt. Zack Hutton hat erst noch zu lernen, welche Annehmlichkeiten mit einer stabilen, monogamen Beziehung einhergehen können, so man sich dieser nur öffnet. Der Weg dahin ist allerdings bestimmt den Kern dieser meisterhaften Komödie, die mühelos zwischen hochgewitztem dialogischem Humor und Klamauk hin- und herpendelt, zwischen sophistication und hemmungsloser Albernheit. John Ritter als tolpatschiger, überlasteter Mittlebenskrisler, permanent zwischen Suff und Kater irrend, gibt vielleicht die schönste Vorstellung seiner Karriere und der Titelsong bietet feinsten 80's-Pop mit Nostalgiecharakter. Dazu ein paar wohlfeile Anspielungen auf den damaligen, schwer verirrten Zeitgeist und fertig ist der Pflichtfilm für traditionsbewusste Edwards-Liebhaber.

9/10

Blake Edwards Kalifornien Los Angeles midlife crisis Alkohol Ehe


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SPIDER BABY (Jack Hill/USA 1968)


"So - are you really a 'Wolf-Man'-fan, Ann?"

Spider Baby ~ USA 1968
Directed By: Jack Hill

Bruno (Lon Chaney Jr.) bekommt einen gehörigen Schreck, als er erfährt, dass noch am selben Tag Verwandte (Quinn K. Redeker, Carol Ohmart) und ein Notar (Karl Schanzer) samt Sekretärin (Mary Mitchel) bei ihm aufkreuzen werden, um die ungeklärte Erbsituation der Merrye-Familie, der Bruno seit Generationen dient, zu untersuchen. Warum hat Bruno Angst? Nun, im abgelegenen Haus der Merryes ist er der letzte Mensch mit halbwegs ungetrübtem Verstand: Die drei Kinder Virginia (Jill Banner), Elizabeth (Beverly Washburn) und Ralph (Sid Haig) sind geistig teilweise fortgeschritten derangiert und verhalten sich höchst merkwürdig, was etwa die versehentliche Ermordung des Postboten (Mantan Moreland) mit einschließt; im Keller hausen noch zwei Tanten und ein Onkel, bei denen die Missbildungen sich bereits auf die Physis erstrecken und die sich kannibalisch ernähren. Für Bruno, der dem alten Mr. Merrye dereinst am sterbebett versprechen musste, sich stets um dessen Hinterbliebene zu kümmern, eine verzwickte Situation.

Nachdem Jack Hills für ein Taschengeld produzierter, ursprünglich "Cannibal Orgy" getaufter Film über lange Jahre im Giftschränkchen eines Gläubigers verborgen gehalten wurde und letzte im Umlauf befindliche Kopien bereits einen mythischen Charakter erlangten, gelang es dem Regisseur irgendwann durch einen Trick, sein Werk wieder loszueisen. Dafür muss man dankbar sein, denn "Spider Baby" bietet allerfeinsten Camp, ist hübsch geschmacklos, ohne je obszön zu sein und ganz zweifellos das Werk eines überaus intelligenten auteurs mit glänzendem Humor, unterstützt von einigem an weiterführender Könnerschaft: Lon Chaney Jr., damals rund 62 Jahre alt, der dp Alfred Taylor zufolge heimlich Löcher in Orangen zu bohren und den Saft herauszupressen pflegte, um sie hernach mit Vodka zu füllen und wiederum auszuschlürfen, präsentiert eine ebenso glänzende wie rührende Spätvorstellung als lieber, knuffiger alter Herr mit lebrigen Augen, der nur tut, wie ihm dereinst aufgetragen ward und nach einem ohnehin aufgeopferten Leben vor Probleme gestellt wird, die er eigentlich nicht verdient. Redeker kann sich einen ironischen Gestus nicht verkneifen, der jedoch vorzüglich zum Film passt; schließlich Sid Haig, - im wahrsten Sinne -, ohne Worte. Die beiden von Washburn und Banner gespielten Schwestern injizieren jedoch erst die wahre Würze in "Spider Baby". Oszillierend zwischen infantiler Unschuld, ausgekochter Erotik und wesenhafter Bosartigkeit scharwenzeln sie ums Haus wie putzige Kätzchen, nur, um bei Bedarf blitzschnell zuzuschlagen. "Sting! Sting! Sting!"
Von den missgestalteten Kellergesellen sieht man leider erst ganz zum Schluss etwas und da fliegen sie auch schon wieder in die Luft. Schade, dass das im Epilog angedeutete, mögliche Sequel nie realisiert wurde.

8/10

Jack Hill Kalifornien Kannibalismus Familie Inzest Camp Sleaze


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BRAND OF SHAME (Byron Mabe/USA, D 1968)


Zitat entfällt.

Brand Of Shame (Django Nudo und die lüsternen Mädchen von Porno Hill) ~ USA/D 1968
Directed By: Byron Mabe

Django (Steve Stunning) kommt nach Porno Hill, um seine Zeitungsredaktion zu betreuen. Auf dem Weg trifft er die jungfräuliche Minenerbin Milly Quark (Darlene Darling) - Liebe auf den ersten Blick. Um Milly und ihre Karte vor den unsittlichen Zugriffen des gierigen Hacker (Steve Vincent) und dessen stadtweit vertretenen Schergen zu beschützen, muss Django sich allerlei Kniffe einfallen lassen.

Time for some intense namedropping: Andreas Mannkopff, Renate Küster, Joachim Kemmer, Beate Hasenau, Edith Hancke, Gerd Duwner, Alexander Welbat: Personenbezeichnungen, mit denen der ordinäre Kinogänger möglicherweise nicht allzu viel anfangen kann, die dem Synchronenthusiasten jedoch vorkommen müssen, wie ein kleines who's who der frühen Siebziger-Jahre-Berliner-Nonsens-Filmvertonungskunst. Wer für das deutsche Dialogscript verantwortlich ist, weiß ich nicht, aber sollte es Brandt oder Brunnemann gewesen sein - und diese Vermutung liegt aus gegebenen Gründen nahe-, müssen selbst diese Herren das Ding unter schwerster Polytoxikomanie zusammenklambüsert haben. Der bare, hanebüchene Schwachsinn nämlich, der hier ohne Unterlass in verbaler Form durchexerziert wird, sucht selbst im paralyrischen Schaffen jener beiden Herren seinesgleichen. "Brand Of Shame" ist ursprünglich ein kleiner, billiger Sexwestern ohne jedweden Gebrauchswert, den der Schweizer Produzent und Verleiher Erwin C. Dietrich seinerzeit ankaufte, einige zusätzliche Szenen (um das in freier Natur kopulierende Paar Bumso und Bumsi, die das Geschehen aus der ferne stellvertretend für den ausbleibenden Dramenchor kommentieren) filmte, sich den göttlichen Titel einfallen und in Berlin mit diesem güldenen Stück bundesdeutscher Kneipensynchro veredeln ließ. So entstand nachträglich ein Film, den man, ähnlich wie heimliche Klassiker vom Schlage "Supermänner gegen Amazonen", eher akustisch denn optisch wahrnimmt, oder sagen wir zumindest, dessen in nachträglicher Instanz erschaffene, metaleptische Audiovisualität das Werk erst wahrhaftig in den Status des Banhofskino-Gesamtkunstwerkes erhebt.

6/10

Byron Mabe Trash Sleaze





Filmtagebuch von...

Funxton

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