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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE REIVERS (Mark Rydell/USA 1969)


"You can be scared if you want to, but don't be afraid, son."

The Reivers (Der Gauner) ~ USA 1969
Directed By: Mark Rydell

Mississippi, 1905. Auf den zwölfjährigen Lucius McCaslin (Mitch Vogel), Spross der reichsten Familie im Umkreis, wartet eine viertägige Reise ins Erwachsenenleben. Während sein erzpatriarchalische Großvater Boss (Will Geer) unterwegs zu einer Beerdigung ist, reißt sich der Stallknecht Boon Hogganbeck (Steve McQueen), Lucius' bester Freund, den vielbeachteten Familienstolz, einen gelben 'Winton Flyer', unter den Nagel, packt Lucius ein und fährt mit ihm und dem farbigen Ned (Rupert Crosse), ebenfalls ein - negierter - Spross des McCaslin-Clans, nach Memphis um dort im Puff von Mr. Binford (Michael Constantine) mit seiner heimlichen Geliebten, der Hure Corrie (Sharon Farrell) einkleines Techtelmechtel zu begehen. Der eigentliche Ärger beginnt, als Ned das Automobil gegen das Rennpferd 'Blitz' eintauscht - im nasenweisen Glauben, dass dieses bei einem Rennen siegen und so den Wagen zurückbringen wird. Ausgerechnet Lucius soll Blitz zum Sieg führen...

Die von McQueens Solar mitproduzierte Adaption des nur wenige Jahre zuvor erschienenen, ebenso vielgepriesenen wie -gescholtenen Romans von Faulkner, nimmt sich ein wenig aus wie ein stark romantisierter Heimatfilm des amerikanischen Südens. Der Held der Geschichte, das ist neben dem gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehenden Ich-Erzähler Lucius McCaslin vor allem der Hallodri Boon Hogganbeck, eine verschmitzte Filourolle für McQueen, in der er seiner Liebe für klassische Autos ebenso fröhnen kann wie der für augenzwinkernde Charaktere und sagenhafte Womanizer. Als eine Art 'Antipädagoge' ist ihm jedoch ebenso wie an seinem persönlichen Spaß daran gelegen, seinen Freund und Schützling Lucius, der bisher nie aus mit den Geschicken der erwachsenen Manneswelt vertraut zu machen: Er sieht erstmals ein Bordell von innen, schläft unter einem seine ganze Aufmerksamkeit fordernden Panoramagemälde einer schönen Nackten und findet in Boons Stammhure Miss Corrie eine merkwürdige Mischung aus Mutterersatz und erotischer Projektionsfläche. Mit deren verwahrlostem Neffen Otis (Lindy Davis) liefert er sich ihr zu Ehren einen Kampf bis aufs Blut, lernt später hautnah den unter der Oberfläche brodelnden, allgegenwärtigen Rassismus jener Gefilde kennen, personifiziert durch den widerlichen Gesetzeshüter Lovemaiden (Clifton James) und geht trotz schlechten Gewissens am Ende als großer Tagessieger aus all diesen Ereignissen hervor. Ohne es ihm direkt zu zeigen, kann selbst sein Großvater nicht verhehlen, dass dieses zwischen schmutzig und glorios chargierende Abenteuer seines Enkels ihn zu einem stolzen Mann macht.
Mark Rydell ist tragischerweise eine der missachtetsten Figuren der Ära New Hollywood, für den ich immer wieder gern eine Lanze breche, besaß er doch ein untrügliches Gespür dafür, die dem klassischen Studiokino eigenen, epischen Erzählstrukturen, so etwa romantische Erzählungen von gestern in stolzem Scope, mit den neuen Ideen künstlerischer Autonomie zu verknüpfen. Vielleicht lag es daran, an dieser bewussten Verweigerung, sich für eine Seite zu entscheiden, dass Rydell nie ganz das Renommee erhielt, dass er verdient hätte.

8/10

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SIGHTSEERS (Ben Wheatley/UK 2012)


"It was an accident, Mum." - "So were you."

Sightseers ~ UK 2012
Directed By: Ben Wheatley

Die mit ihrer herrischen Mutter (Eileen Davis) zusammenhausende Tina (Alice Lowe) lernt den etwas exzentrisch anmutenden Camper Chris (Steve Oram) kennen und unternimmt mit ihm kurzerhand eine mehrwöchige Tour über die britische Insel. In deren Verlauf entpuppt sich Chris als Serienmörder, der unliebsame Zeitgenossen aus nichtigen Gründen aus dem Weg räumt. Um sich ihm anzupassen, beginnt bald auch die schwer verknallte Tina damit, sie irritierende Personen zu beseitigen.

Schwarzhumorig bis ins Mark und flankiert von einem grandiosen visuellen Gespür lässt Wheatley die von seinen beiden Hauptdarstellern verfasste Reise ins Verderben vom Stapel. Wobei diese Bezeichnung nicht ganz zutrifft, denn für Tina entpuppt die Fahrt mit Chris sich als von einigem emanzipatorischen Wert geprägt. Ob sie es am Ende schaffen wird, sich auch noch von ihrer dominanten Mutter zu lösen, bleibt der Zuschauerfantasie überlassen, zu rechnen ist damit jedoch.
"Sightseers" ist vornehmlich das bewusst überspannte Porträt einer sich ihrer Umwelt andienenden Enddreißigerin, die in ihrem Leben bis dato nichts anderes als Dependenz und Assimilation gelernt hat und erst durch einen aus der gesellschaftlichen Norm entgleisten Soziopathen den Mut zur Unabhängigkeit bezieht. Wie dieser im Grunde sehr feministisch geprägte Ausbruchsbericht jedoch dargeboten wird, das macht Wheatleys beachtlichen Film so wunderhübsch fies und - bei aller detailversessenen Liebe zu seinen Figuren - exquisit bösartig.

9/10

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PSYCHOMANIA (Don Sharp/UK 1973)


"It's easy to kill live people. Watch this!"

Psychomania (Der Frosch) ~ UK 1973
Directed By: Don Sharp

Weil die wohlhabende Lady Latham (Beryl Reid) einst einen dämonischen Pakt geschlossen hat, kann sie Verbindung zum Geisterreich aufnehmen. Davon profitiert auch ihr Sohn Tom (Nicky Henson), Vorsitzender der Motorradrocker "The Living Dead", der herausfindet, dass ein Freitod ihn unsterblich macht. Gesagt, getan - und damit nicht genug: Auch Toms Clique folgt ihm bereitwillig ins Jenseits und kehrt fast geschlossen und nunmehr rundum gerüstet von dort zurück. Gemeinsam macht die Gang die Gegend noch unsicherer als vorher, für Inspektor Hesseltine (Robert Hardy) ein kaum in den Griff zu bekommendes Problem. Bis Mutter Latham einschreitet...

Lederjackenbewährte Motorradgangs sind ohnehin schon ein maßloses gesellschaftliches Übel, zombifizierte Motorradgangs ein noch weitaus größeres - zumindest wenn man Don Sharps spaßigem "Psychomania" glaubt, der seine untoten Protagonisten mental und physisch vollkommen unverändert weitermarodieren lässt. Der eigentliche vom Film suggerierte Albtraum besteht nicht wie üblich in schlurriger Fäulnismaskerade, sondern darin, dass die jugendlichen Unholde nach spektakulärem Ableben und Rückkehr ganz ohne Angst vor jedweden Konsequenzen randalieren können. Einmal und für immer tot, vermag ihnen nichts mehr etwas anzuhaben; sie sind scheinbar nicht mehr nur unverletzbar, sondern darüberhinaus auch mit übermächtigen Kräften "gesegnet". Und so offenbar auch ihre heißen Öfen, mit denen sie wie zum Beweis für ihre neuen Superkräfte durch massive Steinwände brettern. Ein Überfall auf den örtlichen Gemischtwarenladen, bei dem sie selbst vor einem Baby nicht halt machen, ist jedoch zuviel des Bösen und so muss die einzige Möglichkeit, die Höllenrocker an ihren Bestimmungsort zu entsenden, genutzt werden.
Man wundert sich nicht wenig angesichts Sharps ansonsten recht konsequent gesponnenen Mummenschanzes: Machen den Rockern Schnaps und Marihuana noch genau so viel Freude wie zu Lebzeiten? Fließt überhaupt noch Blut in ihren Adern, verdauen sie noch? Immerhin geht es ihnen ja sonst blendend. Müßige, im Prinzip rhetorische Fragen, da selbst ihr zweites Deibelsleben nur kurz währt. Ein Höhepunkt zeitgenössischer Innenausstattung übrigens Beryl Reids stilsicher gestaltetes Wohnzimmer. Darauf kann man nur neidisch sein.

6/10

Don Sharp Zombies Rocker Subkultur England Surrey Kleinstadt Madness


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VAMP (Richard Wenk/USA 1986)


"Just wait until the college boys see that!"

Vamp ~ USA 1986
Directed by: Richard Wenk

Um in die angesagteste Studentenverbindung des Campus aufgenommen zu werden, wollen die beiden Erstsemester Keith (Chris Makepeace) und AJ (Robert Rusler) eine professionelle Stripperin engagieren. Dazu müssen sie mit der Limousine des allgemein missachteten Reichensöhnchens Duncan (Gedde Watanabe) nach Los Angeles, in den "After Dark"-Club. Dieser entpuppt sich jedoch als Hort der uralten Vampirkönigin Katrina (Grace Jones) und ihres bissigen Gefolges. Nachdem Keith zu Katrinas Opfer und damit selbst zu einem Vampir wird, muss AJ seine Fähigkeiten an Pfeil und Bogen unter Beweis stellen...

Herrlich stylishe Achtziger-Vampirkomödie zwischen "Fright Night" und "The Lost Boys" und als deren inoffizielles Verbindungsglied beinahe ebenso spaßig. Um noch kurz bei der cineastischen Erbfolge zu bleiben: Dass Tarantinos und Rodriguez' "From Dusk Till Dawn" aus "Vamp" und dessen Grundidee eines lediglich in der Dunkelheit geöffneten, vampirischen Striplokals seine Hauptinspiration bezogen haben wird, sollte selbst aus der obigen Synopse bereits hervorgehen. Allerdings gewinnt "Vamp" noch den berechtigten Originalitätsbonus hinzu. Die im Film ausnahmsweise einmal komplett sprachlose Grace Jones als zuweilen monströse Obervampirin ist grandios und Wenks inflationär eingesetzte, violett-grüne Beleuchtung sieht durchweg stark aus. Ein Film, der vor allem Laune macht und für Genre-Chronisten ein unverzichtbares Dekaden-Mosaikstück.

7/10

Richard Wenk Vampire College Los Angeles Kalifornien Nacht


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FIERCE CREATURES (Fred Schepisi, Robert Young/UK, USA 1997)


"I love zoo too."

Fierce Creatures (Wilde Kreaturen) ~ UK/USA 1997
Directed By: Fred Schepisi/Robert Young

Das neueste Übernahmepaket des milliardenschweren Texaners Rod McCain (Kevin Kline) beinhaltet auch einen kleinen Londoner Zoo, mit dessen Management der Ex-HongKonger-Polizist Rollo Lee (John Cleese) betraut wird. Von vornherein gilt McCain der Zoo als Abschreibungsobjekt, doch der sein neues Umfeld sehr schnell liebgewinnende Rollo und die Tierpfleger lassen sich alles Mögliche einfallen, um ihren Hort zu retten. Als sie auch noch McCains clevere Mitarbeiterin Willa (Jamie Lee Curtis) auf ihre Seite ziehen können, haben sie den Sieg so gut wie in der Tasche.

Angelegt als Jahrestreffen für und Hommage an "A Fish Called Wanda" und seine weltweite Liebhaberschaft muss es jedem der neuerlich Beteiligten von vornherein klar gewesen sein, dass ein weiteres komödiantisches Meisterwerk vom Schlage des großen Vorbild nicht dringewesen sein kann, zumal Charles Crichton nicht mehr zur Verfügung stand. So nimmt sich "Fierce Creatures" dann auch bei weitem nicht so scharfzüngig und schnittig aus wie "Wanda", ist wesentlich kürzer und inhaltlich deutlich kompakter. Seine humoristischen Nuancen sind um einiges freundlicher, er hält jedoch seinen obligaten 'british aftertaste' erfolgreich aufrecht. Das Wichtigste aber: "Fierce Creatures" ist just so liebenswert und putzig wie all die pelzigen kleinen Tierchen, für die Rollo sein Herz entdeckt, er macht Laune und amüsiert vortrefflich. Cleese und Kline in einer brillanten Vater/Sohn-Doppelvorstellung variieren ihre Rollen aus dem "Original" nur geringfügig, Curtis, Palin und die ebenfalls wieder antretenden Maria Aitken und Cynthia Cleese derweil praktizieren lustvoll Oppositionelles. So ist auch "Fierce Creatures" mittlerweile schon so etwas wie ein freudespendender kleiner Klassiker im Schatten.

8/10

Fred Schepisi Robert Young John Cleese London Zoo Texas


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A FISH CALLED WANDA (Charles Crichton/UK, USA 1988)


"I love robbing the English, they're so polite."

A Fish Called Wanda (Ein Fisch namens Wanda) ~ UK/USA 1988
Directed By: Charles Crichton

Ein amerikanisch-britisches Gauner-Quartett, bestehend aus dem manierierten Georges (Tom Georgeson), seinem Schützling Ken (Michael Palin), seiner Geliebten Wanda (Jamie Lee Curtis) und deren heimlichem Liebhaber Otto (Kevin Kline) überfällt einen Londoner Juwelier. Im Wissen um die Verschlagenheit seiner Kompagnons versteckt Georges die Beute in einem geheihemen Schließfach, bevor er, von Wanda und Otto verraten, in Untersuchungshaft landet. Um doch noch an die Beute zu kommen, becirct Wanda den steifen Advokaten Archie Leach (John Cleese), Georges' Verteidiger, mit dem Ziel, dass dieser seinem Mandanten das Diamantenversteck entlocke. Doch dann schlägt die Liebe zu.

Eine brillante Komödie klassischen britischen Zuschnitts, mittlerweile wohl einer der global meistgesehenen Filme überhaupt und somit bekannt (und beliebt) bei Hinz und Kunz. Mit Fug und Recht! Der altehrwürdige Charles Crichton, der damals bereits stolze 77 Lenze auf dem Buckel hatte, inszenierte mithilfe des Co-Autors John Cleese eine ganz wunderbar straighte, oftmals absurde Krimikomödie, die primär von ihren brillanten Situationsgags lebt. Alle vier von Cleese, Curtis, Kline und Palin gespielten Protagonisten, jeder auf seine Weise irgendwann ein Verräter an der persönlichen Existenzmaxime und dazu noch höchst verschlagen, erarbeiten sich einen komödiantischen Ikonenstatus - Curtis erotisch-verrucht, Cleese zwischen bedauerns- und liebenswert umherpendelnd und Kline und Palin ums Beknacktheitsgold wetteifernd. Die Szenen, in denen der stotternde Tierliebhaber Ken die einzige Zeugin (Patricia Hayes) des Bruchs zu beseitigen versucht, dabei jedoch zu seiner eigenen, größten Bestürzung immer nur einen weiteren ihrer Yorkshire-Terrier erwischt, sind jede für sich ein Brillant in der komödiantischen Kaiserkrone der Dekade. Wer erinnert sich nicht mit ankonditioniertem Schmunzeln an Klines Talent, in Fettnäpfchen zu treten und sich mittels typisch amerikanischer Dummdreistigkeit wieder daraus zu befreien oder Cleeses fabulöse Überraschung, als ihm nach einem artistischen Striptease die Nachmieterfamilie seines Liebesnests gegenübersteht? Momente für die Ewigkeit, wie eigentlich der ganze Film. Zudem ein einsamer Höhepunkt gelungener deutscher Synchronarbeit (Arne Elsholtz).

10/10

Charles Crichton London Heist culture clash Courtroom John Cleese


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INNERSPACE (Joe Dante/USA 1987)


"The Tuck Pendleton machine: zero defects."

Innerspace (Die Reise ins Ich) ~ USA 1987
Directed By: Joe Dante

Das Ex-Fliegeras Tuck Pendleton (Dennis Quaid) gilt mittlerweile als ausgebrannt und abgeschrieben, als sich ihm ein neuer Auftrag bietet: Die Teilnahme an einem Miniaturisierungsexperiment, im Zuge dessen Tuck mikroskopisch verkleinert und in die Blutbahn eines Versuchskaninchens injiziert werden soll. Doch eine Gruppe gewissenloser Industriespione platzt mitten in die Versuchsanordnung. Tuck landet nach einer wiulden Hetzjagd versehentlich im Körper des neurotischen Kassierers Jack Putter (Martin Short), kann jedoch via Seh- und Hörkanäle mit seinem sich zunächst wahnsinnig wähnenden Wirt kommunizieren. Gemeinsam macht mit Tucks Freundin Lydia (Meg Ryan) man sich auf die Suche nach den entwedeten Mikrochips, denn Tucks Sauerstoffvorrat reicht nur noch ein paar Stunden...

Wunderbares Werk von Dante, eines seiner schönsten, wie ich gar finde. Besonders die kleinen humorigen, in erster Linie personell gewichteten Spitzen abseits von der massenkompatiblen SciFi-Story, wie sie in den 80er-Werken von Dante und auch John Landis typisch waren, sind es, die "Innerspace" zu einem Volltreffer machen: Kevin McCarthy und sein Husky, Vernon Wells als 'Mr. Igoe', Cameo-Auftritte von Kathleen Freeman und Kenneth Tobey und natürlich die umfassende Besetzung der ewigen Dante-Allstars in vortrefflichen Kurzauftritten und Nebenrollen: Robert Picardo, Henry Gibson, Wendy Schaal und natürlich Dick Miller, allesamt einfach nur exquisit. Leider muss man (wie danach noch einmal in "The 'Burbs") auf Belinda Balaski verzichten. Trotz dieses kleinen Wermutstropfens entpuppt sich "Innerspace" immer wieder aufs Neue als ein quicklebendiges, einziges, großes Happening für Dante- und Genre-Aficionados mit manchmal tollen, manchmal bewusst albernen Effekten, irrwitzigen Verfolgungsjagden und einer spürbaren Portion allseitigen Enthusiasmus'. Herrlichst.

9/10

Joe Dante Steven Spielberg Kalifornien San Francisco Miniaturisierung Industriespionage


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SINGAPORE SLING (Nikos Nikolaidis/GR 1990)


"Now I can smoke."

Singapore Sling ~ GR 1990
Directed By: Nikos Nikolaidis

Ein Privatschnüffler verfolgt die Spur eines verschwundenen Mädchens namens Laura bis hin zu einem feudalen Haus in Seenähe, das von Mutter (Michele Valley) und Tochter (Meredyth Harold) bewohnt wird. Die beiden Frauen, die hier in der Abgelegenheit Serienmord, Paraphilie, Rollenspiele und andere Merkwürdigkeiten in vielen Facetten durchspielen, nehmen den angeschossenen und teils bewegungsunfähigen Detektiv gefangen und taufen ihn aufgrund eines Cocktailrezepts in seiner Tasche 'Singapore Sling'. Der Mann wird zum mehr oder weniger willfährigen Opfer der Perversionen der zwei Frauen, bis er schließlich selbst den Verstand zu verlieren droht.

Ein hochpoetisches Gedicht von einem Film, bedingungslos konsequent in seiner zwischen oberflächlicher und verschlammter Schönheit delirierenden Ästhetik. Man kann den Blick kaum abwenden von all dem Ungeheuerlichen, was Nikolaidis seinem - durchaus elitär anvisierten - Publikum in "Singapore Sling" auftischt. Von grenzpornographischen Bildern über die gegenseitige Besprenkelung mit diversen Körperflüssigkeiten, die Auslebung multipler Fetische bis hin zu harten Gewalteruptionen reicht die Palette seiner Visualitäten. Ein Statement, möglicherweise eine künstlerische Sublimierung tiefverwurzelter, unausgelebter Obsessionen. So schön und zeigefreudig sich die Protagonistin Meredyth Harold auch gibt, Nikolaidis zeigt den Voyeuren unter seinen Zuschauern immer wieder die rote Karte, indem er stimulierend beginnende Szenen durch matschige Hemmungslosigkeiten enterotisiert.
Dabei ist "Singapore Sling" natürlich erst in zweiter Instanz ein transgressives, herausforderndes Kunstwerk, primär bietet er ein Panoptikum von Nikolaidis' umfassender Einflussbasis: Angefangen bei Premingers "Laura", von dem "Singapore Sling" ein Semi-Remake darstellt, über Swing, Chandler, Wyler, Losey, Pasolini, Hopper und Hooper reicht die Skala der vielen Zitatwurzeln, die der auteur hierin abgrast: Eine kompromisslose Fundgrube für offenherzige Filmliebhaber.

9/10

Nikos Nikolaidis film noir neo noir Hommage Transgression Groteske Madness Nacht hardboiled


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RETURN TO SLEEPAWAY CAMP (Robert Hiltzik/USA 2008)


"Your ass stinks!"

Return To Sleepaway Camp (Sleepaway Massacre) ~ USA 2008
Directed By: Robert Hiltzik

In 'Camp Manabe' im beschaulichen Upstate New York geht es drunter und drüber: Der absonderliche Alan (Michael Gibney) ist ein echtes Ekel und zieht, durchaus berechtigt, die Antipathie seiner Mitcamper auf sich. Auch seine unbeholfenen Versuche, sich Freunde zu suchen, gehen stets nach hinten los. Die Abneigung der Anderen schlägt sich bald in Form immer derberer Scherze nieder, bis es plötzlich die ersten Toten gibt. Co-Campleiter Ronnie (Paul DeAngelo) fühlt sich prompt an gewisse Vorgänge von vor 25 Jahren erinnert, als die transsexuelle Angela (Felissa Rose) auf ganz ähnliche Weise in Camp Arawak wütete...

Nach zwei von Michael A., Simpson inszenierten Sequels, in dem Angela von der Springsteen-Schwester Pamela interpretiert wurde, übernahm in 2008 wieder das Urteam und legte einen Spätfolger nach, der dem Original in jeder Hinsicht das Wasser reichen kann. Als wäre seit 1985 kein Tag vergangen, legt sich Hiltzik ins Zeug und schafft einen formal und vor allem atmosphärisch verlustfreien Direktanschluss an seinen witzigen Slasher-Klassiker. Albernster Humor, völlig überzogene Figurenzeichnung, lächerlichste Falschfährtenlegung (Angelas Tarnung als "Sheriff Jerry" ist so ziemlich das Albernste, was man sich vorstellen kann) und Effekte wie anno dazumal sollten wirklich jedem Freund der Ur-Trilogie höchstes, ironisch konnotiertes Vergnügen zusichern. Dass sich hinzukommend noch Isaac Hayes die Cameo-Ehre als 'Chef' (de Cuisine) gibt, dürfte wohl auch den letzten Zweifler überzeugen. 110% approved!

6/10

Robert Hiltzik Sequel Slasher Splatter Feriencamp Independent New York DTV Trash


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YOU'RE NEVER TOO YOUNG (Norman Taurog/USA 1955)


"This is a girls' school!" - "That's why I like it here."

You're Never Too Young (Man ist niemals zu jung) ~ USA 1955
Directed By: Norman Taurog

Weil sie einem gewalttätigen Diamantendieb (Raymond Burr) in die Quere kommen, kommen Mädchenschullehrer Bob Miles (Dean Martin) und Friseurlehrling Wilbur Hoolick (Jerry Lewis) bald ziemlich in die Bredouille. Besonders für den armen Wilbur, dessen Sakko als unfreiwilliges Versteck für den geraubten Klunker herhalten muss, wird es eng. So gibt er sich kurzerhand als Vierzehnjähriger aus und avanciert - zunächst unerkannt - zum Schützling von Bobs Freundin und Kollegin Nancy (Diana Lynn). In der Mädchenschule fühlt sich Wilbur sogar sichtlich wohl, doch der Verbrecher ist ihm auf den Fersen.

Hübsch durchgreschossener Martin/-Lewis-Spaß, der die Ikonographie beider Figuren durch ihre Rollen noch weiter vorantreibt. Lewis als camouflierter, flausenköpfiger Teenager und Martin als Sportlehrer in einer Mädchenschule - das kam fst schon einem Treppenwitz gleich und war darüberhinaus brillantester Metahumor. Dabei war das Duo bereits sichtlich dabei, sich mehr und mehr zu zerstreiten. "You're Never Too Young" zeigt das so anschaulich wie kaum ein anderer Film der beiden; Martin wird des Öfteren zum Opfer von Lewis' fiesen Scherzen, wird von einem Friseurstuhl durch die Gegend geschleudert und sogar noch am Ende, als er bereits sicher vor ihm zu sein glaubt, im Zug überrascht. Ich neige durchaus zu der Überzeugung, dass Martins genervtes und Lewis' vor heimlichem Sadismus leuchtende Gesichter dabei keinesfalls reine Staffage sind. Anyway, Taurogs bester Film um die zwei Entertainer bleibt für mich "Living It Up", wenngleich auch dieser eine buchstäbliche Schau darstellt.

7/10

Norman Taurog Jerry Lewis Slapstick Schule Freundschaft Sidney Sheldon Zug Martin/Lewis





Filmtagebuch von...

Funxton

    Avanti, Popolo

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