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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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CHRONICLE (Josh Trank/USA 2012)


"There's something wrong with Andrew."

Chronicle ~ USA 2012
Directed By: Josh Trank

Drei High-School-Kids, der introvertierte Amateurfilmer Andrew (Dane DeHaan), sein selbstbewusster Cousin Matt (Alex Russell) und der allseits beliebte Footballer Steve (Michael B. Jordan), stoßen im Wald auf ein abgestürztes außerirdisches Artefakt, mit dem sie unvorsichtigerweise Tuchfühlung aufnehmen. Schon am nächsten Tag zeigen sich die ersten Einflüsse des Himmelskörpers: Alle drei Jungen verfügen urplötzlich über telekinetische Fähigkeiten und können Dinge per Gedankenkraft bewegen. Andrew, dem sich besonders Steven nun brüderlich verbunden fühlt, blüht regelrecht auf und tankt durch seine neue Gabe Unmengen an oberflächlichem Selbstbewusstsein. Doch selbst seine sich weiterentwickelnden Fähigkeiten können seine tief verwurzelte Unsicherheit und seine familiären Probleme nicht wettmachen. Nach einigen unerfreulichen Wendungen, denen unter anderem Steve zum Opfer fällt, zieht sich Andrew noch mehr in sich zurück als früher, derweil seine Kräfte immer stärker werden. Schließlich wendet er sich der offenen Kriminalität zu. Als Andrew Amok zu laufen beginnt, kann nur noch Matt ihn aufhalten...

Eine im Grunde archetypische Superheldengeschichte im Gewand des 'embedded filming', wobei speziell diese formale Entscheidung sicherlich streitbar, weil inhaltlich kaum bis gar nicht zu rechtfertigen ist. Zu "Chronicle" gibt es, wie bereits zu "Defendor" und "Super" keine Comic-Vorlage. Die Story basiert auf einem Originalscript von John Landis' Sohn Max, der sich allerdings als überaus materienfirm erweist, speziell im Hinblick auf die moderne Mythologie der multiplen Superheldenkosmen. Im Prinzip kann man sich "Chronicle" bei Nichtkenntnis vorstellen wie eine leidlich weniger existenzphilosophische, juvenilere und pompösere Version von Shyamalans wundervollem "Unbreakable"; am Ende läuft hier wie dort alles auf das universelle Yin/Yang hinaus. Die Welt, so die mehr oder weniger berugigende Kernaussage, benötigt diametrale Größen, um im Gleichgewicht bleiben zu können. Doch bewegt "Chronicle" sich hypothetisch über die klassische Superhelden-Origin hinweg, indem er sich dem Diskurs widmet, welchen Weg ein psychisch schwer lädierter, urplötzlich mit Superkräften gesegneter Junge einschlagen würde, der seine gesamte Umwelt praktisch zeitlebens als quälend und repressiv wahrgenommen hat. Während etwa Peter Parker oder Clark Kent dereinst zwar von pubertären Problemen gebeutelte, junge Männer waren, konnten sie sich doch zumindest auf ein halbwegs stabiles soziales Umfeld stützen und waren somit quasi "Helden aus der Wiege". Andrew Detmer indes avanciert zur fleischgewordenen Nemesis der Menschheit. Auch das ist nicht neu, "Carrie" beispielsweise zeichnete eine nahezu identische Entwicklungsgeschichte nach, bloß eben in Ermangelung des symbolisch gülden gerüsteten Ritters, dessen eigener, schmerzlicher Existenzauftrag am Ende darin liegt, seinen vormals geliebten, bösen Antagonisten unter Aufwendung aller Mittel aufzuhalten.
Als kostümfreie Variante für Superhelden(film)liebhaber sicherlich Pflichtprogramm.

8/10

Josh Trank Max Landis Seattle Superhelden Freundschaft Madness embedded filming


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MISSION: IMPOSSIBLE - GHOST PROTOCOL (Brad Bird/USA, AE, CZ 2011)


"Our media is no more truthful than yours, American."

Mission: Impossible - Ghost Protocol (Mission: Impossible - Phantom Protokoll) ~ USA/AE/CZ 2011
Directed By: Brad Bird

Der durchgedrehte schwedische Atomwaffen-Experte Kurt Hendricks (Michael Nyqvist) ist der Ansicht, dass nur ein umfassender Atomkrieg eine kathartische Reinigung des Globus bewirken kann. Er benutzt eine auf ihn selbst gerichtete Mission des ahnungslosen Ethan Hunt (Tom Cruise), um einen Atomkoffer aus dem Kreml zu entwenden und eine Bombe im Gebäude detonieren zu lassen. Der IMF wird für die Explosion verantwortlich gemacht und offiziell aufgelöst. Hunt und sein Team, bestehend aus Jane Carter (Paula Patton), Benji Dunn (Simon Pegg) und dem hinzustoßenden William Brandt (Jeremy Renner) nehmen unautorisiert und auf eigene Faust die Verfolgung Hendricks' auf, um die Welt zu retten.

Den mit dem letzten, von J.J. Abrams inszenierten Zweitsequel eingeschlagenen Kurs verfolgt Brad Bird, vormals Stammregisseur bei Pixar, konsequent weiter und präsentiert eine neuerliche Hochglanz-Achterbahnfahrt, die das Prinzip des steten 'worst case scenario' zum dramaturgischen Primärstatut erhebt. Immer wieder stellen sich hunt und seinem emsigen Mitarbeitertrio scheinbar unüberwindbare Schwierigkeiten in den Weg, die diesmal primär auf dysfunktionale Technik und menschliches, wenngleich charmantes Versagen der Helden zurückzuführen sind. Natürlich agieren die vier Agenten in letzter Sekunde jeweils hinreichend professionell, um am Ende alles zum Guten zu wenden. Dabei spielen diverse Versatzstücke der bisherigen Filme kleine Rollen: Einbrüche in streng bewachte Festungen, Klettereien in pervers hohen Höhen (diesmal an der Außenfassade des Burj Khalifa) ein "schwebendes Verfahren" in einem Riesencomputer, eine wunderhübsche Heldin. Dazu gibt es einige hübsche personelle Referenzen an die Vorgänger, wobei die um Andreas Wisniewski, der seine Rolle aus dem ersten Film wiederholt, die netteste ist.
Die schwankende Qualität der Bond-Reihe hat das "Mission: Impossible"-Franchise damit mindestens erreicht, wenn nicht gar überboten. Grandioser Eskapismus mit dem permanenten Ruch einer "Playboy"-Lektüre ist das Resultat; audiovisuelle, exklusiv aufgemachte Reizüberflutung vom feinsten für den mondänen Herrn oder den, der ein solcher sein möchte, ohne jedweden intellektuellen Nachhall. Aber eines solchen verweigert sich die Serie ja - mit Ausnahme des ersten Films von De Palma vielleicht - seit jeher a priori, insofern ist alles in bester Ordnung.

8/10

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REYKJAVIK ROTTERDAM (Óskar Jónasson/IS, D, NL 2008)


Zitat entfällt.

Reykjavík Rotterdam ~ IS/D/NL 2008
Directed By: Óskar Jónasson

Kristófer (Baltasar Kormákur), vormals Matrose und Schmuggler, ist auf Bewährung draußen. Sein Geld als Wachbediensteter reicht jedoch hinten und vorne nicht, um eine vierköpfige Familie zu ernähren. Also lässt er sich von seinem betuchteren Kumpel Steingrímur (Ingvar Eggert Sigurðsson) überreden, eine weitere Tour nach Rotterdam und zurück als Alkoholschmuggler durchzuziehen. Dabei hat Steingrímur nur eines im Kopf: Er will Kristófer verpfeifen und so seine frühere Freundin Íris (Lilja Nótt Þórarinsdóttir), die schon seit Jahren mit Kristófer verheiratet ist, zurückgewinnen. Ferner zur Durchsetzung dieses Ziels lässt er Íris und ihre Kinder in Kristófers Abwesenheit von dem Ecstasy-Dealer Eiríkur (Jóhannes Haukur Jóhannesson) terrorisieren. In letzter Sekunde durchschaut Kristófer Steingrímurs böses Spiel.

Gut, einen Originalitätspreis mag Óskar Jónasson für seinen "Reykjavík Rotterdam" nicht eben gewinnen. Der Film ist vielmehr eine recht offensichtliche Nabelschau seiner prägenden Einflüsse: Deutliche, teilweise gar überdeutliche Reminiszenzen an "Once Upon A Time In America", Schroeders "Kiss Of Death"-Remake, Ritchies "Lock, Stock And Two Smoking Barrels" und Refns "Pusher"-Trilogie sind unübersehbar: Eine kleinkriminelle, hierarchisch gegliederte Subkultur entfaltet sich vor dem Zuschauerauge mit einem in Lebensfragen naiven Szeneaussteiger im Mittelpunkt, der jedoch nichts von seiner Profession verlernt hat, hinzu diverse mehr oder minder sympathische Gestalten, Drogenfreaks, Soziopathen und Gewalttäter sowie Subplots um Ecstasyschmuggel und den Raub eines unbezahlbaren Pollock. Doch Jónasson hat - zum Glück - ein großes Herz für seinen Antihelden und lässt ihn am Schluss, nachdem er sämtliche Hindernisse, bis auf sein eigenes Banausentum bezüglich großer amerikanischer Kunst, bravourös überwunden oder umschifft hat, mit seiner Familie glücklich werden. Ein wenig Optimismus tut auch dem Kleingangsterfilm mal ganz gut, speziell seinem spannungsgebeutelten Klienten. So wie Jónassons ganzer Film eine frische, gediegen komische Windböe im europäischen Genrekino darstellt. Wie erwähnt nicht sonderlich innovativ, aber doch blendend unterhaltend.

8/10

Familie Madness Óskar Jónasson Island Reykjavík Rotterdam Schmuggel Seefahrt


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LUST FOR GOLD (S. Sylvan Simon/USA 1949)


"You never loved me, you just loved my gold. You can have it all."

Lust For Gold (Der Berg des Schreckens) ~ USA 1949
Directed By: S. Sylvan Simon

Der junge Barry Storm (William Prince) weiß um einen Goldschatz, den sein Großvater Jacob Walz (Glenn Ford) rund sechzig Jahre zuvor in einem nahezu unauffindbaren Versteck in einem Bergmassiv Arizonas in Besitz genommen hat und begibt sich auf die Recherche danach. Schon seit damals hat die Suche nach dem Gold viele Todesopfer gefordert, darunter einige, die auf das Konto eines geheimnisvollen Scharfschützen gehen. So ist überhaupt die gesamte Geschichte des Schatzes blutbefleckt. Schon Jacob hat einst kaltblütig seinen Partner (Edgar Buchanan) erschossen, um das räuberisch erworbene Gold für sich allein zu haben. Später ist ihm die unheilige Beziehung zu der gierigen Julia (Ida Lupino) selbst zum Verhängnis geworden. Und nun steht Barry mitten im Visier des Heckenschützen...

Eine seltene, dafür umso schönere Melange aus Western und film noir, die besondere Effektivität dadurch erhält, dass sie ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen erzählt. Die Virtuosität späterer Regisseure, die Gegenwart und Vergangenheit auch direkt gegeneinander montierten und so ein höheres Maß an Komplexität erreichten, bringt "Lust For Gold" noch nicht auf, die Szenen um Barry bilden die narrative Klammer, während Jacobs Geschichte in Form einer geblockten, zentral gelegenen Rückblende erzählt wird. Jene bildet zugleich das unumwundene Herzstück des Films: Glenn Ford als ruchloser, der Goldgier verfallener Loner ist dabei in einer seiner vollendetsten Leistungen zu sehen, ähnliches gilt für die tolle Ida Lupino. Eines der großen, unbesungenen Paare der Kinogeschichte, die sich verdient, gefunden und infolge ihrer jeweils argwöhnischen Natur aus gegenseitigem Misstrauen heraus zerstört haben. Irgendwo im Dunklen, hinterm Vorhang, warten sie darauf, wiederentdeckt zu werden.

8/10

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A PRAYER FOR THE DYING (Mike Hodges/UK 1987)


"There's no reason for killing or dying anymore."

A Prayer For The Dying (Auf den Schwingen des Todes) ~ UK 1987
Directed By: Mike Hodges

Nachdem bei einem seiner Anschläge ein vollbesetzter Schulbus statt des ursprünglich anvisierten Militärkonvois explodierte, ist der vormalige IRA-Profikiller Martin Fallon (Mickey Rourke) auf der Flucht vor seinen vormaligen Gesinnungsgenossen (Liam Neeson, Alison Doody). In London nötigt der Gangsterboss Meehan (Alan Bates) Fallon dazu, als Finaljob einen seiner Konkurrenten auszuschalten. Doch Vater Da Costa (Bob Hoskins) wird zufällig Zeuge des Auftragsmords. Um seine polizeiliche Aussage zu verhindern und ihn nicht auch noch töten zu müssen, lässt Fallon sich von dem Geistlichen die Beichte abnehmen. Für Meehan reicht diese "Sicherheit" jedoch nicht aus.

Nicht ganz das, was er hätte sein können, bleibt "A Prayer For The Dying" trotz seiner denkbar guten Voraussetzungen an der Oberfläche haften. Ungeachtet des emotional betrachtet grundsätzlich durchaus intensiven, involvierenden Themas gelingt es Hodges nicht, den schweren Gewissenskonflikt Martin Fallons wirklich transparent werden zu lassen. Insbesondere die filmische Einführung seiner Figur ist dafür verantwortlich: Gleich zu Beginn des Films lernt man den Protagonisten als verzweifelten, fragilen Angstpatienten kennen, nicht jedoch als den gefürchteten, dutzendfachen Killer, als der er im weiteren Verlauf des Films immer wieder beschrieben wird. Umso brüchiger der vorgestellte Schuld-/Sühne-Komplex. Martin Fallon, von Mickey Rourke in seiner ihm damals typischen Art des stets situativ Überlegenen interpretiert, will sich nie ganz in seine Präambel als dreidimensionale Figur einfügen. Den wesentlich dankbareren, weil greifbareren Part hat Bob Hoskins erhalten, zu dieser Zeit ohnehin einer der vorrangigen britischen Darsteller. Seine Interpretation des vormaligen Killers von staatlicher Legitimation, der den "Absprung" nur durch seine Hinwendung zur Geistlichkeit bewältigen konnte, verleiht "A Prayer For The Dying" erst seinen rechten Glanz.

7/10

Mike Hodges Irland London IRA Terrorismus Kirche Jack Higgins


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FOXY BROWN (Jack Hill/USA 1974)


"I don't know... vigilante justice?" - "It's as American as apple pie."

Foxy Brown ~ USA 1974
Directed By: Jack Hill

Für Foxy Brown (Pam Grier) gibt es nur noch eines: Vergeltung. Nachdem Foxys nutzloser Bruder Link (Antonio Fargas) ihren Lover Michael (Terry Carter), der sich just als vormaliger Uncercover-Cop zur Ruhe setzen wollte, an die Gangsterchefin Katherine Wall (Kathryn Loder) verpfiffen hat, wird Michael auf offener Straße hingerichtet. Als Prostituierte getarnt, infiltriert Foxy die sauberen Kreise der Miss Wall und räumt nach ersten Rückschlägen gnadenlos alles beiseite, was sich ihr in den Weg stellt.

Ein grandioser Blaxploiter mit allem, was dazu gehört und vielleicht noch ein wenig mehr. "Foxy Brown" erfüllt nicht bloß Klischees, er kreiert sie auf denkbar aktive Weise mit; etwa unter Aufwändung des treibendenm pseudo-feministischen Elements der schwarzen Superfrau, die sich einer geschmeidigen, sexuell unersättlichen und tödlichen Pantherkatze gleich durch die Reihen ihrer zumeist weißen Widersacher bewegt und unvermittelt zuschlägt. Man lernt zudem viel über das intraethnische geschlechtliche Selbstverständnis dieser Zeit, das eine selbstbestimmte Frauenfigur im Prinzip auch nur solange zuließ, wie diese sich an die virilen Bettqualitäten eines männlichen Gegenparts klammerte: in einer vielsagenden Szene räumt Foxy in einer Lesbenspelunke auf und bearbeitet die verachtenswerten Mannsweiber mit Barhockern. Soviel zum Thema Emanzipation. Später werden ihre Gegner zuvorderst erschossen, jedoch auch auf exotischere Arten liquidiert: Zwei werden verbrannt, einer von einem Frontpropeller zerfetzt. Die Hauptgegnerin allerdings bleibt, unter Foxys denkbar größtmöglicher Erniedrigungsstrategie, am Leben, nachdem sie Foxys Mitbringsel inspiziert hat: Die abgeschnittenen Genitalien ihres Liebhabers (Peter Brown). 'Quid pro quo', allerdings mit etwas mehr 'quid' als nötig.
Pam Grier ist wie gemacht für diese Art niederträchtigen Racheengel-Spektakulums, das zeigt sich besonders anhand des großartigen Kleinods "Foxy Brown". I love it.

8/10

Jack Hill Blaxploitation Exploitation Los Angeles Rache Prostitution Drogen Heroin


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T-MEN (Anthony Mann/USA 1947)


"These are the six fingers of the Treasury Department fist. And that fist hits fair, but hard."

T-Men (Geheimagent T) ~ USA 1947
Directed By: Anthony Mann

Um einen landesweit operierenden Falschmünzerring dingfest zu machen, schickt das Schatzamt die zwei Agenten O'Brien (Dennis O'Keefe) und Genaro (Alfred Ryder) undercover ins Feld. Geschickt schleichen sie sich in die Reihen der misstrauischen Kriminellen ein, deren Hauptsitz in Los Angeles liegt. Schließlich fliegt Genaros Tarnung auf und er wird erschossen. Für O'Brien ein persönlicher Grund mehr, die Sache zum Abschluss zu bringen.

Mit dokumentarischer Genaugkeit ohne Vernachlässigung der atmosphärischen Sujet-Qualitäten ging Anthony Mann für "T-Men" zu Werke. Unterhaltungsfilme, die zur damaligen Zeit Exekutiv-Organisation wie das FBI oder in diesem Falle das Schatzamt zum Thema hatten, stellten zugleich allerdings auch immer ein Stück PR-Arbeit für die entsprechende Institution dar. Im Prolog von "T-Men" hält der echte Schatzbeamte Elmer Lincoln Irey eine trockene Einführungsrede über die unnachgiebige, heroische Arbeit seiner Kollegen, derweil sich der Film im weiteren Verlauf narrativ an den regelmäßigen Kommentaren eines Off-Sprechers (Reed Hadley) entlanghangelt. Manns versierte Regie im Verbund mit der brillanten Kameraarbeit des großartigen John Alton machen jene verbalen Orientierungspunkte vollkommen überflüssig und lassen sie retrospektiv hoffnungslos naiv erscheinen. Unter dem kunsthistorischen Aspekt, dass sie zur Repräsentanz der Werksoriginalität eben unentbehrlich sind, lassen sie sich jedoch ertragen. Es bleibt aber eine unabdingbare Tatsache, dass "T-Men" ohne jene Einspieler, die ihn ungerechterweise zu einer partiellen Werbeplattform für den US-Polizeiapparat machen, als wichtiges, ja, visionäres Werk mit wesentlich höherem Popularitätsgrad Bestand hätte.

8/10

Anthony Mann film noir Detroit Los Angeles Falschgeld undercover


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GRAVEYARD SHIFT (Ralph S. Singleton/USA 1990)


"Another lesson necessary?"

Graveyard Shift (Nachtschicht) ~ USA 1990
Directed By: Ralph S. Singleton

Der Tramp John Hall (David Andrews) kommt in eine Kleinstadt, deren Bewohner fast durchweg von der Arbeit in einer ortsansässigen, von dem patriarchalisch auftretenden Mr. Warwick (Stephen Macht) geleiteten Baumwollspinnerei leben. Besonders unbeliebt ist die Nachtschicht, während der die heiß laufende Hauptmaschine bedient werden muss. Für diese wird John zunächst angestellt und macht sogleich Bekanntschaft mit der Unzahl der die unterirdischen Tunnel bewohnenden Ratten, mit denen selbst ein eigens angestellter Kammerjäger (Brad Dourif) nicht fertig wird. Um Kosten zu sparen, lässt Warwick einige seiner Leute, darunter auch John, während der Urlaubswoche um den 4. Juli zur Grundreinigung antreten. Dabei stößt man nicht nur auf die unliebsamen Ratten, sondern auch noch auf etwas ungleich Größeres...

Im Zuge des Adaptionswahns king'scher Literatur erblickte auch seine früh entstandene Kurzgeschichte "Graveyard Shift" ihre eigenwillige Leinwandgeburt, allerdings unter einiger Kritik des Autors, der sich in Singletons Werk - seinem einzigen fürs Kino - par tout nicht wiederfinden mochte. Gut, der Film hat seine Ecken und Kanten; so wird niemals gänzlich ersichtlich, welche Kenntnis der mysteriöse Warwick wirklich über die Vorgänge unterhalb seines Werks besitzt; ob er um die dort hausende, monströse Kreatur weiß, ihr vielleicht sogar bewusst Opfer zuschanzt, oder ob er doch bloß ein heimlicher Antiheld ist. Ähnliches betrifft die völlig unausgearbeitete Figur des John Hall, offenbar ein Mann "mit Vergangenheit" - nur mit welcher, das erfährt man nicht. Bleiben schließlich ein paar hübsche Matschszenen sowie das leider nur in Teilen sichtbare, in diesen Teilen aber tolle Monster, ein übermannshoher, schleimiger Hybrid aus Ghoul, Ratte und Fledermaus mitsamt Flügeln, Krallen und Schwanz, grausligem Geschrei und unersättlichem Appetit. Dieser Bursche reißt natürlich einiges wieder raus.
Die deutsch synchronisierte Fassung ist insofern lohnenswert, als dass Stephen Macht, der in seiner Rolle als Warwick exakt wie Christian Brückner aussieht und darüberhinaus klugerweise auch dessen wunderbar sonores Organ spendiert bekam. Macht Laune.

6/10

Ralph S. Singleton Monster Ratten Fabrik Stephen King Maine


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THE FINAL TERROR (Andrew Davis/USA 1983)


"I'm not stoned..."

The Final Terror (Angst - Das Camp des Schreckens) ~ USA 1983
Directed By: Andrew Davis

Ein paar junge Förstergesellen wollen zusammen mit einer Mädchenclique einen Wander- und Raftingtrip in die Entlegenheit der Wälder wagen. Schon auf dem Hinweg entpuppt sich ihrer garstiger, dauerverspotteter Kollege Eggar (Joe Pantoliano) als nicht ganz richtig im Kopf. Dazu passt Boones (Lewis Smith) Geschichte von einer dereinst vergewaltigten Frau, die einen Sohn geboren haben, nicht mehr ganz dicht sein und seit Jahren durch die Wildnis streifen soll, wie Arsch auf Eimer. Tatsächlich lässt, nachdem Eggar die anderen sitzen lässt, der erste Mord nicht lange auf sich warten und die Gruppe sieht sich einem terrainkundigen Gegner ausgesetzt, der es auf sie abgesehen hat...

Passabler Backwood-Horror, der etwas zahm und ohne großen Zirkus zu veranstalten, daherkommt. Was ihn mit dem Rest der Slasherwelle dieser Zeit verbindet, ist die Tatsache, dass hier Namen am Werk waren, die bald darauf eine ungemein größere Popularität erlangten und "The Final Terror" sicherlich wenn überhaupt, dann bestenfalls als Fußnote in ihrem persönlichen Portfolio erwähnt wissen wollten: Neben dem Regisseur Andrew Davis treten die erwähnten Pantoliano und Smith sowie an der weiblichen Front Rachel Ward und Daryl Hannah an. Ein großes Hallo haben wir hier also. Immerhin ist Davis' Film nicht ganz so blutrünstig wie das Gros jenes Subgenres; es geschehen sogar vergleichsweise wenig Morde, deren Kontext den damals üblichen, reaktionären Impetus atmet - unehelicher Sex im Wald, das konnte seinerzeit kein Wahnsinniger auf sich sitzen lassen. Immerhin bleiben die Drogenkonsumenten verschont.

5/10

Andrew Davis Slasher Wald Backwood


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THE RECKLESS MOMENT (Max Ophüls/USA 1949)


"When you're seventeen today, you know what the score is."

The Reckless Moment (Schweigegeld für Liebesbriefe) ~ USA 1949
Directed By: Max Ophüls

Um ihrer minderjährigen Tochter Bea (Geraldine Brooks) einen kompromittierenden Skandal zu ersparen, lässt sich die Hausfrau Lucia Harper (Joan Bennett) auf eine niederträchtige Erpressung ein. Bea hatte ihren deutlich älteren Freund (Shepperd Strudwick), den windigen Kunsthändler Ted Darby, im nächtlichen Streit niedergeschlagen, woraufhin dieser auf einen Anker gefallen und gestorben ist. Lucia hat daraufhin die Leiche des Mannes verschwinden lassen. Nun sind jedoch zwei Gauner, Donnelly (James Mason) und Nagel (Roy Roberts) in den Besitz kompromittierender Liebesbriefe gekommen, die eine Verbindung zwischen Bea und Darby nachweisen. Donnelly verlangt 5000 Dollar von Lucia für die Briefe, doch diese Summe ist für sie schwer aufzutreiben. Als Donnelly sein Opfer und dessen Familie besser kennenlernt, wandelt sich seine Gier in einen regelrechten Beschützerinstinkt, der zum konflikt mit seinem Partner führt...

Exzellent komponiertes Noir-Drama von Ophüls, eine Art "Brief Encounter" im Kriminalgewand, das sich trotz seiner potenziell rührseligen Geschichte allerdings jedes vorgebliche Pathos versagt und durch seine immens konzentrierte Struktur bis zum Ende fesselt.
Vom 'Stockholm-Syndrom' haben die Meisten ja schon gehört, dabei verlieben sich Kidnapper und Geisel ineinander. Doch es gibt offenbar noch exotischere Spielarten kriminell konnotierter Opfer-Täter-Beziehungen: In "The Reckless Moment" erwächst eine (unerfüllte) Liebesbeziehung zwischen Erpresser und Erpresster, die sich aus beiderseitiger Einsamkeit speist. Lucias Ehemann ist unentwegt auf Geschäftsreise und lässt seine Familie sogar zu Weihnachten allein; Donnelly ist mit seiner Schattenexistenz als Verbrecher längst unzufrieden und sehnt sich nach Heim und Geborgenheit. Dass sich diese zwei losen Menschen ausgerechnet unter solch widrigen Umständen begegnen müssen, mutet besonders gegen Ende, als sie sich näherkommen und der Zuschauer mit ihnen die moralischen Schranken ihrer eingekesselten Existenzen hinter sich gelassen hat, regelrecht unfair an, ändert jedoch natürlich nichts an der grundsätzlichen Liebenswürdigkeit und vollkommenen Schönheit dieses Films.

9/10

Max Ophüls Kalifornien Erpressung Familie amour fou





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Funxton

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