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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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WET HOT AMERICAN SUMMER (David Wain/USA 2001)


"You taste like a burger. I don't like you anymore."

Wet Hot American Summer ~ USA 2001
Directed By: David Wain

Es ist der letzte Sommertag in Camp Firewood und es gibt noch eine Menge Dinge zu klären, diverse Romanzen zu beenden oder neu zu beginnen, Outings anzubringen, Traumata zu überwinden, eine Talentshow zu bestehen und ein Stück NASA-Satellit abzulenken.

Gleichermaßen Hommage an und Parodie auf den klassischen amerikanischen Feriencamp-Film Marke "Meatballs" ist "Wet Hot American Summer" immer noch eine ganze Ecke cleverer und liebenswerter als all die grausamen, einst mit "Scary Movie" gestarteten ZAZ-Nachzieher, deren widerwärtig kalkulierte Halbgescheitheit mittlerweile selbst der dümmste Zuschauer erkannt haben sollte. Wains Film hat es gar nicht nötig, Szenen aus erfolgreicheren Vorbildern zu parodieren, er nimmt lieber gleich das Subgenre in seiner Gesamtheit auf die Pike. "Wet Hot American Summer" lebt dabei vor allem von zwei herrlichen Grundideen: Zum einen überspitzt Wain ganz einfaches jedwedes tradierte Personen- und Handlungsklischee aus den Sommercampfilmen wahlweise grenzenlos oder verkehrt es gleich komplett ins Gegenteil (wobei die visuelle Darstellung jeweils ganz bewusst althergebrachte Betrachtungsnormen attackiert und den Film somit zum Albtraum eines jeden gemütlichen Familienfilmabends macht; eine waschechte Pornoszene leider als einziges Versäumnis exklusive), zum anderen ist das Spiel mit Erzähl- und erzählter Zeit, oder zumindest das, was als solche deklariert wird, geradezu inkommensurabel. Da wird ein grenzenloser Drogenexzess samt Ausnüchterung in eine Stunde gepackt oder ein umfassendes Coming-Of-Age-Training in fünfzehn Minuten. Nicht jeder Gag ist durch die Bank gelungen, immerhin jedoch bekommt die Bezeichnung "Flachwitz" bei Wain quasi eine ganz neue Bedeutung.

7/10

David Wain Massachusetts Groteske Parodie Alkohol Drogen Feriencamp Ferien Homosexualität period piece


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NEW KIDS NITRO (Steffen Haars, Flip Van der Kuil/NL 2011)


Zitat entfällt.

New Kids Nitro ~ NL 2011
Directed By: Steffen Haars/Flip Van der Kuil

Der Maaskantjer Superasi Richard (Huub Smit) und seine Kumpels geraten stets aufs Neue in Streitigkeiten mit dem aus der Nachbarstadt Schijndel stammenden Dave (Guido Pollemans) und dessen Truppe. Während die Streitigkeiten sich immer mehr hochschaukeln, schlägt in Friesland ein Meteor ein, der sämtliche Leute dort in Zombies verwandelt. Leider bekommt Richard, der keine Nachrichten sieht, davon nichts mit, denn als Dave anfängt, seine Mutter (Juul Vrijdag) zu bedrohen, schickt er sie just zum Urlaub nach Ameland. Bald erfolgt der zu erwartende Hilferuf via Handy und die New Kids eiern, sogar mit Daves Hilfe, nach Friesland, um dort den Kampf gegen die Untoten aufzunehmen.

Mit großer Fabulierfreude und dem Mut zur narrativen Transzendierung (den erzählerischen Rahmen bieten zwei sich den Film im Kino anschauende "New Kids"-Fans, die nicht minder unterbelichtet sind als ihre Kultobjekte) schreiten die selbst als zwei Fünftel der New Kids auftretenden Steffen Haars und Flip Van der Kuil dazu, unser Heldenquintett diesmal nicht nur gegen die nicht minder verblödeten Prolls aus Schijndel antreten zu lassen (zur weiteren Darstellung eherner niederländischer Territorialansprüche taucht allenthalben noch eine dritte Clique aus Woensel auf, die die Jungs aus Maaskantje und Schijndel in ihrem Duellierungswahn jedoch nicht ernst nehmen), sondern auch gegen eine Zombie-Übermacht an der Nordseeküste. Wie für jedes Problem findet sich natürlich auch hier flugs eine Patentlösung. Ein Rennen zwischen dem Autoprofi Rikkert (Wesley van Gaalen) auf Manta GT und einem Zombieopa (Jasper de Groot) auf Ford Capri regelt die Sache gütlich: Die Zombies werden in einen Viehtransport verladen und auf die Reise geschickt. Wohin, das interessiert keinen, und ist auch egal. Eine Menge lustiger, guter, schmutziger Spaß also mal wieder mit den New Kids, die diesmal mit besonderer Vorliebe die lieben Kleinen attackieren oder sich im Wechsel mit den köstlich frittierten Imbissspezialitäten von Gerris Vater an der schlampigen Deborah (Juliette van Ardenne) laben, die sich trotz Hochschwangerschaft unentwegt Bier reinhaut. Vorzüglich.

8/10

New Kids Steffen Haars Flip Van der Kuil Sequel Niederlande Zombies Meteor Satire Groteske


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NEW KIDS TURBO (Steffen Haars, Flip Van der Kuil/NL 2010)


"Godverdomme."

New Kids Turbo ~ NL 2010
Directed By: Steffen Haars/Flip Van der Kuil

Der blonde Vokuhilaträger und Mantafahrer Richard (Huub Smit), stolzer Einwohner des beschaulichen Städtchens Maaskantje, staunt nicht schlecht, als er und seine Kumpels im Zuge der Wirtschaftskrise aus ihren Jobs gefeuert werden und künftig von der Stütze leben sollen. Aber warum nicht - Geld kriegen ohne dafür was tun zu müssen ist doch geil. Nur dumm, dass die Penunze nach ein paar Bier- und Chipseinkäufen schon aufgebraucht ist. Eine harsche Attacke auf den zuständigen Beamten bringt die Jungs auch nicht weiter, im Gegenteil: Jetzt gibt's gar nichts mehr vom Staat, stattdessen kassiert man Handy, Auto, Strom - und somit jedwede Existenzgrundlage. Unterstützt von einem TV-Dokumentationsteam und der öffentlichen Meinung hilft da nurmehr anarchische Gegenwehr: Man klaut, was man braucht. Das lässt sich das holländische Verteidigungsministerium jedoch nicht gefallen; das entfesselte Maaskantje wird zum geplanten Ziel eines Raketenangriffs, dem jedoch das Nachbarstädtchen Schijndel zum Opfer fällt. Kurzerhand besorgen die New Kids sich ein ganzes Arsenal Wehrmachtswaffen aus dem Zweite Weltkrieg und treten den Kampf gegen die Regierungstruppen an.

Von meinem lieben Freund Oliver Nöding, seit Jüngstem erklärter Fan des vorliegenden Epos, fand ich mich gestern mit der notwendigen Behutsamkeit in den höchst bizarren Mikrokosmos der "New Kids" eingeführt, die bis dato weitestgehend an mir vorüberoszilliert waren, vornehmlich wohl, weil mir das reichlich obsolete Erscheinungsbild des Quintetts stets suspekt erschien. "Für Manta-Witze", so in etwa mein durch rein optische Eindrücke evozierter Gedankengang, "ist die Zeit doch wohl längst abgelaufen". Weit gefehlt: Diese fünf Herren (wobei, die New Kids als "Herren" zu titulieren käme einer unverschämten Beleidung eines jeden echten Herrn gleich), waschechte Repräsentanten des westeuropäischen Bildungs-Sub-Sub-Prekariats, markieren tatsächlich so etwas wie einen bärbeißigen Kommentar zur Ellbogenökonomie unserer Zeit. Mithilfe ihrer weitestgehend ausgehöhlten Verstandesblitze reagieren die New Kids auf die urplötzlich anberaumte monetäre Bevormundung des Staates und nehmen sich einfach so, was sie brauchen - ohne zu fragen und mit Fressepolieren. Die sozialkritisch-satirische Dimension dieses pseudopolitischen Existenzstatements ist sicherlich prinzipiell unangreifbar - im Gegensatz möglicherweise zu den garantiert grellen, geschmacklosen und zu geiferndem Gröhlen geeigneten Parawitzen, die das Ganze flankieren und die böse Zungen als "eigentlich doch vollkommen unnötig" verdammen mögen. Niemand in unserer schönen neuen Kapitalismuswelt, am Allerwenigsten die ohnehin Schutzlosen wie kleine Kinder, Schwangere, Behinderte und ethnische Randgruppen, ist sicher vor dem scharf verschossenen Denunzierungsfeuer von Haars und Van der Kuil. Stattdessen eröffnen sie dem allseits beliebten Reservoir politischer Unkorrektheit sogar ganz neue Welten und versäumen es dabei nicht, bei aller rezeptorischen Übersteuerung zum Nachdenken anzuregen.

8/10

New Kids Niederlande Flip Van der Kuil Groteske Satire Steffen Haars


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THE TERMINAL (Steven Spielberg/USA 2004)


"Do you have an appointment?"

The Terminal ~ USA 2004
Directed By: Steven Spielberg

Der Krakhozianer Viktor Navorski (Tom Hanks) kommt nach New York, um seinem Vater posthum einen Wunsch zu erfüllen. Ein während seines Fluges stattfindender Putsch in seinem Heimatland sorgt jedoch dafür, dass Navorski als Staatenloser in den USA landet. Somit ist er nicht befugt, das Terminal Richtung Innenstadt zu verlassen. Als Opfer der bizarren Bürokratie des Sicherheitschefs Dixon (Stanley Tucci) sitzt Navorski fortan eine halbe Ewigkeit im Terminal fest wie in einem Gefängnis. Sein unbefangenes und freundliches Wesen, das Dixon ein ums andere Mal die Nerven kostet, erleichtert ihm seinen unvorgesehen langwierigen Aufenthalt jedoch ungemein.

Die Botschaft von "The Terminal" ist so universell wie naiv: Mit reiner Freundlichkeit und hinreichend Sitzfleisch erreicht man alles, was man möchte. Als bereits zu seinem Entstehungszeitpunkt charmant verjährte Komödie in der Tradition klassischer Genrefilmer wie Lubitsch, Sturges und Capra hatte und hat es "The Terminal" offenbar nicht leicht, einen gegenwärtigen Anhängerstamm aufzubauen. Der unverhohlene Revisionismus des Films wird vielerorts als Kitsch und Kalkül gedeutet. Ich bin mir nicht sicher, welche Sicht näher an der Wahrheit liegt - letzten Endes ist mir das aber auch relativ gleichgültig, schließlich muss ich den Film mögen und nicht die anderen. Vielleicht hilft eine vorsichtige Übertragungsstrategie: Man stelle sich "The Terminal" in schwarzweiß vor, Jimmy Stewart als Navorski, Claudette Colbert als seine Angebetete Amelia und Lionel Barrymore als den verklemmten Bürokratenfurz Frank Dixon (nebenbei eine hübsche Orwell-O'Brien-Reminiszenz). So bekommt der Film gleich eine rundum komfortablere Konnotation. Außerdem hat er den ganz wunderbaren Kumar Pallana als altes Putzfaktotum Gupta. Pallana, der zeitweilig zu Wes Andersons Hauspersonal zählte, spielt hier praktisch nochmal dieselbe Rolle wie in "The Royal Tenenbaums", wo er als Royals leicht paralysierter Diener Pagoda zu sehen ist. Allein seine kleine Kunststückchen während Viktors und Amelias Abendessen sind pures Gold.

8/10

Steven Spielberg Flughafen Satire New York Migration Jazz


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CATCH ME IF YOU CAN (Steven Spielberg/USA, CA 2002)


"I love my job."

Catch Me If You Can ~ USA/CA 2002
Directed By: Steven Spielberg

New York, 1964: Die Scheidung des Ehepaars Abagnale (Nathalie Baye, Christopher Walken) führt dessen Filius Frank Jr. (Leonardo Di Caprio) auf die Skrupellosigkeit der Finanzämter zurück, die seinen Vater in den Konkurs getrieben haben. Mit sechzehn Jahren reißt Frank von zu Hause aus, stets den großen, naiven Plan im Blick, viel Geld zu machen um so die Beziehung seiner Eltern zu kitten. Daraus wird bald eine kriminelle Karriere. Frank lernt rasch, dass Kleider Leute machen und wird darüber hinaus nach und nach zum Hochstapler und professionellen Scheckbetrüger, der sich falsche Ämter als Pilot, Kinderazt und Anwalt ergaunert, bis er von seinem emsigen Verfolger, dem FBI-Agenten Hanratty (Tom Hanks), irgendwann in Frankreich geschnappt werden kann.

Gepflegtes Unterhaltungskino, das mit seiner Darstellung fast intimer, fragiler Menschlichkeit auf den ersten Blick so gar nicht zu Spielbergs jüngerem Bombastkino passen will. Dann jedoch kommen wieder die oftmals verwendeten Motive zum Vorschein, hier freilich unter etwas umgedrehten Vorzeichen. In den Personen der naiven Träumer Vater und Sohn Abagnale findet sich nachgerade etwas von Spielbergs eigener Persönlichkeit wieder und der Topos 'Familie' präsentiert sich unter umgekehrten Vorzeichen, nämlich im Begriff des Bruchs statt wie bisher in seiner konsolidierenden Ausformung, sowie, ergänzend dazu, die Hilflosigkeit im Umgang mit dem Unausweichlichen. Frank Abagnale Sr. (Christopher Walken in einer seiner exzellentesten Darstellungen) durchlebt seinen sozialen Niedergang unter stoisch tapferer Realitätsleugnung; nicht er würde sukzessive vom System zerbrochen, sondern wäre letzten Endes derjenige, der die Behörden permanent an der Nase herumführe. Als sein Filius irgendwann diese mangelnde Fähigkeit zur Selbsteinschätzung begreift, ist er in seinen eigener Welt längst zum monströsen, kriminellen Äquivalent seines Vaters herangereift, zu einem, der seine lausbübischen Aktivitäten über die Rache am System rechtfertigt; tatsächlich jedoch bitterlich vereinsamt und schließlich ausgerechnet in seinem offiziellen Häscher einen Ersatzvater findet.
Ein genauerer Blick auf die personelle Konstellation verrät also doch Spielbergs gesteigertes Interesse an diesem Stoff und er hat einen für seine Verhältnisse äußerst unverkrampften, leichten und wohlfeil konsumierbaren Film daraus gemacht, der vor allem auch seine eigenen, in ständiger Weiterewegung befindlichen Lernprozesse als Filmemacher verdeutlicht.

8/10

Steven Spielberg period piece Historie Biopic FBI Familie New York Ehe


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DO THE RIGHT THING (Spike Lee/USA 1989)


"Hey Sal, how come there ain't no brothers on the wall?"

Do The Right Thing ~ USA 1989
Directed By: Spike Lee

Ein siedend heißer Sommertag in einem hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Block in Brooklyn, an dem ohnehin schon permanent die Emotionen hochkochen, endet mit polizeilicher Gewalt und der blindwütenden Zerstörung der eigentlich stets als hiesige Institution betrachteten Pizzeria des Italoamerikaners Sal (Danny Aiello).

Kurze Unterbrechung der Spielberg-Schau. Ein sehr guter Freund fliegt am nächsten Wochenende nach New York und wollte daher gern zwei nicht ganz alltägliche Filme über die Stadt sehen. Meinerseits nicht ganz uneigennützig suggeriert blieben wir dann bei einer Spike-Lee-Dublette hängen.
Dieses opus magnum des zumindest ehedem als recht unbequem eingestuften Regisseurs dürfte wohl sein hervorstechendstes Werk sein. Mit einer großartigen Besetzung im Rücken schuf Lee eine gnadenlos durchstilisierte Parabel über den Zusammenstoß der Ethnien. Begünstigt durch das unerträglich heiße Klima an diesem Tag kochen die lange schwelenden Konflikte hoch, bis man eine Notgemeinschaft bildet, um dem einzigen echten Alien in dieser Ecke der Stadt die Meinung zu geigen - allerdings auf eine wenig existenzfördernde Art. Wer Lee seiner teilweise unbedachten Aussagen zum Trotz als farbigen Rassisten oder Radikalen bezeichnet, der sollte sich "Do The Right Thing" als Antidot genehmigen. In einer blendend hellsichtig geschriebenen Mischung aus Realitätsbeobachtung und Klischeenutzung berichtet der Film über die bildungsferne Kurzsichtigkeit der Ethnien, deren nach außen gerichtete Arroganz kaum Hoffnung auf bessere Tage zulässt. Am Ende erfolgt ein aus blinder Aggression heraus erwachsener, weiterer Schritt zur Selbstghettoisierung: Zwar schmeckt die Pizza der weißen Spaghettis hervorragend, aber andererseits sind diese Leute hier fehl am Platze und sollen lieber verschwinden. Dass man ein paar Tage später wieder zur Besinnung kommen und Sal und seinen Söhnen (John Turturro, Richard Edlund) schwer nachtrauern wird, steht ebensowenig außer Frage wie die Tatsache, dass der koreanische Krämer an der Ecke nicht minder gefährdet ist.
Ein vor Vitalität und leicht verhohlener Menschenliebe strotzendes Meisterwerk.

10/10

Spike Lee Ernest Dickerson New York Ethnics Sommer Ensemblefilm Rassismus


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THE SUGARLAND EXPRESS (Steven Spielberg/USA 1974)


"We're in real trouble."

The Sugarland Express ~ USA 1974
Directed By: Steven Spielberg

Das White-Trash-Pärchen Lou Jean (Goldie Hawn) und Clovis Poplin (William Atherton) mag sich nicht damit abfinden, dass ihr kleiner Sohn Langston (Harrison Zanuck) bei Pflegeeltern aufwächst. Also befreit Lou Jean Clovis kurzerhand aus der Besserungsanstalt. Gemeinsam kapern sie einen Streifenwagen mitsamt unglückseligem Fahrer (Michael Sacks) und machen sich auf den Weg quer durch den Stadt nach Sugarland, um Langston abzuholen. Die sie verfolgende Polizeieskorte wird dabei immer größer, ebenso wie die Medienwirksamkeit und Popularität, die Lou Jean und Clovis als moderne Outlaws bei der Bevölkerung genießen.

Mit "The Sugarland Express" hatte Spielberg bereits den Großteil seines Hausstabs beieinander: Ohne Vilmos Zsigmond, Joe Alves und John Williams geht künftig nichts mehr. Als Sujet für sein lang herbeigesehntes Kinodebüt wählte Spielberg einen urtypischen New-Hollywood-Topos: Das Outlaw-Pärchen auf der Flucht. They fought the law and the law won. Mit "Bonnie And Clyde" und "The Honeymoon Killers" ging's los, dann kamen noch "Thieves Like Us" und "Badlands", womit im Prinzip bereits alles zum Thema gesagt ist. Als thematisch innovativ kann man "The Sugarland Express" also nicht eben bezeichnen, eher als "sure thing" für einen Start ins Filmgeschäft. Glücklicherweise macht Spielberg auch nicht den Fehler, sich hundertprozentig an die Zugkraft seines Plots zu lehnen. Stattdessen entwickelt er bereits hier sein Talent, visuelle Gags möglichst trocken darzubieten, nutzt das Panavision-Verfahren vortrefflich, um häufig mehrere Dinge parallel im Bild zu zeigen und evoziert mit aller Macht Sympathie für sein Antihelden-Paar, von dem man natürlich von vornherein weiß, dass es für ein Happy End denkbar ungeeignet ist.

7/10

Steven Spielberg Texas Road Movie Couple on the Loose car chase New Hollywood Hal Barwood


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THURSDAY (Skip Woods/USA 1998)


"Two fridges. Welcome to suburbia."

Thursday ~ USA 1998
Directed By: Skip Woods

Ein ohnehin nicht ganz gewöhnlicher Donnerstag wird für den mittlerweile in spießigen Vorstadtverhältnissen lebenden Ex-Gangster Casey (Thomas Jane) zu einer blutigen Tortur: Nachdem sein alter Kumpel Nick (Aaron Eckhart) sowohl ein Köfferchen voll Heroin als auch eine stattliche Geldsumme in Caseys Haus drapiert hat, tauchen diverse krimninelle Gestalten bei ihm auf, die wahlweise den Stoff oder die Kohle für sich beanspruchen, derweil Nick irgendwo in der Stadt unterwegs ist. Gut, dass zumindest Caseys nichtsahnende Frau Christine (Paula Marshall) einen Geschäftstermin hat, dumm derweil, dass sich just an diesem Tage ein furztrocknener Beamter (Michael Jeter), der Caseys Tauglichkeit in Bezug auf eine geplante Kindesadoption überprüfen will, bei ihm angekündigt hat.

Es gibt ganz bestimmt innovativere Filme als diesen Tarantino-Klon, der zweifelsohne auf dem Mist eines Menschen gewachsen ist, welcher emsigst alles an luftigen Gangsterfilmen von "True Romance" bis "Pulp Fiction" studiert haben dürfte. Nahezu sämtliche formale und inhaltliche Versatzstücke, aus denen "Thursday" besteht, lassen sich nämlich irgendwie in einem der bis dato verfilmten Tarantino-Scripts oder ihrer bereits entstandenen Ableger wiederfinden. Nur gut, dass dieser Casey eine hinreichend coole Sau (mit ätzender Frisur) ist, um der kompletten home invasion, die ihn an diesem Donnerstag heimsucht, den blanken Arsch zu zeigen. Am Ende gibt es eine Menge Leichen, ein paar davon fachgerecht zersägt und im Müll entsorgt, der Rest ein Fall für die korrupte Bullerei. Immerhin entpuppt sich der zuvor als so dreist eingeführte Nick als wahrer Engel mit schmutzigen Flügeln, denn die ganze üble Geschichte ist auf einen ausgeklügelten Plan seiner Wenigkeit zurückzuführen, der Casey und Christine ein von Aufrichtigkeit geprägtes Leben in Saus und Braus ermöglichen soll. Als Fait accompli ganz nett arrangiert, schließlich jedoch kaum mehr als eine nicht sonderlich gescheite, durchschnittliche Proletenphantasie mit einem immerhin schicken Ensemble.

5/10

Skip Woods Heroin Drogen Marihuana Vorort Taranteenie Schwarze Komödie


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BLACKBEARD'S GHOST (Robert Stevenson/USA 1968)


"Beware all wenches!"

Blackbeard's Ghost (Käpten Blackbeards Spukkaschemme) ~ USA 1968
Directed By: Robert Stevenson

Steve Walker (Dean Jones), neuer Trainer der völlig verlotterten Leichatathletik-Mannschaft vom Godolphin-College, staunt nicht schlecht, als ihm kurz nach seiner Ankunft in dem malerischen Küstenstädtchen der Geist des berüchtigten, ehemals dort beheimateten Piraten Edward Teach (Peter Ustinov) alias Käpt'n Blackbeard erscheint. Der an sich quicklebendige Spukgeselle ist nur für Steves Augen sichtbar, trinkt Rum in rauen Mengen und entpuppt sich auch sonst als rechtes Schlitzohr. Da eine gute Tat den Fluch des Umherspukens von ihm nehmen könnte, mühen sich Steve und Blackbeard, eine nunmehr im Hause des Piraten wohnhafte Oma-WG vor der Pleite zu beschützen.

In Kindertagen war "Blackbeard's Ghost" neben anderen Disney-Filmen wie "The Love Bug" und "Condorman" ein gern gesehener Freitagabend-Gast, der via das Post-Tagesschau-Programm der ARD in schöner Regelmäßigkeit unser Wohnzimmer heimsuchte. Die heurige Auffrischung fiel wie so oft etwas ernüchternd aus. Das possierliche Familienfilmchen passt sich bis auf wenige Ausnahmen dem üblichen Regiestil des späteren Disney-Realfilm-Hausregisseurs Robert Stevenson und dessen abonniertem Hauptdarsteller Dean Jones an. Genauso langweilig wie Dean Jones aussieht waren die meisten Filme des Duos inszeniert: Stiefmütterliche visuelle Gags und eine statische Schuss-Gegenschuss-Kamera, die von einer Erindung namens "Schwenk" noch nie etwas gehört hat. Aber: "Blackbeard's Ghost" verfügt nicht allein über die große Elsa Lanchester in einer possierlichen Nebenrolle, sondern vor allem über Peter Ustinov, der mit seiner spitzfindigen Art aus dem Piratengeist eine Gala-Vorstellung, und damit nicht genug sogar eine seiner schönsten Rollen überhaupt aus dem Dreispitz zaubert, die zu dem Rest des Films eigentlich in keiner Relation stehen. Doch was soll's - dem stets wortgewandten Weltbürger nimmt man die Rum saufende Freibeuterprominenz nur zu gern ab und so wird der Film trotz Stevenson und Jones zu einem kleinen Highlight disneyscher Provenienz.

6/10

Walt Disney Piraten Geister Leichtathletik Trainer Casino Robert Stevenson


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PARENTHOOD (Ron Howard/USA 1989)


"Women have choices, and men have responsibilities."

Parenthood (Eine Wahnsinnsfamilie) ~ USA 1989
Directed By: Ron Howard

Vater werden ist nicht schwer - Vater sein dagegen sehr, wie man seit Menschengedenken weiß, und für Gil Buckman (Steve Martin), Familienvater dreier Sprösslinge (Jasen Fisher, Alisan Porter, Zachary Lavoy), Bruder dreier mehr oder minder problembehafteter Geschwister (Dianne Wiest, Harley Jane Kozak, Tom Hulce), Sohn, Schwager, Onkel und was sonst noch alles, gilt jene Weisheit im Überfluss. Er selbst wirft seinem Dad (Jason Robards) vor, einst bei seiner Erziehung einen lausigen Job gemacht zu haben - und steht jetzt selbst vor dem Problem, dass sein Ältester Kevin (Fisher) eine Sonderschulempfehlung am Hals hat wegen emotionaler Instabilität. Hinzu kommen all die Probleme und Problemchen, die seine Schwestern und sein jüngerer Bruder am Halse haben, und jene sind ebenfalls nicht zu unterschätzen...

Kann sein, dass, hätte ich "Parenthood", dessen deutscher Titel eine ausgemachte Frechheit ist, jetzt erstmals gesehen, ihn etwas zu süßlich fände. All das mittelständische Herumgeplärre kämpft nämlich mit der stetigen Gefahr der inhaltlichen Belanglosigkeit und scheut darüber hinaus auch nicht Klischee und Kitsch. Die Figuren sind durch die Bank geprägt von Stereotypismen bzw. trauter US-amerikanischer Gleichmacherei. Das schwarze Schaf der Familie ist nicht ohne, aber auch nicht so verdorben, dass man sich seinetwegen größere Sorgen machen müsste. Die meisten Anderen sind leicht neurotisch, jedoch unter entsprechenden Rahmenbedingungen. Der Opa ist ein Bilderbuch-Patriarch, die Uroma lustig verkalkt. Ansonsten halten alle samt und sonders irgendwie zusammen und demonstrieren somit die Stärke von Blutbanden. Am Ende sprießt dann der multiple, frühlingsgebundene Nachwuchs in Form lauter kleiner neuer Babys, die das republikanische Erbe ihrer Ära irgendwie weitertragen und selbst dereinst für neue Generationen kleiner Republikaner sorgen werden. Die dazugehörige Szene ist übrigens wirklich herzrührend und zu Randy Newmans unterlegter Musik großartig montiert. Nun kenne ich "Parenthood" aber schon so lange wie er alt ist und darf ihn als einen Evergreen bezeichnen, der mich seit gut zwanzig Jahren immer wieder aus der Alltagslethargie reißt. Ein kleiner, persönlicher Klassiker eben, dem ein halbwegs nüchternes Gerechtwerden durch meine Wenigkeit leider völlig versagt bleiben muss. Weil ich ihn, trotz seiner nicht wenigen Schwächen, unheimlich lieb habe. Wegen seiner traumhaften Besetzung in ungetrübter Höchstform und wegen Randy Newmans Titelsong. Und Joaquin hieß damals tatsächlich noch 'Leaf'.

8/10

Ron Howard Familie Kinder Ensemblefilm Midlife Crisis





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Funxton

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