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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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TROUBLE IN PARADISE (Ernst Lubitsch/USA 1932)


"Tonsils! Positively tonsils!"

Trouble In Paradise (Ärger im Paradies) ~ USA 1932
Directed By: Ernst Lubitsch

In Venedig lernen sich die beiden Berufsdiebe Gaston (Herbert Marshall) und Lily (Miriam Hopkins) kennen und verlieben sich vom Fleck weg. Bald darauf, das Paar hat sich mittlerweile bis nach Paris gegaunert, macht Gaston infolge eines leicht missglückten Coups die Bekanntschaft der steinreichen Parfum-Unternehmerin Mariette Colet (Kay Francis). Diese ist von dem Galan so angetan, dass sie ihn umgehend als Privatsekretär engagiert - für Gaston eine hervorragende Gelegenheit, sie um einen hübschen Teil ihres Vermögens zu erleichtern, wäre nur Mariette nicht ebenso attraktiv wie wohlhabend...

"Trouble In Paradise" ist nicht nur eines von Lubitschs größten Meisterstücken, er veranschaulicht auch die zwangsläufige Überlegenheit des Tonfilms bezüglich der Darstellbarkeit komödiantischer Eleganz. Der Film lebt von seinen spitzfindigen Dialogen, die ein Maß an Zeitlosigkeit und Esprit besitzen, das sie noch bis in die Gegenwart illuminiert. Nahezu jede Zeile beinhaltet eine Pointe oder einen Gag. Selbst und insbesondere die Nebenfiguren erhalten dadurch eine liebevolle Charakterisierung, im Speziellen natürlich Kay Francis' zwei spinnerte Hofmacher Filiba (Edward Everett Horton) und der Major, gespielt von meinem Lieblingskomödianten dieser Ära, Charlie Ruggles. Wie sie jeweils ihre dekadente Trotteligkeit ausleben und sich bei aller Ähnlichkeit gegenseitig das Leben schwer machen, das sucht selbst nach achtzig Jahren noch seines humorigen Gleichen. Die prickelnde Dreiecksbeziehung zwischen Hopkins, Marshall und Francis derweil besitzt eine elektrisierende Erotik, die ebenfalls als ein Merkmal der großen Filmkunst jener Zeit gewertet werden muss und somit unwiederholbar ist.
"Trouble In Paradise" ist und bleibt eine einzige Kostbarkeit, für die man als Filmliebhaber nur überschwänglichst dankbar sein kann.

10/10

Ernst Lubitsch Screwball Venedig Paris


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HOUSE OF THE LONG SHADOWS (Pete Walker/UK 1983)


"Don't interrupt me while I'm soliloquizing!"

House Of The Long Shadows (Das Haus der langen Schatten) ~ UK 1983
Directed By: Pete Walker

Der junge Erfolgsautor Magee (Desi Arnaz jr.) wettet mit seinem Verleger Allyson (Richard Todd) um einen stattlichen Betrag, dass es ihm gelänge, in nur 24 Stunden der Abgeschiedenheit einen Roman vom Range eines "Wuthering Heights" zu verfassen. Das auserkorene Haus, ein alter Landsitz in Wales, erweist sich jedoch mitnichten als leerstehend. Binnen kürzester Zeit nach der abendlichen Ankunft des sich dort zunächst einsam wähnenden Magee finden sich dort diverse Fremde ein, darunter ein Seniorenquintett (Peter Cushing, John Carradine, Sheila Keith, Christopher Lee, Vincent Price) von dem sich vier Personen als Familie Grisbane vorstellen, deren Vergangenheit auf diesem Gut ein schreckliches Geheimnis birgt...

"House Of The Long Shadows" hätte ein ganz großer Klassiker werden können, hätte man ihm bloß eine adäquatere Produktion und vor allem einen versierteren Regisseur angedeihen lassen. Die Prämisse der augenwischerischen, doppeldeutigen Erzählung, die sich einerseits selbst von der parodistischen Krimikomödie "Murder By Death" beeinflusst zeigt und ihre Spuren ihrerseits noch viele Jahre danach Großproduktionen wie "The Game" hinterlassen sollte, ist von feinstem narrativen Gespür. Die sich ein Stelldichein gebenden Genre-Grandseigneurs, die sich hier erstmals ihre Szenen teilen durften, blühen sichtlich auf und verleihen dem Film eine Grandezza, die sein ansonsten billiges Gewand leider nicht zu tragen vermag. In den Händen der damals noch im Aufstreben begriffenen, ohnehin sehr auf die Kunst alternder Stars setzenden Schnellfeuerschmiede Cannon war zwar längst nicht alles zu künstlerischem Scheitern verurteilt, dann aber musste zumindest die Inszenierung einen entscheidenden Beitrag leisten. Nun ist der englische Gruselgeiger Pete Walker, dessen letzter Film "House Of The Long Shadows" bezeichnenderweise ist, nicht ganz der Mann für jene Eleganz, derer das Sujet schlichtweg bedurft hätte. Hinzu kommt noch die kulturell vergleichsweise orientierungslose Entstehungszeit, die schlichterdings noch keinen Sinn für Postmodernität entwickelt hatte und daher viel von dem grundsätzlichen Potenzial des Projekts verrauchen lässt. Was bleibt, sind die selbst durch mich nicht zu zerredenden Qualitätsaspekte dieses für jeden Freund klassischer Genrekost nichtsdestotrotz sehenswerten Filmes.

7/10

Pete Walker Hommage Cannon Wales Haus Literatur Michael Armstrong Nacht


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DODGEBALL: A TRUE UNDERDOG STORY (Rawson Marshall Thurber/USA, D 2004)


"Fucking Chuck Norris."

Dodgeball: A True Underdog Story (Voll auf die Nüsse) ~ USA/D 2004
Directed By: Marshall Rawson Thurber

Um ihr Fitnessstudio 'Average Joe's' vor der Übernahme durch den widerlich selbstherrlichen White Goodman (Ben Stiller), Besitzer des benachbarten 'Globogym', zu retten, entschließen sich Eigentümer Peter La Fleur (Vince Vaughn) und ein paar seiner Stammgäste, an einem hochdotierten Dodgeball-Turnier in Las Vegas teilzunehmen. Dessen Gewinn würde für Peter die nötige Summe abwerfen, um seinen Club retten zu können. Als Goodman davon Wind bekommt, stellt er sein eigenes Team auf.

Völlig typische, nichtsdestotrotz gelunge Frat-Pack-Komödie, in der man einen Gastauftritt von Will Ferrell zwar schmerzlich vermisst, die sich jedoch auch so eben durchaus passabel über die Runden bringt. Cameos gibt es stattdessen von David Hasselhoff, Lance Armstrong, William Shatner und Chuck Norris, die dann auch mehr oder weniger witzig ausfallen. Das Story-Prinzip um die über sich selbst hinauswachsende Verliertruppe ist dabei weniger interessant. Frat-Pack-Filme entwickeln ja ohnehin erst im Hinblick auf ihre gnadenlose Selbstreflexivität ihren überwältigenden Humor. Stets beleuchten sie, ähnlich wie etwa "The Simpsons", den amerikanischen Wahnsinn, die an ihrer sich immer hyperaktiver gerierenden Spaßkultur krankt, zugleich aber just davon lebt. "Dodgeball" karikiert diese Auswüchse ebenso wie diverse urtypische, mittelständische Lebensentwürfe und achtet penibel darauf, dass auch garantiert keiner ungeschoren davonkommt. Daraus, dass der Film und das Milieu, dem er entstammt, selbst fester Bestandteil ebenjener ironisierten medialen Maschinerie sind, macht "Dodgeball" ferner keinen Hehl. Letzten Endes verleiht ihm sogar erst das seine wahre komödiantische Kraft.

8/10

Rawson Marshall Thurber Las Vegas Duell Frat Pack Satire


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HODEJEGERNE (Morten Tyldum/NO, D 2011)


Zitat entfällt.

Hodejegerne (Headhunters) ~ NO/D 2011
Directed By: Morten Tyldum

Roger Brown (Aksel Hennie) arbeitet als Headhunter, was seinen großzügigen Lebensstil jedoch längst nicht ausreichend finanziert. Also hat er nebenbei einen kleinen Ring von Kunsträubern gegründet, der, mit Roger als Hauptakteur, echte Gemälde gegen Kopien austauscht. Als Roger erfährt, dass seine Frau Diana (Synnøve Macody Lund) ihn mit dem aalglatten Clas Greve (Nikolaj Coster-Waldau) betrügt, ist es ihm ein umso größeres Vergnügen, selbigem einen millionschweren Rubens zu stehlen. Doch Greve entpuppt sich als verrückter Ex-Elitesoldat, der Roger von nun an nachstellt und ihn unbedingt töten will.

Nicht meine Art Menschen, nicht meine Welt, nicht meine Art Film. Für geleckte Anzugträger, die in unserer Zeit des grotesken ökonomischen Ungleichgewichts auf hohem Niveau jammern, weil sie ihrer Frau keine diamantenen Ohrringe mehr kaufen können, sehe ich mich leider außer Stande, das für "Hodejegerne" wohl zwangsläufig notwendige Empathiemaß aufzubringen; folglich war es mir auch vollkommen egal, was mit Roger Brown oder den anderen Figuren im Film passiert. Headhunter, Manager, Wirtschaftsfatzkes und sonstige Zeitgenossen gehören nicht zu meiner Welt, und auch, wenn die sich anschließende Satire Roger als moralische Sühne für seine gesetzlichen Entgleisungen buchstäblich kopfüber in die Scheiße tauchen lässt, war für mich leider kaum mehr denn ein Mindestamüsement herstellbar. Auf diese filmische Erfahrung hätte ich auch gut und gern verzichten können.

4/10

Morten Tyldum Jo Nesbø Norwegen Stockholm Heist Rache


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4 FOR TEXAS (Robert Aldrich/USA 1963)


"With four for Texas in the mood, they'll have themselves a real fine brood."

4 For Texas (4 für Texas) ~ USA 1963
Directed By: Robert Aldrich

Die beiden Halunken und Pistolenhelden Zack Thomas (Frank Sinatra) und Joe Jarrett (Dean Martin) streiten um die Summe von 100.000 Dollar, die Thomas ursprünglich als Startkapital dafür dienen soll, einen alten Raddampfer zum schwimmenden Spielsalon auszubauen. Jarrett jedoch macht ihm seine Idee streitig. Als dritte Partei steht der ebenso feiste wie betrügerische Bankier Harvey Burden (Victor Buono) im Ring, der mit dem skrupellosen Killer Matson (Charles Bronson) zudem eine unkontrollierbare zusätzliche Gefahr heraufbeschworen hat. Am Ende erkennen Thomas und Jarrett, dass sie nur mit vereinten Kräften gegen ihre Gegner bestehen können.

Ein eitler Film, als Vehikel für Frankie Boy und Dino gedacht, die hier in attraktiver Begleitung durch die voluminöse Anita Ekberg und die knackige Ursula Andress eine Art aufpoliertes Versprechen ihrer nicht mehr ganz taufrischen, dafür umso trinkfesteren Männlichkeit erhalten. Die Tatsache, dass mit Sinatra und Martin lediglich zwei Vertreter des Rat Pack dabei waren, ersparte "4 For Texas" allerdings nicht seinen letztendlichen Status als Show-Happening: Diverse häufig wiederkehrende Aldrich-Kompagnons wie die erwähnten Buono und Bronson, sowie Wesley Addy oder Jack Elam sind ebenso zu erspähen wie die "Three Stooges" in einem gelinde formuliert eklektizistisch anmutenden Gastauftritt. Der überaus dünnen Geschichte ist kaum mehr denn eine Alibi-Funktion zuzuschreiben. Es ist sogar zu bezweifeln, dass übergebührlicher Brandy-Genuss, wie er vom guten Dino im Film vorexerziert wird, das Zuschauerinteresse an "4 For Texas" nachträglich zu steigern vermag. Einzig ein paar wirklich schöne Einstellungen, wie etwa eine Vertikale auf die knallrot gewandete Andress umgeben von ihrer Gesindeschaft, bleiben im Gedächtnis. Ansonsten erhält man unwesentlich mehr als einen infantilen Vegas-Schwips.

5/10

Robert Aldrich Rat Pack Texas


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DIE SCHULMÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO (Walter Boos/BRD 1979)


"Denkste!"

Die Schulmädchen vom Treffpunkt Zoo ~ BRD 1979
Directed By: Walter Boos

Petra (Katja Bienert) hat Sorgen - die Heroinsucht ihres Freundes Mick (Marco Kröger) verschlingt Unsummen an Marie, die ausgerechnet Petra besorgen muss: Mal muss sie bei einem perversen Freier (Horst Nowack) als zusätzliche Voyeurin antreten, mal beklaut sie ihre Mutter (Dagmar von Thomas) um ihr Sauerverdientes. Irgendwann wird all das Mick zu unangenehm und er macht mit Petra Schluss. Dies bedeutet, dass er selbst zum Stricher werden muss, um seine Sucht zu finanzieren und bald knietief in einen Mordfall verwickelt ist.

Eine wahrlich imponierende Mischung aus Betroffenheitsdrama und typischer LISA-Disco-Komödie haben wir hier. Inspiriert zur Beschau hat mich Francos "Linda", ebenfalls mit Katja Bienert in der Titelrolle. "Die Schulmädchen vom Treffpunkt Zoo", dessen Titel bereits eine Mischung aus der kommerzbewährten Hofbauer-Serie "Schulmädchen-Report" und Christiane F.s erschütternder Tatsachen-Geschichte "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" suggeriert, markierte ihren - sieht man von einer Minirolle bei Chabrol ab - ersten Kinoeinsatz. Trotz ihrer damals knapp 13 Lenze dürfte sie schon problemlos Schnappes für Papa bei Famka bekommen haben, weswegen eben, ich erwähnte es unlängst bereits, auch niemand Karl und seine Spiehsgesellen bei der Kindernothilfe oder beim Jugendamt angezeigt haben wird. Seine hehre Mission, ein realitätsnahes Bild der Berliner Schülerszene und ihrer Drogenprobleme mitsamt Beschaffungskriminalität abzubilden, verfehlt Boosens Film mit beinahe tröstlicher Zielunsicherheit. Dafür gibt es eine Menge der üblichen "Report"-Episoden und -Witzchen, auf das der triste Großstadtalltag nicht gar allzu trist werde. Die LISA wollte schließlich in erster Linie fluffig unterhalten. So gibt es zu Auflockerungszwecken Tobias Meister und Fritz Hammer als zwei dämliche, männliche Jungfrauen, die hinreichend Gelegenheit zur koitalen Betätigung erhalten, sich jedoch allzeit zu blöd anstellen. Zwei von Petras Klassenkameradinnen (Karin König, Martina Engel) kommen derweil auf die gloriose Idee, zwecks Notdendurchschnittsaufbesserung ihren Mathelehrer (Wolfgang Plumhoff) mittels heimlich geschossener Kompromittierungsfotografien zu erpressen, was dieser jedoch ganz cool abschmettert. Wir sind eben nicht beim "Report", wo arme Pauker gleich auf dem Scheiterhaufen landen, wenn sie mal feuchte Hände kriegen. Ein weiteres Highlight: Der CloseUp auf eine Zeitungsschlagzeile des "Abendblatts" (Verwechslungen sollten wohl um jeden Preis vermieden werden): "Mord an einen Homosexuellen". Der Dativ is ja den Akkusativ sein Untergang. Tja, und rate mal mit Rosenthal, wer hier mal wieder sei Glätzle zur Schau stellt? Kleiner Tipp: Er fängt mit "Otto" an und hört mit "Retzer" auf. Ein unbesungener Held des Neuen Deutschen Films.

6/10

Walter Boos Lisa-Film Berlin Drogen Heroin Prostitution


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THE BRINK'S JOB (William Friedkin/USA 1978)


"Your Honor, I can't do no 20 years." - "Well do as much as you can, son."

The Brink's Job (Das große Ding bei Brinks) ~ USA 1978
Directed By: William Friedkin

Der kleine Bostoner Räuber Tony Pino (Peter Falk) hat zeitlebens wenig Glück mit seinen Coups - bis er und sein ihm stets zur Seite stehender Schwager Vinnie (Allen Garfield) auf die Geldtransportfirma 'Brink's' aufmerksam werden. Deren Sicherheitsstandards sind - bis auf einen imposanten Tresor - immens unzureichend. Nach einem ersten, problemlos durchführbaren Überfall auf einen der Transportwagen wagen Tony und Vinnie zusammen mit fünf weiteren Gesellen, Specs (Warren Oates), McGinniss (Peter Boyle), Jazz (Paul Sorvino), Sandy (Gerard Murphy), und Stanley (Kevin O'Connor) einen Überfall auf die Hauptstelle. So weit haut alles wunderbar hin, bis die zwei unvorsichtigen Specs und Stanley wegen eines anderen Delikts hinter Gitter kommen und weichgekocht werden...

Nach dem in jeder Hinsicht nervenaufreibenden Clouzot-Remake "Sorcerer" erbat sich Friedkin mit der noch gänzlich ungewohnten Versuchsanordnung "The Brink's Job" vermeintlich etwas motivische Ruhe. Eine beschauliche Ensemble-Komödie in der Kleingangsterszene wurde es, als period piece zudem in bester New-Hollywood-Tradition stehend. Denkbar sorgfältig und milieugetreu geht Friedkin zu Werke, lässt sich dabei alle notwendige Zeit und verzichtet auf die düstere Weltsicht seinere Vorgängerfilme zugunsten einer guten Portion hoffnungsvoller, stehender Ovation für seine Antihelden. Zwar landen diese am Ende im Bau, jedoch unter den Jubelrufen des Volkes, das in ihnen längst veritable Rebellen wider das Establishment wähnt. Eine epilogische Schrifttafel versichert uns darüberhinaus, dass sie nach ihrer Entlassung mit ihrer wohlfeil versteckten Beute ein mehr als angenehmes Leben führen sollen.
Mit Peter Falk und Gena Rowlands wiedervereint der Film das sich selbst zertrümmernde Ehepaar aus "A Woman Under The Influence" - hier freilich krisenlos -, zudem zwei Leibdarsteller (nebst Ehefrau) von John Cassavetes. Ferner gibt es den großen Warren Oates in einer weiteren fantastischen Performance zu bewundern. Der Film und Friedkin machen also fast alles richtig. Allerdings konnte ich mich eines latenten, zunächst unbestimmbaren Juckens nicht erwehren. Möglicherweise rührte dies aus dem Eindruck, dass der Regisseur bei aller Kunstfertigkeit nie ganz auszublenden vermochte, dass er sich auf thematisch unsicherem Terrain befand. Eine Theorie.

8/10

William Friedkin Heist period piece Boston Freundschaft New Hollywood FBI J. Edgar Hoover


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THE PURPLE ROSE OF CAIRO (Woody Allen/USA 1985)


"You can't learn to be real. It's like learning to be a midget."

The Purple Rose Of Cairo ~ USA 1985
Directed By: Woody Allen

New Jersey zur Zeit der Großen Depression: Die unglücklich verheiratete Cecilia (Mia Farrow) flüchtet sich mittels regelmäßiger Kinobesuche allabendlich in die Glitzerwelt Hollywoods und träumt davon, eines Tages von Fredric March, Leslie Howard oder Fred Astaire aus ihrem tristen Sackgassendasein entführt zu werden. Ihr neuester Lieblingsfilm ist "The Purple Rose Of Cairo", aus dem urplötzlich eine Nebenfigur, der Ägyptologe und Poet Tom Baxter (Jeff Daniels), von der Leinwand herabsteigt und Cecilia seine Liebe gesteht. Die Filmfigur findet sich allerdings nur schwer in der - zudem gegenwärtig düsteren - Realität zurecht, sein Geld ist nichts wert, bei Schlägereien kommen unfaire Ausleger und die Liebe kennt hier keine Abblende. Schließlich kommt Gil Shepherd (Jeff Daniels), der Schauspieler, der Tom Baxter im Film porträtierte, nach Jersey und dient sich ebenfalls Cecilia ein - als greifbarer, echter Mann aus Fleisch und Blut...

Wie man's macht, macht man's falsch - damit geht Woody Allen stets gern hausieren und bedient sich dabei der süßen Bitterkeit verschmitzter Humoreske. So auch in "The Purple Rose Of Cairo", der zwangsläufig ohne den Meister auf der Leinwand auskommen muss, weil in diesem Fantasy-Stück über die Kraft der Imagination kein Platz ist für bebrillte kleine Intellektuelle oder Neurotiker. Die Figuren sind entweder über- oder unterlebensgroß, repräsentieren das Leben in all seinen Schwächen und knauserigen Fügungen oder jenen Hollywood-Eskapismus der frühen Dreißiger, in dem die Screwball-Parallelrealität sich in aller notwendigen Gegenteiligkeit die Bahn frei machte, um die Leute für ein paar Cents zumindest kurzfristig auf andere Gedanken zu bringen und die sich aufstauende Wut ein klein wenig zu sublimieren. Natürlich liebt Allen diese historische Phase, ist sie doch von teilweise autobiographischer Färbung. Ganz wunderbar die kleinen Seitenhiebe auf die soziale, nationale Unsicherheit: Allein die Erwähnung des Kürzels FBI kommt einer Drohung gleich und wenn jemand auch nur das Wort "Solidarität" in den Mund zu nehmen wagt, ist er gleich ein Roter.
Köstlich, schön, liebenswert.

9/10

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TARZAN'S NEW YORK ADVENTURE (Richard Thorpe/USA 1942)


"Smell like a Swahili swamp. Why people stay?" - "It's what they call 'having a good time'."

Tarzan's New York Adventure (Tarzans Abenteuer in New York) ~ USA 1942
Directed By: Richard Thorpe

Ein Flieger mit Tierfängern aus New York an Bord landet in Tarzans (Johnny Weissmuller) Nachbarschaft. Für den wie immer neugierigen Boy (Johnny Sheffield) eine Sensation. Als der geldgierige Zirkusmitarbeiter Buck Rand (Charles Bickford) sieht, welche Kunststückchen Boy mit den wilden Tieren treiben kann, wittert er sogleich den großen Reibach. Da kommt ihm ein nervenaufreibender Zwischenfall mit Eingeborenen, der Tarzan und Jane (Maureen O'Hara) scheinbar tot zurücklässt, gerade Recht: Rand nimmt Boy mit nach New York und lässt ihn als Tierbändiger im Zirkus auftreten. Tarzan und Jane, die in letzter Sekunde von Cheetah gerettet werden können, eilen flugs hinterher und holen sich ihren Adoptivsohn nach einigen stressigen Episoden mit der Polizei und den Gerichten wieder zurück.

Ausgerechnet Wolkenkratzer! Der vorerst letzte "Tarzan"-Film der MGM gab dem Franchise dann doch nochmal eine neue Richtung, die jedoch auch nicht half, verborgene Publikums-Reserven zu aktivieren. Diesmal kam nicht die Zivilisation zu Tarzan, sondern umgekehrt: Der selbst nach so vielen Jahren mit seiner Jane zusammenlebende Recke ist immer noch keiner ordnungsgemäßen Syntax fähig und sorgt als ruraler Sonderling im Betondschungel New York für allerlei Naserümpfen und Gelächter, zumindest solange, bis er naseweise Staatsanwälte durch den Gerichtssaal wirbelt und den gesamten Polizeiapparat narrt. Einen Sprung von der Brooklyn Bridge inbegriffen dreht Tarzan den urbanen Autoritäten eine lange Nase. Das Gesetz des Urwalds, es triumphiert am Ende eben doch immer wieder. Auf charmante und sehr humorige Weise verpflanzt Thorpes Film die stets präsente, sozialkritische Metaebene in den Vordergrund des Geschehens und stellt Tarzan vor seine bislang größte Herausforderung: Den Kampf gegen die Gerichte. Nachdem er durch seine aufbrausende Art schon fast alles zu verderben droht, siegt am Ende doch der Tatendrang, um nicht zu sagen: Die Bastion der Familie. Und sei sie auch noch so flickwerkartig.

8/10

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NIGHT ON EARTH (Jim Jarmusch/USA, F, D, UK, J 1991)


"Fuck you, fuck you... nette Familie."

Night On Earth ~ USA/F/D/UK/J 1991
Directed By: Jim Jarmusch

Zur gleichen Abend- bzw. Nachtstunde fahren fünf TaxifahrerInnen einen besonderen Fahrgast durch ihre jeweilige Weltmetropole: Die rustikale Corky (Winona Ryder) transportiert die Casting-Agentin Victoria (Gena Rowlands) in L.A., der ostdeutsche Exilant Helmut (Armin Mueller-Stahl) fährt in New York den aufgdrehten Yoyo (Giancarlo Esposito) bzw. lässt sich von ihm fahren, in Paris sitzt eine hübsche blinde Frau (Béatrice Dalle) im Taxi eines Elfenbeinküste-Auswanderers (Isaach De Bankolé), in Rom quatscht ein hyperaktiver Fahrer (Roberto Benigni) mit einer umfassenden Beichte über sein leicht perverses libidinöses Geheimleben einen Priester (Paolo Bonacelli) zu Tode und in Helsinki lehrt der traurige Mika (Matti Pellonpää) drei jammernde Fahrgäste (Kari Väänänen, Sakari Kuosmanen, Tomi Salmela), was wahrer Lebensschmerz ist.

Jarmuschs in meinen Augen schönster Film schildert in fünf Episoden, die man wohl treffend als 'city-wise' bezeichnen möchte, ein paar von zig Milliarden Einzelschicksalen, zufällige Begegnungen, große Lernprozesse, mögliche Freundschaften und schlicht und einfach Absurdes. Es wird massig gequalmt und geredet und so, wie jede Geschichte sich von ihrem Grad an emotionaler Involvierung, an Poesie, Humor oder Traurigkeit von den anderen abhebt, so rund ist am Ende auch der Gesamteindruck, eine Zeitrafferreise mit Beamtransport über den halben Globus und dabei eine ganz andere Form von filmischer Observierung, nämlich waschechten Seelenvoyeurismus, absolviert zu haben.

10/10

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Filmtagebuch von...

Funxton

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