Zum Inhalt wechseln


In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


Foto

THE HALLELUJAH TRAIL (John Sturges/USA 1965)


"Protect both rears simultaneously!"

The Hallelujah Trail (Vierzig Wagen westwärts) ~ USA 1965
Directed By: John Sturges

Die Bürger von Denver fürchten, infolge des bevorstehenden langen Winters von ihrer regelmäßigen Schnapszufuhr abgeschnitten zu werden. Also ordert man beim Whiskey-Händler Wallingham (Brian Keith) vierzig Wagen mit Fusel und Champagner. Darauf wird auch die extrem alkoholfeindliche Anstandslady Mrs. Massingale (Lee Remick) aufmerksam, die mit ihren Predigten just zuvor noch das ganze Fort von Colonel Gearhart (Burt Lancaster), seines Zeichens Indianerkriegsveteran und passionierter Bourbon-Freund, verrückt gemacht hat. Gearhart sitzt nun in der Klemme: Einerseits soll er Wallinghams Treck vor den versoffenen Sioux beschützen, andererseits fürchtet er um die Sicherheit der ihm doch nicht ganz unsympathischen Mrs. Massingale...

Die monumentale Scope-Komödie von stattlicher Laufzeit gab sich in den Sechzigern ein kurzes, aber umso heftigeres Stelldichein: Kramers "It's A Mad Mad Mad Mad World" oder Jewisons "The Russians Are Coming The Russians Are Coming" fallen einem da spontan ein - John Sturges derweil vermengte die neue Mode mit seinem persönlichen Leisten, dem Western. Heraus kam dieses nur selten wirklich witzige, überlange Unikat in Sturges' Œuvre, das sicher seine berechtigten Meriten besitzt, jedoch nur alle Jubeljahre für gesteigertes Amüsement zu sorgen vermag. Auf der Habenseite befinden sich die herrliche Landschaftsphotographie, Elmer Bernsteins wie immer rauschhafte Musik, der ohnehin stets fabulöse Burt Lancaser, Lee Remicks Schnellbesäufnis und Donald Pleasence als angeblich hellsehender Trapper. Dem entgegen stehen flaue running gags mit Badewannen, nervig in die Länge gezogene Sequenzen wie die heillose Durcheinander-Schießerei in einem Sandsturm oder überflüssige Nebenepisoden von feuerwassergeilen Rothäuten oder streikenden irischen Wagenlenkern. Da "The Hallelujah Trail" bei aller Fehlkalkulation und allem ins Leere laufenden Größenwahn immer noch ein sympathischer Film ist, überwogen jedoch einmal wieder die postiven Eindrücke. Leicht.

6/10

John Sturges Alkohol Indianer Colorado Denver


Foto

TEXAS ACROSS THE RIVER (Michael Gordon/USA 1966)


"Gun empty."

Texas Across The River (Zwei tolle Kerle in Texas) ~ USA 1966
Directed By: Michael Gordon

Der spanische Edelmann Don Andrea (Alain Delon) trifft auf der Flucht vor ein paar übereifrigen Soldaten (u.a. Peter Graves) den Gunman Sam Hollis (Dean Martin) und freundet sich mit ihm an, kleinere Backpfeifenkonflikte inbegriffen. Zusammen retten sie einen Viehtreck und eine texanische Kleinstadt vor auf dem Kriegspfad befindlichen Comanchen und finden jeder eine nette Dame fürs Leben.

Ebenso hemmungslos alberne wie liebenswerte kleine Western-Travestie, die den teils offensichtlich ziemlich beschluckten Dino im Clinch mit dem Euro-Schönling Delon präsentiert. Für lustigen Indianerhumor stehen u.a. Dinos Brat-Pack-Kollege Joey Bishop als hero's best friend Kronk und Michael Ansara als Comanchen-Häuptling mitsamt Versager-Filius (Linden Chiles), der sich für garantiert jede ihm anvertraute Aufgabe zu blöd anstellt. Über ein paar auf barbarischem technischen Niveau präsentierte Rückprojektionen, wie sie in den mittleren bis späten Sechzigern üblich waren, lässt es sich noch zusätzlich grienen. Ansonsten ist Gordons ausgemacht infantile Groteske aber allerhöchstens für Dino- und/oder Delon-Komplettisten Pflichtprogramm.

6/10

Michael Gordon Texas Indianer


Foto

DIE FUSSBROICHS - EINE KÖLNER ARBEITERFAMILIE (Ute Diehl/BRD 1990)


"Na ja jut, dat is für misch uninteressant."

Die Fussbroichs - Eine Kölner Arbeiterfamilie ~ BRD 1990
Directed By: Ute Diehl

Die Fussbroichs, das sind Vater Fred, 49, Vor- und Schichtarbeiter in einer Kabelfabrik, Mutter Annemie, 41, Sekretärin beim Schuldezernat der Stadt Köln und Frank, 21, gelernter Schlosser und passionierter Bodybuilder. Nachdem die Regisseurin und Autorin Ute Diehl 1979 zunächst die Dokumentation "Ein Kinderzimmer 1979" um den damals elfjährigen Frank und seine Eltern im WDR vorstellte, kehrte sie zehn Jahre später zu den Fussbroichs zurück, begleitete sie einige Monate in ihre Alltagswelt für den vorliegenden Dokumentarfilm, der eine erst 2003 ihr Ende findende, siebzehn Staffeln mit einhundert knapp halbstündigen Episoden umfassende TV-Reihe folgte.
Das die Fussbroichs begleitende, soziokulturelle Phänomen offenbart sich als vielgestaltig. Zum einen repräsentieren die Familie eine großstädtische, graue Masse von zwar bildungsfernen, aber verhältnismäßig gesichert lebenden, scheinbar permanent konsumierenden Mittelständlern (eine Schicht, die heute im Aussterben begriffen ist) zum anderen laden Ute Diehls Inszenierung und die Selbstverständlichkeit und Ungekünsteltheit, mit der sich Annemie, Fred und Frank vor der Kamera positionieren, zu gesundem Schmunzeln ein. Im Gegensatz zu heute gängigen TV-Formaten begeht Ute Diehl bei aller kritischen Perspektivierung nämlich nie den Fehler, billige Denunziation zu betreiben, respektive die Fussbroichs einem wie auch immer gearteten bildungsbürgerlichem Amüsement feilzubieten. Der Humor präsentiert sich als herzlich, wenngleich hier und da autoreflexiv. Darin, in dieser Gratfindung, liegt wohl auch das Erfolgsgeheimnis der folgenden TV-Reihe. Der Film hält noch nicht die perfekte Balance späterer Beiträge, in denen sich Diehl mehr und mehr zurücknimmt, bis sie überhaupt nicht mehr eingreift und nurmehr mitschneidet und kompiliert, rund um einen oder zwei Sachverhalte. Hier interviewt sie noch und ist stimmlich präsent, was für eine personelle Einführung der Familie durchaus seine Berechtigung trägt. Kernepisode ist - wie immer - ein Familienurlaub, der die Fussbroichs stets in ihrer ganzen Teutomanie und globalen Selbstzentrierung zeigt. Diesmal geht es nach Ibiza, wo man sich über "die Ausjeflippten" amüsiert und sich wundert, warum "dat Panierte [das man sich zuvor tonnenweise auf den Teller schaufelte] nisch Kroketten, sondern Tintenfischringe sind" .
Auch daher ein vorzüglich eingefangenes Stück Zeitgeschichte.

9/10

Ute Diehl Köln Familie TV-Film Pilotfilm


Foto

THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE 2 (Tobe Hooper/USA 1986)


"I've got a real good eye for prime meat. Runs in the family."

The Texas Chainsaw Massacre 2 ~ USA 1986
Directed By: Tobe Hooper

Die Kannibalenfamilie Sawyer hat es mittlerweile in den Norden des Staates verschlagen, wo Drayton (Jim Siedow) mit seinen "Geheimrezepten" einen florierenden kleinen Mobilimbiss betreibt. Als seinen Söhnen Leatherface (Bill Johnson) und Chop-Top (Bill Moseley) zwei unvorsichtige Teenager (Barry Kinyon, Chris Douridas) in die Quere kommen, müssen diese flugs dran glauben. Jedoch bleibt die forsche Radiomoderatorin Stretch (Caroline Williams) als weitere Zeugin. In Absprache mit dem Ranger Lefty Enright (Dennis Hopper), einem Verwandten von Sally und Franklin, macht Stretch die Sawyers auf sich aufmerksam - eine folgende Nacht des Terrors inklusive.

Zu den illustren Unternehmungen der Cannon Group während der Achtziger zählte auch dieses Sequel zu Hoopers Klassiker "The Texas Chain Saw Massacre", das den Regisseur sogar noch entfesselter zeigte als der Erstling. "The Texas Chainsaw Massacre 2" ist eine dem Original in künstlerischer Hinsicht beinahe ebenbürtige, tiefschwarze Terrorkomödie, die humoristischen Ansätze des Originals deutlich großzügiger auslegend und mit postmodernistischen Symbolen hantierend, als dieser Begriff noch lange nicht zum gängigen Inszenierungsvokabular gehörte. Die titelgebende Kettensäge wird hier nicht nur zum eindeutigen Phallussymbol stilisiert, sondern wird darüberhinaus sogar als unmissverständlicher Penisersatz benutzt - Leatherface verliebt sich.
Das Sequel ist noch lauter und wirkt im Vergleich zum Vorgänger wie eine grelle Kirmes-Achterbahnfahrt. Die Katakomben-Sets erinnern analog dazu an Spielberg-Produktionen wie "Indiana Jones An The Temple Of Doom" oder "The Goonies", die sich hier ebenso gnadenlos durch den blkutigen Kakao gezogen finden, wie das texanische Nostalgiebedürfnis. 'When we were great...' Die Sawyers haben sich ihr kannibalisches Domizil ausgerechnet unterhalb eines leerstehenden Vergnügungsparks errichtet, der zu Ehren berühmter hiesiger Schlachten wie der von Fort Alamo gebaut wurde. Dennis Hoppers dramaturgische Funktion ist reichlich unterbelichtet und deer um diese Zeit schwer angeschlagene Darsteller macht auch keinen Hehl daraus. Grandios.

9/10

Tobe Hooper Cannon Sequel Splatter Texas Dallas Terrorfilm Madness Kannibalismus Radio Leatherface


Foto

MOONRISE KINGDOM (Wes Anderson/USA 2012)


"Our daughter's been abducted by one of these beige lunatics!"

Moonrise Kingdom ~ USA 2012
Directed By: Wes Anderson

Neuengland in den Sechzigern: Der zwölfjährige Waisenjunge und Pfadfinder Sam (Jared Gilman) und seine gleichaltrige Brieffreundin Suzy (Kara Hayward) büchsen gemeinsam aus und flüchten sich in eine einsam gelegene Bucht, wo sie erste romantische Gefühle füreinander entdecken. Die verantwortlichen Erwachsenen, darunter Suzys Eltern (Bill Murray, Frances McDormand), Polizei-Captain Sharp (Bruce Willis) und Scout Master Ward (Edward Norton), brechen derweil in blinde Hysterie aus. Dieser folgt nach dem Einfangen der Kinder ein weiterer, noch weitaus ernster gemeinter Fluchtversuch, dem erst durch Sharps beherztes Eingreifen Einhalt geboten werden kann.

Erneut kann Wes Anderson seinem Herzen für verschrobene Zeitgenossen und ihren Leib-, Magen-und Seelenbedürfnissen Rechnung tragen. Protagonist Sam etwa lässt sich möglicherweise als eine jüngere Version von Max Fischer einsortieren und passend dazu hat auch Jason Schwartzman seinen (obligatorischen) Auftritt im Film. Den skurrilen Humor pflegt Anderson auch weiterhin, wie bereits in den letzten Filmen nimmt er sich diesbezüglich jedoch gepflegt zurück und räumt der zärtlichen Liebesgeschichte seiner beiden Hauptfiguren den Löwenraum ein, ohne, dass diese sich jedweder Lächerlichkeit oder auch nur einem überheblichen Blinzeln preisgeben müssten. Ob diese Distanzaufhebung seine Filme besser macht, weiß ich nicht, ernster, erdiger und auch etwas melancholischer werden sie dadurch auf jeden Fall, selbst wenn ein plötzlicher Blitzschlag sein Opfer kurzfristig und cartoonesk zum Mohren macht. Großer Stilist, der er eben ist ("Buckliger, du sollst nicht reimen!") bleibt Anderson ansonsten seinen einmal installierten Meriten treu und taucht seine entrückte Welt in goldene Herbstfarben, die geradewegs einem der Fantasy-Mädchen-Romane Suzys entsprungen sein mögen. So wie der Titel. Und der Kreis schließt sich.

9/10

Wes Anderson period piece Coming of Age Teenager Pfadfinder Kinder Herbst


Foto

L'AMOUR EN FUITE (François Truffaut/F 1979)


Zitat entfällt.

L'Amour En Fuite (Liebe auf der Flucht) ~ F 1979
Directed By: François Truffaut

Nun doch in der Scheidung von Christine (Claude Jade) begriffen, trifft der noch immer wankelmütige Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) seine Jugendliebe Colette (Marie-France Pisier) wieder und erkennt nach einigem Hin und Her, dass er doch bei seiner neuesten Flamme, der Schallplattenverkäuferin Sabine (Dorothée) bleiben sollte, da er diese wirklich liebt.

Mit einer Art "Best Of Antoine Doinel" setzte Truffaut neun Jahre nach "Domicile Conjugal" seinem sich über zwei Dekaden erstreckenden Personen-Zyklus ein Ende. "L'Amour En Fuite" lässt nochmal viele Stationen der bisherigen vier Filmbeiträge Revue passieren, verwebt letzte lose, narrative Fäden, indem er etwa Antoine späten Frieden mit seiner toten Mutter machen oder sich endgültig von Colette lösen lässt. Ebendiese Liebe zur Figur und ihre späte Katharsis geben den Film seine Hauptdaseinsberechtigung, denn durch die schon als inflationär zu bezeichnende Verwendung von Rückblenden in Form bekannter Szenen wirkt "L'amour En Fuite" manchmal wie jene unseligen TV-Episoden, die diverse alte Erfolgsmomente wiederverwerten um Arbeitszeit zu sparen. Dass die komplexe Filmbiographie Antoine Doinels dennoch eines logischen Schlusspunkts bedurfte, wird nach der Betrachtung des Films wieder deutlich, dennoch hätte ich persönlich mir als Finalpunkt eine etwas engagiertere Arbeit gewünscht.

7/10

François Truffait Antoine Doinel Biopic Scheidung Paris Autor


Foto

BINGO BONGO (Pasquale Festa Campanile/I, BRD 1982)


Zitat entfällt.

Bingo Bongo ~ I/BRD 1982
Directed By: Pasquale Festa Campanile

Einige Mailänder Anthropologen werden auf einen unter Schimpansen im afrikanischen Urwald aufgewachsenen Mann (Adriano Celentano) aufmerksam. Kurzerhand Bingo Bongo getauft, wird der Affenmensch in die Modemetropole entführt, wo er sich nach einigem mühseligem Hin und Her menschliche Verhaltensweisen aneignet. Dabei unterstützen ihn vor allem die schöne Laura (Carole Bouquet) und ihr Hausschimpanse Renato. Bevor der zivilisations- und liebesfrustrierte Bingo Bongo allerdings wieder nach Afrika flüchten kann, wählen die Tiere der Welt ihn zu ihrem Botschafter.

"Bingo Bongo" ist ein wunderbares Beispiel für eine zeitangebundene Art des Filmemachens. Im Gegensatz zu den bis heute in Dauerschleife im Fernsehen gezeigten Spencer-/Hill-Komödien haben etwa die Giraldi-Filme mit Tomas Milian oder eben die vielen Celentano-Komödien, hinter denen häufig das Produzentenduo Cecchi Gori stand und die in Deutschland durch die Synchronkünste Rainer Brandts einen nochmals speziellen Ton auferlegt bekamen, kaum überlebt. Warum, das zeigt ein Film wie "Bingo Bongo", der für gegenwärtige Sehgewohnheiten ein kaum mehr fassbares Unikat darstellt, ganz vortrefflich auf. Celentano darf seinen lakonischen Humor erst nach rund einer Stunde aufzeigen, davor rekrutiert sich die Komik aus situativ angelegten Gags, in denen nach Stummfilmmanier Paternoster- und Drehtürengags Trumpf sind, ebenso wie eine vollkommen clowneske Szene mit Sal Borgese. Bei aller teils lauen, humoresken Schichtarbeit bewahrt sich der Film aber dennoch einen bizarren, surrealen Charme, der sich für jene, die mit dieser Art Film aufgewachsen sind, glücklicherweise noch präserviert findet.

6/10

Pasquale Festa Campanile Mailand Tarzanade


Foto

DOMICILE CONJUGAL (François Truffaut/F, I 1970)


Zitat entfällt.

Domicile Conjugal (Tisch und Bett) ~ F/I 1970
Directed By: François Truffaut

Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) hat seine Christine (Claude Jade) mittlerweile geheiratet. Während sie ein Kind erwartet erhält er nach eher brotlosen, aber glücklichen Blumenfärbeexperimenten im Hinterhof eine neue Anstellung, deren Hauptaufgabe in der Koordination ferngesteuerter Modellschiffchen zu bestehen scheint. Dabei lernt er eines Tages die Japanerin Kyoko (Hiroko Berghauer) kennen und verliebt sich in sie, trotz der justamenten Geburt von Söhnchen Alphonse. Als Christine von der Affäre Wind bekommt, schmeißt sie Antoine aus der Wohnung - lange hält sie es ohne ihn jedoch nicht aus.

Der doinelsche Existenzialismus geht in eine weitere Runde, diesmal dräut die biografische Ernsthaftigkeit hinter der Rolle als Ehemann und Familienvater. Unschwer zu erraten, dass der ewige Simplicissimus Antoine auch hierin zunächst scheitert, auf seiner Flucht vor Verantwortung von der blendenden Exotik einer Orientalin verfällt, schon bald jedoch durch das praktisch durchweg nonverbale Zusammensein mit ihr jedwede Lust an einer weiteren Liebesbeziehung verliert und seinen kurzsichtigen Verlust an Christine realisiert. Umso galliger Truffauts ebenso komischer wie bleiern realistischer Epilog, der nach einem vorangehenden herzerwärmenden Wiederaufflammen zwischen Antoine und Christine ihre Ehe als bourgeoise Sackgasse zeigt, die analog zur festgefahrenen Stieseligkeit ihrer deutlich älteren Nachbarn verlaufen wird.

9/10

François Truffaut Antoine Doinel Ehe Familie amour fou Paris Nouvelle Vague


Foto

BAISERS VOLÉS (François Truffaut/F 1968)


Zitat entfällt.

Baisers Volés (Geraubte Küsse) ~ F 1968
Directed By: François Truffaut

Wegen charakterlicher Wankelmut unehrenhaft vom Militär entlassen begibt sich der mittlerweile 22 Jahre alte Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) auf Jobsuche in Paris. Eine Zwischenstation als Nachtportier führt in zur Detektei Blady, die ihn als Mitarbeiter einstellt. Erste Beschattungsaufträge versaut Antoine durchweg und wird schließlich mit dem pikanten Auftrag betraut, für den schnöseligen Schuhverkäufer Tabard (Michael Lonsdale) herauszufinden, warum alle Welt ihn hasst. Als Antoine Tabards Frau Fabienne (Delphine Seyrig) kennenlernt, ergeht er sich in jugendlicher Schwärmerei, was die reifere Dame als überaus charmant empfindet. Dann ist da noch Antoines Jugendliebe Christine (Claude Jade), die sich nicht recht zwischen Zu- und Abneigung für den kauzigen jungen Mann entscheiden kann.

Neun Jahre nach "Les Quatre Cents Coups" eine mit der Bizzarerie liebäugelnde Komödie über Antoine Doinel, der seine leidenschaftliche Feindschaft zu allen Autoritäten dieser Welt glücklicherweise nicht verlernt hat und nicht ganz zufällig 1968, im Jahr von Studentenunruhen und Langlois-Affäre, den verrücktesten Job annimmt, den Paris zu bieten hat. Er soll ausgerechnet Fakten dafür sammeln, warum ein Bourgeois von seiner Umwelt belächelt und verabscheut wird. Dazu gibt es Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zur erotischen Glücksfindung, hier mal eine Professionelle, da die hübsche, aber etwas spröde Christine und dort die in Antoines Augen göttinnengleiche Madame Tabard. Truffaut inszeniert diese Episode mit spitzzüngiger Leichtigkeit und einem einmaligen satirischen Auge, das allerdings nie ganz den Anschluss an die Ungeheuerlichkeiten der gegenwärtigen Realität einbüßt. Somit mein Lieblings-Doinel, zumal ich darüber immer wieder herzhaft lachen kann.

10/10

François Truffaut Paris Coming of Age Satire Groteske Antoine Doinel Nouvelle Vague


Foto

AMERICAN PSYCHO (Mary Harron/USA 2000)


"I have to return some videotapes."

American Psycho ~ USA 2000
Directed By: Mary Harron

Patrick Bateman (Christian Bale) lebt gegen Ende der Achtziger als Broker in Manhattan. Sein Lebensinhalt besteht aus Hautpflegemitteln, teuren Restaurants und Clubs, seichter Popmusik und barbarischer Gewalt. In einer sich bereitwillig selbst anonymisierenden Gesellschaft braucht er sich noch nichtmal Sorgen darüber zu machen, für seine Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Als er nach einem Amoklauf einbricht und seinem Anwalt (Stephen Bogaert) telefonisch seine Missetaten gesteht, zeigt dieser sich leidlich interessiert. Es bleibt eine Gewissensfrage.

Ellis' gewaltige Bestandsaufnahme der Spätachtziger filmisch zu adaptieren entspricht einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Idee, da die für eine halbwegs adäquate Verfilmung notwendigen Ingredienzien eine visuelle und akustische Ausnahmesituation schaffen würden, der sich kein Massenpublikum freiwillig zu stellen bereit wäre. Harrons Film ist daher vor allem Reduktion. Sie und ihre Coautorin Guinevere Turner retten vermutlich, was zu retten ist; schälen, entkernen, interpretieren, deuten, planieren, begradigen und schaffen somit einen gemeinhin gefälligen Kinospaß, der sich im Gegensatz zum Buch keine Gedanken über kontroverse Aufnahme beim Feuilleton machen muss, es sei denn, dieses möchte dann vielleicht doch etwas mehr Quellenanbindung.
Harron feminisiert die Perspektive des Romans, der nach seinem Erscheinen Feministenverbände auf die Barrikaden hat steigen lassen, derweil Ellis sich damals, infolge der offen geäußerten Meinung, unter anderem auch ein radikal feministisches Buch geschrieben zu haben, mit nur vorgeblich unverständiger Miene amüsiert haben dürfte. Um der Linie von "American Psycho" umsetzerisch halbwegs zu folgen, bedarf es des Mutes zur Monotonie, zur Beiläufigkeit, zur Ausdehnung, auch in Bezug auf die zur Komplettierung unerlässlichen Darstellung von Batemans Gewaltakten. Von alldem jedoch entfernt sich der Film. Er wählt die satirische Antenne des Romans als vordringlichen Energiespender - ein legitimer, aber eben überaus halbgarer Ansatz. Ferner ist Christian Bale, der Harrons und Turners Ansatz bedingungslos folgt, eine, wenn auch charmante, Fehlbesetzung in der Hauptrolle.
Immerhin befindet sich auf der US-DVD mit der Interviewsammlung "The 80s: Downtown" eine grandiose kleine Doku, die das Erlebnis des nach meiner Auffassung in Ehren misslungenen Films wieder halbwegs ausgleicht.

4/10

Mary Harron period piece New York Wall Street Serienmord Madness Yuppie Satire





Filmtagebuch von...

Funxton

    Avanti, Popolo

  • Supermoderator
  • PIPPIPPIPPIPPIPPIPPIPPIPPIP
  • 8.268 Beiträge

Neuste Kommentare