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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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SWINGERS (Doug Liman/USA 1996)


"Baby, you're money."

Swingers ~ USA 1996
Directed By: Doug Liman

Mike (Jon Favreau), in L.A. wohnhafter, erfolgloser Nachwuchskomiker, versucht seit sechs Monaten, seine an der Ostküste verbliebene Ex-Freundin Michelle zu vergessen. Seine durchgedrehten Kumpels, allen voran der exponierte Trent (Vince Vaughn) mühen sich, ihn dabei nach Leibeskräften zu unterstützen, natürlich nie, ohne spaßmäßig auch selbst auf ihre Kosten zu kommen. Dies führt zu mancherlei Absurditäten.

Wie sehr Doug Liman seinen Miramax-Vorgänger Quentin Tarantino anhimmelt, zeigt sich in vollem Ausmaß eigentlich erst im "Swingers"-Nachfolger "Go", der das hier vorliegende, liebenswert-relaxte Cliquenporträt in eine sich recht grotesk entwickelnde, episodische Ensemblestory mit Drogen und Knarren verwandelt. "Swingers" benötigt derlei Requisiten nicht, Liman mag sich aber nicht verkneifen, "Reservoir Dogs" gleich mehrfach zu zitieren und das war zu dieser Zeit jawohl auch noch eine probate Ehrbekundung. So leben auch seine Protagonisten einen konservierten Lebensstil, ein etwas fatzkenhaftes Forties-Revival, mit Swing, Pomade und alten Wagen. Gefeiert und gezecht wird in stilvollen Läden und Restaurants, wo gleichgesinntes Volk verkehrt und trifft man unfällig doch einmal Vertreter einer anderen Subkultur, wird der ungestüm begonnene Streit schon kurze Zeit später wieder aus der Welt geschafft - die Generation muss zusammenhalten.
Liman und Favreau haben mit "Swingers" eine ganz wunderbare Hommage an die Stadt und ihre fokussierte Personengruppe, nämlich schlecht verdienende Komiker und Schauspieler Ende 20 auf der untersten Karrierestufe Hollywoods, erstellt, die einerseits einem Woody Allen und Barry Levinsons "Diner" viel verdankt, andererseits aber auch ein hervorragendes Beispiel abgibt für die neue Lässigkeit im alternariven amerikanischen Unterhaltungskino, das, in Bezug auf Miramax und die Weinsteins, allerdings gerade dabei war, sich aus ebendieser Ecke herauszuwinden. Egal, der Film ist liebenswert, witzig und - auf gewinnende Art tatsächlich auch das - beschwingt.

8/10

Doug Liman Jon Favreau Las Vegas Los Angeles Freundschaft Nacht


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THAT'S MY BOY (Sean Anders/USA 2012)


"Wassup!"

That's My Boy (Der Chaos-Dad) ~ USA 2012
Directed By: Sean Anders

Überraschenderweise trifft der dreizehnjährige Donny (Justin Weaver) bei den Annäherungsversuchen gegenüber seiner neun Jahre älteren, knackigen High-School-Lehrerin Miss McGarricle (Eva Amurri Martino) voll ins Schwarze: Die Dame verführt den verdutzten Minimacho und eine heiße Affäre folgt. Doch die Sache fliegt auf, Miss McGarricle wird schwanger und muss in den Knast. Donny indes wird ein Star der Massen und vergisst, erwachsen zu werden. 26 Jahre später ist er völlig pleite und es droht ihm eine Verurteilung wegen Steuerhinterziehung. Da kommt er auf die Idee, seinen mittlerweile zum erfolgreichen Firmenmanager aufgestiegenen Sohn Han Solo (Andy Semberg), der sich aus verständlichen Gründen seiner Herkunft schämt und lieber 'Todd' rufen lässt, wegen der Kohle anzuhauen. Todd ist gerade im Begriff zu heiraten und Donny gibt sich bei der feinen Gesellschaft kurzerhand als alter Kumpel Todds aus. Mühsam rauft er sich mit seinem Sohn zusammen, da entdeckt er, dass dessen Braut (Leighton Meester) eine ziemlich perverse Schlange ist...

Nach all den eher familienfreundlichen Happy-Madison-Produktionen der letzten Jahre nun endlich mal wieder eine etwas fäkaligere Sandler-Komödie, die alle möglichen geschmackvollen Themen von Pädophilie über Gerontophilie über Ejakulatsentsorgung bis hin zum Inzest verhandelt und entsprechend zotig unterhält. Einfach zum Liebhaben. Diverse von Sandlers alten Leibtopoi, die unschlagbare und zugleich extrem ironisierte Liebe zur oberflächlichen Achtzigerkultur (symbolisiert hierin vor allem durch einen Auftritt des verblüffend junggebliebenen Vanilla Ice), der sich zu altern weigernde, regressive Mann in umfassender Mittlebenskrise, der Versagervater, das Erlernen von Verantwortung - man kennt sie alle längst in- und auswendig und doch mag man den Sandman am liebsten gar nicht anders sehen; das kann er und darin ist er ungeschlagener Schwergewichtschamp. Die Songzusammenstellung ist, auch das nach langer Pause endlich mal wieder hervorzuheben, von ausgesuchter Klasse und beinhaltet neben einem beträchtlichen Kontingent an Hairmetal-Klassikern sogar die Replacements. Derlei Einspieler sorgen natürlich immer noch für ein sich zusätzlich einstellendes Hochgefühl beim entspechenden Liebhaber. Sandler weiß das, aber er kalkuliert für seine Fans, die das natürlich wiederum auch so von ihm erwarten und zu schätzen wissen. Alle anderen mögen den Kopf schütteln, auch das ist, speziell in diesem Falle, absolut probat.

7/10

Sean Anders Adam Sandler Dennis Dugan Vater & Sohn Hochzeit Paraphilie Bier


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THE CAMPAIGN (Jay Roach/USA 2012)


"People are taking this thing entirely out of context."

The Campaign (Die Qual der Wahl) ~ USA 2012
Directed By: Jay Roach

Um ihren Plan, Babypuppenfabriken aus China zur Vermeidung teurer Importwege ins Inland zu verlegen und in Billiglohnarbeit herstellen zu lassen, benötigen die Motch-Brüder Glenn (John Lithgow) und Wade (Dan Aykroyd) eine politische Marionette im Kongress. Diese glauben sie in dem naiven Marty Huggins (Zach Galifianakis) gefunden zu haben und lassen ihn durch den Wahlmanager Wattley (Dylan McDermott) managen - mit Erfolg. Ganz zum Leidwesen des bisher konkurrenzlosen Cam Brady (Will Ferrell), der alles symbolisiert, was an US-Politik verlogen, lobbyistisch, schmierig, scheinheilig und korrupt ist. Die folgende Schlammschlacht zwischen Huggins und Brady ist beispiellos.

Todwitzig wieder, dieses neue Ferrell-Vehikel, das für die Anhänger des großen Komödianten wieder reichlich schmackhaftes Futter bietet. Der brillante Lachsack wird flankiert von einer großartigen Besetzung, der neben den Genannten auch der wunderbare Brian Cox angehört und hat zudem Gelegenheit zu einem eigentlich völlig folgerichtigen Komikeregipfel mit dem fast ebenso tollen Zach Galifianakis, der hier als etwas tuckiger Gutmensch in capraesker Tradition einen heillos übertriebenen Südstaatenakzent pflegt und dessen Darstellung beinahe einer Offenbarung gleichkommt. Ansonsten gibt es wieder das altbekannte Duell zweier Bekloppter, von denen einer Ferrell und der andere faktisch sein Stichwortgeber ist; man liebte es schon in "Talladega Nights", "Blades Of Glory", "Step Brothers" und "The Other Guys" und liebt es in "The Campaign" nicht minder.
Anzumerken wäre vielleicht noch, dass trotz der im Film angelegten, teilweise barschen Denunziation der amerikanischen Politik, ihrer Austragungsformen, ihrer massenmedialen Präsenz und entsprechend auch ihrer Wählerschaften, "The Campaign" sich schlussendlich als so erzamerikanisch-naiv gibt wie man es von ihm erwarten muss. Natürlich gewinnen am Schluss Integrität und Ehrbarkeit und damit die Märchenwelt der US-Kinokomödie, wie sie, zweite Erwähnung, durch Frank Capra einst so zwingend installiert wurde. Dieser letzte Schritt über die Schwelle der Boshaftigkeit und "The Campaign" wäre perfekt geworden. Selbst in dieser versöhnlichen Form aber reicht es noch immer zur goldenen Ablachmedaille.

8/10

Jay Roach Adam McKay North Carolina Satire Politik Will Ferrell Wahlkampf


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THE HOT ROCK (Peter Yates/USA 1972)


"Afghanistan Banana Stand!"

The Hot Rock (Vier schräge Vögel) ~ USA 1972
Directed By: Peter Yates

Der just aus dem Knast entlassene John Dortmunder (Robert Redford) hat erst gar keine Zeit, ehrlich zu werden, denn sein Schwager Kelp (George Segal) stimmt ihn prompt auf das nächste große Ding ein: Der afrikanische Diplomat Amusa (Moses Gunn) will einen im Museum befindlichen Diamanten für sein Land zurückhaben. Dortmunder soll den Job austüfteln, Kelp, der Motorenfreak Murch (Ron Leibman) und der linkische Greenberg (Paul Sand) sind als Gehilfen an Bord. Greenberg wird beim Bruch erwischt, kann den Stein jedoch unbbemerkt verschlucken. Nachdem er per aufwändiger Aktion aus dem Staatsgefängnis befreit wurde, eröffnet er seinen verdutzten Freunden, dass er den Diamanten bereits in seiner Untersuchungszelle versteckt hatte. Dort hat ihn sich wiederum Greenbergs Vater (Zero Mostel), ein Winkeladvokat, unter den Nagel gerissen, mit dem Amusa jetzt Geschäfte machen will. Doch das Gaunerquartett lässt sich nicht so einfach abspeisen...

Turbulent angelegte Caper-Comedy, die einen langen Weg bis zu ihrem Titelobjekt anbahnt: Insgesamt vier große Aktionen stehen Dortmunder und seinehn drei Kumpels bevor, ehe sie endlich das ersehnte Stück in Händen halten dürfen. Vom Pech verfolgt, müssen sie ihrem zunehmend ungehaltenen Auftraggeber immer neue Spesen- und Objektforderungen stellen: Hier etwas Dynamit, da ein paar Uniformen, hier einen LKW, da einen Helikopter. Kein Wunder, dass der gute Dr. Amusa irgendwann die Schnauze gestrichen voll hat. Das Gaunerquartett um den sich brav zurückhaltenden Redford ist toll, Zero Mostel sowieso immer eine Schau und Yates Inszenierung unscheinbar. Ein solides Unterhaltungsprodukt für die prime time ergibt all dies, das alle Jahre wieder Freude macht, allzu große Sprünge jedoch tunlichst unterlässt.

7/10

Peter Yates New York Heist Freundschaft Groteske Hypnose


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FIGHT CLUB (David Fincher/USA, D 1999)


"Go ahead, Cornelius, you can cry."

Fight Club ~ USA/D 1999
Directed By: David Fincher

Ein bei einer Autofirma angestellter, junger Mann (Edward Norton), der feststellen muss, ob Unfälle mit den hauseigenen Produkten regresspflichtig gemacht werden können, ist über seine Einsamkeit hinaus schlaflos geworden. Um wieder fühlen zu können, geht er als "Elendstourist" zu diversen Selbsthilfegruppen. Als er sich jedoch in die "unkonventionelle", ihm jedoch durchaus ähnliche Marla Singer (Helena Bonham Carter) verliebt, die so gar nicht seinem klassischen Beuteschema entspricht, entwickelt der junge Mann eine ausgeprägte Schizophrenie, die in einer Persönlichkeitsspaltung mündet: Sein anderes, neues Ich, Tyler Durden (Brad Pitt) kann alles, was er selbst nicht kann, er ist ein Anarchist, der den Ist-Zustand der Welt verabscheut und mit der Hilfe seines braven alter ego die Revolution anbahnt. Zunächst wird ein im Untergrund operierender Faustkampfclub gegründet, aus dem sich dann später eine Revolutionsarmee speist, die etwas ganz besonders Schönes plant.

Palahniuks Buch habe ich noch immer nicht gelesen und werde dies wahrscheinlich auch nie nachholen, weil ich Finchers absolut meisterhaftes Filmmonster durch nichts mehr angekratzt wissen möchte.
"Fight Club" subsumiert die Krise einer immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe: Der des männlichen, angestellten, gutverdienenden, weißen, abendländischen Frühdreißigers. Überarbeiteter Anzugträger, sich mit Statussymbolen jedweder Konsumsparte ausstaffierend, dabei todunglücklich, einsam und gefangen, das für eine Person viel zu große Wohnblock-Apartment gesäumt mit Ikea-Waren, stets mit Zivilisationskrankheiten von Insomnie über Hypertonie bis hin zu Depressionen und Burn-Out kämpfend. Ein klein wenig Fight-Club-Edward-Norton steckt wohl in "uns" allen und dagegen können wir uns vermutlich auch gar nicht wehren. Die Geschichte entwickelt diesen Ist-Zustand mit einem unvergleichlichen, genießerischen Selbsthass und Selbstekel, fernab jedweden Mitleids und mit einem solch überbordernden Zynismus, wie es kein anderes Werk zustande bringt und zehrt daher auch vierzehn Jahre und mehrere internationale Kriege später noch immer von ungebrochener Aktualität. Brad Pitt als anarchistisches Wunsch-Ich zu besetzen, derweil er im Prinzip bloß seinen "12 Monkeys"-Part repetiert, ist ein weiterer großer Schachzug dieser in jeder Hinsicht perfekt ausgearbeiteten Milieumeditation, die sich selbst nicht davor scheut, das hochfinanzielle Chaos zu predigen und deren wunderbar romantisches Schlussbild bitteschön nicht als Armageddon missverstanden werden will, sondern als durchaus probate Rettungsoption. Ich hatte danach, wie immer kurz nach dem Film, verdammt viel Lust, mich in eine Kneipe zu setzen und mir mit Karacho selbst in die Fresse zu hauen, war dann aber doch mal wieder zu feige. Ich brauche wohl erst noch meinen Tyler Durden.

10*/10

David Fincher Chuck Palahniuk Satire Groteske Terrorismus Faustkampf Verschwörung Insomnie Madness Apokalypse Krebs Persönlichkeitsstörung


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THE CABIN IN THE WOODS (Drew Goddard/USA 2011)


"I'm gonna read a book with pictures."

The Cabin In The Woods ~ USA 2011
Directed By: Drew Goddard

Fünf College-Freunde (Kristen Connolly, Chris Hemsworth, Anna Hutchison, Fran Kranz, Jesse Williams) brechen zu einem Wochenendtrip in einer Waldhütte auf. Sie ahnen nicht, dass sie sich damit zum Teil eines uralten Rituals machen, das in der Gegenwart jedoch laborhafte Dimensionen angenommen hat. Unter der Erde sitzen eingeweihte Mitarbeiter wie in einer Art Überwachungsbüro und können das Quintett sowohl beobachten wie auch seine Geschicke durch alle möglichen Tricks steuern. Als eine Zombiefamilie auftaucht, die irgendetwas mit den diarischen Schriften im Keller der Hütte zu tun haben und die Freunde attackiert, ahnen sie noch lange nicht, welches Ausmaß sich wirklich hinter ihrem Ungeschick verbirgt...

Dieser Joss Whedon scheint mir ein ziemlich cleveres Kerlchen in Bezug auf die Ersinnung frischer Geschichten und Szenarien zu sein. Da ich bekanntermaßen mit Fernsehen wenig bis notting an der Mütze habe, kenne ich seine Arbeiten auf diesem Sektor nicht, aber dass "The Avengers" großartig sind, bestärkt mich in meiner Vermutung. "The Cabin In The Woods" nun gestaltet sich als umfassende Hommage an den Horrorfilm in seiner Gesamtheit, mit all seinen übernommenen, weitergesponnenen und auch selbstkreierten Mythen. Und ist dazu noch eine Reminiszenz an Lovecraft und an alle Gewohnheitskiffer dieser Welt. Toll ist auch, dass das Erwartete und das Unerwartete zu gleichen Teilen zusammentreffen. Dass der blöd daher salbadernde Pothead am Ende mit all seinen Spinnereien richtig liegt und als Held durchgeht, vermutet man zu Beginn nicht, andererseits jedoch bleibt einem parallel dazu auch das klassische final girl erhalten.
Seine volle Durschschlagskraft erhält "The Cabin In The Woods" im letzten Viertel, als ebenjenes übriggebliebene "Paar" die unfassbare Wahrheit aufdeckt und Whedon und Goddard ihre Phantasie wahre Purzelbäume schlagen lassen: Tief im Boden, unterhalb der Kabine lauern nämlich sämtliche Schrecknisse, die je im Horrorfilm Gestalt annahmen, rechteverhaftete Kreaturen leider, wenn auch erwartungsgemäß, exklusive. Ein Phantásien des Schreckens liegt da begraben und Whedon/Goddard schwingen sich auf zum Michael Ende des Trash. "The Cabin In The Woods" wird zu einer Geschichte über Geschichten, einer Universalabhandlung über das Wesen von Horrorfilmen, deren Metaebene ungeahnte Höhen erreicht, ohne den eigenen Storyfaden zu vernachlässigen. Dass die längst jedes räsonable Maß überschreitende Effektarbeit Hollywoods außerdem nicht automatisch selbstzweckhaft daherkommen muss, sondern in Ausnahmefällen auch ihre ursprüngliche Funktion noch, nämlich die Unterstützung des Films, erfüllen kann, vermittelt einem große Zuversicht. Toll!

9/10

Drew Goddard Joss Whedon Satire Monster Zombies Hommage Verschwörung Marihuana Apokalypse


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TO ROME WITH LOVE (Woody Allen/USA, I, E 2012)


"Let me tell you, and I'm experienced: it's better to be rich and famous than to be poor and unknown."

To Rome With Love ~ USA/I/E 2012
Directed By: Woody Allen

Vier lustige Anekdoten aus und in Rom: Der Architekturstudent Jack (Jesse Eisenberg) verliebt sich in die wankelmütige Freundin (Ellen Page) seiner Freundin (Greta Gerwig), wobei ihm als geisterhafter Ratgeber ständig ein gealtertes Pendant (Alec Baldwin) die Situation redet; der Angestellte und Familienvater Leopoldo (Roberto Benigni) erlebt die Höhen und Tiefen urplötzlichen medialen Ruhmes; der retirierte Opernregisseur Jerry (Woody Allen) überredet den künftigen Schwiegervater (Fabio Armiliato) seiner Tochter (Alison Pill), Tenor zu werden - unter etwas seltsamen Konditionen -; das Jungehepaar Antonio (Alessandro Tiberi) und Milly (Alessandra Mastronardi) entschließt sich nach einem jeweils turbulenten amourösen Abenteuer, zurück in die Sicherheit der Provinz zu ziehen.

Und weiter führt Woody Allens Streifzug durch die Metropolen der alten Welt, nach bereits viermaliger Zwischenstation in London und jeweils einmaliger in Barcelona und Paris. Diesmal geht die Reise also nach Rom und wieder wirkt sich der luftige Lebensstil Südeuropas als überaus vitalisierend für die Lebensgeister Allens, dessen intellektueller Schneid nicht mehr ganz so rasiermesserscharf zu sein scheint wie dereinst, der aber immer noch ganz lustige und vor allem grundtypische Geschichtchen ersinnt um Liebe und Laster, Wohl und Wehe von Beziehungen und die Unpraktikabilität der Psychoanalyse. Penélope Cruz ist als dralle Upper-Class-Hure unwiderstehlich, man möchte nur noch sein Gesicht in ihrem Dekolleté vergraben und darin ersticken. Eisenberg und Baldwin nerven geflissentlich, wenngleich ich mit ersterem nach dem widerwärtigen "Zombieland" langsam aber sicher meinen Frieden machen kann. Die beste Episode hat der Almeister indes sich selbst und seiner langjährigen Kollegin Judy Davis spendiert, wenngleich angesichts der deutschen Fassung Entsetzen meinen Leib durchfuhr: Nach vierzig Jahren hat Wolfgang Draeger offenbar als hiesige Stimme der Ikone abgedankt. Damit endet eine elementare Episode deutscher Synchronisationskunst.

8/10

Woody Allen Rom Ensemblefilm


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ZACK AND MIRI MAKE A PORNO (Kevin Smith/USA 2008)


"I hate you ebony and ivory motherfuckers!"

Zack And Miri Make A Porno ~ USA 2008
Directed By: Kevin Smith

Zack (Seth Rogen ) und Miri (Elizabeth Banks) kennen sich schon eine Ewigkeit und wohnen auch jetzt als Endzwanziger gemeinsam in einer Partner-WG. Ein Paar jedoch sind sie nie geworden. Als ihnen wegen mal wieder unbezahlter Rechnungen Wasser- und E-Werk an Thanksgiving den jeweiligen Saft abdrehen, heißt es schnell Kohle auftreiben. Da entwickelt Zack die unschlagbare Idee, gemeinbsam einen Amateurporno zu drehen, der durch ein lustiges Youtube-Video der beiden noch zusätzliche Abnehmer finden dürfte. Als sie sich während des Drehs selbst zum Koitus daniederlegen, entdecken Zack und Miri, dass sie sich eigentlich schon immer geliebt haben. Doch dr Weg zum Glück ist steinig und mit gebrochenen Herzen gepflastert...

Auch, wenn man mir häufig erzählt, dass ich physiognomische Ähnlichkeit mit Schmitzens Kevin aufwiese - was ich selber nicht unbedingt so empfinde - muss ich den Kerl ja nicht gleich liebhaben wie einen Zwillingsbruder. Im Gegenteil empfinde ich seine Filme mit zunehmendem Alter eher als postpubertäres Beziehungs-Fantasy-Kino heimlich biederer Prägung. Sein einziger echter Genrefilm, "Dogma", symbolisiert für mich folglich sogar ein ganz besonders spezielles Hassobjekt. Smiths Ausflüge in die Comickunst, in der er als Autor den "Großen" mittlerweile via Daredvil, Spider-Man, Green Arrow und jüngst Batman (die Fortsetzung zu "The Wydening Gyre" steht mittlerweile seit mittlerweile zweieinhalb Jahren auf sich warten lässt und mutmaßlich bereits in Marihuanaschwaden aufgegangen ist) seinen geschwätzigen Dialogstempel aufgedrückt hat, finde ich manchmal anstrengend, aber zumindest abwechslungsreich und unterhaltsam.
"Zack And Miri Make A Porno" schlägt nun in eine ähnliche Kerbe wie "Chasing Amy" und "Jersey Girl", ziemlich erz-eastcoast-mäßige RomComs, die jeder echte Kerl sich guten Gewissens am Samstagabend zu Pizza und einem Fläschchen Beck's Gold zusammen mit seinem geliebten Wesen anschauen kann, ohne dass eine® der beiden Bauchschmerzen bekommen muss. Außer vom Mildbier vielleicht. Es gibt was zu Schmunzeln und was fürs Herz, alles schön famos und adrett und ungefährlich. Ein wirklich überaus ekelhafter Kopro-Gag sorgt für laute "Iiiihs" und die zwingend formulierte Tatsache, dass manchmal erst ein erzwungener Fick die wahre Liebe zum Vorschein bringt, für zustimmend gemurmelte "Oooohs". Von mir aus.
Daher reicht mir einmal angucken aber auch völlig.

5/10

Kevin Smith Pennsylvania Winter Pornographie


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THE PRIVATE LIFE OF SHERLOCK HOLMES (Billy Wilder/UK 1970)


"We all have occasional failures. Fortunately, Dr. Watson never writes about mine."

The Private Life Of Sherlock Holmes (Das Privatleben des Sherlock Holmes) ~ UK 1970
Directed By: Billy Wilder

Fünfzig Jahre nach Dr. Watsons (Colin Blakely) Tode wird eine Kiste mit geheimen Memorabilia von Sherlock Holmes' (Robert Stephens) Busenfreund geöffnet. Darin finden sich unter anderem Aufzeichnungen über zwei bislang unbekannte Fälle des Meisterdetektivs: Im ersten soll er als Vater für das geplante Baby einer russischen Ballettdiva (Tamara Tourmanova) herhalten, wiegelt jedoch ab mit der Begründung, er und Watson seien ein schwules Paar, im zweiten lässt sich Watson von einer kaiserlichen Spionin (Geneviève Page) hereinlegen, die zur großen, unerfüllten Liebe seines Lebens avanciert.

Einer der weniger beleumundeten Filme Billy Wilders, wohl nicht ganz zu Unrecht. Mit der kleinen Episode um Holmes' erotische Ausflucht stark und witzig beginnend, fällt er mit der zweiten, erzählzeitlich wesentlich ausführlicher dargebrachten Geschichte um die von Holmes' undurchsichtigem Bruder Mycroft (Christopher Lee) überwachte Konstruktion eines Unterseebootes jedoch etwas ab. Besonders Colin Blakely als Watson, in der deutschen Synchronfassung vorzüglich vertont von Harald Juhnke, macht den Film jedoch immer wieder sehenswert, da er das humorige Potenzial des gepflegt-grotesken Szenarios zu schüren versteht. Die Szenen, in denen er, als Hahn im Korb der schnieken russischen Tänzerinnenm Holmes' vorherigen "Verrat" am eigenen Leibe zu spüren bekommt und ihn später erbost zur Rede stellt, beinhalten große Wilder/Diamond-Eleganzia. Danach wird es vergleichsweise konventionell und ein im Grunde "typischer" Holmes-Fall mit eher zurückhaltender Komik steht an. Wilders visuelle Pflege der viktorianischen Ära ist erwartungsgemäß natürlich von größter Sorgfalt und höchst vergnüglich, Christopher Challis' weichzeichnende Kamera passt sich ihr zudem hervorragend an. So ist "The Private Life Of Sherlock Holmes" insgesamt betrachtet vor allem ein visueller Genuss; zu seinem völligen Gelingen hätte ich mir jedoch gewünscht, dass der Film das Versprechen der ersten dreißig Minuten weiter einhält.

7/10

Billy Wilder Sherlock Holmes Victorian Age London Schottland Loch Ness Kokain femme fatale


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THE RUM DIARY (Bruce Robinson/USA 2011)


"How does anyone drink 161 miniatures?" - "Are they not complimentary?"

The Rum Diary ~ USA 2011
Directed By: Bruce Robinson

Puerto Rico in den Sechzigern: Der abgehalfterte und versoffene US-Autor Paul Kemp (Johnny Depp) findet eine Einstellung bei dem maroden "San Juan Star". Dort soll er unter anderem die Horoskope verfassen. Nachdem er mehrere Male seine Hotelzimmer-Minibar auf Spesenkosten geleert hat, muss Kemp dann zu seinem Kollegen Sala (Michael Rispoli) ziehen, der zusammen mit dem völlig durchgedrehten Moberg (Giovanni Ribisi) ein heruntergekommenes Apartment in der Stadt bewohnt. Monetäres Licht am Tunnel erscheint in der Person des zwielichtigen PR-Unternehmers Sanderson (Aaron Eckhart). Dieser sucht einen korrupten Schreiberling, der gezielten Populismus für ein ökologisch katastrophales Hotelbauprojekt auf einer bislang unbevölkerten kleinen Karibikinsel betreibt. Zunächst schlägt Kemp, geblendet von Luxus und Sandersons aufregender Frau Chenault (Amber Heard) ein; er findet jedoch bald zu seiner eigentlichen Haltung zurück.

Nicht das große, Acid-intoxinierte Americana-Monster, das Gilliam mit "Fear And Loathing In Las Vegas" auf Reisen schickte, gewichtet sich bereits die Ausgangsbasis von "The Rum Diary" anders. Hier gibt es für Thompson noch Werte, für die zu kämpfen es sich lohnt, einen Guerillakrieg mit Tinte und Feder gegen die Übermacht der rücksichtslosen Hochfinanz zu führen etwa. Kleinere Bizzarerien leistet sich zwar auch Robinsons Film, da hier jedoch mit einer Ausnahme der Rum die primär, wenn auch reichlich, konsumierte halluzinogene Substanz bleibt, lässt sich eine gewisse Klarsicht nicht verdrängen. "The Rum Diary" möchte aber auch gar kein Sequel zu Gilliams Adaption sein, er begnügt sich vielmehr mit seinem Status als Mosaik aus witzigen Anekdoten und Hunters Journaille-Wahnsinn, als entspanntes Zeitporträt mit Charakterköpfen, von denen insbesondere Giovanni Ribisi, den ich noch nie so toll gesehen habe wie hier, als kleiner Thronerbe von Benicio Del Toro hängen bleibt.
Robinson, dessen erster Film seit 19 Jahren und insgesamt vierter in 24 dies ist, hat Vieles - wahrscheinlich sogar das Meiste - richtig gemacht, bei einer Thompson-Verfilmung gewiss keine Selbstverständlichkeit. Und wird seine Frequenz künftig hoffentlich wieder etwas anziehen.

8/10

Bruce Robinson Journalismus Hunter S. Thompson Puerto Rico Karibik Alkohol LSD period piece





Filmtagebuch von...

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