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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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FRIGHT NIGHT PART 2 (Tommy Lee Wallace/USA 1988)


"She cast no reflection!"

Fright Night Part 2 (Mein Nachbar der Vampir) ~ USA 1988
Directed By: Tommy Lee Wallace

Nach einer längeren Psychotherapie, deren Resultat ihn schließlich dazu bewegt, die Ereignisse um seinen vampiresken Nachbarn Jerry Dandridge von vor drei Jahren als Einbildung abzutun, steht Charley Brewster (William Ragsdale) kurz vor Abschluss seines Studiums und hat mit Alex (Traci Lind) sogar eine nette, neue Freundin im Gepäck. Da zieht in das Appartmenthaus seines alten Spezis Peter Vincent (Roddy MacDowall) die geheimnisvolle Regine (Julie Carmen) mitsamt ihrem merkwürdigen Tross ein - wie sich bald herausstellt, eine ganze Clique von Kreaturen der Nacht. Regine entpuppt sich als Jerry Dandridges Schwester, die Rache für den Tod ihres Bruders will und plant, den verwirrten Charley in einen Vampir zu verwandeln...

An Tom Hollands feschen Erstling, vermutlich einer der schönsten Mainstream-Horrorfilme seines Jahrzehnts, reicht Wallaces Sequel nicht ganz heran, dennoch wartet es hier und da mit einigen hübschen Ideen auf und macht nicht den Fehler, das Original lediglich zu repetieren. Diesmal liegt die Überzeugungsarbeit umgekehrt, nämlich auf Seiten Peter Vincents, der seinen jungen Mitstreiter Charley nach erfolgreicher Psycho-Gehirnwäsche - durch einen Vampir-Psychoanalytiker freilich - erst wieder dazu bringen muss, die unleugbare Blutsauger-Realität zu akzeptieren.
Regines kleiner Kreaturentross ist aber auch nicht von schlechten Eltern, besonders der bullige Brian Thompson als Madenmonster weiß zu gefallen. Insgesamt eine handwerklich saubere Angelegenheit, der wie erwähnt das zuvor noch frische Flair des Vorgängers etwas abgeht, die dessen Freunde aber sicherlich trotzdem en gros amüsieren müsste.

6/10

Tommy Lee Wallace Vampire Sequel Psychiatrie Rache Monster


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CASINO ROYALE (Val Guest, Ken Hughes, John Huston, Joseph McGrath, Robert Parrish/UK, USA 1967)


"Afterwards we can run amok. Or if you're too tired, we can walk amok."

Casino Royale ~ UK/USA 1967
Directed By: Val Guest/Ken Hughes/John Huston/Joseph McGrath/Robert Parrish

Geheimdienstchef M (John Huston) plant, den echten Sir James Bond 007 (David Niven), der sich bereits vor vielen Jahren auf sein Anwesen zurückgezogen hat und dessen neuerliche Popularität lediglich einem vulgären Namensvetter zu verdanken ist, in einer Ära der höchsten Krise seine Nachfolge zu übertragen. Bond lehnt zunächst ab, doch Ms gegrabene Grube tut sich nach oben auf und so wird der alte Meisterspion zu seinem Comeback gezwungen. Diese ist auch dringend erforderlich, denn nicht nur der Meisterspieler und Zauberkünstler Le Chiffre (Orson Welles) schickt sich an, für die Organisation SMERSH ein Riesenvermögenbeim Baccarat an Land zu ziehen, auch Bonds Neffe Jimmy (Woody Allen) alias Dr. Noah ist völlig durchgedreht und plant, einen Virus auf die Menschheit loszulassen, der alle Frauen in blendende Schönheiten verwandeln und jeden Mann über 1,52 m auslöschen soll. Mithilfe seiner leider ziemlich gierigen Kollegin Vesper Lynd (Ursula Andress) und seiner unehelichen Tochter Mata (Joanna Pettet) zieht Bond ins Feld.

Zwei Monate vor der Premiere des fünften offiziellen Bond-Abenteuers suchte die Konkurrenz von Columbia mit einer Parodie aufzutrumpfen, die alles in den Schatten stellen sollte, was die regulären Agententhriller jener Zeit und auch ihre diversen mehr oder weniger gelungenen Epigonen auszeichnete, indem sie selbige einfach ad absurdum führte.
Nun, man kann nur mutmaßen, welche Halluzinogene die Kreativköpfe zu diesem zelluloidgewordenen Irrsinn angestiftet haben, aber davon abgesehen, dass man ihn sicherlich als 'interessant' bezeichnen kann, ist "Casino Royale" eine brutale Nervensäge. Der Film zerfasert völlig im Zuge seiner Maßlosigkeit und der unbedingten Prämisse, jede noch so paradoxe Absurdität im nächsten Moment durch eine noch größere abzulösen. Diverse weit ausholende Szenen sind dem faktisch ohnehin kaum vorhandenen Plot in keinster Weise dienlich, sondern völlig selbsträsonistisch geraten. Der alte Spruch von der linken Hand, die nicht weiß, was die rechte tut, traf daher auch selten so sehr auf ein Kinostück zu wie auf dieses. Fünf nominell vertretene Regisseure und mindestens ebenso viele Autoren warfen ihre Ideen in einen Topf und durften diese auch noch wild durcheinander realisieren, so dass am Ende ein völlig durchgedrehtes Pasticcio herauskam, dem man unter Garantie keinerlei vernünftige Produktionsägide anmerkte. Ob James Bond infolge einer schottischen Beerdigung Boule mit massiven Steinkugeln spielen oder seine Tochter aus einem indischen Ashram herausholen muss, ob selbige in Berlin durch expressionistische Stummfilmkulissen wandeln, Woody Allen kleine Zeichentrick-Atomwölkchen hervorrülpsen oder Bebel mehrfach 'Scheiße' rufen muss - "Casino Royale" ist eines der wenigen wahren manifestierten Äquivalente zu blankem Nonsens.

5/10

James Bond 007 Parodie Schottland Berlin London John Huston Robert Parrish Val Guest Ken Hughes Joseph McGrath Woody Allen Frankreich Casino


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DRIVING MISS DAISY (Bruce Beresford/USA 1989)


"You know your letters don't you?"

Driving Miss Daisy (Miss Daisy und ihr Chauffeur) ~ USA 1989
Directed By: Bruce Beresford

Atlanta, 1948: Die pensionierte Lehrerin Daisy Werthan (Jessica Tandy) schrottet eines schönen Tages ihren Chrysler. Für ihren Sohn Boolie (Dan Aykroyd), einen erfolgreichen Baumwollfabrikanten, Grund genug, ihr zusammen mit dem neuen Wagen einen Chauffeur aufs Auge zu drücken. Die starrköpfige jüdischstämmige Dame jedoch weigert sich, den farbigen Hoke Colburn (Morgan Freeman), einen zwar ungebildeten, dafür aber umso lebenserfahrenen Mann, als Fahrer zu akzeptieren. Hoke jedoch lernt seinerseits, welche Tasten er bei Miss Daisy anzuschlagen hat, um sich im Laufe der Zeit ihrer Sympathie zu versichern. Ihre kleinen Spleens lernt er zu akzeptieren, ebenso wie sie unmerklich Hokes leise Wahr- und Weisheiten zu schätzen beginnt.

Auch dies ein retrospektiv typischer "Oscar"-Gewinner, mir jedoch einer der liebsten der letzten dreißig Jahre. "Driving Miss Daisy" hat mich schon immer begeistern können, ganz einfach, weil er leises, kluges Entertainment feilbietet. Der Film ist zugleich auch eine schöne, unaufdringliche Reflexion über Klischees und Stereotypen, ihre Entstehung, ihr Wachsen und schließlich ihre Ablehnung, die manchmal auch bloß einer Form von Leugnung aus Selbstschutz gleichkommt. Der Blick durch die interkulturelle Brille via die Inszenierung einer im Grunde dearart erzamerikanischen Dramödie durch einen Australier tut dem Film nebenbei immens gut. Wie die meisten Academy-Lieblinge dieser Zeit trägt sich "Driving Miss Daisy" jedoch vor allem als fabulöses Schauspielerkino, das mich neben all seiner übrigen Multiperspektivik - er erzählt außer von alltäglichem Südstaaten-Rassismus auch von Freundschaft, mentaler Reife, einer typischen Mutter-Sohn-Beziehung und zeitlichem Wandel über die Dekaden - vor allem als gerontologische Studie begeistert.

9/10

Bruce Beresford Rassismus based on play Georgia Südstaaten Familie Senioren ethnics Freundschaft Best Picture


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RAIN MAN (Barry Levinson/USA 1988)


"I'm an excellent driver."

Rain Man ~ USA 1988
Directed By: Barry Levinson

Der windige Autoimporteur Charlie Babbitt (Tom Cruise) ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Als er eines Tages die Nachricht vom Ableben seines von ihm weithin ignorierten Vaters erhält, reist er ungerührt nach Ohio, um das beträchtliche Erbe in Empfang zu nehmen. Doch Pustekuchen; das Vermögen geht an einen Treuhänder mit Sitz in einem Heim für behinderte Menschen. Erbost erfährt Charlie vor Ort, dass er einen wesentlich älteren Bruder namens Raymond (Dustin Hoffman) hat, der hier wohnhaft ist und unter dem 'Autistic-Savant'-Syndrom leidet. Um an sein Geld zu kommen, nimmt Charlie Raymond kurzerhand mit nach Kalifornien. Dort will er eine Pflegeverfügung für Raymond erwirken. Die Reise sorgt jedoch unerwarteterweise dafür, dass sich nicht Charlies Geldbeutel öffnet, sondern seine Augen und sein Herz.

Vermutlich noch immer einer der stärksten Hollywood-Einträge zum Topos 'geistige Behinderung', aufrichtig philanthropisch und liebevoll im Umgang mit seinen Figuren, egal, was die Leute sagen. Tom Cruise, der ja nicht zuletzt aufgrund seines verqueren Privatlebens ein wandelndes Hassobjekt personifiziert, etabliert sich hierin als famoser Schauspieler, von Dustin Hoffman gar nicht zu reden. Für das Krankheitsbild des Autismus brach "Rain Man" seinerzeit eine Kerbe in der Öffentlichkeit frei, die zeigt, welchen gesellschaftlichen Impact Populärkultur zu evozieren vermag.
Andererseits ist es sicher auch leicht, den Film zu hassen, denn er ist bei seinem recht sensiblen Sujet auch äußerst glatt und, wie viele Road Movies, eine unterschwellig stolze Americana. Böse Zungen mögen ihm sogar Durchtriebenheit vorwerfen. Story, Regie, Darsteller und Darstellung sowie der emotionsträchtige Score zielen eindeutig darauf ab, Kritik und Publikum und Preise für sich zu gewinnen. Aber, herrje, dann soll es eben so sein. Ich jedenfalls bin der sicherlich unpopulären Ansicht, "Rain Man" verdient, was er sich erarbeitet hat.

8/10

Barry Levinson Behinderung Autismus Brüder Road Movie Las Vegas Kalifornien Ohio Best Picture


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TERMS OF ENDEARMENT (James L. Brooks/USA 1983)


"Some people say Des Moines is the best city in Iowa."

Terms Of Endearment (Zeit der Zärtlichkeit) ~ USA 1983
Directed By: James L. Brooks

Die hochmütige Texanerin Aurora Greenway (Shirley MacLaine) wird früh Witwe. Ihre einzige Tochter Emma (Debra Winger) betüttelt sie vom Säuglingsalter an; dennoch wird aus ihr eine selbstbewusste, junge Frau, die ihrer exzentrischen Mom durchaus die Stirn zu bieten weiß. Dennoch stellen sich Auroras Weisheiten zuweilen als treffend heraus, etwa, als sie Emma davon abrät, den fachlosen Dozenten Flap (Jeff Daniels) zu heiraten. Nachdem sie nach Des Moines gezogen sind, wo Flap eine neue Einstellung erhält, bekommen die beiden über die Jahre zwar drei Kinder, doch betrügt Flap Emma ohne mit der Wimper zu zucken. Im Gegenzug nimmt sie sich einen Bankangestellten (John Lithgow). Aurora beginnt derweil eine Affäre mit ihrem Nachbarn, dem gesetzten Astronauten und Lebemann Garrett Breedlove (Jack Nicholson). Als Emma unheilbar an Krebs erkrankt, heißt es für alle Beteiligten, Bilanz zu ziehen.

Man kann nicht leugnen, dass man "Terms Of Endearment" die Fernsehherkunft James L. Brooks' nicht ansähe, dafür ist er inszenatorisch dann doch einfach zu routiniert und zu bieder. Der Regisseur macht sich - so paradox es anmuten mag - bemerkbar, indem er sich nicht bemerkbar macht. Ob das positiv zu werten ist oder nicht, liegt wohl im Auge des Betrachters. Was den Film letztlich wirklich anhebt, sind sein vorzügliches, trotz des gegen Ende schwar dramatisch werdenden Sujets eine stete, sophistische Ironie wahrendes Script und seine noch exzellenteren Darsteller. Hier hat Hollywood aufgefahren, und zwar big time. MacLaine und Nicholson sind zum Niederknien. "Terms Of Endearment" ist auch schön als ein weiteres Texas-Manifest des Autors Larry McMurtry, der die in den Plot integrierten, anderen Mittelwest-Staaten mit dem Naserümpfen des verschworenen Lokalpatrioten beäugt, und als waschechter tear jerker, dem sich am Schluss bei aller probaten Gegenwehr wohl niemand entziehen kann.

8/10

James L. Brooks Texas Iowa Mutter & Tochter Krebs Ehe Familie period piece Larry McMurtry Best Picture


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KRAMER VS. KRAMER (Robert Benton/USA 1979)


"I hate you!" - "And I hate you back, you little shit!"

Kramer Vs. Kramer (Kramer gegen Kramer) ~ USA 1979
Directed By: Robert Benton

Ted Kramer (Dustin Hoffman), New Yorker Werbedesigner auf dem Karrieretreppchen, wird urplötzlich von seiner Frau Joanna (Meryl Streep) verlassen. Den gemeinsamen serchsjährigen Sohn Billy (Justin Henry) lässt sie bei Ted zurück. Dieser hat fortan alle Hände voll zu tun, denn er muss sich um seinen Job und um Billys Erziehung und Versorgung kümmern. Ganz allmählich wachsen Vater und Sohn zusammen und aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft wird ein taugliches Gespann. Bis nach eineinhalb Jahren Joanna wieder auftaucht, therapiert und geläutert, und das Sorgerecht für Billy einklagt...

Man muss sich eigentlich ja für gar nichts schämen, außer vielleicht, wenn man in der Frittenbude lautstark einen fahren lässt. AErgo gebe ich in nächster Zeit meinem unfixierbaren, inneren Drang nach, ein paar hübsch spießige Academy-Lieblinge und Jahresgewinner der Oscar-Historie zu begutachten. Mit "Ordinary People" hatte ich ja just bereits begonnen, etwas ungeplant noch. Dass ich die meisten jener Stinker gern bis sehr gern mag, ist meinem latent verborgenen Filmspießer- und Kleinbürgertum zuzuschreiben, dessen ich mich zu erwehren drangegeben habe. Echtes Qualitätskino, garantiert establishmentfreundlich und nach Hauptstrom gebürstet. Für manch einen selbstdeklarierten, echten Cineasten ein absolut blamables No-Go. Klar, der Scheiß kann schließlich höchstens Studiobosse, erzkonservative Hausfrauen, Senioren und Kurzsichtige begeistern, jeder wahre Kinofreund hat hier angewidert auszuspeien. Or at least that's what they say. Im Streit für die schlechte Sache nun also ein bisschen ökologisch fragwürdiges Weichspülkonzentrat.
Früher fand ich "Kramer Vs. Kramer" selbst immer ziemlich nervig, eben als so ein typisches Exempel für die Eierschaukelei Hollywoods. Mittlerweile schläft jener Rebell jedoch den Schlaf der Gerechten und ich kann mir freigemut eingestehen, dass mir Bentons Film sehr gut gefällt. Zumal hier jener Minimalmaskulinismus beschworen wird, der mal ganz kurz durch die Prä-Achtziger wehte. Auf einmal sollten und wollten Männer in ihrer Verletzlichkeit anerkannt werden, ruderten gegen Rollenzwänge und besaßen sogar noch die Unverfrorenheit, Mama zu spielen. Dustin Hoffman, der gerade selbst mitten in der Scheidung steckte, wird man selten besser erleben. Auch Meryl Streep nicht, die in geradezu rarer Form eine latente Diabolik heraufbeschwört, wenn sie vermittels selbsträsonistischer Emanzengerechtheit die gerade erst vervollkommnete Vater-Sohn-Beziehung zu sprengen sucht. Die Einstellungen, in denen sie geradezu stalkermäßig von hinter einem Caféfenster aus ihren Sohn bei Schulbeginn und -ende zu erspähen sucht, sind jedenfalls saubere Gänsehautspender, die man mit der stromlinienförmigen Actrice so nicht unbedingt assoziieren würde.
Dann all diese schönen Momente um Howard Keel als hartgesottenem irischen Scheidungsanwalt. Und die zwingende Geschlossenheit des Plots, mit French Toast (in der deutschen Fassung die allseits bekannten "Armen Ritter") als Leitmotiv. Und das Ganze ist eigentlich gar nicht so sehr zum Heulen oder gar tränenfördernd, sondern im Gegenteil in seinem unbeirrten Authentizitätsbestreben beispielhaft unterhaltsam.

9/10

Robert Benton Familie Scheidung Vater & Sohn Kind Freundschaft Courtroom New York Best Picture


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MAN ON THE MOON (Miloš Forman/USA, UK, D, J 1999


"Kaufman, did you come here to wrestle or act like an ass?"

Man On The Moon (Der Mondmann) ~ USA/UK/D/J 1999
Directed By: Miloš Forman

Der Komiker Andy Kaufman (Jim Carrey) entwickelt sich im Laufe seiner wechselhaften Karriere zu einem enfant terrible des amerikanischen Showbiz. Er inszeniert nahezu sein komplettes Leben als einen großen Performance-Akt, verunsichert Fans und Gegner mit scheinbar authentischen, hinterrücks jedoch von langer Hand einstudierten Kabinettstückchen. Zu seinen Coups gehört unter anderem die Erfindung eines schmierigen alter ego namens Tony Clifton, das 'Mixed Wrestling', bei dem Andy ausschließlich gegen Frauen antritt sowie diverse formatsprengende Auftritte in TV-Shows.

Nachdem die Band R.E.M. bereits auf ihrem 92er-Album "Automatic For The People" den Song "Man On The Moon" über die wundersamen Medienmanipulationen des 1984 mit nur 35 Jahren verstorbenen Comedian Andy Kaufman veröffentlicht hatten, wurde später ein gleichnamiges Script daraus und ein idealer Stoff für Miloš Forman, der sich mit mehreren Vorgängerfilmen bereits als wie gespuckt für den Stoff empfohlen hatte. Zum einen wären da seine bisherigen zwei Biopics über kontroverse Charaktere, nämlich Mozart bzw. Salieri und Larry Flynt, zum anderen liebt Forman seine abseitigen Helden wie kein Zweiter und stilisiert sie, gerade wegen ihrer häufig bizarren Biographien, zu Genies und Göttern ihrer Zunft. Sein Irrenhausinsasse R.P. McMurphy war ein Märtyrer der Geistesentfaltung, Coalhouse Walker (Howard E. Rollins Jr.) in "Ragtime" ein amerikanischer Michael Kohlhaas, Mozart das größte musikalische Genie aller Zeiten, der Pornoverleger Larry Flynt ein wichtige Vorreiter für Meinungs- und Pressefreiheit. Andy Kaufman schließlich, dieses wandelnde Mysterium des Showbiz, erhält von und durch Forman ein weiteres Helden-Manifest. Auffällig, bei allen (nicht nur Besetzungs-)Analogien zu den "Vorgängerfilmen" ist hier jedoch, wie verständnis- und liebevoll Forman mit Kaufmans Person umgeht. Dessen mitunter höchst alberne Eskapaden werden tatsächlich als brillante showacts gefeiert und sein langer Krebstod, der, da kann man sich bis heute nicht ganz ganz sicher sein, möglicherweise auch bloß eine weitere von Andy Kaufmans legendären Publikumsverunsicherungen bildete, wird mit einer zusätzlichen Portion Empathie und Melancholie geschildert. Formans ganze Brillanz zeigt sich in einer späten Einstellungs-Überleitung zwischen Andys gequält lachendem Gesicht, als er erkennen muss, dass auch seine letzte Hoffnung in Form einer philippinischen Blitzheiltherapie wie das Allermeiste in seinem Leben bloß ein einziger, großer Nepp ist und seinem bleichen, entspannten Totengesicht im Sarg. Bravourös.

9/10

Miloš Forman Biopic period piece Fernsehen Krebs Stand-Up-Comedian


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THE PEOPLE VS. LARRY FLYNT (Miloš Forman/USA 1996)


"I oughta move somewhere where perverts are welcome."

The People Vs. Larry Flynt (Larry Flynt - Die nackte Wahrheit) ~ USA 1996
Directed By: Miloš Forman

Der Aufstieg des amerikanischen Printpornozaren Larry Flynt (Woody Harrelson) vom kleinen Nacktbarbetreiber bis hin zum Chef des nach 'Playboy' und 'Penthouse' dritten großen Nacktmagazins der westlichen Hemisphäre, des 'Hustler'. Immer wieder muss sich Flynt wegen offensiver Gags, Berichte und Cartoons in seiner Zeitschrift vor Gericht verantworten, wobei ihm sein Anwalt Alan Isaacman (Edward Norton) stets eine große Hilfe ist. Weniger erfolgreich als vor Justitia verläuft Flynts Ehe mit der Ex-Stripperin Althea (Courtney Love): Nachdem Larry von einem unbekannten Fanatiker (Jan Triska) angeschossen wird und fortan hüftabwärts gelähmt ist, wird er extrem opiatabhängig, wobei die labile Althea mitzieht. Im Gegensatz zu Larry bewältigt sie jedoch nie den Ausstieg aus der Sucht, erkrankt an HIV und stirbt 1987.

Ähnlich wie bereits in "One Flew Over The Cuckoo's Nest" bewältigt Miloš Forman auch in "The People Vs. Larry Flynt" die Gratwanderung zwischen Tragödie und Humor geradezu schwebend. Momente von grandioser Komik, etwa, wenn Flynt den Gerichten mittels demonstrativer Respektlosigkeit in Bekleidung und Gestus seine Missachtung präsentiert (besonders jener Prozess, welcher der Anklage folgt, die ihn dazu zwingen soll, die Quellen obskurer Videobänder preiszugeben, wäre hier zu nennen) wechseln sich ab mit solchen heftiger Dramatik, etwa, wenn der durch Drogen und Promiskuität hervorgerufene Verfall Altheas wieder ins Zentrum rückt. Courtney Love als Flynts ewige Muse und Liebe ist ganz wunderbar, nicht zuletzt, da ihre eigene Biographie kaum minder erodierend verläuft. Es ist schon herzzerreißend zu sehen, wie Flynt nach Überwindung seiner tiefen inneren Krise weiter zu Althea steht, obschon ihr längst nicht mehr zu helfen ist. Umso ergreifender ihre Todesszene.

9/10

Miloš Forman Journalismus Courtroom Biopic Drogen AIDS Heroin period piece Oliver Stone


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ONE FLEW OVER THE CUCKOO'S NEST (Miloš Forman/USA 1975)


"Jack Dumpey's full of shit!"

One Flew Over The Cuckoo's Nest (Einer flog über das Kuckucksnest) ~ USA 1975
Directed By: Miloš Forman

Um seine Haftstrafe wegen angeblicher Verführung einer Minderjährigen etwas abwechslungsreicher zu gestalten, spielt der Nonkonfirmist R.P. "Mac" McMurphy (Jack Nicholson) den Irren und landet in einer geschlossenen Psychiatrie. Den institutionalisierten Alltag seiner Mit-"Patienten" bläst er durch seine freche Art heftig durcheinander und rasch ist er der Stationsoberschwester Ratched (Louise Fletcher) ein gewaltiger Dorn im Auge. Als Macs unerwünschte Eskapaden zunächst in einem kurzerhand organisierten, ungenehmigten Angelausflug der Patienten und kurz darauf in einer Auseinandersetzung mit dem Pflegepersonal gipfeln, lernt der rebellische Insasse die ganze Unbarmherzigkeit des ihn festhaltenden Systems in Form einer Elektroschocktherapie kennen. Infolge des anschließenden Gesprächs beschließt man, Mac auf unbestimmte Zeit hierzubehalten. Die mit seinem Seelenverwandten, dem Indianer Bromden (Will Sampson) geplante Flucht gipfelt in einer nächtlichen Sauforgie mit zwei Huren. Am nächsten Morgen treibt die rachsüchtige Schwester Ratched den unter einem schweren Ödipuskomlex leidenden Billy (Brad Dourif) in einen urplötzlich vollzogenen Suizid, woraufhin Mac sie beinahe erwürgt. Beim nächsten Mal als Bromden seinen Freund Mac sieht, muss er entsetzt feststellen, dass man diesen einer Lobotomie unterzogen hat...

Immer wieder ein unglaublich fesselndes Erlebnis, Formans Film, dazu in jeder Hinsicht formvollendet, hochkomisch ohne zu denunzieren, todtraurig ohne je auch nur ansatzweise kitschig zu sein, mit einem der größten Gänsehautfinales der gesamten Kinogeschichte.
Ein guter Freund von mir, der schon seit Jahren Pfleger auf psychiatrischen und Suchtstationen des hiesigen Hospitals ist, hat mir mal erzählt, dass "On Flew Over The Cuckoo's Nest" dem auszubildenden Pflegepersonal jahrgangsweise als fest integriertes Element gezeigt wird, als kulturhistorisches "Negativbeispiel" sukzessiv misslingender Psychotherapie. Ich muss immer ein bisschen grinsen, wenn das Thema mal wieder darauf kommt, weil zumindest der Film (Roman und Stück sind mir unbekannt) das Thema 'Psychiatrie' ja bestenfalls als handfeste Analogie, als Parabel benutzt, um den persönlichkeitsbrechenden Einfluss repressiver Systeme auf Individuen zu zeigen. Forman selbst sagt, der Film spiegele im Prinzip exakt die Zustände innerhalb seines Heimatlandes (der Tschechoslowakei) wider vor seinem Gang ins US-Exil. In "Cuckoo's Nest" wird ein autoritäres Schäfchenspiel durchexerziert; Schwester Ratched, gerade wegen ihrer unerschütterlichen Selbsträson eine der diabolischsten und freilich meistgehassten Frauenfiguren des Kinos, buckelt nach oben und tritt nach unten. "Oben", das sind Chefärzte und Justiz, "unten", das sind die Patienten, die psychisch zerschmetterten Lämmer, die ausgerechnet den Wolf benötigen, um von ihm umsorgt und beschützt zu werden. Darin liegt zugleich die größte Heimtücke des Lebens in und mit der Anstalt: Sie bietet die Illusion von Sicherheit um den Preis der Aufgabe der persönlichen Freiheit. Erst McMurphy, der inoffizielle Sozialrebell, bietet dieser ausgebufften Hierarchie die Stirn, verliert, als er endgültig die Beherrschung verliert, jedoch das Duell gegen seine Antagonistin und wird "begradigt", indem man ihm seine Seele kurzerhand wegoperiert. Nur sein letzter Freund, der Indianer "Chief" Bromden (unglaublich würdevoll: Will Sampson), in dem sich schon lange ein bereits seit vielen Generationen schwelender Widerstand regt, entschließt sich nach dieser letzten großen Schweinerei zur Offensivität - nicht unmittelbar gegen die diktatorischen Handlanger, sondern gegen Mauern und Gitter - und zur Flucht. So findet Macs kleine Revolution des Individuums doch noch einen großen Nachhall. Und der wilde Gesichtsausdruck des weiteren Mitpatienten Taber (Christopher Lloyd) angesichts Bromdens Selbstbefreiungsaktion lässt darauf hoffen, dass dieser Ausbruch nicht der letzte war.

10/10

Psychiatrie Ensemblefilm Duell Rebellion Parabel Oregon period piece Miloš Forman Ken Kesey based on play Indianer New Hollywood Best Picture


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THE MOON IS BLUE (Otto Preminger/USA 1953)


"Don't you find I have a certain weird charm?"

The Moon Is Blue (Wolken sind überall) ~ USA 1953
Directed By: Otto Preminger

Nach Büroschluss lernt der Architekt Don Gresham (William Holden) im Empire State Building die hübsche Patty (Maggie McNamara) kennen. Die extrovertierte, witzige junge Frau gefällt ihm sogleich und so legt er es darauf an, sie womöglich zu einer Liebesnacht zu bewegen. Doch Patty macht Don unmissverständlich klar, dass sie sich für ihren zukünftigen Ehemann auspart, dessen Typus Don zudem kaum entspräche. Dennoch kommt sie mit in sein Appartment, wo sie bald Bekanntschaft mit Dons benachbarter Ex-Verlobten Cynthia (Dawn Addams) und deren lebenslustigem Vater (David Niven) schließt. Der folgende, turbulente Abend setzt sich am Folgetag mit einem neuen Liebespaar fort.

Gemäß der aus der Mode geratenen Studiopraxis früherer Jahrzehnte inszenierte Preminger parallel eine amerikanische und eine deutschsprachige Version des Herbert-Stücks, zweitere unter dem Titel "Die Jungfrau auf dem Dach" mit Hardy Krüger und Johanna Marz, die sich in der Finalszene dann witzigerweise "begegnen". Leider ist gegenwärtig lediglich "The Moon Is Blue" verfügbar, der als eine weitgehend "typgerechte", romantische Komödie seiner Zeit etwas angestaubt wirkt. Das um selbstbestimmte, weibliche Sexualität kreisende Sujet, in dem von Verführung und Defloration die Rede ist, sorgte damals für einigen Wirbel, entpuppt sich jedoch als tatsächlich eher bieder. Maggie McNamara ist nämlich keinesfalls so autoritärfeministisch, wie es zunächst vielleicht den Anschein macht; sie reizt ihre zwei Galane vornehmlich deshalb, weil sie hervorragende hausfrauliche Qualitäten an den Tag legt, gut und gerne kocht, nähen, putzen und aufräumen kann und jedes leergetrunkene Glas sofort wieder auffüllt. Mit der vielerorts vernehmbaren, emanzipatorischen Launigkeit des Films ist es ergo nicht sonderlich weit gediehen. Dafür unterhält er nett, es wird viel Whiskey gesoffen und wer William Holden mag, ist bei "The Moon Is Blue" sowieso gut aufgehoben. Wesentlich mehr lässt sich zu dieser plüschigen Komödie meinerseits jedoch kaum festhalten.

7/10

Otto Preminger New York based on play F. Hugh Herbert Nacht Alkohol





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