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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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STATE OF THE UNION (Frank Capra/USA 1948)


"There's all the difference in the world: They're in and we're out!"

State Of The Union (Der beste Mann) ~ USA 1948
Directed By: Frank Capra

Die skrupellose, erzrepublikanische Pressezarin Kay Thorndike (Angela Lansbury) will mithilfe des Wahlkampfmanagers Jim Conover (Adolphe Menjou) den idealistischen Flugzeugbauer Grant Matthews (Spencer Tracy) ins Weiße Haus bringen. Matthews, der von Politik eigentlich gar nichts und Kays Idee für Humbug hält, ist bald Feuer und Flamme für seine mögliche, zukünftige Aufgabe und glänzt überall im Land mit flamboyanter Rhetorik. Seine Frau Mary (Katharine Hepburn), die weiß, dass Grant und Kay eine Affäre haben, beißt die Zähne zusammen und unterstützt ihren Gatten nach Kräften. Ohne es zu merken, lässt sich Grant jedoch schleichend korrumpieren, hält vorgefertigte Reden und wird zum Spielball einflussreicher Lobbyisten. Erst eine heimische Wahlsendung fürs Fernsehen, die ganz anders läuft als geplant, holt ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Politik ist ihrem Wesen nach böse, verlogen und frisst ihre Protagonisten unbarmherzig auf. Ein Film von Frank Capra muss und kann nur diese Aussage vertreten. "State Of The Union" führt die US-Politik vor, bringt viel Unangenehmes, Totgeschwiegenes zur Sprache und formuliert klare Botschaften. Allerdings hält er, auch dies kennt man von Capra, keine vorgefertigten Antworten bereit. Er liefert lediglich Denkanstöße und mündet zum Schluss einmal mehr in die naive Phantastik eines großen Philanthropen, Moralisten und Staatsapologeten, der Freiheit und Demokratie schätzt, nicht jedoch die Irrwege, die sie in den letzten Jahrzehnten genommen haben. Wie alle "Bildungsreisenden" bei Capra verläuft sich auch Grant Matthews, beziehungsweise wird er durch die Skrupellosigkeit seiner vermeintlichen Unterstützer in die Irre geführt, findet jedoch in letzter Sekunde auf den Pfad der Tugend zurück: Mr. Deeds, Mr. Smith und John Doe hielten sie dereinst und auch Grant Matthews kommt sie selbstverständlich zu: Die große, finale Ansprache, die die moralische Weste wieder reinwäscht und das unterdessen stark überzogene Sympathiekonto wieder ausgleicht. Capras Konsequenz allerdings, die da lauten mag: Wer wahrhaft altruistisch gefärbte Politik machen will, der kehre ihr am Besten den Rücken zu, zeugt von keiner allzu hellsichtigen Weltperspektive. Aber die erwartet man ja auch kaum in einem Film diesen Regisseurs.

8/10

Frank Capra Washington D.C. Politik Wahlkampf Ehe Satire


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WHEN HARRY MET SALLY... (Rob Reiner/USA 1989)


"It's amazing. You look like a normal person but actually you're the angel of death."

When Harry Met Sally... (Harry und Sally) ~ USA 1989
Directed By: Rob Reiner

Sally Albright (Meg Ryan) und Harry Burns (Billy Crystal) benötigen zehn Jahre, um sich ihre faktisch prompt existente, zunehmend tiefer werdende Liebe zueinander zu gestehen und endlich zusammenzufinden. Der Weg dorthin ist gepflastert mit den Steinen der wechselseitigen sowie der Selbsterkenntnisse.

Im schönen, retrospektiven 'Making Of' auf der DVD umreißt Nora Ephron es sehr trefflich: Es gäbe eine christliche und eine jüdische Tradition in der amerikanischen RomCom, konstatiert sie darin, und "When Harry Met Sally..." entspräche natürlich zur Gänze letzterer. Auch der Name Woody Allen fällt hier und da und es stimmt wohl: Rob Reiners Film steht in nicht eben geringem Maße in der Schuld jenes brillanten Komödienspezialisten. Reiner und Ephron zollen Allen mannigfaltig Tribut mittels der pointierten Dialoge (die, so fair muss man sein, die Qualität ihrer Vorbilder bisweilen durchaus erreichen), der geradezu verliebten Photographie Manhattans, die vor allem Herbst- und Winterbilder präferiert sowie der Swing- und Crooner-Klassiker, die teils im Original, teils von Harry Connick jr. neu aufgenommen eingespielt werden und die zentrale Liebesbeziehung auditiv perfekt unterstreichen.
Ich wüsste ohnehin nicht, was man an diesem Film noch groß optimieren könnte; er greift das Beste auf, was die klassische screwball comedy zu bieten hat und verarbeitet es zu neuerlicher Größe. Keine von Meg Ryans späteren Unternehmungen in dieser Richtung - und davon gibt es ja so manche - konnte die darin ganz offensichtlich angepeilte Klasse dieses herzhaften, kleinen Films erreichen, dessen Liebeserklärung am Ende mit zum Schönsten zählt, was in diesbezüglich je auf Zelluloid gebannt wurde.

10/10

Rob Reiner Nora Ephron New York


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RANCHO DELUXE (Frank Perry/USA 1974)


"There's a sickness here worse than alcohol and dope. It is the pickup truck debt. And there's no cure in sight."

Rancho Deluxe ~ USA 1974
Directed By: Frank Perry

Die beiden ungleichen Kumpel Jack McKee (Jeff Bridges), ein aus wohlsituiertem Hause stammender Rebell, und der Halbindianer Cecil Kolson (Sam Waterston) bestreite ihren Lebensunterhalt mit Viehdiebstählen bei dem reichen Rancher John Brown (Clifton James). Anstatt sich um die Störenfriede zu kümmern, tun Browns zwei Vorarbeiter Curt (Harry Dean Stanton ) und Burt (Richard Bright) sich mit Jack und Cecil zusammen. Die Entführung eines gewaltigen Preisbullen funktioniert noch, doch der geplante letzte große Coup des Quartetts geht in die Hose: Der von Brown angeheuerte und vorschnell verschmähte Weidedetektiv Henry Beige (Slim Pickens) und seine Tochter Laura (Charlene Dallas) haben deutlich mehr auf dem Kasten als alle Beteiligten denken.

"Rancho Deluxe", einer der vielen Western-Endpunkte jener Jahre, weist Frank Perry als einen tragischerweise nahezu vergessenen Schlüsselregisseur New Hollywoods aus (in Biskinds "Easy Riders, Raging Bulls" wird er noch nichtmal erwähnt), mit dessem Werk man sich unbedingt eingehender befassen sollte. Zugleich wunderbar poetischer Abgesang und mitunter hysterische Komödie, erzählt "Rancho Deluxe" von der nunmehrigen Unmöglichkeit einstiger Freiheit, von der Umzäunung der Persönlichkeit, von der Domestizierung des amerikanischen Atavismus. Ein bisschen rumbumsen und kiffen, das ist hier und da noch drin, aber wer die Linie des Gestatteten merklich übertritt, der wird abgeschoben ins Arbeitslager für zwangsgeschrumpfte, moderne Outlaws. Der Halbindianer mag "Cheyenne Autumn", sein Vater das Fischen, der weiße Vorstadtsohn rebelliert gegen seine Herkunft und das elterliche Diktat, der Rancher ist als alterndes Relikt völlig aufgeschmissen gegenüber den Niederträchtigkeiten der Moderne.
"Rancho Deluxe" ist ein Anti-Anti-Film, bevölkert von Antihelden und gleichermaßen wunderschön und von bitterer Säuerlichkeit. Ein Meisterwerk.

9/10

Frank Perry Freundschaft New Hollywood Montana Heist Neowestern


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BUBBA HO-TEP (Don Coscarelli/USA 2002)


"What do I care? I got a growth on my pecker."

Bubba Ho-Tep ~ USA 2002
Directed By: Don Coscarelli

Elvis (Bruce Campbell) und John F. Kennedy (Ossie Davis) sind mitnichten tot, sondern hocken, unfreiwillig in cognito, in einem kleinen Seniorenheim in Osttexas. Niemand will ihnen abnehmen, welch legendäre Persönlichkeit hinter ihrem jeweiligen, kaum wiederzuerkennenden Antlitz steckt und so dämmern und welken sie ihrer Tage dahin. Das ändert sich, als eine altägyptische Mumie ihr Unwesen in der Gegend zu treiben beginnt: Der Untote betätigt sich als Seelenvampir und glaubt, er habe mit den alten Leuten leichtes Spiel. Doch Elvis und JFK laufen im Kampf gegen das stinkende Böse ein letztes Mal zu alter Höchstform auf.

Der geriatrische Genrefilm ist keine Erfindung Coscarellis; bereits in den Achtzigern wagten eine Episode aus "Twilight Zone: The Movie" sowie die SciFi-Komödien "Cocoon" und "Batteries Not Included" den jeweils sehr sanft gestalteten Versuch, greise Mitbürger zu Helden zu deklarieren und dem Mainstream-Publikum somit neuen Respekt vor den Alten einzubläuen. Jessica Tandy wurde in diesem Zuge zu einer bekannteren Größe im Filmgeschäft denn je zuvor und auch andere Berufsgenossen zehrten und zehren bis heute von der popkulturellen Emanzipation des Lebensherbstes.
"Bubba Ho-Tep" war dann etwas respektloser. Der sich förmlich selbst überlebende Bruce Campbell, mittlerweile eine größere Kunstfigur als alle seine Filmfiguren zusammen, musste sich noch ein wenig nachschminken lassen, derweil der große Ossie Davis bereits seit längerem ein Original-Senior war. Die Kombination macht's und so präsentiert Coscarellis Film sich dann auch eher als liebenswert denn brachial oder gar unappetitlich, wenngleich mancher Dialog der beiden Helden sich dann doch eher um die primärsten Grundbedürfnisse kreist respektive die hier und da unappetitlichen Wehwehchen des finalen Quartals. Die Idee mit der Mumie wirkt da beinahe wie ein weniger notwendiges phantastisches Einsprengsel, um die verrückte Prämisse noch etwas verrückter zu gestalten und Coscarellis Ruf zu manifestieren. Immerhin, ein narratives Ziel hat er seiner bunten Heldengeschichte damit verliehen und ein durchaus charmantes noch dazu.

8/10

Don Coscarelli Independent Groteske Mumie Senioren Texas


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JOYSTICKS (Greydon Clark/USA 1983)


"Very well, Mr. Vidiot, have a seat." - "I don't like seats."

Joysticks (Die Vidioten) ~ USA 1983
Directed By: Greydon Clark

Weil seine Tochter Patsy (Corinne Bohrer) vorzugsweise in der hippen Videospielhalle von Jefferson Bailey (Scott McGinnis) abhängt, in der allerlei Vollidioten, Hänger und Sittenverfall anzutreffen sind, will der frustrierte Joseph Rutter (Joe Don Baker) dem Laden unter allen Umständen und mit allen mitteln den Garaus machen. Er rechnet jedoch nicht mit der Standhaftigkeit von Jefferson und seinen beiden Kumpels Eugene (Leif Green) und Jonathan (Jim Greenleaf).

Nach meinem medialen Beitrag "Blade Runner" kredenzte mir mein lieber Freund Oliver im Zuge meiner gestrigen, wie gewohnt bierseligen Visite bei ihm diesen komödiantischen Rohdiamanten aus den frühen Achtzigern mit den Worten, das Ding sei "genau meine Kragenweite". Er kennt mich eben, der Oli, und weiß daher, dass ich mich besonders gern über Klamauk aus Schublade Zero amüsiere. Von selbigem beinhaltet "Joysticks" allerhand: Eine unglaubliche, sinnentleerte Storyprämisse, kombiniert mit einer sagenhaft inkompetenten Regie liefern ein grandios asoziales Humor-Potpourri, das garantiert jedes noch so tief heruntergeschraubte Niveau unterschreitet. Die Gags sind so dämlich, dass sie schon wieder toll sind, ihre dadaistisch gefärbte Verweigerungshaltung gegenüber etablierten Gattungsstrukturen tapfer aufrecht erhaltend. Findet man es lustig, dass fette Typen in permanentem Wechsel fressen und furzen, wenn nötig auch um Hilfe, undeflorierte, bebrillte Nerds unter allgemeinem Gelächter ihre Bermudaunterhosen vorzeigen, Punks sich zu Volltrotteln degradieren, diverse junge Damen auch ohne dramaturgisches Alibi ihre Titten in die Kamera halten und Joe Don Baker selbst seinen miesesten Film, welcher auch immer dies sein mag, nochmal locker unterbietet, dann muss man "Joysticks" gucken. Man wird möglicherweise seinen siebenten Himmel vorfinden.

6/10

Greydon Clark Arcade Videospiele Slapstick Subkultur


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LE GRAND RESTAURANT (Jacques Besnard/F 1966)


Zitat entfällt.

Le Grand Restaurant (Scharfe Kurven für Madame) ~ F 1966
Directed By: Jacques Besnard

Im Nobelrestaurant des Monsieur Septime (Louis de Funès) verkehrt vornehmlich die vornehme Gesellschaft; auch Staatsmänner gehen hier ein und aus. Als jedoch eines Abends ein lateinamerikanischer Staatschef (Folco Lulli) mitten aus Septimes Établissment entführt wird, gerät Monsieur in die Bredouille. Immerhin ist es sein Grund und Boden, der für den vermeintlich verbrecherischen Plan Pate zu stehen hatte. Vom Polizeichef (Bernard Blier) zunächst unwissentlich als vorgeschobener Geldbote missbraucht, schlittert Septime von einer unangenehmen Affäre in die nächste.

Eine meiner Lieblingskomödien mit dem großen kleinen Ekel-Choleriker, der hier eine seiner großen Paraderollen ausfüllt als pathologisch perfektionistischer Restaurantchef. Ganz klassisches Satiresubjekt ist Septime das Musterbeispiel des zu piesackenden Opportunisten; einer, der nach oben buckelt und nach unten tritt - seine angestellten Kellner leiden unter seinen groteske Formen annehmenden Mobbereien, derweil der ihm in Statur und Stimmgewalt überlegene Küchenchef (Raoul Delfosse) der einzige ist, der sich nichts von ihm sagen lässt - unter Septimes großer persönlicher Schande allerdings. Besonders die erste halbe Stunde ist voll von goldenen de-Funès-Momenten, seien es seine gloriose Mimik mitsamt ewigem Lippengezische, die Hitler-Parodie ("Musskattnuss, Hörrr Müllerrr!") oder das verrückte Saucieren-Ballett. Wie hier ein kleiner sozialer Mikrokosmos entworfen wird um Septimes Untergebenenschaft, die aus Trantüten, (erfolgreichen) Schleimern und Neidern besteht, das reflektiert großen französischen Humor. Allerdings sind de Funès Mitdarsteller wie etwa der scheel grinsende Paul Prébroist als heimlich süppelnder Sommelier von wahren Gnaden. Oft wurde und wird moniert, dass "Le Grand Restaurant" sich mit später werdender Laufzeit in den Wirren der Kriminalkomödie verliert - mir ist die vorliegende Form in jedem Fall deutlich lieber als ein anderweitig zu befürchtendes, episodisches Verflachen der Restaurantsequenzen. So kenne ich den Film schon ewig und nur so will ich ihn haben.

8/10

Jacques Besnard Louis de Funès Paris Restaurant Gastronomie


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NADINE (Robert Benton/USA 1987)


"It's better to be lucky than smart."

Nadine ~ USA 1987
Directed By: Robert Benton

Austin, Texas 1954: Als die Friseurin Nadine Hightower (Kim Basinger) sich ihre von dem schmierigen Raymond Escobar (Jerry Stiller) angefertigten Aktfotos zurückholen möchte, wird sie zufällig Zeugin, wie dieser ermordet wird. Als ihr dann statt der erhofften Bilder eine Blaupausen für den Bau eines neuen Highways in die Hände fallen, wittert ihr vom Pech verfolgter Noch-Ehemann Vernon (Jeff Bridges) die große Chance auf einen schnellen Dollar. Gar nicht damit einverstanden ist jedoch der Grundstücksspekulant Buford Pope (Rip Torn), der um den wahren Wert der Pläne weiß und dafür auch ohne lang zu fackeln über Leichen geht.

Trotz der großartigen Besetzung ein als eher beiläufig zu wertendes Werk aus Bentons Œuvre, eine kleine Kriminal- und Romatikkomödie mit Mut zur Kürze, mit der der Regisseur ganz offensichtlich sich selbst den Wunsch einer locker-flockigen, altmodischen Gaunerstory in heimatlichen Gefilden erfüllen konnte. Wie man weiß, liebt Benton seinen Herkunftsstaat ebensosehr wie er ein Faible dafür hat, seine Stoffe in jedwede historische Gewänder zu kleiden - dabei gibt es eigentlich gar keinen Grund dafür, "Nadine" in den Fünfzigern spielen zu lassen. Möglicherweise ging es auch ein wenig darum, sich zumindest ansatzweise vom zeitgenössischen Einerlei abzugrenzen. Kim Basinger beweist Humor und nimmt bereitwillig die Tatsache auf die Schippe, dass sie einst selbst eine Fotostrecke im 'Playboy' hatte, aber auch der Rest gibt, wie erwähnt, eine erfrischende Vorstellung ab.

7/10

Robert Benton period piece Ehe


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FREDDY GOT FINGERED (Tom Green/USA 2001)


"You retard!"

Freddy Got Fingered ~ USA 2001
Directed By: Tom Green

Gord Brody (Tom Green) ist 28 und lebt zu Hause bei seinen Eltern in einem Vorort von Portland. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder, dem Bankangestellten Freddy (Eddie Kaye Thomas), ist Gord das, was man landläufig als "Nichtsnutz" bezeichnet: Seine hemmungslose Infantilität spiegelt sich im Ersinnen schwachsinniger Cartoonfiguren und anderer dämlicher Ideen wieder. Eine Reise nach Kalifornien, wo Ruhm und Erfolg lauern, ist dann auch schneller vorbei als es Gords Vater Jim (Rip Torn) lieb ist. Dieser verflucht die unablässige albernheit seines Sohnes. Ein Kleinkrieg ist die Folge, der ohne Rücksicht auf Verluste geführt wird.

Wenn der anarchische Humor der Postjahrtausendwende mit der gezielten Grenzüberschreitung komischer Tabus gleichzusetzen ist, dann gebührt dem schlacksigen Tom Green ohne Wenn und Aber die goldene Schärpe als Ober-Ober-Anarcho. "Freddy Got Fingered" suhlt sich selbstzweckhaft, lustvoll und laut in allerlei Widerwärtigkeiten von offenen Knochenbrüchen über Amateurgeburtshilfe bis hin zu einer Elefantenspermadusche. Gegen seine dreckigen Scherze, die Green mit der Assoziativität eines Dreijährigen darbringt, der satanisch feixend sein gerade aufwändig errichtetes, mehrstöckiges Haus aus Bauklötzen zertrümmert, kann kein Farrelly und kein Weitz mithalten - Green steckt sie alle in die Tasche und baut mit Recht antizipierend darauf, dass spätestens bei seiner unkonventionellen Baby-Reanimation jeder unwerte Zuschauer geräuschvoll würgend den Saal verlässt. Alle anderen werden belohnt mit der möglicherweise respektlosesten Vater-Sohn-Annäherung im populären Geschichtenerzählen seit dem unautorisierten alttestamentarischen Epilog um Kain und seinen Alten Adam. Frohes Kotzen auch.

6/10

Vater & Sohn Tom Green Slapstick Portland Hollywood


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WIR KÖNNEN AUCH ANDERS... (Detlev Buck/D 1993)


"Tut das nötig?"

Wir können auch anders... ~ D 1993
Directed By: Detlev Buck

Die beiden Brüder Rudi, genannt Kipp (Joachim Król) und Moritz, genannt Most (Horst Krause) erben ein Grundstück irgendwo in einem der äußersten Provinzausläufer Mecklenburg-Vorpommerns. Das Problem: Kipp ist imbezil und Patient einer geschlossenen Anstalt für geistig Behinderte, sein Bruder Most, der als Landknecht arbeitet, ist nur unwesentlich intelligenter. Dennoch begeben sich die beiden mit Mosts gedrosseltem alten Hanomag auf große Fahrt in den wilden Osten. Dort treffen sie außer Rockern, Seelenverkäufern, schmierige Polizisten, einem prolligen Viehtransporteur, Schweinen, einem chinesischen Kellner und zwei arroganten Hausfrauen auch den russischen, der deutschen Sprache nicht mächtigen Deserteur Viktor (Konstantin Kotljarov), der die beiden zunächst entführt um dann mit den Brüdern, nachdem er bemerkt, was mit ihnen los ist, ein schlagkräftiges Trio zu bilden. Als Outlaws bahnt das mit der Kellnerin Nadine (Sophie Rois) zum Quartett erweiterte Trio sich schließlich mit wohlfeilem Einsatz der Kalashnikov den Weg in die Freiheit, die in ihrem Fall jenseits der Ostsee liegt.

Mit der nonchalanten Verve eines Emir Kusturica lieferte Buck, der ja mittlerweile wohl auch zu den Filmemachern gehört, die für hochbudgetierte Erfolgsliteraturadaptionen herangezogen werden, bereits 1993 sein bis heute unerreichtes Meisterwerk ab, eine furztrockene, respektlose und zugleich doch nordisch-warmherzige Satire über das demoskopische West-Ost-Gefälle der Post-Wende. Als holsteinischer Provinzler verfügt Buck jedes moralische Recht sich über die Spleens und Eigenarten seiner "Stammesgenossen" lustig zu machen und das tut er hier ausgiebig. Selbst die Tatsache, dass er zwei geistig eingeschränkte Analphabeten zu den Helden seines Verliererepos macht und zahlreiche Gags auf ihre Kosten gehen lässt, lässt man Buck vorbehaltlos durchgehen, schimmert doch durch das mitunter hochnotkomisch arrangiertee Situationsgeflecht der völlig gehandicapten Kleinclique stets die unabdingbare Liebe zu ihnen als Hauptfiguren. Man genießt zusammen mit Buck, wie sie sich die Drei mit der bewaffneten Hilfe des ebenso braven wie unbarmherzigen Victor und seiner "Pistole" mit der er "aber gut umgehen" kann (Kipp) gegen jede widerfahrene Ungerechtigkeit und Boshaftigkeit zur Wehr setzen und ihre Konten ausgleichen.
Ein Prachtfilm und eine der schönsten deutschen Komödien ever.

10/10

Detlev Buck Provinz Brüder Road Movie Groteske


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CASA DE MI PADRE (Matt Piedmont/USA 2012)


"¡Yo soy Armando Alvarez!"

Casa De Mi Padre ~ USA 2012
Directed By: Matt Piedmont

Den mexikanischen Ranchersohn Armando Alvarez (Will Ferrell) trifft es hart: Obschon er fest mit seinem Land verwurzelt ist und es liebt wie kein zweiter, bevorzugt sein Vater Miguel (Pedro Armendáriz Jr.) stets Armandos Bruder Raul (Diego Luna), der tatsächlich nichts weiter als ein formvollendeter Halunke und Drogendealer ist. Nicht ganz zu Unrecht: Einst hat Armando als Kind den Tod der Mutter (Sandra Echeverría) verschuldet und gilt auch sonst als etwas unterbelichtet. Als Raul protzend mit Geld, Gut und seiner neuen Verlobten Sonia (Genesis Rodriguez) heimkommt, um auf der heimischen Hacienda zu heiraten, ist Miguel zunächst hocherfreut. Doch der hiesige Gangsterboss Onza (Gael Garcia Bernal), dem Raul zudem das Mädchen ausgespannt hat, lässt sich nicht gern in die Suppe spucken und richtet auf Rauls Hochzeit ein Massaker an. Jetzt schlägt Armandos Stunde: Die Rache ist sein.

Wenngleich "Casa De Mi Padre" natürlich ein lupenreines Ferrell-Vehikel ist, unterscheidet er sich doch zumindest formal etwas von der üblichen Linie 'seiner' Filme. Nicht nur, dass die Dialoge bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich in spanischer Sprache vorgetragen werden, Piedmonts Film begreift sich vor allem als streng satirisch gehaltene Hommage und Reverenz an die Filme von Peckinpah, das Grindhouse-Kino der siebziger Jahre, den traditionellen mexikanischen B-Film sowie die hiesigen Telenovelas. Das in den Originalen mitunter selbstherrlichst vorgebrachte Klischeerepertoire zieht "Casa De Mi Padre" gnadenlos durch Scheiße und Kakao. Dementsprechend geht es auch etwas blutiger zu als üblicherweise in Ferrells Komödien, die Schießereien werden, ganz der genannten Tradition als Blutbalette in SloMo zelebriert und enden stets mit einer besonders bedeutsamen Einstellung - Blut tropft von einer weißen Rose etc. Dazu offeriert "Casa De Mi Padre" ein Feuerwerk an sorgfältig arrangierten, natürlich überdeutlich sichtbaren 'Patzern': permanente Anschluss- und Montagefehler, haltlos schlechte Miniatur- und Matte-Effekte, künstliche Filmrisse und ähnliches sorgen für überaus komische Kurzweil.
Allerdings macht sich auch bemerkbar, dass jene Arbeiten, in denen Ferrell eines gleichrangigen und vor allem ebenbürtigen Gegenübers wie Sacha Baron Cohen, John C. Reilly oder zuletzt Zach Galifianakis entbehrt, eher seine 'sekundären' sind - ich denke da an "Blades Of Glory", "Semi-Pro" oder "The Lost World". In ebendieser "Kategorie B" würde ich auch "Casa De Mi Padre" ansiedeln - man mag ihn als Ferrell-Apologet natürlich zwangsläufig, er hält jedoch nicht das brachiale, durchgehende Dauerfeuerkomik-Flair der Instant-Klassiker "Anchorman", "Talladega Nights" oder "Step Brothers".

7/10

Matt Piedmont Will Ferrell Mexiko Drogen Familie Vater & Sohn Brüder Hommage Groteske Parodie





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Funxton

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