Zum Inhalt wechseln


In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


Foto

THE TEAHOUSE OF THE AUGUST MOON (Daniel Mann/USA 1956)


"I've lost faith in chemicals. You kill all your worms."

The Teahouse Of The August Moon (Das kleine Teehaus) ~ USA 1956
Directed By: Daniel Mann

Okinawa, 1946: Der insgeheim als "unbrauchbar" verschriene Captain Fisby (Glenn Ford) soll das verschlafene Dörfchen Tobiki am Südzipfel der Insel im Zeichen des westlichen Imperialismus umkrempeln: Die Errichtung einer pentagonförmigen Schule gehört ebenso dazu wie das Halten von Seminaren zur demokratischen Indoktrinierung der Landbevölkerung. Doch kaum dass Fisby Kontakt zu dem als Dolmetscher tätigen, einheimischen Schlitzohr Sakini (Marlon Brando) knüpft, ist es um ihn geschehen: Zur Ankurbelung der Wirtschaft lässt er unter der Hand Kartoffelschnaps brennen und verschiffen und baut den Dörflern statt der erwünschten Schule ein Teehaus, in dem unter anderem Geishas ausgebildet werden. Ebenso wie Fisby verliebt sich auch der Neurologe und Pflanzenliebhaber McLean (Eddie Albert) in die Exotik vor Ort. Als Fisbys Vorgesetzter (Paul Ford) Wind von den Aktivitäten seiner Männer vor Ort bekommt, ist er dem Nervenzusammenbruch nahe.

Ich habe "The Teahouse Of The August Moon" vor etwa 25 Jahren einmal sehr geliebt und damals sehr oft angeschaut, ihn dann in den Neunzigern ziemlich aus den Augen verloren und im DVD-Zeitalter nahezu komplett vergessen. Erst durch die aktuelle, kaum beworbene DVD-Veröffentlichung bin ich wieder auf den Film gestoßen und konnte jetzt wieder feststellen, warum ich ihn nach wie vor so sehr mag: Im Prinzip ist er thematisch -, nicht formal -, eng verwandt mit Bill Forsyths knapp dreißig Jahre jüngerem "Local Hero", einem meiner Lieblingsfilme, mit dem geringfügigen Unterschied, dass dieser Okinawa gegen Schottland und militärischen Imperialismus gegen großindustrielle Ausbeuterschaft tauscht. Ansonsten sind die Parallelen eigentlich mehr als augenfällig: Zwei im Grunde liebenswerte Typen in okkupatorischem Auftrag treffen auf einen schlitzohrigen Einheimischen, der sie mittels subtiler Methoden "umdreht" und ihnen die Schönheit des Lokalkolorits vor Augen führt, woraufhin auch der spätere Initiator der Magie des Platzes anheim fällt. "Teahouse" jedoch, das darf man nicht vergessen, ist im Gegensatz zu der kleinen Brit-Produktion "Local Hero" ein Prestige-Studio-Projekt aus Hollywood, das militaristische Praktiken und Interventionen im Südpazifik recht unverblümt anprangert und statt verbohrter Kommisköpfigkeit und Eisenfresserei Lebensfreude, Individualität und Miteinander befürwortet.
Bis heute ist Manns Film - möglicherweise sein schönster - nicht besonders wohl gelitten und fast vergessen. Vermutlich, weil ihn die mitunter eitle amerikanische Filmgeschichtsschreibung hinterrücks noch immer als politischen Nestbeschmutzer kategorisiert.

9/10

Daniel Mann Japan Imperialismus Satire Alkohol Freundschaft Militär based on play period piece


Foto

JO (Jean Girault/F 1971)


Zitat entfällt.

Jo (Hasch mich - ich bin der Mörder) ~ F 1971
Directed By: Jean Girault

Der zu hysterischer Hektik neigende Theaterautor Antoine Brisebard (Louis de Funès) gerät in die Klemme, als er eines Abends aus Versehen Riri (Jean Droze), den Kompagnon des kriminellen Jo erschießt, der ihn bereits mehrfach in Bezug auf die zwielichtige Herkunft seiner Frau Sylvie (Claude Gensac) erpresst hat. Die einzige Möglichkeit, den Toten rasch und unauffällig verschwinden zu lassen, bietet sich im noch zu gießenden Fundament des neuen Gartenpavillons. Doch unter den Füßen einer Flamenco-Gruppe zerbricht das gute Stück und Riri liegt fast wieder frei. Der ermittelnde, jedoch mit einiger Blindheit geschlagene Inspecteur Ducros (Bernard Blier) findet all das ungeheuer interessant und verdächtigt Brisebard bis hinter die Ohren. Dieser jedoch kann der Polizei mithilfe seiner Frau und mit der von Gevatter Zufall immer wieder ein Schnippchen schlagen.

Einer der schönsten späteren Filme um den energiegeladenen Komödianten, der hier einmal mehr aus dem bewährten inhaltlichen Rezept, aus einer grundsätzlich ausweglosen Situation heraus mittels diverser völlig absurder Wendungen den Tag zu retten, Kapital schlägt. De Funès' Filme lebten und/oder zehrten häufig von MacGuffins respektive von Ausgangssituationen, die im Stile eines MacGuffin eingesetzt wurden und die letzten Endes einzig und allein dazu dienten, die spektakulären Nervenzusammenbrüche und Verschmitztheiten des Protagonisten hinreichend rechtfertigen zu können. In "Jo", dessen Titel bereits wunderbar unverbindlich ist und der selbst im Nachhinein keine wesentliche Konnexion zum filmischen Geschehen mehr aufzeigt, repräsentieren eine Leiche bzw. die existenziell notwendige Motivation, jene verschwinden zu lassen, dieses Objekt. Bisebard ist eigentlich ein netter Typ, weswegen der psychologische Trick, den Zuschauer zum Komplizen des Bösewichts zu machen, wie es etwa in "Rope" vonnöten war, bereits entfällt. Tatsächlich soll Riri im Nachhinein gar nicht erschossen werden; der tödliche Schuss löst sich ganz zufällig. Dennoch begeht Brisebard eine moralische Missetat, indem er den Unfall verschweigt und ihn zu vertuschen sucht, weshalb man ihn auch nicht einfach reingewaschen aus dem Film entlässt.

8/10

Jean Girault based on play Leiche Groteske


Foto

THE HANGOVER PART III (Todd Phillips/USA 2013)


"But that's the point! It's funny!"

The Hangover Part III ~ USA 2013
Directed By: Todd Phillips

Nachdem Alans (Zach Galifianakis) Eskapaden seinem Vater (Jeffrey Tambor) rendgültig und buchstäblich das Herz brechen, halten alle es für das Beste, den exzentrischen Herrn mit dem imposanten Vollbart zur Therapierung in den sicheren Mauern einer geschlossenen Anstalt zu überreden. Doch bereits auf dem Weg wartet die nächste Katastrophe auf das 'Wolf Pack': Der Gangster Marshall (John Goodman) besteht darauf, dass Alan, Phil (Bradley Cooper) und Stu (Ed Helms) den entflohenen Mr. Chow (Ken Jeong) ausfindig machen, der Marshall einst um ein beträchtliches Kontingent Goldbarren erleichtert hat. Doug (Justin Bartha) behält Marshall als menschliches Wertpfand gleich in Gewahrsam. Keine leichte Mission: Der koksgeladene Chow ist jedoch flinker als ein tollwütiger Katteker...

Enttäuschender Abschluss der Regressionstrilogie, die dereinst, als sie noch keine solche war, mit einem durchaus formidablen Auftakt begann und einen immerhin würdigen ersten Nachfolger reüssieren konnte. Urplötzlich jedoch scheint man allen postpubertären Humor eingebüßt zu haben; nurmehr ganz wenige gute Gags zieren die Abenteuer der vier Freunde. Möglicherweise war der zugrunde liegende Gedanke auch, einen unbequemen Schlussstrich unter das Kapitel "Hangover" zu ziehen, um der wachsenden Fanzahl auf subtile Art und Weise klar zu machen, dass es in diesem speziellen Fall nichts mehr zu berichten gibt. Gut, ein weiterer Junggesellenabschied mit Roofies oder ähnlichem Gebräu wäre bereits grundsätzlich lächerlich ausgefallen, also verzichtet man diesmal auf drogeninduzierte Amnesien und kredenzt stattdessen einen halbgaren Gangsterplot um einen völlig desinteressiert auftretenden John Goodman. Kugeln fliegen, Leute sterben - besonders komisch ist das alles jedenfalls nicht.
Das schlussendliche Fazit, dass im Leben eines jeden Mannes Verantwortung und Bindung ihre vorgeebneten Positionen einnehmen müssen, um das entsprechende Objekt vor psychischem Verfall zu bewahren, mutet schließlich an wie der Verrat am eigenen Lebenswerk. Soll das etwa bedeuten, dass ausgerechnet Todd Phillips, der Mann, dem die Welt "Old School" verdankt, plötzlich sich selbst und uns, seine Jünger, die wir uns doch so tapfer weigern, erwachsen zu werden, verleugnet? Sollte dem so sein, hat er sich dafür eine denkbar mediokre Formulierung erwählt: seinen bis dato mit Abstand unleidlichsten Film nämlich.

4/10

Todd Phillips Las Vegas Mexiko Grenze Gold Freundschaft Sequel


Foto

JET PILOT (Josef von Sternberg/USA 1957)


"Oh, Palm Springs..."

Jet Pilot (Düsenjäger) ~ USA 1957
Directed By: Josef von Sternberg

In Alaska erhält der Airforce-Offizier Jim Shannon (John Wayne) "Besuch" von der über die Beringsee entkommenen Pilotin Anna Marladovna (Janet Leigh). Der aufreizenden Art der schönen Russin kann sich Shannon nur schwer entziehen. Um die drohende Ausweisung Annas zu verhindern, heiratet er sie vom Fleck weg. Dann jedoch erfährt er, dass Anna in Wahrheit eine gegnerische Spionin ist, die ihm militärische Geheimnisse über die US-Luftwaffe entlocken sollte. Scheinbar aus Liebe flüchtet er nun mit der von der Inhaftierung bedrohten Anna in die UdSSR, wo er tatsächlich selbst als Spion tätig wird. Mithilfe einer Wahrheitsdroge versuchen die Russen, Shannon auszuquetschen. Als Anna endlich ihre Liebe zu Shannon eingestehen kann, befreit sie ihn in letzter Sekunde und fliegt mit ihm zurück in die USA - diesmal endgültig.

"Jet Pilot", wie "The Conqueror" von Howard Hughes produziert und auch betreffs seiner Schilderung einer anscheinend unmöglichen Liebesbeziehung dem Zweitgenannten nicht unähnlich, kam erst mit einer Verspätung von rund acht Jahren in die Kinos. Dafür gab es mehrere Gründe: Der politische Stoff um eine Ost-West-Liebe schien trotz längerer Hollywood-Tradition urplötzlich zu brisant, um Thema eines einfachen Unterhaltungsfilms zu sein; Howard Hughes dokterte noch lange nach Josef von Sternbergs Einsatz an dem Film herum und fügte immer wieder Szenen und Details hinzu, um "Jet Pilot" 'technically up to date' zu halten. Letztlich erwiesen sich alle diese Maßnahmen als fruchtlos. Lange nach Hughes' Weggang von der RKO kaufte die Universal die Aufführungsrechte für "Jet Pilot" und brachte ihn doch noch auf die Leinwand, unter genau jenen Vorzeichen, die Hughes stets zu vermeiden suchte: Er wirkte nunmehr nämlich veraltet, in der Fliegerei gab es längst neue Innovationen und dass Duke plötzlich in einem Film deutlich jüngerer aussah als noch im letzten davor, kam den Leuten spanisch vor. Ganz hübsch misogyn indes der Gedanke, dass politische Überzeugung niemals gegen die Natur der Weiblichkeit ankommen kann: Janet Leigh zieht am Ende Nylons, Steaks und John Wayne Planwirtschaft, Kreml und Stalin vor. Esc lebt sich "drüben" vielleicht nicht so idealistisch, aber doch deutlich bequemer. Nun, was man Lubitsch und Wilder verzeiht, kann man auch einem Duke Wayne nachsehen, meine ich.

6/10

Josef von Sternberg Jules Furthman Howard Hughes Fliegerei Kalter Krieg Don Siegel


Foto

DECONSTRUCTING HARRY (Woody Allen/USA 1997)


"You have no values. With you its all nihilism, cynicism, sarcasm and orgasm."

Deconstructing Harry (Harry außer sich) ~ USA 1997
Directed By: Woody Allen

Der New Yorker Autor Harry Block (Woody Allen), ein versoffener und promisker Agnostiker, dessen literarische Figuren stets Projektionen seiner eigenen Lebensrealität darstellen, steckt in einer tiefen Schaffenskrise. Nicht nur, dass die Frauen seines Lebens ihm plötzlich in geballter Front vorwerfen, er habe sie stets völlig verzerrt porträtiert, heiratet seine letzte große Liebe Fay (Elisabeth Shue) auch noch Harrys alten Freund Larry (Billy Crystal). Zudem steht eine Universitätsehrung bevor, zu der anscheinend niemand Harry begleiten will. Um nicht allein nach Neuengland fahren zu müssen, engagiert Harry flugs die Prostituierte Cookie (Hazelle Goodman), packt seinen hypochondrischen Freund Richard (Bob Balaban) ein und entführt seinen neunjährigen, bei seiner Ex-Frau Joan (Kirstie Alley) lebenden Sohn Hilly (Eric Lloyd).

Gut, die wahrscheinlich einzigen drei Dinge, die "Deconstructing Harry" deutlich vom Gros des sonstigen allen'schen Filmkosmos abheben, sind die Tatsachen, dass der von Woody Allen interpretierte Protagonist hier große Mengen Whiskey trinkt, dass in nahezu jeder Dialogzeile ein Vierbuchstabenwort auftaucht (was, wie man vielleicht weiß, bei Allen sogar höchst ungewöhnlich ist) sowie dass es einige längere Szenen gibt, in der der Künstler notlos beim Autofahren zu sehen ist. Ansonsten gibt es das im Prinzip Übliche: Der intellektuelle, jüdische Künstler hadert mit seinen ethnischen Wurzeln, mit seinem Unglauben, seiner Hypochondrie, mit den Frauen und vor allem sich selbst. Seltsam, dass Allen zunächst unbedingt einen anderen Darsteller als sich selbst für die Titelfigur haben wollte. Vielleicht mochte er nicht länger mit dem im Grunde neuerlich repetierten Charakter des Stadtneurotikers identifiziert werden. Dabei sorgt der irrwitzige Sarkasmus, mit dem Allen hier zu Werke geht, Bergman referiert, sein Ensemble durch die diversen, pseudoliterarischen Episödchen peitscht sowie seine dialogischen Feuerwerke abbrennt, dafür, dass "Deconstructing Harry" zu den komischen Meisterstücken seines Regisseurs zählt. Herrlichst.

10/10

Woody Allen New York Autor Literatur Hölle ethnics Satan


Foto

DINNER AT EIGHT (George Cukor/USA 1933)


"I'm going to be a lady if it kills me!"

Dinner At Eight (Dinner um Acht) ~ USA 1933
Directed By: George Cukor

Die Reeder-Gattin Millicent Jordan (Billie Burke) plant ein kostspieliges Freitagabend-Diner, zu dem eine erlesene Gesellschaft eingeladen werden soll. Es weilt nämlich zur Zeit das Ehepaar Ferncliffe aus England in Manhattan, Reichenprominenz von höchsten Gnaden, mit deren Erscheinen sich die gute Millicent vor den übrigen Gästen rühmen möchte. Dabei haben die Geladenen und Gäste ganz andere Sorgen, allen voran Millicents Mann Oliver (Lionel Barrymore), dessen Reederei im Zuge der Depression von der Insolvenz bedroht ist. Als böser Strippenzieher im Hintergrund lauert bereits der feiste Emporkömmling und Finanzgeier Dan Packard (Wallace Beery) auf Jordans Unternehmen, der ein paar Strohmänner für entsprechende Aktieneinkäufe bereithält. Packards Frau Kitty (Jean Harlow), ein verwöhntes Neureichenblondchen mit proletarischen Wurzeln, unterhält derweil eine feurige Affäre mit dem notorischen Schürzenjäger Dr. Talbot (Edmund Lowe) und streitet sich nahezu ohne Unterlass und auf übelste Weise mit ihrem bulligen Gatten. Die alternde, ebenso voluminöse wie trinkfeste Theaterdiva Carlotta Vance (Marie Dressler) hat derweil ein mäßig schlechtes Gewissen, weil sie aus Geldnot das Aktienpaket ihres alten Freundes Jordan verscheuert hat. Nach dem arbeitslosen, verarmten und dem Alkohol verfallene Stummfilmstar Larry Renault (John Barrymore) kräht indes kein Hahn mehr - mit Ausnahme von Jordans neunzehnjähriger Tochter Paula (Madge Evans), die sich unsterblich in den sehr viel älteren, suizidalen Galan verliebt hat und für ihn ihren gleichaltrigen Verlobten (Phillips Holmes) sitzen lassen will...

Wie man etwas bereits Makelloses nochmals perfektioniert, demonstrierte die MGM nur ein Jahr nach "Grand Hotel" mit "Dinner At Eight": Das Basiskonzept blieb bestehen - ein umfassendes Starpersonal begegnet sich in wechselnden Konstellationen, zerfleischt und liebt sich, erhält Erleuchtung und Verständnis, wird erwachsen oder geht drauf. Weil man ein Gewinnerteam nicht ändern soll, begegnet man gleich vier Darstellern aus "Grand Hotel" wieder (den Barrymore-Brüdern, Wallace Beery und Jean Hersholt), die ihre Kunst hier nochmal in gleichwertiger Form vorstellen. Hinzu kommen 'neue' Gesichter wie das der faktisch den kompletten Film beherrschenden, wahrlich phantastischen Marie Dressler oder das von Billie Burke. John Barrymores Figur überbietet den vormaligen Baron nochmal um ein ganzes Pfund an Tragik und hier wie dort muss er das Zeitliche segnen, diesmal allerdings durch eigene Hand und in perfekt inszenierter Abgangspose. Dreierlei wertet "Dinner At Eight" letztlich nochmals um Nuancen gegenüber seinem 'Vorgänger-Modell' auf: der Verzicht auf die große Pose, wie sie vor allem die Garbo in "Grand Hotel" personifizierte, der Entschluss, den Satirefaktor deutlich anzuheben und das Stück somit noch deutlich sozialrelevanter zu gestalten und schließlich der Einsatz eines - damals freilich noch eher unbeleckten - Regiegenies, eines der brillantesten Köpfe in sechs Jahrzehnten Filmgeschichte und, wie sich anhand "Dinner At Eight" bereits überdeutlich ablesen lässt, eines Meisters der Gesellschaftskomödie. Optimal fügen sich nach und nach die Szenen aneinander, ergeben ein bis ins Letzte stimmiges Kaleidoskop, bis hin zum großen Gesamtbild, über dessen klimaktisches Finale hinaus man den Film noch lange im Kopf behält.

10/10

George Cukor New York Ensemblefilm Satire based on play Great Depression Alkohol Stummfilmstar Essen


Foto

MIDNIGHT (Mitchell Leisen/USA 1939)


"Come on, everybody do la conga."

Midnight (Enthüllung nach Mitternacht) ~ USA 1939
Directed By: Mitchell Leisen

Völlig abgebrannt kommt die Sängerin Eve Peabody (Claudette Colbert) mit dem Zug aus Monte Carlo in Paris an - und hat das große Glück, am Bahnhof den charmanten Taxifahrer Tibor Czerny (Don Ameche) kennenzulernen, der sie auf Kredit zu sämtlichen relevanten Vorstellungsadressen fährt - umsonst. Dass es außerdem heftig zwischen den beiden funkt, ignoriert Eve vorsorglich, sie ist endlich einmal auf der Suche nach einer "guten Partie". Als Eve sich unrechtmäßig Zutritt zu einer versnobten Kammermusik-Soirée verschafft, iavanciert sie als selbsternannte "Baronin Czerny" prompt zum Mitglied der feinen Pariser Gesellschaft. Besonders der junge Playboy Picot (Francis Lederer) wirft ein Auge auf sie. Dies wiederum kommt dem alternden Millionär Flammarion (John Barrymore) sehr zupass, dessen junge Frau (Mary Astor) bis dato Picots heimliches Liebchen war. Darum tut er alles dafür, um Eve mit Picot zu verkuppeln. Doch Czerny und die wahre Liebe lassen sich nicht einfach abspeisen.

Von Billy Wilder und Charles Brackett geschrieben, inszenierte Leisen eine der prachtvollsten Screwball Comedies der dreißiger Jahre, die vielleicht nicht das irrwitzige Tempo eines Hawks-Films vorweisen konnte, dafür aber den fein perlenden, champagneresken Dialoghumor seiner brillanten Ersinner, den zu visualisieren Leisen absolut adäquat verstand. Dabei hilft ihm natürlich primär die wundervolle Claudette Colbert, die mit ihren großen, fröhlichen Strahleaugen ohnehin das Idealbild einer 'screwball actress' vorstellte und bei nahezu allen großen Komödien-Regisseuren jener Jahre, darunter Capra, Lubitsch und Preston Sturges, mindestens einmal reüssierte. "Midnight" könnte dabei durchaus meinen Verdacht erregen, ihr schönster Film zu sein; um ganz sicher zu gehen, müsste ich mir aber alle nochmal zeitnah anschauen. Zumindest in diesem Moment wäre ich jedoch relativ überzeugt davon. Don Ameche, den unsere Generation vornehmlich aus seinen tollen Seniorenrollen in den Achtzigern kennt und der zwischen 49 und 83, als er von John Landis für "Trading Places" reaktiviert wurde, in fünf Filmen auftrat, als vitalen Jungspund von dreißig Lenzen zu erleben, hat zudem etwas für sich. Von John Barrymore gar nicht zu reden.
In "Mein Kino" moniert Hellmuth Karasek das romantische Happy End des Film und mutmaßt, dass es ein Zugeständnis Wilders und Bracketts an Anstand und Sitte wäre. Ich bin nicht bereit, dem zu folgen. Mit einem anderen Ende hätte "Midnight" keinesfalls an Bissgkeit, sondern bvestenfalls an Zynismus hinzugewonnen. Und dieser passt nicht zu ihm, überhaupt nicht.

9/10

Mitchell Leisen Billy Wilder Screwball Paris Taxi


Foto

DESIRE (Frank Borzage/USA 1936)


"May I introduce my husband?"

Desire (Sehnsucht) ~ USA 1936
Directed By: Frank Borzage

Nachdem sie eine in Paris geraubte Perlenkette an der spanischen Grenze unbemerkt in der Jackettasche des ahnungslosen Detroiter Touristen Tom Bradley (Gary Cooper) verschwinden lässt, versucht die gewiefte Diebin Madeleine de Beaupre (Marlene Dietrich), des edlen Stücks mit allerlei Tricks wieder habhaft zu werden. Dabei verlieben sich die schöne Europäerin und der etwas rustikale amerikaner heftigst ineinander, ganz zum Unwillen von Madeleines zwei Spießgesellen Carlos (John Halliday) und Tante Olga (Zeffie Tilbury)...

Mit "Desire", so sagt man vielerorts, sei Marlene Dietrich höchst erfolgreich ent-sternbergt worden. Nachdem sie sich auch privat von ihrem exzentrischen Karrierebereiter getrennt hatte, wechselte sie, freilich weiterhin beständig unter dem Banner der Paramount, kurzfristig zu Ernst Lubitsch, der "Desire" produzierte und danach "Angel" mit ihr drehte. "Desire" ist ein erster Schritt weg von jenem kühl-unnahbaren Image, mit dem die Dietrich sich in Hollywood eingeführt hatte. Hier zeigt sie auch eine komische Seite, darf viel lächeln und nach einem starken Auftritt als kriminelles Ass ihre Geschicke von Gary Cooper lenken, sich von ihm domestizieren lassen und mit ihm am Ende, brav, geläutert und rehabilitiert, vom mondänen Europa in den vergleichsweise schäbigen Ehehafen von Motor City überwechseln. Die Dietrich wurde weicher, irdischer und greifbarer und erschloss sich somit auf geschickte Weise auch den ganz humanenen Begehrlichkeiten des eher gesetzten männlichen Publikums. Und wieder fällt sie, wie einst in "Morocco", für den hochgewachsenen Cooper, der ursprünglich wegen ihrer Allüren nie mehr mit ihr zusammenarbeiten wollte. Für Lubitsch und Borzage brach er diese Maxime, was sich, für sämtliche Beteiligten, als überaus lohnend erwies!

8/10

Frank Borzage Ernst Lubitsch Frankreich Paris Spanien Heist Screwball Pyrenäen


Foto

DJANGO UNCHAINED (Quentin Tarantino/USA 2012)


"Auf Wiedersehen."

Django Unchained ~ USA 2012
Directed By: Quentin Tarantino

Kurz vor dem Sezessionskrieg befreit der deutschstämmige Kopfgeldjäger und Dentist Dr. King Schultz (Christoph Waltz) den Schwarzen Django (Jamie Foxx) aus den Händen von Sklavenhändlern. Er hofft, durch Djangos Mithilfe ein gesuchtes Brüdertrio zu finden, das sich irgendwo in Mississippi auf einer Baumwollplantage als Aufseher verdingt. Nachdem Schultz sich von Djangos Qualitäten als Schütze überzeugt hat, bietet er ihm an, als Kompagnon für ihn zu arbeiten. Im Gegenzug würde Schultz Django helfen, im nächsten Frühjahr seine Frau Broomhilda (Kerry Washington) ausfindig zu machen und auszulösen. Django schlägt ein und die beiden werden ein bewährtes, gesetzlich legitimiertes Killerduo. Schließlich finden sie Broomhilda auf dem Anwesen des öligen Rassisten Calvin Candie (Leonardo Di Caprio), ihr Plan zu ihrer Auslösung geht jedoch zunächst schief. Nun kennt Django kein Halten mehr.

Tarantino as usual. Diesmal erweist der Mann dem Spaghetti-Western seine knapp dreistündige Ehrerbietung, die sich natürlich, man kennt das mittlerweile, bei genauerem Hinsehen vor allem selbstreferenziell ausnimmt. Großartige Cameos alt- und scheinbar ausgedienter Filmhelden, die vor allem dem Eingeweihten diverses Anerkennen entlocken sollten, eine formidable Soundtrack-Kompilation, gedehnte Dialogszenen mit teil ominösesten Inhalten, die vor allem Tarantinos schwarzem Humorverständnis geschuldet sind, schließlich stark überzogene Gewaltdarstellungen, die in ihrer typischen Funktion als zusätzliches comic relief allerdings selbst für zartbesaitete Feuilletonisten stets goutierbar bleiben. Wie jedes Tarantino-Werk unterhält "Django Unchained" über seine gesamte Erzählzeit vorzüglich, beinhaltet befreiende Lacher, sorgt für manches Hallo und bewährt sich in seinen vorgefassten Bahnen. Ich würde mir jedoch wünschen, dass seine nicht kleiner zu werden scheinende Anhängerschar sich nicht immer wieder der Illusion hingibt, in seinen Werken etwas besonders Innovatives oder gar "Geniales" ausfindig machen zu können - dafür arbeitet der Mann auf inhaltlicher Ebene ganz einfach zu schematisch und wird aufgrund seiner tatsächlich sehr engmaschig gesteckten kreativen Grenzen augenscheinlich auch nie etwas Anderes zustande bringen. Das, was er macht, macht er so gut wie kein anderer; an den authentischen Dreck, an die aufrichtige Verruchtheit, den apokalyptischen Zynismus des ansonsten vielfach zitierten Originals und seiner Mitwerke aber traute sich Tarantino vermutlich nie heran. Was sollten seine Fans auch sagen? Nachher müssten sie vielleicht schlecht träumen und ihrem Idol beim nächsten Film den Rücken zukehren und wer hätte da schon etwas davon? Christoph Waltz vielleicht? Nein nein, "Django Unchained" ist ein stilvoller, spaßiger, ein guter Film, jedoch, und das ist ein nicht zu leugnender Dorn in seiner so makellos scheinenden Seite - in jeder Hinsicht völlig erwartbar.

8/10

Quentin Tarantino Texas Mississippi Südstaaten Sklaverei Freundschaft Rassismus Splatter Kopfgeldjagd Hommage Parodie


Foto

HAS ANYBODY SEEN MY GAL? (Douglas Sirk/USA 1952)


"Do you have to make so much noise playing "Silent Night"?"

Has Anybody Seen My Gal? (Hat jemand meine Braut gesehen?) ~ USA 1952
Directed By: Douglas Sirk

Weil er keine legitimen Erben hat, überlegt sich der Multimilliardär Samuel Fulton (Charles Coburn), die (ihm freilich unbekannte) Familie seiner mittlerweile verstorbenen Jugendliebe Millicent, die in einer Kleinstadt lebenden Blaisdells, zu begütern. Um herauszufinden, ob sie dieser Ehre würdig sind, reist Fulton in cognito unter dem Namen John Smith vor Ort, zieht sich bei den Blaisdells als Untermieter ein und arbeitet als Eisverkäufer im Krämerladen des Vaters (Larry Gates). Alsbald hat Fulton seine "Quasi-Familie" sehr lieb gewonnen und entschließt sich, ihre finanzielle Not zu lindern, indem er ihnen anonym 100.000 Dollar zuschießt. Primär infolge der Euphorie der Mutter (Lynn Bari) dauert es nicht lange, und die Eltern haben sich zu versnobten Neureichen entwickelt, derweil die Kinder sich wieder in ihr altes Leben zurücksehnen. Dank Fultons Engagement fügt sich bald alles zu einem glücklichen Ende.

Für den wunderhübsch bunten "Has Anybody Seen My Gal?" fügte sich Sirk zum Moraldidaktiker vom Schlage eines Frank Capra und lieferte ein Reflexion über die alte Weisheit, wie schnell und wie sehr Geld den Charakter verdirbt. Dass er diese Geschichte mit der Lebensabendgestaltung eines superreichen Seniors verknüpft, der als eine Art 'guter Engel' die Geschicke der Familie Blaisdell steuert und beeinflusst, darin liegt der besondere Kniff des Films. Im Grunde ist "Has Anybody Seen My Gal?" nämlich ein prächtiges Altersgeschenk an den herzhaft-knuffigen Charles Coburn, der um diese Zeit, 74-jährig, als listiger und lustiger Opa stets gern gesehen ward und insbesondere diesen Film, eine ebenso erzkonservative wie spießige Hollywood-Phantasie, der man aufgrund ihres Alters jedoch alles zu verzeihen geneigt ist, faktisch trägt. Die noch sehr jungen Piper Laurie und Rock Hudson sind sicherlich nett anzuschauen, aber keineswegs basale Stützpfeiler für Sirk. Pikant wird es, wenn Coburn gegen Ende, nachdem er bei seinen Rettungsmanövern bereits in einer Schnbapsbar und einer Spielhölle aufgegriffen wurde, unterstellt wird, er mache sich an junge Mädchen heran. Glücklicherweise denkt man sich zumindest nichts Schlimmes bei seiner großväterlichen Freundschaft zu der kecken, kleinen Roberta (Gigi Perreau), aber solch verworfene Verdächtigungsoptionen ersparte man sich im sauberen Studiokino jener Tage bewusstermaßen. In einer Minisprechrolle, die retrospektiv seltsamerweise wie ein bewusst eingesetztes Cameo wirkt, ist der noch unbekannte James Dean als Milchbar-Kid zu erblicken.

8/10

Douglas Sirk Familie Erwachsenenmärchen Geld Freundschaft Weihnachten period piece





Filmtagebuch von...

Funxton

    Avanti, Popolo

  • Supermoderator
  • PIPPIPPIPPIPPIPPIPPIPPIPPIP
  • 8.268 Beiträge

Neuste Kommentare