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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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MYSTERY TRAIN (Jim Jarmusch/USA, J 1989)


"Don't call me Elvis!"

Mystery Train ~ USA/J 1989
Directed By: Jim Jarmusch

Drei sich in einer Nacht abspielende Episoden ranken sich um das Arcade Hotel in Memphis, Tennessee: Das aus Yokohama stammende Teenage-Rockabilly-Pärchen Jun (Masatoshi Nagase) und Mitsuko (Youki Kudoh) tourt durch die Staaten, um sich die Lebens- und Wirkungsstätten der großen Rock'n'Roll-Musiker anzusehen. Dazu gehören natürlich auch Graceland und das Sun Studio, sowie eine Nacht im Arcade mitsamt dem elften Beischlaf der beiden.
Die frisch verwitwete Luisa (Nicoletta Braschi) will ihren toten Gatten in die alte Heimat zurückeskortieren und verbringt die Nacht zuvor im Arcade. Dabei begegnen ihr die just von ihrem Freund Johnny (Joe Strummer) getrennte Dee-Dee (Elizabeth Bracco) und der Geist von Elvis (Stephen Jones).
Der verlassene Johnny hat nicht nur seine Freundin, sondern auch seinen Job eingebüßt und säuft sich bis obenhin zu. Zusammen mit seinem Kumpel Will (Rick Aviles) und Dee-Dees Bruder Charlie (Steve Buscemi) landet er nach einer nächtlichen Fluchtfahrt durch Memphis infolge der Verwundung eines rassistischen Schnapsverkäufers (Rockets Redglare) im Arcade, das Wills Schwager (Screamin' Jay Hawkins) leitet.

Ein Schuss und Elvis' "Blue Moon"-Version verbinden die drei Episoden um ein paar Menschen in der Krise, die in Memphis ohnehin keine Möglichkeit haben, dem King nicht zu begegnen, selbst zwölf Jahre nach dessen Tod. Jarmusch verabreicht in diesem seinem ersten Episodenfilm ein prächtiges Kaleidoskop angeknackster und/oder fertiger Charaktere, die sich in einer allnächtlichen Nacht in Memphis örtlich näher kommen als sie ahnen und dabei doch meilenweit voneinander entfernt sind. Besonders die kurzen Einstellungen mit Screamin' Jay Hawkins und Cinqué Lee sind dabei von gewinnender Lakonie beseelt; ansonsten ist "Mystery Train", der glücklicherweise nicht den eigentlich viel offensichtlicheren Titel "Heartbreak Hotel" verabreicht bekam, ein Jarmusch-Standard par excellence. Lange Einstellungen, ausnahmsweise nicht von Robby Müller, poetischer Allerweltsdialog, dünne Komik. Und der große Joe Strummer ist an Bord.

9/10

Jim Jarmusch Tennessee Elvis Presley Alkohol Hotel Independent Ensemblefilm


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DOWN BY LAW (Jim Jarmusch/USA, BRD 1986)


"It is a sad and beautiful world."

Down By Law ~ USA/BRD 1986
Directed By: Jim Jarmusch

Der Radio-DJ Zack (Tom Waits) und der Zuhälter Jack (John Lurie) landen gemeinsam in einer Gefängniszelle in New Orleans, nachdem sie jeweils von einer anderen Partei übervorteilt und der Polizei in die Hände gespielt wurden. Bald darauf kommt noch der kaum ein Wort Englisch sprechende Italiener Robert hinzu, der einen Gegner in Notwehr mit einer Billardkugel totgeworfen hat. Gemeinsam türmt das Trio in die Bayous, aus dem man sich nur mit Mühe und Not kurz vor der Staatsgrenze zu Texas wieder herausarbeiten kann. Just hier findet Roberto sein privates Glück, während die beiden Individualisten Jack und Zack auch in Zukunft lieber getrennte Wege gehen wollen.

Nichts dazugelernt: Ohne das Zutun des offenherzigen Roberto, Verehrer von Walt Whitman und Robert Frost in italienischer Übersetzung, würden sich die beiden Macho-Dickköpfe Zack und Jack vermutlich heute noch in ihrer kleinen Zelle prügeln, wären zumindest im Sumpf verhungert oder von den Alligatoren aufgefressen worden. Zwei obercoole Männer, nur mit sich selbst befasst und zu verbohrt, um mit der Lebenslektion, dass Freundschaft und menschliche Wärme einen immer weiterbringen, etwas anfangen zu können.
Obgleich der Sumpf Louisianas förmlich nach imposanter Kolorierung schreit, wählen Jarmusch und sein dp Robby Müller ein kontrastreiches Schwarzweiß für ihre spröde Ausbrecherfabel, wie Jarmusch ohnehin erst im nächsten Film erstmals zur Farbe übergehen wird. Mitte der Achtziger war das ikonisches Kunstkino für eine gewisse elitäre Rezipientenschaft, in den frühen Neunzigern für Zuschauernachwuchs wie mich, die wir im arrogantesten Teenager-Überschwang den gegenwärtigen Hollywood-Mainstream mit einem kulturellen Incubus gleichzusetzen pflegten, eine Maßgabe filmischer Dinge. Heute ist "Jockey Full Of Bourbon" nach wie vor ein Lieblingssong, Jim Jarmusch nicht dort, wo ihn manchereiner vor zwanzig Jahren künftig wähnte und "Down By Law" ein kostbares, kleines Kuriosum. Und genau so ist es ja eigentlich auch richtig.

9/10

Jim Jarmusch Independent Louisiana New Orleans Sumpf Gefängnis Freundschaft


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THE LADYKILLERS (Joel Coen, Ethan Coen/USA 2004)


"There's no 'I' in 'team'."

The Ladykillers ~ USA 2004
Directed By: Joel Coen/Ethan Coen

Um die Gewinne eines auf dem Mississippi liegenden Casino-Boots zu rauben, heuert der belesene Professor G.H. Dorr (Tom Hanks) vier ihm intellektuell unterlegene Mistreiter (Marlon Wayans, J.K. Simmons, Tzi Ma, Ryan Hurst) an und mietet sich der örtlichen Nähe wegen - sein Plan sieht nämlich vor, mittels eines unterirdischen Tunnels in den Tresorraum vorzudringen - bei der resoluten, gottesfürchtigen Witwe Munson (Irma P. Hall) ein. Jener erzählt Door, dass er mit seinen Partnern als "Renaissance-Ensemble" in ihrem Keller musikalische Proben abzuhalten wünscht. Trotz einiger Pannen gelingt der Coup - vorerst, denn Witwe Munson bekommt durch die chaotische Durchführung des Ganzen Wind von der Sache, was dazu führt, dass die fünf Männer sich gegenseitig an die Gurgel gehen.

Wenn auch noch nicht der erhoffte, große neue Wurf, ist "The Ladykillers" nach "Intolerable Cruelty" doch so etwas wie zumindest der Versuch einer kleinen Reparation der Coens am Zuschauerstamm. Für das Mackendrick-Remake, die erste von bislang zwei Neuverfilmungen, nähern sich die Coens wieder ihrem etablierten Schusterleisten an, halten sich jedoch in Bezug auf ein potenzielles Publikum noch immer etwas konventioneller als es bei den nächsten, wieder deutlich beseelteren Werken der Fall sein wird. Ähnlich wie im ebenfalls in Mississippi angesiedelten "O Brother Where Art Thou" spielt fokloristische Musik eine elementarte Rolle; nunmehr geht es weg vom Bluegrass hin zum Gospel, wobei dieser sich vornehmlich in einer weiß getünchten Kirche auf einem idyllisch gelegenen Grashügel zuträgt, die sich vornehmlich von älteren, farbigen Mitswingern besucht findet. Ansonsten ist Professor Dorrs Ensemble eine solch wunderbare Schau, dass es schwerfällt, sich einen Liebling herauszupicken: Tom Hanks, tadellos bis aufs i-Tüpfelchen, ist in einer seiner allerbesten performances zu bewundern, Marlon Wayans als Karikatur des rotzigen Gangsta-Nigga von brachialer Komik, die freilich von dem stets mit halber Zigarette im Mund anzutreffenden Tzi Ma nochmal überboten wird. J.K. Simmons und Ryan Hurst komplettieren das wirre Quintett.
Roger Deakins und Carter Burwell leisten jeweils erneut Fabulöses, die schicksalsbestimmenden Gargoyles auf der Brücke, unter der das alles entsorgende Mülltransporterschiff jeweils zur paradiesisch ins Bild gesetzten Deponieinsel fährt, sind coen'sche Surrealitätsverweise in gewohnter Reinkultur. Zudem hat man hier einen der wenigen Fälle, in denen eine Neuverfilmung dem Original durchaus das Wasser reichen kann, was es ja nicht eben oft gibt. "True Grit" wäre da auch noch ein mir spontan in den Sinn kommendes Beispiel...

8/10

Coen Bros. Remake Südstaaten Gospel Mississippi Heist Schwarze Komödie


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INTOLERABLE CRUELTY (Joel Coen/USA 2003)


"I'm sentimental."

Intolerable Cruelty (Ein (un)möglicher Härtefall) ~ USA 2003
Directed By: Joel Coen

Der als absolut sichere Bank geltende Scheidungs-Staranwalt Miles Massey (George Clooney) verliebt sich in Marilyn Rexroth (Catherine Zeta-Jones), die geschiedene Frau eines seiner Klienten (Edward Herrman). Diese jedoch ist nicht nur eine mit allen Wassern gewaschene Abzockerin, sondern auch enorm rachsüchtig. Das bekommt Massey zu spüren, als Marilyn ihn mittels eines geschickt eingefädelten Gaunerstücks selbst in den Ehe- und dann in den ruinösen Scheidungshafen lockt. Ist da am Ende aber nicht doch so etwas wie Liebe?

Der Titel ist Programm bei diesem erschreckend mediokren Kettenglied im coen'schen Gesamtwerk, das vermutlich bereits durch den originären Fremdursprung der Geschichte im Vorhinein zum Scheitern verurteilt war. Von den doppelbödigen Regieeinfällen des Bruderpaars ist hier faktisch nichts mehr übrig, stattdessen gibt es eine fast schon als ordinär zu bezeichnende Star-RomCom, die gern die Chuzpe klassischer Screwball-Romanzen oder stilvoller Komödien wie "Designing Woman" vorweisen würde, in der jedoch bestenfalls die wie immer überragende, diesmal bonbonfarbene Kamerarbeit Roger Deakins' überzeugen kann. Ansonsten ist der Film von Grundauf unsympathisch, wirkt in seiner Botschaft vom Sieg der wahren Liebe über den schnöden Materialismus völlig gestelzt und ist bis auf ein paar wenige Ausnahmen hoffnungslos unkomisch. Wo sind die Verlierer, die Charakterköpfe, die dicken Choleriker? Wo die Buscemis, Turturros, Goodmans, Politos, Shalhoubs? Dennoch: Um wirklich durch die Bank schlecht zu sein fehlt es wiederum am völligen Versagertum; einen rundum beschissenen Film bekommen die Coens wahrscheinlich selbst mit "Fremdunterstützung" nicht auf die Reihe. Sieht man sich den Film, wie ich jetzt, im Zuge einer Werkschau an, wirkt er wie eine erzwungene Atempause, wie das gescheiterte Experiment, den artistischen Aktionsradius auf andere, gemäßigtere Sehgewohnheiten hin zuzuspitzen oder auch nur kurzfristig mal dorthin auszuweichen. Am Ende bleibt jedoch nicht viel reell Verwertbares.

4/10

Coen Bros. Ehe Scheidung Femme fatale


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O BROTHER, WHERE ART THOU? (Joel Coen/USA 2000)


"Damn! We're in a tight spot!"

O Brother, Where Art Thou? ~ USA 2000
Directed By: Joel Coen

Irgendwann während der Depressionszeit bricht der ölige Kettensträfling Ulysses Everett McGill (George Clooney) zusammen mit seinen beiden grenzdebilen Mitgefangenen Pete Hogwallop (John Turturro) und Delmar O'Donnell (Tim Blake Nelson) aus dem Knast in Mississippi aus. Seinen beiden Kompagnons erzählt er, es gäbe dringend noch einen vergrabenen Schatz zu bergen, bevor das entsprechende Stück Land sich in einen Stausee verwandele; tatsächlich will McGill jedoch die Hochzeit seiner gewschiedenen Frau (Holly Hunter) mit einem schmierigen Wahlhelfer (Ray McKinnon) verhindern. Die Reise durch den Magnolienstaat gestaltet sich für das Ausbrechertrio wie eine Odyssee, auf der man zunehmend seltsamen Typen begegnet...

Nach einem Umweg über Kalifornien mit "The Big Lebowski" landeten die Coens pünktlich zum Jahrtausendwechsel im (buchstäblich) Goldenen Süden. Wie sich zeigt, gibt es auch dort eine großzügige Anzahl hinreichend eigenwilliger Persönlichkeiten, die es lohnenswert machen, auch über diesen Teil Amerikas eine Coen-Geschichte zu erzählen, dazu erstmals in Scope. Titel und Idee des Films haben dabei berewits einen ganz langen Bart; tatsächlich geht "O Brother, Where Art Thou?" auf Preston Sturges' Meisterwerk "Sullivan's Travels" zurück, in dem ein Regisseur für die Verfilmung eines sozialkritischen Stoffs selbst zum Hobo wird. Für das Trio Everett, Pete und Delmar gestaltet sich die Reise über das sommerliche Land auch wie eine Reise durch die Ära: Berühmte Persönlichkeiten wie der Bluesmusiker Tommy (Robert) Johnson (Chris Thomas King) oder der Bankräuber George "Babyface" Nelson (Michgael Badalucco) werden zu kurzfristigen Weggefährten, ergänzend finden sich reanimierte Figuren aus Homers "Odyssee" ein, wie die Sirenen (Mia Tate, Musetta Vander, Christy Taylor) oder der Zyklop Polyphem (John Goodman), die sich bei den Coens allerdings zu realen Missetätern der Gegenwart umgemodelt finden. Ein Film über den alten Süden wäre natürlich nicht komplett ohne brennende Kreuze und grand wizards, geschweige denn ohne Banjo und Bluegrass. Und weil es in Mississippi so wenig Berge gibt, werden aus den 'Foggy Mountain Boys' eben kurzerhand die 'Soggy Bottom Boys'.
Der Film ist schon formvollendet auf seine Weise, nur, dass er mich etwas weniger anspricht als andere Coen-Odysseen. Möglicherweise trägt daran der unübersehbare Wunsch nach inszenatorischer und erzählerischer Epik ein gewisses Schuldmaß. Allerdings lehrte mich die jüngst gemachte "Hudsucker-Proxy"-Erfahrung, künftig weitsichtiger zu urteilen. Wer weiß, beim nächsten Mal wird "O Brother" vielleicht zu meinem Lieblings-Coen. Diesmal hielt sich das Vergnügen bei aller Bewunderung für die Stilsicherheit der Brüder jedoch in Grenzen.

8/10

Coen Bros. Südstaaten Great Depression Mississippi Flucht Bluegrass Musik Hommage Road Movie


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FARGO (Joel Coen/USA 1996)


"Yah?" - "Yah."

Fargo ~ USA 1996
Directed By: Joel Coen

Für den armen Jerry Lundegaard (William H. Macy), Autoverkäufer und Familienvater aus Minneapolis, geht finanziell alles schief. Dazu lässt sein reicher Schwiegervater Wade (Harve Presnell) ihn am ausgestreckten arm verhungern. Also kommt Jerry auf die Idee, eine Scheinentführung seiner Frau Jean (Kristin Rudrüd) zu inszenieren und sich mit dem von Wade gezahlten Lösegeld zu sanieren. Dummerweise engagiert er für den Job die zwei ebenso gewalttätigen Soziopathen Showalter (Steve Buscemi) und Grimsrud (Peter Stormare), die schon kurz nach Jeans "Inempfangnahme" anfangen, Leichen aufzutürmen. Die schwangere Kleinstadtpolizistin Marge Gunderson (Frances McDormand) löst den obskuren Fall mittels ihrer ebenso offenen wie aufdringlichen Art.

"Fargo" dürfte der Film sein, der den Coens ihre noch letzten unerschlossenen Publikumssegmente eingefahren hat, dabei ist er nicht mehr oder weniger anbiedernd als ihre vorhergehenden Werke, sondern ein ebenso verschrobener Glücksspender wie man es von ihrem bisherigen Œuvre eben kennt. Die winterliche Atmosphäre Minnesotas unterdrückt sämtliche Schallwellen, noch unterstützt durch Carter Burwells unheilschwangere Musik. Höchstens Carl Showalters manchmal aufbrausende Art oder die diversen Pistolenschüsse lassen einen aus jener befremdlich angespannten Lethargie hervorschrecken, die die Coens so wie kein anderer gegenwärtig aktiver Filmemacher zu evozieren verstehen. Dazu ist der Film urkomisch, indem er den Mittleren Nordwesten mit seinen schwedischen Immigranten in der x-ten Generation so urig wie sonderbar porträtiert, ohne sie jedoch zu denunzieren. Schließlich stammt man selbst aus der Gegend und pisst sich nicht ins heimische Wohnzimmer. Sein Leben bezieht "Fargo" aus der jeweils freundlichen als auch unnachgiebigen Natur seiner Figuren. Niemand gibt auf, in allen schlummert hinter ihrer lächelnden Fassade ein Wolf, seien es die liebenswerte Chief Gunderson oder auch der Superloser Jerry Lundegaard. Und dann sind da freilich die wie Fremdkörper auftretenden Nebencharaktere, nach deren Auftreten man sich am Kopf zu kratzen geneigt ist, um dann erst zu verstehen, dass der Film ohne sie unvollständig wäre - der Indianer Chep Proudfoot (Steven Reevis) etwa, Marges alter Schulfreund Mike Yanagita (Steve Park) oder die beiden Huren (Larissa Kookernot, Melissa Peterman), mit denen sich Carl und Gaear im Motel vergnügen. Ein leidenschaftlich-verhalten vorgetragenes Kaleidoskop der US-Provinz entspinnt sich da, das ausnahms- und glücklicherweise einmal nicht im Süden angesiedelt ist.

10/10

Coen Bros. Winter Ensemblefilm Minnesota Minneapolis


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THE HUDSUCKER PROXY (Joel Coen/USA 1994)


"What if you tire before it's done?"

The Hudsucker Proxy (Hudsucker - Der große Sprung) ~ USA 1994
Directed By: Joel Coen

Gegen Ende der fünfziger Jahre kommt der just graduierte Provinzbursche Norville Barnes (Tim Robbins) nah New York, um dort sein Glück zu suchen. Er wird Postangestellter bei 'Hudsucker Industries', deren einstiger Chef und Inhaber Waring Hudsucker (Charles Durning) sich kurz zuvor unversehens aus dem Fenster gestürzt hat. Dessen Stellvertreter, der über Leichen gehende Sidney J. Mussburger (Paul Newman) sucht nun einen Strohmann als vorübergehende Firmenleitung, um die Aufsplittung des Unternehmens in eine freie Aktiengesellschaft zu verhindern. Der naive Norville scheint dafür genau der Richtige. Als jedoch seine Erfindung, der Hula-Hoop-Reifen, einschlägt wie eine Bombe, muss sich Mussburger etwas unkoschere Mittel und Wege suchen, um Norville wieder zu entmachten

Ich habe "The Hudsucker Proxy" schon mehrfach gesehen, doch erst jetzt konnte er bei mir endlich zünden. Bis dato empfand ich die tatsächlich etwas grobmaschig gewobene Melange des Films, die ein lautes Potpourri aus screwball comedy, Frank Capra, George Orwell, Terry Gilliam und natürlich dem hauseigenen Mikrokosmos der Coens bildet, stets als allzu überdreht und übers Ziel hinausschießend. Die furiose bis irrwitzige Form der Montage habe ich dabei wohl geflissentlich übersehen, wie mir auch die liebevolle Gestaltung des Ganzen überhaupt nicht mehr präsent war oder ich sie bis dato schlicht nicht wahrgenommen habe respektive wahrnehmen wollte. Mir zeigt das vor allem, dass sich auch die wiederholte Beschäftigung mit dem einen oder anderen Film als überaus lohnenswert herausstellen kann, selbst, wenn man längst geneigt war, ihn abzuschreiben. Natürlich ist die Hommage an Capras Gutmenschenkino, speziell an "Mr. Deeds Goes To Town", der praktisch permanent zitiert wird, an die aufreibende Ära der späten Fünfziger (wobei sich die Geschichte bis auf ein paar Details ebensogut auch ein, zwei Jahrzehnte früher hätte einfinden können). "The Hudsucker Proxy" ist natürlich supervitales, coen'sches Kino in Reinkultur, vielleicht sogar nochmals überführt in ein spezielles Essenz-Stadium.
Und für mich gilt: Besser eine späte Erleuchtung als gar keine.

9/10

Coen Bros. New York period piece Hommage Satire Erwachsenenmärchen Groteske


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THE BONFIRE OF THE VANITIES (Brian De Palma/USA 1990)


"Trust me. Nothing is going to come of this little newspaper article. Absolutely nothing."

The Bonfire Of The Vanities (Fegefeuer der Eitelkeiten) ~ USA 1990
Directed By: Brian De Palma

Der millionenschwere Wall-Street-Broker Sherman McCoy (Tom Hanks) verirrt sich eines Nachts mit seiner Geliebten Maria Rushkin (Melanie Griffith) im Wagen in die South Bronx. Als zwei farbige Wegelagerer sie ausrauben wollen, setzt Maria den Wagen zurück und fährt dabei einen der Männer an. Trotz Bedenken seitens Sherman meldet man den Vorfall nicht der Polizei. Ein Fehler, denn das Unfallopfer fällt zwei Tage später ins Koma und der ständig besoffene Klatschjournalist Peter Fallow (Bruce Willis) bauscht die Geschichte soweit auf, dass sie zu einem stadtweiten Politikum wird. Sherman wird nunmehr wegen Fahrerflucht gesucht und alsbald verhaftet. Für den geldgierigen schwarzen Prediger Reverend Bacon (John Hancock) bildet der Fall eine ebenso willkommene Profilierungsrampe wie für den jüdischen Staatsanwalt Abe Weiss (F. Murray Abraham) und seinen Untergebenen Kramer (Saul Rubinek). Die Hexenjagd auf Sherman ist eröffnet, er verliert Job, Heim und Familie, derweil Maria von nichts eine Ahnung haben will...

Die Adaption des binnen weniger Jahre zu einem Kultroman aufgestiegenen Wolfe-Buches war bereits hollywoodintern beschlossene Sache, als das Ding noch als Fortsetzungsgeschichte im Rolling Stone erschien. Wolfe, dessen erster Roman "The Bonfire Of The Vanities" ist, wurde als Journalist-/Autor zu diesem Zeitpunkt bereits in einer Ahnenreihe mit Truman Capote und Norman Mailer gewähnt. Dass ausgerechnet Brian De Palma die Verfilmung des von einer überaus ätzenden Gesellschaftskritik geprägten Romans übernehmen sollte, war möglicherweise nicht eben selbstverständlich; passt er doch auf den ersten Blick überhaupt nicht in De Palmas motivischen Wirkungskreis. Das zu befürchtende Echo schallte dann auch kurz nach der Premiere des Films durch den abgeklärten amerikanischen Blätterwald (hierzuland hatte es der Film wesentlich leichter). Der Film trete die Komplexität des Buches mit Füßen hieß es da, dass gewichtige Rollen wie die des Staatsanwaltsstellvertreters Kramer auf Statistenniveau heruntergeschält würden und dass die Leistungen Darsteller ein Witz seien. An De Palmas Stelle hätte ich vor lauter Erbostheit angesichts solch nicht nur unfairer, sondern vor allem haltloser und eitler Zerreißerei vermutlich nie wieder einen Film gemacht. "The Bonfire Of The Vanities" gehört tatsächich zu den Sternstunden seines Regisseurs und ist ein wunderbares Beispiel für die Übersetzung des geschriebenen Wortes in eine ihm angemessene Filmsprache. Als eine der beißendsten und auch bösesten Sozialsatiren ihrer Zeit kennt der Film keine Helden. Das hier porträtierte Manhattan besteht aus einem widerwärtigen Egomanenpool, den ebensogut auch eine Atombombe hinwegfegen könnte, ohne der fortgesetzten Kulturgeschichte der Menschheit ernsthaften Schaden zuzufügen. Eine ganz wunderbare, beinahe albtraumhaft dargebotene Szene zeigt den kurz vor seiner Verhaftung stehenden McCoy bei einer "Dob-Giovanni"-Premierengala, die von der gesamten Insel-Schickeria besucht zu werden scheint. Unter anderem gibt es da einen an AIDS erkrankten Literaten (Andre Gregory), der sich permanent an sich selbst und seinem chicen Status berauscht und rezitiert, derweil ihn in seinem Dunstkreis ohnehin niemand versteht und nur lacht, wenn der Meister himself zu lachen geruht. Am Ende von "Bonfire" fallen alle tief. Selbst Peter Fallow, dessen fünfzehn Minuten Ruhm ihn der unausweichlichen Leberzirrhose auch nur ein paar Schritte näherbringen.

9/10

Brian De Palma Tom Wolfe New York Satire Hochfinanz Journalismus Courtroom


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WISE GUYS (Brian De Palma/USA 1986)


"Thank you Mr. Acavano!"

Wise Guys (Zwei Superpflaumen in der Unterwelt) ~ USA 1986
Directed By: Brian De Palma

Harry Valentini (Danny DeVito), Italoamerikaner und Moe Dickstein (Joe Piscopo), Jude, sind Nachbarn, beste Freunde und als Mädchen für alles beim örtlichen Gangsterboss Anthony Castelo (Dan Hedaya) beschäftigt. Dummerweise würde keiner von ihnen jemals eine Feuerwaffe betätigen, also haben sie, als kleines Amüsement für den Rest der Gang, nette, tägliche Aufgaben zu erledigen wie das Testen kugelsicherer Jackets, das Starten der höchstwahrscheinlich mal wieder verbombten Limousine des Chefs, die Abholung von Aquarienfischen beim örtlichen Tierhändler oder das Platzieren von Pferderennwetten. Als genau dies gründlich schiefläuft, schulden Harry und Moe Costelo urplötzlich eine Viertel Million Dollar. Weil keiner von ihnen seinen besten Freund reinreiten will, bekommen sie unabhängig voneinander den Auftrag, den jeweils anderen umzulegen. Eine prekäre Situation, durch die Harry und Moe sich nur durch die Flucht nach vorn und die Hilfe von Bobby D. (Harvey Keitel), seines Zeichens Pate von Atlantic City, retten können.

Dass De Palmas Œuvre sich in ganz unterschiedliche Subkategorien zergliedern lässt, ist seinen in der Filmografie des Meisters halbwegs bewanderten Freunden altbekannt. "Wise Guys" wäre demzufolge eine Art "Versuchsfilm", aus künstlerischer Perspektive möglicherweise entstanden mit dem erklärten Ziel, in anderen Bereichen als dem der hitchcockschen Hommage Fuß zu fassen. Gescriptet ist er als eine köstlich-altmodische Komödie, die ebensogut ein oder zwei Jahrzehnt(e) zuvor von I.A.L. Diamond geschrieben und von Billy Wilder mit Jack Lemmon und Walter Matthau hätte inszeniert werden können. Möglicherweise wären seine Meriten dann auch deutlich vorteilhafter ausgefallen, was nicht eben für eine rückblickend gerechte Behandlung von "Wise Guys" spricht.
Der Film bildet eine herzliche Plattform für sein Hauptdarstellerduo, hat mit Hedaya und Keitel, standards wie Frank Vincent und Julie Bovasso sowie vor allem dem Ex-Wrestler Lou Albano (der ein bisschen aussieht wie ein dicker Joe Spinnell auf coke) eine tolle Nebenbesetzung und macht infolge diverser launiger Gags sowie der ironischen Zeichnung des Ostküsten-Kleingangstermilieus einfach viel Freude. De Palmas Regie ist für eine Komödie vielleicht ein klein wenig zu experimentell mit einem 360°-Shot hier und einer kleinen Plansequenz dort. Aber das sind eben unverzichtbare Markenzeichen des Regisseurs. Man wird sich dereinst vermutlich nicht unbedingt an den kleinen "Wise Guys" erinnern, wenn man De Palmas Kino-Errungenschaften Revue passieren lässt - dies spricht aber keinesfalls gegen den Film, sondern allerhöchstens für De Palmas umfassendes Werk.

8/10

Brian De Palma New Jersey Atlantic City Mafia Ethnics Freundschaft


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CROOKLYN (Spike Lee/USA 1994)


"I ain't in this. Leave me out of this."

Crooklyn ~ USA 1994
Directed By: Spike Lee

Die neunjährige Troy Carmichael (Zelda Harris) erlebt in den siebziger Jahren einen turbulenten Sommer in ihrer Brooklyner Nachbarschaft: Gegen ihre vier Brüder (Carlton Williams, Sharif Rashed, Tse-Mach Washington, Christopher Knowings), drei davon älter als sie, behauptet sie sich, so gut es eben geht, die Mädels aus der Gegend stiften sie zu allerlei Blödsinn an und ihre Eltern (Delroy Lindo, Alfre Woodward) durchleben eine schwere Krise, die vor allem auf die kompromisslos-bohemische Lebenseinstellung ihres Dads zurückzuführen ist. Die letzten Wochen des Sommers muss Troy, obwohl sie überhaupt keine Lust dazu hat, bei ihrem Onkel Clem (Norman Matlock) und ihrer angeheirateten Tante Song (Frances Foster) in Georgia verbringen. Als sie zurückkommt, liegt ihre an Krebs erkrankte Mutter bereits im Sterben. Der Sommer endet für Troy, nunmehr zehn Jahre alt, mit ihr als einziger Frau in der Familie.

Einer der schönsten Coming-of-Age-Filme, die ich kenne, sozusagen das New-Yorker-Seventies-Äquivalent zu Harper Lees "To Kill A Mockingbird". Von Spike Lee und seinen zwei Geschwistern Cinqué und Joie gescriptet, ist "Crooklyn" die stark autobiographisch gefärbte Story einer Kindheit in Brooklyn, gleichermaßen lebensnah und warmherzig, so lustig wie traurig, gleichsam behütet und geprägt von den sich in Form mieser Gluesniffer und Kleinkriminalität ihren Weg in die kindliche Wahrnehmung erschleichen Abgründen des Lebens. Eine Liebeserklärung auch an die Turbulenzen innerhalb der Familie und das entsprechende Krisenmanagement, dazu erste Begegnungen mit und Behauptung gegenüber der Fremde und schließlich die Konfrontation mit dem Unausweichlichen. Dabei berichtet "Crooklyn" seine Geschichte aus der Sicht der kleinen Troy, die, von den Kids aus der Nachbarschaft scherzhaft 'Troy The Boy' genannt, schon früh das Weinen verlernt. Anders als ihre manches kindische Jammertal durchschreitenden Brüder neigt Troy dazu, ihren Ärger wahlweise herunterzuschlucken oder via ungefilterter Aggression nach außen zu transportieren. Das macht sie stark und hart, aber auch bedauernswert unfähig, ihre Trauer auszuleben. Ihren Aufenthalt bei den leicht durchschossenen Verwandten im Süden, bei der geradezu reizend beknackten Tante Song und ihrer zwar älteren, aber zugleich deutlich angepassteren Cousine Viola (Patriece Nelson) empfindet Troy als nachhaltig verquer. Lee pronociert diese Wahrnehmung formal durch die Nichtentzerrung eines anamorphotisch aufgenommenen Bildes, was zur Folge hat, dass das Bild zur Mitte hin extrem gestaucht wird und diverse Kinogänger, Vorführer und Videonutzer dachten, ihre Kopie wäre im Eimer. Die Kritik reagierte auf diesen unangekündigte stilistische Zäsur unverständig bis ablehnend - nicht ganz zu Unrecht vermutlich. Aber Experimentierfreude jedweder Kuleur soll man ja grundsätzlich gelten lassen. Am Ende findet Troy dann, zurück in Brooklyn und im regulierten Bildformat, ihre neue Rolle als Kraftkleber für die krisenanfällige Familie Carmichael. Offenbar war Lees Schwester Joie, die als Troys Tante auch einen kleinen Nebenpart ausfüllt, die treibende narrative Kraft hinter "Crooklyn". Sie erhält eine geradezu bezaubernde Entsprechung in der zum Drehzeitpunkt tatsächlich erst acht Jahre alten, eine geradezu vortreffliche Kinderdarstellung gebenden Zelda Harris. Dazu eine perfekt kompilierte Songauswahl und fertig ist ein - wenn auch künstlerisch nicht stets zur Gänze ausbalancierter - Prachtfilm.

10/10

Spike Lee New York Jazz Kinder Familie Ehe Ensemblefilm Sommer Krebs period piece Coming of Age





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Funxton

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