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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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SPOORLOOS (George Sluizer/NL, F 1988)


Zitat entfällt.

Spoorloos (Spurlos verschwunden) ~ NL/F 1988
Directed By: George Sluizer

Eine Reise nach Frankreich endet für das junge Amsterdamer Paar Rex (Gene Bervoets) und Saskia (Johanna ter Steege) abrupt und verfrüht an einer Autobahntankstelle bei Nimes. Saskia, die kurz Getränke holen will, verschwindet und ist hernach wie vom Erdboden verschluckt. Drei Jahre später ist die Fahndung nach ihrem Verbleib für Rex zu einer existenzbestimmenden Obsession geworden. Da wird Saskias damaliger Entführer, der nach außen hin gefasste Familienvater und Chemielehrer, tatsächlich jedoch von gewaltigen psychischen Untiefen geprägte Raymond (Bernard-Pierre Donnadeu) auf Rex aufmerksam. Bald fasst er einen Plan, um Rex' aufdringliche Schnüffelei zu unterbinden: Er will sich ihm vorstellen und ihn auffordern, dasselbe Schicksal wie Saskia zu durchleben. Danach wären sämtliche Fragen geklärt...

Sluizers böser kleiner Kidnapping-Film, der mit der Erfüllung einer archaischen menschlichen Urangst schließt, lohnt immer wieder das Anschauen. Die teils achronologische Erzählweise, die den jeweils zur Besessenheit gewordenen Alltag zweier von unerreichbaren Zielen träumender Männer konterkariert, gerät zum Bestandteil eines der vermutlich ausgefeiltesten und cleversten Thrillerscripts seiner Zeit. Wenngleich Sluizers recht bieder gestaltete, manchmal fernsehfilmartig wirkende Inszenierung einer solchen Parallele auf den ersten Blick widerspricht: Motivik und Geschichte hätten Hitchcock ganz bestimmt in höchste Wallungen gesetzt und unter seiner Ägide einen auch formal makellosen Film zu Tage gefördert. So lebt "Spoorloos" vornehmlich von seiner ausgebufften Montage, die in einem verstörenden Finale gipfelt und mit einem letzten Close-Up auf Donnadeus üblicherweise zwischen verschlagen und freundlich oszillierendem, in dieser Situation jedoch nachdenklichem Gesicht zumindest den Hauch einer Gewissheit hinterlässt, dass dieser Mann mit seiner Schuld nicht lange wird leben können. Ein leidlich schwacher Trost angesichts seiner ungeheuerlichen Verbrechen.

8/10

George Sluizer Niederlande Frankreich Kidnapping Madness Duell


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CLOCKERS (Spike Lee/USA 1995)


"If God created anything better than crack cocaine he kept that shit for hisself."

Clockers ~ USA 1995
Directed By: Spike Lee

Der in den Nelson-Mandela-Projects in Brooklyn wohnende, junge Strike (Mekhi Phifer) ist ein 'Clocker', was bedeutet, dass er als Teil eines großen Pushernetzwerks Crack für den kompromisslosen Großdealer Rodney (Delroy Lindo) vertickt, eine Art ungekrönten König der Projects. Weil das Pushen auf der Straße Strike zunehmend stresst und Nerven kostet - er leidet trotz seines Alters bereits an einem hefigen Magengeschwür - sehnt er sich nach einer etwas ruhigeren Position. Rodney sichert ihm diese zu - als Geschäftsführer einer örtlichen Burgerbude, die wiederum als Tarnung für Rodneys Crackgeschäfte fungiert. Der einzige Haken besteht darin, dass Strike zuvor den bisherigen Filialchef (Steve White) umlegen muss. Nach dessen gewaltsamem Ableben wird der Cop Klein (Harvey Keitel) auf Strike aufmerksam, muss jedoch Strikes sich zu der Tat bekennenden Bruder Victor (Isaiah Washington) in Gewahrsam nehmen. Für Strike wird derweil die Situation auf der Straße immer brenzliger: Nicht nur, dass Klein ihn permanent aufsucht und öffentlich verhört, es sitzen ihm auch noch der um seine Freiheit fürchtende Rodney, der verrückte Killer Errol (Tom Byrd) und der Streifenpolizist André (Keith David) im Nacken...

Nachdem zunächst Martin Scorsese Richard Prices ursprünglich in der Bronx angesiedelten Roman verfilmen wollte, sich dann aber dem ambitionierten Gangsterepos "Casino" widmete, übernahm Spike Lee die Inszenierung und Scorsese blieb immerhin als Co-Produzent an Bord. Lee macht aus der komplexen Geschichte mit zwei gleichberechtigten Protagonisten ein sozial engagiertes Brooklyn-Porträt, das zeigt, wie die gegenwärtige afroamerikanische Gemeinde sich dank gewissenloser Verbrecher wie Rodney Little selbst auffrisst. Dem berüchtigten Rattenfänger gleich schart Rodney, der als legale Fassade eine kleine Trinkhalle besitzt, zunächst sämtliche farbigen Jungs des Viertels über zehn Jahren um sich, beschäftigt sie für ein Taschengeld und kleine Geschenke, um sie dann ein paar Jahre wie eine fette Spinne später als 'Clockers' in sein komplexes Dealernetz einzuflechten. Strike ist eines der Opfer Rodneys und wandelt damit permanent auf Messers Schneide. Mittlerweile ist er jedoch alt genug, um seine gefährliche Situation zu realisieren - und die Sackgasse, in der er sich befindet. Doch der Strudel hat bereits einen zu hohen Sog entwickelt: Strike zieht seinen älteren Bruder Vic, einen eigentlich ehrbaren und besonnenen Familienvater sowie den ihn anhimmelnden kleinen Shorty (Peewee Love) mit in den Abgrund. Seine letzte Chance besteht schließlich in einer Flucht ohne Rückfahrkarte.
Eine von Lees vordringlichen Stärken besteht in der Inszenierung von Charakteren. Mit wenigen Ausnahmen ist Mekhi Phifer fast in jeder Szene des Films zu sehen und hinter dem vordergründig bildungsfernen ghetto kid entspinnt sich langsam das Bild eines ebenso komplexen wie bemitleidenswerten jungen Mannes. Ähnliches gilt auch für die interessanten Nebenfiguren wie den am amerikanischen Albtraum partizipierenden, ebenso charismatischen wie furchteinflößenden Rodney (Delroy Lindo in seiner stärksten Rolle) oder den Strike im Roman glreichgesetzten Rocco Klein, von Keitel in der ihm wie üblich zukommenden, coolen Art und Weise interpretiert. Hinzu kommen eine mit Farbfilter und hoher Körnigkeit "beschwerte" Photographie, die "Clockers" grandios-satte Bilder beschert sowie einige sich niemals abnutzende, herrliche Regieeinfälle wie etwa die brillante visuelle Vermischung von Verhör und Zeugenerinnerung, bekannt aus Fleischers "The Boston Strangler" oder Lees mittlerweile zum Markenzeichen avancierender, personenzentrierter Dollyshot, den man aus "Mean Streets" kennt.
Wiederum ein grandioser Joint.

9/10

Spike Lee New York Drogen Crack Martin Scorsese Richard Price


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BATMAN: MASK OF THE PHANTASM (Eric Radomski, Bruce W. Timm/USA 1993)


"Sal Valestra, your Angel of Death awaits."

Batman: Mask Of The Phantasm (Batman und das Phantom) ~ USA 1993
Directed By: Eric Radomski/Bruce W. Timm

Als Batman sieht sich Bruce Wayne mit einem neuen, tödlichen Gegner konfrontiert, dem "Phantom". Dieses schickt mehrere alternde Mobster ins Jenseits, bevor Batman sein wahres Geheimnis lüften kann. Parallel dazu taucht nach vielen Jahren Bruces alte Liebe Andrea Beaumont wieder in Gotham auf und verdreht ihm erneut den Kopf.

Parallel zur damals bei Fans wie bei Neueinsteigern wie eine Bombe einschlagenden Animated-TV-Serie gab es dieses ersten abendfüllenden Trickfilm fürs Kino. Meisterlich in Umsetzung und Stil, mit multiplen künstlerischen Einflüssen von Will Eisner bis Jugendstil und Art Déco und voll von gepflegt-unaufdringlichen Reverenzen an die Comichistorie Batmans, bildete "Mask Of The Phantasm" wiederum nicht nur für eingefleischte Liebhaber etwas ganz Besonderes. Er emanzipierte zugleich die Protagonisten des Animated-Universums als Neuinstallationen in ihrer eigenen Welt, das waghalsige Kunststück vollführend, zugleich den Charakter der Vorlagenfigur zu transportieren als ihn auch in einen gänzlich neuen stilistischen Kontext zu setzen. In Comictermini würde man dies als eine "Elsewords"- bzw. "What if...?"-Geschichte bezeichnen, eine Story also, die bekannte Figuren in ein ungewöhnliches Szenario verpflanzt, das aufgrund seiner narrativen Radikalität zumeist nur für ein singuläres Abenteuer taugte. Dass Bruce Wayne einst eine Geliebte gehabt haben soll, die ihn zunächst von seinem determinierten Vigilantenpfad abhielt, um ihn dann gezwungenermaßen sitzen zu lassen, ist eine schöne und durchaus Sinn stiftende, aber eben "erfundene" Fußnote in der Charakter-Biographie. Ähnliches gilt für den Joker, dessen erst kurz zuvor von Alan Moore in "The Killing Joke" festgesetzte origin die Autoren schlicht ignorieren. Alles kleine Faux-pas, mit denen man leben kann - weil der Film sie aufgrund seiner Geschlossenheit rasch vergessen macht.

8/10

Batman Comic Serienmord Rache Duell Amour fou Mafia


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MINORITY REPORT (Steven Spielberg/USA 2002)


"Sometimes, in order to see the light, you have to risk the dark."

Minority Report ~ USA 2002
Directed By: Steven Spielberg

In den mittleren fünfziger Jahren des 21. Jahrhunderts ist die Mordrate in Washington D.C. gegen 0 gesunken, dabei ist ein strukturierter Polizeiapparat kaum mehr erforderlich. Erreicht werden kann das durch die 'Precrime Division', die aus einer kleinen Spezialeinheit von Polizisten unter der Führung Chief Andertons (Tom Cruise) und drei, in permanentem Dämmerzustand gehaltene Medien besteht. Jene Medien, im Volksmund 'Pre-Cogs' genannt, haben die Gabe, Morde und Totschläge über mehrere Stunden vorauszusehen, wodurch die Gewaltakte bereits vor ihrer Ausübung verhindert werden. Die im Prinzip noch unschuldigen Täter werden in einer gigantischen Verwahrungsstelle schlafen gelegt. Als Anderton just ein paar Tage, bevor Precrime unter großem Medienandrang auf die gesamte Nation ausgeweitet werden soll, auf eine verjährt geglaubte Unebenheit stößt, die der Precrime-Initiator Burgess (Max von Sydow) kurzerhand als "Pre-Cog-Echo" abtut, sieht er sich urplötzlich selbst als Mörder, der in 36 Stunden einen ihm völlig unbekannten Mann töten wird. Zusammen mit dem von ihm entführten Pre-Cog Agatha (Samantha Morton) versucht Anderton, jenes Rätsel zu lösen, stets dicht gefolgt von dem forschen Aufsichtsbeamten Witwer (Colin Farrell) und seinen früheren Partnern.

Hat mich diesmal völlig kaltgelassen. Natürlich ist die auf einer wie immer brillanten Grundidee Philip K. Dicks basierende Future-Motivik nicht übel und wird auch alles andere als visuell uninteressant ausgespielt. Vermutlich liegt aber genau hier der Knackpunkt. "Minority Report" suhlt sich geradezu autoerotisch in seinen Entwürfen der zukünftigen Gesellschaft; in den Appartments und Fahrzeugen sowie den aufdringlichen product placements an allen Ecken und Enden. Auch hat der Film eine sichtlich selbstergötzende Freude daran, seine Uniformträger in ihren schneckenähnlichen Fluggeräten und mit kleinen Antriebsraketen durch die Gegend sausen zu lassen, die als "Spinnen" berüchtigten, mobilen kleinen Augendetektoren auszusenden etc. pp. Bleibt alles anders anno 2054. Nicht zu vergessen die spezielle, milchig-körnige Überstrahlungsoptik. Hübsch stilbewusst, bestimmt. Aber zu keiner Sekunde wirklich fesselnd oder gar mitreißend, da allzu reißbrettartig in der Umsetzung. Von einer diskursiven, sozialthischen Sinnsuche ("Blade Runner"), wie sie bei Dick-Adaptionen bislang eigentlich zum guten Ton gehörte oder auch von einer Meditation über Perzeption und Realitätsempfinden ("Total Recall") kann bei"Minority Report" indes keine Rede sein. Dazu ist Spielberg dann doch ein allzu emotionszentrierter Filmemacher und vermutlich auch schlicht nicht intelligent genug.
140 Minuten cruisescher Selbstsuche und Läuterung plus inszenatorisches Autonomiegewichse bar jeder Bodenhaftung können sich da doch ganz schon ziehen.

5/10

Steven Spielberg Philip K. Dick Zukunft Verschwörung Medizin Washington D.C. Drogen Dystopie


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THE GAME (David Fincher/USA 1997)


"Discovering the object of the game is the object of the game."

The Game ~ USA 1997
Directed By: David Fincher

Ohne es zu merken, ist der Investment-Banker Nicholas Van Orton (Michael Douglas) zu einem einsamen und verbitterten Zyniker geworden, dessen einziger Lebenssinn nunmehr in seiner Arbei besteht. Damit tritt er zugleich die Erbfolge seines Vaters (Charles Martinet) an, der einst im Alter von 48 Jahren - just dasselbe, das Nicholas soeben erreicht hat - den Freitod suchte. Ein Geburtstagsgeschenk seines Bruders Conrad (Sean Penn) scheint da für etwas Abwechslung zu sorgen. Ein ominöses Spiel, das die mysteriöse Firma CRS feilbietet und das Nicholas' Lebensalltag gehörig umkrempelt.

Abgesehen davon, dass "The Game" etwas unter seiner inhaltlichen, teilweise doch recht abenteuerliche Ausmaße annehmenden Konstruiertheit zu leiden hat, ist er ein hervorragender Schauspieler- und ein noch exzellenterer Regiefilm. Fincher kreiert mittels jener ihm typischen, schwarz-glänzenden Stilisierung eine ähnlich verstörende, nebulöse Atmosphäre wie bereits in "Se7en"; die Welt steht urplötzlich Kopf, niemandem kann mehr vertraut werden, alles ist bedrohliche Verschwörung, alles möglich. Michael Douglas präsentiert wie zufällig eine psychologische Weiterentwicklung seiner großen Oscar-Rolle des Gordon Gekko, der bei Fincher zu einem kompletten Misanthropen reduziert wird, der nicht mal mehr in der Gier noch Befriedigung findet. Die latente Depression hat sich bei ihm bereits durchs Hintertörchen eingeschlichen und es ist nurmehr eine Frage der Zeit, wann die letzte Sicherung durchbrennt, sich die Erkenntnis über ein verpfuschtes Leben Bahn bricht und Nicholas Van Orton es seinem suizidalen Vater gleichtut.
Über die Wendungen, die das Spiel nimmt, die minutiöse Planung der Hinterleute, die jede Reaktion ihrer Protagonisten steuern und vorhersehen können, lässt sich wohl trefflich diskutieren. All das ist am Ende jedoch nebensächlich. Die so einfache wie lebensbejahende Botschaft des Films ist wichtig: Genieß' dein Leben, du hast nur eines. Darum sollte "The Game" auch zum stelleninternen Pflichtprogramm eines jeden Firmenmanagers erklärt werden.

8/10

David Fincher Hochfinanz San Francisco Mexiko Brüder


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DUEL (Steven Spielberg/USA 1971)


"Look... I want you to cut it out."

Duel (Duell) ~ USA 1971
Directed By: Steven Spielberg

Der kleine Angestellte David Mann (Dennis Weaver) überholt auf dem Weg zu einem Geschäftstermin einen Truck. Diesen wird er fortan nicht mehr los, tatsächlich verfolgt ihn der Lastzug nicht nur, er attackiert ihn auch noch in zunehmend eindeutiger Absicht.

The one to end it all: Mit dieser in Windeseile abgedrehten ABC-Produktion für die Reihe "Movie Of The Week" findet sich die Grabinschrift New Hollywoods bereits unbewusst in Stein gemeisselt. Der Blockbuster bahnt sich seinen Weg, bis "Jaws" vier Jahre später die Studios aus ihrer Flaute herausholen und dem Autorenkino wieder den Hahn abdrehen wird. Und welch ein brillantes Epitaph "Duel" ist: Kino in seiner pursten Form (ironischerweise ausgerechnet fürs Fernsehen produziert), Film der totalen Reduktion, in dem am Ende nichts mehr wichtig ist außer dem Weiterkommen auf gerader Straße und der endgültigen Entledigung des Gegners. David Mann bleibt am Ende als eine vollkommen entleerte tabula rasa zurück, heruntergeschält sozusagen auf das bare Dasein. Dass er nicht noch nackt an der Felsklippe im Sonnenuntergang sitzt, verwundert da geradezu. Dafür wird er wahrscheinlich ein interessanter Fall für die Psychiatrie und der mysteriöse Truckfahrer hat sein Ziel somit zumindest in Teilen erreicht. Alles, was David Mann am Morgen dieses Tages noch bewegte, befindet sich in weiter Ferne: Sein lächerlicher kleiner Ehekrach, der Termin mit seinem Geschäftspartner, seine ganze kleinbürgerliche Existenz. Auch kommt er zwischendurch nie auf die Idee, dem Truck ein Schnippchen zu schlagen. Er müsste bloß umkehren und nach Hause fahren und der Albtraum wäre vorbei. Aber darum geht es irgendwann gar nicht mehr, David Mann will gewinnen, triumphieren, Erster sein. Spielberg, damals 25, inszeniert wie ein Alter und schüttelt bereits als Debüt einen formaltechnisch dermaßen perfekten Film aus dem Ärmel, dass dagegen selbst alte Hasen vor Neid erblasst sein dürften. Für mich bis heute einer seiner wegweisendsten und besten Filme; ehrlich, roh und von allem Ballast befreit.

10/10

Steven Spielberg Road Movie Kalifornien car chase Richard Matheson TV-Film New Hollywood


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FEAR X (Nicolas Winding Refn/DK, UK, CA, BR 2003)


"Stay on him, here I go."

Fear X ~ DK/UK/CA/BR 2003
Directed By: Nicolas Winding Refn

Der Wachmann Harry Caine (John Turturro) fällt in eine tiefe Depression, nachdem seine schwangere Frau Claire (Jacqueline Ramel) ohne ersichtlichen Grund in der Tiefgarage jenes Einkaufszentrums, in dem Harry arbeitet, erschossen wurde. Sein Leben widmet er fortan allein der Suche nach dem Täter und dem Grund für Claires Tod. Als er endlich eine heiße Spur erhält, die ihn nach Montana führt, steht Harry bald Claires reuigem Mörder (James Remar) gegenüber.

Nach einer längeren Pause war "Fear X" Winding Refns dritter Film nach den in Dänemark entstandenen "Pusher" und "Bleeder". Hier arbeitete er erstmals mit einer internationalen, anglophonen Besetzung, die die drei aus diversen renommierten Indie-Produktionen bekannten Darsteller John Turturro, Deborah Kara Unger und James Remar vereinte. Für ein Werk, das rein karrieristisch dazu angetan war, Winding Refn eine zunehmende Popularität zu verschaffen, ist "Fear X" faktisch eine bare Frechheit. Sperrig, provozierend langsam, unverständig und interpretationsbedürftig gibt sich Refn hier, nachdem seine ersten beiden Filme noch eher als zumindest erzählerisch straighte Gangster- bzw. Großstadtramen durchgingen. In "Fear X" widmet sich der Filmemacher ganz einer bleiernen Antibeweglichkeit mitsamt langen Einstellungen und reduziertem Dialog, die zudem auf klassische Narrationsformeln verzichtet und noch die Chuzpe besitzt, den Zuschauer am Ende zum Komplizen ihrer verworrenen Gestalt zu machen. Das Publikum quittierte dieses Experiment mit nicht minder reaktiver Ignoranz. Abseits von einer kleinen Schar Eingeweihter, die mit seinem Namen und seiner Unvorhersehbarkeit als Filmemacher hauszuhalten wussten, mochte sich kein Mensch "Fear X" im Kino ansehen und die erste Inkarnation von Winding Refns Produktionsgesellschaft "Jang Go Star" ging in die Pleite. Die mittlerweile auch schon neun Jahre alte Hinterlassenschaft dieses Films lässt sich vor allem anhand ihrer erstaunlichen Eigenwilligkeit und Konsequenz festmachen. Von "Valhalla Rising" und "Drive" steckt hierin jedenfalls schon eine Menge.

8/10

Nicolas Winding Refn Hubert Selby Jr. Wisconsin Montana Surrealismus


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THURSDAY (Skip Woods/USA 1998)


"Two fridges. Welcome to suburbia."

Thursday ~ USA 1998
Directed By: Skip Woods

Ein ohnehin nicht ganz gewöhnlicher Donnerstag wird für den mittlerweile in spießigen Vorstadtverhältnissen lebenden Ex-Gangster Casey (Thomas Jane) zu einer blutigen Tortur: Nachdem sein alter Kumpel Nick (Aaron Eckhart) sowohl ein Köfferchen voll Heroin als auch eine stattliche Geldsumme in Caseys Haus drapiert hat, tauchen diverse krimninelle Gestalten bei ihm auf, die wahlweise den Stoff oder die Kohle für sich beanspruchen, derweil Nick irgendwo in der Stadt unterwegs ist. Gut, dass zumindest Caseys nichtsahnende Frau Christine (Paula Marshall) einen Geschäftstermin hat, dumm derweil, dass sich just an diesem Tage ein furztrocknener Beamter (Michael Jeter), der Caseys Tauglichkeit in Bezug auf eine geplante Kindesadoption überprüfen will, bei ihm angekündigt hat.

Es gibt ganz bestimmt innovativere Filme als diesen Tarantino-Klon, der zweifelsohne auf dem Mist eines Menschen gewachsen ist, welcher emsigst alles an luftigen Gangsterfilmen von "True Romance" bis "Pulp Fiction" studiert haben dürfte. Nahezu sämtliche formale und inhaltliche Versatzstücke, aus denen "Thursday" besteht, lassen sich nämlich irgendwie in einem der bis dato verfilmten Tarantino-Scripts oder ihrer bereits entstandenen Ableger wiederfinden. Nur gut, dass dieser Casey eine hinreichend coole Sau (mit ätzender Frisur) ist, um der kompletten home invasion, die ihn an diesem Donnerstag heimsucht, den blanken Arsch zu zeigen. Am Ende gibt es eine Menge Leichen, ein paar davon fachgerecht zersägt und im Müll entsorgt, der Rest ein Fall für die korrupte Bullerei. Immerhin entpuppt sich der zuvor als so dreist eingeführte Nick als wahrer Engel mit schmutzigen Flügeln, denn die ganze üble Geschichte ist auf einen ausgeklügelten Plan seiner Wenigkeit zurückzuführen, der Casey und Christine ein von Aufrichtigkeit geprägtes Leben in Saus und Braus ermöglichen soll. Als Fait accompli ganz nett arrangiert, schließlich jedoch kaum mehr als eine nicht sonderlich gescheite, durchschnittliche Proletenphantasie mit einem immerhin schicken Ensemble.

5/10

Skip Woods Heroin Drogen Marihuana Vorort Taranteenie Schwarze Komödie


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LES DIABOLIQUES (Henri-Georges Clouzot/F 1955)


Zitat entfällt.

Les Diaboliques (Die Teuflischen) ~ F 1955
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Michel Delassalle (Paul Meurier), Direktor einer Privatschule vor Paris, ist ein veritables Ekel. Sein kleines Kollegium hat unter seiner herrischen Art zu leiden und seine labile und herzkranke Frau Christina (Véra Clouzot), mit deren Vermögen die Schule haushält, wird permanent von Delassalle kleingemacht und erniedrigt. Zusammen mit Delassalles Ex-Geliebter Nicole (Simone Signoret), ebenfalls als Lehrerin an der Schule tätig und unter seinen Boshaftigkeiten leidend, fasst Christina den Plan, Michel umzubringen. Die Umsetzung gelingt, doch seine im trüben Swimming-Pool drapierte Leiche verschwindet. Dafür sorgen scheinbar geisterhafte Erscheinungen dafür, dass Christina es mit der Angst zu tun bekommt. Ist ihr Mann am Ende gar nicht tot oder sucht sie nunmehr als Geist heim?

Ich habe "Les Diaboliques" bereits wiederholt geschaut, aber den bombastischen Lobeshymnen, die ihn zumeist begleiten, mag ich mich noch immer nicht ganz anschließen. Abgesehen vom meisterlichen letzten Drittel, in dem der knautschgesichtige Charles Vanel als Ermittlerfuchs eingeführt wird und einige wirklich brillante Einstellungen ganz unter Verzicht auf das althergebrachte dramaturgische Mittel klimakterischer Musik die Verunsicherung Véra Clouzots (und dazu parallel die des Zuschauers) in nahezu unermessliche Höhen führen, fehlt mir etwas der adäquate Zug. Clouzot nimmt sich für die Installation des Personals und der Szenerie deutlich mehr Zeit als erforderlich und zieht seinen Film damit zu Beginn unnötig in die Länge. Dieses kompositorisch nicht eben geschickte Faktum sorgt für eine gewisse Durchsichtigkeit zu Lasten eines erfahrenen Publikums: Während nahezu jede Szene minutiös ausgearbeitet ist, werden auf die Darstellung des eigentlichen "Mordes" an Michel Delassalle nur Einstellungssekunden und diverse Schnitte verwandt. Damit beraubt "Les Diaboliques" sich zumindest in formaler Hinsicht etwas seiner Pointe. Dem gegenüber stehen allerdings ein hübsch boshaftes, misanthropisch angehauchtes Gesellschaftsbild sowie die durchweg exzellenten Darsteller. Und natürlich handelt es sich um einen zumindest rein motivisch betrachtet erstklassigen Thriller, dem etwa die britische Hammer-Produktion im nächsten Jahrzehnt einen ganzen Zyklus narrativ ähnlich bis analog gelagerter Filme verdankt. Seine filmhistorische Bedeutung würde ich ihm nie in Absprache stellen. Dennoch glaube ich, dass etwas Gefeile hier und dort seitens der Regie ein noch ausgereifteres Werk hätte hervorbringen mögen.

8/10

Henri-Georges Clouzot Paris Internat Intrige Suspense Ehe


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LA CITTÀ SCONVOLTA: CACCIA SPIETATA AI RAPITORI (Fernando Di Leo/I 1975)


Zitat entfällt.

La Città Sconvolta: Caccia Spietata Ai Rapitori (Auge um Auge) ~ I 1975
Directed By: Fernando Di Leo

Als ein Gangstersyndikat Antonio (Francesco Impeciati), den jungen Sohnemann des reichen Bauunternehmers Filippini (James Mason) entführt, nehmen sie aus Gründen der Bequemlichkeit auch gleich noch Antonios Freund Fabrizio (Marco Liofredi) mit. Dessen Vater, der verwitwete KFZ-Mechaniker Mario Colella (Luc Merenda), könnte jedoch bestenfalls Almosen als Lösegeld berappen. Der korrupte Filippini erweist sich indes als höchst geizig und ziert sich, die verlangte Summe zu zahlen, bis die Entführer Fabrizio als Warnung hinrichten. Für Colella gibt es kein Halten mehr: Im Alleingang bringt er das gesamte Syndikat zur Strecke.

Profitorientiertes Kidnapping zählte im Italien der Siebziger zum kriminellen Tagesgeschäft, wie es auch Di Leos Film recht schön veranschaulicht. Die Polizei, selbst in Person ehrbarer Beamter wie des in den Fall involvierten Commissario Magrini (Vittorio Caprioli), resigniert angesichts der Ohnmacht, die sie tagtäglich erleben muss. Auf der anderen Seite gibt es die reichen Großbürger, die ihr Kapital selten mit feineren Methoden erwirtschaftet haben als es nunmehr die sie erpressenden Kidnapper tun. Eifersüchtig wie ein seinen Knochen bewachender Köter weigern sie sich, auf die Lösegeldforderungen einzugehen und schachern um die Leben ihrer Lieben. Was passiert, wenn da eine entschlossene Seele vom anderen Ende der Nahrungskette, nämlich ein ebenso grundsolider wie entschlossener Malocher, in eine solche Geschichte verwickelt wird und nichts tun kann als warten, zuschauen und schließlich verzweifeln, genau davon erzählt "La Città Sconvolta". Das dritte Filmakt widmet sich ganz dem ebenso unbarmherzig wie minutiös ausgeführten Racheplan Colellas, dessen Vergeltung keine Atempause kennt und der seinen großen Kehraus ebenso zielstrebig bis zum allerletzten Hintermann durchführt. Wie gut schließlich einer wie Di Leo solche Sachen in Szene setzen kann, das weiß man ja.

7/10

Fernando Di Leo Mailand Kidnapping Rache Selbstjustiz





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