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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE COMPANY MEN (John Wells/USA, UK 2010)


"My life ended and nobody noticed."

The Company Men ~ USA/UK 2010
Directed By: John Wells

Wähhrebd der Rezession verlieren diverse Mitarbeiter des Großkonzerns GTX ihre Jobs wegen personeller Einsparungen, darunter auch der selbstsichere Manager Bobby Walker (Ben Affleck). Abgeschoben in eine Bewerbungsagentur mit dämlichen Motivationsseminaren muss Bobby diverse Vorstellungsschlppen hinnehmen, bevor er realisiert, dass er seinen ehemaligen Lebensstandard nicht mehr halten kann. Er beginnt zähneknirschend, für seinen Schwager Jack (Kevin Costner) in dessen Baufirma zu arbeiten. Bobbys vormaliger Kollege Phil Woodward (Chris Cooper), ebenfalls von der Rationalisierungsmaßnahme betroffen, kommt weitaus weniger gut mit seiner Situation zurecht, derweil Gene McClary (Tommy Lee Jones), vormals rechte Hand des Unternehmenschefs Salinger (Craig T. Nelson) erkennt, dass ein Ende auch Chancen bietet.

Braves Kinostück zur globalen Rezession der mittleren 00er Jahre, der sich kritisch gibt, dabei jedoch eher wirkt wie ein von der Unternehmeswirtschaft höchtselbst gepushter Motivationsfilm für entlassene Männer ab 40. "The Company Men" schöpft Hoffnung, wo es eigentlich keine gibt, macht Mut, wo er fehl am Platze ist und verkauft sein realistisches Sujet als märchenhafte Erste-Hilfe-Maßnahme für frustrierte Ex-Angestellte zwischen der 150. und 151. Neubewerbung. Immerhin: Ein bisschen Schimpfen auf die Bonzen gibt's auch noch obendrauf; Craig T. Nelson, einst braver Familienvater in "Poltergeist" und fieser Bösewicht diverser Achtziger-Actionfilme, symbolisiert die ganze Perfidie der Superreichen. Nicht die Entlassungszahlen interessieren ihn primär, sondern die fachgerechte Architektur der luxuriösen neuen Chefetage, die selbst um den Preis von weiteren fünfzig Entlassungen erstehen soll. Glücklicherweise gibt es jedoch auch noch idealistische Großverdiener (hier: Tommy Lee Jones), die nie alt genug sind, um nicht nochmal neu anzufangen, sich Jugendträume zu erfüllen und ganz nebenbei zum gerechten Existenzgründer avancieren.
Dass Affleck als Malocher glücklich wird, nachdem er sich von seinem sechsstelligen Jahresgehalt verabschieden muss, ist dann ein wenig zuviel des Guten. Man präsentiere mir ein reales Pendant und ich bewahre Stillschweigen - das dürfte allerdings schwierig werden (das Präsentieren, nicht das Bewahren). Ansonsten pläsiert immerhin die gemächlich-unaufgeregte Inszenierung des Films, der aber wie gesagt stets handzahm bleibt und niemandem wehtun möchte.
Wer eine wahrhaft schneidige Arbeitswelt-Parabel sehen möchte, der sollte sich das Klinkenputzerdrama "Glengarry Glen Ross" anschauen, immer noch das Nonplusultra dieser Filmsparte.

6/10

John Wells Familie Freundschaft Ensemblefilm Boston Suizid


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WINTER'S BONE (Debra Granik/USA 2010)


"Is this gonna be our time?"

Winter's Bone ~ USA 2010
Directed By: Debra Granik

Die siebzehnjährige Ree (Jennifer Lawrence) hat es nicht leicht: Im winterlich-kalten Missouri-Hinterland muss sie sich als einziges halbwegs mündiges Familienmitglied um ihre schwer depressive Mutter (Valerie Richards) und ihre beiden kleinen Geschwister (Isaiah Stone, Ashley Thompson) kümmern, und das bei prekärem Haushaltsetat. Als Sheriff Baskin (Garret Dillahunt) der couragierten Ree eröffnet, dass ihr Vater Jessup, ein Drogenkoch, kautionsflüchtig ist, sich seiner anstehenden Gerichtserhandlung zu entziehen versucht, und das Grundstück der Familie auf dem Spiel steht, versucht Ree mit allen Mitteln, Jessup ausfindig zu machen. Sie stößt jedoch nur auf eine Mauer des Schweigens: Niemand will oder kann etwas über Jessups Verbleib sagen, am wenigsten der patriarchalisch auftretende Milton (Ronnie Hall), inoffizieller Chef der ganzen Gegend. Als Ree ihm zu nahe kommt, muss sie selbst um ihr Leben fürchten.

Eine Geschichte aus dem provinziellem Hinterhof von Prekariats-Amerika, dessen Topographie wirkt wie aus einer Parallelwelt stammend. Mit Missouri assoziiert man als Europäer ja normalerweise das typische Südstaatenflair mit sattem Grün und schwirrenden Mücken, nicht jedoch eine solche Endzeit-Atmosphäre, wie sie Debra Granik in ihrem zweiten Langfilm kredenzt. Bitterkalt ist es, ein deprimierendes Grau in Grau bestimmt die alltägliche Tristesse und die Menschen machen sich es durch nachbarschaftliche und/oder familiäre Beziehungen etwas behaglicher. Bestimmte Dinge werden grundsätzlich tabuisiert oder bleiben einfach unausgesprochen, das gehört zur lokalen Tradition. Als Ree zu stochern beginnt, um sich und ihrer Familie die drohende Obdachlosigkeit zu ersparen, empfinden die Alten der Gegend das als eine inoffizielle Kampfansage an den Filz ihrer stoischen Verschwiegenheit und stellen sich noch sturer dar als ohnehin schon. Durch ihre nicht nachlassende Schnüffelei provoziert Ree schließlich sogar gewalttätige Aggressionen, vor denen sie letzten Endes nur ihr selbst höchst fadenscheinig auftretender Onkel Teardrop (John Hawkes) bewahren kann.
Für ihre kleine Geschichte eines jugendlichen Sturms in hillbilly country, den die Regisseurin offenbar auch als eine Art Chance verstanden wissen will, wählt Debra Granik eine verfänglich schöne Bildsprache. Unabhängig von dem überall herumliegenden Schrott und Müll, der Schäbigkeit der gottverlassenen Gegend und der latenten Feindesligkeit der inzestuös verbandelten Menschen scheint es, als habe sich Granik ähnlich wie ihre Protagonistin in diese Landschaft, das innere Amerika, verliebt. So ist "Winter's Bone" weniger seine vorgebliche Coming-Of-Age-Story denn in erster Linie intimes Porträt und klärende Bestandsaufnahme für all jene, die mit den USA nur noch irgendwelche Sitcom-Realitäten assoziieren.

8/10

Debra Granik Familie Missouri Südstaaten Drogen


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THE WOMAN (Lucky McKee/USA 2011)


"So what are you gonna do?"

The Woman ~ USA 2011
Directed By: Lucky McKee

Der erfolgreiche Anwalt und Familienvater Chris Cleek (Sean Bridgers) entdeckt beim Jagen im Wald eine verwahrlost lebende Frau (Polyanna McIntosh). Wie ein Tier fängt er sie ein und kettet sie in seinem Kellerverschlag an. Seiner Familie, Gattin Belle (Angela Bettis), der ältesten Tochter Peggy (Lauren Ashley Carter), Sohn Brian (Zach Rand) und der jüngsten, Darlin (Shyla Molhusen) erklärt Chris feierlich und wie selbstverständlich, er habe sich vorgenommen, die Frau zu domestizieren, sie also im Zuge eines Pseudoexperiments nach und nach der Zivilisation anzupassen, als sei er praktizierender Behaviorist. Tatsächlich wird immer mehr offensichtlich, dass Cleek die Frau nur festhält, um seine sexuellen Gelüste an ihr abarbeiten zu können und dass sich hinter der Fassade der braven Spießerfamilie schon seit Langem ein perverser Albtraum etabliert hat.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich bis zur Postlektüre nach dem mich unvorbereiteterweise komplett plattwalzenden "The Woman" noch nie etwas bewusst von Jack Ketchum gehört habe, offenbar jawohl eine unerlässliche Hausnummer innerhalb der modernen Horrorliteratur. Auch wusste ich demzufolge natürlich nicht, dass die Romanvorlage bereits der dritte Teil einer Trilogie ist und der zweite (den ich mir schleunigst nachbestellt habe) bereits verfilmt wurde.
McKees gewaltiger Film, ganz ohne Frage ein Meilenstein des augenzwinkernden transgressiven Kinos, erklärt jedenfalls der postmodernen Misogynie den rücksichtslosen, offenen Krieg und sollte eigentlich zum therapeutischen Pflichtprogramm für jeden (potenziellen) Frauenfeind und Kinderschänder ernannt werden. Chris Cleek, Zerrspiegelbild des gelackten Bourgeois und Familienvaters, hinter dessen glattgebügelter, wohlfrisierter Stirn sich die schlimmsten Testosteronphantasien breitmachen, ist das zugleich bedauerns- und hassenswerteste Individuum, das ich seit langem im Film ausmachen konnte. "The Woman" schürt die sich gegen ihn richtende Verachtung auf eine so effektive Weise, dass sein lyrischer Tod am Ende noch viel zu gut erscheint: Diesem "Menschen" wünscht man Höllenqualen bis in alle Ewigkeit. Nach einem solchen Pygmalion der Paraphilie, dieser bitterbösen Diametralkarikatur des vom Regisseur selbst gespielten Mediziners Itard aus Truffauts "L'Enfant Sauvage", hat man das Gefühl, den Akteur Sean Bridgers aber auch wirklich nie mehr in irgendeinem Film, geschweige denn im realen Leben sehen zu wollen. Auch eine Leistung.
Angesichts der Erfahrungen innerhalb meines Berufsstandes bin ich als Laienfuturologe ja schon seit längerem der latenten Erwartung, dass uns mittelfristig eine Amazonengesellschaft bevorstünde. Im Hinblick auf die von "The Woman" beschworene, katalytische Kraft urtümlicher Weiblichkeit fühle ich mich darin nurmehr bestätigt.
Wollte nach "The Woman" ursprünglich noch einen weiteren Film schauen. Ging nicht. War zu kaputt.

9/10

Satire Lucky McKee torture porn Hommage Kannibalismus Jack Ketchum Terrorfilm Feminismus Splatter Parabel Transgression Sexueller Missbrauch


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MR. NICE (Bernard Rose/UK, E 2010)


"Any plainclothes policemen in here?"

Mr. Nice ~ UK/E 2010
Directed By: Bernard Rose

Nach einem Stipendium und erfolgreichem Studienabschluss in Oxford produziert sich der bereits seit längerem mit Marihuana liebäugelnde Howard Marks (Rhys Ifans) als Shitdealer, der bald einen gigantischen Markt mit global operierendem Netzwerk mitkontrolliert. Dabei unterstützt ihn unter anderem der soziopathische IRA-Terrorist Jim McCann (David Thewlis). Zudem genießt Marks einen besonderen Immunitätsstatus: Jedesmal, wenn er wegen seiner Dealerei mit dem Gesetz in Konflikt gerät, beruft er sich auf seine - tatsächlich existenten - Verbindungen zum britischen Geheimdienst. Irgendwann helfen ihm jedoch auch diese nicht mehr und Marks, der sich mittlerweile "Nice" nennt, wandert für mehrere Jahre in den Bau.

Eine jener typischen Filmbiographien schillernder, in den Sechzigern/Siebzigern/Achtzigern wirkender Outlaw-Gestalten, wie man sie bereits häufiger zu sehen bekam: Man erinnere sich an Ted Demmes mäßigen "Blow", Richets "Mesrine"-Filme, Refns meisterlichen "Bronson" oder jüngst Assayas' "Carlos". "Mr. Nice" von Bernard Rose (den ich seit seinem tollen "Candyman" gar nicht mehr auf dem Schirm hatte) fügt sich nahtlos in diese zwischen Zeitverklärung und vorgeblichem Kritizismus befindliche Filmphalanx. Dabei erscheint mir Roses Werk, wenngleich er einen durchaus schillernden Charakter porträtiert, weniger von inhaltlichem denn von formalästhetischem Wert. Rose, der "Mr. Nice" höchstselbst photographiert hat, verleiht selbigem durch nachträgliche Materialbearbeitung im Studio ein rundum authentisches Flair als Zeitdokument: Die Bilder wirken grobkörnig und wie leicht vergilbt von der Patina der Jahre, was der Atmosphäre des Films sehr zuträglich ist. Ansonsten schleppt er sich über diverse Strecken dahin, etwa, wenn uns einmal mehr versichert ist, was für ein verdammt netter Kerl Marks doch ist, wie er seine Familie und ganz besonders seine Kinder liebt etc.pp. Die besten Szenen gehören David Thewlis, der als wirrköpfiger, erznationalistischer und paraphiler Terrorist, für den Pornofilme, Dope und Geld in Wahrheit sehr viel wichtiger sind als aller Patriotismus, eine wahrliche grandiose Performance liefert.

7/10

Marihuana IRA period piece Drogen Biopic Familie Bernard Rose Gefängnis


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DEAD POETS SOCIETY (Peter Weir/USA 1989)


"I sound my barbaric YAWP over thec rooftops of the world!"

Dead Poets Society (Der Club der toten Dichter) ~ USA 1989
Directed By: Peter Weir

Wilmington, Vermont 1959: Die hochrenommierte Welton Academy, die als sicheres Sprungbrett für Elite-Studenten gilt, erhält kollegialen Zuwachs durch den Englischlehrer John Keating (Robin Williams) sowie einen neuen Obersekunda-Schüler in Person des schüchternen Todd Anderson (Ethan Hawke). Beide haben schon bald ihre Sympathisanten beieinander: Keating, weil seine unkonventionelle Art, die Jungen zu unterrichten und zu Freigeistern zu erziehen, sich vornehmlich hoher Beliebtheit erfreut und Todd, weil seine poetische Ader von Keating gefördert und von seinen Kameraden anerkannt wird. Sieben der Jungen finden sich bald zum "Club der toten Dichter" zusammen, bei dressen Treffen Gedichte von Whitman und Byron rezitiert oder einfach nur centerfolds bewundert werden. Zur Katastrophe kommt es, als einer der Schüler, Neil Perry (Robert Sean Leonard), sich gegen seinen überautoritären Vater (Kurtwood Smith) stellt und unerlaubterweise in einem Shakespeare-Stück auftritt.

Und es gibt ihn doch, den "pädagogisch wertvollen Film", hier in Gestalt von Weirs wohl gleichermaßen meistgeliebtem und meistgehasstem Film, aus jeweils identischen Gründen. Nach "Good Morning Vietnam" wurde Robin Williams hier endgültig auf den Part des ewigen Gutmenschen und Seelentrösters festgenagelt; auf den Hobbytherapeuten und Philanthropen, der gern zu absurdem Humor und Kindlichkeit neigt. Die Meisten haben ihn irgendwann - vermutlich ganz zu Recht - nicht mehr in dieser ganz speziellen Inkarnation ertragen können und doch sind die Rolle des John Keating und auch Williams' diesbezügliches Spiel unleugbar unvergesslich. Als Lehrer kann man sich wohl kaum ein größeres Vorbild bzw. Ideal wünschen als einen, der pädagogischer Repression, elitärem Denken und dem stocksteifen Standesdünkel der Klassengesellschaft begegnet, indem er seine Eleven erstmal die Seiten zur Lyriktheorie und -bewertung aus den Unterrichtswerken herausreißen lässt. Verdammt, das ist Wahrheit, nichts weniger. Man kann dem Film auch vorwerfen, seinen Humanismus auf eine massenkompatible, verständige Art zu verkaufen - aber muss man das denn? Sollten Botschaften wie diese, solche, die zum Denken und Debattieren anregen, denn einem bildungsbürgerlichen Zirkel vorbehalten sein? Hätte Weir seinen Film so inszeniert, wäre er vermutlich keinen Deut besser zu nennen denn der gusseiserne, prügelnde headmaster Mr. Nolan (Norman Lloyd), dem 'Tradition' und 'Disziplin' über alles gehen, selbst über Freigeistigkeit und Ratio.
Nein, dies ist und bleibt so wertvolles wie edel gesonnenes Kino, das hoffentlich noch über viele Generationen fortlebt und von denen geschaut und internalisiert wird.

9/10

Freundschaft period piece Schule Internat Peter Weir Coming of Age Vermont Herbst Theater Literatur


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OLIVER TWIST (David Lean/UK 1948)


"Where is this audacious young savage?"

Oliver Twist ~ UK 1948
Directed By: David Lean

Die frühen, turbulenten Lebensjahre des Waisenknaben Oliver Twist (John Howard Davies), geboren von einer im Kindbett verstorbenen, gehetzten jungen Mutter, aufgewachsen unter existenzverspottenden Umständen in einem düsteren Waisenstift, als billige Arbeitskraft missbraucht von einem Sargmacher (Gibb McLaughlin), schließlich nach London geflüchtet, dort unter die Fittiche des raffgierigen Gauners und Seelenverkäufers Fagin (Alec Guinness) genommen um nach einigen Verwicklungen, die ihn mehrfach bald das Leben kosten, endlich in die Obhut seines lieben Großvaters (Henry Stephenson) zu gelangen.

Leans zweite Dickens-Verfilmung ist noch formvollendeter als die erste und wäre nicht jener spezielle mystische Touch, der "Great Expectations" so auszeichnet und der ganz besonders dessen Kinoqualitäten untermauert, dieser mehr als ebenbürtig. So bleibt das mitreißende, bildgewaltige Epos einer Kindheit, deren schicksalhafte Wendungen in einer Zeit, die Kinder erwiesenermaßen hasste, das eine ums andere Mal zu tiefster Betrübnis anhalten, ganz so, wie es bereits Dickens' epochale Geschichte vollbringt. Bekanntermaßen ist diese ein Meilenstein humanistischer LIteratur und David Lean, lebenslanger Kompositeur schmuckster Leinwand-Grandezza, rettet sie nahezu verlustfrei in sein Medium hinüber. Von der denkwürdigen, berühmten Guinness-Darstellung des Fagin bis hin zu Bill Sikes' (Robert Newton) unglückseliger Promenadentöle durchleidet man samt und sonders sämtliche Figurenschicksale, etwas, das lediglich ganz große Tragödieninszenierer wie eben dieser Brite so gewinnend zum Leben zu erwecken vermögen.
Ein Hochgenuss, selbst für härteste Kerle nur in Verbindung mit inflationärem Herzschmerz zu verdauen!

10/10

David Lean Charles Dickens London period piece


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TRAFFIC (Steven Soderbergh/USA, D 2000)


"They talk like they're conspiring to conspire."

Traffic ~ USA/D 2000
Directed By: Steven Soderbergh

An allen möglichen nordamerikanischen Fronten tobt der Krieg gegen und für Kokain und Crack aus Mexiko: Ein ehrgeiziger Politiker (Michael Douglas) wird mit den Schrecken der Sucht in Person seiner eigenen, kinderjährigen Tochter (Erika Christensen) konfrontiert, ein Polizist (Benicio Del Toro) aus Tijuana wandelt beständig auf dem schmalen Grat zwischen Angst und Gewissen, zwei US-Cops (Don Cheadle, Luis Guzmán) beschützen einen wichtigen Kronzeugen (Miguel Ferrer), der gegen einen der wichtigsten Koks-Importeure (Steven Bauer) Kaliforniens aussagen soll, dessen Gattin (Catherine Zeta-Jones) sich angesichts der Enthüllungen um ihren Mann und existenzieller Bedrohungen vom biederen Hausmütterchen zur knallharten Gangsterbraut entwickelt, ein mexikanischer General (Tomas Milian) plant, selbst in das wohlkorporierte Geschäft mit harten Drogen einzusteigen.

In Soderberghs Ensemblefilm kreuzen sich irgendwann mal die Wege fast aller Beteiligten; ohne, dass sie jeweils gerade ahnen, wer ihnen entgegenkommt, sind das jeweils schicksalhafte Begegnungen. Überstilisierung hat man dem Regisseur vorgeworfen, der hier mit grobkörnigen Filtern und tiefen Primärfarben arbeitet, mit DV-Kamera und Jump Cuts herumhantiert, als gelte es, die Nouvelle Vague auf amerikanischem Grund verspätet lobzupreisen. Dabei soll doch bloß Realismus Trumpf sein, die wesentliche Sinnlosigkeit des ewigen Kriegs gegen die Schwemme harter Opiate aufgezeigt werden, die man, so das nüchterne Fazit des Films, mit rechtsstaatlichen Mitteln niemals gänzlich in den Griff bekommen wird. Dabei geht es Soderbergh weniger um gezielte Milieueinblicke, nein, eine großangelegte, sämtliche Facetten und Charaktere abdeckende Bestandsaufnahme hatte er im Sinn, mit scheinbar unwillkürlich und rein zufällig beteiligtem Personal, das jeweils reale Pendants sein Eigen nennen darf. So kommt es schließlich, dass die abgefuckte Cracknutte hier ausnahmsweise mal nicht der Ethnie XY entstammt, sondern just des vom Senat obersten Drogenbeauftragten Töchterlein ist. Realismus? Vielleicht doch nicht so ganz...
Aber dann gibt es da ja noch die umso lohnenswertere zwingend-tolle Episode um Milian als ultrabösem Sith Lord des globalen Drogenimperiums und Benicio Del Toro als dessen tapferem Widersacher, so wie eigentlich das gesamte, atemberaubende, mit mindesten sechzehn großen Namen auftrumpfende Ensemble einfach nur bombastisches Spiel präsentiert. "Qualitätskino", sicher, aber welches von der Sorte, das sich gefallen zu lassen nicht weh tut.

8/10

Steven Soderbergh Drogen Kalifornien Mexiko Politik Crack Kokain Ensemblefilm


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SOULBOY (Shimmy Marcus/UK 2010)


"Be where you belong to."

SoulBoy ~ UK 2010
Direced By: Shimmy Marcus

Stoke-on-Trent in den frühen Siebzigern: Der Arbeitersohn Joe McCain (Martin Compston) entdeckt über die hübsche Frisörin Jane (Nichola Burley) sein Herz für die um sich greifende Soulszene in Nordengland. Allwochenendlich geht es ins Wigan Casino, wo der Zamapano und Angeber Alan (Craig Parkinson), dummerweise zugleich Janes Freund, große Allnighter veranstaltet, in denen die Jugendlichen ihre Liebe zur schwarzen Musik mit exponiertem Tanz ausdrücken können. In all seiner Bewunderung für Jane übersieht Joe allerdings, dass das wahre Glück viel näher wartet...

Vorweg: Es gibt nur einen einzigen Grund, sich "SoulBoy" anzusehen: Die Liebe zu Northern Soul nämlich, das Verständnis und die Empathie für eine der enthusiastischsten und beständigsten Subkulturen der modernen Popmusik. Irgendwann im Zuge der Dekadenwende 1960/70 überlief das Fandom für amerikanische Soulmusik die Modszene und breitete sich auf die proletarische Jugend Nordenglands aus. Findige Sammler und Händler reisten regelmäßig in die großen Soulmusik-Zentren der USA und erwarben dort kistenweise von in kleiner Stückzahl gepressten 7"-Singles, die fernab und unabhängig von der Plattenindustrie und den großen Labels wie Motown, Stax oder Atlantic entstanden waren. Jene Vinylscheibchen sind, wahrscheinlich heute mehr denn je, begehrte Sammlerobjekte. Die Northern-(oder Rare-)Soul-Szene ist darüberhinaus eine der wenigen Musikbasen, in denen veritable Hits strenggenommen nichts verloren haben. Vielmehr kommt es für die DJs darauf an, den Fans immer neue, bislang ungehobene Schätzchen unter die Nasen bzw. Füße zu halten - tanzbar ist sowieso prinzipiell alles, was aus dem großen Schmelztiegel des Soul kommt.
Diese Szene porträtiert "SoulBoy" mit viel Liebe zum Detail und dem gewaltigen Bonus, der erste Spielfilm zum Thema zu sein. Ansonsten bewegt sich Marcus' Film auf dem Subniveau eines mäßigen Achtziger-Coming-Of-Age-Dramas, erzählt eine völlig ausgelutschte Story, und das auch noch vergleichsweise desinteressiert, jedenfalls im Verhältnis zu der spürbar energetischeren Motivation, Northern Soul zu präsentieren. Die Tatsache, dass "SoulBoy" vielleicht ein wenig zum Überleben dieser Subkultur beitragen kann, macht ihn außerdem per se ansehnlich. Jeder, der einen guten Film zu sehen wünscht, sollte allerdings besser auf Distanz bleiben...

6/10

England Shimmy Marcus Clubszene Subkultur Northern Soul Musik Tanz Coming of Age Teenager


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PERRAK (Alfred Vohrer/BRD 1970)


"Und das ist dann wohl der Beichtstuhl?"

Perrak ~ BRD 1970
Directed By: Alfred Vohrer

Kommissar Perrak (Horst Tappert) von der Hamburger Polizei muss den Mord an einem jungen Transvestiten (Art Brauss) aufklären. Als sich erweist, dass das Opfer sich nebenbei als Erpresser betätigt hat, vergrößert sich schlagartig der Verdächtigenkreis: Steckt womöglich der russische Diplomat Oblomov hinter der Gewalttat? Der brutale Gangster Kaminsky (Herbert Suschka)? Der undurchsichtige Manager Bottke (Werner Peters)? Oder gar der reiche Geschäftsmann Imhoff (Hans Schellbach)? Der unbestechliche Perrak lässt sich nicht beirren, selbst dann nicht, als sein Sohn (Georg M. Fischer) entführt wird, um ihn aufzuhalten...

Vier Jahre vor "Derrick" war erstmal "Perrak", und dass es mir da keine Verwechslungen gibt. Alfred Vohrer wagte sozusagen eine 'home invasion' in die maßgeschneiderten Arbeitsviertel von Jürgen Roland und Rolf Olsen und lieferte mit "Perrak" einen schön sleazigen Kiezfilm ab, der dem Rest Deutschlands mit staunend offenstehendem Mund vorführte, welche sexuellen Abartigkeiten im Rotlichtmilieu der Hansestadt auf dem Tagesplan stehen. Einen "pulvertrockenen Sittenreißer" versprach das Kinoplakat. Die Ex-Hure "Trompeten-Emma" (Judy Winter), mittlerweile zur Puffmutter aufgestiegen, ermöglicht in ihrem (Blankenesener?) "Heim der betenden Schwestern" allerlei Perversionen hinter gediegener Fassade: Von Rollenspielen über S/M bis hin zur Pädophilie gibt es hier einfach alles. Und dann die Drag Queens, die allenthalben ihre illustren Auftritte haben (Zitat eines Show-Besuchers: "Kaum zu glauben, dass das in Wirklichkeit ein Mann ist!"). Als "Perrak" dann die südprovinziellen Bahnhofskinos enterte, gab es somit für den ortsansässigen Bauern Dimpflmoser noch gehörig was zu lernen! Zwar hätte man sich auch über Curd Jürgens als "Perrak" gefreut, aber wer weiß, vielleicht wäre dem deutschen TV-Publikum dann eine künftige Legende erspart, äh, verwehrt geblieben. "Bimbo, hol' schonmal den Wagen!"

7/10

Kiez Alfred Vohrer Sleaze Hamburg


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KNOCK ON ANY DOOR (Nicholas Ray/USA 1949)


"Live fast, die young, leave a good-looking corpse."

Knock On Any Door (Vor verschlossenen Türen) ~ USA 1949
Directed By: Nicholas Ray

Der aus einem Elendsviertel stammende Anwalt Andrew Morton kennt ihn schon lange, den jungen Delinquenten Nick Romano (John Derek), der immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Diesmal ist es jedoch ernst: Nick soll einen Polizisten erschossen haben; im Falle einer Verurteilung wartet die Todesstrafe auf ihn. Nick selbst beteuert derweil seine Unschuld. Ein weiteres Mal lässt sich Morton dazu hinreißen, einen von Nicks Fällen zu übernehmen, zumal er sich für den schiefen Werdegang des Jungen mitverantwortlich fühlt, seit dessen Vater wegen einer liderlichen Verteidigung durch einen von Mortons Kompagnons im Gefängnis sterben musste.

In seinem zweiten Film verfolgt Nicholas Ray die hohe Schule des Sozialdramas und versetzt seinem Publikum die gesellschaftskritische Injektion sozusagen intrakardial. Und sie funktioniert vortrefflich, diese Art der Milieuschilderung, in der einmal mehr Bogey als tapferer Anwalt (diesmal als Verteidiger) und unbestechliches Gewissen der Bevölkerung auftritt. Sein Schlussmonolog, einer der Väter aller filmgerichtlichen Schlussmonologe bzw. -plädoyers, ist in Inhalt und Darbietung von schneidender, bitterer Eloquenz, zumal sich ihm vorher praktisch das Blatt in der Hand gedreht hat. Am Ende muss alles mit anderen Augen gesehen werden, der unsympathische Staatsanwalt, der Fall, ja, das Leben selbst. Und auch Andrew Morton, der selbst das beste Beispiel dafür symbolisiert, dass am Ende jeder eine Wahl hat.

9/10

Biopic Courtroom Slum Los Angeles Nicholas Ray film noir





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Funxton

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