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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE SEVENTH CROSS (Fred Zinnemann/USA 1944)


"You cannot kill every single ant."

The Seventh Cross (Das siebte Kreuz) ~ USA 1944
Directed By: Fred Zinnemann

Das KZ Westhofen, 1936: Sieben Häftlinge fliehen aus dem Lager und schon nachdem der erste von ihnen, der Widerstandskämpfer Ernst Wallau (Ray Collins), gefasst und zu Tode geschunden wurde, lässt der Kommandant Fahrenburg (George Zucco) zur Abschreckung sieben Kreuze errichten, an denen die Flüchtlinge nach und nach aufgehängt werden. Allein Wallaus Freund Georg Heisler (Spencer Tracy) gelingt mithilfe enormer Willenskraft, einer gehörigen Portion Glück und der Unterstützung mutiger Systemgegner die Flucht. Das siebte Kreuz wird leer bleiben.

Seghers' berühmter Roman ist ein Lehrstück über Zivilcourage in Krisenzeiten und darüber, auch im tiefsten Dunkel nie die Hoffnung und den Glauben an Vernunft und Menschlichkeit aufzugeben. Dass selbst im finstersten Loch - und ein solches bildete das Dritte Reich bekanntermaßen bereits 1936 - noch irgendwo das Licht eines wegweisenden Kerzleins brennt, versichern Film und Buch ihrer Rezipientenschaft. Zinnemann inszeniert mit aller gebotenen Zurückhaltung und verzichtet auf die üblichen Marotten des Hollywood-Propagandakinos jener Tage. Zwar mögen Karl Freunds von Schatten überlagerte Bilder auch nicht ganz ohne eine gewisse Stilisierung auskomen, aber dies sei dem Film angesichts seines gleichermaßen erschütternden wie nachhaltigen Wesens gestattet. Einige aus NS-Deutschland geflohene Kunstschaffende wirkten an Zinnemanns Film mit, darunter Brechts Gattin Helene Weigel (in ihrer einzigen Filmrolle - ausgerechnet als stumme Denunziantin). Allein deren Beteiligung an diesem ehrgeizigen und zutiefst humanistischen Film sollte für sich sprechen.

10/10

Fred Zinnemann Anna Seghers Nationalsozialismus Karl Freund Mainz Widerstand


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ONKEL TOMS HÜTTE (Géza von Radványi/BRD, I, F, YU 1965)


"Alle... frei!"

Onkel Toms Hütte ~ BRD/I/F/YU 1965
Directed By: Géza von Radványi

Der bösartige Sklavenhändler Simon Legree (Herbert Lom) zwingt den verschuldeten Grundbesitzer Shelby (Charles Fawcett) per Knebelvbertrag, ihm zehn seiner Negersklaven zu überlassen, darunter den weisen und besonnenen Onkel Tom (John Kitzmiller), der für die übrigen Farbigen eine besondere Mentorenstellung innehat. Auf der Fahrt Richtung Süden lernt die kleine Eva (Michaela May), todkranke Tochter des reichen Plantageninhabers Saint-Claire (O.W. Fischer) Onkel Tom kennen. Auf Anhieb verbindet die beiden eine tiefe Freundschaft und Eva überredet ihren Vater, einen liberalen Philanthropen, Legree Onkel Tom abzukaufen. Wenngleich noch immer Sklave, lebt Tom eine zeitlang unter halbwegs menschenwürdigen Umständen bei den Saint-Claires. Als Eva dann Zeuge der außerehelichen Liaison ihres Vaters wird, stirbt sie einen verzweifelten Kummertod. Ihr letzter Wunsch besteht darin, dass sämtlichen Sklaven des Anwesens die Freiheit gechenkt werden soll. Noch bevor Saint-Claire dies realisieren kann, wird er von Legree heimtückisch ermordet. Onkel Tom fällt wieder an seinen vorletzten Besitzer zurück und erlebt eine letzte Zeit der Unterdrückung, bevor er noch einen Aufstand anzetteln kann.

Filmische Stoffe, die während der nord- und lateinamerikanischen Sklavenhaltungsära angesiedelt sind, fallen traditionell in den Exploitation-Bereich. Auf fast all die großen und kleinen Klassiker dieses Subgenres trifft das zu, von Pontecorvos "Queimada" ünd Meyers "Black Snake", über Fleischers "Mandingo" und die TV-Miniserien "Roots" und "North And South" bis hin zu den "Dragonard"-Filmen und Herzogs "Cobra Verde". Vermutlich lässt sich ein derart komplexer Topos kaum anders fassen, als mit den gewohnt "plastischen" Illustrationen, die um Repression, Peitsche und Paraphilie kreisen; und tatsächlich müsste wohl jedes Zeitporträt, das eine moderate Herangehensweise wählte, sich nicht von ungefähr dem Vorwurf der Verharmlosung stellen.
"Onkel Toms Hütte" nach dem berühmten, zeitgenössischen Roman von Harriet Beecher Stowe (dessen Erscheinen im Nachhinein vielerorts als eine der mentalen Initiallösungen für das Abolitionistentum und den Sezessionskrieg gewähnt wird), wählt, seiner Vorlage, seiner Entstehungszeit und dem angepeilten Publikum geschuldet, einen ebenso naiven wie didaktischen Ansatz zur Porträtierung jener unrühmlichen Geschichtsepisode. Formal und dramaturgisch bewegt sich Géza von Radványis Film nebst Alligatoren-Attacke und zünftig-auflockernder Kneipenschlägerei sehr dicht an den Karl-May-Adaptionen der Rialto und der CCC, nur, dass die edlen Indianer hier durch edle Sklaven ersetzt wurden. Peter Thomas' wilde Musik erinnert nicht von ungefähr an die aus denselben Produktionshäusern stammenden Wallace-Verfilmungen. Ansonsten ist das Werk unverkennbar deutsch und von schon für damalige Verhältnisse heftigen Klischees durchzogen, an denen letzthin nochmals der Zahn genagt hat. Die Schwarzen sprechen mit englischem Akzent, während die Weißen in klarstem Hochdeutsch (im Falle Fischers mit österreichischem Akzent) parlieren. Onkel Tom und die kleine Eva werden zu Metafiguren stilisiert, deren zuckersüße und unschuldige Lebensader fast zu viel des Guten ist, um es guten Gewissens ertragen zu können.
Nähert man sich "Onkel Toms Hütte" jedoch aus einer vornehmlich kulturhistorisch gewichteten Perspektive, enthält er wiederum auch viel Lohnenswertes; den wie immer gnadenlos guten Herbert Lom etwa (der sich, wie immer, wenn er in deutschen Co-Produktionen den Superbösewicht zu geben hatte, selbst synchronisierte), die prächtigen Schauplätze und sonstigen production values sowie ein erfreulich professionelles Verständnis vom Filmemachen. Schließlich dürfte es manch einem schwer fallen, sich nicht von der herzzereißenden Kitschkanonade, die der Film aufbietet, vereinnahmen zu lassen. Ich jedenfalls meine, es gibt weitaus üblere Dinge um sich dafür entschuldigen zu müssen.

6/10

Géza von Radványi Harriet Beecher Stowe Sklaverei Südstaaten Widerstand period piece


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THE LOST (Chris Sivertson/USA 2006)


"I'm losin' patience here."

The Lost ~ USA 2006
Directed By: Chris Sivertson

Der geisteskranke Ray Pye (Marc Senter) attackiert im Beisein seiner Freunde Jennifer (Shay Astar) und Tim (Alex Frost) mit einer Schusswaffe völlig ungeplant zwei campende Mädchen im Wald, ermordet eines davon und verletzt das andere so schwer, dass es nach vierjährigem Koma ebenfalls stirbt. Für den seinerzeit ermittelnden Beamten Schilling (Michael Bowen) liegt der Fall nach wie vor sonnenklar - nur, dass Ray damals nicht verhaftet werden konnte, weil die Belastungszeugen fehlten. Noch immer versucht Schilling nun, Ray dingfest zu machen, bevor er ein weiteres Verbrechen begehen kann, doch dieser verhält sich für seine Verhältnisse ruhig. Bis zu dem Tag, als sowohl seine Liebschaft Katherine (Robin Sidney) als auch seine Freundin Jennifer ihm unabhängig voneinander den Laufpass geben. Ein furchtbarer Amoklauf ist die Folge.

"The Lost" war 2006 die erste Adaption eines Jack-Ketchum-Romans und beschließt nun ironischerweise meine mit dem explosiven "The Woman" begonnene Retrospektive von Ketchum-Aufbereitungen. Wie die anderen vier Filme möchte ich auch diesen als praktisch nahtlose atmosphärische Transponierung des kaputten Amerikabilds Ketchums in die Zelluloidwelt bezeichnen; einen so unbequemen wie mutigen Ausflug in einen pathologischen Geist, begleitet von nicht minder extravaganten Nebenerscheinungen im mittelbaren sozialen Umfeld des Protagonisten. In dieser oberflächlich beschaulichen Kleinstadt mit ihren Motels und Drive-Ins ist so manches faul, da ist der wahnsinnige Ray Pye nur die Spitze des Eisbergs; ja, vielleicht sogar ein längst überfälliger Katalysator, als er am Ende sein letztes festes Schräublein einbüßt und alles niedermacht, was sich ihm in den stark bekoksten Weg stellt. Eine überaus innovative filmische Narration, ein furioser Hauptdarsteller, die toll ausbalancierte Song-Kompilation und veredelnde Auftritte der Genre-Legenden Dee Wallace und Ed Lauter machen schließlich "The Lost" zu einer durchweg sehenswerten Ketchum-Adaption.
Get Lost! (man verzeihe mir diese zugegebenermaßen dämliche, aber zwanghafte Paraphrase)

8/10

Chris Sivertson Jack Ketchum Massenmord Amok Madness Lucky McKee Independent


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NIGHT AND THE CITY (Jules Dassin/UK 1950)


"Harry is an artist without an art."

Night And The City (Die Ratte von Soho) ~ UK 1950
Directed By: Jules Dassin

Der Kleingauner, Nepper und Schlepper Harry Fabian (Richard Widmark) ist ein schmales Licht in der Londoner Unterwelt. Ständig verschuldet, von den meisten belächelt, nur von seiner gutmütigen Freundin Mary (Gene Tierney) heiß geliebt, befindet er sich meist auf der Flucht vor irgendwelchen brutalen Gläubigern. Als er bei einem Freistil-Veranstaltung zufällig der früheren Ringerlegende Gregorius (Stanislaus Zbyszko) und dessen Mündel Nikolas (Ken Richmond) begegnet, hat Harry mal wieder eine zündende Idee, die ihn leben lassen wird "wie Gott in Frankreich": Er plustert sich zum Konkurrenten des in seinen Kreisen gefürchteten Ringkampf-Veranstalters Kristo (Herbert Lom) auf, zugleich Gregorius' Sohn. Den naiven Alten und seinen Schüler ködert Harry mit dem Versprechen, ausschließlich Kämpfe im klassischen griechich-römischen Stil zu präsentieren. Schon bald jedoch bricht er die Abmachung und engagiert den brutalen Freistilkämpfer "Henker" (Mike Mazurki), der in Harrys Trainingskeller eine Katastrophe herbeiführt. Harrys Ende ist nunmehr beschlossene Sache, denn der rachedurstige Kristo setzt ein Kopfgeld auf ihn aus...

Großes Meisterwerk aus der originären Ära des Film Noir, wenngleich ausnahmsweise nicht in Kalifornien entstanden, sondern in London und damit zugleich eine Bereicherung für den klassischen britischen Gangsterfilm. Dassin entwirft ein ebenso lyrisches wie mitreißendes Porträt der Londoner Halbwelt zwischen Schmutz und Neonreklamen, zeigt die Diskrepanz zwischen Lebensrealität und großen Hoffnungen; den ewigen Drang danach, auszubrechen und irgendwo eine bessere Existenz zu beginnen, wenngleich die so gern verleugneten Wurzeln und letzten Endes auch die Determinante des Schicksals nur hier und nirgendwo anders liegen. Richard Widmark, der besonders in jungen Jahren ein ausgesprochen unsympathisches Gesicht aufsetzen konnte und daher in seinen ersten Filmen zumeist wahlweise als diabolischer Bösewicht ("Kiss Of Death") oder als Westentaschen-Gangster ("Pickup On South Street") besetzt wurde, liefert hier die definitive Charakterisierung des zum Tode verurteilten Verlorenen, an denen sich eine ganze Latte späterer, analoger Figuren zu messen haben wird. Widmark meistert die Gratwanderung der Evokation gegensätzlicher Emotionspole perfekt, weiß man doch nie, ob man diesen Harry Fabian bemitleiden, mit ihm fühlen, oder ihn wegen seiner idiotischen, impulsiven Aktionen, die selbst vor schlimmsten Auswirkungen nicht Halt machen, verabscheuen soll. Am Ende hilft einem einmal mehr die engelsgleiche Gene Tierney bei der Entscheidungsfindung.

10/10

London Unterwelt Kiez Ringkampf Jules Dassin film noir


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TRUE CONFESSIONS (Ulu Grosbard/USA 1981)


"Cut the crap. I don't have all day. It's been 20 years since my last confession. I had a lot of things to do."

True Confessions (Fesseln der Macht) ~ USA 1981
Directed By: Ulu Grosbard

Als sein Bruder Pfarrer Desmond (Robert De Niro) ihm bei einem Besuch in seiner Wüstengemeinde seinen baldigen Tod ankündigt, erinnert sich der Polizist Tom Spellacy (Robert Duvall) an 15 Jahre zuvor stattgefundene Ereignisse: Damals war Desmond hoch gehandelter Nachfolger des Kardinalbischofs (Cyril Cusack) von L.A. und eng vertraut mit den Machenschaften der Katholischen Kirche, die neben diversen kleineren Halblegalitäten auch krumme Grundstücksspekulationen und Paktierungen mit Gangstern wie dem Ex-Zuhälter Jack Amsterdam (Charles Durning) beinhalteten. Als eine Prostituierte (Missy Cleveland) ermordet und grausam verstümmelt aufgefunden wird, führt die Spur unter anderem zu Amsterdam, der nach wie vor unter dem Schutzbann der Kirche steht. Für den eifrig ermittelnden Tom gerät da selbst die Tatsache, dass ein Skandal um Amsterdam auch seinen Bruder zu Boden reißen könnte, zur Nebensache.

Grosbards meisterliich inszenierter Film, eine Art "Chinatown" im klerikalen Milieu, verhandelt eine ganze Reihe schwerer Themen, darunter die (um 1980 ohnehin sehr angegriffene) Rolle der katholischen Kirche als eine der Säulen des sozialen Gefüges, ihre Verantwortung zwischen Weltlichkeit und Geistlichkeit, sowie, davon tangiert, den tief verwurzelten Konflikt zweier Brüder, die um der Familienehre Willen immer wieder versuchen, miteinander auszukommen, deren jeweilige Grundsätze jedoch diametraler Natur und spinnefeind sind. Während Desmond über sein Streben als Emporkömmling hinaus längst vergessen zu haben scheint, welche ethischen Dogmen sein Amt beinhaltet, ist Tom sich selbst gegegenüber stets ehrlich geblieben. Desmond genießt größte gesellschaftliche Popularität, verkehrt in den höchsten Kreisen der Stadt und hat betreffs jeder politischen Entscheidung zumindest ein inoffizielles Wort mitzureden, derweil Tom sich zwar tagtäglich mit dem Abschaum der Straße abgibt, Etikette und falsche Rüstungen jedoch nicht nötig hat. Dieser lange schwelende Streit kulminiert schließlich, als sich erweist, wer tatsächlich am längeren Hebel sitzt und das selbst ein kleiner Skandal bisweilen immer noch von genug Einfluss ist, die Mächtigsten unter uns vom Sockel zu heben. Spannend!

9/10

Ulu Grosbard Los Angeles Brüder Kirche Verschwörung Prostitution


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HOME FROM THE HILL (Vincente Minnelli/USA 1960)


"Rafe! Rafe!"

Home From The Hill (Das Erbe des Blutes) ~ USA 1960
Directed By: Vincente Minnelli

Der texanische Großgrundbesitzer und Patriarch Wade Hunnicutt (Robert Mitchum) gilt nicht nur als passionierter Jäger, sondern auch als größter Filou weit und breit. Kein Rock, der vor ihm sicher wäre, weshalb Hunnicutts Frau Hannah (Eleanor Parker) auch ein sehr distanziertes, um nicht zu sagen: hasserfülltes Verhältnis zu ihm pflegt. Der naive Filius Theron (George Hamilton) bekommt davon nichts mit; sehr wohl jedoch Wades außerehelicher Sohn Rafe (George Peppard), der ein genügsames Leben als Ranch-Vorarbeiter in einer Barracke auf Hunnicutts Gut führt. Als Theron die Wahrheit über Rafe erfährt und seinen Vater zur Rede stellt; dieser jedoch unbeirrbar bleibt, droht eine Katastrophe...

Mit "Home From The Hill", der offenbar eine ähnliche Texarcana und Familienzerfalls-Chronik wie "Giant" hatte werden sollen; nur mit einem wesentlich überschaubareren Personal und mit einer deutlich geraffteren erzählten Zeit. Den Dean-Part übernimmt dabei George Peppard, der oftmals in ganz ähnlicher Pose wie die große Stilikone durchs Bild flaniert, sich bloß am Ende nicht in falschen Reichtümern verliert, sondern die große moralische Instanz des Geschehens bleibt. Mitchums Figur schwebt ständig umher zwischen Familienekel und Südstaaten-Original; einerseits ist man geneigt, diesem Schürzenjäger und Ehe-Schwein ein paar um die Löffel zu geben, andererseits ist man von der Mannsbildhaftigkeit, die Wade Hunnicutt mit einem geradezu entwaffnenden Selbstverständnis kultiviert, geradezu umgeworfen. Was Minnellis Inszenierung angeht, so kann wohl von einer durchaus schmissigen, mitreißenden Regie die Rede sein, von der virtuosen, narrativen Kraft eines Meisterfilmers getragen, jedoch nicht immer erfolgreich gegen den immanenten, pompösen Kitsch der Geschichte ankämpfend. Somit liegt "Home From The Hill" ganz auf einer Linie mit den übrigen um diese Zeit entstandenen Dramen des Regisseurs und bleibt insgesamt als ein schöner, entspannter Film mit sympathischen Mäkeln im Gedächtnis haften.

8/10

Vincente Minnelli Familie Texas Brüder William Humphrey


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ALL CREATURES GREAT AND SMALL (Claude Whatham/UK 1975)


"He's made me his partner!"

All Creatures Great And Small (Der Doktor und das liebe Vieh) ~ UK 1975
Directed By: Claude Whatham

1937 kommt der frisch ausgebildete Veterinärmediziner James Herriott (Simon Ward) in die Grafschaft Yorkshire, wo er als Assistenzarzt des etwas verschrobenen, aber allseits beliebten und resprektierten Dr. Siegfried Farnon (Anthony Hopkins). Mit Einfühlungsvermögen und Geduld sichert Herriott sich nach und nach das Wohlwollen sowohl der lokalen Bevölkerung als auch seines "schwierigen" Chefs.

Während die TV-Serie mit ihrer einprägsamen Titelmelodie jedem in den mittleren Achtzigern aufgewachsenen Stöpsel ein Begriff sein dürfte (für mich persönlich etwa ist sie ein so elementarer Sonntagsbestandteil wie Kaffee und Kuchen), erfreut sich die vormalige Verfilmung (fürs Fernsehen, mit nachgeschobenem Kinoeinsatz) wohl zumindest hierzulande nicht annähernd eines solch übergroßen Bekanntheitsgrades. Auch ich kannte den Film bis dato nicht und wusste, bis ich die DVD als Wichtelgeschenk des lieben Forenfreundes pasheko bekam, noch nichteinmal um seine Existenz. Nun wäre also auch diese Scharte ausgewetzt und das ist gut so, denn dies liebenswerte Stück muss eigentlich jeden erfreuen, der wahlweise etwas für die Vorkriegszeit der dreißiger Jahre, den englischen Nordwesten oder auch einfach nur für Haustiere jedweder Kuleur übrig hat. Da ich mich für alles drei erwärmen kann und vor allem Anthony Hopkins im Film mal wieder als super sowie Lisa Harrow, die Herriotts spätere Gattin Helen spielt, als ziemlich wunderhübsch erachtete, fand ich mich schließlich verdientermaßen hochauf zufrieden.

8/10

Claude Whatham Tierarzt Yorkshire England TV-Film period piece


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TATORT - DOPPELSPIEL (Hajo Gies/BRD 1985)


"Jetzt ma' langsam hier, Bruder..."

Tatort - Doppelspiel ~ BRD 1985
Directed By: Hajo Gies

Über den anscheinenden Selbstmord einer depressiven, jungen Frau stoßen Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) auf die global existente Sekte "Kirche der Gemeinschaft", deren Stifter, ein Südkoreaner, in den Staaten lebt. Verteter der Gruppe im Duisburger Raum ist der gelackte Gassmann (Franz Buchrieser), der jede Beteiligung der Sekte am Tod der Frau leugnet und auch ihren gestörten Ehemann, den Makler Stark (Wolf-Dietrich Sprenger) in Schutz nimmt. Doch sind die Methoden der Sekte Schimanski nicht geheuer. Und siehe da: Bald stößt er hinter den Kulissen auf Drogen- und Waffengeschäfte. Zusammen mit der Aussteigerin Ann Silenski (Angelika Bartsch) kommt Schimmi Gassmann auf die Schliche.

Wenngleich das Mitte der Achtziger nochmal boomende Sektenwesen als periodisches Sujet eines Schimmi-Klassikers durchaus seinen Reiz besitzt, muss der Film zu den unausgereiftesten der Serie gezählt werden. Die Handlung wurde mühselig um das Sektenthema herumgestrickt und mit dem banalen TV-Krimi-Rahmen und illegale Deals kontextualisiert. Dabei konnte man es sich nicht verkneifen, der (akzentuiert) antikommunistischen Gruppierung ein intensives Martial-Arts-Training zu verordnen, wobei die entsprechenden Sequenzen wirken, wie aus dem Christian-Anders-Heuler "Brut des Bösen" abgeschaut. Da speziell Gies - man merkt es der oftmals desinteressierten Inszenierung deutlich an - "Doppelspiel" merklich wenig ernst nimmt und ihn scheinbar als Schnellschuss und/oder Abschreibungsproduktion begreift, bleibt sein Film bis auf ein paar mittelmäßige bis gute Gags, die sich vor allem aus dem respektlosen bis beleidigenden Umgang Schimanskis mit den Religionsheinis ergeben, eher farblos.

5/10

Tatort Schimanski TV-Film Hajo Gies Duisburg Ruhrpott Sekte


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THE GIRL NEXT DOOR (Gregory Wilson/USA 2007)


"They've got cures these days."

The Girl Next Door (Jack Ketchum's Evil) ~ USA 2007
Directed By: Gregory Wilson

Der wohlsituierte Manager David Moran (William Atherton) denkt immer wieder an eine furchtbare Begebenheit in seiner Kindheit zurück, die er nie überwinden konnte. Als David mit zwölf Jahren (Daniel Manche) ein, wie sich herausstellen soll, nur augenscheinlich beschauliches Vorstadtleben führt, zieht eines Tages das Schwesternpaar Meg (Blythe Auffarth) und Susan (Maddie Taylor) bei seinen Nachbarn, den Chandlers, ein. Nachdem die Eltern der beiden Schwestern einen tödlichen Autounfall hatten, müssen sie zu ihren nächsten Verwandten ziehen. Die alleinerziehende Ruth Chandler (Blanche Baker) ist bei den Kindern der Straße sehr beliebt. Die Jungs dürfen bei ihr rauchen und Bier trinken und sie macht gern derbe Scherze. Meg und Susan erleben die Realität im Hause Chandler jedoch anders und David bekommt das immer öfter mit. Angefangen mit kleinen Demütigungen und Übergriffen sehen sich die Mädchen bald offenem, immer schlimmer werdendem, physischem und psychischem Missbrauch gegenüber. Besonders Meg hat unter den Quälereien unter Ruths Ägide schwer zu leiden. David nimmt sich vor, die beiden zu befreien, macht damit jedoch alles nur noch schlimmer.

Nachdem ich erst kürzlich via "The Woman" auf Jack Ketchum gestoßen bin und meinen ersten Roman von ihm gelesen habe, steht nun eine kleine Reihe mit den vorherigen Filmadaptionen seiner Werke an. "The Lost" befindet sich noch in der postalischen Pipeline, daher habe ich mir erlaubt, mit "The Girl Next Door" zu beginnen. Zunächst mal muss gesagt werden, dass Wilsons Film eine fast durchweg hervorragende Buchadaption ist, in der von einer Ausnahme abgesehen lediglich Kleinigkeiten modifiziert wurden, die ansonsten jedoch stets überdicht, praktisch dialoggetreu, an der Vorlage bleibt. Dabei pflegt Wilson bei aller Härte, die der Stoff bereits thematisch impliziert, eine relative visuelle Dezenz; er entgeht der verlockenden Falle, die unter den Argusaugen der Matriarchin immer wieder nackt im Keller angebundene, befummelte und schließlich vergewaltigte Meg zum voyeuristischen Objekt des Zuschauers verkommen zu lassen. Von Exploitation keine Spur. Auch darin begegnen Film und Buch sich auf Augenhöhe, denn wenngleich Ketchums verbale Schilderungen einen deutlich intensiveren Effekt hinterlassen, so geht es ihm nie darum, Leser-Obsessionen zu bedienen. Der Topos behält stets genau jene unangenehme Konnotation, die ihm gebührt. Dennoch konnte ein gewisses Gefühl der filmischen Blässe, dem ich allerdings nicht zur Gänze Ausdruck verleihen kann, nie ganz von meiner Seite weichen. Möglicherweise hätte ich mir noch etwas eingehender aufspielende Akteure gewünscht. Vor allem Daniel Manche, der den jungen Daniel Moran spielt, scheint mir keine besonders glückliche Wahl für diese Rolle gewesen zu sein. Im Roman kann selbst er sich anfänglich jener diabolischen Faszination angesichts der erniedrigten Meg nicht entziehen und ist durch ihre erzwungene Blöße latent erregt. Dies ist der Punkt, den der Film nicht (mehr) mitspielen mag. Bei Wilson wird aus dem nicht ganz rechtzeitig erstickten Keim der Perversion mitsamt dem dräuenden, schlechten Gewissen der Folge eine unterlassene Hilfeleistung aus purer Angst vor Repressalien. Keine mutige Entscheidung.

7/10

Gregory Wilson Jack Ketchum Kleinstadt Freundschaft Independent Sexueller Missbrauch Folter


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TATORT - DUISBURG-RUHRORT (Hajo Gies/BRD 1981)


"Scheiße."

Tatort - Duisburg-Ruhrort ~ BRD 1981
Directed By: Hajo Gies

Die Duisburger Kommissare Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) müssen den Mord an einem Binnenhafenarbeiter namens Petschek aufklären. Nachdem sie Verbindungen des promisken Petschek zu einem kriminellen Schiffseigner (Max Volkert Martens) und türkischen Waffenschiebern festgestellt haben und bereits eine großangelegte Verswchwörung wittern, müssen die beiden Ermittler einsehen, dass die tatsächliche Auflösung des Falls höchst lapidar ist.

Richtig ikonographisch geht's los: Die Kamera fährt langsam aus einer Fensterperspektive über die schmierige Duisburger Skyline zurück in eine kleine Hochhauswohnung und nimmt eine etwas zottigen Mann von links ins Bild. Dazu dudelt das Radio "Leader Of The Pack" von den Shangri-Las. Der von den Ereignissen des Vorabends sichtlich angeschlagene Mann sammelt ein paar leere Bierflaschen ein und genießt zum Frühstück zwei rohe Eier. Bühne frei für Horst Schimanski. Dessen erster Tatort-Fall bildete eine Zäsur nicht nur für die zu diesem Zeitpunkt bereits leicht tradierte, 125 Folgen umfassende Krimireihe, sondern auch für die bundesrepublikanische TV-Landschaft en gros. Nachdem der Ruhrpott bereits den Essener Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) kredenzt bekommen hatte, der jedoch nach nur sechs Jahren bereits seinen vorzeitigen Ruhestand einreichte, betraten 1981 Götz George und eberhard Feik die Szene. Authentizität wurde nunmehr nicht nur groß, sondern gleich komplett blockletternförmig geschrieben. Schimanski, stets unterwegs in Jeans, ausgebeulten Pullis und dem legendären beigefarbenen Windanorak, besaß kaum mehr etwas vom klassischen deutschen Fernsehbullen. Er soff wie ein Loch, hatte One-Night-Stands, war laut, vulgär und unverschämt, die proletarischen Wurzeln unübersehbar. Als "Mann des Volkes" eroberte "Schimmi" hernach selbst viele Herzen erklärter Autoritäts- und Uniformgegner, und das absolut verdient. Wären alle Bullen so wie Horst Schimanski, die Welt wäre ein besserer Ort.
Speziell an "Duisburg-Ruhrort" reizt insbesondere das Binnenhafenmilieu, das in jenem Duisburger Stadtteil, einer Art Miniaturausgabe von St. Pauli, heute, zu Zeiten des Strukturwandels, längst nicht mehr so floriert wie noch vor gut 31 Jahren. Damals hatte der Pott noch seinen stinkigen Pommesbudencharakter, war dreckig, aber ehrlich. Als Zeitzeugnisse dieser Ära sind ganz besonders die frühen Schimanski-Filme, und damit natürlich auch der vorliegende, ein unverzichtbares, praktisch dokumentarisches Gut.

8/10

Tatort Schimanski Duisburg TV-Film Ruhrpott Hafen Hajo Gies





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Funxton

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