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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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AT CLOSE RANGE (James Foley/USA 1986)


"He's my father."

At Close Range (Auf kurze Distanz) ~ USA 1986
Directed By: James Foley

Erst als junger Erwachsener lernt der in einem Provinzkaff beheimatete Brad Whitewood Jr. (Sean Penn) seinen kriminellen Vater Brad Whitewood Sr. (Christopher Walken) kennen. Zunächst beeindruckt von der anarchistischen Coolness seines alten Herrn, der ihm unter anderem ein Auto schenkt, muss Brad Jr. bald einsehen, dass sein alter Herr ein gemeingefährlicher, opportunistischer Psychopath ist. Als Brad Jr. im Gefängnis landet, versucht sowohl das FBI ihn zu einer Aussage gegen seinen Vater zu bewegen, was dieser außerhalb der Knastmauern mit irrsinnigen Druckmitteln und einer Jagd auf die Freunde seines Sohnes quittiert, der schließlich sogar Brads Bruder Tommy (Chris Penn) zum Opfer fällt. Dennoch entschließt sich Brad Jr., mit seiner Freundin Terry (Mary Stuart Masterson) das Weite zu suchen. Doch sein Dad lässt ihn nicht so einfach gehen...

Ein jeder hat sie ja, diese Handvoll Filme, die einen, ganz ohne mit äußerem, grellem Naturalismus aufwarten zu müssen immer wieder, einem Pflasterstein gleich, mitten in die Fresse treffen und völlig fertig, ausgeblutet und schweigend zurücklassen. "At Close Range" hat jene ungeheure Wucht schon bei mir hinterlassen, seit ich ihn in den Achtzigern das erste Mal gesehen habe und er unmerklich und umweglos in meinen Lieblingsfilm-Olymp aufgestiegen ist, wo er bis heute ein, wie ich just wieder mal kopfschüttelnd bemerken musste, völlig unberechtigtes Schattendasein fristet. "At Close Range" geht an die Grenzen psychischer Belastbarkeit und darüber hinaus, ist ein ungeheuer kraftvoller Film, der das Fegefeuer der Oberflächlickeiten seiner Entstehungsphase komplett ignoriert und in eine ganz andere Richtung weist als all die gelackten Großstadtdramen dieser Zeit (wie etwa der unmittelbar zuvor gesehene "Against All Odds" von Taylor Hackford). Foley zeichnet die schwüle, südstaatliche US-Provinz als saftig-grüne Hölle, in der geheuchelte Blutsbande nichts mehr zählen, wenn es um Geld und Macht geht; hier tragen die Gangsterpatriarchen bestenfalls vor gericht Nadelstreifenanzüge und pflegen ihren angeblichen "Familien"-Habitus nur so lange, wie niemand ihnen gefährlich wird oder an ihrem Thron zu sägen droht. Christopher Walken habe ich niemals, selbst bei Ferrara, bedrohlicher erlebt als in diesem Film, in dem er einen Proleten-Patriarchen von zunächst bewundernswerter Lässigkeit gibt; ganz den ewig typischen Walken-Gestus vor sich hertragend. Irgendwann jedoch, als es ihm ans Leder zu gehen droht, explodiert Brad Whitewood Sr., benutzt, manipuliert, entpuppt sich als höchst irdener Appalachen-Derwisch, vergewaltigt die Freundin seines Sohnes, tötet schließlich gar seinen Jüngeren, den "Bastard", wie er den einst außerehelich gezeugten Tommy boshaft zu nennen pflegt. Zu einer solchen auratischen Intensität hat es der große Chris Walken - zumindest meinem subjektiven Empfinden nach - später nie mehr gebracht.
Ähnliches gilt für James Foley, dessen bis dato große Sternstunde dieser mit aller Macht an die Substanz seiner Zuschauerschaft gehende Film geblieben ist, wenngleich er seinen Stern mit der Mamet-Adaption "Glengarry Glenn Ross" immerhin nochmal aufflackern lassen konnte. Vermutlich liegt es daran, dass Foley ein Filmemacher ist, der seine kreative Klimax stets im Zuge reziproker Wechselseitigkeit erreichte. Wenn man sich dagegen einen ganz ähnlich angelegten, jüngeren Film wie "Winter's Bone" anschaut, weiß man wieder um das Potenzial dieses kleinen großen, hammerharten Monsters von Film.

10/10

James Foley Südstaaten Familie Freundschaft Appalachen Coming of Age Marihuana


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STRAIGHT TIME (Ulu Grosbard/USA 1978)


"We'll check it out."

Straight Time (Stunde der Bewährung) ~ USA 1978
Directed By: Ulu Grosbard

Ehrlich zu werden ist nicht leicht, wenn der gönnerhafte Bewährungshelfer (M. Emmet Walsh) einen permanent unter Druck setzt, die alten Freunde (Gary Busey) fixen und auch sonst nichts vernünftig läuft. Genau diese Erfahrung macht der nach sechs Jahren Staatsgefängnis auf Bewährung freigekommene Räuber Max Dembo (Dustin Hoffman), der nicht lange fackelt, bevor er wieder ein Ding dreht und bereits größere Überfälle plant.

"Straight Time" zählt nicht nur zu den essenziellen L.A.-Filmen - ihm gebührt zudem das ungewöhnliche Kompliment, die Chuzpe zu besitzen, das kleinkriminelle, urbane Milieu als herzlich unromantische und unerstrebenswerte Realitätsfacette zu zeichnen, in der ungeschriebene Gesetze und Moralbegriffe herrschen, mit denen man als wohlgenährter Vertreter gemütlicher Gutbürgerlichkeit über das Kino hinaus nur ungern zu tun hätte.
Im Laufe des Films erfährt man viel über diesen Max Dembo, schon durch Dustin Hoffmans Präsenz anfänglich unausgesprochen sympathisch und als Identifikationsfigur eingeführt. Der Mann tut, wonach ihm just der Sinn steht; wenn's sein muss auch unter Gewaltanwendung und kennt keine Gnade, wenn man sein Vertrauen missbraucht. Er ientpuppt sich bei aller Cleverness als nicht nur asozial, sondern als waschechter Soziopath. Am Ende, nach einer nochmal visuell repetierten, langjährigen Knastkarriere, wartet auf Max Dembo nurmehr die Höchststrafe, und diese fällt in Kalifornien bekanntermaßen höchst unangenehm aus. Möglicherweise entschließt er sich aber doch nochmal anders und entkommt über die Grenze; diese moralische Wunschentscheidung zu fällen überlässt Grosbard seinem Publikum. Ebenso wie die Lesart, "Straight Time" als Reflexion über ein dysfunktionales Strafsystem zu begreifen. Oder einfach nur als grandioses Kleingangster-Drama.

9/10

Los Angeles Heist Ulu Grosbard New Hollywood Heroin Freundschaft


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ACROSS 110TH STREET (Barry Shear/USA 1972)


"I'll tell you what, motherfuckin' Doc Johnson..."

Across 110th Street (Straße zum Jenseits) ~ USA 1972
Directed By: Barry Shear

Die drei Kleinganoven Jim Harris (Paul Benjamin), Joe Logart (Ed Bernard) und Henry Jackson (Antonio Fargas) erleichtern die New Yorker Mafia bei einem Geldtransfer in Harlem um eine stattliche Geldsumme und legen dabei sieben Menschen um. Fortan sitzen dem Trio nicht nur der bei der 'Familie' um Anerkennung buhlende Nick D'Salvio (Anthony Franciosa), sondern auch die beiden unterschiedlichen Cops Mattelli (Anthony Quinn) und Pope (Yaphet Kotto) im Nacken...

Phantastischer Gangsterthriller aus den frühen Siebzigern, der das noch junge Mafia-Genre mit zeitgenössischen Cop-Filmen sowie einem sanften Blaxploitation-Einschlag kombiniert und seinen Job permanent voll konzentriert, sauspannend und vor allem mit gebührender Intelligenz und Ernsthaftigkeit hinlegt. Bereits angefangen mit dem wunderbaren Titel und dem klassischen Song von Bobby Womack (allerdings in einer deutlich flotteren Version als die heute bekannte) kommt in den neunzig Folgeminuten ein vielschichtiger, grandios gespielter Ensemblefilm zustande, der mittels seiner empathischen Darstellung nicht nur sämtlichen vorgestellten Charakteren einen abgerundeten Background verschafft, sondern sich darüber hinaus durchaus in die Reihen der großen New Yorker Polizeifilme jener Tage einzugliedern weiß. Ein Muss.

9/10

Barry Shear Mafia New York Harlem Blaxploitation


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CARNAGE (Roman Polanski/F, D, PL, E 2011)


"I'm glad our son kicked the shit out of your son and I wipe my ass with your human rights!"

Carnage (Der Gott des Gemetzels) ~ F/D/PL/E 2011
Directed By: Roman Polanski

Zwei bourgeoise New Yorker Elternpaare, die Longstreets (Jodie Foster, John C. Reilly) und die Cowans (Kate Winslet, Christoph Waltz), nehmen einen ausgearteten Streit ihrer jeweils elf Jahre alten Söhne zum unfreiwilligen Anlass einer wechselseitigen Selbstzerfleischungs-Session.

Verdammt, ist mit diesem Mann noch zu rechnen! Gut, der von einer ungeheuer pointierten Brillanz getragene Dialog mag der Stück-Autorin Yasmina Reza zuzurechnen sein, doch die ausgesucht stilsichere, strenge Ort- und Zeit-Inszenierung, die die Vorlage nicht nur trägt, sondern sie gar noch ergänzt und überhöht, kann allein ein Meisterfilmer wie eben Polanski derart formvollendet auf die breit gespreizten Beine stellen. Der mit spannenden Theater-Verfilmungen vertraute Regisseur zeigt sich hier erneut von einer ultrabösen Scharfsinnigkeit, die dazu ausreicht, innerhalb von achtzig Minuten eine komplette Gesellschaftsschicht bloßzustellen, ihre Geschlechterkonflikte, ihre Ehe- und Familienbegriffe, schließlich ihr hohles Geschwätz und ihre ach so selbstsichere Ortsbestimmung in der Welt auf das Leidenschaftlichste zu zertrümmern und da, wo zuvor noch vier narzisstische Oberflächenmenschen waren, ein großzügig abgestecktes Stück verbrannter Erde zu hinterlassen. Das Ganze wird getragen von einer so irrsinnigen Komik, dass man nurmehr Bauklötze zu staunen vermag. Zudem gibt es hier eine der wunderschönst gestalteten Kotz-Szenen mit anschließender Bereinigung der Filmgeschichte zu bewundern, und ja, selbst unter Berücksichtigung von "The Meaning Of Life" und "Stand By Me".
Perfekt.

10/10

Roman Polanski New York based on play Parabel Yasmina Reza Satire


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THE LORDS OF FLATBUSH (Martin Davidson, Stephen Verona/USA 1974)


"You want a ring? I got a ring for ya. In my bathtub."

The Lords Of Flatbush (Brooklyn Blues - Das Gesetz der Gosse) ~ USA 1974
Directed By: Martin Davidson/Stephen Verona

Brooklyn, Ende der Fünfziger. Die vier unzertrennlichen Kumpels Chico (Perry King), Stanley (Sylvester Stallone), Butchey (Henry Winkler) und Wimpy (Paul Mace) sind die "Lords" - ausgestattet mit den größten Klappen des Viertels, frech wie Rotz, renitent in der Schule, hinter jedem greifbaren Rock her und brav zu ihren Mamas. Als Chico mit seinen Sprüchen bei der etwas besser gestellten Jane (Susan Blakely) abblitzt und Stanley Freundin Frannie (Maria Smith) schwanger wird, linst langsam das Erwachsenwerden um die Ecke.

Die Probleme der frühen Adoleszenz - wir alle kennen sie. In "The Lords Of Flatbush", einem filmischen Bindeglied zwischen Scorseses "Mean Streets" und Kaufmans "The Wanderers", das freilich weder die existenzialistische Beschwernis des ersteren noch die exakte Milieubeobachtung des letzteren gebraucht, sondern einfach nur umweglos und unkompliziert seine kleine Geschichte erzählen möchte, treten sie wiederum zu Tage. Das Leben scheint einen nicht zu wollen und erst die Erkenntnis, dass der Globus sich auch ohne einen weiterdreht, ganz egal, wie quer man sich stellt, bringt eine gewisse Form der Erleichterung mit sich. Am Ende steht, wie schon Generationen zuvor, der Sprung ins Familienleben und zugleich in das vorstädtische Mini-Establishment. Man heiratet in den Bahnen der eigene Ethnie (hier: italoamerikanisch); das gibt keine Probleme und ist gut fürs Blut. Der Mikrokosmos sucht und findet neue Opfer. Das kann man deprimierend finden oder als karmischen Lauf der Dinge abtun - als Film ist es nett anzusehen und tut niemandem weh.

6/10

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BALADA TRISTA DE TROMPETA (Álex de la Iglesia/E, F 2010)


Zitat entfällt.

Balada Trista de Trompeta (Mad Circus - Eine Geschichte von Liebe und Tod) ~ E/F 2010
Directed By: Álex de la Iglesia

1937 wird ein Zirkusclown (Santiago Segura) unfreiwillig von einer Miliz in die Bürgerkriegswirren hineinbefördert und prompt verhaftet. Sein kleiner Sohn Javier (Jorge Clemente) versucht ihn zu befreien, verursacht bei einer entsprechenden Aktion jedoch den Tod des geliebten Vaters. Als Erwachsener tritt Javier (Carlos Areces) in den frühen Siebzigern einem Zirkus bei - als "trauriger Clown". Prompt verliebt er sich in die schöne Seilartistin Natalia (Carolina Bang), doch diese ist bereits mit dem trunksüchtigen, gewalttätigen Chefclown Sergio (Antonio de la Torre) liiert. Nachdem Sergio Javier und Natalia bei einem harmlosen Tête-à-tête erwischt, bringt er den friedlichen Javier fast um. Dieser dreht daraufhin durch und verstümmelt Sergio zur Unkenntlichkeit, was zugleich das Ende des Zirkus zur Folge hat. Doch die bizarre Dreiecksgeschichte ist damit noch lange nicht zu Ende...

Eine überaus ansehnliche Allegorie über die franquistischen Jahre Spaniens hat de la Iglesia da gefertigt, zugleich eine Hommage an Jodorowskys "Santa Sangre" und natürlich eine der schönsten, wenn nicht gar die schönste Liebesgeschichte im Kino seit der Jahrtausendwende. Natürlich gönnt "Balada Trista" seinem am Ende, nach ungeheuren emotionalen und aktionistischen Turbulenzen zusammengefügten Paar keinen glücklichen Abgang, aber man weiß ja, dass die wahrhaft bezaubernden Romanzen in der Literatur ohnehin stets kurz und heftig sind, bevor sie die Patina der Gewohnheit und Gewöhnlichkeit grau färben kann. Am Schluss bleiben nur Tod und Tränen und die ins Leere laufende Rivalität zweier verlorener Liebesbesessener. Zuvor gibt es freilich noch die Odyssee Javiers durch die franquistischen Wirren zu beobachten, während derer er unter anderem wie ein Wildschwein im Wald hausen und schließlich als (immerhin bissiger) Jagdhund für den Generalissimo en persona herhalten muss. Später dann noch Selbstverstümmelung und Amok; eigentlich gibt es faktisch nichts, was "Balada Trista" nicht aufböte, zumindest nicht nach Sam Fullers altem Kinocredo über die Schlachtfeld-Emotionalität auf der Leinwand.

9/10

Zirkus Álex de la Iglesia Spanien Spanischer Bürgerkrieg Franquismus period piece Parabel Groteske Clowns Madness


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PRIMARY COLORS (Mike Nichols/USA, UK, F, D, J 1998)


"He's poked his pecker in some sorry trash bins."

Primary Colors (Mit aller Macht) ~ USA/UK/F/D/J 1998
Directed By: Mike Nichols

Der Südstaaten-Gouverneur Jack Stanton (John Travolta) lässt sich für die Vorwahlen des demokratischen Präsidentschaftskandidaten aufstellen. Als seinen Wahlkampfleiter engagiert er vom Fleck weg den idealistischen Henry Burton (Adrian Lester), der in den nächsten Monaten einiges über Dreckbewurf und Skandalvertuschung in der US-Politik zu lernen hat.

Auch der politisch involvierte Mann hatte imit den Neunzigern ein großes Krisenjahrzehnt zu bewältigen. Analog zum Zigarrenfreund Bill Clinton mimte ein wahnsinnig guter John Travolta einen ergrauten Demokraten mit gesteigertem Hang zur Promiskuität, insbesondere in Bezug auf möglichst junge Probandinnen. Und ausgerechnet ein solcher Kerl soll in die Vorwahlen für die Position des mächtigsten Mannes der Welt, Verzeihung, der USA eintreten. Stellvertretend für den von Nichols stets gern wie eine ethologische Jungfrau behandelten Zuschauer muss der dynamisch-unbefleckte Jungspund Henry Burton herhalten, der Wohl und Wehe des Wahlkampfs kennen, lieben und hassen lernt. Die Kandidaten bekämpfen sich, trotz parteilicher Einigkeit, hinter den Kulissen bis aufs Blut, schädigen Reputationen oder tilgen wahlweise ganze Lebensläufe ohne mit der Wimper zu zucken. Die Bevölkerung nimmt derweil scheinbar nur das immerwährende Lügenkonstrükt zusammen mit einem breiten Zahnpasta-Lächeln wahr und lässt sich davon willfährig blenden wie von einem durchschaubaren Zaubertrick. "Ich bin vielleicht nicht die beste Alternative, aber die einzige," weiß Jack Stanton am Ende seine alles andere als weiße Weste zu kommentieren. Ob man ihm selbst in diesem Punkt noch zu glauben bereit ist, diesem schmierigen Lügenbold, Ehebrecher und Nadelstreifengangster, der selbst die Beerdigung einer infolge von politikverdrossenen Suizid umgekommenen Freundin (Kathy Bates) noch zur Wahlkampfveranstaltung macht, überlässt Nichols am Ende seinem einmal mehr zur Mündigkeit erzogenen Publikum. Ich zöge dann doch lieber die Drei.

7/10

Mike Nichols Politik Wahlkampf Südstaaten Satire


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POSTCARDS FROM THE EDGE (Mike Nichols/USA 1990)


"Go on and cry. You'll pee less, as my grandma used to say."

Postcards From The Edge (Grüße aus Hollywood) ~ USA 1990
Directed By: Mike Nichols

Nach einem überdosierten, lebensgefährlichen Medikamente-Cocktail muss der süchtigen Film-Aktrice Suzanne Vale (Meryl Streep) der Magen ausgepumpt werden. Für sie ein deutliches Signal, etwas zu ändern. Der folgende Aufenthalt in einer Suchtklinik bringt sie deutlich nach vorn, doch die Bewährungsproben, die das Leben in Form promisker Hollywood-Produzenten (Dennis Quaid) und vor allem in Person ihrer gelinde gesagt komplizierten Mutter (Shirley MacLaine) für sie bereithält, stellen erst die wahre Bewährungsprobe für Suzanne dar...

Basierend auf Carrie Fishers semibiographischem Roman und Script wandte sich Mike Nichols nach seinem völlig zu Unrecht untergegangenen, weil sehr sehenswerter Militärdramödie "Biloxi Blues" einem weiteren aufzuarbeitenden Frauenschicksal zu; wiederum mit der begnadeten Meryl Streep. Diese gibt die für sie ungewöhnliche Rolle einer drogensüchtigen Schauspielerin, also eine im Vergleich zu ihrer realen persona recht diametral angelegte Charakterstudie. Nachdem sie in "Ironweed" bereits eine Alkoholikerin darzustellen hatte, war sie auf diesem Terrain zumindest nicht mehr ganz unbeleckt. Den eigentlichen Nukleus der Geschichte bildet allerdings nicht so sehr die nach und nach in den Griff bekommene Medikamentensucht Suzanne Vales, sondern das schwierige Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter, einem einstmals selbst gefeierten, welkenden Hollywoodstar, der wiederum mit zunehmender Altersverzweiflung dem Alkohol zuspricht und nicht einsehen will, das seine Zeit abgelaufen und reif für eine Beerbung ist. Fishers Erzählung, eine Spiegelung ihrer eigenen, von Schwierigkeiten geprägten Beziehung zu ihrer Mutter Debbie Reynolds (die sogar die entsprechende Rolle im Film spielen wollte, jedoch zu Gunsten MacLaines fallengelassen wurde) und Nichols' Inszenierung legen das Hauptaugenmerk auf ebendiesen Generationskonflikt sowie haufenweise mehr oder minder satirisch gefärbter Seitenhiebe gegen die faktisch menschenverachtende Filmindustrie. Während Ebert bemängelte, dass der Film die Chance verpasst, sich erschöpfend mit einer Suchtrekonvaleszenz auseinanderzusetzen, halte ich gerade dies für eine seiner Stärken inmitten des üblichen "Qualitätskino-Syndroms": Entgiftung, Entwöhnung, Entsagung kann man andernorts wesentlich authentischer und berührender dargestellt vorfinden als von einer für solche Fälle ohnehin eher ungeeigneten Streep. So läuft "Postcards From The Edge", abgesehen von mancherlei allzu sehr geglätteten Facetten, die mit Nichols ohnehin zunehmend domestizierter Art der Werkbearbeitung einhergehen, vornehmlich reibungslos.

7/10

Mike Nichols Carrie Fisher Hollywood Mutter-Tochter Drogen Alkohol Sucht Film im Film Kalifornien


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WORKING GIRL (Mike Nichols/USA 1988)


"Nothing happened."

Working Girl (Die Waffen der Frauen) ~ USA 1988
Directed By: Mike Nichols

Die Karrierepläne der New Yorker Bürokraft Tess McGill (Melanie Griffith) scheitern letztlich nicht an ihrer ohnehin nicht zu unterschätzenden Intelligenz, sondern daran, dass sie ihre proletarische Staten-Island-Herkunft in Manhattan nie ganz abstreifen konnte. Als sie bei der arroganten Katharine Parker (Sigourney Weaver) als Sekretärin anfängt, lernt sie von dieser unfreiwillkigerweise einiges über opportunistisches Geschäftsgebahren - Tess' Eintrittskarte zur Welt der Hochfinanz.

Jeder, der behauptet, "Working Girl" gehöre mit zum Unausstehlichsten, was die Kinoindustrie in den achtziger Jahren ausgekotzt hat, der hat wohl vollkommen Recht. Dennoch leistet Nichols' dritter Frauenfilm innerhalb dieser Dekade gleichfalls Beträchtliches. Er bietet nämlich eine historische Lehrstunde über die Ellbogenmentalität der Generation Yuppie sowie ein Transportmittel für die bizarren Auswüchse des amerikanischen Erfolgstraums. Als Schmachtfetzen für all die Kaffekocherinnen und Telefondamen dieser Welt - temporary hair crimes included - begreift er sich wohl ebenso als romantic comedy; diese irrelevante Selbstwahrnehmung hat heute aber kaum mehr Nachhall. Stattdessen erhält man, wie bereits ein Jahr zuvor im Zuge von Herbert Ross' "The Secret Of My Succe$s" die Möglichkeit, einem gutherzigen, sozialen Naivling auf seinem gerechten Weg Richtung Spitze zu begleiten und die Suggestion, sich dabei mit ihm bzw. ihr gut fühlen zu sollen. Dass das Zeugnis solcherlei erzkapitalistisches Strebertumes eher einer Tortur gleichkommt, konnte ich selbst erst mit dem Abstand der Jahre für mich herausfiltern. Lediglich die letzte Einstellung, die demonstriert, auf dem Rücken wie vieler Kleinsträdchen die großstädtische Wirtschaft eigentlich operiert, scheint mir eines einstigen New-Hollywood-Regisseurs würdig. Immerhin: Von all den "kleineren" Gallionsfiguren dieser Periode ist Nichols einer der wenigen, der am Ball bleiben und sich bis heute durchkämpfen konnte. Damit entspricht die Mentalität dieses Films vermutlich auch zu einem gewissen Maß seinem persönlichen Gusto. In memoriam Monte Hellman, Richard Rush, Hal Ashby et. al..
Dennoch muss ich zugeben, "Working Girl" von Zeit zu Zeit noch immer gern anzuschauen. My bad.

5/10

Mike Nichols New York Yuppie Feminismus


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STRAW DOGS (Rod Lurie/USA 2011)


"I got 'em all."

Straw Dogs ~ USA 2011
Directed By: Rod Lurie

Um in Ruhe sein Script zu einem geplanten Stalingrad-Film fertigstellen zu können, reist der Hollywood-Autor David Sumner (James Marsden) mit seiner Frau Amy (Kate Bosworth) zu deren Familiensitz in dem Städtchen Black Water, Mississippi. Mit den ortsansässigen Arbeiter, die David beschäftigt, um eine ruinöse Scheune zu restaurieren, kommt es bald zu gegenseitigen Sticheleien, die sich auf die völlig konträren Persönlichkeiten und Weltbilder von David auf der einen und den Kleinstädtern auf der anderen Seite rekurrieren. Nachdem Amy bereits von zweien der Männer vergewaltigt wurde, darüber jedoch schweigt, eskaliert die Situation vollends, als das Paar dem geistig behinderten Jeremy (Dominic Purcell) Schutz gewährt, der gelyncht werden soll.

Zumindest halbwegs geglücktes Remake von Peckinpahs eruptiver Gewaltstudie, deren allein durch Motiv-, Lokalitäts- und Zeitwechsel absehbarer Schaden sich in Grenzen hält. Weitgehend von der subtilen Bedrohlichkeit des Originals entfernt ist Luries Neuverfilmung zumindest spannend und von von oberflächlicher Affektivität. Die Idee, die Profession des Akademikers von der Mathematik hin zur Drehbuchschreiberei zu verlagern, funktioniert lediglich ansatzweise in ihrem bildhaft-überdeutlichem Entschlüsselungsbestreben. Schließlich sind es gerade die komplexen Kodierungen und Unbegreiflichkeiten, die das ursprüngliche Werk so zutiefst ungemütlich machen. Solche Glättungen waren jedoch zu erwarten. Lieber sollte man die hervohebenswerten Aspekte des Films genießen: Die wunderbar eingefangene, dampfende Südstaaten-Provinz etwa, Kate Bosworths natürliche Schönheit oder James Woods als versoffenen Hinterhof-Patriarchen. Dann, abseits von zwangsläufigen Vergleichsmomenten, kann man mit "Straw Dogs '11" durchaus seinen Spaß haben.

6/10

Rod Lurie Remake Südstaaten Mississippi Selbstjustiz Belagerung Ehe





Filmtagebuch von...

Funxton

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