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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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DO THE RIGHT THING (Spike Lee/USA 1989)


"Hey Sal, how come there ain't no brothers on the wall?"

Do The Right Thing ~ USA 1989
Directed By: Spike Lee

Ein siedend heißer Sommertag in einem hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Block in Brooklyn, an dem ohnehin schon permanent die Emotionen hochkochen, endet mit polizeilicher Gewalt und der blindwütenden Zerstörung der eigentlich stets als hiesige Institution betrachteten Pizzeria des Italoamerikaners Sal (Danny Aiello).

Kurze Unterbrechung der Spielberg-Schau. Ein sehr guter Freund fliegt am nächsten Wochenende nach New York und wollte daher gern zwei nicht ganz alltägliche Filme über die Stadt sehen. Meinerseits nicht ganz uneigennützig suggeriert blieben wir dann bei einer Spike-Lee-Dublette hängen.
Dieses opus magnum des zumindest ehedem als recht unbequem eingestuften Regisseurs dürfte wohl sein hervorstechendstes Werk sein. Mit einer großartigen Besetzung im Rücken schuf Lee eine gnadenlos durchstilisierte Parabel über den Zusammenstoß der Ethnien. Begünstigt durch das unerträglich heiße Klima an diesem Tag kochen die lange schwelenden Konflikte hoch, bis man eine Notgemeinschaft bildet, um dem einzigen echten Alien in dieser Ecke der Stadt die Meinung zu geigen - allerdings auf eine wenig existenzfördernde Art. Wer Lee seiner teilweise unbedachten Aussagen zum Trotz als farbigen Rassisten oder Radikalen bezeichnet, der sollte sich "Do The Right Thing" als Antidot genehmigen. In einer blendend hellsichtig geschriebenen Mischung aus Realitätsbeobachtung und Klischeenutzung berichtet der Film über die bildungsferne Kurzsichtigkeit der Ethnien, deren nach außen gerichtete Arroganz kaum Hoffnung auf bessere Tage zulässt. Am Ende erfolgt ein aus blinder Aggression heraus erwachsener, weiterer Schritt zur Selbstghettoisierung: Zwar schmeckt die Pizza der weißen Spaghettis hervorragend, aber andererseits sind diese Leute hier fehl am Platze und sollen lieber verschwinden. Dass man ein paar Tage später wieder zur Besinnung kommen und Sal und seinen Söhnen (John Turturro, Richard Edlund) schwer nachtrauern wird, steht ebensowenig außer Frage wie die Tatsache, dass der koreanische Krämer an der Ecke nicht minder gefährdet ist.
Ein vor Vitalität und leicht verhohlener Menschenliebe strotzendes Meisterwerk.

10/10

Spike Lee Ernest Dickerson New York Ethnics Sommer Ensemblefilm Rassismus


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A DANGEROUS METHOD (David Cronenberg/CA, UK, D, CH 2011)


"You ought to go there and beat her up."

A Dangerous Method (Eine dunkle Begierde) ~ CA/UK/D/CH 2011
Directed By: David Cronenberg

Im Jahre 1904 kommt die jüdische Russin Sabina Spielrein (Keira Knightley) als Patientin zu dem Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (Michael Fassbender), der ihre Obsession, die auf ein Missbrauchstrauma aus frühester Kindheit zurückgehen, mit viel Geduld und via Gesprächstherapie kann. Parallel zur sich mehr und mehr intensivierenden Beziehung zwischen Arzt und Patientin korrespondiert Jung mit seinem älteren Wiener Berufsgenossen Professor Freud (Viggo Mortensen), der Jung den freigeistigen Analytiker Otto Gross (Vincent Cassel) als Patient zuschanzt. Gross' Sicht der Dinge hinterlässt tiefen Eindruck bei Jung, der sich schließlich in eine Affäre mit Sabina stürzt. Als Freud davon erfährt, bricht er mit Jung, dem er neben dieser Art beruflicher Unprofessionalität dessen Liebäugeleien mit der Parapsychologie nicht nachsehen mag.

Ein den historischen Kinderschuhen der Psychoanalyse gewidmetes Kostüm- und Historiendrama, das man in der vorliegenden Form viel eher als dem Œuvre eines Regisseurs wie Miloš Forman entstammend vermuten würde denn der Linse Cronenbergs entsprungen. Als sein bis dato unradikalstes und selbst für eine auf Kulturausflug befindliche Seniorengruppe goutierbares Werk ist "A Dangerous Method" vor allen Dingen eines: gepflegt. Reizschwellen jedweder Natur werden hier nicht angestoßen, ein bisschen Popoklatschen auf wallenden Leingewändern dürfte wohl niemand mehr als schockierend empfinden. Nun mag der eine oder andere traditionsbewusste Cronenberg-Anhänger sich angesichts dessen wahlweise etwas verprellt oder gar im Stich gelassen fühlen; tatsächlich jedoch weist die allgemeine Tendenz in des Altmeisters Schaffen bei genauerer Betrachtung bereits seit längerem in diese Richtung. Mit psychischen Defekten und Psychiatrie beschäftigte sich der Filmemacher bereits ("Spider"), ebenso mit gleichermaßen verzerrten wie verzehrenden Romanzen ("M. Butterfly", "Crash") Man bedenke schließlich, dass der Mann annähernd siebzig Lenze zählt und mit solchen erwartungsgemäß nicht mehr den wilden Maxe zu markieren braucht.
In seiner Eigenschaft als Milieuschilderung der mitteleuropäischen psychiatrischen Arroganzia ist "A Dangerous Method" jedenfalls vortrefflich; es wird auf Teufel komm' raus herum- und queranalysiert - so dass unumwunden naheliegende Vermutungen wie jene "Freud schreibt bloß deshalb jede Art von Neurose dem Sexualitätskomplex zu, weil er selbst zu wenig davon hat" eine recht witzige Konnotation erhalten. Ferner nährt der Film die alte Binsenweisheit, dass jeder angehende und bereits ausgelernte Psychologe den Beruf vor allem deshalb ergreift, um eigene Komplexwurzeln zu ergründen. Wie man jene These am Ende bewertet, überlässt Cronenberg allerdings der Mündigkeit seines psychisch hoffentlich ausgewogenen Publikums.

7/10

David Cronenberg Wien period piece amour fou C.G. Jung Sigmund Freud Psychoanalyse Psychiatrie Zürich Biopic


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CASTAWAY (Nicolas Roeg/UK 1986)


"Hollow... hollow."

Castaway ~ UK 1986
Directed By: Nicholas Roeg

Die junge Londonerin Lucy Irvine (Amanda Donohoe) antwortet auf eine Zeitungs-Annonce des wesentlich älteren Gerald Kingsland (Oliver Reed). Dieser will ein Jahr allein mit einer Frau auf einer unbewohnten Insel im Südpazifik verbringen, um zu testen, ob die vermeintlichen 'Segnisse' der Zivilisation verzichtbar sind, oder nicht. Um ihr "Experiment" offiziell durchführen zu können, müssen die beiden heiraten - für den bereits geschiedenen Gerald kein Problem, für Lucy eine eigentlich unvorstellbare Situation. Dennoch kommt man überein. Nach anfänglich paradiesischen Wohlfühlphasen auf der Insel Tuin folgen bald Hunger, Entbehrung, Krankheiten und sexuelle Notstände. Nach dem vollbrachten Jahr gehen Lucy und Gerald wieder eigener Wege, gleichermaßen glücklich und traurig, den jeweils anderen hinter sich lassen zu können und zu müssen.

Szenen einer Ehe Redux - basierend auf tatsächlichen Ereignissen und einem autobiographischen Roman Lucy Irvines drehte Roeg diese zivilisationskritische Parabel über die Unmöglichkeit, als angepasste Menschen der achtziger Jahre ohne Mindestkomfort glücklich werden, geschweige denn überleben zu können. Dabei drehen sich die Sehnsüchte Lucys und Geralds, basierend auf ihren demografischen, sowie Geschlechts- und Altersdifferenzen um jeweils völlig unterschiedliche Zentren. Während Gerald das lockere Leben liebt und sich seinen Aufenthalt auf Tuin als permante Faulenzer- und Rammelorgie vorstellt, geht es Lucy tatsächlich um Fragen der Ökonomie und Enthaltsamkeit. Stoisch verweigert sie dem geilen Gerald den Geschlechtsverkehr und ganz schleichend tauschen sich parallel zu ihrem körperlichen Verfall infolge von zwischenzeitlichem Trinkwasser- und Nahrungsmangel ihre Prioritäten. Am Ende ist es Lucy, die den Rückweg in die Zivilisation fürchtet und Gerald kann gestärkt und frei von Depression neue Lebenswege auskundschaften.
Die Kritik befand "Castaway" oftmals als schleppend, zäh und langweilig, was sich einem Roeg-Film faktisch immer vorwerfen lässt, sofern einem der richtige Zugang fehlt. Nicolas Roeg macht Filme, die sensuell erfahrbar sein und nicht einfach nur gesehen werden wollen. Damit machen sie es ihrem Publikum nicht leicht, sondern fordern im Gegenteil eine spezifische Breitschaft von ihm ein. Das macht sie gewissermaßen arrogant und elitär für die Einen, für ihre Freunde jedoch zum Hochgenuss. "Castaway" bildet da keine Ausnahme. Ebensowenig wie ich.

8/10

Insel Aussteiger Ehe Parabel Cannon Australien Pazifik Nicolas Roeg Robinsonade


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PARENTHOOD (Ron Howard/USA 1989)


"Women have choices, and men have responsibilities."

Parenthood (Eine Wahnsinnsfamilie) ~ USA 1989
Directed By: Ron Howard

Vater werden ist nicht schwer - Vater sein dagegen sehr, wie man seit Menschengedenken weiß, und für Gil Buckman (Steve Martin), Familienvater dreier Sprösslinge (Jasen Fisher, Alisan Porter, Zachary Lavoy), Bruder dreier mehr oder minder problembehafteter Geschwister (Dianne Wiest, Harley Jane Kozak, Tom Hulce), Sohn, Schwager, Onkel und was sonst noch alles, gilt jene Weisheit im Überfluss. Er selbst wirft seinem Dad (Jason Robards) vor, einst bei seiner Erziehung einen lausigen Job gemacht zu haben - und steht jetzt selbst vor dem Problem, dass sein Ältester Kevin (Fisher) eine Sonderschulempfehlung am Hals hat wegen emotionaler Instabilität. Hinzu kommen all die Probleme und Problemchen, die seine Schwestern und sein jüngerer Bruder am Halse haben, und jene sind ebenfalls nicht zu unterschätzen...

Kann sein, dass, hätte ich "Parenthood", dessen deutscher Titel eine ausgemachte Frechheit ist, jetzt erstmals gesehen, ihn etwas zu süßlich fände. All das mittelständische Herumgeplärre kämpft nämlich mit der stetigen Gefahr der inhaltlichen Belanglosigkeit und scheut darüber hinaus auch nicht Klischee und Kitsch. Die Figuren sind durch die Bank geprägt von Stereotypismen bzw. trauter US-amerikanischer Gleichmacherei. Das schwarze Schaf der Familie ist nicht ohne, aber auch nicht so verdorben, dass man sich seinetwegen größere Sorgen machen müsste. Die meisten Anderen sind leicht neurotisch, jedoch unter entsprechenden Rahmenbedingungen. Der Opa ist ein Bilderbuch-Patriarch, die Uroma lustig verkalkt. Ansonsten halten alle samt und sonders irgendwie zusammen und demonstrieren somit die Stärke von Blutbanden. Am Ende sprießt dann der multiple, frühlingsgebundene Nachwuchs in Form lauter kleiner neuer Babys, die das republikanische Erbe ihrer Ära irgendwie weitertragen und selbst dereinst für neue Generationen kleiner Republikaner sorgen werden. Die dazugehörige Szene ist übrigens wirklich herzrührend und zu Randy Newmans unterlegter Musik großartig montiert. Nun kenne ich "Parenthood" aber schon so lange wie er alt ist und darf ihn als einen Evergreen bezeichnen, der mich seit gut zwanzig Jahren immer wieder aus der Alltagslethargie reißt. Ein kleiner, persönlicher Klassiker eben, dem ein halbwegs nüchternes Gerechtwerden durch meine Wenigkeit leider völlig versagt bleiben muss. Weil ich ihn, trotz seiner nicht wenigen Schwächen, unheimlich lieb habe. Wegen seiner traumhaften Besetzung in ungetrübter Höchstform und wegen Randy Newmans Titelsong. Und Joaquin hieß damals tatsächlich noch 'Leaf'.

8/10

Ron Howard Familie Kinder Ensemblefilm Midlife Crisis


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JEDER FÜR SICH UND GOTT GEGEN ALLE (Werner Herzog/BRD 1974)


"Ein schönes Protokoll, ein gutes Protokoll. Solch ein Protokoll gibt es nicht alle Tage!"

Jeder für sich und Gott gegen alle ~ BRD 1974
Directed By: Werner Herzog

In der Stadt Nürnberg wird am 26. Mai des Jahres 1828 ein junger Mann (Bruno S.) auf einem Dorfplatz vorgefunden, der einen schwer verwahrlosten Eindruck macht. Aus dem bisschen Geschreibe, das der Findling zu kritzeln im Stand ist, wird ersichtlich, dass sein Name 'Kaspar Hauser' lautet. Offenbar, so erfährt man, nachdem Kaspar gelernt hat, mit der Außenwelt zu kommunizieren, habe er sein ganzes bisheriges Leben in einem dunklen Verlies zugebracht und sei schließlich von einem ihm unbekannten Mann (Hans Musäus) hierher geführt worden. Den aufrechten Gang und seine spärliche Schreibfähigkeit habe er von dem Unbekannten erlernt. Nacheinander nehmen sich zunächst der Gefängnisaufseher Hiltel (Volker Prechtel) und dann der Theologe Daumer (Walter Ladengast) Kaspars an. Zwischenzeitlich muss er, um für seinen Unterhalt zu sorgen, auch in einer Kuriositätenschau auftreten und wird überhaupt zu einer lebenden Legende, der man unter anderem bald eine mysteriöse adslige Herkunft andichtet. Nur fünf Jahre nach seinem Erscheinen wird Kaspar schließlich von jenem Unbekannten, der ihn einst nach Nürnberg brachte, erstochen.

Für das historische Teilprogramm des Neuen Deutschen Films bildete das Sujet "Kaspar Hauser" ein willkommenes Gepräge, eignete es sich doch vortrefflich, um Parallelen zur sich gegenwärtig einnistenden Post-Wirtschaftswunder-Spießigkeit im geteilten Deutschland der frühen Siebziger zu ziehen und jene dann mittels einer wunderbar abseitigen Mischung aus Tragödie und eigenwilligem Humor filmisch aufzubereiten. Herzog zaubert purste Poesie aus dem Hut, wenn er immer wieder scheinbar unmotivierte bildliche Zäsuren auftischt: wogende Weizenfelder und Abendhimmel vorzeigt, einen Hag im sich brechenden Dämmerlicht oder vorgeblich Beiläufiges wie dumm stierende Passanten und Gaffer. Hier zeigt sich die grandiose Beobachtungsgabe, die vielen Regisseuren des deutschen Autorenfilms zu eigen war nebst ihrer Fähigkeit zur trockenen Kommentierung. Grandios die Einstellung, in der der fabulierfreudige Zirkusdirektor (Willy Semmelrogge) Kaspar als Höhepunkt seiner menschlichen Exoten vorstellt, die erst Farbe durch den vollends seiner Dichtung zuzuschreibenden Anekdotenreichtum bekommen. Die folgende Flurflucht der Gesellen, zu denen auch ein angeblich miniaturisierter König, ein "Mozartkind" und ein Flöte spielender Indianer zählen, wirkt wie eine Rebellion im Käfig. Und immer wieder betreten obskure Gestalten die Szenerie; ein Mathematiker (Alfred Edel), der mittels angeblich logischer Zusammenhänge Kaspars Geisteszustand zu untersuchen probiert, engstirnige Kirchenmänner (u.a. Enno Patalas) und, meine persönliche Lieblingsfigur, der alles wiederholende, kleinwüchsige Protokollant. Sehen, hören, staunen - geht hier alles.

9/10

Werner Herzog Biopic Kaspar Hauser Historie period piece Nürnberg Parabel Biedermeier


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THIS IS ENGLAND '86 (Tom Harper, Shane Meadows/UK 2010)


"I love you. I know you don't love me but I love you."

This Is England '86 ~ UK 2010
Directed By: Tom Harper/Shane Meadows

Drei Jahre nach seiner Zeit mit dem Skin Woody (Joseph Gilgun) und seiner Clique hat sich der mittlerweile fünfzehn Jahre alte Shaun (Thomas Turgoose) wieder ganz in sich zurückzegogen. Allzu gravierend die Ereignisse des Abends, an dem der bekiffte Combo (Stephen Graham) den farbigen Milky (Andrew Shim) unvermittels krankenhausreif geprügelt hat. Woody und seine Freundin Lol (Vicky McClure) wollen derweil heiraten, die Hochzeit muss jedoch wegen Woodys Zögern vertagt werden. Als Lols Vater (Johnny Harris), ein veritables Schwein, wieder in der Gegend auftaucht, zieht sich die junge Frau noch mehr in sich zurück. Nicht lange, da kommt es auch schon zur Katastrophe mit ungeahnten Konsequenzen...

Allein durch die gut doppelte Erzählzeit hat (und nutzt) Shane Meadows in seiner fürs Fernsehen produzierten Fortsetzung der Skinhead-Saga "This Is England" die Möglichkeit, noch sehr viel differenzierte Figurenporträts anzulegen und die die teilweise nur oberflächlich eingeführten Charaktere des Originalfilms deutlich schärfer zu konturieren. Dass ausgerechnet die bislang als kaum mehr denn als liebenswerte Heldenfreundin gezeichnete Lol ganz sacht ins narrative und emotionale Zentrum der kleine Reihe gerückt wird, indem die Geschichte ihr sowohl eine schwierige Lebenskrise aufbürdet als auch einige unfassbare Details aus ihrer familiären Vergangenheit preisgibt, wäre kaum zu vermuten gewesen. Auch der am Ende von "This Is England" noch so prächtig in seiner Absage an die National-Front-Nazismus stilisierte Shaun steht vor neuen Identitätskrisen: Seine Mom (Jo Hartley) bendelt mit dem Einzelwarenhändler Sandhu (Kriss Dosanjh) an. Immerhin ist Shaun mittlerweile alt und groß genug, um seinerseits wirklich etwas mit der exaltierten Smell (Rosamund Hanson) abstarten zu können. Der zuvor noch so fürchtenswerte Banjo (George Newton) ist derweil ein nettes Lämmchen geworden und voll in die Clique integriert, während man von Combo zunächst überhaupt nichts hört, seine spätere Einlassung aber umso dramatischer ausfällt. Lieben, Hassen, Freud, Leid, Leben, Ska, Pop, Punk. Und über allem schweben Thatcherismus und die Fußball-WM in Mexiko. Alles in gut drei Stunden "This Is England '86" geballt und im Überfluss vorhanden. Mehr geht nicht. Es lohnt sich daher, sich davon mitreißen zu lassen und am Ende um weitere Anekdoten um Lol & Co. zu betteln. Tatsächlich ist das nächste update ja bereits am Start. Gut für mich.

10/10

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THE KILLING OF SISTER GEORGE (Robert Aldrich/USA 1968)


"Some people prefer two eggs but I think one's enough."

The Killing Of Sister George (Das Doppelleben der Sister George) ~ USA 1968
Directed By: Robert Aldrich

Nobody wants you when you're down, old and ugly - diese böse Erfahrung macht die alternde Londoner Actrice June Buckridge (Beryl Reid), die seit Jahren in der beliebten Langzeit-TV-Soap "Applehurst" die Krankenschwester George spielt. Als die BBC, im Speziellen die Directrice Mercy Croft (Coral Browne), Junes Rolle aus der Serie streichen und sie somit herausmobben will, hat man leichtes Spiel: Infolge der fragilen Beziehung mit ihrer Freundin Alice (Susannah York), um deren Fortbestand June tagtäglich fürchtet, flüchtet sie sich nämlich mit zunehmender Regelmäßigkeit in den Suff und macht dann schonmal unsittlich ein paar junge Nonnen an. Als die sich betont konservativ gebende Croft ihre eigene Leidenschaft für Alice entdeckt, ist June endgültig verloren.

Wiederum Bahnbrechendes von Aldrich, das ähnlich wie der unmittelbar zuvor gefertigte "The Legend Of Lylah Clare" bereits jene gleichermaßen zynische und desillusionierte Sicht des Regisseurs auf die Dinge des Lebens vorwegnimmt, die sein gesamtes Spätwerk bestimmen soll. Allein die beiläufig wirkende Darstellung des Londoner Lesbierinnen-Milieus in Zeiten, da die Filmkategorie 'Queer Cinema' in etwa so utopisch angemutet haben dürfte wie Tablets, nimmt sich revolutionär aus; So here Aldrich finally got, allein unter Frauen, die keine Männer (mehr) brauchen. Ohne auch nur den geringsten Schritt in Richtung Denunziation oder Feme zu unternehmen berichten Stück und Script von einer rein weiblichen Dreiecksbeziehung, an deren bösem Ende einzig der Karrierismus der Jüngeren den Stutenkampf der beiden Älteren bestimmt.
Coral Browne, die bereits in "Lylah Clare" eine wütende Matriarchin darzustellen hatte, ist wiederum fantastisch als alte Redaktionshexe mit bourgeoiser Maske und verdrängter Sexualität, derweil die noch unglaublichere Beryl Reid bis zur Selbstaufgabe eine der monumentalsten Frauenfiguren präsentiert, der ich je das erquickliche Vergnügen hatte, im Film zuzusehen. Schauspiel- und Auteurkino von allerhöchsten Himmelsgnaden ist das zutiefst berührende Resultat. Und: Aldrich at his very finest for sure.

10/10

Robert Aldrich Fernsehen London based on play Skandalfilm Alkohol Homosexualität


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TUFF TURF (Fritz Kiersch/USA 1985)


"This isn't Connecticut. No one has insurance around here."

Tuff Turf (Love-Fighters) ~ USA 1985
Directed By: Fritz Kiersch

Von Connecticut nach Culver City: Für den Teenager Morgan (James Spader), ohnehin kein "einfacher" Junge, nicht eben die leichteste Umstellung. Nach dem Besuch diverser Eliteschulen findet der junge Mann sich nach dem wirtschaftlichen Fall des Vaters (Matt Clark) nurmehr in West-L.A. wieder und macht sich in der Person des brutalen Schlägers Nick (Paul Mones) umgehend einen veritablen Todfeind. Als Morgan zudem sein Interesse an Nicks Freundin Frankie (Kim Richards) bekundet und damit offene Türen einrennt, dreht Nick endgültig durch.

Wenngleich "Tuff Turf" als Vertreter der harten Teenagerfilm-Welle der Achtziger, in denen sich eines oder mehrere Individuen gegen eine gewalttätige gegnerische peer group zur Wehr zu setzen haben, durchaus einen breiten Fuß in der Tür hat, ist er über einen gewissen Insider-Status nie hinausgekommen. Recht schade eigentlich, denn für den fönfrisierten James Spader, der gleich darauf in dem themenverwandten "The New Kids" eine Rolle von der anderen Seite des Spektrums spielte, stellt "Tuff Turf" einen beachtlichen Meilenstein dar. Zusammen mit seinem Kumpel Robert Downey Jr., der auch im Film Spaders Buddy ist, gibt er am Ende den bösen Jungs, die die Gewalt- und Toleranzspirale immer weiter ausreizen und zu immer drastischeren Mitteln greifen, um den seinerseits immer röter sehenden Gegner zu triezen, nicht nur mit Dobermännern und Luftpistolen Saures.
Die etwas märchenhaft angelegte Romanze, die ein wenig von der "West Side Story" abschaut und mit einer Prise modischer, letztlich jedoch unbedeutender Sozialkritik versetzt ist, wird dabei zum Drehmoment und Motor des dargestellten teenage war. Die Girls - sie waren schon immer unser heimlicher Untergang.

6/10

Fritz Kiersch Los Angeles Teenager Rache Familie


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CALIGOLA (Tinto Brass/I, USA 1979)


"If only all of Rome had just one neck..."

Caligola ~ I/USA 1979
Directed By: Tinto Brass

Rom im Jahre 37: Caligula (Malcom McDowell), Enkel des amtierenden Kaisers Tiberius (Peter O'Toole), lässt seinen Großvater von seinem Berater Macro (Guido Mannari) ermorden und sich selbst zum Imperator krönen: Der Beginn einer vierjährigen Schreckensherrschaft, die nach diversen Regierungsskandalen und Bloßstellungen des Senats schließlich von einem lange schwelenden Prätorianer-Aufstand beendet wird.

"Caligola" stellte seinerzeit die erste Möglichkeit für das Feuilleton dar, guten Gewissens einen Film mit pornographischem content besprechen zu dürfen, was natürlich prompt mit der zu erwartenden Ablehnung und mit oberflächlichem Widerwillen quittiert wurde. Blödsinn. Selbst in der nachträglich von "Penthouse"-Kopf Bob Guccione und seinen Schergen umgeschnittenen und modifizierten Fassung, die dann zu Brass' Leidwesen zur allgemein bekannten avancierte, markiert "Caligola" das einzigartige Fanal eines Wahnsinnsprojekts, das mit seiner ebenso kunstvollen wie provozierenden Bildsprache von vornherein als Kulturaffront begriffen werden musste. "Caligola" ist letzten Endes zu einer monströsen Kino-Hydra mutiert, als das zerrissene Werk vierer Egomanen mit jeweils völlig unterschiedlichen Vorstellungen des abschließenden Resultats. Der Scriptautor Gore Vidal hatte den Film als satirische Studie um Cäsarenwahn und Korrumpiertheit im Angesichte totaler Macht konzipiert, Tinto Brass wollte dann daraus eines seiner voluminösen Erotikepen formen, die Produzenten Guccione und Franco Rosselini zerstritten sich und waren zu keiner weiteren Zusammenarbeit bereit; schließlich ließ Guccione nach Beendigung der Dreharbeiten die Filmrollen ohne Brass' Einverständnis in die USA fliegen, um dort die in aller Welt gezeigte Schnittfassung zu besorgen. Der vorliegende Film mag mit Brass' Intentionen nicht mehr viel zu tun haben und es ist bedauerlich, dass Kernsequenzen wie eine Senatsrede, die Caligula von seinem Hengst Incitatus halten ließ, nicht nur weggefallen, sondern anscheinend verschollen sind. Dennoch erscheint mir der Film trotz seiner nachträglich von Guccione und Giancarlo Lui eingefügten Hardcore-Elemente stimmig und erstaunlich wohlkomponiert. Um die Darstellung eines irrsinnigen Charakters halbwegs nachvollziehbar arrangieren zu können, sollten gewisse Ungewöhnlichkeiten zum Maß gemacht werden und ebendies ist hier eben der Fall. "Caligola", sich in Blut und Sperma suhlend, beeindruckt und begeistert mich sogar in dieser Form als einer der wenigen Filme, denen ich das Prädikat 'absolutistisch' zukommen lassen würde. Ein einzigartiges Werk vor allem, und, das ist das Schönste, unter Garantie vor geistloser Neuanordnung gefeit.

9/10

Tinto Brass Rom Römisches Reich Historie period piece Madness Skandalfilm Splatter Parabel


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CHAPLIN (Richard Attenborough/USA, J, F, I 1992)


"If you want to understand me, watch my movies."

Chaplin ~ USA 1992
Directed By: Richard Attenborough

Der große Filmemacher und Slapstickpionier Charles Chaplin (Robert Downey Jr.) geht mit seinem Biographie-Lektoren George Hayden (Anthony Hopkins) seine Lebensgeschichte durch, rund um Chaplins Emigration nach Amerika, seine ersten Gehversuche beim Film, seine zahlreichen Ehen und schließlich seine Zwangsausweisung durch Chaplins ewigen Intimfeind, den FBI-Chef J. Edgar Hoover (Kevin Dunn).

Mustergültiges Biopic, das ich immer gern als Finale einer entsprechenden Trilogie betrachtet habe, welche meiner Kontinuitätslogik zufolge dann mit "Gandhi" und "Cry Freedom" ihre ersten zwei Drittel hervorgebracht hätte. Allen drei Filmen gemein ist die jeweils atemberaubend inszenierte Lebenszeichnung einer ikonischen Persönlichkeit des letzten Jahrhunderts, wobei "Chaplin" natürlich nur einen sekundären politischen Subtext beinhaltet. Jener beschränkt sich auf Chaplins Kleinkrieg mit Hoover, der dem Künstler regelmäßig Staatsfeindlichkeit vorwarf, dessen Vielweiberei mit deutlich jüngeren Partnerinnen dem FBI-Direktor ein ewiger Dorn im Auge war und der somit 1952 unter dem Deckmantel eines Scheinprozesses prompt des Landes verwiesen wurde, nachdem er mit seiner letzten Frau Oona (Moira Kelly) eine Europareise angetreten hatte. Es gibt also viel zu berichten und Attenborough erfüllt diesen seinen Auftrag bravourös, stets unter dem Banner der für solche Filme üblichen Mischung aus Faszination und Kritik. Downey Jr.s beängstigend selbstaufgegebenes Spiel ist eine Sternstunde authentifizierter Filmdarstellung und dürfte bis heute den unangefochtenen Höhepunkt seiner Laufbahn markieren. Dazu gibt es viel Glamour, liebevoll-detailversessene Ausstattung, eine bis in Kleinstrollen fantastische Besetzung und John Barrys gewohnt schwelgerische Musik, die sowieso jeden Film zur Oper generiert. Ein Hochgenuss.

9/10

Charles Chaplin Richard Attenborough Film im Film Biopic Ehe period piece Hollywood J. Edgar Hoover





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Funxton

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