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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE PURPLE ROSE OF CAIRO (Woody Allen/USA 1985)


"You can't learn to be real. It's like learning to be a midget."

The Purple Rose Of Cairo ~ USA 1985
Directed By: Woody Allen

New Jersey zur Zeit der Großen Depression: Die unglücklich verheiratete Cecilia (Mia Farrow) flüchtet sich mittels regelmäßiger Kinobesuche allabendlich in die Glitzerwelt Hollywoods und träumt davon, eines Tages von Fredric March, Leslie Howard oder Fred Astaire aus ihrem tristen Sackgassendasein entführt zu werden. Ihr neuester Lieblingsfilm ist "The Purple Rose Of Cairo", aus dem urplötzlich eine Nebenfigur, der Ägyptologe und Poet Tom Baxter (Jeff Daniels), von der Leinwand herabsteigt und Cecilia seine Liebe gesteht. Die Filmfigur findet sich allerdings nur schwer in der - zudem gegenwärtig düsteren - Realität zurecht, sein Geld ist nichts wert, bei Schlägereien kommen unfaire Ausleger und die Liebe kennt hier keine Abblende. Schließlich kommt Gil Shepherd (Jeff Daniels), der Schauspieler, der Tom Baxter im Film porträtierte, nach Jersey und dient sich ebenfalls Cecilia ein - als greifbarer, echter Mann aus Fleisch und Blut...

Wie man's macht, macht man's falsch - damit geht Woody Allen stets gern hausieren und bedient sich dabei der süßen Bitterkeit verschmitzter Humoreske. So auch in "The Purple Rose Of Cairo", der zwangsläufig ohne den Meister auf der Leinwand auskommen muss, weil in diesem Fantasy-Stück über die Kraft der Imagination kein Platz ist für bebrillte kleine Intellektuelle oder Neurotiker. Die Figuren sind entweder über- oder unterlebensgroß, repräsentieren das Leben in all seinen Schwächen und knauserigen Fügungen oder jenen Hollywood-Eskapismus der frühen Dreißiger, in dem die Screwball-Parallelrealität sich in aller notwendigen Gegenteiligkeit die Bahn frei machte, um die Leute für ein paar Cents zumindest kurzfristig auf andere Gedanken zu bringen und die sich aufstauende Wut ein klein wenig zu sublimieren. Natürlich liebt Allen diese historische Phase, ist sie doch von teilweise autobiographischer Färbung. Ganz wunderbar die kleinen Seitenhiebe auf die soziale, nationale Unsicherheit: Allein die Erwähnung des Kürzels FBI kommt einer Drohung gleich und wenn jemand auch nur das Wort "Solidarität" in den Mund zu nehmen wagt, ist er gleich ein Roter.
Köstlich, schön, liebenswert.

9/10

Woody Allen New Jersey Great Depression Kino Film im Film Hommage Hollywood Groteske


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STORMY MONDAY (Mike Figgis/UK, USA 1988)


"Can I take you somewhere, Kate?"

Stormy Monday ~ UK/USA 1988
Directed By: Mike Figgis

Während der USA-Woche in Newcastle bekriegen sich der großspurige amerikanische Manager-Gangster Cosmo (Tommy Lee Jones) und der hier heimische Nachtclubbesitzer Finney (Sting). Mitten in deren Konflikt platzt die vorsichtige Romanze zwischen Finneys frisch eingestellter Reinigungskraft Brendan (Sean Bean) und Cosmos Liebchen Kate (Melanie Griffith)

Ein Film der zerfließenden Grenzen: geographisch, kulturell formal. Die USA und Polen mit ihrer jeweils lauten, nassforschen Art brechen sich mittels jeweils mehr oder weniger typischer Exportschlager in der Kohlenmetropole Raum; die Staaten mit einem Gangsterfatzke voller imperialistischem Selbstverständnis, die Polen via eine verrückte Free-Jazz-Truppe, das "Krakauer Jazz-Ensemble". In England treffen sie auf niemand Geringeren als den durch nichts aus der Ruhe zu bringenden Sting (der kurz zuvor in der wirklichen Welt sein musikalisches opus magnum "...Nothing Like The Sun" veröffentlicht hatte und sich somit wohl zu Recht kurzfristig unbesiegbar vorkommen mochte), der ihnen allen die Leviten liest und dem frisch institutionalisierten Liebespaar am Ende seinen Schutzsegen erteilt. Jazz, Blues, Soul; T-Bone Walker, Otis Redding, B.B. King landen in einem Topf, wo die britische Musikkultur doch so reichhaltig scheint. In einer vielsagend-schönen, offenbar improvisierten Einstellung lauschen ein paar lokale Punks dem musikalischen Treiben gleichsam fasziniert wie befremdet.
Ein weithin unspektakulärer, aus heutiger Sicht vielleicht gar etwas befremdlich anmutender Film ist "Stormy Monday", der sich jedoch recht gut der regennassen, neonglitzernden englischen Gangsterfilm-Idiosynkrasie der Dekade, nominell Exempeln wie "The Long Good Friday" oder "Mona Lisa" zugesellen lässt und ein immer noch inspirierend zu betrachtendes Figgis-Werk darstellt.

8/10

Mike Figgis Newcastle Jazz Nacht


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RAY (Taylor Hackford/USA 2004)


"Don't jive me, man."

Ray ~ USA 2004
Directed By: Taylor Hackford

Der bereits in früher Kindheit erblindete Ray Charles Robinson (Jamie Foxx) lernt rasch, sich auf eigene Faust durchs Leben zu beißen und anderen gegenüber ein gesundes Misstrauen zu wahren. Als virtuoser Pianist und Musiker, der verschiedenste Stile wie Blues, Gospel, Soul, Country & Western vermengt und daraus einen ganz speziellen Sound kreiert, ist Ray Charles, wie er sich nunmehr nennt, um Verwechslungen mit dem schwarzen Boxer Sugar Ray Robinson vorzubeugen, so erfolgreich wie kaum ein Zweiter. Dennoch ist er über viele Jahre hinweg heroinsüchtig, betrügt seine Frau Della (Kerry Washington) und kämpft mit tiefverankerten Neurosen.

Eine der mustergültigen Musiker-Spielfilmbiographien der letzten Jahre, zusammen mit "Walk The Line" vermutlich sogar an deren Spitze. Hier wie dort wird das wechselvolle Leben eines ebenso widersprüchlichen wie genialen Künstlers, der für seine jeweilige Art von Musik als unantastbare Ikone gilt, in einer speziellen Mischung aus tiefer Bewunderung, Ehrerbietung und Schonungslosigkeit dargelegt. Taylor Hackford, der die Rechte an einem Biopic über Ray Charles bereits seit 1987 in der Hinterhand hatte, wiedervereint dabei - Zufall oder nicht - nach fast zehn Jahren allein vier Darsteller des Ensembles aus "Dead Presidents" von den Hughes Brothers und findet mit Jamie Foxx einen Interpreten für Ray Charles, der eine fast beängstigende Metamorphose durchlebt. Eine solche Verschmelzung von realer Person und Darsteller dürfte einen Sonderfall markieren. Doch auch Hackfords inszenatorische Einfälle sind von großer Kraft. Rays Kindheitserinnerungen an jene Tage in Georgia, als er noch sehen konnte, werden mit kräftigen Farben akzentuiert, einführende Stadtbilder werden als zeitgenössische Super-8-Aufnahmen dargestellt. Schließlich bekommt "Trainspotting" ernsthafte Konkurrenz in seiner filmischen Präsentation eines kalten Heroinentzugs. Man kann nur mutmaßen, welche Visionen sich vor den Augen eines blinden Mannes unter Nadelentwöhnung abspielen, aber Hackfords diesbezügiche Bilder erreichen da schon eine recht eingängige Qualität.

9/10

Taylor Hackford Biopic Musik period piece Drogen Heroin Blindheit Soul Südstaaten Texas Los Angeles Georgia


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NIGHT ON EARTH (Jim Jarmusch/USA, F, D, UK, J 1991)


"Fuck you, fuck you... nette Familie."

Night On Earth ~ USA/F/D/UK/J 1991
Directed By: Jim Jarmusch

Zur gleichen Abend- bzw. Nachtstunde fahren fünf TaxifahrerInnen einen besonderen Fahrgast durch ihre jeweilige Weltmetropole: Die rustikale Corky (Winona Ryder) transportiert die Casting-Agentin Victoria (Gena Rowlands) in L.A., der ostdeutsche Exilant Helmut (Armin Mueller-Stahl) fährt in New York den aufgdrehten Yoyo (Giancarlo Esposito) bzw. lässt sich von ihm fahren, in Paris sitzt eine hübsche blinde Frau (Béatrice Dalle) im Taxi eines Elfenbeinküste-Auswanderers (Isaach De Bankolé), in Rom quatscht ein hyperaktiver Fahrer (Roberto Benigni) mit einer umfassenden Beichte über sein leicht perverses libidinöses Geheimleben einen Priester (Paolo Bonacelli) zu Tode und in Helsinki lehrt der traurige Mika (Matti Pellonpää) drei jammernde Fahrgäste (Kari Väänänen, Sakari Kuosmanen, Tomi Salmela), was wahrer Lebensschmerz ist.

Jarmuschs in meinen Augen schönster Film schildert in fünf Episoden, die man wohl treffend als 'city-wise' bezeichnen möchte, ein paar von zig Milliarden Einzelschicksalen, zufällige Begegnungen, große Lernprozesse, mögliche Freundschaften und schlicht und einfach Absurdes. Es wird massig gequalmt und geredet und so, wie jede Geschichte sich von ihrem Grad an emotionaler Involvierung, an Poesie, Humor oder Traurigkeit von den anderen abhebt, so rund ist am Ende auch der Gesamteindruck, eine Zeitrafferreise mit Beamtransport über den halben Globus und dabei eine ganz andere Form von filmischer Observierung, nämlich waschechten Seelenvoyeurismus, absolviert zu haben.

10/10

Jim Jarmusch Los Angeles New York Paris Rom Helsinki Taxi Ensemblefilm Blindheit Alkohol Zigaretten


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O BROTHER, WHERE ART THOU? (Joel Coen/USA 2000)


"Damn! We're in a tight spot!"

O Brother, Where Art Thou? ~ USA 2000
Directed By: Joel Coen

Irgendwann während der Depressionszeit bricht der ölige Kettensträfling Ulysses Everett McGill (George Clooney) zusammen mit seinen beiden grenzdebilen Mitgefangenen Pete Hogwallop (John Turturro) und Delmar O'Donnell (Tim Blake Nelson) aus dem Knast in Mississippi aus. Seinen beiden Kompagnons erzählt er, es gäbe dringend noch einen vergrabenen Schatz zu bergen, bevor das entsprechende Stück Land sich in einen Stausee verwandele; tatsächlich will McGill jedoch die Hochzeit seiner gewschiedenen Frau (Holly Hunter) mit einem schmierigen Wahlhelfer (Ray McKinnon) verhindern. Die Reise durch den Magnolienstaat gestaltet sich für das Ausbrechertrio wie eine Odyssee, auf der man zunehmend seltsamen Typen begegnet...

Nach einem Umweg über Kalifornien mit "The Big Lebowski" landeten die Coens pünktlich zum Jahrtausendwechsel im (buchstäblich) Goldenen Süden. Wie sich zeigt, gibt es auch dort eine großzügige Anzahl hinreichend eigenwilliger Persönlichkeiten, die es lohnenswert machen, auch über diesen Teil Amerikas eine Coen-Geschichte zu erzählen, dazu erstmals in Scope. Titel und Idee des Films haben dabei berewits einen ganz langen Bart; tatsächlich geht "O Brother, Where Art Thou?" auf Preston Sturges' Meisterwerk "Sullivan's Travels" zurück, in dem ein Regisseur für die Verfilmung eines sozialkritischen Stoffs selbst zum Hobo wird. Für das Trio Everett, Pete und Delmar gestaltet sich die Reise über das sommerliche Land auch wie eine Reise durch die Ära: Berühmte Persönlichkeiten wie der Bluesmusiker Tommy (Robert) Johnson (Chris Thomas King) oder der Bankräuber George "Babyface" Nelson (Michgael Badalucco) werden zu kurzfristigen Weggefährten, ergänzend finden sich reanimierte Figuren aus Homers "Odyssee" ein, wie die Sirenen (Mia Tate, Musetta Vander, Christy Taylor) oder der Zyklop Polyphem (John Goodman), die sich bei den Coens allerdings zu realen Missetätern der Gegenwart umgemodelt finden. Ein Film über den alten Süden wäre natürlich nicht komplett ohne brennende Kreuze und grand wizards, geschweige denn ohne Banjo und Bluegrass. Und weil es in Mississippi so wenig Berge gibt, werden aus den 'Foggy Mountain Boys' eben kurzerhand die 'Soggy Bottom Boys'.
Der Film ist schon formvollendet auf seine Weise, nur, dass er mich etwas weniger anspricht als andere Coen-Odysseen. Möglicherweise trägt daran der unübersehbare Wunsch nach inszenatorischer und erzählerischer Epik ein gewisses Schuldmaß. Allerdings lehrte mich die jüngst gemachte "Hudsucker-Proxy"-Erfahrung, künftig weitsichtiger zu urteilen. Wer weiß, beim nächsten Mal wird "O Brother" vielleicht zu meinem Lieblings-Coen. Diesmal hielt sich das Vergnügen bei aller Bewunderung für die Stilsicherheit der Brüder jedoch in Grenzen.

8/10

Coen Bros. Südstaaten Great Depression Mississippi Flucht Bluegrass Musik Hommage Road Movie


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FARGO (Joel Coen/USA 1996)


"Yah?" - "Yah."

Fargo ~ USA 1996
Directed By: Joel Coen

Für den armen Jerry Lundegaard (William H. Macy), Autoverkäufer und Familienvater aus Minneapolis, geht finanziell alles schief. Dazu lässt sein reicher Schwiegervater Wade (Harve Presnell) ihn am ausgestreckten arm verhungern. Also kommt Jerry auf die Idee, eine Scheinentführung seiner Frau Jean (Kristin Rudrüd) zu inszenieren und sich mit dem von Wade gezahlten Lösegeld zu sanieren. Dummerweise engagiert er für den Job die zwei ebenso gewalttätigen Soziopathen Showalter (Steve Buscemi) und Grimsrud (Peter Stormare), die schon kurz nach Jeans "Inempfangnahme" anfangen, Leichen aufzutürmen. Die schwangere Kleinstadtpolizistin Marge Gunderson (Frances McDormand) löst den obskuren Fall mittels ihrer ebenso offenen wie aufdringlichen Art.

"Fargo" dürfte der Film sein, der den Coens ihre noch letzten unerschlossenen Publikumssegmente eingefahren hat, dabei ist er nicht mehr oder weniger anbiedernd als ihre vorhergehenden Werke, sondern ein ebenso verschrobener Glücksspender wie man es von ihrem bisherigen Œuvre eben kennt. Die winterliche Atmosphäre Minnesotas unterdrückt sämtliche Schallwellen, noch unterstützt durch Carter Burwells unheilschwangere Musik. Höchstens Carl Showalters manchmal aufbrausende Art oder die diversen Pistolenschüsse lassen einen aus jener befremdlich angespannten Lethargie hervorschrecken, die die Coens so wie kein anderer gegenwärtig aktiver Filmemacher zu evozieren verstehen. Dazu ist der Film urkomisch, indem er den Mittleren Nordwesten mit seinen schwedischen Immigranten in der x-ten Generation so urig wie sonderbar porträtiert, ohne sie jedoch zu denunzieren. Schließlich stammt man selbst aus der Gegend und pisst sich nicht ins heimische Wohnzimmer. Sein Leben bezieht "Fargo" aus der jeweils freundlichen als auch unnachgiebigen Natur seiner Figuren. Niemand gibt auf, in allen schlummert hinter ihrer lächelnden Fassade ein Wolf, seien es die liebenswerte Chief Gunderson oder auch der Superloser Jerry Lundegaard. Und dann sind da freilich die wie Fremdkörper auftretenden Nebencharaktere, nach deren Auftreten man sich am Kopf zu kratzen geneigt ist, um dann erst zu verstehen, dass der Film ohne sie unvollständig wäre - der Indianer Chep Proudfoot (Steven Reevis) etwa, Marges alter Schulfreund Mike Yanagita (Steve Park) oder die beiden Huren (Larissa Kookernot, Melissa Peterman), mit denen sich Carl und Gaear im Motel vergnügen. Ein leidenschaftlich-verhalten vorgetragenes Kaleidoskop der US-Provinz entspinnt sich da, das ausnahms- und glücklicherweise einmal nicht im Süden angesiedelt ist.

10/10

Coen Bros. Winter Ensemblefilm Minnesota Minneapolis


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THE LONG, HOT SUMMER (Martin Ritt/USA 1958)


"Miss Clara, you slam the door in a man's face before he even knocks on it."

The Long, Hot Summer (Der lange, heiße Sommer) ~ USA 1958
Directed By: Martin Ritt

Der allerorten als Brandstifter verschriene Tagelöhner Ben Quick (Paul Newman) kommt in das Kleinstädtchen Frenchman's Bend. Hier ist der alternde Gutsbesitzer Will Varner (Orson Welles) die Ton angebende Persönlichkeit. Varner ist von Quicks fordernder und umwegloser Art beeindruckt und räumt ihm zunehmend gewichtigere Positionen in seinem Familienbetrieb ein - ganz zum Unwillen von Varners Sohn Jody (Anthony Franciosa), einem notorischen Taugenichts und Versager, der von der herrischen Art seines Vaters bereits schwer neurotisiert ist. Jodys Schwester Clara (Joanne Woodward) derweil, Mitte 20, Lehrerin und noch immer unverheiratet, gebärdet sich als alternde Jungfer. Dabei fände der alte Varner in Ben Quick den idealen Schwiegersohn.

Eines der großen Südstaatenepen der fünfziger und sechziger Jahre, in einer Reihe mit dem kurz darauf entstandenen "Cat On A Hot Tin Roof", "Home From The Hill" oder "The Fugitive Kind", die allesamt die vordergründige Lebensweise und die patriarchalischen Strukturen der Gegend observieren und ihre jeweiligen Lehren daraus ziehen. Im Gegensatz zu vielen anderen hier ansässigen Dramen basiert "The Long, Hot Summer" jedoch nicht auf einem Stück von Tennesse Williams, sondern auf einigen Kurzgeschichten sowie einem Roman William Faulkners. Die unweigerliche Katharsis am Ende zieht hier ausnahmsweise keine tiefen Brüche nach sich, sondern beschert sämtlichen ProtagonistInnen das erlösende Glück. Alte Beziehungen werden neu überdacht und neue, stabile, geknüpft. Damit nimmt sich "The Long, Hot Summer" durchaus wie ein Heimatfilm aus; geprägt von einer unübersehbaren Liebe zu Land und Menschen. Selbst der bärbeißige Patriarch Will Varner ist kein intriganter Knochen, sondern ein sympathisch gezeichneter, zu Zugeständnissen fähiger, und sogar liebenswerter Provinzkönig. Am Schluss des Films ist also alles geregelt und in Butter, was sich wiederum, in Kenntnis all der anderen, "lokalen" Dramen um Standesdünkel, Rassismus, sowie intra- und interfamiliären Hass geradezu befremdlich ausnimmt. Aber warum nicht - eine unverhohlene Liebeserklärung an den Süden und seine Bewohner ist auch mal ganz schön anzuschauen.

7/10

Martin Ritt William Faulkner Mississippi Südstaaten Familie


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REDACTED (Brian De Palma/USA, CA 2007)


"Well, I have an appointment with him - in Samarra."

Redacted ~ USA/CA 2007
Directed By: Brian De Palma

Aufgeputscht von Alkohol, Drogen, sexueller Frustration und vor allem Rachegedanken bezüglich des gewaltsamen Todes ihres Sergeants (Ty Jones) machen sich zwei in Samarra stationierte, junge US-Soldaten (Reno Flake, Daniel Stewart Sherman) auf, ein einheimisches fünfzehnjähriges Mädchen (Zahra Zubaidi) zu vergewaltigen. Dabei werden das Mädchen selbst und seine Familie kurzerhand hingemordet. Ein Zeuge (Rob Devaney) des Verbrechens hält den seelischen Druck schließlich nicht länger aus und vertraut sich der Kommandatur an.

Diverse Kritiker fragten sich und auch ihn selbst, warum De Palma ausgerechnet ein "Remake" seines wenig erhebenden Film "Casualties Of War" vor Golfkriegskulisse machen musste. Eine lächerliche und obsolete Unterstellung. Wie "Casualties" basiert nämlich auch "Redacted" auf einem authentischen Verbrechen, dass sich nur ein paar Jahre zuvor auf irakischem Boden ereignete. Selbst De Palmas Kulturdidaktik konnte der Bestie Mensch langfristig keine Vernunft einbläuen. "Redacted" liefert eine hochkomplexe Meditation über das Wesen nicht nur der Massenmedien, sondern auch über das des Filmemachens, die Godards vielzitiertes Paradigma, demzufolge Film 24-mal pro Sekunde Wahrheit sei, wütend ad absurdum führt. Der Film zeigt, dass es niemals die eine Wahrheit geben kann, schon gar nicht bei entsprechender Nachbereitung des Materials. De Palma entlarvt sich demzufolge freimütig selbst als einen der größten Lügner von allen. Sein Metier lässt, soviel lässt sich ferner noch feststellen, allerdings auch keine andere Verfahrensweise zu. Die chronologisch abgespulten Ereignisse des Films lassen sich auf mehrere Quellen zurückführen: Auf die Amateuraufzeichnungen eines jungen Private (Izzy Diaz), auf eine "kunstbeflissene" Dokumentation eines französischen Filmteams (deren Bilder unbentwegt von Händels Sarabande unterlegt sind) den Internetstream eines arabischen Terrornetzwerks, Bilder von Überwachungskameras und Youtube-Clips. De Palma jedoch montiert, er bastelt daraus erst die dramturgische Kohärenz, er ist der "Redakteur", wenngleich die geschwärzten und von ihm wieder erfahrbar gemachten "Textstellen" einen authentischen Ursprung haben. Am Ende ist jedoch auch dieser Film nur eine Varianz der Wahrheit. Er selbst aber weiß dies am Besten und macht auch keinen Hehl daraus, was ihn sogar noch wertvoller macht als er es ohnehin schon ist.

9/10

Brian De Palma Golfkriege Naher Osten Militär embedded filming Vergewaltigung


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THE BONFIRE OF THE VANITIES (Brian De Palma/USA 1990)


"Trust me. Nothing is going to come of this little newspaper article. Absolutely nothing."

The Bonfire Of The Vanities (Fegefeuer der Eitelkeiten) ~ USA 1990
Directed By: Brian De Palma

Der millionenschwere Wall-Street-Broker Sherman McCoy (Tom Hanks) verirrt sich eines Nachts mit seiner Geliebten Maria Rushkin (Melanie Griffith) im Wagen in die South Bronx. Als zwei farbige Wegelagerer sie ausrauben wollen, setzt Maria den Wagen zurück und fährt dabei einen der Männer an. Trotz Bedenken seitens Sherman meldet man den Vorfall nicht der Polizei. Ein Fehler, denn das Unfallopfer fällt zwei Tage später ins Koma und der ständig besoffene Klatschjournalist Peter Fallow (Bruce Willis) bauscht die Geschichte soweit auf, dass sie zu einem stadtweiten Politikum wird. Sherman wird nunmehr wegen Fahrerflucht gesucht und alsbald verhaftet. Für den geldgierigen schwarzen Prediger Reverend Bacon (John Hancock) bildet der Fall eine ebenso willkommene Profilierungsrampe wie für den jüdischen Staatsanwalt Abe Weiss (F. Murray Abraham) und seinen Untergebenen Kramer (Saul Rubinek). Die Hexenjagd auf Sherman ist eröffnet, er verliert Job, Heim und Familie, derweil Maria von nichts eine Ahnung haben will...

Die Adaption des binnen weniger Jahre zu einem Kultroman aufgestiegenen Wolfe-Buches war bereits hollywoodintern beschlossene Sache, als das Ding noch als Fortsetzungsgeschichte im Rolling Stone erschien. Wolfe, dessen erster Roman "The Bonfire Of The Vanities" ist, wurde als Journalist-/Autor zu diesem Zeitpunkt bereits in einer Ahnenreihe mit Truman Capote und Norman Mailer gewähnt. Dass ausgerechnet Brian De Palma die Verfilmung des von einer überaus ätzenden Gesellschaftskritik geprägten Romans übernehmen sollte, war möglicherweise nicht eben selbstverständlich; passt er doch auf den ersten Blick überhaupt nicht in De Palmas motivischen Wirkungskreis. Das zu befürchtende Echo schallte dann auch kurz nach der Premiere des Films durch den abgeklärten amerikanischen Blätterwald (hierzuland hatte es der Film wesentlich leichter). Der Film trete die Komplexität des Buches mit Füßen hieß es da, dass gewichtige Rollen wie die des Staatsanwaltsstellvertreters Kramer auf Statistenniveau heruntergeschält würden und dass die Leistungen Darsteller ein Witz seien. An De Palmas Stelle hätte ich vor lauter Erbostheit angesichts solch nicht nur unfairer, sondern vor allem haltloser und eitler Zerreißerei vermutlich nie wieder einen Film gemacht. "The Bonfire Of The Vanities" gehört tatsächich zu den Sternstunden seines Regisseurs und ist ein wunderbares Beispiel für die Übersetzung des geschriebenen Wortes in eine ihm angemessene Filmsprache. Als eine der beißendsten und auch bösesten Sozialsatiren ihrer Zeit kennt der Film keine Helden. Das hier porträtierte Manhattan besteht aus einem widerwärtigen Egomanenpool, den ebensogut auch eine Atombombe hinwegfegen könnte, ohne der fortgesetzten Kulturgeschichte der Menschheit ernsthaften Schaden zuzufügen. Eine ganz wunderbare, beinahe albtraumhaft dargebotene Szene zeigt den kurz vor seiner Verhaftung stehenden McCoy bei einer "Dob-Giovanni"-Premierengala, die von der gesamten Insel-Schickeria besucht zu werden scheint. Unter anderem gibt es da einen an AIDS erkrankten Literaten (Andre Gregory), der sich permanent an sich selbst und seinem chicen Status berauscht und rezitiert, derweil ihn in seinem Dunstkreis ohnehin niemand versteht und nur lacht, wenn der Meister himself zu lachen geruht. Am Ende von "Bonfire" fallen alle tief. Selbst Peter Fallow, dessen fünfzehn Minuten Ruhm ihn der unausweichlichen Leberzirrhose auch nur ein paar Schritte näherbringen.

9/10

Brian De Palma Tom Wolfe New York Satire Hochfinanz Journalismus Courtroom


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WISE GUYS (Brian De Palma/USA 1986)


"Thank you Mr. Acavano!"

Wise Guys (Zwei Superpflaumen in der Unterwelt) ~ USA 1986
Directed By: Brian De Palma

Harry Valentini (Danny DeVito), Italoamerikaner und Moe Dickstein (Joe Piscopo), Jude, sind Nachbarn, beste Freunde und als Mädchen für alles beim örtlichen Gangsterboss Anthony Castelo (Dan Hedaya) beschäftigt. Dummerweise würde keiner von ihnen jemals eine Feuerwaffe betätigen, also haben sie, als kleines Amüsement für den Rest der Gang, nette, tägliche Aufgaben zu erledigen wie das Testen kugelsicherer Jackets, das Starten der höchstwahrscheinlich mal wieder verbombten Limousine des Chefs, die Abholung von Aquarienfischen beim örtlichen Tierhändler oder das Platzieren von Pferderennwetten. Als genau dies gründlich schiefläuft, schulden Harry und Moe Costelo urplötzlich eine Viertel Million Dollar. Weil keiner von ihnen seinen besten Freund reinreiten will, bekommen sie unabhängig voneinander den Auftrag, den jeweils anderen umzulegen. Eine prekäre Situation, durch die Harry und Moe sich nur durch die Flucht nach vorn und die Hilfe von Bobby D. (Harvey Keitel), seines Zeichens Pate von Atlantic City, retten können.

Dass De Palmas Œuvre sich in ganz unterschiedliche Subkategorien zergliedern lässt, ist seinen in der Filmografie des Meisters halbwegs bewanderten Freunden altbekannt. "Wise Guys" wäre demzufolge eine Art "Versuchsfilm", aus künstlerischer Perspektive möglicherweise entstanden mit dem erklärten Ziel, in anderen Bereichen als dem der hitchcockschen Hommage Fuß zu fassen. Gescriptet ist er als eine köstlich-altmodische Komödie, die ebensogut ein oder zwei Jahrzehnt(e) zuvor von I.A.L. Diamond geschrieben und von Billy Wilder mit Jack Lemmon und Walter Matthau hätte inszeniert werden können. Möglicherweise wären seine Meriten dann auch deutlich vorteilhafter ausgefallen, was nicht eben für eine rückblickend gerechte Behandlung von "Wise Guys" spricht.
Der Film bildet eine herzliche Plattform für sein Hauptdarstellerduo, hat mit Hedaya und Keitel, standards wie Frank Vincent und Julie Bovasso sowie vor allem dem Ex-Wrestler Lou Albano (der ein bisschen aussieht wie ein dicker Joe Spinnell auf coke) eine tolle Nebenbesetzung und macht infolge diverser launiger Gags sowie der ironischen Zeichnung des Ostküsten-Kleingangstermilieus einfach viel Freude. De Palmas Regie ist für eine Komödie vielleicht ein klein wenig zu experimentell mit einem 360°-Shot hier und einer kleinen Plansequenz dort. Aber das sind eben unverzichtbare Markenzeichen des Regisseurs. Man wird sich dereinst vermutlich nicht unbedingt an den kleinen "Wise Guys" erinnern, wenn man De Palmas Kino-Errungenschaften Revue passieren lässt - dies spricht aber keinesfalls gegen den Film, sondern allerhöchstens für De Palmas umfassendes Werk.

8/10

Brian De Palma New Jersey Atlantic City Mafia Ethnics Freundschaft





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Funxton

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