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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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INTERVIEW WITH THE VAMPIRE: THE VAMPIRE CHRONICLES (Neil Jordan/USA 1994)


"Pay no attention, It happens to us all."

Interview With The Vampire: The Vampire Chronicles (Interview mit einem Vampir - Aus der Chronik der Vampire) ~ USA 1994
Directed By: Neil Jordan

Der Vampir Louis de Pointe du Lac (Brad Pitt) gibt dem anfangs noch skeptischen Journalisten Malloy (Christian Slater) ein Interview über seinen nunmehr zwei Centennien andauernden Werdegang als Blutsauger. Einst im brodelnden New Orleans des Jahres 1791 vom Vampir Lestat (Tom Cruise) gebissen und verwandelt hat er das Töten stets verabscheut und es vorgezogen, sich an niederen Tieren zu delektieren. Als ihre traute vampirische Zweisamkeit später durch die kleine Claudia (Kirsten Dunst), ein Mädchen von etwa zehn Jahren, erweitert wird, währt die Idylle nicht lang: Louis und die Kleine entledigen sich Lestat und reisen nach Paris, um ihren Ursprüngen nachzuspüren. Hier trifft Louis auf einen in den Katakomben heimischen Vampirkult, der besonders rigoros vorgeht. Claudia kostet die Entdeckung von Lestats Tod das Leben, nach einer ausschweifenden Racheaktion fährt Louis zurück in die Neue Welt. Nach jenem ausschweifenden Bericht wünscht sich Malloy, selbst ein Vampir zu werden.

Mittels augenzwinkernder Theatralik, die nicht von ungefähr eine herrliche Grand-Guignol-Szene zentriert, haucht Neil Jordan der an sich recht klebrigen Vampirstory treffliches Kinoleben ein. Sich an den langhaarigen Herzensbrechern Cruise, Pitt und Banderas, respektive ihren bisexuellen Neigungen zu ergötzen, wird in erster Linie entsprechend ausgerichteten Zeitgenossen oder träumerischen Damen zufallen, meinereinem stellt sich da zugegebenermaßen hier und da ein leichter Brechreiz ein. Hat man sich jedoch einmal damit arrangiert, gibt es viel zu entdecken, dass die Betrachtung von Jordan Film lohnt: Die betont artifizielle Theatralik der Inszenierung, wunderschöne Kostüme und nächtliche Kulissen und immer wieder der Durchbruch der gepflegten, blutroten Sanftmut von gleichermaßen fantastischen Szenen und Augenblicken - etwa, wie der Pariser Vampirkult sich und seine Opfer öffentlich inszeniert: als blutrünstig-gewagtes Live-Theater nämlich. Wie Louis die zu Asche verbrannte Claudia findet und danach den ganzen Clan zur Hölle schickt, und, ganz besonders, Louis' Schwärmerei vom Kino, das ihm und uns in huldigender Raffung von "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens" über "Sunrise: A Song Of Two Humans" und "Gone With The Wind" bis hin zu "Superman" eine Blitzgeschichte illuminierter Sonnenaufgangsfilmmagie beschert.
Einst habe ich "Interview With The Vampire" recht abschätzig betrachtet, mittlerweile gefällt er mir mit jeder neuerlichen Betrachtung besser.

8/10


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JANGHWA, HONGRYEON (Jee-woon Kim/KR 2003)


Zitat entfällt.

Janghwa, Hongryeon (A Tale Of Two Sisters) ~ KR 2003
Directed By: Jee-woon Kim

Die beiden jugendlichen Schwestern Su-Mi (Su-jeong Lim) und Su-Jeon (Geung-Young Moon) kommen nach längerer Zeit wieder nach Haus zu ihrem Vater (Kap-su Kim) und dessen neuer Frau Eun-ju (Jung-ah Yum). Su-Mi hasst ihren Vater und ihre Stiefmutter aus verschiedenen Gründen: Der Tod ihrer Mutter scheint von den Beiden einst als höchst willkommen aufgefasst worden zu sein, zudem quält Eun-ju die offenbar besonders labile, schweigsame Su-Jeon unentwegt, während der Vater nur daneben steht. Damit nicht genug, scheint im abgelegenen Haus der Familie ein geisterhaftes weibliches Wesen seine unheimliche Aufwartung machen zu wollen...

Meditativ-besinnlicher, dabei meisterhaft geschlossen inszenierter, anfangs schwer zu durchschauender Geistergrusel, der sich mit zunehmender Laufzeit von seinen paranormalen Wurzeln emanzipiert und zu einem psychologisch durchaus fundierten Drama über eine schwere Neurose wird. Über dem Film liegt trotz seiner pastellfarbenen, sanften und hellen Photographie eine latente, bleierne Traurigkeit, der sich nur schwer zu entziehen ist. Man fühlt unweigerlich mit den beiden, offenbar zutiefst verletzten Schwestern, spürt ihre bereits entschieden in Richtung Depression abdriftende, existenzielle Unzufriedenheit und ihre daraus erwachsende Angst, die das seltsame, verwachsene Geistermädchen kaum evozieren, sondern vielmehr kanalisieren dürfte. Dann die Hilflosigkeit des ergrauten Vaters, dem es obliegt, mit den Scherben der einst so glücklichen familiären Idylle fertigzuwerden. Kim derweil kadriert diese Geschichte einer ausgeprägten psychiatrischen Störung mittels größtmöglicher Behutsamkeit, zeigt einen kubrick'schen Hang zu Symmetrien und allgemein zum bildlichen Perfektionismus, vor dem die immer wieder hervortretenden Tendenzen Richtung Genrekino teilweise bös kritisiert oder als vulgär eingestuft wurden. Zu Unrecht: Nur in dieser, mit dem Schrecken liebäugelnden Form nämlich erreicht der Film seine schlussendliche Vollkommenheit.

9/10

Korea Haus Madness Psychiatrie Schuldkomplex Geister Jee-woon Kim


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THE DIVIDE (Xavier Gens/USA, CA, D 2011)


"They're welding us in."

The Divide ~ USA/CA/D 2011
Directed By: Xavier Gens

Als eine Atombombe unbekannten Ursprungs auf New York fällt, verschanzen sich neun Personen im halbwegs geschützten Keller eines zerstörten Hochhauses. Hier hat der 9/11-erfahrene Feuerwehrmann Mickey (Michael Biehn) eine Art Luftschutzbunker voller Vorräte und anderer überlebenswichtiger Dinge angelegt. Vor der Kellertür wird sich indes ein Gewirr aus luftdichten Gängen errichtet, in dem unbekannte Laboranten die Wirkungen von Strahlung und Fallout untersuchen. Nach zwei Konflikten mit den Militärs wird die Tür von außen verschweißt. Als die Übrigen nach einiger Zeit merken, dass Mickey nach einiger Zeit längst nicht alle seiner Objekte zu teilen bereit ist, bricht ein offener Konflikt aus, der schon bald die ersten Toten und neben dem physischen auch zunehmenden psychischen Verfall nach sich zieht...

"The Divide" steht in einer langen Tradition von postapokalyptischen Kammerspielen, die eine kleine, meist zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Individuen im Angesicht des finalen Überlebenskampfes präsentiert. Gens' Film sticht aus dieser Phalanx nicht sonderlich hervor, macht ihr allerdings auch keine Schande. Wie es von einem Vertreter der neueren französischen Hardcore-Horror-Welle zwangsläufig zu erwarten ist, steigert sich die misanthropische Atmosphäre der ohnehin schon traumatischen Szenerie im Laufe der Spielzeit mehr und mehr. Die immer maroder werdenden Charaktere verwandeln sich nach anfänglicher Unscheinbarkeit in widerliche Egomanen, die zum Gipfel ihrer immer hitziger auszutragenden Konflikte hin die schlimmsten in ihnen schlummernden Eigenschaften nach außen tragen. Intimi des transgressiven Kinos dürften sich von den forciert unangenehmen Bilderwelten Gens' jedoch nicht erschlagen sehen, auch wenn alles zuerst in einem Scheißebad (Scheißebäder begegnen mir im aktuelleren Kino häufiger) und dann in der endgültigen Hoffnungslosigkeit kulminiert, New York, Fanal der westlichen Industriemächte, liegt in Sack und Asche. So wollen wir dann doch lieber nicht enden, besten Dank auch für die Warnung, Monsieur Gens!

7/10

Xavier Gens Apokalypse Atombombe New York Belagerung Transgression


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MARTIN (George A. Romero/USA 1977)


"There is no real magic. There's no real magic ever."

Martin ~ USA 1977
Directed By: George A. Romero

Martin (John Amplas), ein emotional schwer gestörter junger Mann, kommt zu seinem Großonkel Cuda (Lincoln Maazel) nach Pittsburgh. Martin hält sich für einen Vampir und hat stets eine Betäubungsspritze dabei, um seine potenziellen Opfer erst ohnmächtig machen und hernach ihr Blut trinken zu können. Tatsächlich ist dieser Wahnzustand offensichtlich von Martins familiärem, christfanatischem Umfeld entscheidend geprägt worden: Selbst Cuda hält Martin für seinen Vetter, einen 84 Jahre alten Dämon, der schon in der alten Welt verfolgt wurde. Sämtliche Versuche, sich Mitmenschen zu öffnen, enden in mittleren Katastrophen. Als Cudas Enkelin (Christine Forrest) den häuslichen Irrsinn nicht mehr erträgt und die Flucht nach vorn antritt, steigert sich der Wahn des alten Mannes noch mehr.

Ein gleichermaßen intimes wie intensives Kammerspiel um den hinter biederer christlicher Fassade brodelnden Irrsinn, das die Motivationslage mit "Carrie" teilt, jedoch noch den "vampirischen" Zusatz bereithält. Romero porträtiert auch seine Heimatstadt Pittsburgh, respektive den überalterten Stadtteil Braddock. Einst ein florierender Industriestandort hat der Strukturwandel nurmehr Brachen hinterlassen. In erster Linie bevölkern Senioren das marode, sich zunehmend ghettoisierende Viertel, ansonsten ziehen jugendliche Gangs in den Fabrikruinen ihre Kleindeals ab. Martin lernt die einsame Mrs. Santini (Elyane Nadeau) kennen, eine unfruchtbare, sexuell frustrierte und dem Suff verfallene Enddreißigerin, die dem schweigsamen Jungen zumindest ein bisschen Selbstbewusstsein beibringt, dann jedoch den Freitod vorzieht. Ausgerechnet dieser Tod, an dem Martin keinerlei Schuld trägt, soll ihm ironischerweise selbst zum Verhängnis werden.
Romero findet für sein Charakterporträt eine extensiv-poetische Bildsprache, die so gar nicht zum gemeinen Bild des amerikanischen Horrorfilms passen mag und eher an die neuen Filmwellen in Europa erinnert. Seine urbanen Momentaufnahmen sind bewusst ungeschönt und blass, eine Welt ohne Hoffnung, deren Herunterwirtschaftung durch die Arroganz ihrer Bewohner noch forciert wird.
Romero sagt in einem Interview dies sei sein Lieblingsfilm, die einzige seiner Arbeiten, an der er rückblickend nichts zu mäkeln habe. Das spricht Bände.

9/10

George A. Romero Pittsburgh Vampire Serienmord Madness Familie Independent


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KNIGHTRIDERS (George A. Romero/USA 1981)


"Way you get knocked around, you're bound to have some weird dreams, Billy."

Knightriders ~ USA 1981
Directed By: George A. Romero

Billy (Ed Harris) kultiviert nicht bloß die Idee einer mittelalterlich konnotierten Stuntshow mit Motorrädern, er lebt sie. Als buchstäblicher König einer umherfahrenden, modernen "Gauklertruppe" versteht er sich als modernen Artus oder Löwenherz, der seinen kleinen Hofstaat auf Gedeih und Verderb zusammenzuhalten hat. Seinbe vornehmlich aus gesellschaftlichen Außenseitern bestehende Truppe ist jedoch nicht durchweg bei ihm. Für viele von ihnen zählen kommerzieller Erfolg und lockende Popularität mehr als Billys altmodische Ideale und so spaltet sich die Clique eines Tages. Der das Glamouröse liebende Morgan (Tom Savini) und einige andere tun sich mit einer dollarschweren Künstleragentin (Amanda Davies) zusammen, kehren nach einigem Hin und Her jedoch wieder zurück. Für Billy bedeutet das einen Scheideweg.

Romeros Äquivalent zu anderen zeitgenössischen Tingeltangelshow-Filmen wie Altmans "Buffalo Bill And The Indians" und ganz besonders Eastwoods "Bronco Billy" steht den Vorbildern in nichts nach, im Gegenteil. Den Begriff der bewussten Anachronisierung, den Hang zu neuweltlicher Romantik kultiviert "Knightriders" sogar in einigen Bereichen noch etwas stärker als die sicherlich bekannteren Vorbilder. Genau inmitten seines zweiten und dritten Zombiefilms (und als eine Art bastardisiertes Bindeglied mit diversen bekannten Gesichtern aus beiden Werken glänzend) präsentiert sich der gern zum Hardcore-Horrorfilmer verklärte Regisseur von einer ungewohnt sanften, melancholischen Seite und beschwört den amerikanischen Freiheitstraum in einer seit "Easy Rider" kaum mehr so konsequent verfolgten Idealisierung. In Billys Motorradrittergruppe finden sich daher auch ausschließlich Verstoßene und Aussteiger, Bildungsferne und Metaphysiker. Hautfarbe, sexuelle Orientierung oder verschrobene Lebensentwürfe sind von untergeordneter Bedeutung; was zählt, sind nicht Geld und Ruhm, sondern Loyalität und Spirit. Für seine Leute geht Billy durchs Feuer, er lässt sich aus Solidarität zusammen mit einem seiner Begleiter von einem korrupten Kleinstadt-Deputy einlochen und rechnet noch auf dem Weg in sein persönliches Avalon mit dem entsprechenden Herrn ab, ganz so, wie er es ihm zuvor versprochen hatte. Ed Harris dürfte noch heute stolz sein auf diese schöne, frühe Darstellung eines gesellschaftlich betrachtet kleinformatigen, in moralischer Hinsicht jedoch umso größeren Antihelden. Und selbst Tom Savini überrascht als durchaus charismatischer Schauspieler.

9/10

George A. Romero Motorräder Showbiz Freundschaft Ritter


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COSMOPOLIS (David Cronenberg/CA, F 2012)


"Your prostate is asymmetrical."

Cosmopolis ~ CA/F 2012
Directed By: David Cronenberg

Der milliardenschwere Manager Eric Packer (Robert Pattinson) entschließt sich, sich von seiner Stretch-Limousine zum Frisör am anderen Ende der Stadt bringen zu lassen. Die Fahrt dorthin dauert mit Unterbrechungen infolge kleinerer Pausen und immer wieder zusteigender Mitfahrer fast den ganzen Tag, da zeitgleich der Präsident in der Stadt weilt und diverse Straßenzüge gesperrt sind. Doch nicht nur das Staatsoberhupt muss um seine Sicherheit fürchten; auch Packers Leben wird durch einen unbekannten Attentäter sowie die allgemeine kapitalismusfeindliche Stimmung in der Stadt bedroht.

Leider ist mir Don DeLillos Roman unbekannt, Cronenbergs Film aber finde ich ganz toll. In Dialog und Habitus eine Herausforderung ist die Geschichte eine wunderbar pointierte Abrechnung mit der Hochfinanz, der Schlipsträger derangiert sich selbst und wird schließlich zum verzweifelten Fraß seiner von ihm geschaffenen Monster und sukzessive auch seiner selbst. Cronenberg gelingen gleichermaßen kryptische wie begeisternde Bilder vom Innenleben jener gepanzerten und abdunkelbaren Stretchlimo, in denen die High-Class-Manager gleich zu Dutzenden durch die Millionenstadt kurven, periodisch begleitet von allerlei merkwürdigen bis einprägsamen Zeitgenossen.
Mit jener gleichermaßen verzerrten wie gestochen scharfen Perspektive auf die Dinge des Lebens knüpft Cronenberg an alte Klasse an und lässt nach diversen zwar spannenden, aber doch eher konventionell strukturierten Arbeiten Erinnerungen an Meisterwerke wie "Videodrome", "Dead Ringers" und "Naked Lunch" hervortreten. "Cosmopolis" stellt nachhaltig unter Beweis, dass dieser Regisseur noch lange nicht ausgebrannt ist, sondern dass vielmehr weiterhin mit ihm gerechnet werden muss.

9/10

Wall Street Finanzkrise David Cronenberg New York Don DeLillo Madness


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LES QUATRE CENTS COUPS (François Truffaut/F 1959)


Zitat entfällt.

Les Quatre Cents Coups (Sie küssten und sie schlugen ihn) ~ F 1959
Directed By: François Truffaut

Für den dreizenjährigen Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) erweist sich das Leben als härteste aller Prüfungen. Seine Mutter (Claire Maurier) ist nicht an ihm interessiert, sein Stiefvater (Albert Rémy) hat keine Zeit für ihn. In der Schule erweist er sich als zunehmend renitent, er lügt, stiehlt, schwänzt und treibt sich mit seinem Freund René (Patrick Auffey) herum, dessen Eltern (Georges Flamant, Yvonne Claudie), ein alterndes Bohémien-Ehepaar, das Kunststück fertigbringen, noch desinteressierter zu sein als die Doinels. Als Antoine und René eine Schreibmaschine aus der Firma von Antoines Vater stehlen, diese nicht zu Geld machen können und heimlich wieder zurückbringen wollen, werden sie erwischt. Antoines verzweifelte Eltern schicken den Jungen in eine ländlich gelegene Erziehungsanstalt, in der den jugendlichen Insassen unter Benutzung menschenverachtender Praktiken Gehorsam beigebracht wird. Doch auch hier lässt Antoine sich nicht lang halten.

Truffaut analogisiert im ersten Film seines vier Spielfilme und einen Kurzfilm umfassenden Doinel-Zyklus Jugend und Flucht. Zu Beginn sieht man das Wahrzeichen von Paris, den Eiffelturm, aus allen möglichen Perspektiven, ein regelmäßig idealisiertes Denkmal, das schon aufgrund seiner baulichen Imposanz zum gewohnten Stadtbild zählt, aber irgendwie doch nie über den Status einer schönen Attraktion hinauskommt. Einmal aus der Nähe betrachtet, büßt der Turm erheblich an Faszination ein und andere Dinge werden wichtig. Für Antoine Doinel ist das Leben mit 13 wie ein Spießrutenlauf der Enttäuschungen. Ständige Tadel und Vorwürfe, seine Eltern leben ihm Streit und Betrug vor, und selbst die Kunst verrät ihn eines Tages. Als Antoine in einem Schulaufsatz seinen heißgeliebten Balzac zitiert, kreidet der missverständige Lehrer (Guy Decomble) ihm dies als billiges Plagiat an, den Ruf nach Anerkennung dahinter übersieht er. Am Ende bleibt nur das Meer, eine natürliche Konstante, als Zufluchtsort. Die physiognomische Ähnlichkeit des Antoine-Darstellers Jean-Pierre Léaud mit Truffaut ist verblüffend, umso nachträglich manifester der Status der frühen Doinel-Geschichten als stark autobiographisch gefärbte Arbeiten. Vom kunstvollen Breitwand-Schwarzweiß der Nouvelle-Vague-Jahre wandte sich Truffaut in den späteren Filmen zwar wieder ab, seine pronocierte Lebensnähe jedoch blieb immanent.

9/10

François Truffaut Nouvelle Vague Paris Teenager Familie Schule Internat Coming of Age Antoine Doinel


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AMERICAN PSYCHO (Mary Harron/USA 2000)


"I have to return some videotapes."

American Psycho ~ USA 2000
Directed By: Mary Harron

Patrick Bateman (Christian Bale) lebt gegen Ende der Achtziger als Broker in Manhattan. Sein Lebensinhalt besteht aus Hautpflegemitteln, teuren Restaurants und Clubs, seichter Popmusik und barbarischer Gewalt. In einer sich bereitwillig selbst anonymisierenden Gesellschaft braucht er sich noch nichtmal Sorgen darüber zu machen, für seine Taten zur Rechenschaft gezogen zu werden. Als er nach einem Amoklauf einbricht und seinem Anwalt (Stephen Bogaert) telefonisch seine Missetaten gesteht, zeigt dieser sich leidlich interessiert. Es bleibt eine Gewissensfrage.

Ellis' gewaltige Bestandsaufnahme der Spätachtziger filmisch zu adaptieren entspricht einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Idee, da die für eine halbwegs adäquate Verfilmung notwendigen Ingredienzien eine visuelle und akustische Ausnahmesituation schaffen würden, der sich kein Massenpublikum freiwillig zu stellen bereit wäre. Harrons Film ist daher vor allem Reduktion. Sie und ihre Coautorin Guinevere Turner retten vermutlich, was zu retten ist; schälen, entkernen, interpretieren, deuten, planieren, begradigen und schaffen somit einen gemeinhin gefälligen Kinospaß, der sich im Gegensatz zum Buch keine Gedanken über kontroverse Aufnahme beim Feuilleton machen muss, es sei denn, dieses möchte dann vielleicht doch etwas mehr Quellenanbindung.
Harron feminisiert die Perspektive des Romans, der nach seinem Erscheinen Feministenverbände auf die Barrikaden hat steigen lassen, derweil Ellis sich damals, infolge der offen geäußerten Meinung, unter anderem auch ein radikal feministisches Buch geschrieben zu haben, mit nur vorgeblich unverständiger Miene amüsiert haben dürfte. Um der Linie von "American Psycho" umsetzerisch halbwegs zu folgen, bedarf es des Mutes zur Monotonie, zur Beiläufigkeit, zur Ausdehnung, auch in Bezug auf die zur Komplettierung unerlässlichen Darstellung von Batemans Gewaltakten. Von alldem jedoch entfernt sich der Film. Er wählt die satirische Antenne des Romans als vordringlichen Energiespender - ein legitimer, aber eben überaus halbgarer Ansatz. Ferner ist Christian Bale, der Harrons und Turners Ansatz bedingungslos folgt, eine, wenn auch charmante, Fehlbesetzung in der Hauptrolle.
Immerhin befindet sich auf der US-DVD mit der Interviewsammlung "The 80s: Downtown" eine grandiose kleine Doku, die das Erlebnis des nach meiner Auffassung in Ehren misslungenen Films wieder halbwegs ausgleicht.

4/10

Mary Harron period piece New York Wall Street Serienmord Madness Yuppie Satire


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A BRONX TALE (Robert De Niro/USA 1993)


"The saddest thing in life is wasted talent."

A Bronx Tale (In den Straßen der Bronx) ~ USA 1993
Directed By: Robert De Niro

Bronx, 1960: Der kleine Calogero Anello (Francis Capra) wächst nach Kräften behütet von seinem Vater Lorenzo (Robert De Niro) auf, der in der Gegend als Busfahrer arbeitet. Sein heimliches Idol jedoch ist der Gangsterboss Sonny (Chazz Palminteri), der als lokaler Pate das Viertel im Griff hat. Als Sonny eines Tages auf offener Straße einen Mann erschießt, ist Calogero der einzige Zeuge. Er verzichtet jedoch darauf, Sonny bei der Polizei zu verraten und wird bald darauf zum heimlichen Ziehsohn des Gangsters. Von nun an hat Calogero, den Sonny nur kurz C. nennt, zwei Väter, die sich als diametrale Pole ihrer Einwandererkultur jedoch gegenseitig nicht riechen können. Acht Jahre später findet C. (Lillo Brancato) seine erste große Liebe in der Person der farbigen Jane (Taral Hicks), die zwar nur ein paar Straßen weiter wohnt, die infolge ihrer Hautfarbe jedoch Welten von C. trennen. Entgegen aller Widerstände bleiben die Zwei dennoch ein Paar. Für Sonny indes hält das Schicksal noch eine späte Retourkutsche bereit.

Manchmal etwas geschwätzig und sowieso übermächtig beeinflusst vom milieuzeichnerischen Chronismus seines damaligen Hausregisseurs Martin Scorsese stellte Robert De Niro mit "A Bronx Tale", der auf einem Theaterstück Chazz Palminteris beruht, sein Regiedebüt auf die Beine. Der Film ist die typische Coming-of-Age-Story eines junges Italoamerikaners in den Sechzigern und beinhaltet somit auch starke Parallelen zu Generationsporträts wie Kaufmans "The Wanderers", die sich nicht zuletzt in ihrer gewohnt prachtvollen Songauswahl niederschlägt.
Erst der Kern der Geschichte macht den Film schließlich zu etwas Besonderem: Die Väter-Dublette und der daraus resultierende Konflikt. Während C.s leiblicher Vater Lorenzo den harten aber herzlichen, ehrlich arbeitenden Italoamerikaner reräsentiert, der mit der 'ehrenwerten Familie' bis auf einen freundlichen Gruß hier und da nichts zu tun haben will, steht Sonny für das nachbarschaftliche Großtum des neuen Mafioso, behangen mit teurem Zwirn und schicken Klunkern, vor dem jeder in der Gegend Angst hat. Dennoch sind Sonnys Lebensweisheiten denen Lorenzos in bestimmten Punkten deutlich voraus: Den altweltlichen Rassismus hat er längst beigelegt und sein ansozialisiertes Misstrauen gegenüber dem Milieu erweist sich als vollkommen berechtigt. Dennoch beweist sich Lorenzos Konservativismus am Ende als die buchstäblich langlebigere der beiden Strömungen in C.s Leben und auch, wenn er manche der unkonventionellen Leitsätze Sonnys - etwa in Bezug auf die Offenheit anderen Ethnien gegenüber - noch zukünftig beherzigen dürfte, wird sein leiblicher Vater schon aufgrund seiner bedingungslosen Liebe zu seinem Sohn stets der didaktische und pädagogische Gewinner bleiben. Nichtsdestotrotz wird hier das Herandämmern einer neuen, in vielerlei Hinsicht klügeren Generation illustriert.

8/10

Robert De Niro period piece Rassismus Mafia New York Coming of Age Ethnics based on play


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BACKDRAFT (Ron Howard/USA 1991)


"It's a living thing, Brian. It breathes, it eats, and it hates."

Backdraft ~ USA 1991
Directed By: Ron Howard

Dass sein kleiner Bruder Brian (Stephen Baldwin) zur Chicagoer Feuerwehr kommt, ist dem alten Hasen Stephen 'Bull' McCaffey (Kurt Russell) ein Dorn im Auge, ist doch einst bereits ihr Vater (Kurt Russell) bei einem Einsatz ums Leben gekommen. Tatsächlich schafft es Stephen bald, seinen Bruder wieder aus seiner Einheit herauszuekeln, so dass Brian bei den Brandursache-Ermittlern landet. Zusammen mit Donald Rimgale (Robert De Niro), selbst ein früherer Firefighter, setzt sich Brian auf die Spur eines feuerversierten Killers, der seine Opfer mittels gezielter 'backdrafts' mordet.

Ein "Backdraft", das lernt man im Film, kommt dann zustande, wenn ein Brand in einem kleinen Raum sämtlichen Sauerstoff verschlungen hat. Das nunmehr entstandene Vakuum ist jedoch noch heiß genug, um sich bei neuer Sauerstoffzufuhr wieder zu entzünden und einer riesigen Zunge gleich nach vorn zu schnellen. Eine hübsch perfide Art, ahnungslos Türen öffnende Leute umzubringen. Oder eben Feuerwehrleute. "Backdraft" dürfte das Herz eines jeden Pyromanen höher schlagen lassen: Howard inszeniert, orchestriert, choreographiert das Feuer und setzt es mit großer Leidenschaft ins Bild. Der Filmdialog spricht ständig vom Feuer als einer Art lebendem, denkenden Gegner, den es zu durchschauen gilt, bevor man ihn effektiv bekämpfen kann. "Backdraft" versteht sich auch unmissverständlich als Heldenepos und Ehrerbietung an die Feuerwehrleute der USA, einer eingeschworenen Arbeitersubkultur mit hohem Ehrenkodex und von unvergleichlichem Mut. Vor dem Hintergrund dieses Ansinnens schlägt er allerdings permanent über die Stränge; der deutsche Untertitel "Männer, die durchs Feuer gehen" hätte treffender "Männer, die in Zeitlupe durchs Feuer gehen" geheißen. Wenn Kurt Russell, einen kleinen schwarzen Jungen im Arm, zu der schon ekelhaft pathetischen Musik Hans Zimmers in Slo-Mo durch eine brennende Tür bricht, dann sagt der Film alles über sich. Stargespickte Füllszenen, in denen alibihaft uninteressante Beziehungsgeflechte erörtert werden, dienen lediglich dazu, das Ganze auf Länge zu bringen und den Film nicht als eine einzige Pyroshow dastehen zu lassen. "Backdraft" ist so etwas wie der "Top Gun" des Katastrophenfilms, eine selbstverliebte Egoshow Ron Howards, die immerhin als eine stilistische Maßgabe für das noch folgende Neunziger-Kommerzkino Bestand hat und sich ihrer beeindruckenden Feuerszenen wegen anschauen lässt. Ansonsten weist das Ding bereits genau in die Richtung, die mit "Apollo 13", einem für mich wirklich unansehnlichen Stück Scheiße von Film, ihren traurigen Höhepunkt erreichen sollte. Amerika, deine Helden.

5/10

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Funxton

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