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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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NEEDFUL THINGS (Fraser C. Heston/USA 1993)


"Everybody is insane, everywhere!"

Needful Things (In einer kleinen Stadt) ~ USA 1993
Directed By: Fraser C. Heston

Der Teufel (Max von Sydow) kommt unter dem Namen 'Leland Gaunt' in das neuenglische Kleinstädtchen Castle Rock, um dort auf Seelenfang zu gehen und Zwietracht und Katastrophen zu säen. Zu diesem Zwecke eröffnet er ein kleines Antiquariat namens "Needful Things", in dem jeder Kunde das Objekt seines Herzens findet. Bezahlen lässt sich Leland Gaunt allerdings in blanker Aktion: Jeder soll einem anderen Bürger der Stadt insgeheim einen Streich spielen. Bald entwickelt sich das schelmische Spiel zu handfester Aggressionsentladung und es gibt die ersten Toten. Allein Sheriff Pangborn (Ed Harris) ahnt allmählich, wer Gaunt wirklich ist und was er vorhat.

Seit ich "Needful Things" damals im Kino gesehen habe - den Roman kenne ich, wie die allermeisten von Stephen King, bis heute nicht - mag ich den Film sehr. Daran hat sich nichts geändert, wie ich nach langer Betrachtungspause erneut feststellen konnte. Die überspitzte Satire um kleinstädtische Bigotterie, Nachbarfeindlichkeit und Ignoranz läuft noch immer vortrefflich rein. "Needful Things" ist aber auch und insbesondere ein ganz toller Schauspielerfilm: Ed Harris, J.T. Walsh und Amanda Plummer sind jeweils im Zuge großer Karriere-Höhepunkte zu bewundern und die Wahl von Max von Sydow als ebenso scheingütiger wie diabolischer Leland Gaunt ist eine wahre Erfüllung von Satansdarstellungen auf der Leinwand, so offensichtlich sie im Nachhinein auch erscheint. Dass es bereits ausreicht, dem Jahrhundertakteur ein paar gelblich-brüchige Fingernägel und ein ebensolches Gebiss anzuschminken, um ihn zur Inkarnation des Gefallenen zu machen, spricht für sich. Charlton-Filius Fraser C. Heston inszeniert zwar bestenfalls gediegen und auch weithin überraschungslos, immerhin spricht es jedoch für ihn, dass er sich der anderen ihm zur Verfügung stehenden Ressourcen, etwa des formidablen Ensembles, durchaus bewusst gewesen zu sein scheint und diesem daher weithin freie Bahn ließ.

8/10

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KILLER JOE (William Friedkin/USA 2011)


"No, he was not all right. He set his genitals on fire."

Killer Joe ~ USA 2011
Directed By: William Friedkin

Chris (Emile Hirsch), Sohn des dümmlichen Trailerpark-Bewohners Ansel Smith (Thomas Haden Church), sitzt in der Scheiße. Er hat beim örtlichen Paten (Mark Macauley) einen ganzen Berg Schulden und weiß nicht, wie er diesen begleichen soll. Als Chris in seiner Verzweiflung den nebenbei als Berufskiller tätigen Cop Joe Cooper (Matthew McConaughey) anheuert, um seine heruntergekommene Mutter zu ermorden und so deren Lebensversicherung einzustreichen, ahnt er nicht, dass sein schlecht ausgearbeiteter Plan in Kürze für einigen familiären Trubel sorgen wird. Als "Sicherheit" für seine womöglich nicht bezahlte Rechnung hat sich Joe nämlich Chris' leicht unterbelichtete Schwester Dottie (Juno Temple) ausersehen - die sein Spiel sogar willfährig mitspielt.

Ich habe mich doch sehr gefreut auf Friedkins neuen Film - nur, um fürs Erste doch recht bitter enttäuscht zu werden. Im Stillen hatte ich gehofft, dass er aus dieser ebenso bärbeißigen wie abseitigen, im südstaatlichen White-Trash-Milieu angesiedelten Story etwas mehr herausholen würde als irgendein x-beliebiger Tarantino-Epigone. Bewerkstelligt hat er es am Ende jedoch nur in bestenfalls halbseitig zufriedenstellender Weise, zumindest, insofern man "Killer Joe" als mehr denn eine bloße Regieleistung zu betrachten geneigt ist. Geschwätzige, asoziale whiteys als Symbol für Amerikas gewaltige Bevölkerungsproblemkomplexe heranzuziehen, ist eine Idee, die in etwa so frisch ist wie ein fünf Jahre alter, stinkender Limburger mit pittoreskem Grünschimmel. Jenem ausgehöhlten Personal dann auch noch die übliche, substanzlose Dummparliererei in den Mund zu legen, zeugt nicht eben von stilistischer Sensibilität.
Allerdings muss man einräumen, dass Friedkins Inszenierung bravourös ist und in keinem Verhältnis steht zu dem wie bereits im Falle von "Bug" von Tracy Letts bearbeiteten Stück. Der Stoff selbst ist es, der sich überschätzt und aufbläht, sich dabei jedoch uninteressant ausnimmt und letzten Endes versagt. Er hat einen Regisseur dieses Formats nicht verdient. Welchen Narren andererseits Friedkin an Tracy Letts' Schreiberei gefressen hat, begreife ich nicht recht. Er wird etwas daran oder auch darin finden, dass sich mir nicht erschließen will. Mein Problem, möglicherweise.

5/10

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THE BAREFOOT CONTESSA (Joseph L. Mankiewicz/USA, I 1954)


"I'm a frightened tramp in need to go home."

The Barefoot Contessa (Die barfüßige Gräfin) ~ USA/I 1954
Directed By: Joseph L. Mankiewicz

Am verregneten Grab der Hollywood-Aktrice und Gräfin Maria Torlato Favrini bzw. Maria Vargas (Ava Gardner) stehen die Männer ihres Lebens und gedenken ihrer letzten Jahre und Wochen: Ihr intimer Freund und Gönner, der Filmemacher Harry Dawes (Humphrey Bogart), der erfolgssüchtige PR-Agent Oscar Muldoon (Edmond O'Brien), der reiche Playboy Alberto Bravano (Marius Goring) und ihr Ehemann und Mörder, der Graf Torlato Favrini (Rossano Brazzi). Sie alle hatten eine spezielle zu der verschlossenen Schönheit und jeder liebte sie auf seine spezielle Weise.

Meisterhaft erzählt und komponiert entpuppt sich "The Barefoot Contessa" rein inhaltlich als wildromantischer Kitschroman, der auf dem Papier jede Hausfrau in höchste Wallungen versetzungen dürfte. Erst Mankiewicz' bravouröse Inszenierung macht aus dem typischen Ava-Gardner-Stoff - die Diva spielt faktisch dieselbe Rolle wie immer in dieser Ära, eine ebenso astronomische wie verletzliche Schönheit mit feurigem Charakter, die ihre Vulnerabilität durch Nymphomanie und Promiskuität, vorwiegend in Hinwendung zu hengstischen latin lovers, sublimiert - eine neuerliche Abrechnung mit der Glitzerwelt der Filmproduktion, der Stars und Starlets. Als phantastischer Dialogschreiber lässt Mankiewicz in seinem von Jack Cardiff photographierten, ersten Farbfilm seine Figuren, allen voran Bogey, der hier nochmal eine herrliche Spät-Appearance vom Stapel ließ, sich in Zynismen und Sarkasmen ergehen und speit aus vor der armseligen Welt des Reichtums, der Oberflächlichkeiten und des an sich selbst krankenden Aristokratismus.

8/10

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ALL ABOUT EVE (Joseph L. Mankiewicz/USA 1950)


"I'm nobody's fool, least of all yours."

All About Eve (Alles über Eva) ~ USA 1950
Directed By: Joseph L. Mankiewicz

Der gefeierten New Yorker Theaterschauspielerin Margo Channing (Bette Davis) stellt sich eines Abends Eve Harrington (Anne Baxter) vor - eine unbeschäftigte Laiendarstellerin, die in grenzenloser Bewunderung für Margo schwelgt. Diese stellt, von Eves rührender Vita gepackt, die junge Frau vom Fleck weg als Sekretärin und Mädchen für alles ein. Doch bald schon zeigt die unterwürfige Eve ihr wahres Gesicht - sie ist eine intrigante Hochstaplerin, die es darauf abgesehen hat, Margos Ruhm für sich selbst zu beanspruchen und der alternden Diva Rollen und Publikum auszuspannen.

Mankiewicz' Meisterwerk, im selben Jahr wie "Sunset Boulevard" entstanden, bedeutete für die Theaterszene an der westküste das, was Wilders Film für Hollywood darstellte - gnadenlose Abrechnung, bitterböse Satire und Entzauberung. Bei Mankiewicz wird die Filmindustrie allerdings noch mehr deklassifiziert, sie gerät zur Fußnote, zum Schrotthaufen der Schauspielkunst. Wer sich an Hollywood verkauft, so der Tenor der Geschichte, korrumpiert sich und verrät sein Fach. Doch auch sonst bewahrt die Geschichte den Odem klassischen Dramas - ein ruchloser Emporkömmling, hinter der Fassade von Glamour und Jugend ein menschlicher Trümmerhaufen aus Verlogenheit und Intriganz, erarbeitet sich mit Schmeicheleien und Skrupellosigkeiten den Weg nach oben. Das ist die Geschichte der Welt, komprimiert auf ein strahlendes Milieu und versehen mit einer dialogischen Brillanz, die ihresgleichen sucht.
Hier wäre außerdem der seltene Fall absolut formvollendeter Sprach-Transkription: Die deutsche Synchronfassung stammt von Erich Kästner und schafft das vermeintlich unmögliche - sich der Eleganz und rhetorischen Gewandtheit des Originals anzugleichen. Ein stimulierender Hochgenuss.

9/10

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DER ARZT VON ST. PAULI (Rolf Olsen/BRD 1968)


"Und du willst Arzt sein?"

Der Arzt von St. Pauli ~ BRD 1968
Directed By: Rolf Olsen

Alle auf St. Pauli lieben Dr. Jan Diffring (Curd Jürgens), Hurendoktor mit Herz, der nicht nur mit Spritze und Pinzette anderen aus der Klemme hilft. Als er dahinterkommt, dass ausgerechnet sein mutmaßlich viel erfolgreicherer Bruder Klaus (Horst Naumann), Gynäkologe mit schmutzigem Berufsethos in Hamburgs besseren Kreisen, unschuldige Patientinnen an die Orgien des schmierigen Industriellen Gersum (Friedrich Schütter) vermittelt, um die marode Praxiskasse zu sanieren, schreitet Jan zur lange überfälligen Abrechnung.

Mit dem "normannischen Kleiderschrank" Curd Jürgens verband Rolf Olsen eine fruchtbare Partnerschaft, beginnend mit diesem einmal mehr prächtig klischierten Sittengemälde aus Hamburgs weltberühmtem Hafenviertel. Hurerei, Boxkämpfe und besoffene Matrosen - das volle Kiezprogramm gibt es hier zu bestaunen und Olsen versichert uns glaubwürdig, dass erst die moralischen Instanzen vor Ort - Doktor, Pastor (Dieter Borsche) und Polizist (Hans W. Hamacher) mitsamt ihrer väterlichen Liebe fürs Milieu - den existenziell notwendigen Kitt für die hier zu jeder Tages- und Nachtstunde stattfindenden Exzesse darstellen. Besonders Jürgens' unnachahmlich-patriarchalische Art passt zu dieser ollen Binsenweisheit wie die Faust aufs Auge. Ansonsten verfügt "Der Arzt von St. Pauli" über exakt jene Grellheit, die man wünscht, wenn man es mit dieser Art Film aufnimmt. Dieser Rolf Olsen, das war schon eine Marke.

7/10

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WENN ES NACHT WIRD AUF DER REEEPERBAHN (Rolf Olsen/BRD 1967)


"Diesmal bin ich präpariert wie Django!"

Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn ~ BRD 1967
Directed By: Rolf Olsen

Hotte (Jürgen Draeger), Till (Fritz Wepper) und ein paar ihrer Kumpels haben ein florierendes Geschäft am Laufen: Sie setzen ihre Schulfreundinnen unter LSD, so dass sie sich ungehemmt geilen alten Böcken aus der Hamburger Schickeria hingeben. Als ihre ruchlosen Aktionen ein erstes Todesopfer fordern, wird der Journalist Danny Sonntag (Erik Schumann) hellhörig: Der LSD-Clique gehört das unverantwortliche Handwerk gelegt! Till verliebt sich zudem in die brave Lotti (Marianne Hoffmann) und verspricht ihr, dem kriminellen Sumpf den Rücken zuzukehren. Doch da überschlagen sich die Ereignisse...

Die rücksichtslose Jugend schlägt wieder zu, mit ihren viel zu schnellen Flitzern, üblem Rauschgift aus dem Chemielabor und dazu auch noch versaut bis nach Kairo! Am Schlimmsten sind, man weiß das, die Vernachlässigten, aus reichen Elternhäusern, der Senior mit 'nem dicken Mercedes und der Filius zu faul zum Arbeiten. Das Weltbild von "Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn" ist so hausbacken wie verlogen - auf der einen Seite die semiehrlichen Kleinluden mit der harten Faust und der verbeulten Birne, die sich zwar manchen Fehlgriff leisten, das Herz aber garantiert am rechten Fleck tragen (ein solches Hamburger Original kann nur und muss ergo natürlich von Heinz Reincke gespielt werden), die unbestechlichen Reporter vom "Abendblatt" und die seriösen Polizisten, auf der anderen das schmierige Reichenpack; die verdorbenste Kaste deutschen Witschaftsgebahrens! Solch brachial vorgetragener Linkskonservativismus ist Olsen pur - und natürlich St.-Pauli-Kino, wie die ausgehenden Sechziger und frühen Siebziger es so liebten.
Hämburch is schon eine Sünde wert, aber stets dran denken: Sag was wahr ist, iss was gar ist und trink was klar ist! Prrroust!

8/10

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NECRONOMICON - GETRÄUMTE SÜNDEN (Jess Franco/BRD 1968)


Zitat entfällt.

Necronomicon - Geträumte Sünden ~ BRD 1968
Directed By: Jess Franco

Die Künstlerin Lorna Green (Janine Reynaud) tritt in einem Lissaboner Club in einer Avantgarde-Show des Impressario Mulligan (Jack Taylor), zugleich ihr Liebhaber. Immer wieder verfällt Lorna in luftigeTagträumereien, die nach romantischen Einleitungen und erotischen Höhepunkten in Gewaltakten enden. Realität und Fantasie vermengen sich zusehends. Am Ende gibt es tatsächlich jeweils einen Toten, doch hat wirklich Lorna sie auf dem Gewissen?

Ein jazziges Vexierspiel, getränkt in Whiskey und Acid, das es unheimlich schick findet, Kunst zu zitieren um daraus selbst im besten Falle welche zu machen. Unaufhörliches Namedropping gehört ebenso dazu wie lax geführte Diskurse zu Psychoanalyse, unmoderne und zeitlose Kultur. Die vordergründige, abgehobene Arroganz von "Necronomicon" verleiht ihm jedoch zugleich einen höchst campiges Flair, denn bei aller mehr oder weniger angestrengt demonstrierten Unzugänglichkeit befindet man hier natürlich immer noch bei Franco und nicht bei Godard oder Resnais. Dennoch ist "Necronomicon", der trotz seines Titels freilich nichts mit Lovecrafts unheilvollem Zauberbuch zu tun hat, ein merkwürdig wunderbarer, vor allem fest mit seiner Entstehungszeit verketteter Film. Die Reynaud wirkt etwas wie eine verruchte, verdrogte Zwillingsschwester von Jane Fonda und der notorische Howard Vernon ist mal wieder ziemlich lustig. Am Ende raucht einem etwas die Birne, aber der Trip war trotzdem ziemlich 'square'.

8/10

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ALBINO (Jürgen Goslar/BRD, UK, RSA, RHO 1976)


Zitat entfällt.

Albino (Der flüsternde Tod) ~ BRD/UK/RSA/RHO 1976
Directed By: Jürgen Goslar

Rhodesien in den Siebzigern. Als ein marodierender farbiger Albino (Horst Frank) als Anführer eine Gruppe Guerilleros Sally (Sybil Danning), die Frau des weißen PolizistenTerick (James Faulkner) in dessen Abwesenheit auf seiner heimischen Farm vergewaltigt und umbringt, zieht dieser auf eigene Faust los, um den verhassten Verbrecher zu stellen, seine ehemaligen Kollegen dicht auf den Fersen.

Erstaunlich differenzierte Abhandlung über den Zustand der weißen Kolonialisten in Afrikas Südosten, deren Tage bereits in den Siebzigern längst gezählt waren - glaubt man Goslars finsterer Bestandsanalyse. Die schwierige Situation, es sowohl den Ureinwohnern als auch den Besatzern in der x-ten Generation ein gleichberechtigtes Miteinander zu ermöglichen, wird hier kurzerhand durch die nach außen kanalisierte, blanke Aggression eines in Afrika tatsächlich mythologisierten Wesens gesprengt: Eines schwarzen Albino, den Horst Frank unter einer geradezu unfassbar beklemmenden Maskerade darstellt.
In diversen Gegenden Afrikas werden Albinos noch heute von der Bevölkerung wahlweise geächtet oder als Wesen magischer Kraft mystifiziert; teilweise betreibt man einen florierenden Handel mit ihren Organen und Extremitäten, da diesen Zauberkräfte innewohnen sollen. Daniel Carney, auch Autor der Romanvorlage zu "The Wild Geese", hat dieses Sozialphänomen zum Zentrum seiner Geschichte gemacht: Ausgerechnet jenes außergewöhnliche Menschenexemplar vereint die Wut eines Kontinents in sich und lässt den blutigen Aufschrei der Rebellion durch das altehrwürdige Haus des Feindbildes hallen.
"Albino" setzt weniger auf visuelle Härten, seine unbequeme Atmosphäre, die allenthalben spüren lässt, dass das Leben in diesem äußerlich so schönen Land unter den gegenwärtigen Umständen nur als lebensfeindlich empfunden werden können, da der Hass jederzeit explodieren könnte, macht ihn so sehenswert. Goslars Film, der auch viel von den finsteren Italowestern von Questi und Corbucci in sich vereint, schmeckt vielleicht während des Verspeisens im klassischen Sinne nicht sonderlich deliziös, aber er macht im baldigen Anschluss garantiert für lange Zeit satt und zufrieden.

9/10

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FLUCHTWEG ST. PAULI - GROSSALARM FÜR DIE DAVIDSWACHE (Wolfgang Staudte/BRD 1971)


"Dir werd' ich's zeigen, du Sau."

Fluchtweg St. Pauli - Großalarm für die Davidswache ~ BRD 1971
Directed By: Wiolfgang Staudte

Der berüchtigte Verbrecher Willy Jensen (Horst Frank) flüchtet aus dem Gefängnis. Sein Plan, sich abzusetzen, geht jedoch daneben: Willys versteckte Beute ist futsch und sein ehrbarer Bruder Heinz (Heinz Reincke), Taxifahrer auf St. Pauli, hat sich mittlerweile häuslich mit Willys Holder Vera (Christiane Krüger) eingerichtet. Der wütende Willy entführt Vera und begeht einen Einbruch bei dem reichen Ehepaar Berndorf, der mit dem Mord an der Gattin (Heidy Bohlen) endet. Die gestohlenen Klunker will ihm jedoch keiner abnehmen, mit solcherlei Aktionen will masn selbst im Milieu nichts zu tun haben. Für den verzweifelten Willy gibt es nurmehr die Flucht nach vorn...

Prima Kiezkrimi, der nicht ganz den sleazigen Hauch eines Rolf Olsen atmet, sich aber vermutlich gerade deshalb als erstklassiges Zeit- und Lokalporträt über die Runden bringt. Horst Frank ist große Klasse als amoklaufender Gewaltverbrecher, dessen anfangs noch kühle Kalkulationsfertigkeit irgendwann dem nackten Angstschweiß weicht und der analog dazu immer bedrohlicher wirkt. Schicke Mädels gibt's zuhauf im Film, allen voran die schöne Christiane Krüger, die einen mit ihrer unwiderstehlichen Schnittigkeit zuweilen darüber sinnieren lässt, ob und warum die Frauen möglicherweise ehedem eine ganz andere Art der Stilsicherheit besaßen.
Klaus Schwarzkopf ist dabei als besonnener Bulle und damit idealer Antagonist Franks, Heinz Reincke spielt einmal mehr sich selbst. "Fluchtweg St. Pauli" ist ergo gerade so gut, wie er es erwarten lässt.

8/10

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LE CORBEAU (Henri-Georges Clouzot/F1943)


Zitat entfällt.

Le Corbeau (Der Rabe) ~ F 1943
Directed By: Henri-Georges Clouzot

Eine kleine Provinzstadt unweit von Paris wird das Opfer einer Welle denunziatorischer Hassbriefe, die allesamt mit "Der Rabe" unterzeichnet sind. Besonders der erst seit kurzem hier ansässige Arzt Rémy Germain (Pierre Fresnay) wird zum Opfer des böswilligen Ränkeschmieds - angeblich soll er bereits diverse Abtreibungen initiiert und zugleich etliche Frauen im Ort verführt haben. Doch nicht nur gegen ihn richten sich die Intrigen und Anschuldigungen: Als ein Krebspatient nach einem Brief des Raben Suizid begeht und auch ein kleines Mädchen sich ins Unglück gestürzt findet, beginnt die Situation hochzukochen. Mit allen Mitteln sol die Identität des Raben festgestellt oder Germain wahlweise aus der Stadt vertrieben werden.

Petains Kollaborationsregierung von Vichy befand sich kaum in Amt und scheinheiligen Würden, da präsentierte Clouzot ihr bereits seine misstrauische Quittung: Basierend auf einem authentischen Fall, der sich 25 Jahre zuvor in Tulle ereignet hatte, zeigt "Le Corbeau" die Folgen faschistischer Einflussnahme: Wenn niemand mehr dem anderen trauen kann, weil jeder ein potenzieller Spitzel oder gar Feind ist, dann ist es mit der Idylle vorbei; das System gewinnt die Oberhand und jedwede Privatsphäre ist passé.
Dass diese teils geradezu fürchterlich schwarzhumorige Satire immerhin im eigenen Lande die Schranken der Zensur passieren konnte, bewerkstelligte man mit dem Hinweis, "Le Corbeau" sei von einer deutschstämmigen Firma namens Continental mitproduziert worden. Dennoch bewahrte dies weder Werk noch Urheber vor Repressalien, denn selbst linksgerichtete Strömungen bescheinigten "Le Corbeau" eine unterminierende Subtilität, die das französische Volk verunglimpfe. Glücklicherweise folgte die allgemeine Rehabilitation in nicht allzu weiter Ferne nach dem Kriegsende. Erst jetzt war man bereit, die freche Breitseite Clouzots gegen die Okkupation im rechten Licht wahrzunehmen.

8/10

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Filmtagebuch von...

Funxton

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