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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE FRIENDS OF EDDIE COYLE (Peter Yates/USA 1973)


"Everybody oughta listen to his mother."

The Friends Of Eddie Coyle (Die Freunde von Eddie Coyle) ~ USA 1973
Directed By: Peter Yates

Der alternde Gauner Eddie Coyle (Robert Mitchum) erledigt kleinere Jobs für die wirklich schweren Jungs in und um Boston. Weil er in New Hampshire noch einen Prozess und damit einhergehend eine Verurteilung erwartet, lässt er sich jedoch von dem Schatzbeamten Foley (Richard Jordan) ködern, der Coyle für die Aussicht auf Strafmilderung ein paar Namen entlocken will. Tatsächlich macht derzeit eine Bankräubertruppe um den Gangster Jimmy Scalise (Alex Rocco), für den Coyle Waffen besorgt, Massachusetts unsicher. Dann ist da noch Coyles Lieferant Brown (Steven Keats), für den der ergraute Ganove sowieso nichts übrig hat. Doch Coyle ist nicht der Einzige, der mit den Cops paktiert und vor allem nicht derjenige, der das intrigante Spiel um Verrat und Freundschaft durchschaut...

Mit "The Friends Of Eddie Coyle", vermutlich seinem Meisterstück, schaffte Peter Yates, was bis heute außer ihm nur wenigen gelungen ist: Er transportierte die existenzialistische Kühle der Gangster- und Polizeidramen Melvilles erfolgreich auf neuweltlichen Boden. Boston, die Metropole irischer Einwanderer, dient ihm dabei als Schauplatz für seine messerscharf erzählte, heldenlose Story um einen Personkreis armer Teufel, die allesamt viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um noch Ehr- und Moralbegriffe walten zu lassen. Dabei bleibt die Aggression stets latent, die figuralen Konnexionen nicht immer ganz durchschaubar. Nur eins ist sicher: Robert Mitchum als Eddie Coyle ist so weit weg wie selten von seinem von ihm selbst über Jahrzehnte geprägten maskulinen Archetypus, von Anfang an ist er der große Verlierer des Spiels und wird am Ende sauber und plangemäß abserviert. Ohne jede Melancholie schildert Yates dieses gewissermaßen sogar verdiente Schicksal mit minutiöser, bald dokumentarischer Exaktheit, stets auf dem Punkt und so sicher wie, mit Ausnahme vielleicht von "Bullitt", keinen anderen seiner mir bekannten Filme. Ein großes Werk, wirklich und wahrhaftig.

10/10

Peter Yates Boston Freundschaft Verrat Heist Herbst New Hollywood George V. Higgins


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FIGHT CLUB (David Fincher/USA, D 1999)


"Go ahead, Cornelius, you can cry."

Fight Club ~ USA/D 1999
Directed By: David Fincher

Ein bei einer Autofirma angestellter, junger Mann (Edward Norton), der feststellen muss, ob Unfälle mit den hauseigenen Produkten regresspflichtig gemacht werden können, ist über seine Einsamkeit hinaus schlaflos geworden. Um wieder fühlen zu können, geht er als "Elendstourist" zu diversen Selbsthilfegruppen. Als er sich jedoch in die "unkonventionelle", ihm jedoch durchaus ähnliche Marla Singer (Helena Bonham Carter) verliebt, die so gar nicht seinem klassischen Beuteschema entspricht, entwickelt der junge Mann eine ausgeprägte Schizophrenie, die in einer Persönlichkeitsspaltung mündet: Sein anderes, neues Ich, Tyler Durden (Brad Pitt) kann alles, was er selbst nicht kann, er ist ein Anarchist, der den Ist-Zustand der Welt verabscheut und mit der Hilfe seines braven alter ego die Revolution anbahnt. Zunächst wird ein im Untergrund operierender Faustkampfclub gegründet, aus dem sich dann später eine Revolutionsarmee speist, die etwas ganz besonders Schönes plant.

Palahniuks Buch habe ich noch immer nicht gelesen und werde dies wahrscheinlich auch nie nachholen, weil ich Finchers absolut meisterhaftes Filmmonster durch nichts mehr angekratzt wissen möchte.
"Fight Club" subsumiert die Krise einer immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe: Der des männlichen, angestellten, gutverdienenden, weißen, abendländischen Frühdreißigers. Überarbeiteter Anzugträger, sich mit Statussymbolen jedweder Konsumsparte ausstaffierend, dabei todunglücklich, einsam und gefangen, das für eine Person viel zu große Wohnblock-Apartment gesäumt mit Ikea-Waren, stets mit Zivilisationskrankheiten von Insomnie über Hypertonie bis hin zu Depressionen und Burn-Out kämpfend. Ein klein wenig Fight-Club-Edward-Norton steckt wohl in "uns" allen und dagegen können wir uns vermutlich auch gar nicht wehren. Die Geschichte entwickelt diesen Ist-Zustand mit einem unvergleichlichen, genießerischen Selbsthass und Selbstekel, fernab jedweden Mitleids und mit einem solch überbordernden Zynismus, wie es kein anderes Werk zustande bringt und zehrt daher auch vierzehn Jahre und mehrere internationale Kriege später noch immer von ungebrochener Aktualität. Brad Pitt als anarchistisches Wunsch-Ich zu besetzen, derweil er im Prinzip bloß seinen "12 Monkeys"-Part repetiert, ist ein weiterer großer Schachzug dieser in jeder Hinsicht perfekt ausgearbeiteten Milieumeditation, die sich selbst nicht davor scheut, das hochfinanzielle Chaos zu predigen und deren wunderbar romantisches Schlussbild bitteschön nicht als Armageddon missverstanden werden will, sondern als durchaus probate Rettungsoption. Ich hatte danach, wie immer kurz nach dem Film, verdammt viel Lust, mich in eine Kneipe zu setzen und mir mit Karacho selbst in die Fresse zu hauen, war dann aber doch mal wieder zu feige. Ich brauche wohl erst noch meinen Tyler Durden.

10*/10

David Fincher Chuck Palahniuk Satire Groteske Terrorismus Faustkampf Verschwörung Insomnie Madness Apokalypse Krebs Persönlichkeitsstörung


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THE ICE STORM (Ang Lee/USA 1997)


"Mikey's been out of it since the day he was born."

The Ice Storm (Der Eissturm) ~ USA 1997
Directed By: Ang Lee

Das Städtchen New Canaan, Connecticut ist im ökonomisch florierenden Jahre 1973 zu einer Art Zufluchtsort für wohlsituierte Bürger avanciert, die ihrer spießigen Langeweile zu entkommen versuchen, indem sie die einstigen Ideale der freien Liebe für ihre Zwecke adaptieren. Echte Zuneigung und Wärme empfindet hier längst niemand mehr, einzig die Jugendlichen scheinen zumindest zu Teilen noch zu herzlichen Empfindungen fähig. Über diese allumfassende Krise drohen zwei benachbarte Familien auseinanderzubrechen: Die Hoods und die Carvers. Während Ben Hood (Kevin Kline) ein rein sexuelles Verhältnis mit Janey Carver (Sigourney Weaver) pflegt, pflegt Bens Frau Elena (Joan Allen) ihre Depression und Janeys Mann Jim (Jamey Sheridan) seine Styropor-Manufaktur. Die Kinder beider Familien pendeln orienmtierungslos durchs Leben, scheinen jedoch bereit, vor lauter Frust die unsäglichen Manierismen ihrer Alten zu übernehmen. Bis es in einer schockgefrorenen Nacht kurz nach Thanksgiving zur längst überfälligen Katstrophe kommt.

Rick Moodys wunderbaren, autobiographisch gefärbten Roman über eine verlorene Generation habe ich in den Neunzigern heiß und innig geliebt. Er vermochte auch, die sexuelle Orientierungslosigkeit sowohl der erwachsenen als auch der adoleszenten Protagonisten überaus plastisch zu beschreiben und darzustellen, ohne sich verbale Chaunivismen zu leisten. Der Film müht sich auch dazu, bleibt schon aus nachvollziehbaren Gründen der Ästhetik jedoch vergleichsweise gediegen. Dennoch fangen Lee und sein Schreiber James Schamus den diskursiven Kerngedanken Moodys derart unmissverständlich ein, dass "The Ice Storm" als Glücksfall einer Literaturadaption betrachtet werden kann. Es geht um das Zerbrechen von Familien, in einem Fall das drohende, im anderen das sich vollendende und die unmissverständliche Zuweisung der Schuld, denn auch diese existiert und muss gestattet sein. Hier, in dieser nicht nur symbolisch tief erkalteten Katerphase nach dem exzessiv durchtanzten, mehrjährigen 'Summer of Love', verweigert man sich der überfälligen Rückkehr zur Tagesordnung, hat noch nicht genug von seinem Recht auf Spaß eingefordert und vergisst darüber hinaus Verantwortung und Lebenstüchtigkeit. Die Leidtragenden sind die Kinder, die dieser Atmosphäre von materiellem Wohlstand und mentaler Leere kaum trotzen können und zudem sich selbst überlassen sind. Am Ende bleiben nurmehr Tränen, für alle Beteiligten. Aber diese verkünden zugleich auch Katharsis, Besserung und hoffnungsvolle Vorsätze.

8/10

Rick Moody period piece Coming of Age Connecticut Herbst Satire Sex Ang Lee New York


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NORMA RAE (Martin Ritt/USA 1979)


"UNION! UNION! UNION!"

Norma Rae ~ USA 1979
Directed By: Martin Ritt

Wie die meisten Menschen ihrer Kleinstadt in Alabama arbeitet auch Norma Rae (Sally Field) in der lokalen Baumwollweberei. Die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, denen sowohl sie selbst als auch ihre vielen Kolleginnen und Kollegen ausgeliefert sind, ist jedem ein Dorn im Auge - nur traut sich niemd, den Mund aufzumachen, weil man ohne Job auf der Straße stünde. Da taucht eines Tages der New Yorker Gewerkschaftsvertreter Reuben Warshowsky (Ron Leibman) auf, der die Leute unter größten Mühen waschzurütteln beginnt und Norma Rae als wichtige Mitstreiterin gewinnt. Darunter leidet jedoch nicht zuletzt die frischgebackene Ehe mit ihrem Mann Sonny Webster (Beau Bridges), sondern auch ihre Familie und nicht zuletzt die altbacken-verschlafene Harmonie im Ort...

Klassenkampf ist immer gut, Arbeitskampf auch. Dass es bei den Amis immer ein bisschen länger dauert, bis sie den Mund auftun - schließlich assoziiert speziell der gemeine Südstaaten-Bildungsferne den Gang in die Gewerkschaft schon unwillkürlich mit einer Mitgliedschaft im Negerschwuchtelitzigemanzenkommiclub - ist ein alter Hut. 1979 war es das noch nicht ganz so sehr, weshalb "Norma Rae" gemeinsam mit den anderen Gewerkschaftsporträts dieser Zeit (Jewisons "F.I.S.T." etwa zeigte parallel dazu die korrumpierenden Schattenseiten jenes Milieus) auch einen nach wie vor sehenswerten Film darstellt. Als einer der weit links außen platzierten Filmemacher Hollywoods packte Ritt des öfteren Themen von unbequemem Aroma an, unterminierte Vorurteile und machte seinen unbestechlichen Blick für Charakterstudien publik. Ja, und Sally Field ist wirklich mal 'ne tolle Schauspielerin (gewesen), wenngleich sie sich heute hier und da gern verheizt und naturgemäß alles andere als feurig daherkommt.

8/10

Martin Ritt Arbeitskampf Gewerkschaft Südstaaten Alabama Ehe Freundschaft


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TIERISCHE LIEBE (Ulrich Seidl/AT 1996)


"Du bis mein Ein un Ojs, mei Bubele, und krigs von mir au imma schön dein Pappi."

Tierische Liebe ~ AT 1996
Directed By: Ulrich Seidl

Mit der österreichischen Hauptstadt Wien assoziiert man als noch nie Dagewesener allen möglichen Kitsch; Sachertorten, den berühmten Schmäh, Kaffeehäuser, Kalbsschnitzel, Barock, Mozart, Walzer und Strauss, den Kongress und den Prater mit dem Riesenrad, Klimt, Hundertwasser und Schnitzler, Freud und Jung. Vielleicht noch den Dritten Mann und Georg Danzer. Dass es jedoch eine Großstadt ist wie alle, mit absolut fiesen, schmucklosen Ecken und Menschen, das verdrängt man leicht. Und plötzlich begegnet einem dieser Ulrich Seidl, von dem man schon so viel gehört und gelesen hat, der sich durch seine harte Art der stilisierten Dokumentation einen Namen gemacht hat. "Tierische Liebe" als erster Seidl-Film lag für mich nahe, weil ich selbst ein großer Hundeliebhaber bin und meine Beziehung zu meinem Hund manch einem, der mich weniger gut kennt, auch leicht ein Kopfschütteln abringen mag. Die sich freimütig und ausgiebig exponierenden Zeitgenossen in "Tierische Liebe" sind nicht a posteriori zoophil, ja nichtmal pervers. Es sind einfach arme, einsame, oft bildungsferne Typen; psychisch gestört und suchtkrank, allein und der Kommunikationslosigkeit überlassen. Ihre Tiere, meist Hunde, missbrauchen sie unbewusst als Ersatz für fehlende Zwischenmemschlichkeit, für plötzlich fehlende Lebenspartner, Kinderlosigkeit, selbst für Liebe und Körperkontakt. Einen Hund zu herzen und zu beschmusen, bis dieser nur noch wegwill, und das zeigt "Tierische Liebe", dazu gehört schon beinahe ein spezielles Talent. Aber bei Seidl gibt es solche Menschen; sie hängen auf ihrer Couch vor verschimmelten Tapeten, hören Bernhard Brink, trinken Vodka, ficken oder betreiben Telefonsex, die ärmsten Schweine Wiens. Ob das filmemacherische Ethos es zulassen sollte, solche offenbar doch schwer pathologischen Individuen vor die Kamera zu lassen und sich selbst zu denunzieren, muss Seidl mit sich selbst ausmachen. Dass er mit "Tierische Liebe" einen ebenso erschütternden wie bewegenden, nur schwer zu ertragenden Film gemacht hat, steht aber genauso außer Frage.

8/10

Ulrich Seidl Wien Madness Hund


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SUNSET BLVD. (Billy Wilder/USA 1950)


"I am big. It's the pictures that got small!"

Sunset Blvd. (Boulevard der Dämmerung) ~ USA 1950
Directed By: Billy Wilder

Durch einen Zufall gerät der arbeitslose Scriptautor Joe Gillis (William Holden) in das äußerlich verfallene Haus der vergessenen Stummfilmdiva Norma Desmond (Gloria Swanson). Die fünfzigjährige Frau, die seit dem Aufkommen der talkies vor rund zwanzig Jahren keinen Film mehr gemacht hat, lebt hier einsam mit ihrem Butler Max (Erich von Stroheim) und träumt von ihrer "Rückkehr", die sie, basierend auf einem selbstgeschriebenen Script über die verruchte Prinzessin Salome, bereits konkret plant. Joe soll ihr Drehbuch nach modernen Standards überarbeiten, dann soll es von DeMille verfilmt werden. Norma ahnt nicht, dass ihr schwülstiges Script von vornherein als unverfilmbar eingestuft werden wird, dass DeMille sich kaum mehr für sie interessiert und dass ihre rege Fanpost von Max geschrieben und abgesendet wird. Während ihrer folgenden Geschäftsbeziehung verliebt sich Norma in den deutlich jüngeren Joe, veranlasst ihn zum Einzug und behandelt ihn wie einen Gigolo. Jedweden Versuche Joes, den Klauen der zunehmend psychotisch auftretenden Frau zu entkommen, quittiert diese mit glamourös inszenierten Selbstmordversuchen, dramatisch gespielten Szenen und Intrigen.

Wilders ebenso berühmte wie bittere Abrechnung mit Hollywood und der anthropophagen Filmindustrie, eine Reminiszenz an die vermeintlich besseren Zeiten des glamourösen Stummfilms, in denen Menschen wie Hauptdarstellerin Swanson, Rudolph Valentino oder die in "Sunset Blvd." als sie selbst auftretenden Cecil B. DeMille, Buster Keaton und Hedda Hopper noch als Halbgötter behandelt und gefeiert wurden. Dass die Eigenschaft, seine Protagonisten in höchste Höhen zu hieven, nur, um sie dann aus ebendiesen wieder unsanft zu Boden fallen zu lassen, zu Hollywoods ureigenen zählt, davon handelt die Geschichte um Norma Desmond und Joe Gillis. Zudem ist sie auch so etwas wie der Beginn des Hag-Horror-Subgenres, in dem verstörte, betagtere Damen, zumeist von echten Ex-Diven porträtiert, durch innere oder äußere Umstände noch mehr der Verstörung anheim fallen, bis am Ende, im Gefolge der plotinternen Katastrophe, die letzte Quittung in Form völliger Umnachtung auf sie wartet.
Nach der Film-Premiere soll Louis B. Mayer, selbst ein altes Schlachtross frühester Studio-Triumphestage, Billy Wilder wutentbrannt als "Bastard" beschimpft haben. Eine solch bezaubernde Anekdote kann einem Film wie "Sunset Blvd." nur formvollendet bewerben, denn Legende und Realität, Realität und Fiktion vermischen sich hier nochmal auf einer ganz anderen Ebene als auf der Leinwand.

9/10

Billy Wilder Hollywood Kalifornien film noir femme fatale Madness Satire


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THE LOST WEEKEND (Billy Wilder/USA 1945)


"Pour it, Nat!"

The Lost Weekend (Das verlorene Wochenende) ~ USA 1945
Directed By: Billy Wilder

Der erfolglose Autor Don Birnam (Ray Milland) ist Alkoholiker. Die Sucht nach billigem Fusel bestimmen sein Leben und sein Tagesgeschäft, derweil sein Bruder Wick (Phillip Terry) und seine Freundin Helen (Jane Wyman) alles probieren, ihm zu helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen. Nach einem hart durchzechten Sommerwochenende, an dem Dons letzte moralische Schranken fallen, er zum Bettler wird, zum Dieb, zum Ausgestoßenen, auf der Suchtstation landet und schließlich ein hartes Delirium durchmacht, fasst er den Plan, alles zu einem sauberen Abschluss zu bringen.

Mit "The Lost Weekend" habe man angefangen, ihn wirklich ernstzunehmen, konstatierte Billy Wilder einst angesichts des ungeplanten, gloriosen Erfolges seines Meisterwerks. Dass der gleichermaßen früher wie später für seinen spritzigen Humor bekannte Regisseur auch Arbeiten abzuliefern wusste, die harten Alltagshorror beinhalteten, mag sich ein eher unbedarfter Zuschauer kaum ausmalen. Und doch ist "The Lost Weekend" von einer geradezu lehrbuchhaften Gültigkeit, was die Zeichnung von Abhängigkeit und Co-Abhängigkeit anbetrifft, das völlig zeitentrückte Chargieren zwischen Wohnung und Kneipe, der verderbliche Zustand während des akuten Entzugs und später dann wieder die lallende Großkotzigkeit, wenn der Whiskey das Serotonin auf Trab gebracht hat. Gut, dass ein Alkoholiker irgendwann den abrupten Suizid plant, mag vielleicht mehr der filmdramaturgischen Schlüssigkeit denn realer Suchtpathologie geschuldet sein, im Falle Don Birnam jedoch macht es durchaus Sinn. Millands zwingende Darbietung bietet schauspielerische Schwergewichtsklasse, seine mit leerem Blick vorgetragene Säufervita, sein verdurstendes Taumeln über die Third Avenue, vorbei an all den jüdischen Pfandleihhäusern, die geschlossen haben, weil Yom Kippur ist und all die vielen anderen grandiosen Szenen, deren Aufzählung müßig wäre, weil man sie unbedingt selbst gesehen haben und sehen muss, wieder und wieder.

10/10

Billy Wilder New York Alkohol Sucht Brüder Literatur film noir


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BLACK NARCISSUS (Michael Powell, Emeric Pressburger/UK 1947)


"How do I know what nuns eat?"

Black Narcissus (Die schwarze Narzisse) ~ UK 1947
Directed By: Michael Powell/Emeric Presburger

Die junge Ordensschwester Clodagh (Deborah Kerr) soll in Mopu im indischen Teil des Himalaya eine Klosterschule für die einheimischen Mädchen leiten, sie das Wort Gottes, die englische Sprache und ein Mindestmaß gepflegter, abendländischer Zivilisiertheit lehren. Zusammen mit vier weiteren Nonnen nimmt sie die schwierige Arbei in Angriff. Doch das Kloster, ehemals ein lokaler Herrscherpalast, übt auf die fünf Neuankömmlinge teils höchst unterschiedliche, in jedem Fall allerdings eine prägende Wirkung aus: Sie alle besinnen sich ihrer lange verdrängten, weltlichen Wurzeln, trauern ihrem früheren Leben und lange verflossenen Liebschaften hinterher oder verlieben sich, wie im Falle der zunehmend psychotischen Schwester Ruth (Kathlee Bryon), sogar neu - in den britischen Verwalter Dean (James Farrar). Jener indes ahnt, dass der Berggipfel mit missionarischer Geisteshaltung nicht zu bezwingen ist und prognostiziert bereits früh die heraufziehende Katastrophe...

Ein Hochgenuss in jeder Hinsicht, demonstriert dieses große Kunstwerk von Powell und Pressburger, was Kino einst zu leisten im Stande war: Die Erschafung von Mythen, Geheimnissen und Exotik, nicht minder den zielgerichteten, klugen Einsatz von Technicolor, der dem Gesamwerk dienlich war und den mittlerweile völlig verbrauchten Begriff "Farbdramaturgie" greifbar erläutert. Dazu die fein pronocierte antiimperialistische Gesinnung des Ganzen, die am Ende nichts anderes herausprustet als ein beleibtes "Wir haben euch nicht gerufen, wir wollen und brauchen euch und euresgleichen nicht! Verschwindet hier oder bleibt und verderbt!". Eine bittere Erfahrung für die darbenden, dem erotischen Vertrocknen nahen Bräute Jesu, die denn auch nicht durchweg dem von Mystik und primitiver Wollust geschwängerten Klima und den in der Luft zu liegen scheinenden Verlockungen jenes gleichermaßen so kontemplativen und beflügelnden Ortes widerstehen können. Cardiffs Bilder sind voll von symbolischer Schönheit, seine Gesichter, jedes aus anderer Perspektive und Beleuchtung aufgenommen, von ebenmäßiger Kraft. Der Moment, als die zuvor nur im weißen Gewand zu sehende Ruth plötzlich als "normale" Frau dasteht, rothaarig, schön, und doch den fiebrigen Irrsinn im Blick, wirkt auf verstörende Art berühend und kann es in seiner Wirkung mit jedem Horrorfilm-Schockmoment aufnehmen.

10/10

Michael Powell Emeric Pressburger Jack Cardiff Kloster Indien Nonnen Madness Himalaya


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THE RUM DIARY (Bruce Robinson/USA 2011)


"How does anyone drink 161 miniatures?" - "Are they not complimentary?"

The Rum Diary ~ USA 2011
Directed By: Bruce Robinson

Puerto Rico in den Sechzigern: Der abgehalfterte und versoffene US-Autor Paul Kemp (Johnny Depp) findet eine Einstellung bei dem maroden "San Juan Star". Dort soll er unter anderem die Horoskope verfassen. Nachdem er mehrere Male seine Hotelzimmer-Minibar auf Spesenkosten geleert hat, muss Kemp dann zu seinem Kollegen Sala (Michael Rispoli) ziehen, der zusammen mit dem völlig durchgedrehten Moberg (Giovanni Ribisi) ein heruntergekommenes Apartment in der Stadt bewohnt. Monetäres Licht am Tunnel erscheint in der Person des zwielichtigen PR-Unternehmers Sanderson (Aaron Eckhart). Dieser sucht einen korrupten Schreiberling, der gezielten Populismus für ein ökologisch katastrophales Hotelbauprojekt auf einer bislang unbevölkerten kleinen Karibikinsel betreibt. Zunächst schlägt Kemp, geblendet von Luxus und Sandersons aufregender Frau Chenault (Amber Heard) ein; er findet jedoch bald zu seiner eigentlichen Haltung zurück.

Nicht das große, Acid-intoxinierte Americana-Monster, das Gilliam mit "Fear And Loathing In Las Vegas" auf Reisen schickte, gewichtet sich bereits die Ausgangsbasis von "The Rum Diary" anders. Hier gibt es für Thompson noch Werte, für die zu kämpfen es sich lohnt, einen Guerillakrieg mit Tinte und Feder gegen die Übermacht der rücksichtslosen Hochfinanz zu führen etwa. Kleinere Bizzarerien leistet sich zwar auch Robinsons Film, da hier jedoch mit einer Ausnahme der Rum die primär, wenn auch reichlich, konsumierte halluzinogene Substanz bleibt, lässt sich eine gewisse Klarsicht nicht verdrängen. "The Rum Diary" möchte aber auch gar kein Sequel zu Gilliams Adaption sein, er begnügt sich vielmehr mit seinem Status als Mosaik aus witzigen Anekdoten und Hunters Journaille-Wahnsinn, als entspanntes Zeitporträt mit Charakterköpfen, von denen insbesondere Giovanni Ribisi, den ich noch nie so toll gesehen habe wie hier, als kleiner Thronerbe von Benicio Del Toro hängen bleibt.
Robinson, dessen erster Film seit 19 Jahren und insgesamt vierter in 24 dies ist, hat Vieles - wahrscheinlich sogar das Meiste - richtig gemacht, bei einer Thompson-Verfilmung gewiss keine Selbstverständlichkeit. Und wird seine Frequenz künftig hoffentlich wieder etwas anziehen.

8/10

Bruce Robinson Journalismus Hunter S. Thompson Puerto Rico Karibik Alkohol LSD period piece


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DVÆRGEN (Vidal Raski/DK, USA 1973)


"I need another teddy bear."

Dværgen (Das Haus der verlorenen Mädchen) ~ USA/DK 1973
Directed By: Vidal Raski

Der ehemalige Revuestar Lila Lash (Clara Keller) und ihr zwergenwüchsiger, deformierter Sohn Olaf (Torben Bille) betreiben eine heruntergekommene Pension in East London. Niemand weiß, was sich unter ihrem Dach abspielt: Auf dem Söller gibt es nämlich einen verschlossenen Raum mit drei nackten, forciert heroinsüchtig gemachten Sexsklavinnen (Jeanette Marsden, Lisbeth Olsen, Jane Cutter), die ihrer pervers veranlagten Freier harren. Um den Laden auf Trab zu halten, muss Olaf immer wieder neuen Stoff besorgen, den er von einem Spielwarenhändler (Werner Hedman) erhält. Als das Ehepärchen Mary (Anne Sparrow) und Peter (Tony Eades) in die Pension einzieht, droht der Laden aufzufliegen. Zeit für Lila und Olaf, den Gatten in die Wüse und das Frauchen auf den Dachboden zu schicken...

Ein ebenso poetischer wie widerlicher kleiner Exploiter, der eigentlich weitaus mehr Unheil verspricht als seine doch recht ambitionierte Umsetzung letztlich zu halten vermag. Bis auf zwei ziemlich unmotiviert eingeflochtene HC-Sequenzen gibt es dann eigentlich auch wenig bis nichts, was das Auge beleidigen könnte - es sei denn, man empfindet die Denunziation körperbehinderter Menschen als Untergang des Abendlandes. Torben Bille, der den titelgebenden Zwerg mit einer Extraportion Widerwärtigkeit personifiziert, dürfte allerdings kaum zu seiner lustvollen Parade gezwungen worden sein, insofern ist soweit alles in Butter. Klar ist "Dværgen" oberflächlich betrachtet zu großen Teilen doof und spekulativ, wenn die ihrem früheren Ruhm nachtrauernde, besoffene Lila Lash jedoch ihre Gesangsnummern vollzieht, dann ist das eine nicht nur klare, sondern vor allem gelungene Verbeugung vor den Hag-Horror-Filmen der vorvergangenen Dekade. Außerdem muss man das verlotterte Ambiente des Films bloß als abseitig humoristisch wahrnehmen, was insbeondere unter Verwendung der originären Münchener Synchronfassung mit Wolfgang Hesse als Zwerg und Marianne Wischmann als Lila Lash gar niccht so schwer fällt, und schon hat man rund um Einwegspritzen, Peitschenhiebe, Vergewaltigung und zweckentfremdete Gehstöcke eine Menge zu staunen und zu lachen.

6/10

Vidal Raski Exploitation Trash London Heroin





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Funxton

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