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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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ONCE WERE WARRIORS (Lee Tamahori/NZ 1994)


"People show their true feelings when they're drunk."

Once Were Warriors (Die letzte Kriegerin) ~ NZ 1994
Directed By: Lee Tamahori

In einem verslumten Vorort von Wellington lebt die siebenköpfige, maoristämmige Familie Heke, Mutter Beth (Rena Owen), Vater Jake (Temuera Morrison) und ihre fünf Kinder Nig (Julian Arahanga), Grace (Mamaengaroa Kerr-Bell), Boogie (Taungaroa Emile), und die Kleinsten, Polly (Rachael Morris Jr.) und Huata (Joseph Kairau). Jake, genannt "Jake The Muss" ist der gefürchtetste Schläger im Viertel und macht auch vor seiner Frau nicht Halt. Diese versucht tapfer, die Familie zusammenzuhalten und ist gefangen zwischen der Liebe zu und der Angst vor ihrem Mann. Nig hat seine Familie längst aufgegeben und in einer aus jungen Maori bestehenden Gang ein neues Zuhause gefunden. Boogy muss wegen mehrerer Straftaten in eine Erziehungsanstalt und die sensible Grace sublimiert ihre Gefühle im Schreiben von Fantasy-Geschichten. Eines Nachts wird Grace, im Zuge einer von der Heimpartys ihres Vaters, von dessen Freund Bully (Cliff Curtis) vergewaltigt. Sie kann mit diesem Ereignis nicht umgehen, verschweigt es und begeht schließlich Selbstmord. Für Beth das letzte Zünglein an der Waage, endlich "Nein" zu Jake und seinem Leben zu sagen.

Ein weiterer buchstäblicher Faustschlag-Film, besonders schwer zu ertragen wegen seines unglaublich authentischen Gespürs im Hinblick auf die Chronik einer dysfunktionalen Familie. Anders als übliche Stereotypisierungen verzichtet "Once Were Warriors" auf simple Schwarzweißmalerei. Jake Heke ist eigentlich sogar ein ganz patenter Typ, einer, mit dem man sich durchaus vorstellen kann, literweise Bier zu trinken, einer, der es versteht, zu feiern, zu singen und gut drauf zu sein. Leider ist da aber auch noch eine dunkle, Mr-Hyde-artige Seite, die jenseits einer gewissen Promillegrenze erwacht. Da mutiert Jake plötzlich zu einem ultrabrutalen Schläger, akut aggressiv, misogyn, der seine zarte Frau grün und blau prügelt und sie hernach noch vergewaltigt. Da sollte man dann besser nicht seinen Weg kreuzen und ihn schon gar nicht auf dem falschen Fuß erwischen - ein kurzer Prozess wäre die Folge. Dieses Wechselspiel durchlebt der Zuschauer parallel zu Beth, oder besser gesagt, die Endphase einer bereits achtzehn Jahre währenden Entwicklung. Die spezielle Kunst des Films liegt in seiner Analogisierung des familiären Zerfalls und der Entwurzelung einer Kultur durch generationenlange, kolonialistische Beeinflussung. Die Geschichte von "Once Were Warriors" hätte sich im Prinzip auch ebensogut in einer Familie von Aborigines oder bei nordamerikanischen Indianern abspielen können. In Beth findet sich, trotz ihrer ebenfalls omnipräsenten Affinität zu Bier und Rausch, noch der Stolz einer uralten Kriegerkaste, der sie entstammt. Und dieser setzt sich, zumindest bei ihren Söhnen, auch weiter fort. Was Jake anbelangt, so ist sein tief drinnen schlummernder, stets aktiver Wutvulkan nicht nur einer genetischen Vorprägung zu "verdanken", sondern zugleich ein Aufschrei gegen lose kulturelle Enden und das sich zwangsläufig einstellende soziale Ungleichgewicht durch die "Zivilisation" infolge der einstigen Kolonialisierung. Ganz unabhängig davon ist "Once Were Warriors" ein pures, filmisches Kraftpaket, das einen, so paradox es anmuten mag, gleichermaßen ganz tief runterbuttert und andererseits das ganze progressive Energiepotenzial des unverdrossenen Weitermachens veranschaulicht.

10/10

Lee Tamahori Neuseeland Wellington Maori Vergewaltigung Ehe Familie Feminismus Transgression Alan Duff Slum


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MIDNIGHT EXPRESS (Alan Parker/USA, UK 1978)


"I'm Billy Hayes. Or at least I once used to be."

Midnight Express (12 Uhr nachts - Midnight Express) ~ USA/UK 1978
Directed By: Alan Parker

1970 versucht der junge Amerikaner Billy Hayes (Brad Davis), ein größeres Kontingent Hasch von Istanbul in die USA zu schmuggeln. Er wird jedoch am Flughafen erwischt und kommt nach einem Fluchtversuch in das Gefängnis Sağmalcılar in Istanbul. Seine zunächst auf fünfzig Monate festgesetzte Haftstrafe übersteht er mit zahlreichen psychischen Blessuren, 53 Tage vor seiner Freilassung wird der Fall durch einen übereifrigen Staatsanwalt (Kevork Malikyan) neu aufgerollt und Billys Strafe auf lebenslänglich heraufgesetzt. Ein paar weitere schlimme Ereignisse sorgen dafür, dass Billy bald darauf in die 'Sektion 13' für psychisch kranke Straftäter verlegt wird. Als sich ihm die Wahl stellt zwischen tatsächlichem Wahnsinn und Tod oder dem Risiko eines Ausbruchs wählt er die Freiheit und schafft es tatsächlich zu entkommen.

Einen suggestiver, wütender und zugleich spannender geschriebenen und inszenierten Film auszumachen als "Midnight Express" dürfte schwierig werden. Allerdings gestaltet er sich, das muss man einräumen, auch sehr tendenziös, um nicht zu sagen rassistisch. Der Scriptautor Oliver Stone beteuerte zwar, dass er es keineswegs auf eine Verunglimpfung des türkischen Volkes abgesehen, sondern das repressive Justizsystem des Landes lediglich als Exempel für sämtliche globalen Ungerechtigkeiten im Strafvollzug gestanden habe, zu Recht jedoch waren und sind viele Menschen bis heute über die einseitige Darstellung des Films erbost. Es gibt keinen einzigen sympathisch gezeichneten Türken im Film; stattdessen symbolisieren sie in geballter Form - die Polizei, der Staatsanwalt, der Richter, Hayes korrupter, fetter Verteidiger, der schleimige Knastspion Rifki und ganz besonders der sadistische Aufseher Hamidou, einen ganzen, hässlichen Menschenschlag des Bösen, eine diabolische Clique sich unbewusst ergänzender Teufelsadvokaten. Diverse reale Ereignisse wurden im Zeichen der filmischen Dramaturgie chronologisch umgestellt, oder gleich komplett verändert und selbst der echte Billy Hayes zeigte sich später als ungehalten bezüglich Parkers und Stones offensiv-agitatorischer Art der Narration. Türkische Lebensart, Justiz und Gefängnisse fanden sich durch den gewaltigen Popularitätsradius des Films noch über Jahre denunziert und verunglimpft. So weit, so schlecht. Dennoch ist "Midnight Express" ein großes Meisterwerk des Spanungskinos, ein Film, der nicht genossen werden will, dem man sich vielmehr aussetzt. Er entfaltet eine geradezu beispiellose Sogwirkung, macht die Qual des seelischen Bruchs und den schmalen Gratverlauf zwischen mentaler Gesundheit und forcierter pathologischer Psyche deutlich wie nur wenig sonst im Kino. Man muss in der Lage sein zu differenzieren, die Wahrnehmung des Films als subjektiv und gewissermaßen "alternierend" wahrzunehmen, dann eröffnet sich einem die ganze Wucht von "Midnight Express", die sich über die Jahre um keinen Deut gemindert findet. Auch das ein Qualitätsmerkmal wahrhaft großen Kinos.

10/10

Alan Parker Oliver Stone period piece Biopic Türkei Marihuana Freundschaft Istanbul Gefängnis Transgression


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THE PEOPLE VS. LARRY FLYNT (Miloš Forman/USA 1996)


"I oughta move somewhere where perverts are welcome."

The People Vs. Larry Flynt (Larry Flynt - Die nackte Wahrheit) ~ USA 1996
Directed By: Miloš Forman

Der Aufstieg des amerikanischen Printpornozaren Larry Flynt (Woody Harrelson) vom kleinen Nacktbarbetreiber bis hin zum Chef des nach 'Playboy' und 'Penthouse' dritten großen Nacktmagazins der westlichen Hemisphäre, des 'Hustler'. Immer wieder muss sich Flynt wegen offensiver Gags, Berichte und Cartoons in seiner Zeitschrift vor Gericht verantworten, wobei ihm sein Anwalt Alan Isaacman (Edward Norton) stets eine große Hilfe ist. Weniger erfolgreich als vor Justitia verläuft Flynts Ehe mit der Ex-Stripperin Althea (Courtney Love): Nachdem Larry von einem unbekannten Fanatiker (Jan Triska) angeschossen wird und fortan hüftabwärts gelähmt ist, wird er extrem opiatabhängig, wobei die labile Althea mitzieht. Im Gegensatz zu Larry bewältigt sie jedoch nie den Ausstieg aus der Sucht, erkrankt an HIV und stirbt 1987.

Ähnlich wie bereits in "One Flew Over The Cuckoo's Nest" bewältigt Miloš Forman auch in "The People Vs. Larry Flynt" die Gratwanderung zwischen Tragödie und Humor geradezu schwebend. Momente von grandioser Komik, etwa, wenn Flynt den Gerichten mittels demonstrativer Respektlosigkeit in Bekleidung und Gestus seine Missachtung präsentiert (besonders jener Prozess, welcher der Anklage folgt, die ihn dazu zwingen soll, die Quellen obskurer Videobänder preiszugeben, wäre hier zu nennen) wechseln sich ab mit solchen heftiger Dramatik, etwa, wenn der durch Drogen und Promiskuität hervorgerufene Verfall Altheas wieder ins Zentrum rückt. Courtney Love als Flynts ewige Muse und Liebe ist ganz wunderbar, nicht zuletzt, da ihre eigene Biographie kaum minder erodierend verläuft. Es ist schon herzzerreißend zu sehen, wie Flynt nach Überwindung seiner tiefen inneren Krise weiter zu Althea steht, obschon ihr längst nicht mehr zu helfen ist. Umso ergreifender ihre Todesszene.

9/10

Miloš Forman Journalismus Courtroom Biopic Drogen AIDS Heroin period piece Oliver Stone


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AMADEUS (Miloš Forman/USA 1984)


"From now on we are enemies, you and I."

Amadeus ~ USA 1984
Directed By: Miloš Forman

Wien um 1820: Nach einem Suizidversuch landet Antonio Salieri (F. Murray Abraham), der frühere Hofkapellmeister Kaiser Josephs II (Jeffrey Jones), in einer geschlossenen Anstalt für Geisteskranke. Nach verbalen Äußerungen, denen zufolge Salieri sich die Schuld am Tode des rund drei Jahrzehnte zuvor verstorbenen Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart (Tom Hulce) gibt, soll ihm ein Geistlicher (Richard Frank) die Beichte abnehmen. Salieri berichtet davon, wie er ein von scheinbar göttlichen Gnaden gesegnetes Genie kennen, schätzen und zugleich abgrundtief hassen gelernt und Mozart wegen seines unvergleichlichen Könnens respektive aus diesbezüglichem Neid stets Steine in den Weg geworfen hat. Am Ende bleibt Salieri eine ungenießbare Mischung aus Triumph und Schuldbewusstsein.

Man muss kein ausgesprochener Freund klassischer Musik oder auch nur der von Mozart sein, um "Amadeus" zu lieben. Ferner versagt sich der Film den herkömmlichen Aufzug einer Prominentenbiographie, vielmehr zeigt er das Duell zweier Widersacher, von denen sich einer gar nicht bewusst ist, dass und wie sehr der andere ihm seine Fähigkeiten neidet und ihm darüber hinaus permanent hinterrücks zu schaden versucht. Auch ist "Amadeus" eine Reflexion über die Differenz zwischen handwerklichem Können und wahrem Genie; wobei der jeweilige, zeitgenössische soziale Einflussfaktor davon betont unbeeinflusst bleibt. Im Gegenteil fließt seine Kreativität förmlich ohne Unterlass aus Mozart heraus, während Salieri hart arbeitet. Der Eine liebt den vulgären Müßiggang, Zoten, Suff und Weiber, derweil der Andere weder die höfische noch die sittliche Etikette nie verletzen würde und sich an verbotenen Genüssen allerhöchstens Wiener Zuckerbäckerspezialitäten munden lässt. Am Ende obsiegt dann, wie so oft auch im wahren Leben, der heimliche, versteckt ausgeführte Dolchstoß. Unabhängig von derlei Diskursivität verzaubert Formans großes Werk durch seine Detailtreue, seine geradezu versessenen Hang nach Sorgfalt und filmischer Kunstfertigkeit, die jedoch nie den erzählerische Qualität zu überflügeln droht. Alles fügt sich, lebt, atmet. "Amadeus" ist somit vor allem ein quicklebendiger Film.

10/10

Miloš Forman Wien period piece Mozart Rokoko Österreich Historie Musik Duell Peter Shaffer based on play D.C. Vater & Sohn Best Picture Biopic


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ONE FLEW OVER THE CUCKOO'S NEST (Miloš Forman/USA 1975)


"Jack Dumpey's full of shit!"

One Flew Over The Cuckoo's Nest (Einer flog über das Kuckucksnest) ~ USA 1975
Directed By: Miloš Forman

Um seine Haftstrafe wegen angeblicher Verführung einer Minderjährigen etwas abwechslungsreicher zu gestalten, spielt der Nonkonfirmist R.P. "Mac" McMurphy (Jack Nicholson) den Irren und landet in einer geschlossenen Psychiatrie. Den institutionalisierten Alltag seiner Mit-"Patienten" bläst er durch seine freche Art heftig durcheinander und rasch ist er der Stationsoberschwester Ratched (Louise Fletcher) ein gewaltiger Dorn im Auge. Als Macs unerwünschte Eskapaden zunächst in einem kurzerhand organisierten, ungenehmigten Angelausflug der Patienten und kurz darauf in einer Auseinandersetzung mit dem Pflegepersonal gipfeln, lernt der rebellische Insasse die ganze Unbarmherzigkeit des ihn festhaltenden Systems in Form einer Elektroschocktherapie kennen. Infolge des anschließenden Gesprächs beschließt man, Mac auf unbestimmte Zeit hierzubehalten. Die mit seinem Seelenverwandten, dem Indianer Bromden (Will Sampson) geplante Flucht gipfelt in einer nächtlichen Sauforgie mit zwei Huren. Am nächsten Morgen treibt die rachsüchtige Schwester Ratched den unter einem schweren Ödipuskomlex leidenden Billy (Brad Dourif) in einen urplötzlich vollzogenen Suizid, woraufhin Mac sie beinahe erwürgt. Beim nächsten Mal als Bromden seinen Freund Mac sieht, muss er entsetzt feststellen, dass man diesen einer Lobotomie unterzogen hat...

Immer wieder ein unglaublich fesselndes Erlebnis, Formans Film, dazu in jeder Hinsicht formvollendet, hochkomisch ohne zu denunzieren, todtraurig ohne je auch nur ansatzweise kitschig zu sein, mit einem der größten Gänsehautfinales der gesamten Kinogeschichte.
Ein guter Freund von mir, der schon seit Jahren Pfleger auf psychiatrischen und Suchtstationen des hiesigen Hospitals ist, hat mir mal erzählt, dass "On Flew Over The Cuckoo's Nest" dem auszubildenden Pflegepersonal jahrgangsweise als fest integriertes Element gezeigt wird, als kulturhistorisches "Negativbeispiel" sukzessiv misslingender Psychotherapie. Ich muss immer ein bisschen grinsen, wenn das Thema mal wieder darauf kommt, weil zumindest der Film (Roman und Stück sind mir unbekannt) das Thema 'Psychiatrie' ja bestenfalls als handfeste Analogie, als Parabel benutzt, um den persönlichkeitsbrechenden Einfluss repressiver Systeme auf Individuen zu zeigen. Forman selbst sagt, der Film spiegele im Prinzip exakt die Zustände innerhalb seines Heimatlandes (der Tschechoslowakei) wider vor seinem Gang ins US-Exil. In "Cuckoo's Nest" wird ein autoritäres Schäfchenspiel durchexerziert; Schwester Ratched, gerade wegen ihrer unerschütterlichen Selbsträson eine der diabolischsten und freilich meistgehassten Frauenfiguren des Kinos, buckelt nach oben und tritt nach unten. "Oben", das sind Chefärzte und Justiz, "unten", das sind die Patienten, die psychisch zerschmetterten Lämmer, die ausgerechnet den Wolf benötigen, um von ihm umsorgt und beschützt zu werden. Darin liegt zugleich die größte Heimtücke des Lebens in und mit der Anstalt: Sie bietet die Illusion von Sicherheit um den Preis der Aufgabe der persönlichen Freiheit. Erst McMurphy, der inoffizielle Sozialrebell, bietet dieser ausgebufften Hierarchie die Stirn, verliert, als er endgültig die Beherrschung verliert, jedoch das Duell gegen seine Antagonistin und wird "begradigt", indem man ihm seine Seele kurzerhand wegoperiert. Nur sein letzter Freund, der Indianer "Chief" Bromden (unglaublich würdevoll: Will Sampson), in dem sich schon lange ein bereits seit vielen Generationen schwelender Widerstand regt, entschließt sich nach dieser letzten großen Schweinerei zur Offensivität - nicht unmittelbar gegen die diktatorischen Handlanger, sondern gegen Mauern und Gitter - und zur Flucht. So findet Macs kleine Revolution des Individuums doch noch einen großen Nachhall. Und der wilde Gesichtsausdruck des weiteren Mitpatienten Taber (Christopher Lloyd) angesichts Bromdens Selbstbefreiungsaktion lässt darauf hoffen, dass dieser Ausbruch nicht der letzte war.

10/10

Psychiatrie Ensemblefilm Duell Rebellion Parabel Oregon period piece Miloš Forman Ken Kesey based on play Indianer New Hollywood Best Picture


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ADVISE & CONSENT (Otto Preminger/USA 1962)


"Fortunately, our country always manages to survive patriots like you."

Advise & Consent (Sturm über Washington) ~ USA 1962
Directed By: Otto Preminger

Der kurz vor seinem Tode stehende US-Präsident (Franchot Tone) hat für den vakanten Posten des Außenministers den friedliebenden Linksliberalen Leffingwell (Henry Fonda) fest im Blick. Zuvor muss dieser jedoch dem Kommitee für auswärtige Angelegenheiten Rede und Antwort stehen, was Leffingwells alter politischer Gegner Sea Cooley (Charles Laughton) für eine großangelegte Diffamierungskampagne nutzt: Er deckt längst verjährte Liebäugeleien Leffingwells mit kommunistischen Zellen auf, die er aus Angst vor der politischen Kastration leugnet. Doch auch auf Leffingwells Seite gibt es fanatische Kräfte: Der dem Kommitee vorsitzende Senator Anderson (Don Murray) wird seinerseits mit einer Jugendsünde erpresst, deren Aufdeckung seine Karriere und seine Familie gefährdet.

Der packendste und überzeugendste der drei von mir am Stück geschauten Preminger-Filme war "Advise & Consent", ein Drama rund um die schmutzigen Methoden, mit der im US-Kongress Einzelpersonen aufgebaut, abgesägt und zerstört werden; ein Politthriller, der zu einer Zeit der eher naiven Wundergläubigkeit in Amerika maßstäblich war und ist für alles, was auf diesem Sektor bis heute folgen sollte. Niemand ist ohne Schuld in Premingers intimem kleinen Hauptstadtkosmos, die Sympathien drehen sich wie die Windrichtung und der Gestank jenes großen Misthaufens, der sich so wohlklingend "Senat" schimpft, dreht sich mit. Ein großes Ensemble stand Preminger Gewehr bei Fuß, wobei es einen klaren Verzicht auf hervorstechende Protagonisten gibt. Die Besetzungsnennung erfolgt schlichterdings gemäß der politischen Hierarchie der interpretierten Rollen, eine vortrefflich-realistische Option. Trotz des Entstehungsjahrgangs verzichtet Preminger, wie bei den meisten seiner Filme, auf den modischen Einsatz von Farbe und demonstriert damit ein Stück weit künstlerischer Autarkie. Anders jedoch sein Herz, bezogen auf die Option der Empathierzeugung: Das weitet sich deutlich und verzichtet auf die kühle Distanziertheit früherer Werke. "Advise & Consent" ist verdammt nah dran am Puls von Intriganz und Machtgeschick.

9/10

Otto Preminger Washington D.C. Politik Korruption Ensemblefilm Courtroom Präsident


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MODELS (Ulrich Seidl/AT 1999)


"Du, des issa voll leiwand."

Models ~ AT 1999
Directed By: Ulrich Seidl

Vivian Bartsch ist Foto-Model in Wien und wünscht sich nichts sehnlicher, als die Karriereleiter emporzusteigen, ebenso wie ihre Freundinnen und Kolleginnen. Der Druck, der sich auf sie in Form ihres unbedingt makellosen Äußeren, ihrer einzigen Kapitalanlage also, niederschlägt, macht sich bemerkbar. Sie zieht durchs Wiener Nachtleben, sucht nach Zuwendung durch Promiskuität, säuft, kokst und ist auf dem Weg, ernstlich bulimisch zu werden.

Sehr viel mehr noch als beim letzten von mir geschauten Seidl-Film "Tierische Liebe" hatte ich große Schwierigkeiten damit, den dokumentarischen Charakter von "Models" zu akzeptieren. Ich meine, hier und da dann doch Inszenierung oder zumindest forcierte Situationen ausgemacht zu haben und habe im späteren verlauf des Films sogar gezielt danach gesucht. Gern würde ich einmal Statements der Beteiligten dazu hören oder lesen.
Selbstverständlich bezieht "Models" wiederum seinen spezifischen Sog, seine attraktive Hässlichkeit aus jener Gratwanderung, die eine, wiederum an sich in Frage zu stellende, Unterscheidung zwischen Direct Cinema und improvisiertem, szenischem Film so schwierig macht. Was die Funktion des Films als Milieustudie anbelangt, so erreicht er mich kaum. In die selbsterschaffenen Elendssphären, in denen Models und ihre Ablichter verkehren, mag ich mich aus grundsätzlich mangelndem Interesse daran kaum verirren; selbst als Spiegel nicht; auch meine Empathie reicht kaum dorthin. Interessanter war es, nach dem von Seidl gezielt evozierten Voyeurismus des Zuschauers bei mir selbst zu suchen, der einen natürlich dazu motiviert, sich "Models" überhaupt in Gänze anzusehen. Jene wechselseitige Wirksamkeit scheint es mir zu sein, die Seidls Kino so unikal und sehenswert macht.

8/10

Ulrich Seidl Wien Models Fotografie Drogen Kokain Nacht


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SWINGERS (Doug Liman/USA 1996)


"Baby, you're money."

Swingers ~ USA 1996
Directed By: Doug Liman

Mike (Jon Favreau), in L.A. wohnhafter, erfolgloser Nachwuchskomiker, versucht seit sechs Monaten, seine an der Ostküste verbliebene Ex-Freundin Michelle zu vergessen. Seine durchgedrehten Kumpels, allen voran der exponierte Trent (Vince Vaughn) mühen sich, ihn dabei nach Leibeskräften zu unterstützen, natürlich nie, ohne spaßmäßig auch selbst auf ihre Kosten zu kommen. Dies führt zu mancherlei Absurditäten.

Wie sehr Doug Liman seinen Miramax-Vorgänger Quentin Tarantino anhimmelt, zeigt sich in vollem Ausmaß eigentlich erst im "Swingers"-Nachfolger "Go", der das hier vorliegende, liebenswert-relaxte Cliquenporträt in eine sich recht grotesk entwickelnde, episodische Ensemblestory mit Drogen und Knarren verwandelt. "Swingers" benötigt derlei Requisiten nicht, Liman mag sich aber nicht verkneifen, "Reservoir Dogs" gleich mehrfach zu zitieren und das war zu dieser Zeit jawohl auch noch eine probate Ehrbekundung. So leben auch seine Protagonisten einen konservierten Lebensstil, ein etwas fatzkenhaftes Forties-Revival, mit Swing, Pomade und alten Wagen. Gefeiert und gezecht wird in stilvollen Läden und Restaurants, wo gleichgesinntes Volk verkehrt und trifft man unfällig doch einmal Vertreter einer anderen Subkultur, wird der ungestüm begonnene Streit schon kurze Zeit später wieder aus der Welt geschafft - die Generation muss zusammenhalten.
Liman und Favreau haben mit "Swingers" eine ganz wunderbare Hommage an die Stadt und ihre fokussierte Personengruppe, nämlich schlecht verdienende Komiker und Schauspieler Ende 20 auf der untersten Karrierestufe Hollywoods, erstellt, die einerseits einem Woody Allen und Barry Levinsons "Diner" viel verdankt, andererseits aber auch ein hervorragendes Beispiel abgibt für die neue Lässigkeit im alternariven amerikanischen Unterhaltungskino, das, in Bezug auf Miramax und die Weinsteins, allerdings gerade dabei war, sich aus ebendieser Ecke herauszuwinden. Egal, der Film ist liebenswert, witzig und - auf gewinnende Art tatsächlich auch das - beschwingt.

8/10

Doug Liman Jon Favreau Las Vegas Los Angeles Freundschaft Nacht


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LE PROCÈS (Orson Welles/F, BRD, I 1962)


"To be in chains is sometimes safer than to be free."

Le Procès (Der Prozess) ~ F/BRD/I 1962
Directed By: Orson Welles

Josef K. (Anthony Perkins), Angestellter in einer gigantisch-anonymen Bürokratie, wohnhaft in einem gigantisch-anonymen Hochhaus, wacht eines Morgens auf und findet zwei Polizisten (Jean-Claude Rémoleux, Raoul Delfosse), die seine Wohnung durchsuchen und ihm einen Gerichtstermin zustellen. Ohne zu wissen, welchen Deliktes er eigentlich bezichtigt wird, reagiert K. höchst nervös und findet sich von nun an in den Mühlen einer repressiven Justiz wieder, die ihn mal verzweifeln lässt und ihm mal den Anschein der Selbstkontrolle verleiht. Am Ende findet sich K. in seiner eigenen Grube wieder.

"Angeklagt zu sein macht attraktiv," heißt es in Welles' Adaption von Kafkas fragmentarischer Erzählung. Und tatsächlich befasst sich die Geschichte um Josef K. neben diversen anderen Aspekten der ebenso urplötzlichen wie vermeintlich unschuldigen Knechtung durch die Staatsgewalt auch mit ihrem absonderlichsten Nebeneffekt - dem der erotomanen Konnexion. Einige der schönsten Frauen ihrer Zeit - Jeanne Moreau, Romy Schneider und Elsa Martinelli, stellen dem verwirrten, linkisch-schlaksigen K. plötzlich nach, allesamt femmes fatales, die mit der ihn allseits umgebenden Unbill jeweils in paradoxer Verbindung stehen. Und niemand kann ihm helfen - weder sein einzig um die Familienreputation besorgter Onkel (Max Haufler), noch der systemvertraute Advokat Hastler (Orson Welles), noch K.s "Parallelklient Bloch (Akim Tamiroff) noch der exzentrische Künstler (William Chappell), noch der Klerus (Michael Lonsdale). Von dem Moment an, da er in sein Visier gerät, ist K. bereits zum Opfer des Justizapparats geworden.
Welles sagte von "Le Procès", es sei sein persönlichster Film, da er stets einen latenten Schuldkomplex mit sich herumtrage und er sich daher vorzüglich in K.s Lage versetzen könne, der mit seinem Verfangen in die Mühlen der Justiz im Prinzip bloß (s)eine ohnehin tief verwurzelte Angst bestätigt und erfüllt findet. Welles modernisiert zudem Kafkas Fabel und reichert sie um zeitgenössische Technokratisierungs- und Konfliktängste an, indem er K.s Firma von einem gigantischen Computer organisieren lässt und ihn, statt wie im Roman erstechen zu lassen, durch eine gigantische, atombombenähnliche Explosion dahinscheiden lässt. Dabei ist "Le Procès" ferner durchweg eine Liebäugelei mit dem Surrealismus; die Schauplätze, in denen sich anonyme Angestellte wie eine straff geordnete Drohnenarmee durch ihren Arbeitsalltag kämpfen, sich Myriaden Akten und Ordner in wirren Archiven stapeln, Gerichtssäle aussehen wie Theater, Ateliers wie Bretterverschläge und die Stadt wie ein architektonischer Albtraum, abgefilmt vornehmlich in Zagreb und Paris, folgen einer gezielten Irrealis.
Ein anstrengendes, forderndes Filmerlebnis, das die Beschäftigung mit sich jedoch doppelt und dreifach entlohnt.

9/10

Orson Welles Groteske Parabel Justiz Franz Kafka Surrealismus


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POLISSE (Maïwenn/F 2011)


Zitat entfällt.

Polisse (Poliezei) ~ F 2011
Directed By: Maïwenn

Die Auftragsphotographin Melissa (Maïwenn) begleitet einige Monate lang die Abteilung Kinder- und Jugendschutz der Pariser Polizei. Was sie hier zu sehen und hören bekommt, verschlägt ihr nicht selten die Sprache. Ebenso bewegend sind jedoch die Strategien der höchst unterschiedlichen Polizistinnen und Polizisten, mit ihrem Arbeitsalltag umzugehen und fertigzuwerden.

Nicht ganz unkritisch hat man diese dritte Regiearbeit von Maïwenn Le Besco (die ihren Nachnamen, aus welchen Gründen auch immer, stets unterschlagen wissen möchte) beäugt: Allzu populistisch sei ihre Herangehensweise gewesen, die die mitunter schwer täterverachtende, emotionale Polizeiarbeit teils zu glorifizieren scheint und impulsiv bis gewalttätig agierende Staatsdiener zu Helden deklariert. Nun, dem ist zu entgegnen, dass harte, emotional affizierende Polizeifilme sich seit jeher kontroversen Diskursen auszusetzen haben und nicht unbedingt stets als Meinungsmale ihrer Urheber zu werten sind. Zuallererst einmal ist "Polisse" nämlich ein guter Ensemblefilm, der sicherlich Anlass zur Kritik bietet, die ich aber weniger in seiner Mentalität als in formalen Streitpunkten suchen würde. Das Thema und der Umgang finden sich hinreichend sensibel und packend dargestellt, werden trotz aller visuellen Dezenz möglicherweise bei manch einem Erträglichkeitsgrenzen ausloten, zumal der Film gleich zu Beginn bereits verbal in medias res geht. Soweit alles im oberen grünen Bereich. Ansonsten: Maïwenn sieht gut aus, und sie weiß es auch. Oder sie weiß es nicht, oder will es nicht wissen, oder möchte es möglichst oft hören, denn ihre Art, sich selbst zu inszenieren, einerseits hintergründig und zurückhaltend, andererseits jedoch durchaus zentriert und sich wichtig nehmend, lässt darauf schließen. Seit Eastwood habe ich keine(n) FilmemacherIn mehr erlebt, der sich selbst auf eine dermaßen narzisstische Weise ablichtet. Außerdem erscheint mir der wackelige Digicam-Stil einmal mehr als manieristisch. Er ordnet sich zwar weithin der Dramaturgie unter, bleibt aber dennoch omnipräsent. NachwuchsregisseurInnenen scheinen dem Irrglauben zu unterliegen, diese Wahl der Form sei ein Signal für Innovation und Frische. Nö. Trotzdem, "Polisse" ist sehr sehenswert und eine Zier für sein Genre.

8/10

Maïwenn Paris Pädophilie Ensemblefilm





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