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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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SEPERATE TABLES (Delbert Mann/USA 1958)


"You know something? No one else I know of lies with such sincerity."

Seperate Tables (Getrennt von Tisch und Bett) ~ USA 1958
Directed By. Delbert Mann

Das "Beauregard" ist ein altehrwürdiges Hotel in einem englischen Seebad, in dem die meisten Gäste langfristig logieren. Bewirtschaftet wird das Traditionshaus von der liebenswürdigen Pat Cooper (Wendy Hiller), einer Art 'guter Seele' des Beauregard, die mit dem dem Alkohol zusprechenden Gast John Malcolm (Burt Lancaster) verlobt ist. Jeder der Einwohner hat so seine speziellen Problemchen, die eines Tages während der Herbstsaison kulminieren, als mit dem alternden Model Ann Shankland (Rita Hayworth) Malcolms Ex-Frau auftaucht. Der sich integer gebende Offizier Pollock (David Niven) erweist sich als heimlicher Lüstling mit seltsamen Neigungen, derweil die ihn anhimmelnde, alte Jungfer Sibyl Railton-Bell (Deborah Kerr) einen lange schwelenden Konflikt mit ihrer herrschsüchtigen Mutter (Gladys Cooper) austrägt.

Der teilweise überkritische Lancaster-Biograph Tony Thomas schreibt, "Separate Tables" sei der Film Deborah Kerrs und David Nivens. Dies stimmt, wenn auch nicht zur Gänze, so doch zumindest zu großen Teilen, denn in solch großartiger Form und vor allem derart untypisch angelegten Rollen hat man die beiden sonst selten Gelegenheit zu sehen. Besonders Niven als sexuell gestörter Hochstapler, ausnahmsweise mit kapitalem Schnauzer anstelle des schmalen Oberlippenbärtchens, der zur Bilanzierung gezwungen ist und der gerade durch seine letztlich liebenswürdige Offenheit die wahren Gesichter der übrigen Charaktere aufdeckt, erweist sich in der Rolle des Major Pollock als über sich selbst hinauswachsend. Doch auch die Hayworth, die ihren eigenen Diven-Status aufs Korn nimmt, um ihn dann nachgerade lustvoll zu unterminieren, beweist, dass weitaus mehr in ihr steckt als das ikonographische, erotisch-fatale Showgirl der vorvergangenen Dekade. Für Lancaster, das kommerzielle Aushängeschild des Films, bietet "Separate Tables" eher wenig Potenzial zur Ausschöpfung seiner Fähigkeiten. Den Zweifler auf der existenziellen Verliererspur mag man ihm nicht ganz abnehmen.

8/10

Delbert Mann Terence Rattigan England Hotel Ensemblefilm Mutter & Tochter based on play


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STATE OF THE UNION (Frank Capra/USA 1948)


"There's all the difference in the world: They're in and we're out!"

State Of The Union (Der beste Mann) ~ USA 1948
Directed By: Frank Capra

Die skrupellose, erzrepublikanische Pressezarin Kay Thorndike (Angela Lansbury) will mithilfe des Wahlkampfmanagers Jim Conover (Adolphe Menjou) den idealistischen Flugzeugbauer Grant Matthews (Spencer Tracy) ins Weiße Haus bringen. Matthews, der von Politik eigentlich gar nichts und Kays Idee für Humbug hält, ist bald Feuer und Flamme für seine mögliche, zukünftige Aufgabe und glänzt überall im Land mit flamboyanter Rhetorik. Seine Frau Mary (Katharine Hepburn), die weiß, dass Grant und Kay eine Affäre haben, beißt die Zähne zusammen und unterstützt ihren Gatten nach Kräften. Ohne es zu merken, lässt sich Grant jedoch schleichend korrumpieren, hält vorgefertigte Reden und wird zum Spielball einflussreicher Lobbyisten. Erst eine heimische Wahlsendung fürs Fernsehen, die ganz anders läuft als geplant, holt ihn wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Politik ist ihrem Wesen nach böse, verlogen und frisst ihre Protagonisten unbarmherzig auf. Ein Film von Frank Capra muss und kann nur diese Aussage vertreten. "State Of The Union" führt die US-Politik vor, bringt viel Unangenehmes, Totgeschwiegenes zur Sprache und formuliert klare Botschaften. Allerdings hält er, auch dies kennt man von Capra, keine vorgefertigten Antworten bereit. Er liefert lediglich Denkanstöße und mündet zum Schluss einmal mehr in die naive Phantastik eines großen Philanthropen, Moralisten und Staatsapologeten, der Freiheit und Demokratie schätzt, nicht jedoch die Irrwege, die sie in den letzten Jahrzehnten genommen haben. Wie alle "Bildungsreisenden" bei Capra verläuft sich auch Grant Matthews, beziehungsweise wird er durch die Skrupellosigkeit seiner vermeintlichen Unterstützer in die Irre geführt, findet jedoch in letzter Sekunde auf den Pfad der Tugend zurück: Mr. Deeds, Mr. Smith und John Doe hielten sie dereinst und auch Grant Matthews kommt sie selbstverständlich zu: Die große, finale Ansprache, die die moralische Weste wieder reinwäscht und das unterdessen stark überzogene Sympathiekonto wieder ausgleicht. Capras Konsequenz allerdings, die da lauten mag: Wer wahrhaft altruistisch gefärbte Politik machen will, der kehre ihr am Besten den Rücken zu, zeugt von keiner allzu hellsichtigen Weltperspektive. Aber die erwartet man ja auch kaum in einem Film diesen Regisseurs.

8/10

Frank Capra Washington D.C. Politik Wahlkampf Ehe Satire


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THE SWIMMER (Frank Perry/USA 1968)


"This is the day Ned Merrill swims across the county!"

The Swimmer (Der Schwimmer) ~ USA 1968
Directed By: Frank Perry

Wie ein längst vergessenes Gespenst in Badehose taucht er eines Sonntagmorgens auf und schwimmt sich durch die Swimming Pools von Connecticut: Ned Merrill (Burt Lancaster), einst respektiertes Mitglied der 'vicinity upper class', scheint die letzten Jahre, die seines beruflichen und privaten Niedergangs, übersprungen zu haben und wähnt sich wieder respektiert. Doch je näher er seinem Grundstück kommt, desto unfreundlicher begegnet man ihm; am Ende komplementiert man ihn sogar allerorten recht bestimmt hinfort. Als er dann sein früheres Haus erreicht, ahnt man, dass sein Leben das eines Gestrandeten geworden ist.

Begnadetes storytelling in einer Art früher, gepflegter Initialisierung von "Falling Down". Die Geschichte veranlasst den Rezipienten, ein dekonstruiertes Leben nach und nach zu rekonstruieren; Burt Lancaster, Strahlemann der Nation, erscheint im Garten einer verkaterten Party-Gesellschaft. Man ist erfreut, ihn wiederzusehen, weiß nicht, wo er in den letzten zwei Jahren gesteckt hat, und er will bloß einmal den hauseigenen Swimming Pool durchqueren. Erst peu-a-peu beginnt man zu verstehen, wer dieser Ned Merrill eigentlich ist: Ein einst geachteter, erfolgreicher Geschäftsmann und Familienvater, der im Laufe der Zeit seine Besitztümer und seine Familie verloren hat und sich nun offenbar in eine Art selbstauferlegter Amnesie flüchtet. Diese brillante Idee, basierend auf einer short story von John Cheever, setzt Perry in ebenso meditativen wie zunehmend verstörenden Bildern um: Wer - wie ich - Film und Plot nicht kennt, rätselt anfangs recht verloren um die Identität Merrills - ist er eine Art Gespenst, das wie später in Eastwoods "High Plains Drifter" wiederkehrt, um alte Rechnungen zu begleichen und seine früheren Nachbarn heimzusuchen? Ist er - wie von manch einem Besuchten spekuliert - ein vormaliger Versager, der wieder auf die Füße gefallen ist? Seine Jovialität, sein vernünftiges Auftreten legen davon Zeugnis ab. Erst am Ende, als Merrill im Regen und immer noch fast nackt gegen die längst verschlossene Tür seines verlassenen Anwesens poltert und Einlass begehrt, wo es keinen Einlass mehr gibt, erhält man die befürchtete Bestätigung: Ned Merrill ist, zerfressen von offensichtlich berechtigten Schuldgefühlen, allein, am Boden, am Ende. Und wird es bleiben.

9/10

Frank Perry Satire Sydney Pollack John Cheever New Hollywood Connecticut


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3:15 (Larry Gross/USA 1986)


"Cobras forever!"

3:15 ~ USA 1986
Directed By: Larry Gross

Die 'Cobras' sind die tonangebende Gang im Viertel, wobei die Lincoln High School als Hauptschauplatz für ihre kriminellen Aktivitäten fungiert. Selbst der ermittelnde Polizist Moran (Ed Lauter) steht dem Treiben machtlos gegenüber. Jeff Hannah (Adam Baldwin), Mitglied der Cobras, dreht seiner Gang derweil den Rücken zu, als sein Kumpel Cinco (Danny De La Paz) ein wehrloses Opfer mit dem Messer tötet. Später weigert sich Jeff, für Cinco, der wegen Drogenbesitzes verhaftet werden soll, den Kopf hinzuhalten. Dieser schwört Rache und beginnt, Jeff und seine Freundin (Wendy Barry) systematisch zu terrorisieren - bis hin zum unausweichlichen Duell.

Die Lincoln High kennt man noch aus Mark Lesters "Class of 1984". Ob in "3:15" dieselbe verhunzte Bildungsanstalt als Hauptschauplatz herhalten muss, wäre wohl spekulativ. Dennoch weckt die Namensgleichheit natürlich flugs mehr oder weniger unfreiwillige Assoziationen. Die Lincoln High in "3:15" ist jedenfalls keinen Deut besser dran als ihr 'Vorbild'; auch hier ist die betreffende Institution nicht länger in staatlicher Hand, sondern in krimineller. Die Kids haben die Macht übernommen, die kriminellen freilich, die, die am gewaltbereitesten sind. Kiloweise verscherbeln sie ihr Dope und niemand kann ihnen langfristig etwas anhaben. Der zersetzende Faktor muss hier freilich von innen kommen. In Person des fast ebenso kompromisslos wie der böse Cinco agierenden Jeff Hannah ist dieser Faktor gefunden. Fast im Alleingang, wie weiland Marshall Kane in "High Noon" (zu dem Gross auch sonst mancherlei Parallelen konstruiert), setzt er die Brüder Schachmatt, wobei ihm allerdings auch Cincos zunehmender Größenwahn zu Gute kommt. Am Ende bekommt der kriecherische, katzbuckelnde Rektor (Rene Auberjonois) noch eins auf die Fresse - die Welt ist doch noch gerecht. Ab und zu wenigstens.

6/10

Larry Gross Rache Duell Schule


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BUBBA HO-TEP (Don Coscarelli/USA 2002)


"What do I care? I got a growth on my pecker."

Bubba Ho-Tep ~ USA 2002
Directed By: Don Coscarelli

Elvis (Bruce Campbell) und John F. Kennedy (Ossie Davis) sind mitnichten tot, sondern hocken, unfreiwillig in cognito, in einem kleinen Seniorenheim in Osttexas. Niemand will ihnen abnehmen, welch legendäre Persönlichkeit hinter ihrem jeweiligen, kaum wiederzuerkennenden Antlitz steckt und so dämmern und welken sie ihrer Tage dahin. Das ändert sich, als eine altägyptische Mumie ihr Unwesen in der Gegend zu treiben beginnt: Der Untote betätigt sich als Seelenvampir und glaubt, er habe mit den alten Leuten leichtes Spiel. Doch Elvis und JFK laufen im Kampf gegen das stinkende Böse ein letztes Mal zu alter Höchstform auf.

Der geriatrische Genrefilm ist keine Erfindung Coscarellis; bereits in den Achtzigern wagten eine Episode aus "Twilight Zone: The Movie" sowie die SciFi-Komödien "Cocoon" und "Batteries Not Included" den jeweils sehr sanft gestalteten Versuch, greise Mitbürger zu Helden zu deklarieren und dem Mainstream-Publikum somit neuen Respekt vor den Alten einzubläuen. Jessica Tandy wurde in diesem Zuge zu einer bekannteren Größe im Filmgeschäft denn je zuvor und auch andere Berufsgenossen zehrten und zehren bis heute von der popkulturellen Emanzipation des Lebensherbstes.
"Bubba Ho-Tep" war dann etwas respektloser. Der sich förmlich selbst überlebende Bruce Campbell, mittlerweile eine größere Kunstfigur als alle seine Filmfiguren zusammen, musste sich noch ein wenig nachschminken lassen, derweil der große Ossie Davis bereits seit längerem ein Original-Senior war. Die Kombination macht's und so präsentiert Coscarellis Film sich dann auch eher als liebenswert denn brachial oder gar unappetitlich, wenngleich mancher Dialog der beiden Helden sich dann doch eher um die primärsten Grundbedürfnisse kreist respektive die hier und da unappetitlichen Wehwehchen des finalen Quartals. Die Idee mit der Mumie wirkt da beinahe wie ein weniger notwendiges phantastisches Einsprengsel, um die verrückte Prämisse noch etwas verrückter zu gestalten und Coscarellis Ruf zu manifestieren. Immerhin, ein narratives Ziel hat er seiner bunten Heldengeschichte damit verliehen und ein durchaus charmantes noch dazu.

8/10

Don Coscarelli Independent Groteske Mumie Senioren Texas


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WIR KÖNNEN AUCH ANDERS... (Detlev Buck/D 1993)


"Tut das nötig?"

Wir können auch anders... ~ D 1993
Directed By: Detlev Buck

Die beiden Brüder Rudi, genannt Kipp (Joachim Król) und Moritz, genannt Most (Horst Krause) erben ein Grundstück irgendwo in einem der äußersten Provinzausläufer Mecklenburg-Vorpommerns. Das Problem: Kipp ist imbezil und Patient einer geschlossenen Anstalt für geistig Behinderte, sein Bruder Most, der als Landknecht arbeitet, ist nur unwesentlich intelligenter. Dennoch begeben sich die beiden mit Mosts gedrosseltem alten Hanomag auf große Fahrt in den wilden Osten. Dort treffen sie außer Rockern, Seelenverkäufern, schmierige Polizisten, einem prolligen Viehtransporteur, Schweinen, einem chinesischen Kellner und zwei arroganten Hausfrauen auch den russischen, der deutschen Sprache nicht mächtigen Deserteur Viktor (Konstantin Kotljarov), der die beiden zunächst entführt um dann mit den Brüdern, nachdem er bemerkt, was mit ihnen los ist, ein schlagkräftiges Trio zu bilden. Als Outlaws bahnt das mit der Kellnerin Nadine (Sophie Rois) zum Quartett erweiterte Trio sich schließlich mit wohlfeilem Einsatz der Kalashnikov den Weg in die Freiheit, die in ihrem Fall jenseits der Ostsee liegt.

Mit der nonchalanten Verve eines Emir Kusturica lieferte Buck, der ja mittlerweile wohl auch zu den Filmemachern gehört, die für hochbudgetierte Erfolgsliteraturadaptionen herangezogen werden, bereits 1993 sein bis heute unerreichtes Meisterwerk ab, eine furztrockene, respektlose und zugleich doch nordisch-warmherzige Satire über das demoskopische West-Ost-Gefälle der Post-Wende. Als holsteinischer Provinzler verfügt Buck jedes moralische Recht sich über die Spleens und Eigenarten seiner "Stammesgenossen" lustig zu machen und das tut er hier ausgiebig. Selbst die Tatsache, dass er zwei geistig eingeschränkte Analphabeten zu den Helden seines Verliererepos macht und zahlreiche Gags auf ihre Kosten gehen lässt, lässt man Buck vorbehaltlos durchgehen, schimmert doch durch das mitunter hochnotkomisch arrangiertee Situationsgeflecht der völlig gehandicapten Kleinclique stets die unabdingbare Liebe zu ihnen als Hauptfiguren. Man genießt zusammen mit Buck, wie sie sich die Drei mit der bewaffneten Hilfe des ebenso braven wie unbarmherzigen Victor und seiner "Pistole" mit der er "aber gut umgehen" kann (Kipp) gegen jede widerfahrene Ungerechtigkeit und Boshaftigkeit zur Wehr setzen und ihre Konten ausgleichen.
Ein Prachtfilm und eine der schönsten deutschen Komödien ever.

10/10

Detlev Buck Provinz Brüder Road Movie Groteske


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PLACES IN THE HEART (Robert Benton/USA 1984)


"How do you actually look like?"

Places In The Heart (Ein Platz im Herzen) ~ USA 1984
Directed By: Robert Benton

Texas während der Depressionsjahre: Unerwartet wird Sheriff Spalding (Ray Baker) bei einem Routineeinsatz von einem betrunkenen jungen Farbigen (De'voreaux White) erschossen. Zwar wird der Täter umgehend und öffentlichkeitswirksam gelyncht, Spaldings Witwe Edna (Sall Field) jedoch steht nichtsdestotrotz urplötzlich mit ihren beiden Kindern (Yankton Hatten, Gennie James) allein und hochverschuldet da. Da gibt der farbige Herumtreiber Moze (Danny Glover) Edna den Rat, ihr Ackerland für den Baumwollanbau zu nutzen, um fürs Erste wenigstens die nächste Hypothekenrate an die Bank zahlen zu können. Ednas Ehrgeiz ist geweckt und mit Mozes kompetenter Hilfe sowie der ihres neuen Unternehmers, des kriegsversehrten Mr. Will (John Malkovich), übersteht sie nahezu alle Widrigkeiten, die sich ihr in den Weg stellen.

Einen sehr schönen Heimatfilm hat Robert Benton, der Spezialist für zumindest weitgehend sentimentalitätsbefreites Gefühlskino, mit "Places In The Heart" geschaffen. Er gehört zu jenen antipodischen Werken, die gegen das unterkühlte Genre- und Kommerzkino dieser Jahre anzustreiten versuchten und das damals primär von weiblichen Zuschauerschichten frequentiert wurden, derweil sich der Freund oder Gatte auf der Nachbarleinwand vielleicht lieber den neuesten Schwarzenegger oder Indiana-Jones-Verschnitt anschaute. Solche Einteilungen sind natürlich blödsinnig, entginge dem offenherzigen Filmfreund dabei doch manch sympathisches Werk vom anderen Ende des Betrachtungsspektrums. "Places In The Heart" steht in der Tradition klassischer Depressionsdramen wie "Grapes Of Wrath" oder "Bound For Glory", in denen tapfere Amerikaner Mittellosigkeit und Lebenskrise mit dem Mut der Gerechten bekämpfen und schließlich überwinden. Bei Benton, der sich als auteur des Films den Traum einer teilbiographischen Filmadaption seiner Kinderjahre erfüllte, sind die Gefahren allerdings mannigfaltiger Natur: Ehebruch, Rassismus und südstaatliche Xenophobie, die unbarmherzigen Banken und schließlich selbst das unkomfortable Klima bereiten Edna Spalding und ihrer ungewöhnlichen kleinen Zweckgemeinschaft immense Probleme, die die unbeugsame Frau jedoch, wenngleich mit manchen Blessuren an Leib und Seele, übersteht. Die hoffnungsvolle, die Kehle zuschnürende Schlusseinstellung, in der ein Klingelbeutel durch die Kirchenbankreihen wandert, zeigt die Utopie, wie sein sollte, von der Wet jedoch nicht zugelassen wird: Alle, Überlebende, Verstorbene und Vertriebene, sitzen beieinander in stiller Andacht.

8/10

Robert Benton period piece Great Depression Texas Familie Ensemblefilm Rassismus


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REQUIEM FOR A HEAVYWEIGHT (Ralph Nelson/USA 1962)


"In 1952 they ranked me number five!"

Requiem For A Heavyweight (Die Faust im Gesicht) ~ USA 1962
Directed By: Ralph Nelson

Der alternde Schwergewichtler Mountain Rivera (Anthony Quinn) wird von Cassius Clay (Cassius Clay) fürchterlich verdroschen und ausgeknockt. Sein linkes Auge droht zu erblinden, daher darf er nicht mehr zurück in den Ring. Auf der Suche nach einer neuen Geldquelle kennt vor allem Mountains Manager Maish Rennick (Jackie Gleason) keine Skrupel, zumal er bei der gefürchteten Buchmacherin Ma Greeny (Madame Spivy) tief in der Kreide steht. Die Arbeitsvermittlerin Grace Miller (Julie Harris) interessiert sich derweil für den traurigen, zerschundenen Mountain und vermittelt ihm ein Bewerbungsgespräch für eine Stellung als Sportlehrer in einem Sommercamp für Kinder. Doch Maish, der festen Überzeugung, dass Mountain sowieso nichts sonst beherrscht, hat andere Pläne mit seinem alten Kompagnon: Der soll fortan als Showwrestler auftreten und sich zum Affen machen.

Als formidablen Abschluss meiner gestrigen Box-Trilogie gab es dieses herzzereißende Drama um einen in jeder Hinsicht "kayoten" Altathleten, der bei stetem, enthusiastischem Glauben an sich selbst stets im Schatten der wirklich Großen stehen musste und nie den Durchbruch erleben durfte. Als er eines Abends dann endlich so weichgeprügelt wird, dass ihm nichts mehr bleibt, muss er nicht nur seinen Beruf, sondern zudem noch seine Träume aufgeben und sich der Illusion, noch einmal ganz von vorn anfangen zu können und dafür eine sich ad hoc bietendende Chance zu nutzen, widersetzen. Niemand anders als Anthony Quinn hätte die Rolle dieses Mountain Rivera so mit glimmendem Leben füllen können; zerschlagen und zernarbt, mit zwei Blumenkohlohren, geschwollenen Augenbrauen und sich bereits abzeichnenden Ausläufern eines latenten Dachschadens glaubt er noch naiv an Ideale wie Freundschaft, Vertrauen, Ehrbarkeit und sogar Liebe - Werte, deren Kehrseite sein so genannter Freund Maish - von Jackie Gleason ebenfalls hervorragend interpretiert - längst durchschaut und auch gelebt hat. Letztlich ist er die traurige Wahrheit hinter Mountains manchmal kindesgleichem Lächeln, wenn dieser mal wieder alte Zeiten Revue passieren lässt; die Ahnung, dass es keine Chance mehr gibt für Mountain noch für ihn selbst, und dass es immer noch eine Stufe unter der letzten gibt.

10/10

Ralph Nelson Boxen New York Freundschaft


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SOMEBODY UP THERE LIKES ME (Robert Wise/USA 1956)


"Don't worry 'bout a thing."

Somebody Up There Likes Me (Die Hölle ist in mir) ~ USA 1956
Directed By: Robert Wise

Rocky Barbella (Paul Newman) wächst in der Lower East Side als Sohn armer Eltern auf und verbringt einen Großteil seiner Jugend als delinquenter Rebell mit Raub, Diebstahl und Aufenthalten in Erziehungsanstalten und Jugendgefängnissen. Wegen Desertierung wird er unehrenhaft aus der Armee entlassen und findet schließlich im Boxsport eine willkommene Möglichkeit, seine tief verwurzelten Aggressionen gewinnbringend zu sublimieren. Hier feiert er große Erfolge als Mittelgewichtler Rocky Graziano und findet seine Frau Norma (Pier Angeli).

Basierend auf der früh erschienen Autobiographie Grazianos ein ganz großartiger Vertreter des hollywoodschen Neorealismus im direkten Gefolge von Kazans "On The Waterfront" und Delbert Manns "Marty". Method acting, authentische Milieuzeichnung und ungeschönter Dialog brachen sich, beeinflusst vom italienischen Kino jener Jahre, unbeirrbar ihren Weg und läuteten gemächlich, aber brodelnd eine neue Studioära ein. Für Newman in seiner ersten wesentlichen Hauptrolle nach dem campigen Sandalenheuler "The Silver Chalice" eine dankbare Erfahrung und für ihn in etwa so eruptiv wie "A Streetcar Named Desire" für Brando oder "East Of Eden" für Dean.
Als typischer 'juvenile delinquent' macht er es nicht nur sich selbst und seinem Milieu anfänglich schwer, seine renitente Natur zu akzeptieren, auch dem Publikum geht es so. Newman wird instinktiv gewusst haben, welche Chancen ihm dieses Engagement bei geschickter Nutzung würde offerieren können und so spielt er den aggressiven Aufsteiger wie ein Derwisch und noch wesentlich exponierter und lauter als man es von ihm in späteren, deutlich subtiler angelegten Rollen gewohnt ist. Mir gefällt's. Überaus interessant auch der unmittelbare Vergleich mit dem nur zwei Monate früher gestarteten "The Harder They Fall": Direkt hintereinander geschaut, wird man hier förmlich Zeuge von Zäsur, Generationsverschiebung und Wachablösung; ein altes Publikumsidol geht, ein neues kommt, jedes von ihnen jeweils flankiert von einer inszenatorischen Gallionsfigur aus Val Lewtons Horrorzyklus. "The Harder They Fall" mit seinem naiven Szenario ist noch ein tragfähiges Beispiel klassischen, moralisch einwandfreien Studiohandwerks, "Somebody Up There Likes Me" atmet den weitaus ungestümeren Hauch einer neuen Öffnung desselben. Analog dazu entdeckt man inmitten von Wises Film teils länger, teils nur für Sekundenbruchteile, weitere frische Gesichter: Sal Mineo, Robert Logggia, Steve McQueen, Dean Jones, Robert Duvall. Ein Sprungbrettfilm.

9/10

Robert Wise Boxen New York Coming of Age Biopic


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THE HARDER THEY FALL (Mark Robson/USA 1956)


"Powderpuff punch and a glass jaw... that's a great combination!"

The Harder They Fall (Schmutziger Lorbeer) ~ USA 1956
Directed By: Mark Robson

Der klamme Sportreporter Eddie Willis (Humphrey Bogart) nimmt einen Job als Pressepromoter für den zwielichtigen Boxmanager Nick Benko (Rod Steiger) an. Dieser hat soeben Toro Moreno (Mike Lane), einen hünenhaften Faustkämpfer aus Argentinien, nach New York geholt, und plant, ihn zum neuen Star der Schwergewichtler-Szene aufzubauen. Schon Morenos erstes Sparring spricht jedoch eine ganz andere Sprache: Der kindliche Riese kann weder austeilen, noch einstecken. Doch Benko will seine Investition nicht einfach aufgeben. Getürkte Kämpfe mit gekauften Gegnern und Willis' geschicktes Marketing schüren Toros Reputation trotz seines mangelnden Talents in Rekordzeit. Als es nach etlichen Schiebungen gegen den amtierenden Weltmeister (Max Baer) geht, der sich nicht bestechen lässt, meldet sich endlich Willis' journalistisches Ethos: Er verhilft dem bereits weiterverkauften Toro zur Flucht, bevor dieser sich noch weiter prostituieren muss.

Der klassische Hollywood-Boxfilm hat den Studios ein paar echte Sternstunden ermöglicht, lange vor den siebziger Jahren, als er mit den "Rocky" und "Raging Bull" seine große Renaissance erleben sollte. Robsons "The Harder They Fall", in dem Bogey seinen letzten Auftritt hat und noch einmal eine Sternstunde seines Könnens präsentiert, zeigt den Boxsport als schmutziges, korruptes Geschäft, dessen Organisation unweit von mafiösen Vorgehensweisen angesiedelt ist. Die im Rampenlicht stehenden Athleten sind bloß Kanonenfutter für eine johlende Menge und die neue populistische Seuche Fernsehen, ihre Kämpfe derweil frei von Ehre und bloße Inszenierung, die grauen Eminenzen im Hintergrund Manager, Buchmacher, Gangster. Wer nicht mehr gebraucht wird, wandert auf den Müllhaufen der Sportgeschichte, mittellos, oft zum Krüppel oder Idioten geprügelt. Der Weg des naiven Toro Moreno dorthin ist bereits vorgezeichnet, als er aus dem Flieger von Buenos Aires steigt: Lediglich äußerlich imposant fehlt ihm jedwedes Talent zum echten Boxer, verzweifelt sucht er sich Vaterfiguren und findet doch bloß Verrat und Lüge. Gut, dass er da auf einen Mann wie Eddie Willis trifft, dessen Korrumpierbarkeit nicht unendlich flexibel ist und der hinter seiner scheinbar unbeteiligten Schale ein brodelndes Gewissen versteckt hält - die klassische Bogey-Rolle des Opportunisten, der Partei ergreift. Ein klein wenig film noir steckt da auch mit drin, insgesamt ist "The Harder They Fall" aber wohl allzu goldherzig und philanthropisch, um dieser zynischen Gattung zugerechnet zu werden.

8/10

Mark Robson Boxen Freundschaft





Filmtagebuch von...

Funxton

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