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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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MADAME CURIE (Mervyn LeRoy/USA 1943)


"No true scientist can have anything to do with women."

Madame Curie ~ USA 1943
Directed By: Mervyn LeRoy

Die polnische Studentin Marie Sklodovska (Greer Garson) studiert Physik an der Sorbonne. Schon sehr bald entpuppt sie sich als außerordentlich talentierte und zielstrebige Wissenschaftlerin. Bald nachdem sie den Kollegen Doktor Pierre Curie (Walter Pidgeon) kennenlernt, wird aus Mademoiselle Sklodovska Madame Curie. Gemeinsam forscht das Ehepaar nach dem radioaktiven Element Radium, das sie durch ein immens zeitaufwendiges Kristallisationsverfahren aus Pechblende gewinnen. Ein tödlicher Verkehrsunfall Pierres reißt das glückliche Paar auseinander, doch Marie gewinnt die Kraft, allein weiterzumachen und wird zu einer vielbeachteten Persönlichkeit ihrer Profession.

Nach dem Kriegsdrama "Mrs. Miniver" wurde das darin vielgepriesene Filmehepaar Greer Garson und Walter Pidgeon neuerlich vereint, um nach diversen Geistesgrößen der jüngeren Vergangenheit auch der späteren großen Radiologin Marie Curie eine Filmbiographie widmen zu können. Insgesamt acht Kooperationen gab es zwischen den beiden, wenngleich die Popularität anderer zeitgenössischer "Traumpaare" wie Hepburn/Tracy, Bogart/Bacall oder Ladd/Lake deutlich größer und nachhaltiger wirkte. Nachdem der anfängliche Regisseur Albert Lewin bereits vor Drehbeginn vom Studio gefeuert worden war, übernahm Mervyn LeRoy. Ein besinnlicher, beschaulicher und atmosphärisch völlig ausgeglichener Film war das Resultat, der sich anders als die vergleichsweise hastiger erzählt wirkenden Dieterle-Filme alle Zeit der Welt nimmt, um seinen Figuren Dreidimensionalität zu verleihen. Besonders Greer Garson überzeugt durch ihre ruhige, nie überspannte Interpretation der Titelfigur. Als die sich perfekt gestaltende Familienidylle am Ende - die letzten 28 Lebensjahre Curies werden nur noch in einer Szene kurz gestriffen - durch den Unfalltod Pierre Curies kurzfristig in nervenaufreibendes Drama wandelt, wirkt dies wie eine heftige dramaturgische Zäsur, die jedoch fraglos bewusst in dieser Form stattfindet, um das Gesamtwerk nicht zu verwässern.

8/10

Mervyn LeRoy Albert Lewin Paris Frankreich Biopic Ehe Familie Historie


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DR. EHRLICH'S MAGIC BULLET (William Dieterle/USA 1940)


"There is no shame attached to the recognition of error."

Dr. Ehrlich's Magic Bullet (Paul Ehrlich - Ein Leben für die Forschung) ~ USA 1940
Directed By: William Dieterle

Der Arzt Dr. Paul Ehrlich (Edward G. Robinson) empfindet es als zutiefst frustrierend, Infektionskrankheiten machtlos gegenüberzustehen. Durch seine Färbeversuche, die schließlich Krankheitserreger unter dem Mikroskop sicht- und damit diagnostizierbar machen, wird Dr. Robert Koch (Albert Bassermann) auf Ehrlich aufmerksam, der von da an unter Kochs Ägide an dessen Institut forscht. Zusammen mit seinem Kollegen und Freund Von Behring (Otto Kruger) vollbringt Ehrlich hernach bahnbrechende Entdeckungen auf dem Gebiet der Bakteriologie und entdeckt schließlich Immunsera und Impfstoffe gegen Tuberkulose, Diphterie, Typhus und sogar gegen die Syphilis.

Wenngleich Edward G. Robinson hinter dichtem Bart und unter blonder Perücke kaum mehr zu erkennen ist - "Dr. Ehrlich's Magic Bullet" - der Titel bezieht sich auf eine von Ehrlich selbst liebevoll als solche bezeichnete "Zauberkugel", einen auf chemischer Basis entwickelten Antikörper, der im Zuge der 'Seitenkettentheorie' als Vorläufer der späteren Immunologie Popularität erlangen sollte - passt ganz wunderbar zu "Louis Pasteur" und "Émile Zola" und vermutlich auch den diversen anderen Filmbiographien Dieterles, derer ich gegenwärtig leider (noch) nicht habhaft bin. Das Motiv des überzeugten Widerstreiters gegen verkrustete Traditionen auf ideeller Basis findet sich auch hierin wieder: Ehrlich bekommt es immer wieder mit etablierten Zeitgenossen zu tun, die seine Fortschritte ablehnen oder ihm gar Scharlatanerie unterstellen, nur, um am Ende doch Recht zu behalten. Sein härtestes Duell hat Ehrlich schließlich gegen seinen Freund Von Behring auszutragen, der sich zeitweilig von ihm abwendet, weil er seine Seitenkettentheorie ablehnt und vor allem Ehrlichs Medikament gegen die Syphilis - das Serum "606" - ablehnt, nur um später zugeben zu müssen, wie falsch er selbst gelegen hat. Große Momente, in altehrwürdigem Kino.

8/10

William Dieterle Biopic period piece Historie John Huston Freundschaft


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THE LIFE OF EMILE ZOLA (William Dieterle/USA 1937)


"Books? I don't read books!"

The Life Of Emile Zola (Das Leben des Emile Zola) ~ USA 1937
Directed By: William Dieterle

Der systemkritische Schriftsteller Émile Zola (Paul Muni) lebt zusammen mit seinem Freund Paul Cezanne (Vladimir Sokoloff) ein kärgliches Künstlerleben unter den Dächern von Paris. Als er eines Tages das Straßenmädchen Nana (Erin O'Brien-Moore) kennenlernt und sie zur Protagonistin eines Romans macht, schießt seine Popularität kometengleich in die Höhe. Wenngleich "Nana" als anrüchiges Werk gilt, will es doch jeder lesen. Für Zola beginnt damit ein Leben im Wohlstand, seine Bücher verkaufen sich blendend und ihm geht es ebenso. Bis Cezanne ihm gegenüber anmerkt, dass sein "altes Feuer" nicht mehr lodere und dass echte literarische Ambitionen seinerseits Mangelware geworden seien. Da kommt Zola die Anfrage einer Offiziersgattin (Gale Sondergaard), den Fall ihres Mannes publik zu machen, gerade recht: Captain Dreyfus (Joseph Schildkraut) soll geheime Informationen an die Preußen weitergegeben haben, ist dafür unschuldig verurteilt und auf die Teufelsinsel verbannt worden. Die Admiralität benötigte lediglich einen raschen Sündenbock und will nun den Skandal, den die Aufdeckung eines Justizirrtums mit sich brächte, um jeden Preis vermeiden. Trotz mannigfaltiger Anfeindungen gibt Zola den Fall Dreyfus nicht auf.

Nach "The Story Of Louis Pasteur" folgte in kurzem Abstand diese zweite große Filmbiographie eines Pariser Vordenkers des vorvergangenen Jahrhunderts; diesmal allerdings sich nicht drehend um einen Naturwissenschaftler, sondern um einen führenden Literaten des Naturalismus. Wie Pasteur bekommt es auch Zola mit dem Filz und der Engstirnigkeit seiner Zeitgenossen zu tun, die als Bewahrer des Althergebrachten der Natur der Sache gemäß zu erbitterten Widersachern avancieren. Beide Filme propagieren liberales Gedankengut, Freigeistigkeit und den Mut, etablierte Strukturen aufzubrechen. Darstellerische Geschenke für Paul Muni, der in beiden Rollen brilliert und dem ganz vortreffliche Reden und Plädoyers in den Mund gelegt werden. Zolas Vita zeichnet sich insbesondere durch seine letzten Lebensjahre aus, in denen seine politjournalistische Aktivität ihren Höhepunkt erreichte: Mit dem auf der Titelseite der Tageszeitung "L'Aurore" veröffentlichten, offenen Brief "J'accuse...!", der die Drahtzieher hinter der Dreyfus-Affäre sowie die blindlings affirmative Haltung des Volkes öffentlich anprangerte und zugleich explizit die zu erwartende Attacke auf den Verfasser in Kauf nahm, setzte Zola sich bewusst einer unbequemen Position aus. Er wurde hernach wegen erleumdung zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, der er durch ein einjähriges Exil in England entging. Dreyfus wurde später vollständig rehabilitiert. Ein dank- und fruchtbarer Filmstoff, wie sich erweist, und für Liebhaber von Biopics ein unverzichtbarer dazu.

8/10

William Dieterle period piece Biopic Paris Frankreich Bohème Best Picture Courtroom


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COCOON: THE RETURN (Daniel Petrie/USA 1988)


"You're my favorite Martian."

Cocoon: The Return (Cocoon II - Die Rückkehr) ~ USA 1988
Directed By: Daniel Petrie

Fünf Jahre nach ihrer extraterrestrischen Emigration Richtung Antaria kehren drei der Seniorenpaare für einen Kurzaufenthalt wieder zurück auf die Erde, zum einen, weil ihre außerirdischen Gastgeber die im Meer lagernden, durch Seebeben gefährdeten Kokons endgültig abholen wollen, zum anderen aus persönlichen Gründen - um sich von Freunden und Familie noch einmal richtig verabschieden zu können. Doch die wenigen Tage Erdaufenthalt bringen entscheidende Wendungen mit sich: Joes (Hume Cronyn) Tumor macht sich wieder bemerkbar, seine Frau Alma (Jessica Tandy) hat einen schweren Autounfall, Bess (Gwen Verdon) wird schwanger und Ben (Wilford Brimley) und Mary (Maureen Stapleton) hadern mit ihrem unirdisch verlängerten Leben auf Antaria. Derweil kommt Bernie (Jack Gilford) immer noch nicht über den Tod seiner Frau Rose (Herta Ware) hinweg. Als einer der Kokons von Meereswissenschaftlern gefunden, geborgen und in ein Labor gebracht wird, heißt es schließlich für die Truppe, einen letzten gemeinsamen Rettungseinsatz zu begehen.

Von logischer Fortführung kann man im Falle "Cocoon: The Return" kaum sprechen. Viele der inhaltlichen Wendungen stehen gar in vollkommenem Widerspruch zu dem, was der Rezipient im Vorgänger gelernt hat. Das Management der erzählten Zeit (der gesamte Inhalt soll sich in einer Frist von nur drei Tagen zutragen) wirkt geradezu lächerlich verfehlt. In formaler Hinsicht fehlt der Inszenierung ein versierterer Regisseur als der hauptberufliche Fernsehmacher Petrie. Man erhält den zwingenden Eindruck, dass die Fortsetzung, anders als das Original, nicht allein einen Film über Senioren darstellt, sondern zugleich einen für sie. So eine Art 'Love Boat' der Science Fiction. Und dennoch ist Daniel Petrie, vermutlich eher zufällig, mit dem Sequel ein schöner Film gelungen. Er macht nicht den Fehler, eine bloße Kopie des ersten Teils zu liefern (wenngleich strukturelle Analogien sich nicht übersehen lassen), sondern pickt sich eine von dessen Stärken, die Soap-Elemente nämlich, heraus und kultiviert sie. Noch sehr viel episodischer angelegt verwandelt sich "Cocoon: The Return" so zu einem etwas vulgären "Short Cuts", in dem diverse Probleme und Konflikte binnen einer wie erwähnt stark untertrieben kurzen Frist abgehandelt werden wollen. Das alles wird noch sehr viel rührender und gefühlsbetonter dargeboten als in "Cocoon"; James Horners Musik erklimmt passend dazu ihre womöglich tränendrückendsten Sphären ever. Dass das gesamte Ensemble (Brian Dennehy und Herta Ware lediglich in jeweils kurzen Cameos) des ersten Teils wieder zusammenfindet und sich sogar Gelegenheit für ein paar zusätzliche charakterliche Ausbuchtungen ergibt, wie etwa im Falle von Steve Guttenbergs Figur, fand ich an "Cocoon: The Return" immer schon prima.

7/10

Daniel Petrie Sequel Senioren Florida Aliens Freundschaft Krebs Ehe


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COCOON (Ron Howard/USA 1985)


"If this is the foreplay, I'm a dead man..."

Cocoon ~ USA 1985
Directed By: Ron Howard

Ben (Wilford Brimley), Joe (Hume Cronyn) und Art (Don Ameche), drei in Florida lebende, rüstige Rentner, halten sich fit, indem sie auf einem leerstehenden Grundstück den mondänen Swimmingpool benutzen. Nur ihr Freund Bernie (Jack Gilford) hat sich sein Spießertum im Alter bewahrt und hält nichts von solchen Kindereien. Just diesen Swimming-Pool wählen einige als Menschen getarnte Aliens vom Planeten Antaria aus, um eine seit den Zeiten von Atlantis auf dem Meersesgrund in Kokons schlummernde Landmannschaft, die sie zuvor mithilfe des ungläubigen Skippers Jack (Steve Guttenberg) vom Meeresgrund geborgen haben, aufzubewahren Die ihnen zunächst schleierhafte Anwesenheit der Kokons hat eine ungemein vitalisierende Wirkung auf das Seniorentrio: Ben und Art sind fit wie noch nie, beglücken ihre Frauen wie junge Hengste und tanzen Breakdance, Joes Tumor verschwindet wie von selbst. Schließlich gestattet Walter (Brian Dennehy) den Freunden, den Lebenspool weiterhin zu benutzen. Eine unbedachte Bemerkung Bernies jedoch sorgt für eine Katastrophe, die dazu führt, dass die Antarianer in Windeseile die Erde verlassen müssen, um nicht entdeckt zu werden...

Das etwas merkwürdige Subgenre des "gerontologischen Science-Fiction-Films" dauerte in den Achtzigern nur kurz an: Eine Episode in dem Serienrevival "Twilight Zone", "Batteries Not Included" und die beiden "Cocoon"-Filme repräsentierten es.
Besonders "Cocoon", dessen Grundstory um freundliche außerirdische Lichtwesen, die in menschlicher Verkleidung ihre vor Jahrtausenden hier gestrandeten Artgenossen evakuieren wollen, im Grunde kaum mehr denn eine Alibifunktion besitzt um den Hauptteil der Geschichte anzukurbeln: Alte Menschen, die über ihre verbliebene Bedeutung im Gefüge des Lebens nachgrübeln, erhalten eine "zweite Chance" in Form eines buchstäblichen Jungbrunnens, der ihnen Kraft, Geist und Jugend zurückgibt. Ein wunderbares Ensemble von ergrauten Stars aus Hollywoods Golden und Silver Age spielt diese betagten Helden, Lubitsch-, Hitchcock-, Zinnemann-, Mankiewicz-Veteranen. Wobei im Falle Wilford Brimley etwas gemogelt wurde, der ist nämlich gut 25 Jahre jünger als seine vermeintlichen Altersgenossen. Doch sei's drum. Die kleine Faltenclique ist von nachhaltig sympathischer Erscheinung und die abseits von dem ziemlich einfältigen SciFi-Plot erzählte Mär um die offerierte Gelegenheit, das bereits endende Leben auf ewig auszudehnen, nicht uninteressant. Umso fintenreicher die heimlich versteckte Botschaft des Films, den griesgrämigen Bernie Lefkovitz als wahren Helden zu zelebrieren. Dieser besitzt nämlich als einziger der Freunde den Mut, den wahren Erfordernissen und Unwägbarkeiten des Altwerdens zu begegnen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Im Sequel sind dann auch die anderen dazu gezwungen. Man mag von Ron Howard halten, was man will, "Cocoon" tut sein mangelnder Verzicht auf Kitsch und Pathos ungemein wohl. Weil er sonst schlicht belanglos wäre.

8/10

Ron Howard Aliens Florida Senioren Ehe Freundschaft Atlantis


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THE STORY OF LOUIS PASTEUR (William Dieterle/USA 1936)


"Find the microbe - kill the microbe."

The Story Of Louis Pasteur (Louis Pasteur) ~ USA 1936
Directed By: William Dieterle

Paris im Jahre 1860: Der Chemiker Louis Pasteur (Paul Muni) ist sich sicher, dass das in jenen Tagen omnipräsente Kindbettfieber, an dem viele junge Mütter sterben müssen, durch winzig kleine Erreger hervorgerufen wird, die Hebammen und Ärzte durch ungewaschene Hände und Instrumente von einer Patientin zur anderen weitertransportieren. In dem Hofarzt Charbonnet (Fritz Leiber), der diese Theorie für das Zeugnis blanker Scharlatenerie hält, findet Pasteur einen erbitterten Widersacher. Als es aufgrund eines Pamphlets Pasteurs zu einem Mord an einem Arzt kommt, verlässt der Wissenschaftler mit seiner Familie Paris und zieht in die Provinz. Hier entdeckt er Jahre später einen Impfstoff gegen Milzbrand und kann öffentlich beweisen, dass Schafe durch sein Serum vor der gefürchteten Krankheit geschützt werden können. Anschließend arbeitet Pasteur zusammen mit seinem Schwiegersohn (Donald Woods) verbissen an einem Mittel gegen Tollwut. Schließlich muss selbst der stets skeptische Charbonnet anerkennen, dass Pasteur mit seinen Behauptungen nicht nur im Recht war, sondern dass seine Errungenschaften darüberhinaus die Medizin auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten revolutioniert hat.

Eine von mehreren Filmbiographien über Persönlichkeiten des vorvergangenen Jahrhunderts, die der 1930 nach Hollywood emigrierte Filmschaffende William Dieterle in jenen Jahren inszenierte. Regeläßig von der Kritik gefeiert, kam darin vor allem Paul Muni zum Einsatz, der für Dieterle neben Pasteur auch Émile Zola und Benito Juárez spielte. In einem vergleichsweise gedrungenen Erzählzeitraum handelt "Louis Pasteur" lediglich die wichtigsten Stationen der Wissenschaftler-Vita ab, was jedoch einen durchaus positiven Effekt bezüglich der Dramaturgie des Films hinterlässt. Diese wirkt gestrafft, aber nicht gehetzt und erzählt ihren Kerninhalt, nämlich Anfeindung, Aufstieg, Anerkennung und schlussendliche Ehrung Pasteurs vor allem durch seine Antagonisten im Bereich der Medizin, stets spannend und dicht. Selbst das zeitliche Kontigent zur Porträtierung des Privatmannes Pasteur gestattet sich Dieterle binnen seiner ihm zur Verfügung stehenden 80 Minuten: Gelegenheiten für den großartigen Paul Muni zur darstellerischen Reüssierung. Pasteur als liebender Familienvater, ehrgeizig, gehetzt, gestresst, unerbittlich mit seinem Assistentenstab, vor allem aber mit sich selbst. Am Ende, als ihm die uneingeschränkte Ehrerbietung der Kollegen doch noch zuteil wird, kann er - und mit ihm das Publikum - ein Tränchen schließlich nicht unterdrücken. Große Männer dürfen ihren berechtigten Stolz zeigen - auch das macht sie groß.

9/10

William Dieterle period piece Historie Biopic Medizin Frankreich Familie Duell


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END OF WATCH (David Ayer/USA 2012)


"You feel like a hero?" - "No." - "Yeah, me neither."

End Of Watch ~ USA 2012
Directed By: David Ayer

Die beiden in Southcentral Los Angeles Streife fahrenden Polizisten Brian Taylor (Jake Gyllenhaal) und Mike Zavala (Michael Peña) unterscheiden sich im Grunde lediglich durch ihre Uniform und ihre moralischen Grundfesten von den sie umgebenden Gangs, in Habitus und Kodex ähneln sie diesen jedoch sehr. Ihre Frauen (Natalie Martinez, Anna Kendrick) bilden jedoch eine feste Basis in ihrem teils über die Grenzen hinaus gehenden Metier. Als Taylor und Zavala eher versehentlich einem mexikanischen Drogenkartell auf die Finger klopfen und diesem später wiederholt in die Quere kommen, stehen sie auf der Abschussliste.

Der Polizeifilm lebt - dank David Ayer, der dem Subgenre in Wort und/oder Bild regelmäßig ähnlich intensive Beiträge beschert wie dereinst Sidney Lumet, Harold Becker oder Joseph Wambaugh. "End Of Watch" markiert bereits das sechste Projekt, in dem Ayer die Exekutivewaltigen von L.A. seziert, ihre Machtbefugnisse, Möglichkeiten, Gefahren und Grenzen. Nachdem er sich bereits korrupte, drogensüchtige und machthungrige Cops vorgeknöpft hat, hält sich Ayer in "End Of Watch", seinem bisherigen Meisterwerk, an die kleinen Streifenpolizisten - gernegroß, naiv, nicht sonderlich intelligent, aber herzlich, gutgläubig und aufrichtig heroisch, wenn es darauf ankommt. Welche unkontrollierbaren Kräfte sie entfesseln, als sie in ihrem Revier einige gut getarnte Heroinlager hochnehmen, ahnen sie nicht einmal ansatzweise und so sind ihre letztlich kleinen, wenn auch kräftigen Lebenslichter sehr bald zum Verlöschen determiniert. Mit dem suggestiven Stilmittel der subjektiven Kamera - Taylor ist Ex-Filmstudent und dreht einen Dokumentarfilm über seine und Zavalas tägliche Einsätze -, das ja in den letzten Jahren vermehrt im Horrorfilm genutzt wurde, kreiert Ayer eine immens bedrohliche, explosive Atmosphäre. Jump cuts und zusätzliche Wackelbilder verhelfen ihm zu noch unmittelbarerer Authenzität, die trotz großer zeitlicher Sprünge innerhalb der Erzählzeit dann auch permanent bestehen bleibt. Mit "End Of Watch" ist David Ayer nun schlussendlich wirklich das gelungen, was er vermutlich bereits seit "Training Day" anstrebt: Ein Meilenstein des Polizeifilms. Viel sollte es hernach zum Thema nicht mehr zu sagen geben.

9/10

David Ayer Los Angeles Slum embedded filming


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DETECTIVE STORY (William Wyler/USA 1951)


"I built my whole life on hating my father. All the time he was inside me, laughing."

Detective Story (Polizeirevier 21) ~ USA 1951
Directed By: William Wyler

Der als übereifrig berüchtigte Manhattaner Detective McLeod (Kirk Douglas) wittert endlich seine große Chance, den von ihm seit langem verfolgten Kurpfuscher Dr. Schneider (George Macready) dingfest zu machen. Sowohl Schneiders Anwalt Sims (Warner Anderson) als auch McLeods Vorgesetzter (Horace McMahon) haben große Sorge, dass der cholerische McLeod Schneider im unbeobachteten Verhör misshandeln oder gar foltern könnte. Als sich im Laufe des Tages immer mehr Druck um ihn herum aufbaut, der sogar eine unangenehme biographische Episode um McLeods Ehefrau (Eleanor Parker) einfasst, steht der von inneren Dämonen geplagte Polizist schließlich kurz vorm Explodieren...

Um die Vierziger und frühen Fünfziger spielte Kirk Doglas stets Antihelden oder zumindest stark angekratzte Figuren, die ihr moralisches Schuldenkonto am Ende nicht selten um den Preis des eigenen Lebens zu tilgen hatten, so in "Ace In The Hole", "The Big Trees" oder "The Bad And The Beautiful". Die Rolle des fanatischen Detective McLeod dürfte dabei zu seinen vordersten Glanzleistungen zählen. Douglas vermag es, um seinen Charakter herum eine unglaublich dichte, intensive Dunstglocke der Bedrohlichkeit und Unberechenbarkeit aufzubauen, die sich nach anfänglichen Sympathieevokationen durch das Script - man hält ihn zunächst für einen aufrechten Beamten mit gesundem Privatleben und einem möglicherweise etwas reaktionär angehauchten, aber doch ehrbarem Berufsethos - regelrecht forciert ins Gegenteil verkehrt. Zum Schluss, als die Zeitbombe McLeod endlich offenbart, welch pathologische Krüppelseele ihm innewohnt, lässt sich an Douglas' Gesicht die ganze Schrecknis einer schwer traumatisierten Psyche ablesen; eine meisterliche Darstellung. Dabei trägt Douglas "Detective Story" keineswegs allein. Unterstützt durch ein großartiges Ensemble, dem unter anderem der spätere Dr. No Joseph Wiseman als drogeninfizierter Kleingangster und Lee Grant als Kleptomanin vorstehen, entsteht unter Wylers nurmehr als exzellent zu bezeichnender Inszenierung das schon als klassisch zu bezeichnende Abbild eines nicht ganz regulären New Yorker Revieralltags. Wunderbar.

10/10

William Wyler New York based on play Sidney Kingsley Ensemblefilm


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THE LONG VOYAGE HOME (John Ford/USA 1940)


"What'd Yank do?"

The Long Voyage Home (Der lange Weg nach Cardiff) ~ USA 1940
Directed By: John Ford

Das Handelsschiff 'Glencairn' ist auf dem Weg zurück von der Karibik nach Europa. Geladen hat es Explosivmaterial, um die Alliierten im Kampf gegen die Nazis zu unterstützen. Eine brisante Fracht - denn die Wehrmacht hat längst herausgefunden, dass unscheinbare Zivilschiffe häufig in geheimer Mission unterwegs sind. Die Besatzung hat derweil ganz eigene Probleme: Jeder von ihnen träumt insgeheim davon, den Weltmeeren ein für allemal Lebewohl zu sagen und dennoch schafft keiner jemals den Absprung; sie sind an die Seefahrt gekettet wie Süchtige an die Nadel. Die ganze Hoffnung der alternden Matrosen personifiziert sich daher in dem jungen Schweden Olsen (John Wayne), der nach dieser Passage endlich heimkehren will zu seiner Familie. Doch zuvor gilt es noch manche Unwägbarkeit zu meistern...

Dramatisch gewichtete Liebeserklärung an die raue Einsamkeit der Seeleute, basierend auf vier frühen Stücken von Eugene O'Neill und konzentriert zu einer Geschichte. Für Duke Wayne war es nach "Stagecoach" die zweite Zusammenarbeit mit John Ford, jedoch täuscht man sich, wenn man seine Nennung an der Besetzungsspitze mit seiner Bedeutung für den Film gleichsetzt. Im Gegenteil, Wayne hat nur wenige Dialogzeilen und spielt, von seiner beinahe metaphysischen Bedeutung für seine Kameraden abgesehen, im inhaltlichen Gefüge von "The Long Voyage Home" eine eher untergeordnete Rolle. Das Schwergewicht liegt eher auf Seiten Thomas Mitchells, als Driscoll so etwas wie der Anührer und die gute Seele der kleinen Matrosenschar sowie bei dem mysteriösen Smitty, dem gegenüber der Verdacht, möglicherweise ein deutscher Spion zu sein, gehegt wird, der sich dann jedoch als nicht mehr denn ein kläglicher Trinker herausstellt auf der Flucht vor Entzug, Verantwortung und Familie. Noch deutlich melancholischer als in späteren Jahren geht Ford hier zu Werke; eine komische Ikone, wie sie dereinst häufig von Victor McLaglen oder Andy Devine gespielt werden wird, fehlt - obgleich sich aus der internationalen Konstellation der Glencairn-Besatzung mancherlei situativ bedingte Bizarrerien herstellen lassen. Ein bleiern trauriges Poem und eine der unbekannteren Schönheiten in Fords Werk.

9/10

John Ford Eugene ONeill Atlantik Seefahrt WWII Alkohol Freundschaft


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QUEEN CHRISTINA (Rouben Mamoulian/USA 1933)


"Must we live for the dead?"

Queen Christina (Königin Christine) ~ USA 1933
Directed By: Rouben Mamoulian

Gegen Ende des Dreißigjährige Krieges verliebt sich die bis dahin als Junggesellin lebende schwedische Königin Christina (Greta Garbo) in den spanischen Diplomaten Antonio de la Prada (John Gilbert), der eigentlich nach Nordeuropa gekommen ist, um der Königin vom Heiratswerben Königs Philipp IV. zu künden. Der Romanze wird sowohl von Christinas eifersüchtigem Schatzkanzler Magnus (Ian Keith) als auch vom schwedischen Volk mit offener Abneigung begegnet. Die Königin jedoch ist der Regierungsgeschäfte überdrüssig und dankt ab, um Antonio heiraten und mit ihm nach Spanien gehen zu können. Zuvor jedoch wird dieser noch von Magnus im Fechtduell tödlich verwundet; Christina verlässt Schweden allein.

Der kommerziell erfolgreichste Garbo-Film ist gar kein solches Kitschfeuerwerk, wie man zunächst vielleicht annehmen mag. Tatsächlich lässt das gesamte Projekt sich bereits auf den ersten Blick als eine große Liebeserklärung an 'die Göttliche' identifizieren. Mamoulian setzt ihr ebenmäßiges Antlitz aus allen denkbaren Perspektiven und in allen denkbaren Gemütszuständen in Close-Ups, wobei die Garbo durch ihren stets würdevollen Gesichtsausdruck mehr oder weniger aktiv eifrig an ihrem eigenen Mythos strickt. Herz-Schmerz bei Hofe, das war und ist stets auch ein dankbares Filmsujet, weil es Ausstatter, Kostümschneider und Schauspieler gleichermaßen herausfordert und vor allem von seinen dankbaren Schauwerten lebt. "Queen Christina" nun kommt vergleichsweise intim daher. Er kapriziert sich tatsächlich zu großen Teilen auf die Person der Königin und die sie umtreibende Disparität zwischen National- und Standestreue sowie das menschliche Recht darauf, freies Individuum zu sein. Ihrem Galan John Gilbert ermöglichte die allenthalben mit ihrer Heimkehr drohende Garbo zugleich eine kurze Rückkehr zum hochbudgetierten A-Film, der das Paar bereits während der gemeinsamen Stummfilmjahre geeint hatte und ihm auch eine private Liaison zuteil werden ließ. Der einst populäre, nunmehr jedoch schwer versoffene Gilbert jedoch war zu diesem Zeitpunkt bereits zur persona non grata auf dem MGM-Studiogelände geworden und trotz der Insistierung seiner Geliebten zum baldigen Ableben verdammt.

8/10

Rouben Mamoulian Dreißigjähriger Krieg Historie period piece amour fou Schweden Biopic





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Funxton

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