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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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SWEET BIRD OF YOUTH (Richard Brooks/USA 1962)


"A goofball makes the world keep its balance."

Sweet Bird Of Youth (Süßer Vogel Jugend) ~ USA 1962
Directed By: Richard Brooks

Der Gigolo Chance Wayne (Paul Newman) kommt zurück nach St. Cloud, Alabama, im Schlepptau die derangierte Hollywood-Aktrice Alexandra Del Largo (Geraldine Page). Mit Alexandras Hilfe hofft Chance endlich jener große Star zu werden, der er schon immer sein wollte und damit seine Jugendliebe Heavenly Finley (Shirley Knight) beeindrucken zu können. Dabei geht es in erster Linie um Heavenlys Vater, den Großindustriellen Tom 'Boss' Finley (Ed Begley), der ganz St. Cloud in der Tasche hat. Dieser versucht seit Ewigkeiten, den in Bezug auf Heavenly nicht nachgebenden Chance für immer aus der Stadt zu verbannen.

Nach "Cat On A Hot Tin Roof" die zweite Williams-Adaption von Richard Brooks, wiederum mit Paul Newman in der Hauptrolle des lebensunsicheren Protagonisten auf der Suche nach mehr Rückenwind und Standhaftigkeit. Diesmal ist der gefürchtete Südstaatenpatriarch allerdings nicht sein Vater, sondern ein erbitterter Gegner im Duell um seine Tochter. Doch "Sweet Bird Of Youth" ist figural weitläufiger: Mit der Geschichte um die wodkatrinkende, cannabisrauchende und benzedrinschluckende Diva Alexandra Del Largo entwickelte Williams einen exquisiten charakterlichen Nebenschauplatz. Letzten Endes entwickelt sich die narzisstisch-opportunistische Schauspielerin zu Chances Gewaltkur, seinem 'cold turkey', der ihm ein für allemal einbläut, dass seine Träume nichts sind als Schäume und dass das Leben deutlich irdischere Herausforderungen bietet. Auch ungewöhnlich, dass in der Rolle des Möchtegern-Starlets einmal ein Mann zu sehen ist, derweil seine Freundin den entsprechend notwendigen Räsonanzpart erhält.
Nicht ganz so umwerfend wie "Cat On A Hot Tin Roof", aber doch überaus lohnenswert und mit einem schönen Ende angereichert.

8/10

Richard Brooks Tennessee Williams Südstaaten Florida Alabama Alkohol Drogen Familie based on play


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RAINTREE COUNTY (Edward Dmytryk/USA 1957)


"I haven't married an abolitionist, have I?"

Raintree County (Das Land des Regenbaums) ~ USA 1957
Directed By: Edward Dmytryk

Freehaven, Indiana 1959. Der begabte Nachwuchsdichter John Shawnessy (Montgomery Clift) liebt eigentlich seine Jugendfreundin Nell (Eva Marie Saint), als ihm eines Tages die southern belle Susanna (Elizabeth Taylor) begegnet. Nach einer kurzen, heftigen Romanze eröffnet Susanna John, dass sie ein Kind von ihm bekäme - wie sich später herausstellen wird, eine Lüge, um John an sich zu binden und ihn zur dann tatsächlich stattfindenden Heirat zu bewegen. Doch dies ist nicht der einzige seltsame Charakterzug Susannas, wie John bald herausfindet. Ein schweres Kindheitstrauma in Verbindung mit einem pathologischen Rassismus lastet auf ihrer Seele. Der liberale John ist derweil ein überzeugter Gegner der verfilzten Südstaatenmentalität, insbesondere der Sklaverei. Bald zieht er mit Susanna zurück nach Freehaven und das Paar bekommt einen Sohn, während der Bürgerkrieg ausbricht. Susanna verschwindet mit dem Jungen und John geht zur Armee, um seine Familie jenseits der Front suchen zu können.

Gedacht als eine Art Repetition des nachhaltigen Erfolges von "Gone With The Wind" gab die MGM dieses neuerliche Sezessionskriegsepos in Auftrag - mit überaus mäßigem kommerziellen wie feuilletonistischen Erfolg. Dabei gebührte Dmytryks Werk - einem seiner schönsten Filme - eine weitflächige Rehabilitierung. Der Nebenplot um den mystischen goldenen Regenbaum, dessen Finder ewige Seligkeit und Zufriedenheit zuteil werden sollen, verleiht dem Film einen magischen zweiten Atem. Als Südstaatenepos, das der ganzen, historischen Dissonanz der Region - ihrer majestätischen Schönheit versus ihrer dekadenten Oberflächichkeit - ein Denkmal setzt, gibt "Raintree County" jedenfalls mindestens so viel her wie jedes vergleichbare Werk. Der Film, noch vor "Ben-Hur" als erster im Superbreitwandverfahren 'Camera 65' gedreht, schwelgt in satten Farben und führt ein großartiges Ensemble ins Feld; allen voran Lee Marvin als großspurigen, aber höchst liebenswerten Lebenskünstler Flash Perkins und Nigel Patrick als verschrobenen Intellektuellen Professor Stiles. "Raintree County" wird getragen von diesem Personal und der Film hätte es, schon aufgrund eines implizit notwendigen, detaillierteren Ausarbeitungsreichtums verdient, noch mindestens vierzig Minuten länger zu sein. So erscheint er vielleicht partiell zu fragmentarisch und abgehackt, was ihn keinesfalls versagen, aber wehmütig daran danken lässt, was mit etwas mehr Mut von Produktionsseite möglich gewesen wäre. Legendär eine Anekdote um Montgomery Clifts Autonunfall, den er während der Dreharbeiten erlitt, der seine Physiognomie nachhaltig veränderte und dessen Folgen (inklusive Operationsnarbe am Hals) in vielen Einstellungen des Films deutlich sichtbar sind.

9/10

Edward Dmytryk Sezessionskrieg Ehe Familie Indiana Freundschaft Madness period piece


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8MM (Joel Schumacher/USA, D 1999)


"DIE! FUCKER DIE! DIE!"

8MM ~ USA/D 1999
Directed By: Joel Schumacher

Der eher ungern im Trüben stochernde Hochglanz-Detektiv Tom Welles (Nicolas Cage) wird von der betagten Witwe Mrs. Christian (Myra Carter) engagiert, die Herkunft eines 8MM-Snuff-Filmes zu untersuchen, den sie im Safe ihres verstorbenen Mannes, eines reichen Wirtschaftsführers gefunden hat. In dem kurzen Film wird ein Mädchen (Jenny Powell) von einem Maskenmann (Chris Bauer) misshandelt und schließlich abgeschlachtet. Welles soll herausfinden, ob es sich um gestellte Aufnahmen oder authentische Aufnahmen handelt. In Los Angeles kommt er mithilfe eines stenefirmen Amateurmusikers (Joaquin Phoenix) einem Snuff-Ring auf die Spur, dem der New Yorker Dino Velvet (Peter Stormare) vorsteht. Tatsächlich wurde Mary Ann Matthews, so der Name des Mädchens, vor der Kamera ermordet. Der längst vollkommen konsternierte Welles entwickelt zunehmend ungebremste Aggressionen gegen die Täter...

Wo "Falling Down", bis zu gewissem Grad ja ebenfalls eine Beschäftigung mit dem Topos 'Vigilantismus', zumindest noch einen Rest von Diskutabilität aufweist, nimmt sich "8MM" auf das denkbar Biederste konservativ aus. Nach Andrew Kevin Walkers umwerfendem "Se7en"-Script war einiges von dem Autoren zu erwarten, dass er jedoch mit einem derart plumpen Konstrukt um die Ecke kommen sollte, finde ich, speziell im Hinblick auf die Qualität des literarischen "Vorgängers", noch heute problematisch. Glücklicherweise rettet sich "8MM" gegen Ende noch halbwegs über die Runden durch seine unfreiwillige Komik, die das moralisch hochentrüstete Kartenhaus, das der Film zuvor mit großer Geste errichtet hat, in sich zusammenstürzen lässt. Nicolas Cage, nach meinem Empfinden schon immer ein Mann, der die vielen lächerlichen Stoffe, an deren Ausführung er sicherlich primär des Geldes wegen mitwirkte, als solche erkannt hat und ihnen durch gezieltes overacting entsprechend "Tribut" zollt, als Objekt der Entrüstung in den Mittelpunkt zu stellen, war ein personeller Schachzug, dem der Film verdankt, dass er nicht gleich umweglos in die Tonne wandern sollte.
Das "8MM" zugrunde liegende Menschenbild trägt Zeugnis einer fanatischen, wenn nicht pathologischen Abscheu vor jedwedem sexuell Normabseitigen. Allein Welles' erster aktiver Kontakt mit der Pornoszene ist bereits so inszeniert, dass der Ruch des Widerlichen und Perversen sich bis weit vor die Leinwand erstreckt - Cages permanent und zunehmend angeekeltes Gesicht spricht Bände. Als er im weiteren Filmverlauf auf einem einschlägigen Hinterhofbasar das Cover eines Kinderpornos in die Hand nimmt, wischt er selbige danach voller Widerwillen an seinem Revers ab. Doch Welles' steigt noch weiter hinab in die neun Inferni der Pornographie, um am Ende personell mit ihrer niederträchtigsten Form konfrontiert zu werden, selbstverständlich symbolisiert durch ein repräsentatives Quartett des denkbar übelsten menschlichen Abschaums: Den schmierigen Regisseur (Stormare), das abartige Muttersöhnchen (Bauer), den abgewichsten casting agent (James Gandolfini) und den korrupten, schnauzbärtigen Hochglanzanwalt (Anthony Heald). Die zwei, die sich nicht aus wechselseitigem Misstrauen gegenseitig umgebracht haben, richtet Welles, nachdem er sich moralisch durch eine Anfrage bei Muttern Matthews (Amy Morton) legitimiert hat, mit symbolischem, feurigem Cherubsschwert. Danach kehrt er bitterlich weinend in den reinigenden Schoß seiner jungen Familie zurück - die Welt hat ihn wieder, mitgenommen zwar, aber durch seine Gewaltakte vom Erlebten geläutert und gereinigt.
Als trashige Spaßgranate funktioniert "8MM", besonders, da er sich so gern als Manifest der moralischen Entrüstung verstünde. Als ernstzunehmender Genrefilm, also das, was er zu sein vorgibt und wünscht, ist er somit nachgerade erbarmungswürdiger Dreck.

4/10

Joel Schumacher Snuff Subkultur Pornographie Los Angeles New York Familie Selbstjustiz Rache


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FALLING DOWN (Joel Schumacher/USA 1993)


"I'm on the other side of the moon now and everybody is going to have to wait until I pop out."

Falling Down ~ USA 1993
Directed By: Joel Schumacher

An einem besonders heißen Sommertag dreht der ohnehin latent psychiotische Bill Foster (Michael Douglas) durch und bahnt sich seinen Weg durch Los Angeles von Pasadena bis nach Venice. Fosters kleine Tochter Adele (Joey Hope Singer) hat Geburtstag und obgleich Foster sich Frau (Barbara Hershey) und Kind per Gerichtsbeschluss nicht mehr nähern darf, setzt er sich, einer Dampfwalze gleich, in Bewegung. Auf seinem Weg wird er Zeuge der Schattenseiten der Stadt und schon nach wenigen Metern verwandelt sich seine kleine Reise in einen Amoklauf, die eine Schneise der Angst und Zerstörung quer durch die Stadt hinterlässt.

Wenn man betreffs "Falling Down" schon von politischer Implikation sprechen muss, so bitte nur kurz - ein unleidliches Thema. Eine buchstäblich reaktionäre Tendenz ist dem Film natürlich nicht abzuleugnen. Er jongliert mit klassischen Wutbürger-Themen wie Einwanderung, ethnischen Unruhen, ökonomischem Ungleichgewicht und der hoffnungslosen Überforderung der staatlichen Instanzen. Beeinflussbare Gemüter mögen darin unschwer nachvollziehbare Geisteshaltungen ausmachen und darum ist Schumachers Film ideologisch nicht unbedenklich. Wenngleich an der psychischen Labilität Bill Fosters, denn die Credits analog zu seinem Nummernschild martialisch als "D-Fens" ausweisen, kein Zweifel offen bleibt, widersteht "Falling Down" nicht der Versuchung, ihn als tragischen Antihelden zu glorifizieren, ein Opfer der allgemeinen und individuellen Umstände, dessen permanente Einschüchterungsaktionen letzten Endes als universelle Warnungen zu verstehen sind und dessen zwei aktive Totschläge im Laufe seines Stadttrips aus Notwehr beziehungsweise im Zuge eines vom Opfer provozierten Unfalls heraus stattfinden.
Trotz all dieser Bedenklichkeiten gelang Schumacher mit "Falling Down" ein guter, streckenweise sogar exzellenter Film. Abseits seiner oberflächlichen, sicherlich gezielt populistischen Verhandlungen demoskopischer Themen berichtet er nämlich auch in mithin poetischer Form von einem heißen urbanen Sommertag, der bekanntlich dazu taugt, anfällige Menschen irrational agieren zu lassen, von einem unmittelbar vor der Pension stehenden Polizisten (Robert Duvall), der als ultima ratio zu Bill Fosters Antagonisten wird und bietet zudem einen virtuellen Streifzug durch die eher unschönen, nichtsdestotrotz jedoch existenten Gegenden von Los Angeles. Mit Duvall, Frederic Forrest und Barbara Hershey befinden sich drei Schlüsselschauspieler New Hollywoods im Film, deren konzentrierte Mitwirkung durchaus den Schluss zulässt, dass "Falling Down", gewissermaßen ohnehin ein westcoast heir von "Taxi Driver", auch wunderbar zwanzig Jahre zuvor hätte entstehen können. Ob er dann allerdings so fruchtbar diskutabel ausgefallen wäre, ist müßige Gedankenspielerei.

8/10

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CONFESSIONS OF AN OPIUM EATER (Albert Zugsmith/USA 1962)


"Here was the secret of happiness, about which philosophers had disputed for so many ages, at once discovered..."

Confessions Of An Opium Eater (Bekenntnisse eines Opiumsüchtigen) ~ USA 1962
Directed By: Albert Zugsmith

Der Abenteurer Gilbert De Quincey (Vincent Price) kommt nach San Francisco, wo er in Chinatown in die Machenschaften einer Tong-Chefin (Linda Ho) gerät, die eine Versteigerung orientalischer Sklavinnen für wohlhabende Geschätsleute plant.

Nach De Quinceys berühmter Novelle entstand dieses durchaus als waghalsig zu bezeichnende trip movie, eine frühe, poetische Vorwegnahme von "Big Trouble In Little China", die im vorgeblichen Gewand eines wilden kleinen Exploiters den schon damals nicht mehr ganz jungen Vincent Price als schwarzgewandeten Seemann zeigt, der im Bannkreis zwischen Opiumpfeife, Baudelaire und kreischenden Mädchen die Kastanien aus dem Feuer holen muss. Price als Actionheld; das mutet bereits als Idee paradox an und in der Tat dürfte er im Zuge der meisten entsprechenden Szenen, die ihn bei Kletteraktionen oder beim Sprung von irgendwelchen Dächern zeigen, gedoubelt worden sein. Zwar ist der Protagonist nur einmal während des Films wirklich direkt berauscht, dennoch gehorcht die gesamte Narration einer seltsamen Traumlogik. Mit dem Eintritt in das fernab der Hauptstraßen liegende Chinatown erhält man zugleich das Visum für eine Parallelwelt, in dem abendländische Wertmaßstäbe passé sind. Passend dazu ist Prices best buddy eine zwergenwüchsige Chinesin (Yvonne Moray). In einer Mischung aus lustvoller Zeigefreudigkeit und kulturellem Respekt springt Zugsmiths Film mitten hinein in dieses räucherstäbchen- und qin-geschwängerte Exotik-El-Dorado und findet am Ende auch ganz bewusst nicht mehr heraus: what happens in Chinatown, stays in Chinatown.

7/10

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THE STEPFORD WIVES (Bryan Forbes/USA 1975)


"Well, that's why we're moving to Stepford."

The Stepford Wives (Die Frauen von Stepford) ~ USA 1975
Directed By: Bryan Forbes

Die Familie Eberhart zieht vom lauten, schmutzigen New York in das upstate gelegene, scheinbar beschauliche Kleinstädtchen Stepford. Die emanzipierte Ehefrau und Mutter Joanna (Katharine Ross) fühlt sich dort alles andere als wohl: Die in Stepford vorherrschenden Strukturen sind streng patriarchalisch geprägt; die Männer verdienen allesamt gutes Geld als hochgestellte Technikingenieure und Manager, derweil die Frauen ihre beschränkten Rollen als emsige Hausmütterchen auch noch mit großer Zufriedenheit ausfüllen. In der resoluten Bobbie Markowe (Paula Prentiss) findet Joanna eine gute Freundin und Gesinnungsgenossin, doch die Versuche der beiden Frauen, andere Geschlechtsgenossinnen mit sich zu ziehen und zu mehr Selbstbewusstsein zu führen scheitern an deren stumpfer Apathie. Als sich nach einem vorgeblichen Wochende außerhalb schließlich auch die vormals lustige Bobbie in eine biedere Hausfrau verwandelt hat, sieht Joanna ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden: Die Frauen von Stepford sind nicht sie selbst...

Brillante Levin-Verfilmung, die sich die Invasions- und Indoktrinationsfilme der Fünfziger zum Vorbild nimmt, in denen immer mehr Menschen aus der kleinstädtischen Nachbarschaft durch Substitute ersetzt werden und sich urplötzlich allesamt emotional neutralisiert und gleichförmig zu benehmen beginnen, man denke an "Invaders From Mars", "It Came From Outer Space" oder "Invasion Of The Body Snatchers". Die damals subtil vorgetragene, westliche Paranoia bezüglich einer kommunistischen Unterwanderung konkretisiert und modernisiert "The Stepford Wives" in einer klugen Feminismus-Satire. In Stepford, einer verbalen Verballhornung des Industrieslogangs "a step forward", gehen die Männer einen reaktionären Pakt ein: Um die Frauen zu bekommen, die sie wollen - unterwürfig, unkompliziert, ein bisschen dumm, kinderlieb, häuslich, treu, arbeitsam, sauber und besonders ins sexueller Hinsicht nicht nur angepasst, sondern stets aufopferungsvoll, lassen sie sie durch äußerlich identische Androiden ersetzen. Hauptkonstrukteur dieser permanent lächelnden, seelenlosen Armee braver Hausmütterlein ist der ehemalige Disneyland-Techniker Dale Coba (Patrick O'Neal), ein offen misogyner Mann, der die Geschlechterrollen gern um ein Jahrtausend zurückgedreht wüsste. Feminine Mündigkeit ist für ihn wie für seine männlichen Mitbewohner ein unmögliches Paradoxon, also tut er etwas dagegen. Zwar sind seine Geschöpfe technisch nicht immer ganz ausgereift; kleine Verletzungen etwa bringen ihre Schaltkreise durcheinander, doch solche Störungen lassen sich beheben. Anders als zum Beispiel eine handfeste Ehekrise oder gar Scheidung. Dass die Geschichte am Ende den Mut zur Konsequenz besitzt, zeichnet sie nur umso mehr aus.

10/10

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SPRING BREAKERS (Harmony Korine/USA 2012)


"Bikinis and big booties - that's what it's all about."

Spring Breakers ~ USA 2012
Directed By: Harmony Korine

Vier Freundinnen (Ashley Benson, Selena Gomez, Vanessa Hudgens, Rachel Korine) wollen dem sie umgebenden College- und Kleinstadtmief Richtung Spring Break entfliehen. Um sich finanziell auszustaffieren, rauben sie zunächst ein Diner aus und starten dann nach Florida, wo ihre Party-Exzesse sie bald hinter schwedische Gardinen führen. Der örtliche Dealer Alien (James Franco) hinterlegt ihre Kaution, erwartet dafür im Gegenzug aber körperliche Gefälligkeiten. Für die sensible Faith (Gomez) der Anlass, wieder nach Hause zu fahren. Die anderen drei lassen sich in Aliens Gangsteruniversum entführen, für zwei von ihnen verwandelt sich seine Rivalität gegen den Konkurrenten Archie (Gucci Mane) in einen blutigen Feldzug.

Harmony Korine, das muss man wissen, ist der Autor der Larry Clark-Filme "Kids" und "Ken Park". Diese Kenntnis erlaubt einen etwas differenzierteren Blick auf "Spring Breakers", einen Film, der sich natürlich nicht in jener Oberflächlichkeit erschöpft, die er in einer Mischung aus Faszinosum und moralinsaurer Protesthaltung porträtiert. Zunächst einmal sieht er toll aus: Schöne junge Menschen mit wenig Textilien am Leib geben sich der bonbonfarbenen Verlotterung in Form von Alkohol, Drogen, Sex und beschissener Musik hin, neonglitzernde Objekte in sternklarer Sommernacht, ein edles weißes Piano vor Bilderbuchküstendämmerung. Und dazwischen unser personell schrumpfendes Mädchenquartett. Deprimiert von der Determination ihres bourgeoisen Lebens stecken sie ihre Nasen in prall gefüllte Eimer mit Koks und Whiskey, wundern sich, dass es infolge dessen einen Kater oder sogar ernstzunehmenden Ärger gibt und holen sich zwischendurch die Absolution bei ihren Familien, indem sie diese via Fernsprecher schlicht anlügen. Als dann der amerikanische Schwiegersohnalbtraum Alien auf der Bildfläche erscheint, geht es endgültig bergab Richtung Moralsumpf. Ab jetzt sind scharfe Knarren im Spiel, Drogen, Gruppensex und Straßenkrieg.
In dem Bewusstsein um Harmony Korines Weltbild kann von ethischer Neutralität natürlich nicht die Rede sein. Der Mann ist mittlerweile 40 und kommt immer noch nicht los von der verworfenen Jugend, wie sie, im Grunde unverantwortlich für sich selbst, Dinge tut, die unvernünftig sind. Ausgerechnet die im Film als gottesfürchtig porträtierte Selena Gomez, die die Kinderzimmerwände von Milliarden Mädchen im Grundschulalter ziert, schafft als erste den "Absprung". Auf einmal steht sie im Billard-Café, wird von Farbigen (!) angestarrt und begrapscht. Da kullern plötzlich die Kleinmädchen-Tränchen, man will "weg hier" und nichts wie ab nach Haus, zur Oma. Bei der nächsten Ausfallnummer ist immerhin eine Kugel im Oberarm verantwortlich. Sowas tut weh und das muss ja nun doch nicht sein. Harmony Korine hat Mitleid mit seinen Schäfchen, aber sein Voyeurismus ist mindestens ebenso unverhohlen und wirkt beinahe schon wie ein selbsttherapeutischer Hilferuf. Ich glaube ganz ernsthaft, dass der Mann ein bis zwei Probleme hat. Nichtsdestotrotz habe ich mir "Spring Breakers" gern angeschaut. Er glänzt so schön.

6/10

Harmony Korine Florida Spring Break Alkohol Drogen Coming of Age Teenager Party


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TO KILL A MOCKINGBIRD (Robert Mulligan/USA 1962)


"Miss Jean Louise, stand up. Your father's passing."

To Kill A Mockingbird (Wer die Nachtigall stört) ~ USA 1962
Directed By: Robert Mulligan

Die kleine Jean Louise (Mary Badham), genannt 'Scout' und ihr Bruder Jeremy (Philip Alford), genannt 'Jem', wachsen während der Depressionsjahre in Maycomb, Alabama als Kinder des verwitweten Anwalts Atticus Finch (Gregory Peck) auf. Trotz der schwierigen Situation verleben die beiden mit ihrem Freund Dill (John Megna) schöne Kleinstadtsommer, die allerdings gleichermaßen von dunklen Schatten geprägt sind: So verteidigt ihr Vater den farbigen, der Vergewaltigung an einer Weißen (Collin Wilcox Paxton) angeklagten Tom Robinson (Brock Peters), der die gesamte Landbevölkerung gegen sich hat. Atticus ist der einzige Weiße, der ihm rechtschaffen zur Seite steht. Ihm gegenüber positioniert sich in vorderster Front der Farmer Bob Ewell (James Anderson), Vater des Opfers. Die Kinder nehmen außerdem mit ebenso respektvollem wie wohligem Grusel wahr, dass in ihrer Nachbarschaft der angeblich verrückte Boo Radley (Robert Duvall) lebt, der von seiner Familie versteckt gehalten wird und sich nie bei Tageslicht zeigt.

Wie Harper Lees wunderbarer Roman so ist auch dessen Adaption ein Manifest des Humanismus, eine erquickliche Lektion über Menschlichkeit und Würde in Zeiten allgegenwärtiger Unruhe und Angst. Mit Atticus Finch, neben Kapitän Ahab in Hustons "Moby Dick", seiner Lebensrolle, hat Gregory Peck einen der großen amerikanischen Helden kreiert: Einen pazifistischen Intellektuellen, einen weisen, Rechtschaffenheit und Philanthropie als Existenzprinzipien verfolgenden Anwalt im Kampf für das ewig Gute, dazu einen liebevollen Familienvater, der den Wogen des Lebens mit trotziger Gelassenheit entgegentritt und diese zumeist glorreich meistert. Verlorene Schlachten nimmt er zum Anlass, selbst Besserung zu geloben.
Berichtet wird "To Kill A Mockingbird" allerdings aus ausschließlich kindlicher Perspektive; aus der Sicht Scouts und ihres Bruders Jem, die dem ehernen Vorbild ihres Vaters nacheifern und dereinst, auch infolge seiner vorbildlichen Erziehung, ebensolche Alltagshelden werden dürften wie er. Dass diese so wunderbar lebensweise Geschichte zudem in einen formalen Rahmen gesetzt wurde, dem man kein anderes denn das Attribut der Meisterlichkeit zukommen lassen kann, ergänzt das Gesamtbild bis hin zur Perfektion.
In all seiner bedingungslosen Weisheit, Couragiertheit, Menschen- und Lebensliebe ein magischer Film, der weit über seinen eigenen medialen Horizont hinausreicht und den man gewissen Menschen als bildendes Pflichtprogramm verpflichtend angedeihen lassen möchte. Auf dass sie sich dann bessern mögen.

10*/10

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THE AWAKENING (Nick Murphy/UK 2011)


"They must hate you."

The Awakening ~ UK 2011
Directed By: Nick Murphy

London, 1921: Durch den Weltkrieg und die Spanische Grippe ist die Bevölkerung stark dezimiert worden und zahlreiche Hinterbliebene versinken in Trauer. Diverse Scharlatane machen sich diese Volksstimmung zunutze und inszenieren Séancen und anderen Okkult-Hokuspokus. Die "Geister-Detektivin" Florence Cathcart (Rebecca Hall) hat es sich zur Aufgabe gemacht, derartige Betrügereien aufzudecken. Als Robert Malory (Dominic West), Lehrer an einem renommierten Jungeninternat, Florence engagiert, um dort einen angeblichen gesichteten Geist zu entlarven, findet die ehrgeizige junge Dame bald einige höchst irdische Ursachen für das angeblich übernatürliche Geschehen. Doch bevor sie abreisen kann, offenbaren sich ihr untrügliche Beweise dafür, dass in dem alten Gemäuer tatsächlich etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Spuren führen geradewegs zurück in Florences eigene Kindheit...

Gepflegter Gespensterfilm mit sehr versöhnlichem Finale, der mich recht stark an Lewis Gilberts schönen "Haunted" erinnert hat und auch an ähnliche Spukmären wie "The Sixth Sense" und "The Others", in dem die Geister sich letztlich als hilfesuchende, freundliche, vielleicht gar liebesbedürftige Schemen entpuppen und schlimmstenfalls die Lebenden als Initiatoren böser Gegebenheiten. Den Weg zu dieser "Erkenntnis" zeichnet Murphy durchaus gekonnt mit farbentleerten, blassen Bildern, die das englische Zeitkolorit der Nachkriegsjahre ansprechend einfangen. Überhaupt liefert diese Ära vortreffliche Anhaltspunkte für einen Genregeschichte, die allerdings in der Literatur deutlich häufiger Verwendung finden als auf der Leinwand - so etwa die Auswirkungen auf die Zivilgesellschaft in Form zerstörter Familien und Beziehungen oder schwer traumatisierter Kriegsveteranen, durch die eine allgemein triste, dräuende Atmosphäre sich bei akkurater Gestaltung wie im vorliegenden Falle, fast von allein einstellt.

7/10

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BECKET (Peter Glenville/UK, USA 1964)


"Let us drink till we roll under the table in vomit and oblivion."

Becket ~ UK/USA 1964
Directed By: Peter Glenville

England im zwölften Jahrhundert: König Heinrich II (Peter O'Toole), Spross der normannischen Eroberer, und der angelsächsische Thomas Becket (Richard Burton) sind trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft beste Freunde. Der nachdenkliche, der Vernunft zugetane Becket trägt und ertträgt dabei die Eskapaden Heinrichs, dessen Aristokratenwahn ihn häufig zu übermannen droht. Heinrich ernennt Becket zunächst zum Kanzler der Krone und später zum Erzbischof von Canterbury. Doch anders als Heinrich es geplant hat, entwickelt sich Becket in dieser Position zum Widersacher der Krone und damit zum Gegner Heinrichs selbst. Eine Affäre um die Exkommunikation eines Höflings entzweit die ehemaligen Freunde schließlich endgültig. Heinrich, verzweifelt über die Entwicklung der Dinge, erträgt Beckets stoische Opposition irgendwann nicht mehr...

Diese zwei trinkfesten britischen Schauspieltitanen im Duell zu erleben, ist eine ausgesprochene Wonne. Letzten Endes kann man sich dann auch kaum für einen Sieger entscheiden; vielleicht prägt sich O'Toole etwas manifester ein, dafür hat er aber auch die offenkundigere Rolle. Burtons ethische Konflikte spielen sich ja vornehmlich in seinem Inneren ab und sind eher philosophischer Natur, derweil O'Toole vortrefflich den zum Irrsinn neigenden Erbusurpator gibt.
Als Theaterverfilmung nach Anouilh ruht "Becket" zudem auf einem Fundament grandioser Dialoge, denen zuzuhören und -schauen den Geist beflügelt und trotz des historischen Sujets eher wenig Raum für Monumentales lässt. Zinnemanns zwei Jahre später entstandener, etwas populärer beleumundeter "A Man For All Seasons", der, zeitlich versetzt um vier Centennien, ein ganz ähnliches Sujet vorträgt, ist deutlich von Glenvilles Film beeinflusst.

9/10

Peter Glenville England Mittelalter Kirche Adel Duell Jean Anouilh based on play Freundschaft





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