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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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IL GATTOPARDO (Luchino Visconti/I, F 1963)


Zitat entfällt.

Il Gattopardo (Der Leopard) ~ I/F 1963
Directed By: Luchino Visconti

Im Zuge des Risorgimento fällt Garibaldi mit seinen Rothemden 1860 in Sizilien ein, was für die Insel nachhaltige Veränderungen bezüglich ihrer Gesellschaftsstruktur mit sich bringt - für den altadligen Fürsten Salinas (Burt Lancaster) eine eher mühselige Entwicklung, die er mit mäßig affirmativem Gestus unterstützt. Salinas' opportunistischer Neffe Tancredi (Alain Delon) hängt derweil sein Fähnchen nach dem Wind und kämpft zunächst für die Freischärler, nur um sich nach Garibaldis Rückzug der königlichen Armee anzuschließen. Die Zeit der Emporkömmlinge bricht an, so auch des ungestümen Neureichen Don Calogero (Paolo Stoppa), dessen Tochter Angelica (Claudia Cardinale) die Verlobte Tancredis wird.

'Gattopardo' ist mit 'Leopard' keinesfalls treffend übersetzt. Tatsächlich steht diese italienische Bezeichnung für 'Serval', eine wendige, gefleckte afrikanische Wildkatze, die die auratische Herrlichkeit der Titelfigur gleich etwas zurückgenommener erscheinen lässt. Das Risorgimento bedeutet für Fürst Salinas das Aufbrechen einer zweieinhalb Millennien alten Tradition. Das Sizilien des 19. Jahrhunderts erstarrt ächzend unter seinem ständischen Filz, es hat geradezu zu atmen verlernt. Eine Veränderung dieser lethargischen Situation ist unabwendbar. Das weiß auch der verständige Salinas, wenngleich er derlei Umbrüche mit seiner eigenen aristokratischen Persönlichkeit nicht vereinbaren kann oder will. Viscontis Meisterwerk "Il Gattopardo" berichtet in detailversessener Schönheit voller Stuck und Schmuck von jener elementaren Sturheit und ihrer schlussendlich notwendigen Resignation; ein letzter Flirt mit Jugend, Schönheit und Leben, ein letzter Walzer, ein letzter Blick in den Spiegel geht ihr voraus. Obschon Salinas trotz seiner umfassenden Reflektionen diesbezüglich auf einem symbolträchtigen Ball wohl nicht direkt vom Tode bedroht ist, hat er sich doch sowohl seinem eigenen Untergang als auch dem der seinen arrangiert; von jetzt an wird er anämisch, phlegmatisch und alt werden, das Relikt einer künftig gelöschten Ära.

10/10

Italien Sizilien Historie period piece Risorgimento Luchino Visconti Giuseppe Tomasi di Lampedusa Adel Sittengemälde


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LEPRECHAUN IN THE HOOD (Rob Spera/USA 2000)


"Lep in the Hood, come to do no good!"

Leprechaun In The Hood ~ USA 2000
Directed By: Rob Spera

Dereinst hat der Kleingangster Mack Daddy (Ice-T) einen Leprechaun (Warwick Davis) um dessen sagenhafte Flöte erleichtert und den Kobold hernach festgesetzt. Mithilfe des kleinen instruments ist Mack Daddy daraufhin zum Musikproduzenten-Millionär avanciert. Eher zufällig gerät Jahre später das erfolglose Rap-Trio Postmaster P. (Anthony Montgomery), Stray Bullet (Rashaan Nall) und Butch (Red Grant) im Zuge eines Überfalls in den Besitz jener Flöte und hat fortan sowohl Mack Daddy als auch den ungehaltenen Leprechaun am Hals.

Falls jemand irrigerweise den im Weltraum spielenden vierten Teil des "Leprechaun"-Franchise für die denkbar groteskeste Variation des Themas hielt, würde ich zu gern wissen, wie dieser Jemand erst auf "Leprechaun In The Hood" reagiert. Oder - eigentlich möchte ich's gar nicht wissen, ich weiß es schon - schließlich habe ich diesen völligen Blödsinn letzte Nacht am eigenen Leibe ertragen. Eine völlig konfuse Zusammenführung aus Hip-Hop-Komödie und "Leprechaun"-Sequel, idiotisch bis ins Mark und vor allem deshalb nachgerade erstaunlich, da Trimark den Film offenbar ruhigen Gewissens abgesegnet hat. Wahrscheinlich wurde die Produktion eher als subkulturelles Happening in L.A. angelegt, dessen Beteiligte, inklusive des durch die Kulissen torkelnden Coolio, sich ob der dichten Marihuanaschwaden kaum mehr an den Dreh werden erinnern können. Der Leprechaun trifft Ice-T wird zum "Lep", raucht kiloweise Gras, hält sich flotte bitches und rappt am Ende das Haus. Mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden.

3/10

Rob Spera Leprechaun Sequel Musik Los Angeles Slum Marihuana Groteske Satire Splatter Subkultur Trash


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THE CARDINAL (Otto Preminger/USA 1963)


"Continue playing."

The Cardinal ~ USA 1963
Directed By: Otto Preminger

Der Aufstieg des irischstämmigen Paters Stephen Fermoyle (Tom Tryon) zum Kardinal und Stationen seines Lebensweges, der ihn über persönliche Gewissenskonflikte bezüglich seines klerikalen Standes, rassistische Konflikte in Georgia, wo er einem bedrängten Amtsgenossen (Ossie Davis) beisteht, bis hin zu der Annektierung Österreichs durch Hitler und die dortige Auflösung der katholischen Kirche führt.

Wahrscheinlich die Lebensrolle Tom Tryons, der zur eher unbekannten Fraktion der Garde klassischer Hollywood-Darsteller zählt und als dessen Karriere-Sprungbrett "The Cardinal" möglicherweise auserkoren war. Nach Betrachtung des Films ahnt man jedoch, warum nicht mehr daraus wurde. Tryon, sicherlich ein gutaussehender, charismatischer Mann, wird seiner ihm gestellten Herausforderung nicht nur nicht gerecht, er versagt darüberhinaus mit einer nahezu unglaublichen Gleichmut und macht damit noch das Beste aus der ihn überfordernden Aufgabe. Eine der größten Fehlbesetzungen der Hollywood-Historie gibt es somit zu betrachten. Tryon steht einem phantastischen Ensemble vor, das großartige DarstellerInnen wie Burgess Meredith oder Romy Schneider umfasst, hat einen Meisterregisseur im Rücken und soll eine solch epische Geschichte tragen. Man fragt sich, wie ein Montgomery Clift diese anspruchsvolle Darstellung gemeistert hätte. Ansonsten trägt "The Cardinal" geräuschvollen Kirchenkitsch vor sich her, der nur sehr wenig kritische Perspektiven zulässt und den Vatikan zur erdsäulentragenden Institution verklärt. Er erinnert ein wenig an Zinnemanns "The Nun's Story", der ja ebenfalls mit großer Geste den Konflikt zwischen weltlicher und geistlicher Gesinnung bei Kirchenvertretern verhandelte und fügt sich im Großen und Ganzen recht nahtlos in Premingers Spätphase, die ja primär ambitionierte, großatmige Stoffe bedient. Dies belegt einerseits, dass "The Cardinal" natürlich zu den großen Epen seiner Ära gezählt werden kann, jenen allerdings andererseits, die einen mit wachsendem Werksalter skeptischen Blick förmlich provozieren.

7/10

Otto Preminger Kirche Vatikan Nationalsozialismus Rom Österreich Rassismus Südstaaten Georgia ethnics Boston Wien period piece Familie


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WAR AND PEACE (King Vidor/USA, I 1956)


"I have sinned, Lord, but I have several excellent excuses."

War And Peace (Krieg und Frieden) ~ USA 1956
Directed By: King Vidor

Moskau zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Während Napoleon (Herbert Lom) dabei ist, seinen sich später als katastrophaler Fehlschlag erweisenden Russlandfeldzug vorzubereiten, ahnt die altehrwürdige Aristokratie noch nichts von den künftigen Enbehrungen. Der linkische Pierre Besúchow (Henry Fonda), ein ebenso pazifistischer wie leichtlebiger Intellektueller, heimlich in Natáscha (Audrey Hepburn), die jüngste Tochter des Grafen Rostów (Barry Jones) verliebt. Diese jedoch erlebt ihre romantische Erweckung erst später, als sie während eines Jagdausfluges zufällig Pierres alten Freund, den verwitweten Offizier Andrej Bolkónski (Mel Ferrer) kennenlernt. Andrejs standesbedachter Vater (Wilfred Lawson), ist gegen eine überhastete Heirat und erwartet, dass Andrej zunächst ein Jahr im diplomatischen Außendienst tätig wird. Tatsächlich lässt sich Natáscha während dieser Zeit von dem verruchten Anatól Kurágin (Vittorio Gassman) freien, wovon Andrej im Feld erfährt und Natáscha daraufhin verlässt. Die Schlacht von Borodino fordert derweil viele Opfer, darunter auch Andrej, der schwer verletzt wird. Die Rostóws müssen bald darauf ihr innenstädtisches Haus verlassen und aufs Land flüchten. Natáscha begegnet Andrej wieder, der ihr verzeiht und sich von ihr pflegen lässt, jedoch nicht mehr lang am Leben bleibt. Pierre gerät in französische Gefangenschaft, aus der er ausgerechnet von seinem alten Rivalen Dólochow (Helmut Dantine) befreit werden kann. In der Ruine des rostówschen Anwesens begegnen sich Pierre und Natáscha schließlich wieder, bereit, endlich ein gemeinsames Leben zu beginnen.

Weniger eine adäquate Tolstoi-Adaption als vielmehr ein grandioses Kräftemessen von Hollywod und Cinecittà. Nur die Besten und Größten ihrer Zunft vereinten sich hinter und vor der Kamera für dieses ausgemachte Prestige-Projekt: Carlo Ponti und Dino De Laurentiis wagten eine einzigartige Produzentenehe, die Paramount sprang für den internationalen Verleih ein, Stab und Besetzung vereinten jeweils internationale Fachgrößen mit ausgemachter Hollywood-Grandezza an der Spitze. Als Selznick und die MGM, die sich ebenfalls mit dem Gedanken trugen, Tolstois opus magnum glamourös aufzubereiten, erfuhren, dass die damals auf ihrem Karrierehöhepunkt befindliche Audrey Hepburn für die weibliche Hauptrolle unter Vertrag stand, gaben sie angeblich schleunigst klein bei.
Sechs Millionen Dollar wurden für den Film verpulvert und davon ist, wie es so schön heißt, jeder einzelne Cent sichtbar. Erlesene Ausstattungsgegenstände, Interieurs und Kostüme, gewaltige Statistenaufmärsche, Ball- und Schlachtenszenen von ausgemachtem Pomp: primär und besonders ist "War And Peace" eine opulentes Festmahl fürs Auge, das seine romantischen (Sub-)Kontingente wohlweislich ganz obenanstellt, um aus dem personenreichen Gesellschaftsstück einen Schmachtfetzen von internationaler Erfolgsgarantie zu formen. Mit vollstem Erfolg; Audrey Hepburn, tatsächlich bezaubernd wie eh und je, trägt das Epos auf federleichte Weise, die traurigen Krieger Ferrer und Fonda, sich ihrer untergeordneten Funktion durchaus bewusst scheinend, dienen ihr vornehmlich als Stichwortgeber und ist sie einmal nicht leinwandpräsent, so sehnt man sich gleich ihre nächste Szene herbei. Weitere Rollengeschenke finden sich - natürlich - für Herbert Lom, der einen fabelhaften Napoleon vorstellt, Oscar Homolka als weisen russischen Feldmarschall und Wilfrid Lawson als misanthropisch angehauchten Knauseradligen. Vielleicht in all seiner überstürzten Selbstpräsentation etwas zu naiv, ist "War And Peace" in der Hauptsache etwas für Apologeten des leicht größenwahnsinnigen, monumentalen Silver-Age-Hollywood. Diese allerdings dürften sich immer wieder aufs Neue verlieben.

9/10

King Vidor Leo Tolstoi Historie period piece Russland Moskau Napoleon Napoleonische Kriege Familie Jack Cardiff


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HITCHCOCK (Sacha Gervasi/USA 2012)


"The only worse than a visit to the dentist is a visit to the censor."

Hitchcock ~ USA 2012
Directed By: Sacha Gervasi

Nach "North By Northwest" gerät Alfred Hitchcock (Anthony Hopkins) in eine kreative Talsohle, die sich mit der Lektüre von Robert Blochs Roman "Psycho" sehr schnell wieder verflüchtigt. Als er von der Paramount eine Absage bezüglich der Produktionskosten erhält, übernimmt Hitchcock zusammen mit seiner Frau Alma Reville (Helen Mirren) selbst die Finanzierung. Gesundheitliche Probleme, Almas Liebäugelei mit einem promisken Scriptautoren (Dany Huston) und schließlich der Druck von Verleih und Zensur machen die Dreharbeiten alles andere als einfach. Der spätere, triumphale Erfolg jedoch gibt dem Meister Recht in all seinen Entscheidungen.

Nett, ehrenwert, possierlich auch: Ein großer Wurf ist Sacha Gervasi mit "Hitchcock", der vielleicht besser "The Making Of "Psycho"" oder ähnlich gehießen hätte, nicht geglückt. Dafür ist sein Film, schon infolge des verhandelten Sujets - Filmemacher besiegt inner Dämonen und rettet seine kriselnde Ehe durch professionelle Sublimierung - schlichterdings zu überraschungsarm und bieder geraten. Ein paar schöne Ideen wie Hitchcocks mental geführte Zwiegespräche mit Ed Gein (Michael Wincott) oder eine nächtliche Pastetenfressorgie vor dem Kühlschrank vermögen es nicht, die selbst dem Laien altbekannten Themen wie Hitchcocks mehr oder weniger heimliche Obsessionen bezüglich seiner Hauptdarstellerinnen und seine daraus resultierenden Ehekrisen mit Alma, sein merkwürdiges Verhältnis zu Eros und Thanatos sowie seine Exzentrik im Umgang mit Financiers und Zensoren an innovativer Kraft aufzuwiegen. Immerhin bekommt man mal Ralph Macchio (als Scriptautor Joe Stefano) wieder zu sehen, der, man glaubt es kaum, tatsächlich gealtert ist. Nun, unterhaltsam ist "Hitchcock" sicherlich und man merkt den Beteiligten samt und sonders die Ehrfurcht an, an der dramatisierten Dokumentierung der Entstehung eines solch monolithischen Kunstwerks mitwirken zu dürfen; ein vereinzelter, schnell gedachter Gedanke an den eigentlichen 'Stein des Anstoßes' veranschaulicht jedoch überaus rasch wieder den Unterschied zwischen Kunst und Mediokrem.

6/10

Alfred Hitchcock Ed Gein Film im Film Hollywood period piece Historie Sacha Gervasi Hommage Biopic Ehe


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ONCE UPON A TIME IN AMERICA (Sergio Leone/USA, I 1984)


"It's just the way I see things."

Once Upon A Time In America (Es war einmal in Amerika) ~ USA/I 1984
Directed By: Sergio Leone

Um 1920 bilden die jüdischstämmigen Freunde Noodles (Scott Tiler), Max (Rusty Jacobs), Patsy (Brian Bloom), Cockeye (Adrian Curran) und Dominic (Noah Moazezi) eine eingeschworene Truppe in der Lower East Side. Mit kleinen Gaunereien verdienen sie sich hier und da einen Dollar, was dem etwas älteren Gangboss Bugsy (James Russo), der im Viertel die Karten in der Hand hält, nicht passt. Als Bugsy den kleinen Dominic erschießt, tötet Noodles ihn im Gegenzug und wandert dafür ins Gefängnis. Rund zwölf Jahre später wird Noodles als Erwachsener (Robert De Niro) entlassen. Max (James Woods), Patsy (James Hayden) und Cockeye (William Forsythe) sind unterdessen groß ins Alkoholgeschäft eingestiegen und betreiben unterhalb des Cafés ihres Kumpels Moe (Larry Rapp) einen ebenso frivolen wie gutgehenden Club mit Schnaps- und Champagnerausschank. Max schweben derweil noch weit höhere Ziele vor: Er liebäugelt mit der Politik und knüpft im Hintergrund sowohl Kontakte zu größeren Gangsterbossen wie Frankie Manoldi (Joe Pesci) als auch zum Gewerkschaftsführer Jimmy Conway (Treat Williams). Als seine Pläne sich auf einen potenziell selbstmörderischen Bankeinbruch konzentrieren, sieht Noodles seine letzten Chance, Max' Leben zu retten, im Verrat: Bei einer nächtlichen Schmuggelaktion, die Noodles an die Polizei verrät, werden Max, Patsy und Cockeye getötet. Das gemeinsam angesparte Vermögen ist spurlos verschwunden. Voller Schuldgefühle verlässt Noodles New York Richtung Buffalo - und kehrt rund fünfunddreißig Jahre später zurück, als er eine Nachricht erhält, die besagt, dass der alte jüdische Gemeindefriedhof aufgelöst und die Gräber verlegt werden. Noodles findet ein feudales Mausoleum für seine alten Freunde auf einem Privatfriedhof sowie das seinerzeit verschwundene Geld. Dann flattert dem zunehmend Verwirrten eine Einladung zu einer Party des unter öffentlicher Kritik stehenden, korrupten Staatssekretärs Bailey zu, der mit Noodles' alter Liebe Deborah (Elizabeth McGovern) ist und einen Sohn (Rusty Jacobs) hat...

Eine etwas gewagtes Thesenkonstrukt, das ich bereits seit vielen Jahren unausgegoren verfolge, mir jedoch heute wieder ganz präsent ist: Erst mit "Once Upon A Time In America" hat Sergio Leone zur eigentlichen künstlerischen Vollendung gefunden. Ich mag und liebe zumindest teilweise jeden seiner vorhergehenden Filme, in denen er seinen individuellen, elegischen Stil mehr und mehr perfektionierte. Beginnend bereits mit "Per Qualche Dollaro In Più" entwickeltte er seinen Hang zur großen inszenatorischen Pose und zur Bildgewalt, die in Kombination mit Ennio Morricones operesker Musik Dialoge zum Beiwerk degradierte und eine vorrangig visuelle Publikumskommunikation präferierte. Allerdings empfinde ich - Majestätsbeleidigung hin oder her - das Westernmilieu für Leones Arbeit als kleinen Bremsklotz, der stets einen letzten Rest latenter Vulgarität nicht verleugnen konnte, welcher Landsmännern wie Visconti oder Bertolucci, die ihre Epik mit originärer Landesgeschichte verknüpften, erspart blieb. Zwar sorgten seine Western für Leones nachhaltige internationale Popularität und ebneten den Weg zum Höhepunkt, dennoch halte ich den Genrefilm bezogen auf Authentizität und wesentliches Verständnis seitens seiner Wesenhaftigkeit und seiner schlussendlichen Inszenierung für eine strikt amerikanische Domäne. Mit "Giù La Testa" beginnt dann gewissermaßen Leones Emanzipation von der Gattung; das bereits in "Il Buono, Il Brutto, Il Cattivo." gestriffene, revolutionäre Sujet liefert ihm, dem Bauchregisseur, die verhältnismäßig späte Möglichkeit, abseits von Pomp undäußerer Perfektion auch persönliches Herzblut einfließen zu lassen. Obwohl Leone noch immer nicht zu seinen nationalen Wurzeln findet, nach Mexikanern und Iren mit "Once Upon A Time In America" schließlich die jüdische Ethnie in den Blick nimmt, scheint er hier als Meisterregisseur endgültig zu sich selbst gefunden zu haben: die vormalige Dichotomie von Form und Inhalt ist aufgehoben; beide Größen erhalten eine schlussendlich gleichrangige Importanz und dienen einander, statt sich wie bisher zu hierarchisieren. Das handelnde Personal besteht nun nicht mehr aus Archetypen, sondern aus Individuen, die chronologische Verschachtelung wirkt nicht selbstzweckhaft, sondern, speziell angesichts der letzten Einstellung, als unvermeidbar für eine schlüssige Schilderung der Ereignisse. Schließlich finde ich in "Once Upon A Time In America", einem meiner liebsten Filme überhaupt (den ich mir jedoch mittlerweile nurmehr selten anschaue, weil er mich emotional so stark involviert), noch zweierlei: Die filmgeschichtlich bislang dichteste Annäherung zwischen europäischem (italienischem) und amerikanischem Kino sowie den letzten großen Seufzer des klassischen Kinos, der schon zu seiner Uraufführungszeit wie eine finale Zäsur dastand. Danach dann nur noch: Postmodernismus.

10*/10

Sergio Leone ethnics period piece New York Freundschaft


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BETTER OFF DEAD... (Savage Steve Holland/USA 1985)


"Two dollars!"

Better Off Dead.. (Lanny dreht auf) ~ USA 1985
Directed By: Savage Steve Holland

Als seine heißgeliebte Freundin Beth (Amanda Wyss) ihn sitzen lässt, macht sich bei dem Oberprimaner Lane Meyer, genannt 'Lanny', eine gewisse, wenngleich nicht allzu ernstzunehmende Todessehnsucht breit. Doch will er andererseits gegen Roy (Aaron Dozier), seinen Nachfolger an Beths Seite, nicht einfach so abstinken. Daher nimmt sich Lanny vor, Roy auf dessen Spezialgebiet, der Ski-Abfahrt, herauszufordern. Dafür bedarf es jedoch noch einer ordentlichen Portion Selbstbewusstseins, die ihm die französische Austauschschülerin Monique (Diane Franklin) eintrichtert.

Hübsch absurde Rabauken-Komödie, die dem Teenagerflüsterer John Hughes und seinen Vasallen vermutlich viel zu albern gewesen wäre. Es geht ja in "Better Off Dead..." auch weniger darum, Generationsnöte transparent zu machen und jene bierernst zu analysieren, als vielmehr um den Spaß an der Blödelei sowie dem Nachspüren der ewigen Lebensfrage nach "der Richtigen", die einem vielleicht gerade dann zuläuft, wenn man am wenigsten damit rechnet. John Cusack hat sich ja damals auch nie recht zum Brat-Pack-Kern gesellen wollen - einerseits war er wohl etwas zu jung, andererseits hat er jedoch immer lieber den ausgelasseneren Slapstick-Flügel der teenage comedy bedient. Dabei verfügt "Better Off Dead..." bei aller grotesken Absurdität durchaus über eine ernstzunehmende Basis wie auch über viele schöne visuelle Einfälle: Tanzende Hamburger oder lebendig werdende Papierzeichnungen. Für hinreichend Spaß ist gesorgt.

7/10

Savage Steve Holland Coming of Age Teenager Familie Kalifornien Weihnachten Wintersport


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A STREETCAR NAMED DESIRE (Elia Kazan/USA 1951)


"The blind are leading the blind."

A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht) ~ USA 1951
Directed By: Elia Kazan

Die Southern Belle Blanche DuBois (Vivien Leigh) kommt während des Hochsommers zu ihrer Schwester Stella (Kim Hunter) nach New Orleans. Stellas Mann Stanley Kowalski (Marlon Brando), einen lauten, verschwitzenden Arbeiter, kennt Blanche noch nicht, ebensowenig wie das Milieu, in dem die beiden hausen: Das Einwandererviertel Elysian Fields, in dem alles etwas einfacher und lärmender zugeht als es die frühere Literaturlehrerin Blanche gewohnt ist. Mit Stanley trifft sie auf eine völlig diametrale Existenz und von Anfang an ist ihr Verhältnis von Spannungen und gegenseitiger Abgestoßenheit geprägt. Als herauskommt, dass Blanches jüngere Vergangenheit in keinster Weise zu ihrem hochmütigen Auftreten passt, ist die Katastrophe nicht mehr fern.

Eine völlig neurotische Frau auf der Flucht vor sich selbst benötigt zur Gesundung eine sensible Therapie - und trifft stattdessen auf den größten Proleten der Stadt. Tennessee Williams' klassisches Drama, ein in jeder Hinsicht umstürzlerisches Werk für Hollywoods silver age, ist noch heute von einer ungebrochenen Spannkraft und vermag sein transgressives Potenzial, das sich aus der systematisch-konfrontativen Zerstörung einer ohnehin fragilen Psyche ergibt, nach wie vor bravourös zu entfalten. Dem ist vor allem auch die von Elia Kazan geschaffene, filmische Atmosphäre zuträglich: Mit drei Ausnahmen genügt ihm das Haus der Kowalskis im New Orleans-Slum Elysian Fields als lokaler Dreh- und Angelpunkt; die schwülen Nächte von Louisiana, in denen die Gerüche von Schweiß, Triebhäftigkeit und billigem Bourbon die stickige Urbanität anreichern, rücken in greifbare Nähe. Vor dem Fenster ziehen abends Hot-Dog- und morgens Bananen-Verkäufer durchs Viertel und in der Nacht eine gespenstische, alte Mexikanerin, die 'flores por los muertos' anbietet - "Blumen für die Toten". Vor dieser Kulisse entwickelt sich Blanche DuBois' Reise in den Wahnsinn, die durch Stanleys schlussendlich in einer Vergewaltigung kulminierenden Grobhaftigkeit nochmals forciert wird. Die pathologisch-nymphomanische, minderjährige Jungen bevorzugende Frau, deren sexuelle Vorlieben bereits im stark aufgeladenen Spannungsfeld zwischen ihrer ständischen Herkunft und Erziehung stehen, hält der maskulinen, tierischen Gewalt Stanleys, der sie als arrogantes Püppchen zweifelhafter Natur verlacht, nicht Stand. Seinen endgültigen "Sieg" über Blanche feiert er in jener Nacht, als Stella zur Niederkunft im Krankenhaus liegt und sein Baby gebiert. Zuvor hat Blanches letzte Chance der Rückkehr in die akzeptierte Bürgerlichkeit in der Person von Stanleys Kumpel Mitch (Karl Malden) ihr den Rücken zugekehrt. Kurz darauf holt sie ein mobiler Hilfsdienst in die Anstalt. Blanche ist fort und in Elysian Fields geht alles wieder seinen gewohnten Gang: Arbeit, Poker, Bowling, Bier, und hier und da mal einen Klaps, wenn die Holde nicht spurt - sie kommt ja ohnehin stets zurück.

10/10

Elia Kazan based on play Tennessee Williams New Orleans Ehe Madness Vergewaltigung Sommer Nacht Südstaaten


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REFLECTIONS IN A GOLDEN EYE (John Huston/USA 1967)


"You disgust me."

Reflections In A Golden Eye (Spiegelbild im goldenen Auge) ~ USA 1967
Directed By: John Huston

Im Südstaatenfort, an dem dem das Offizieresehepaar Pendleton lebt, stehen diverse Gemüter kurz vor der Explosion: Major Pendleton (Marlon Brando) ist von seiner ihn betrügenden Frau Leonora (Elizabeth Taylor) angewidert, weniger, weil sie ihn hintergeht, sondern weil er als aufrechter Soldat nicht zu seiner Homosexualität stehen kann. Heimlich verguckt er sich in den zugleich als Pferdepfleger tätigen Private Williams (Robert Forster), der jedoch keinerlei Interesse an Pemdleton, dafür umso mehr an Leonora zeigt. Diese trifft sich derweil mit Colonel Langdon (Brian Keith) und nutzt die gemeinsamen allmorgendlichen Ausritte zu regelmäßigen Techtelmechteln, eidieweil ihr ihr Gatte im Bett nicht zur Verfügung steht. Langdons Frau leidet seit dem Tod ihrer kleinen Tochter unter schweren Neurosen, bei deren Bewältigung ihr nicht ihr Mann, sondern das exzentrische, philippinische Hausfaktotum Anacleto (Zorro David) hilft. Als Pendleton Williams dabei erwischt, wie er Leonora nachstellt, kommt es zur Katastrophe.

"Reflections In A Golden Eye" wäre auch im literarischen Werk Tennessee Williams' sehr gut aufgehoben: alter Südstaatenfilz im standesdünkelnden Militärmilieu, höchst pathologische Geschlechteridentitäten, schadhafte Ehebeziehungen, Selbsttäuschung und unterdrückte Homosexualität. Aus dieser hübschen Ansammlung von Neurotikern ist lediglich der unter seinen Nachbarn als vollkommen verschroben geltende Philippino Anacleto in der Lage, dem ihn umgebenden Milieu die kalte Schulter zu zeigen, indem er als einziger zu seiner Persönlichkeit steht und sich nicht wie sämtliche anderen in Vorspiegelungen falscher Tatsachen ergeht. Das übrige Figureninventar krankt wahlweise an seinen unerfüllbaren Selbstansprüchen oder an der Unfähigkeit, überhaupt zu erkennen, dass es ihm keinesfalls gut geht.
Huston glückte mit seinem Film eine pechschwarze, vor einfallsreicher Symbolik strotzende Allegorie bezüglich des US-Militärs, das Pflichtprogramm in jeder Offizierausbildung sein sollte. Passend zum Titel spielte der Meister nach "Moulin Rouge" und "Moby Dick" neuerlich mit der nachträglichen Kolorierung und tauchte seine Bilder diesmal in einen goldbraunen, bronzenen Farbeimer, der das herbstliche Untergangsgemüt von "Reflections In A Golden Eye" umso wirksamer unterstreicht.

9/10

John Huston Carson McCullers Südstaaten Militär Homosexualität Ehe Madness


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FREUD (John Huston/USA 1962)


"If you're guilty, the entire world must be."

Freud ~ USA 1962
Directed By: John Huston

Mit rund dreißig Jahren beginnt der von seinen Fachkollegen stets stirnrunzelnd als Phantast beäugte Neurologe Sigmund Freud (Montgomery Clift), sich für die Hypnose als Diagnostikinstrument zur Erkennung hysterischer Störungen zu interessieren. Als er Cecile Koertner (Susannah York), die schwer neurotische Patientin seines Mentors Breuer (Larry Parks) kennenlernt und ihre Behandlung übernimmt, erhält und entwickelt Freud grundlegende Erkenntnisse betreffs später noch genauer umrissener Paradigmen: Er stößt auf den Ödipuskomplex, die drei psychischen Instanzen Es, Ich und Überich sowie Eros und Thanatos, postuliert die gewaltige, verdrängende Kraft von frühkindlicher Sexualität und Unterbewusstsein und erkennt schließlich den ungeheuren Wert von Gesprächs- und Konfrontationstherapie. Die Zeit ist jedoch noch nicht reif für derlei Umstößlerisches.

Ein stillerer Vertreter aus Hustons Filmographie, dessen allgemein anerkannte wissenschaftliche Verwertung als dramatisiertes Veranschaulichungsmaterial für einige grundlegende Thesen Freuds seine filmhistorische unverständlicherweise deutlich übersteigt. Möglicherweise hängt dies mit der Produktion zusammen, die bei der Universal unter keinem guten Stern stand: Sartres Script wurde als zu umfangreich abgelehnt und ad acta gelegt; Monty Clift, der trotz immer noch formidabler Leistung bereits sichtbar schwer gezeichnet war von Alkohol und Depression und dessen tieftrauriger Ausdruck letztlich doch alles andere überlagert, kam mit Hustons dominantem Auftreten am Set nicht zurecht und es folgten unschöne Klagen seitens der Produktion versus Clift und Gegenklagen seinerseits. Bis heute wird "Freud", etwa betreffs des Heimkinomarkts, stiefmütterlich behandelt, ganz so, als sei das Studio noch immer nicht über die unerfreuliche Entstehungsgeschichte des Films hinweg. Dabei ist er bei aller biographischer Phantasterei ziemlich toll geraten; getragen von einer hochseriösen, fast dokumentarisch anmutenden Erzählstruktur und sowohl für Laien als auch Fortgeschrittene in Bezug auf Freuds Postulate hochinteressant. Das sorgfältige Produktionsdesign wirkt niemals pompös oder gar selbstzweckhaft und steht der schattenhaften, kammerspielartigen Kommunikation nie im Wege. Hierfür sorgen speziell die ausführlichen, spannenden Dialogszenen zwischen Clift und York sowie die grandios gestalteten Traumsequenzen.

9/10

Sigmund Freud Psychiatrie period piece Biopic Wien Jean-Paul Sartre





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