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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE FIELD (Jim Sheridan/IE, UK 1990)


"There's another law stronger than the common law."

The Field (Das Feld) ~ IE/UK 1990
Directed By: Jim Sheridan

Der Bauer Bull McCabe (Richard Harris) bewirtschaftet seit Jahren ein Feld, das er lediglich gepachtet hat und das im Besitz einer jungen Witwe (Francis Tomelty) ist. Ein Jeder in der Gegend weiß, dass McCabe, der wie schon Generationen seiner Familie vor ihm den Boden urbar und fruchtbar gemacht hat, im Grunde jeglichen Anspruch auf jenes Stück Land hat. Für ihn repräsentiert das Feld alles: Den Freiheitskampf gegen die Engländer, den Sieg über die große Hungersnot, den Fortbestand seiner Sippe. McCabe liebt das Feld mehr als alles andere auf der Welt. Als sich die Witwe endlich entscheidet, es zu veräußern, taucht ein reicher Amerikaner (Tom Berenger) auf, der Irland mit einem asphaltierten Straßennetz "beglücken" und das Feld einbetonieren möchte. Die Witwe, die den sie seit Jahren nötigenden McCabe und seinen Sohn Tadgh (Sean Bean) bis aufs Blut hasst, versteigert ihren Besitz in dem Bewusstsein, dass McCabe den Amerikaner nie würde überbieten können. Als McCabe davon erfährt, kommt es zu einer Katte von Katastrophen.

Mein Lieblingsfilm von Sheridan, ein ungeheuer erdiges und kraftvolles, fast atavistisch anmutendes Werk mit einem monolithischen Richard Harris, der sich wie ein monströser, lebender Fels durch die irische Septemberlandschaft walzt. Ebensogut John Hurt als sein halbgescheiter, faulzahniger Adlatus, der im Grunde seines Herzens zwar lieb und brav ist, für ein Glass Whiskey jedoch seine eigene Mutter verriete. Die gleichermaßen naive wie hochexistenzialistische Färbung der Geschichte, die auf einem von authentischen Ereignissen inspirierten Stück John B. Keanes fußt, sorgt dafür, dass man sich binnen weniger Minuten im Milieu der irischen Landarbeiter daheim fühlt und dessen innere hierarchischen Strukturen, die Polizei und Kirchenobmänner zwar tolerieren, aber keineswegs einbeziehen, komplett internalisiert. Daraus ergibt sich dann die Zeit zur Schilderung des im Kern verborgenen, zutiefst erschütternden Familiendramas. Bull McCabe als eine Art verirrter Kohlhaas ist so furchteinflößend wie liebenswert und auch sonst ein Mensch voller Widersprüche, der, als er an seine Grenzen getrieben wird, trotz aller Bemühungen, sich selbst den steten Anstrich der Gottesfürchtigkeit und Ehrbarkeit zu verleihen, auch nurmehr die rohe Gewalt als letztes Kommunikationsmittel bedient, über deren Gebrauch die letzten Schranken zwischen ihm und dem schon seit langem drohenden Wahnsinn zunächst ansägt und dann vollständig einreißt. Das ist ferner dicht anverwandt zu den großen Naturalisten, so hat mich "The Field" seit jeher mehr oder weniger unfreiwillig an Hauptmanns Novelle "Bahnwärter Thiel" erinnert, die ja ebenfalls den sukzessiven psychischen Verfall eines Familienvaters schildert.

10/10

Jim Sheridan period piece Irland Vater & Sohn Familie based on play


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POLIZEIREVIER DAVIDSWACHE (Jürgen Roland/BRD 1964)


"Ich such' bloß meinen Freund, den Albert!"

Polizeirevier Davidswache ~ BRD 1964
Directed By: Jürgen Roland

Der rund um den Hamburger Kiez berüchtigte Gewaltverbrecher Bruno Kapp (Günter Ungeheuer) wird aus dem Knast entlassen und hegt nur einen Gedanken: Rache an dem Bullen, der ihn einst dorthin gebracht hat! Dabei hat Hauptwachtmeister Glantz (Wolfgang Kieling) ohnehin schon genug um die Ohren: Die Navy ist im Hafen stationiert und hat Landgang. Außerdem kommt bereits in absehbarer Zeit seine halbverwaiste Tochter mit dem Zug aus der Schweiz.

Großartiger Kolportagefilm, der seinen im Grunde einzigen, etwas dummen Fehler im Titel trägt: Das an der Davidstraße gelegene Polizeirevier 15 muss nämlich in Wahrheit ohne das Fugen-S auskommen und heißt tatsächlich 'Davidwache'. Ansonsten machen Roland und Menge die Vorturner für alles, was in den folgenden zehn Jahren von Olsen & Co. über die Hansestadt produziert werden sollte. Was "Polizeirevier Davidswache" mit seinen späteren Nachfolgern verbindet, ist die Mischung aus rauer Herzlichkeit, mit dem das anrüchige, aber eben irgendwie doch urige Lokalkolorit gewürdigt wird und spießbürgerlicher Widernis - man geht ja doch mal drüber, wenn man schon in Hamburg ist, ist aber doch froh, bald darauf wieder in der Bahn Richtung Hotel zu sitzen und das hier geschilderte Nachtleben nicht aus der Nähe miterleben zu müssen. Dabei ist die flickwerkartig erzählte Geschichte ganz vortrefflich vorgertragen; die Toleranzschwelle der hier arbeitenden Beamten ist hoch, ebenso wie der allgemeine Sinn für funktionelle Koexistenz. Es sind dann schon eher die allabendlich einfallenden Legionen besoffener Amüsiertouristen, die zwar Geld, aber oft auch Ärger mit sich bringen. Bruno Kapp jedenfalls findet sich nach dem rein gewinnorientierten Mord an einer Hure (Silvana Sansoni) bald vom gesamten Kiez geächtet und bekommt dies auch zu spüren. Dennoch wird am Ende nicht er das Opfer einer fehlgeleiteten Racheaktion. Schriftliche Inserts protzen damit, mit dem soeben präsentierten Film eine authentische Geschichte vorzulegen und ebendas macht ja den Charme der kurzlebigen, aber eruptiven Kiez-Film-Welle aus: Der Anspruch, Realität zu reproduzieren, in Wahrheit aber doch bloß Fantasiegebilde zu unterfüttern.

8/10

Jürgen Roland Wolfgang Menge Hamburg St. Pauli Kiez Prostitution Rache


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EXECUTIVE SUITE (Robert Wise/USA 1954)


"A one-man company without its one man..."

Executive Suite (Die Intriganten) ~ USA 1954
Directed By: Robert Wise

Nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod Avery Bullards, des Firmenbosses der Möbel produzierenden 'Tredway Company', eröffnet sich fast nahtlos das Rennen um seine Nachfolge. Letztlich läuft dieses auf das Duell zweier Direktoren hinaus: Den eiskalten, einzig in Zahlen und Statistiken denkenden Loren Shaw (Fredric March) und den wesentlich jüngeren Leiter der Produktionsabteilung, McDonald Walling (William Holden), einen ebenso humanistischen wie fortschrittsdenkenden Gefühlsmenschen. Mit einer flammenden Rede kann er das übrige Management einschließlich seines Konkurrenten von sich als einzig wahrem Firmenpräsidenten überzeugen.

Auf rein inhaltlicher Ebene reichlich naiv dargebotene Allegorie um ökonomische Tragfähigkeit in der Industrie, die einen idealistischen Traum von Gerechtigkeit und Managementspflege in capraesker Tradition träumt. Von der betriebswirtschaftlichen Realität um Lichtjahre entfernt präsentiert Wise in einer ebenso gewitzten wie klar strukturierten Bildsprache die Rempelmentalität in der Hochfinanz, repräsentiert durch den schön schmierigen Calhern und den wohl dem deutschen Titel seine Berechtigung verleihenden March, sowie den via Holden inkarnierten, strahlenden Progressionsglauben, der am Ende alle überzeugt und als einzig funktionalistische Grundlage für den erfolgreichen Fortbestand des Unternehmens gewertet wird. Wenngleich von schönem Wunschdenken getragen, ein klassisches feel good movie von großer darstellerischer Substanz, in dem die Märchenhaftigkeit mental obsiegen darf. Tut zumindest der Seele wohl.

8/10

Robert Wise Pennsylvania New York Wall Street Wirtschaft Firma Ensemblefilm Cameron Hawley


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THE CHAMBER (James Foley/USA 1996)


"You're in Mississippi now - land of the secrets. There are bodies buried everywhere."

The Chamber (Die Kammer) ~ USA 1996
Directed By: James Foley

Um seinen ihm bislang noch unbekannten, in der Todeszelle sitzenden Großvater Sam Cayhall (Gene Hackman) vor der Gaskammer zu bewahren, reist der Junganwalt Adam Hall (Chris O'Donnell) nach Mississippi. Cayhall hat 28 Jahe zuvor einen Bombenanschlag auf eine jüdische Anwaltskanzlei verübt, bei dem zwei kleine Kinder ums Leben kamen. In Sam findet Adam einen von in frühester Kindheit gesätem Hass verzehrten, alten Grantler, dessen gepflegter Rassismus sich längst nurmehr oberflächlich und von der lebenslangen Indoktrination des Ku-Klux-Klan aufrecht erhalten findet. Adam, der im Laufe der Gespräche mit ihm seinen Großvater besser kennen und begreifen lernt, versucht, durch Sams Denunzierung der wahren Drahtzieher hinter dem damaligen Anschlag eine Aussetzung oder zumindest einen Aufschub des Todesurteils zu erwirken.

Mit "The Chamber" beginnt die "bessere Hälfte" der Grisham-Verfilmungen, soweit es der Stoff erlaubt weniger oberflächlich, weniger effektheischerisch und insgesamt gepflegter. Mit Hackman gab es einen phantastischen Hauptdarsteller und mit Faye Dunaway als dessen traumatisierte Tochter und Tante des Nachwuchsanwalts O'Donnell einen kaum minder großartigen Support. Auch wird hier der ins Zentrum gestellte death penalty plot deutlich reifer und weniger tendenziös behandelt als in Schumachers kurz zuvor entstandenem Haudrauffilm "The Jury". Wenngleich "The Chamber" sich nicht eindeutig gegen die Praxis der Todesstrafe ausspricht - Sam Cayhall ist bei allem Verständnis, mit dem der Film im Laufe seiner Spielzeit jene Figur vom Monster zum Menschen erhebt - seiner Taten, die drei aktive Morde und diverse Mittäterschaften inkludieren, schuldig und akzeptiert am Ende seine Strafe. Dennoch stellt sich das Script eher auf sie Seite seines Enkels, wie Sandra Bullocks Charakter in "The Jury" ein eherner Todesstrafengegner, der am Ende zwar inneren Frieden erhält, vor der von Menschen gewahrten Steinzeit-Jurisdiktion nurmehr davonlaufen kann.
Der Universalmoralismus der Vorgängerfilme jedenfalls bleibt hier brach und gibt somit dem - sicherlich noch immer höchst trivialen - Rest der Geschichte Raum zur Entfaltung. Immerhin ein kleiner Erfolg.

7/10

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A TIME TO KILL (Joel Schumacher/USA 1996)


"America is a wall, and you're on the other side."

A Time To Kill (Die Jury) ~ USA 1996
Directed By: Joel Schumacher

Nachdem zwei rassistische Hillbillys (Nicky Katt, Doug Hutchison) die zehnjährige Tochter (Rae'Ven Larrymore Kelly) des farbigen Arbeiters Carl Lee Hailey (Samuel L. Jackson) vergewaltigt, misshandelt und fast ermordet haben, schreitet der verzweifelte Vater zur Selbstjustiz: Er mäht die Täter auf ihrem Weg in den Gerichtssaal mit einem Maschinengewehr nieder. Der Nachwuchsanwalt Brigance (Matthew McConaughey) übernimmt Haileys Fall und beschwört damit einen lokalen Rassenkrieg herauf: Der Ku-Klux-Klan reformiert sich und schwarze Bürgerrechtsorganisationen wettern gegen die weiße Bevormundung.

Nach dem global betrachtet eher zu vernachlässigenden "The Client" übernahm Schumacher gleich noch einmal die Inszenierung einer Grisham-Adaption, diesmal mit einem spürbar höheren Maß an Engagement und Leidenschaft, da der der Geschichte zugrunde liegende Themenkomplex ihn offenbar auch persönlich anfocht. Gleich drei heiße Eisen packt "A Time To Kill" an: Selbstjustiz, die Todesstrafe und Rassismus. Während er bezogen auf den letzteren Topos eine liberale, versöhnliche, populistisch wirksame (wenngleich wiederum höchst irreal vorgetragene) Lösung aufbietet, erweist er sich im Hinblick auf die ersten beiden als übelster polemischer Bodensatz. Von Anfang an präsentiert sich der Film fortwährend als Traktat für die NRA sowie für die moralische Verantwortung des Einzelnen, sich bei Bedarf als Richter und Henker aufzuspielen, das Gesetz in die eigenen Hände zu nehmen, kurz: Verfassung/Grundgesetz und Menschenrechte mit Füßen zu treten. "A Time To Kill" präsentiert sich als bewusst emotional-aufpeitschend konstruiert; da die Kamera nicht zeigt, was mit der kleinen Tonya passiert, schildert Brigance es detailliert in seinem Schlussplädoyer, um bei Publikum und Geschworenen Verständnis für den Mörder Hailey und damit dessen Freispruch zu evozieren - mit Erfolg. Dabei spricht die Jury ihn ganz zweifellos nicht, wie vorher geplant, wegen zweitweiser Unzurechnungsfähigkeit frei, sondern weil sie sich moralisch auf seine Seite stellt und dies wiederum nur, da Brigance sie durch einen simplen Suggestionstrick umzustimmen vermag.
"A Time To Kill", der sich in diesen letzten Minuten noch ein weiteres Mal in all seiner ideologischen Unerträglichkeit, in seiner blauäugigen Stumpfheit selbst bestätigt mit seinem gemischtfarbigen Familienvater-Heldenduo, das ganz fest an göttliche Gerechtigkeit, Waffen für jedermann, an Privatrache und Todesstrafe glaubt, ist, zieht man die imdb-Wertungen als Indikator in Betracht, weiterhin ein recht beliebter Film. Dies offenbart, dass sich Menschen nach wie vor unkritisch von dramaturgisierter Gesinnung einfangen lassen, so sie bloß hinreichend verführerisch eingewickelt ist. Nebenbei verfügt "ATime To Kill" in quantitativer Hinsicht neben "The Rainmaker" über die großartigste Besetzung aller Grisham-Verfilmungen, die jeweils formidable Kostproben ihres Könnens darlegt. Ob all diese tollen Darsteller ebenfalls jenem reaktionären Gestus frönen oder ihn zumindest als diskussionswürdig erachteten, weiß ich nicht. Sollte dem so sein, wäre es erschreckend.

4/10

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TEXAS KILLING FIELDS (Ami Canaan Mann/USA 2011)


"You don't know what you're dealing with here."

Texas Killing Fields ~ USA 2011
Directed By: Ami Canaan Mann

Die beiden in Texas City tätigen Cops Mike Souder (Sam Worthington) und Brian Heigh (Jeffrey Dean Morgan) werden mit mehreren, fast parallel stattfindenden Morden an Mädchen und jungen Frauen konfrontiert. Diese stehen in einer langen Tradition von ähnlichen Gewalttatewn und Vermisstmeldungen, die mitunter bereits Jahrzehnte zurückreichen und deren lokales Zentrum das Marschland des Mississippi Delta zu sein scheint. Dort ist Mikes Ex-Frau Pam (Jessica Chastain), ebenfalls Detective, tätig. Zusammen mit ihr finden die zwei Polizisten die Urheber zumindest der aktuellen Verbrechen.

Gibt es so etwas wie 'abwesende' Filme, cineastische Pendants vielleicht zum Phänomen des Asperger Syndroms? Sollte dem so sein, dann wäre "Texas Killing Fields" ein Kandidat dafür. Ohne Exposition landet man mitten in der Welt der Detectives Souder und Heigh, ist von nun an auf deren point of view angewiesen und muss einfach der stoischen Marschroute des Films, im Übrigen das Kino-Regiedebüt von Michael Manns Tochter, folgen. Darin steht man nicht immer ganz auf sicherem Boden und wird durch die einerseits konzentrierte, andererseits jedoch immens eigenbrötlerische Erzählweise häufig allein gelassen. So gibt es denn am Ende auch keine sonderlich aufregende conclusio, die Aufklärung der nur teilweise zusammenhängenden, von unterschiedlichen Tätern begangenen Ausgangsverbrechen überrascht nicht, zumal mit dem sich für fiese Typen stets empfehlenden Stephen Graham einer davon ohnehin von vornherein feststeht.
Doch da ist noch etwas Ungreifbares, Böses, das mit dem kargen Landstrich jener im Titel vorkommenden 'killing fields' zusammzuhängen scheint: Offenbar ist es dieses gottverlassene Areal, das potenziell böse Leute anstiftet, Böses zu tun. Vieles liegt hier im Argen, dysfunktionale Familien, Elend, Ausreißertum und Prostitution bestimmen das alltägliche Lokalkolorit. Natürlich darf da der Hoffnungsschimmer am Ende - der gute, gottesfürchtige Familienvater-Bulle adoptiert das liebe Waisenkind - nicht fehlen.
Ich konnte die Richtung, die der Film verfolgt, so er denn überhaupt eine verfolgt, nicht ganz ausmachen, oder, etwas profaner formuliert, weiß ich nicht recht, was der Film eigentlich von mir wollte. Nun, wenngleich wir wohl keine dicken Freunde geworden sind, kann ich ihn als ungewöhnliches Werk akzeptieren und wertschätzen.

7/10

Ami Canaan Mann Michael Mann Texas Sumpf Serienmord Südstaaten


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FEDORA (Billy Wilder/F, BRD 1978)


"I guess no gentleman would bring up an old affair, but I'm no gentleman."

Fedora ~ F/BRD 1978
Directed By: Billy Wilder

Der erfolglose Hollywood-Produzent Barry Detweiler (William Holden) hat die Chance, ein "Anna Karenina"-Script zu verfilmen, wenn er die zurückgezogen lebende Schauspielerin Fedora (Marthe Keller) für die Titelrolle gewinnt. Dereinst hatte Detweiler mit dem mittlerweile 67-jährigen, jedoch um keinen Tag gealtert scheinenden Superstar einen One-Night-Stand, daher verspricht er sich, ihr trotz ihrer abgeschiedenen Existenz auf einer Privatinsel for Korfu, die einer Gräfin Sobryanski (Hildegard Knef) gehört, sein Angebot vorbringen zu können. Nach einer handfesten Auseinandersetzung mit dem Chauffeur (Gottfried John) des Hauses fällt Detweiler in eine einwöchige Bewusstlosigkeit. Wieder daraus erwacht erfährt er von Fedoras Selbstmord - doch war es wirklich die große Diva, die da durch eigene Hand das Zeitliche gesegnet haben soll?

"Fedora" hätte sich gut als Wilders Finalwerk geeignet, besser jedenfalls als das vergleichsweise unelegante Remake "Buddy Buddy". Der erste Verzicht auf Breitwand seit fast zwanzig Jahren und acht Filmen, eine bittere Abrechnung mit Hollywood fern von Hollywood entstanden, basierend auf einem Treatment des Schauspielers Tom Tryon und gestützt von deutschen und französischen Geldgebern. Für den ehernen emigrierten Filmemacher nach vorherigen Liebäugeleien mit Europa in Form von "The Private Life Of Sherlock Holmes" und "Avanti!" (mit dem "Fedora" einige Ähnlichkeit aufweist) ein damals zumindest halbwegs erwartbarer Schritt. Mit seinem alten Mitstreiter William Holden gewann er dennoch den perfekten Hauptdarsteller, ist "Fedora" doch gewissermaßen auch eine Reprise von "Sunset Boulevard" unter etwas veränderten Vorzeichen. Wie Norma Desmond führt auch Fedora ein Leben in Lüge, nur dass in ihrem Falle die Aufrecherhaltung der Illusion von Jugend und Popularität keiner Zwanghaftigkeit bedarf, sondern der eigenen Tochter. In der erwachsenen Antonia (Marthe Keller) findet sich ein nahezu perfektes Abbild der gefeierten Aktrice, die im Alter selbst durch ominöse Therapien verkrüppelt und entstellt ist und sich der Öffentlichkeit nicht mehr preisgeben mag. Niemand jedoch denkt an das psychische Gleichgewicht Antonias, das aufgrund der von ihr erwarteten Rollenausfüllung völlig aus der Bahn gerät und in ihren Suizid mündet. Wenngleich Holden diesmal die Aufdeckung jener Untiefen nicht selbst mit dem Leben bezahlen muss, so bleibt er doch als hilfloser, am Ende vielleicht um eine unerwünschte Erkenntnis reicherer Beobachter zurück.
Wilders Hassliebe zur eigenen Profession und deren Entwicklung in den vorvergangen Jahrzehnten wird diverse Male im Film deutlich. Wenn Fedora wehmütig vom Untergang des einstmaligen Glamour spricht und mit sarkastischem Impetus "schäbige", modische Kulturerscheinungen wie das 'Cinéma verité' (eine etwas unglückliche Subsummierung, die mutmaßlich auch nouvelle vague und New Hollywood beinhaltet) verdammt, dann schimmert da auch ein wenig von Wilder selbst durch, der sich bereits zu dieser Zeit offenbar kaum mehr zurechtfand in seiner künstlerischen Domäne.
Einer der traurigsten Filme, die ich in diesem Jahr gesehen habe.

8/10

Billy Wilder Hollywood Griechenland Frankreich Korfu


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THE CRUCIBLE (Nicholas Hytner/USA 1996)


"God is dead!"

The Crucible (Hexenjagd) ~ USA 1996
Directed By: Nicholas Hytner

Salem, Massachusetts 1692: Als eine Gruppe Teenagermädchen sich unter der Anstiftung der führungskräftigen Abigail Williams (Winona Ryder) nächtens im Wald trifft und dort einen heidnischen Liebestanz abhält, wird sie von Abigails Onkel, Reverend Parris (Bruce Davison) erwischt. Um sich peinlichen Standpauken zu entziehen, stellen sich zwei der beteiligten Mädchen kurzerhand katatonisch - für Parris ein Indiz, das hier möglicherweise der Teufel persönlich seine Finger im Spiel hat. Parris informiert den als Hexendetektiv bekannten Reverend Hale (Rob Campbell), der, vor Ort angelangt, davon überzeugt ist, dass in Salem tatsächlich antichristliche Krfte wirken, ein Gerichtstribunal unter Richter Danforth (Paul Scofield) herbeordert. Mit Danforths Prozess beginnt eine Kette wechselseitiger Denunziationen: Abigail behauptet erfolgreich, Geister sehen zu können und bezichtigt die verhasste Ehefrau (Joan Allen) ihres heimlichen Geliebten John Proctor (Daniel Day-Lewis) der Hexerei, Nachbarn denunzieren ihre verhassten Anrainer und selbst altehrwürdige Dorfbewohner sind vor der Willkür des Gerichts nicht sicher. Am Ende fordert die folgende Hinrichtungswelle nicht weniger als neunzehn Todesopfer.

Der große Dramatiker Arthur Miller konzipierte und verfasste "The Crucible" im Jahre 1953 als Allegorie auf die damaligen Aktivitäten des HUAC, dessen Kommunistenhatz immer groteskere Ausformungen annahm. Nachdem unter anderem Millers vormailger Freund Elia Kazan als Denunziant bei McCarthy aufgetreten war, wählte er den authentischen Fall um die "Hexenprozesse" von Salem, in deren Zuge eine beispiellose Massenhysterie in Verbindung mit willkürlicher, blinder Rechtsprechung zu einem gerichtlich angeordneten Massenmord führte. Oftmals war es die Angst, selbst denunziert zu werden, die die Bürger damals zu gezielten Falschaussagen trieb, derweil mehr und mehr der wegen Hexerei zu Tode Verurteilten sich weigerten, sich zu irgendwelchen vermeintlichen Scharlatanerien bekennen und so ihr Leben zu retten.
Diese unerquickliche historische Episode eignete sich natürlich hervorragend als symbolischer Spiegel für die Absurdität der HUAC-Anhörungen, einer modernen Hexenjagd, in deren Wirkenszeiten etliche "Verdächtige" zwar nicht ihr Leben, aber doch ihre Reputation, ihre Berufe und mitunter ihre Freiheit verloren. Miller selbst verfasste das Script für Hytners Adaption, entsprechend adäquat ist die Umsetzung gelungen. Eine traumhaft aufspielende Besetzung, insbesondere die als intrigante Abby phantastische Winona Ryder, machen den Film zum nachdenklichen Genuss, wenngleich der Vorwurf, mit diesem Werk bereits ganz gezielt in der Vorproduktionsphase ein todsicheres Prestigeobjekt aus der Taufe heben zu wollen, sicherlich nicht an "The Crucible" abprallt. Dennoch: Die gute alte Professionalität muss auch hin und wieder triumphieren dürfen.

8/10

Nicholas Hytner Arthur Miller period piece based on play Massachusetts Aberglaube Kirche Courtroom McCarthy-Ära


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SWITCHBLADE SISTERS (Jack Hill/USA 1975)


"Hey, I lost my eye for this gang!"

Switchblade Sisters (Die Bronx-Katzen) ~ USA 1975
Directed By: Jack Hill

Die 'Silver Daggers' und deren weiblich Subdivision, die 'Dagger Debs', sind eine der tonangebenden Gangs im Viertel. Besonders die beiden Chefs, Dominic (Asher Brauner) und Lace (Robbie Lee) ergeben ein taffes Pärchen. Als die Dagger Debs mit der coolen Maggie (Joanna Nail) ein neues Mitglied rekrutieren, steht Ärger ins Haus. Obgleich sich Lace und Maggie gut verstehen und umgehend beste Freundinnen werden, wirft Dominic ein Auge auf Maggie - und gleich auch noch sich selbst. Maggie versucht, aus guter Miene böses Spiel zu machen, doch die intrigante Patch (Monica Gayle) hetzt die beiden Mädchen gegeneinander auf und verstricht die Daggers in einen eskalierenden Konflikt mit der feindlichen Gang von Crabs (Chase Newhart). Verrat, Mord und Totschlag sind die unausweichlichen Folgen.

"Die Bronx-Katzen"? Das halte ich aber für ausgemachten Blödsinn, denn die location der "Switchblade Sisters" oder "Jezebels", wie sie sich am Ende nach ihrer Neugründung nennen, scheint mir zweifelsohne Los Angeles zu sein. Nun ja, die mittleren Achtziger, als das Ding endlich auch bei uns im Kino premierte, war eine Zeit, in der die New Yorker Bronx in der Popkultur in etwa gleichzusetzen war mit einem amerikanischen Beirut. Gangs, verbrannte Erde, präapokalyptische Zustände, wie man sie aus Petries "Fort Apache, the Bronx" und Castellaris "The Riffs"-Filmen kannte, so stellte sich der halbgebildete Pennäler ergo jenes Viertel vor. Daher versetzte man eben auch kurzerhand Hills Film dorthin. Wenn schon nicht der deutsche Titel, so macht ihm zumindest die Synchronfassung alle Ehre, ein rotziges, Gift spuckendes Stück deutscher Vertonung, das dem ohnehin schon so passioniert schmutzigen Werk nochmal eine zusätzliche Dreckschicht obendrauf verleiht. Furztrockene Exploitation, nicht mehr ganz so aufgedreht und quietschvergnügt wie Hills Knast- und Blaxplo-Epen, aber ganz bestimmt doch noch hinreichend irrsinnig und anfixend, um heutigen Girlgangs noch immer als potenzieller, heiliger Filmgral herzuhalten.

7/10

Jack Hill Exploitation Sleaze Gangs


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MACHO MAN (Alexander Titus Benda/BRD 1985)


"Und du hast wirklich den ersten Dan?" - "Das werd' ich dir gleich beweisen!"

Macho Man ~ BRD 1985
Directed By: Alexander Titus Benda

Der Boxweltmeister Dany Wagner (René Weller) rettet die wohlgeformte Arzthelferin Sandra (Bea Fiedler) vor einigen lichtscheuen Gestalten, die ihr eine Spritze mit Heroin setzen wollen. Am nächsten Tag vereitelt er morgens zusammen mit Karateschulbesitzer und Kampfsport-Kanone Andreas Arnold (Peter Althof) einen Banküberfall und verteidigt des Abends seinen Weltmeistertitel. Ein Discobesuch mit Sandra bringt Dany endgültig mit Sandra zusammen, derweil Andreas seine neue Schülerin Lisa besteigt. Als die Drogengangster Lisa und Sandra entführen, bevor Dany und Andreas zusammen mit ihnen in den verdienten Südurlaub abheben können, geben die zwei harten Jungs und ihre jeweilige Fangemeinde ihnen Saures.

"Macho Man", illegitimes Bindeglied zwischen "Die Brut des Bösen" und "Der Joker" und damit das Triptychon des deutschen Actionfilms mittig vervollständigend, ist ein Werk, das nicht einfach bloß gesehen, sondern erfahren werden will. Alexander Titus Benda, seines Zeichens Nürnberger Filmemacher mit genau zwei Einträgen in seinem Œuvre, hat das Script zu "Macho Man" selbst verfasst. Wie alt er war, als er es geschrieben hat, ist mir nicht bekannt, aber der Verdacht liegt nahe, dass er nur kurz zuvor den Übergang in die Sekundarstufe I gemeistert hat. Oder gerade daran saß. Ob man das daraus resultierende Objekt somit als imbezil oder tatsächlich infantil bezeichnen muss, kann ich daher nur mutmaßen. Allein die Idee jedenfalls, den tief gewachsenen Box-Playboy Weller in einer Hauptrolle zu besetzen, lässt an der mentalen Verfassung der Urheber zweifeln, wie dann dementsprechend die gesamte filmische Umsetzung. "Macho Man" ist ein Fanal des Trash: Jede einzelne Szene ein Poem, jede einzelne Minute teutonisches Gold. Wo neonfarbene Jogginganzüge aus Ballonseide den Eintritt in die Disco erleichtern, wo Breakdance höchstes Kulturgut darstellt, wo ohne Minipli und Haarlack ehrenhalber das Haus nicht verlassen wird, wo das schöne Nürnberg von der Geißel des Heroin befreit wird, wo eine deutsche Darstellerriege in München gedubbt wird (wir hören anstelle von Weller, Althof, Fiedler und Jacqueline Elber die ausgebildeteren Ekkehardt Belle, Hartmut Neugebauer, Eva Kinsky und Madeleine Stolze) - da (und nur da) ist "Macho Man" daheim! Trotz soviel äußerer Geschlossenheit lässt Benda jedoch immer noch die spannende Frage offen was nun wirklich (Zitat:) "besser ist: Boxen oder Karate..."?

6/10

Alexander Titus Benda Nürnberg Martial Arts Boxen Drogen Trash





Filmtagebuch von...

Funxton

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