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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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BLACK SWAN (Darren Aronofsky/USA 2010)


"I got a little homework assignment for you..."

Black Swan ~ USA 2010
Directed By: Darren Aronofsky

Die ehrgeizige, aber stets biedere Nina Sayers (Natalie Portman) lebt bei ihrer dominanten Mutter (Barbara Hershey), die all die bösen Geschicke der Welt von Nina fernhalten möchte. Als Nina von dem Starregisseur Thomas Leroy (Vincent Cassel) unter vielen Mitbewerberinnen auserkoren wird, in seiner Neuinterpretation vom "Schwanensee" die Hauptrolle zu tanzen, ist dies für sie nur anfänglich ein Grund zur Freude. Unter dem nun auf ihr lastenden, allseitigen Druck, dessen größter Schlüssel Nina selbst ist, zerbricht sie allmählich.

Schön stilisiert, wie man es von Aronofsky gewohnt ist, bildet "Black Swan" ein neuerlich hervorragend inszeniertes Psychogramm aus Könnerhand. Allerdings sind, so schien mir, hier die Einflüsse so übermächtig und spürbar wie noch bei keinem anderen Film des Regisseurs bislang: "The Red Shoes", "All About Eve", "Carrie und auch "All That Jazz", "'Night, Mother" und sein eigener "Pi" treten zu Teilen explizit aus dem Ideenfundus hervor, die Intrigen hinter der Bühne, die Gier nach Perfektion, Erfolg und Zuspuch, der extreme Tribut der sich immer weiter intensivierenden künstlerischen Arbeit, die alleinerziehende, schwer neurotische Mutter und ihre überbehütete, ergo sexuell längst überreife Tochter, darüberhinaus schließlich Realitsverzerrung, Psychose, Wahnsinn und Suizid. Die Kunst von "Black Swan" liegt darin, wie Aronofsky all diesen Motiven seine Ehrerbietung zollt, indem er sie potpourrisiert, neu aufbereitet, teils minutiös variiert und als audiovisuell vorzügliche Stilorgie auf sein Publikum herniedergehen lässt. Ganz bewusst wird da manchmal die Grenze zum Kitsch und zur Prätention überschritten, allerdings stets unter sorgsamer Wahrung des integren, formvollendeten Gesamtbildes. Vielleicht nicht Aronofskys stärkster Film, aber, vielleicht umso wichtiger, einer, der in dieser Form eindeutig nur von ihm hat stammen können.

8/10

Darren Aronofsky New York Ballett Madness Musik


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NORTH DALLAS FORTY (Ted Kotcheff/USA 1979)


"Hell coach, I love needles."

North Dallas Forty (Die Bullen von Dallas) ~ USA 1979
Directed By: Ted Kotcheff

Phil Elliott (Nick Nolte) reibt sich vollkommen auf für sein Football-Team, die "North Dallas Bulls". Körperlich längst ein Wrack mit kaputtem Knie und kaputter Schulter, übersteht er die Tage bloß mittels unablässiger Schmerzmitteleinnahme und diversen Joints und dem Traum von einer Pferderanch in der Provinz. Hinzu kommen die zermürbenden Partys nach den Spielen, Orgien voller Alkohol und willfähriger Groupies. Als man Elliott vor einem Spiel gegen Chicago wegen einer schmerzhaften Medikamententherapie an einem Mitspieler falsche Versprechungen macht und dieser die Unverfrorenheit seines Managements durchschaut, wird er für eine Lappalie geschasst. Für Elliott die im Grunde lang ersehnte Chance für einen Neuanfang.

Großartiger Sportfilm, nur oberflächlich betrachtet in höchstem Maße amoralisch und bravourös getragen nicht nur von seinem zermürbenden Job in einer Mischung aus ehrlich gemeinter Pflichterfüllung und sich schürendem persönlichen Ekel nachkommenden Nick Nolte als "Spielmacher", sondern auch von der supporting cast, die mit den unvergesslichen Stieren Bo Svenson und John Matuszak trumpft. Als eines der intelligenteren Teammitglieder lässt sich Elliott derweil nicht so leicht beugen wie jene etwas schlichter konstruierten Starspieler und ist deswegen dem Besitzer (Steve Forrest) und dem Coach (G.D. Spradlin) ein ewiger Dorn im Auge. Dennoch locken Geld und ein Rest Ehrbarkeit, die jedoch längst passé ist - Football ist längst nurmehr ein Geschäft ohne Herz, nichts weiter. Besonders toll an "North Dallas Forty" ist seine episodische Erzählweise, die sich auf die Ereignisse innerhalb einer Woche beschränkt. Für die Spieler beginnt die Werkswoche am Donnerstag mit der Trainingsphase und endet am Sonntag mit dem jeweils nächsten Spiel, eine vermeintlich verquere Lebensuhr. Binnen der ersten Wochentage besteht das Leben aus Zerstreuung in Form von Alkohol, Sex, Drogen und Schmerztoleranz, bis zur nächsten qualerfüllten Trainingsphase. The footbally circle of life.

8/10

Ted Kotcheff Football Alkohol Marihuana Freundschaft


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ELENI (Peter Yates/USA 1985)


"My children!"

Eleni ~ USA 1985
Directed By: Peter Yates

Dreißig Jahre nach der Ermordung seiner Mutter Eleni (Kate Nelligan) während der Wirren des griechischen Bürgerkriegs und seiner eigenen Emigration nach Amerika kann der mittlerweile als erfolgreicher Journalist tätige Familienvater Nick Gage (John Malkovich) die Vergangenheit nicht ruhen lassen, nicht, solange die Verantwortlichen noch frei und ungestraft herumlaufen. Unter dem Deckmantel der Korrespondenz reist der rachedurstige Nick nach Athen und wird dort mit der Vergangenheit seiner Familie und seiner Mutter konfrontiert, die einst, nachdem sie ihren Kindern die Flucht ermöglichte, von den kommunistischen Partisanen als Faschistin verleumdet, gefoltert und hingerichtet wurde. Nach einer investigativen Odyssee durch halb Südosteuropa steht Nick schließlich dem Mann (Oliver Cotton) gegenüber, der für den Tod seiner Mutter verantwortlich ist.

Engagiertes Politdrama, in dem sich autobiographische Episoden um den griechischstämmigen US-Journalisten Nicholas Gage und seine Suche nach Wahrheit und Vergeltung aufbereitet finden. Der als Enthüllungsjournalist in brisanten Fragen tätige Times-Mitarbeiter wendete sich in "Eleni" der tragischen Vergangenheit seiner Familie zu und erzählte darin weniger seine eigene Geschichte, denn die seiner Mutter Eleni, einer stolzen, integren Frau, die sich geduldig jedwede Demütigung und Ungerechtigkeit seitens der in der Provinz wütenden DSE-Kämpfer gefallen lässt, bis ihre Kinder in sozialistische Staaten verschickt werden sollen. Als diese Bedrohung über sie hereinbricht, stellt sich Eleni gegen die uneingeladenen Landnehmer und bezahlt dafür mit dem Tode. Ungeachtet seiner sicherlich tendenziösen Machart, die ein wenig an den thematisch nicht unverwandten "Dr. Zhivago" erinnert, ist Yates erneut eine große, bewegende Tragödie geglückt, die ganz besonders durch das aufrüttelnde Spiel Kate Nelligans fasziniert. Auch die Entscheidung, Vergangenheit und Gegenwart als zwei erzählerisch gleichberechtigte Stränge parallel nebeneinander herlaufen zu lassen, erweist sich als überaus tragfähig.
Leider ist die mir vorliegende, deutsche DVD durch verwaschenes Vollbild verhunzt. Hier wäre so schnell als möglich noch etwas Adäquates nachzulegen. Ansonsten überaus sehenswert.

8/10

Peter Yates Griechenland Griechischer Bürgerkrieg Familie Rache


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BREAKING AWAY (Peter Yates/USA 1979)


"What are we gonna do about him?" - "I don't know dear. We could always strangle him while he's asleep."

Breaking Away (Vier irre Typen - Uns schlägt keiner) ~ USA 1979
Directed By: Peter Yates

Dave (Dennis Christopher), begeisterter Radrennfahrer, und seine drei Freunde Mike (Dennis Quaid), Cyril (Daniel Stern) und Moocher (Jackie Earle Haley) leben in dem beschaulichen Universitätsstädtchen Bloomington, Indiana - allerdings nicht als vier der zahhllosen jungen Studierenden, sondern als Ableger der hier verwurzelten Steinschneider-Familien, weswegen die College-Kids die Einheimischen auch gern abschätzig als "Cutter" beschimpfen. Das Freundesquartett hat es schwer, sich gegen die Arroganz der Akademiker durchzusetzen, besonders Mike leidet unter deren Hochnäsigkeit. Als die Uni ein Team-Radrennen anberaumt, an dem jeder teilnehmen darf, ist die große Chance der vier Freunde gekommen.

Ein Hohelied auf die US-Kleinstadt im Mittelwesten und deren Einwohnerschaft und somit beinahe ein Heimatfilm. Anders als die stets dramatischen, mitunter etwas politisierten Coming-Of-Age-Storys aus dem New-Hollywood-Dunstkreis, also "The Last Picture Show", "American Graffiti" oder "Big Wednesday", versteht sich der ansonsten recht ähnlich inszenierte "Breaking Away" allerdings nicht als Abgesang auf Jugend und Unschuld, sondern als Mut- und Muntermacher, als Lebensabschnittsporträt ohne perfide Hintergedanken. Daher traut er sich auch zu manch feiner Humornote und betrachtet die zum Erwachsenwerden gehörenden Nöte und Identitätskrisen mit ruhiger Gelassenheit - am Ende warten ohnehin Sieg und Enthusiasmus und sogar ein guter Verlierer auf der Gegenseite - Entspannung allerorten.
Ein feiner, kleiner Film, getragen von einem leuchtend positiven Menschenbild, der auch für Regentage taugt. Den bescheuerten deutschen Titel wollen wir in diesem Zusammenhang getrost vergessen.

8/10

Peter Yates Radsport Indiana Freundschaft Vater & Sohn Coming of Age


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THE FIRM (Alan Clarke/UK 1989)


"I need the buzz!"

The Firm ~ UK 1989
Directed By: Alan Clarke

Eigentlich hat Bex Bissell (Gary Oldman) alles, was ein junger, mittelständischer Familiengründer sich wünschen kann: Einen geregelten Job als Immobilienmakler, eine junge Frau (Lesley Manville), ein gesundes Baby, ein nettes Reihenhäuschen in einem Londoner Vorort, gute Freunde. Doch Bex und seine Clique gehen einem bizarren Hobby nach: Sie sind Hooligans, die die Spiele ihrer Amateurclubs dazu nutzen, sich mit der Konkurrenz Prügeleien bis aufs Blut zu liefern. Bex' größter Plan besteht darin, die drei lokalen Vereine zu vereinen und als eine Art Inselmacht zur kommenden EM in Deutschland zu reisen, um dort richtig Krawall zu machen. Doch dazu kommt es nicht, zumindest nicht mit Bex an der Spitze: Die Rivalität mit seinem Erzfeind Yeti (Philip Davis) eskaliert...

Wenn die Aggression die Überhand gewinnt: Dass Drogen-, Alkohol- und Spielsucht Familien und Existenzen zerstören, weiß man auch als Nichtbetroffener zur Genüge; dass jedoch das noch unbegreiflichere Dasein als Hooligan sich in einem Ausmaß verselbstzuständigen vermag, dass es eine Kleinfamilie sprengt, ist für szenefremde Pazifisten wie meinereiner nur schwerlich vorstellbar. Umso intensiver die Erfahrung von Clarkes letztem Film: Der zur Darstellung von Soziopathen geborene Gary Oldman gibt den anfamgs noch gelassen erscheinenden Familienvater, der es scheinbar akzeptiert, dass man seinen Kleinwagen mit Sprühfarbe verschandelt. Tatsächlich aber ist damit der Keim für seinen eigenen Untergang gesät: Fortan nimmt nichts mehr von Bex' Aufmerksamkeit in Anspruch als seine umfassende Rache. Es wird organisiert wie bei einem Kleinkrieg: Schlachtfelder und Termine werden ausgemacht, Waffen mit durchaus tödlicher Wirkung besorgt, neue Rekruten scharfgemacht. Dass seine kleine Tochter sich durch seine Schuld schwer verletzt, nimmt Bex gar nicht mehr richtig wahr. Am Ende erwartet ihn das einzig mögliche Resultat einer immer weiter eskalierenden Gewaltspirale, denn auch die Konkurrenz ist nicht untätig...
Die größte Stärke von "The Firm" liegt, wie bei Clarke üblich, in seinem unbestechlichen Realismus; alles mag sich jederzeit so abspielen wie hier dargestellt. Mit fast dokumentarischer Genauigkeit verfolgt der Film Bex' Weg in den selbstgeschaufelten Abgrund, der gerade deshalb so schwer fassbar scheint, weil nicht sein Körper oder Geist, sondern die Seele vergiftet ist.

8/10

Alan Clarke Subkultur Familie TV-Film England Hooligan


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MADE IN BRITAIN (Alan Clarke/UK 1982)


"Bollocks!"

Made In Britain ~ UK 1982
Directed By: Alan Clarke

Trevor (Tim Roth) ist ein Nazi-Skin der denkbar schlimmsten Sorte: Er ist überaus intelligent und nutzt die Subkultur nicht aus verqueren politischen Ansichten heraus, sondern als Möglichkeit, seinem unendlichen Frust Gestalt zu verleihen. Trevor ist unendlich renitent, respektiert keinerlei Autorität und akzeptiert seinen vorgezeichneten Weg in Arbeitslosigkeit und Kriminalität mit lauthalsem Protest.

Clarkes kurzer TV-Film ist, ähnlich wie der von der BBC abgesetzte Borstal-Panorama "Scum", ein hoffnungsloses, dafür jedoch umso aufrüttelnderes Porträt fehlgeleiteter Aggression bei Jugendlichen in der Ära Thatcher. Das Nazi-Skin-Gewese beginnt in den frühen Achtzigern im Angesicht von Arbeitslosigkeit und Einwanderern aus den ehemaligen Kolonien, die sich auf der Insel rasch neue Existenzen in Form kleiner Läden aufbauen, zu florieren. Trevor ist dabei einer der hoffnungslosesten Sorte: Seine Wut sitzt so tief, dass niemand sie bei der Wurzel packen kann, sein Hass und seine Ablehnung sind nicht voirgeschoben, sondern Charakterzüge. Wenn die Konfrontation ihn nicht findet, dann sucht er sie sich. Mit Sympathiebekundungen, ob authentisch oder geheuchelt, kommt man nicht weiter. Bei Trevor hätte selbst Robin Williams keine Chance gehabt. Wenn solche tickenden Zeitbomben die zukünftigen Geschicke Englands bestimmen, dies suggeriert "Made In Britain" unmissverständlich, dann muss man konkret Angst um sie haben.

8/10

Alan Clarke Subkultur Skinhead England Teenager TV-Film


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LAWLESS (John Hillcoat/USA 2012)


"I'm a Bondurant. We don't lay down for nobody."

Lawless ~ USA 2012
Directed By: John Hillcoat

Zu Beginn der dreißiger Jahre verdienen sich die drei Bondurant-Brüder Forrest (Tom Hardy), Jack (Shia LeBoeuf) und Howard (Jason Clarke) eine gute Stange Geld mit illegaler Schnapsbrennerei. Mit der Verankerung der Prohibitionsgesetze ist es jedoch vorbei mit der Gemütlichkeit im ländlichen Virginia: Plötzlich strömen aus den Städten Gangsterbosse wie Floyd Banner (Gary Oldman) und korrupte Cops wie Deputy Rakes (Guy Pearce) in die Provinz, die auf Kosten der hart arbeitenden Moonshiner ihren Reibach machen wollen. Die Bondurants jedoch wappnen sich für den Krieg mit harten Bandagen, komme, was da wolle.

Wer den spröden Erzählstil des Australiers John Hillcoat und seine latente, stets unterschwellig präsente Verankerung im klassischen US-Western mag, der sollte auch bei "Lawless" auf seine Kosten kommen. Hier behauen Hillcoat und sein Spezi und Autor, der Musiker Nick Cave, ein authentisches Kapitel jüngerer amerikanischer Geschichte, nämlich das der Prohibitionsära, die unter anderem in Franklin County, Virginia abseits von Chicago auch provinzielle Auswüchse trieb. Das 'Bootlegging' oder 'Moonshining' bot dort eine traditionelle, wenn auch anrüchige Art, der Depression entgegenzustrampeln und sich illegal einen fixen Dollar zu verdienen. Da die drei Bondurant-Brüder irgendwann zu groß und damit sowohl Gesetzestreuen als auch Gesetzlosen ein Dorn im Auge werden, kommt es für sie bald zu zunehmend gewalttätigen Scherereien. Ähnlich wie Michael Mann in "Public Enemies" erzählt "Lawless" von einem sich zuspitzenden, historisch verankerten Konflikt in etwas dröger, geflissentlich unpassender DV-Optik. Da Hillcoat sich allerdings auf das vergleichsweise intime Interieur einer Kleinstadt beschränkt und weniger auf ausstatterischen Pomp, denn auf sorgfältige Lokalkolorit- und Figurenzeichnungen setzt, bekleidet sein Film trotz monetärer Beschränkungen einen ähnlich hohen Qualitätsstandard.

8/10

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DRIVING MISS DAISY (Bruce Beresford/USA 1989)


"You know your letters don't you?"

Driving Miss Daisy (Miss Daisy und ihr Chauffeur) ~ USA 1989
Directed By: Bruce Beresford

Atlanta, 1948: Die pensionierte Lehrerin Daisy Werthan (Jessica Tandy) schrottet eines schönen Tages ihren Chrysler. Für ihren Sohn Boolie (Dan Aykroyd), einen erfolgreichen Baumwollfabrikanten, Grund genug, ihr zusammen mit dem neuen Wagen einen Chauffeur aufs Auge zu drücken. Die starrköpfige jüdischstämmige Dame jedoch weigert sich, den farbigen Hoke Colburn (Morgan Freeman), einen zwar ungebildeten, dafür aber umso lebenserfahrenen Mann, als Fahrer zu akzeptieren. Hoke jedoch lernt seinerseits, welche Tasten er bei Miss Daisy anzuschlagen hat, um sich im Laufe der Zeit ihrer Sympathie zu versichern. Ihre kleinen Spleens lernt er zu akzeptieren, ebenso wie sie unmerklich Hokes leise Wahr- und Weisheiten zu schätzen beginnt.

Auch dies ein retrospektiv typischer "Oscar"-Gewinner, mir jedoch einer der liebsten der letzten dreißig Jahre. "Driving Miss Daisy" hat mich schon immer begeistern können, ganz einfach, weil er leises, kluges Entertainment feilbietet. Der Film ist zugleich auch eine schöne, unaufdringliche Reflexion über Klischees und Stereotypen, ihre Entstehung, ihr Wachsen und schließlich ihre Ablehnung, die manchmal auch bloß einer Form von Leugnung aus Selbstschutz gleichkommt. Der Blick durch die interkulturelle Brille via die Inszenierung einer im Grunde dearart erzamerikanischen Dramödie durch einen Australier tut dem Film nebenbei immens gut. Wie die meisten Academy-Lieblinge dieser Zeit trägt sich "Driving Miss Daisy" jedoch vor allem als fabulöses Schauspielerkino, das mich neben all seiner übrigen Multiperspektivik - er erzählt außer von alltäglichem Südstaaten-Rassismus auch von Freundschaft, mentaler Reife, einer typischen Mutter-Sohn-Beziehung und zeitlichem Wandel über die Dekaden - vor allem als gerontologische Studie begeistert.

9/10

Bruce Beresford Rassismus based on play Georgia Südstaaten Familie Senioren ethnics Freundschaft Best Picture


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ORDINARY PEOPLE (Robert Redford/USA 1980)


"Come and tell me how to be happy!"

Ordinary People (Eine ganz normale Familie) ~ USA 1980
Directed By: Robert Redford

Seit vor etwa einem Jahr ihr Ältester Buck (Scott Doebler) bei einem Segelunfall gestorben ist, durchziehen feine und auch einige große Risse das einstige vorstädtische Familienidyll der Jarretts. Der andere, jüngere Sohn Conrad (Timothy Hutton) leidet unter einem gewaltigen Schuldkomplex und Depressionen, die bereits in einem Selbstmorversuch kulminiert sind, Mutter Beth (Mary Tyler Moore) müht sich, die spießige Außenwirkung der Familie im Lot zu halten und alles Unangenehme auszublenden, entfernt sichdabei jedoch immer mehr von Mann und Kind; Vater Calvin (Donald Sutherland) spürt, wie er den Bezug zu seiner Frau verliert und Conrad ihm zu entgleiten droht. Erst der Psychiater Beger (Judd Hirsch) vermag, Vater und Sohn Denkanstöße zu vermitteln.

Kammerspielartige Schilderung der suburbanen Vorhölle Amerikas, in der sich Spießertum und biederer Anschein den Weg durch Herzen und Seelen bahnen und dabei zahllose Opfer hinterlassen. Mary Tyler Moore ist die perfekte Wahl für die bemitleidenswerte Frau um die 40, die sich, ohne es zu bemerken, zu einem innerlich verhärteten Bourgeoisie-Monster entwickelt und ihre ansonsten männliche Familie mit Füßen tritt.
Eine kurze Bö maskuliner Gegenbewegung wehte da durch Hollywood, die sich ironischerweise durch die zwei Oscarfilme "Ordinary People" und Kramer Vs. Kramer" gekrönt fand, jedoch ebenso schnell wieder abebbte wie sie zuvor aufgekommen war. Redford indes legte hier gleich seine Linie als Regisseur für spätere Zeiten fest: Kino für gesetzte Ehepaar-Intelligenzia mit ein wenig schielendem Überhang in Richtung der Dame, die seinen "Horse Whisperer" erst so richtig lieben sollte, nicht zuletzt, weil der charmante Herzensbrecher darin auch noch selbst auftrat. Hier überlässt er jenes Feld dankenswerterweise dem famosen Donald Sutherland. Ein Schauspielerfilm durch und durch und wegen seiner Entstehungszeit auch absolut im grünen Bereich, für mich persönlich, wie gesagt, insgesamt allerdings etwas zu... pastellfarben.

7/10

Robert Redford Chicago Vorort Familie Psychiatrie Vater & Sohn Best Picture


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WHAT BECOMES OF THE BROKEN HEARTED? (Ian Mune/NZ 1999)


"I've had enough."

What Becomes Of The Broken Hearted? ~ NZ 1999
Directed By: Ian Mune

Fünf Jahre nach der Trennung von seiner Ex-Frau Beth (Rena Owen) hat sich für Jake "The Muss" Heke (Temuera Morrison) nicht allzuviel geändert. Er hat zwar eine neue Freundin (Edna Stirling), doch diese Beziehung bleibt eher schwebend und vorsichtig. Suff und Schlägereien gehören für Jake nach wie vor zur Tagesordnung. Als jedoch sein Sohn Nig (Julian Arahanga) infolge eines Gang-Anschlages stirbt, beginnt für ihn ein langsamer Prozess des Umdenkens, der sich forciert beschleunigt, als Jakes Zweitältester Sonny (Clint Eruera) den Tod seines Bruders aufklären möchte und sich mit dessen früherer Freundin (Nancy Brunning) mitten in die Höhle des Löwen begibt. Für Jake heißt es nun, ein drittes Kind vor gewaltsamem Sterben zu bewahren, doch dazu muss erst seine eigene Persönlichkeit reifen.

Bei weitem nicht so wuchtig und wichtig wie der massive "Once Were Warriors", bietet dessen Sequel "What Becomes Of The Broken Hearted?" immerhin eine willkommene Chance für den wunderbaren Temuera Morrison, seinem Charakter des "Jake The Muss" neue Nuancen abzuringen. Wo "Once Were Warriors" immer auch ein wenig liebäugelte mit der eruptiven Gewalt, die von Jake ausging, macht Munes Fortsetzung sogleich klar, dass dieser Weg nun endgültig nicht mehr gefragt ist. Seine alten Freunde sind weg, wohl auch,- man darf ein wenig in den nerdigen Filmorkus hineinspekulieren-, wegen Jakes selbstjustizialer Aktion gegen "Onkel" Bully im Vorgänger. Und es geht noch weiter abwärts. In seinem Stammlokal bekommt er Hausverbot, weil er die Einrichtung einmal zu häufig demoliert hat, seine neue Freundin kehrt ihm gleich nach dem ersten Anflug von Beziehungsgewalt konsequent den Rücken zu. Dafür kommen neue, vernünftigere Kumpels des Weges, die Jake deutliche Alternativen aufzeigen ohne sich missverständlich zu geben und ihm auf seinem weiteren Weg helfen.
Die parallel dazu erzählte Geschichte um Sonny Heke und seine detektivischen Ausflüge ins Banden-(Un-)Wesen von Wellington fält dagegen rapide ab. Nicht nur, dass man gleich zu Beginn den Eindruck erhält, diesem in "Once Were Warriors" noch völlig unerwähnt gebliebene Kind der Hekes käme eine dramaturgische Alibifunktion zu; die Ganggeschichte wird zudem eher ungelenk und betont spannungslos dargeboten.
Wenn er leise Töne anschlägt, ist Munes Film am stärksten, gerade weil darin die Weiterentwicklung des Vorgängers am Deutlichsten wird. Für Liebhaber von "Once Were Warriors" somit gewissermaßen unerlässlich; als eigenständiges Werk allerdings wohl ebensogut zu vernachlässigen.

6/10

Ian Mune Alan Duff Sequel Neuseeland Wellington Slum Gangs Maori





Filmtagebuch von...

Funxton

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