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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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MARLEY (Kevin Macdonald/USA, UK 2012)


"Sister, I'm taking the ghetto uptown."

Marley ~ USA/UK 2012
Directed By: Kevin Macdonald

Eine Dokumentation über das Leben Robert Nesta Marleys muss und kann auch zwangsläufig nur zur Heldenverehrung ausarten. Der ohnehin befangene Zuschauer derweil bleibt nach knapp zweieinhalb Stunden des Staunens, in denen er das wechselvolle Leben dieses Jahrhundertmusikers in komprimierter Form nahegebracht bekam, mit viel Liebe und etwas Wehmut in der Brust zurück.
Die Biographie der mit 36 Jahren - so alt bin ich selbst momentan - verstorbenen Ikone liest sich in Teilen wie die Kopfgeburten eines Kitschromanciers: Geboren auf Jamaica als Sohn eines weißen Försters und einer einheimischen, armen Dorfbewohnerin wurden dem nach seinem unehelichen Vater benannten Robert, den seine Freunde und Kollegen später Robbie, Bobbie oder eben Bob nennen sollten, jedwede Anbindung an seine weißen Wurzeln versagt. Als stets misstrauisch bleibender Mensch wächst Bob im Slum Trenchtown in Kingston auf und findet sich bald mit Bunny Wailer und Peter Tosh zusammen, mit denen er die Wailers gründet. Nach einigen Jahren führen erste internationale musikalische Erfolge und eine Tour nach England zu einem Vertrag mit Jim Blackwell, dem Gründer von Island Records, auf denen Bob Marley And The Wailers zu Lebzeiten des Sängers acht legendäre Alben veröffentlichen - darunter den Überklassiker "Exodus". Im Mai 81 stirbt Marley an dem bereits fünf Jahre zuvor bei ihm diagnostizierten Hautkrebs. Die frühere Ignoranz des unter einem Zehnagel entdeckten Melanoms rächt sich nun und kann selbst durch Spezialistenhände nicht mehr aufgefangen werden. Als eine Art universeller Friedenbotschafter gibt Marley noch in den Jahren zuvor unter teils unzumutbaren Bedingungen einige legendäre Konzerte, die unter anderem die Autonomie Simbabwes unterstützen oder dazu führen, dass sich während eines Gigs auf Jamaica die beiden erbitterten politischen Gegner Edward Seaga und Michael Manley unter dem Jubel ihrer jeweilis nicht minder aufgeheizten Anhänger die Hände schütteln. Signale, die die Welt ein wenig besser machten.
Macdonald holt sich für sein engagiertes Porträt, dass in der ohnehin formidablen Tradition der großen Musikerbios der letzten Jahre steht, einen beachtlichen Korso von Weggefährten und Zeitzeugen vor die Kamera; sogar Marleys bayrische Krankenschwester Waltraud Ullrich kommt zu Wort. Am Ende bleibt die Flexion, inwieweit ein früher Tod eine Legende erst komplementär ausstaffieren zu vermag. Märtyrertum im Zeichen von Kultur und Weltschmerz, vielleicht sind das erst die Faktoren, die die musikalischen Monolithen des letzten Jahrhunderts zu dem machen, was sie heute für uns repräsentieren. Jeder, der ein bisschen ehrlich ist, kann vermutlich gut darauf verzichten, einen 67-jährigen Bob Marley seine alten Standards trällern zu hören. Oder einen 69-jährigen Jim Morrison. Oder einen 77-jährigen Elvis. Oder ich bin einfach nur ein Zyniker. Darauf einen

10/10

Musik Reggae Bob Marley Ska Jamaica Karibik Biopic Kevin Macdonald Krebs


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THE MEN (Fred Zinnemann/USA 1950)


"Go out! Live your life!"

The Men (Die Männer) ~ USA 1950
Directed By: Fred Zinnemann

Ken Wilcheck (Marlon Brando) ist einer von zahlreichen Kriegsveteranen, denen im Krieg der Rücken zerschossen wurde und der dadurch im Rollstuhl gelandet ist. Fast noch schlimmer als die physischen Narben erweist sich jedoch der ihn rapide verlassende Lebensmut. Ken zieht sich völlig in sich zurück und wird zum schweigsamen Eigenbrötler. Erst der Kontakt zu anderen, vom selben Schicksal gebeutelten Patienten und der unermüdliche Kampf seiner Verlobten Ellen (Teresa Wright) um seine Liebe richten Ken nach einigen herben Rückschlägen schließlich langsam wieder auf.

Nach Wylers mitreißendem "The Best Years Of Our Lives", ebenfalls mit der bezaubernden Teresa Wright, ein weiteres Kriegsheimkehrer-Drama, diesmal jedoch deutlich konzentrierter umrahmt und nicht episch, sondern als Kammerspiel angelegt. Brando, dessen Leinwanddebüt der Film ist, wirft gleich ein gutes Pfund seiner Kunst in die Waagschale und zurrt sogleich seinen zukünftigen Ruf als 'angry young man' fest: Als unnahbarer Versehrter, der parallel zum Verlust seiner Beinmuskulatur verlernt hat, sich selbst zu lieben, gibt er einen der beeindruckendsten Schauspiel-Einstände, die ich kenne. Nach Monty Clift in "The Search" war Brando somit bereits der zweite Jungakteur seiner Generation, dem Zinnemann ein Sprungbrett darbot - interessanterweise wieder in einem Nackkriegsdrama.
Der mit knapper Erzählzeit gefasste Film steht und fällt mit den beeindruckenden Darstellern; neben Brando sind das auch die famos aufspielenden Everett Sloane, Jack Webb und eine Teresa Wright, die sieben Jahre nach "Shadow Of A Doubt" wirkt, als sei sie um das Doppelte gereift. Zinnemann indes nimmt sich zugunsten der dramatischen Kraft seiner Geschichte vollkommen zurück und agiert vollends als "unsichtbarer" Regisseur. Das wäre wohl das von jedweder Eitelkeit befreite Genie eines Meisters.

9/10

Fred Zinnemann Stanley Kramer Veteran Los Angeles


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THE RULES OF ATTRACTION (Roger Avary/USA, D 2002)


"In the end all I could think about was..."

The Rules Of Attraction (Die Regeln des Spiels) ~ USA/D 2002
Directed By: Roger Avary

Sean (James Van Der Beek), Lauren (Shannyn Sossamon) und Paul (Ian Somerhalder), allesamt Kinder aus Wohlstandsfamilien, bewältigen ihren orientierungslosen College-Alltag durch Promiskuität und Drogen. Allein die Liebe ist nicht für sie.

Weitgehend beachtliche Ellis-Verfilmung, die vielleicht sogar noch ein bisschen besser geworden wäre, hätte Avary sie in der Entstehungsperiode des Romans, nämlich 1987, angesiedelt. Betrachtet man Ellis' Romanwerk als einen zusammenhängenden, fortlaufenden Geschichten-Zyklus - eine durchaus probate Perspektive, da der Autor sich gemäß seines Alters beim Schreiben jeweils ein anderes Entwicklungsmilieu vorknöpft und darüberhinaus diverse Figuren immer wieder auftauchen (der bald nochmal in "The Informers" auftretende Sean ist der jüngere Bruder von Patrick Bateman, der im Roman berichtende Clay aus "Less Than Zero" findet in der Adaption leider keinen Platz, der schwer drogenbenebelte Victor wird der spätere Protagonist von "Glamorama") - wäre "The Rules Of Attraction" sich als Bindeglied zwischen der in Kalifornien angesiedelten High-School-Bestandsaufnahme "Less Than Zero" und der im Yuppie-Umfeld spielenden Wall-Street-Satire "American Psycho" einzuordnen. Leider lassen die weit voneinander liegenden Verfilmungen die Herstellung einer ähnlichen Komplexität vermissen.
Die Protagonisten von "The Rules Of Attraction" sind Studierende fortgeschrittener Semester, die einmal mehr eine komplett sinnentleerte Existenz führen, bis zu alltäglich gewordenem Luxus hin in ihrem Leben stets alles in Rachen und Arsch geschoben bekommen haben und für die 'Motivation' in jeder Hinsicht ein Fremdwort ist. Wie in seinen umliegenden Geschichten stellt Ellis heraus, dass die amerikanische Oberklasse zugleich das emotionale Prekariat im Lande darstellt, eine dekadente Kaste ausschließlich widerwätiger Personen, von denen man keine zum Freund haben möchte. Manch einer mag das als Hindernis empfinden, sich "The Rules Of Attraction" anzunähern, doch geht es hier nicht um die etwaige Evokation von Sympathie für die Protagonisten, sondern um eine ausdrücklich erwünscht distanzierte Betrachtung, die sich durch Avarys elliptische, teils schon als brillant zu bezeichnende Inszenierung wiederum andient. Dennoch schließt das Sujet grund- und vorsätzlich eine engere Beziehung zwischen Film und Rezipient aus.

8/10

Roger Avary Bret Easton Ellis New Hampshire Winter Drogen College Ensemblefilm


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DODGEBALL: A TRUE UNDERDOG STORY (Rawson Marshall Thurber/USA, D 2004)


"Fucking Chuck Norris."

Dodgeball: A True Underdog Story (Voll auf die Nüsse) ~ USA/D 2004
Directed By: Marshall Rawson Thurber

Um ihr Fitnessstudio 'Average Joe's' vor der Übernahme durch den widerlich selbstherrlichen White Goodman (Ben Stiller), Besitzer des benachbarten 'Globogym', zu retten, entschließen sich Eigentümer Peter La Fleur (Vince Vaughn) und ein paar seiner Stammgäste, an einem hochdotierten Dodgeball-Turnier in Las Vegas teilzunehmen. Dessen Gewinn würde für Peter die nötige Summe abwerfen, um seinen Club retten zu können. Als Goodman davon Wind bekommt, stellt er sein eigenes Team auf.

Völlig typische, nichtsdestotrotz gelunge Frat-Pack-Komödie, in der man einen Gastauftritt von Will Ferrell zwar schmerzlich vermisst, die sich jedoch auch so eben durchaus passabel über die Runden bringt. Cameos gibt es stattdessen von David Hasselhoff, Lance Armstrong, William Shatner und Chuck Norris, die dann auch mehr oder weniger witzig ausfallen. Das Story-Prinzip um die über sich selbst hinauswachsende Verliertruppe ist dabei weniger interessant. Frat-Pack-Filme entwickeln ja ohnehin erst im Hinblick auf ihre gnadenlose Selbstreflexivität ihren überwältigenden Humor. Stets beleuchten sie, ähnlich wie etwa "The Simpsons", den amerikanischen Wahnsinn, die an ihrer sich immer hyperaktiver gerierenden Spaßkultur krankt, zugleich aber just davon lebt. "Dodgeball" karikiert diese Auswüchse ebenso wie diverse urtypische, mittelständische Lebensentwürfe und achtet penibel darauf, dass auch garantiert keiner ungeschoren davonkommt. Daraus, dass der Film und das Milieu, dem er entstammt, selbst fester Bestandteil ebenjener ironisierten medialen Maschinerie sind, macht "Dodgeball" ferner keinen Hehl. Letzten Endes verleiht ihm sogar erst das seine wahre komödiantische Kraft.

8/10

Rawson Marshall Thurber Las Vegas Duell Frat Pack Satire


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THERE'S ALWAYS TOMORROW (Douglas Sirk/USA 1956)


"I never knew how to give love - only how to take it."

There's Always Tomorrow (Es gibt immer ein Morgen) ~ USA 1956
Directed By: Douglas Sirk

Der Spielzeugfabrikant Cliff Groves (Fred MacMurray) fühlt sich von seiner Familie und besonders von seinr langjährigen Ehefrau Marion (Joan Bennett) vernachlässigt. Stets stehen die Kinder im Vordergrund und Marion findet nichtmal mehr die Zeit, mit ihm ins Theater zu gehen. Da taucht aus heiterem Himmel seine Jugendliebe Norma (Barbara Stanwyck) wieder auf, mittlerweile eine erfolgreiche Modeschöpferin in New York. Bei ihr findet Cliff die Zuwendung und das Verständnis, welche er daheim bereits seit Jahren vermisst. Doch Norma ist zu vernünftig, um mit Cliff durchzubrennen.

Dein Mann, das verletzliche Wesen. Fred MacMurray ist ganz hervorragend als an sich wohlgemuter Familienvater, der urplötzlich feststellen muss, dass er seit langem die letzte Geige im Hause spielt. Seine quäkende Jüngste (Judy Nugent) absorbiert förmlich die gesamte Aufmerksamkeit seiner Frau, die beiden Älteren (Gigi Perreau, William Reynolds) sind verwöhnte, naseweise Teenager, die ihren angenehmen Lebensstandard längst als selbstverständlichkeit verinnerlicht haben. Norma Vale fungiert da eher als Katalysator denn als Bremsstein, denn sie eröffnet, von Cliffs Sohn Vinnie bezüglich der vermuteten Affäre mit seinem Vater zur Rede gestellt, den Geschwistern, dass nicht der Wankelmut ihres Vaters Ursache der Familienkrise ist, sondern ihre eigene Unfähigkeit zu aufrichtiger Dankbarkeit. Das ist natürlich ein starker Topos, besonders im familiär genordeten US-Kino der Fünfziger. Dass ein Mann in den besten Jahren eine solche Vulnerabilität an den Tag legt, dürften damals Viele als geradezu ungeheure Rollenunterminierung aufgefasst haben. Möglicherweise zu Recht.
Eines von Sirks schönsten Meisterwerken.

9/10

Douglas Sirk Los Angeles Kalifornien Familie Amour fou Midlife Crisis


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A STAR IS BORN (George Cukor/USA 1954)


"This is the way the world ends - not with a bang, but with a whimper."

A Star Is Born (Ein neuer Stern am Himmel) ~ USA 1954
Directed By: George Cukor

Der für seine Alkoholeskapaden berüchtigte Hollywood-Schauspieler Norman Maine (James Mason) wird bei einer Gala auf die Gesangs- und Tanzkünstlerin Esther (Judy Garland) aufmerksam. Noch in der selben Nacht beschgließt er, Esther kennenzulernen und sie auf ihr latentes, schlummerndes Starpotenzial aufmerksam zu machen. Von Maines Ansprache überzeugt, bewirbt sich Esther beim Film. Normans Einschätzung erweist sich als goldrichtig, nach kleineren Komparsenauftritten ist Esther, die sich jetzt Vicki Lester nennt, bald der größte Zuschauermagnet der Traumfabrik. Doch parallel dazu sinkt Normans Stern unweigerlich ins Bodenlose. Sein Studio kündigt den Vertrag mit ihm auf, da er als nicht mehr versicherbar gilt und seine Trunksucht verschlimmert sich zusehends. Dennoch hält Vicki bis zuletzt zu ihm und ist sogar bereit, ihren Erfolg ihm zuliebe zu opfern.

"A Star Is Born" wurde bis heute dreimal verfilmt, wobei Cukors Version als die gelungenste gilt. Als 'Film-Musical' im klassischen Sinne kann man das zumindest in seiner restaurierten, notgedrungen unter der Zuhilfenahme von Standbildern zusammengeflickten Fassung recht ausgedehnte Scope-Prachtstück nicht unbedingt bezeichnen. Die Gesangseinlagen sind jeweils Teil der filmimmanenten Gegebenheiten und werden, durchweg von Judy Garland, als Bühnen- oder private Stücke dargebracht und nicht wie bei Minnelli, Donen und den anderen klassischen Musicalregisseuren als expressionistisch-surrealistisches Mittel zur Befindlichkeitsäußerung eingesetzt. Von mehrerlei Warte aus betrachtet ist "A Star Is Born" ein gewaltiges Werk: Als stolzer Repräsentant des noch jungen Breitwandformats (und Cukors erste Arbeit mit selbigem) sowie als Schauspielerfilm fidelt er in der obersten Garde. Die sich geradezu aufzehrenden James Mason und Judy Garland scheinen beinahe Übermenschliches zu leisten und das selbstreflexive Element - damals noch keine Selbstverständlichkeit, wenngleich bereits mehrfach exerziert - wirkt ebenso mutig wie rührend-nostalgisch. Mason war damals auf Suchtkranke und Verlierertypen adaptiert, derweil die privaten bzw. psychischen Aufs und Abs von Judy Garland bildlich denen einer Achterbahn ähnelten. Insofern trägt die Besetzung der Hauptrollen bereits planerisch genialische Züge und wurde von den beiden auch hinter der Kamera wild flirtenden Stars großflächig belohnt.
Klassisches Eventkino mit allem, was dazu gehört.

9/10

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CRAZY HEART (Scott Cooper/USA 2009)


"Ain't rememberin' wonderful?"

Crazy Heart ~ USA 2009
Directed By: Scott Cooper

Der abgehalfterte Country-Star Otis 'Bad' Blake (Jeff Bridges) ist hoffnungslos dem Bourbon verfallen und verdient sich ein paar Kröten mit Auftritten in eher unwürdigen locations. Als er die Journalistin Jean (Maggie Gyllenhaal) und ihren kleinen Sohn Buddy (Jack Nation) kennenlernt, schöpft er neuen Lebensmut, jedoch nicht die nötige Kraft zum Ausstieg aus der Trunksucht. Diese keimt erst in ihm, als Jean ihn wegen einer unerfreulichen Episode, im Zuge derer er Buddy in einem Einkaufszentrum aus den Augen verliert, verlässt. Zwar kommt nun der kommerzielle Erfolg zurück, für Jean ist Bad jedoch endgültig passé.

Ein einziges Geschenk für Jeff Bridges, der ja schon mehrfach Alkoholiker gespielt hat und hierin so etwas wie eine gealterte Version seiner früheren New-Hollywood-Helden aus "The Last American Hero", "Fat City" oder "Stay Hungry" geben darf, allesamt Spieler gegen das Establishment und sich auf recht kratzbürstige Weise durchs Leben kämpfend. wenngleich er ein begnadeter Songwriter mit einer nach wie vor immensen fanbase ist, hat Bad Blake im Leben sehr viel mehr falsch als richtig gemacht: Seinen mittlerweile 28 Jahre alten Sohn hat er noch nie gesehen, vier Ehen in den Sand gesetzt und mit der wunderbaren Jean möglicherweise die letzte Chance, sein privates Glück zu finden. Erst als er durch sein eigenes Verschulden auch sie verliert, ist er reif zur Selbsterkenntnis. "Crazy Heart" ist eine hübsche Americana, das auch dem US-Schlagependant der Country-Musik ein aufrichtig gemeintes Denkmal setzt, indem er seine alten Helden zu Bewahrern des true spirit hochjubelt, auf deren Genius ihre Nachfolger [im Film personifiziert durch Blakes Lehrjungen Tommy Sweet (Colin Farell), mittlerweile erfolgreicher als Bad es jemals war] dennoch weiterhin angewiesen sind. Das ist manchmal herzzereißend traurig, formidabel gespielt und stets unterhaltsam. Insgesamt ein schöner Film, dessen Konventionalität und gigantische Palette allerorten bemühter Klischees jedoch ebenso dafür sorgt, dass "Crazy Heart" niemals Gefahr läuft, über sich selbst hinauszuwachsen.

8/10

Scott Cooper Country Alkohol Sucht Musik Texas Südstaaten


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DAYS OF WINE AND ROSES (Blake Edwards/USA 1962)


"Magic time."

Days Of Wine And Roses (Die Tage des Weins und der Rosen) ~ USA 1962
Directed By: Blake Edwards

Alkohol ist von Anfang an ein fester Bestandteil der Beziehung und später auch der Ehe der beiden Büroangestellten Joe Clay (Jack Lemmon) und Kirsten Arnesen (Lee Remick). Als ihre Trinkerei pathologisch zu werden beginnt, Joe diverse Jobs verliert und Kirsten im Suff die Wohnung in Brand setzt, erkennt Joe das Problem: Er und seine Frau sind Alkoholiker. Einige Versuche des Entzugs enden irgendwann wieder in mehrtägigen Abstürzen, zu denen sich Joe wegen Kirstens Weigerung, mit dem Trinken aufzuhören, hinreißen lässt. Erst nach einem fatalen Gelage mit schwerer Entgiftung schafft Joe den endgültigen Ausstieg aus der Suchthölle und kann sich wieder um seine und Kirstens kleine Tochter (Debbie Megowan) kümmern.

Bis hierhin gab es nur wenige ernstzunehmende Beschäftigungen Hollywoods mit den fatalen Auswirkungen der Alkoholsucht. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich Billy Wilders "The Lost Weekend" mit Ray Milland, der seinerzeit einen gewagten und vielbeachteten Vorstoß markierte, vermutlich wegen seiner unbequemen Art der Observierung jedoch auch lange Zeit unikal blieb. Ansonsten neigte man gemeinhin stets dazu, Trinker als Käuze und Spinner darzustellen und weniger als selbstzerstörerische Alltagsmenschen. Andere Beispiele sind "A Star Is Born" und "Rio Bravo", hervorragende Filme, die sich mit der Darstellung der Trunksucht allerdings nur periher auseinandersetzen. Siebzehn Jahre nach "The Lost Weekend" nahm sich Blake Edwards des Themas an. Ausgerechnet jener vornehmlich als klassischer Komödienregisseur populär gewordene Filmemacher ist - freilich mit einem nicht minder klassischen Komödienakteur in der Hauptrolle - verantwortlich für diesen in seiner Intensität und konsequenten Art der Suchtanamnese bis heute nur selten erreichten Film. "Days Of Wine And Roses" ist ein recht edukativ angelegtes Werk, das besonders dazu taugt, Außenstehenden die Komplexität von Alkoholismus geprägter Biographien nahezubringen. Die im Film als besonders grauenhaft umrissenen Entgiftungsmethoden dürften heute gemeinhin weniger spektakulär ablaufen, ansonsten hat sich an der grundsätzlichen Anamnese und Behandlung der Krankheit jedoch wenig geändert. Die Motivation für einen langfristig erfolgreichen Ausstieg kann ohnehin nur intrinsisch sein. Edwards' besonderes Verdienst liegt eigentlich daran, einen bipolaren Suchtverlauf anhand zweier Ehepartner aufzuzeigen: Während Joe, eigentlich der "Initiator" der beiderseitigen Trunksucht, am Ende praktisch rehabilitiert in die Gesellschaft zurückgekehrt ist, findet Kirsten vorläufig nicht die Kraft für einen Ausstieg. Ein Wink der Wirklichkeit; Alkoholismus endet eher selten versöhnlich.

9/10

Blake Edwards Alkohol Ehe Familie Sucht


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DIE SCHULMÄDCHEN VOM TREFFPUNKT ZOO (Walter Boos/BRD 1979)


"Denkste!"

Die Schulmädchen vom Treffpunkt Zoo ~ BRD 1979
Directed By: Walter Boos

Petra (Katja Bienert) hat Sorgen - die Heroinsucht ihres Freundes Mick (Marco Kröger) verschlingt Unsummen an Marie, die ausgerechnet Petra besorgen muss: Mal muss sie bei einem perversen Freier (Horst Nowack) als zusätzliche Voyeurin antreten, mal beklaut sie ihre Mutter (Dagmar von Thomas) um ihr Sauerverdientes. Irgendwann wird all das Mick zu unangenehm und er macht mit Petra Schluss. Dies bedeutet, dass er selbst zum Stricher werden muss, um seine Sucht zu finanzieren und bald knietief in einen Mordfall verwickelt ist.

Eine wahrlich imponierende Mischung aus Betroffenheitsdrama und typischer LISA-Disco-Komödie haben wir hier. Inspiriert zur Beschau hat mich Francos "Linda", ebenfalls mit Katja Bienert in der Titelrolle. "Die Schulmädchen vom Treffpunkt Zoo", dessen Titel bereits eine Mischung aus der kommerzbewährten Hofbauer-Serie "Schulmädchen-Report" und Christiane F.s erschütternder Tatsachen-Geschichte "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" suggeriert, markierte ihren - sieht man von einer Minirolle bei Chabrol ab - ersten Kinoeinsatz. Trotz ihrer damals knapp 13 Lenze dürfte sie schon problemlos Schnappes für Papa bei Famka bekommen haben, weswegen eben, ich erwähnte es unlängst bereits, auch niemand Karl und seine Spiehsgesellen bei der Kindernothilfe oder beim Jugendamt angezeigt haben wird. Seine hehre Mission, ein realitätsnahes Bild der Berliner Schülerszene und ihrer Drogenprobleme mitsamt Beschaffungskriminalität abzubilden, verfehlt Boosens Film mit beinahe tröstlicher Zielunsicherheit. Dafür gibt es eine Menge der üblichen "Report"-Episoden und -Witzchen, auf das der triste Großstadtalltag nicht gar allzu trist werde. Die LISA wollte schließlich in erster Linie fluffig unterhalten. So gibt es zu Auflockerungszwecken Tobias Meister und Fritz Hammer als zwei dämliche, männliche Jungfrauen, die hinreichend Gelegenheit zur koitalen Betätigung erhalten, sich jedoch allzeit zu blöd anstellen. Zwei von Petras Klassenkameradinnen (Karin König, Martina Engel) kommen derweil auf die gloriose Idee, zwecks Notdendurchschnittsaufbesserung ihren Mathelehrer (Wolfgang Plumhoff) mittels heimlich geschossener Kompromittierungsfotografien zu erpressen, was dieser jedoch ganz cool abschmettert. Wir sind eben nicht beim "Report", wo arme Pauker gleich auf dem Scheiterhaufen landen, wenn sie mal feuchte Hände kriegen. Ein weiteres Highlight: Der CloseUp auf eine Zeitungsschlagzeile des "Abendblatts" (Verwechslungen sollten wohl um jeden Preis vermieden werden): "Mord an einen Homosexuellen". Der Dativ is ja den Akkusativ sein Untergang. Tja, und rate mal mit Rosenthal, wer hier mal wieder sei Glätzle zur Schau stellt? Kleiner Tipp: Er fängt mit "Otto" an und hört mit "Retzer" auf. Ein unbesungener Held des Neuen Deutschen Films.

6/10

Walter Boos Lisa-Film Berlin Drogen Heroin Prostitution


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THE BRINK'S JOB (William Friedkin/USA 1978)


"Your Honor, I can't do no 20 years." - "Well do as much as you can, son."

The Brink's Job (Das große Ding bei Brinks) ~ USA 1978
Directed By: William Friedkin

Der kleine Bostoner Räuber Tony Pino (Peter Falk) hat zeitlebens wenig Glück mit seinen Coups - bis er und sein ihm stets zur Seite stehender Schwager Vinnie (Allen Garfield) auf die Geldtransportfirma 'Brink's' aufmerksam werden. Deren Sicherheitsstandards sind - bis auf einen imposanten Tresor - immens unzureichend. Nach einem ersten, problemlos durchführbaren Überfall auf einen der Transportwagen wagen Tony und Vinnie zusammen mit fünf weiteren Gesellen, Specs (Warren Oates), McGinniss (Peter Boyle), Jazz (Paul Sorvino), Sandy (Gerard Murphy), und Stanley (Kevin O'Connor) einen Überfall auf die Hauptstelle. So weit haut alles wunderbar hin, bis die zwei unvorsichtigen Specs und Stanley wegen eines anderen Delikts hinter Gitter kommen und weichgekocht werden...

Nach dem in jeder Hinsicht nervenaufreibenden Clouzot-Remake "Sorcerer" erbat sich Friedkin mit der noch gänzlich ungewohnten Versuchsanordnung "The Brink's Job" vermeintlich etwas motivische Ruhe. Eine beschauliche Ensemble-Komödie in der Kleingangsterszene wurde es, als period piece zudem in bester New-Hollywood-Tradition stehend. Denkbar sorgfältig und milieugetreu geht Friedkin zu Werke, lässt sich dabei alle notwendige Zeit und verzichtet auf die düstere Weltsicht seinere Vorgängerfilme zugunsten einer guten Portion hoffnungsvoller, stehender Ovation für seine Antihelden. Zwar landen diese am Ende im Bau, jedoch unter den Jubelrufen des Volkes, das in ihnen längst veritable Rebellen wider das Establishment wähnt. Eine epilogische Schrifttafel versichert uns darüberhinaus, dass sie nach ihrer Entlassung mit ihrer wohlfeil versteckten Beute ein mehr als angenehmes Leben führen sollen.
Mit Peter Falk und Gena Rowlands wiedervereint der Film das sich selbst zertrümmernde Ehepaar aus "A Woman Under The Influence" - hier freilich krisenlos -, zudem zwei Leibdarsteller (nebst Ehefrau) von John Cassavetes. Ferner gibt es den großen Warren Oates in einer weiteren fantastischen Performance zu bewundern. Der Film und Friedkin machen also fast alles richtig. Allerdings konnte ich mich eines latenten, zunächst unbestimmbaren Juckens nicht erwehren. Möglicherweise rührte dies aus dem Eindruck, dass der Regisseur bei aller Kunstfertigkeit nie ganz auszublenden vermochte, dass er sich auf thematisch unsicherem Terrain befand. Eine Theorie.

8/10

William Friedkin Heist period piece Boston Freundschaft New Hollywood FBI J. Edgar Hoover





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