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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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GOLDFINGER (Guy Hamilton/UK 1964)


"The julep tart enough for you?"

Goldfinger ~ UK 1964
Directed By: Guy Hamilton

James Bond (Sean Connery) soll direkt nach einer Mission in Lateinamerika den Goldsschmuggler Auric Goldfinger (Gert Fröbe) aufs Korn nehmen, dessen nächste geplante Aktivitäten sich offensichtlich auf ein noch wesentlich größeres Unternehmen fixieren als den bloßen illegalen Edelmetallexport. Bond tastet sich langsam an Goldfinger heran und nachdem er ein paarmal um Haaresbreite den Kopf und andere Dinge eingebüßt hat, findet er endlich um Goldfingers wahre Absichten heraus. Mithilfe von dessen Privatsekretärin Pussy Galore (Honor Blackman) kann Bond jenes Vorhaben verhindern.

Eine Aussage darüber, ob "Goldfinger", wie häufig und gern behauptet, tatsächlich der beste Bond-Film ist, möchte ich momentan lieber noch zurückstellen. Er vereint aber womöglich deutlich nachvollziehbarer als die meisten anderen Beiträge all die Qualitäten und Angriffspunkte, die James Bond von jeher ausmachen: Der finale Schritt in den Comic-/Science-Fiction-Bereich ist jetzt nahezu getan, Bonds obilgatorische Unverletzbarkeit durch sein ironisches Vorgehen noch wesentlich signifikanter als in den beiden Vorgängern. Der Agent hat noch mehr Gelegenheit, sich als Mann von Welt und Geschmack zu profilieren als zuvor, etwa, indem er über teuren Brandy referiert, und erweist sich letzten Endes als eine Art Superheld, die ihre größten Erfolge dem Zufall zu verdanken hat. Auch der Sexismus der Figur erreicht hier einen von vielen noch folgenden Höhepunkten: Schlüsselperson im finalen Schachzug gegen Goldfingers Masterplan ist eine schöne, zunächst widerborstig und eigensinnig gezeichnete Frau, die Bond durch eine 'erzwungene Verführung' umdreht. Spermainjektion als Form der Gehirnwäsche - mal etwas ganz anderes. Gert Fröbe war der erste Widersacher, der Sean Connery darstellerisch geradezu grotesk in die Schranken wies und der sich damit als wahre Herz-/Kreislaufmaschine des Films präsentierte, ganz zu schweigen von der weiteren, von nun an fest zum Repertoire zählenden Personalie: Goldfingers Killer Odd-Job, von dem kompakten Hawaiianer Harold Sakata gegeben, machte auch des Bösewichts Leibwächter zur Karikatur.
Schließlich Bonds legendäres Fahrzeug, der mit allerlei Extras ausgestattete Aston Martin DB5, bis heute nicht nur des Spions schickstes, sondern vermutlich auch sein populärstes und beliebtestes Accessoire aus der Abteilung Q-Branch, das, im Gegensatz etwa zu Roger Moores weit weniger zeitlosem Lotus Esprit, immer wieder reaktiviert wurde und wird.

10/10

James Bond 007 Guy Hamilton Florida Kentucky Schweiz Golf Alpen Fort Knox Gold car chase


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FROM RUSSIA WITH LOVE (Terence Young/UK 1963)


"There's a saying in England: Where there's smoke, there's fire."

From Russia With Love (Liebesgrüße aus Moskau) ~ UK 1963
Directed By: Terence Young

Die Verbrecherorganisation SPECTRE plant neues Unheil: Um an eine russische Dechiffriermaschine Marke 'Lector' zu kommen, soll die Ex-Chefin des sowjetischen Geheimdienstes SMERSH, Rosa Klebb (Lotte Lenya), ihre frühere Untergebene Tatjana Romanova (Daniela Bianchi) anstiften, James Bond (Sean Connery) mittels Aktivierung seiner erotischen Instinkte nach Istanbul zu locken und mit ihr zusamen die Lector aus dem russischen Konsulat zu stehlen. Ohne es zu bemerken, stehen dich die beiden Geheimdienste am Bosporus gegenüber und wähnen sich jeweils im Vorteil. Erst als der SPECTRE-Killer Donald Grant (Robert Shaw) im Zug nach Italien einen Zweikampf gegen Bond verliert, wird der Agent sich bewusst, wer wirklich hinter dem Plan steckt...

Die Welt sollte hier zwar noch nicht gerettet werden, selbst die westliche nicht, aber der Kalte Krieg hielt nun endlich auch filmischen Einzug bei James Bond, sogar nominell in Wort und Buch. Außerdem startete "From Russia With Love" die vielgeliebte Prä-Titel-Sequenz, in der der ebenso furchterregende wie sadistische Donald Grant eingeführt wird, als er beim Training ein maskiertes Bond-Double erledigt. Fürderhin lebt dieser zweite, recht flugs hinterdrein geschobene Bond-Film von seinem im Vergleich zu "Dr. No" nochmals deutlich weiterentwickelten Faible für exotische Schauplätze. Istanbul als Dreh- und Angelpunkt für einen Spionage-Schmelztiegel ist eine erstklassige Wahl, wofür besonders der ortskundige Lebemann Kerim Bey (Perdo Armendáriz) als eine Art Touristenführer steht. John Barrys Musik entwickelt sich ebenfalls merklich. Erstmals ist neben der Ur-Melodie von Monty Norman auch das wunderbare Thema "007" zu hören, von jetzt ab fester Bestandteil in etwa jedem zweiten Bond-Film. Auffällig die nicht wenigen Hitchcock-Parallelen: Der Zug als Schauplatz kriminalistischer Intrige, die Verfolgung eines per pedes Flüchtenden mit Fluggerät.
"From Russia With Love" macht mit seiner stark fluktuierenden Story jedenfalls massig Freude und ist ein noch besserer Film als der Vorgänger.

9/10

James Bond 007 Terence Young Peter Hunt Türkei Istanbul Zug Zigeuner Venedig Kalter Krieg


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DR. NO (Terence Young/UK 1962)


"East, West - just points of the compass, each as stupid as the other."

Dr. No (James Bond 007 jagt Dr. No) ~ UK 1962
Directed By: Terence Young

Der halbchinesische Atomwissenschaftler und Superverbrecher Dr. No (Joseph Wiseman) versucht mittels des "Toppling"-Verfahrens, die Raketenstarts von Cape Caneveral zu stören. Seine Basis liegt auf der kleinen Insel Crab Key vor der Küste Jamaicas. Nachdem ein britischer Agent (Tim Moxon) ihm auf die Schliche zu kommen droht und Dr. No diesen ermorden lässt, rückt James Bond (Sean Connery) nach. Nach einigen Schwierigkeiten mit Nos Helfershelfern kann er endlich den Drahtzieher kaltstellen und dessen Hauptquartier in die Luft jagen.

Im schnittigen Stil der frühen Sechziger kam der fleischgewordene Mannes- und Männertraum James Bond daher - trotz denkbar ungesunder Lebensweise und von jedem physischen Laster mit Ausnahme illegaler Drogen vereinnahmt war der Agent nicht nur äußerst viril und attraktiv, er durfte auch im Einsatz töten und nutzte diese Option nicht selten und dazu noch recht unwirsch. Dennoch war er in guter, westlicher, kapitalistisch-imperialistischer Mission unterwegs; ein Chauvinist und Snob, promisk bis zum Abwinken und fernab jedweder politischer Korrektheit. So etablierte sich Bond und so lieben ihn seine Anhänger bis heute. Trotz der Langlebigkeit der Reihe sah sich das Franchise interessanterweise stets davor gefeit, ins Fernsehen abzurutschen oder zu bloßem Serienformat zu schrumpfen; dazu gestalteten sich die Missionen des Helden dann doch zu aufwändig und kosmopolitisch und die stilistischen Eskapaden der Filmemacher und Scriptautoren als zu wenig schablonenkompatibel. Der erste Bond-Regisseur Terence Young war möglicherweise der sicherste Handwerker von allen; ein konzentrierter Genrefilmer, der auf die Tube drückte, wenn es nötig war, seinen Figuren und seiner Geschichte jedoch hinreichend Platz zum Atmen ließ. So lässt sich die Funktion von "Dr. No" vor allem als Messlatte und Stichwortgeber der weiteren Serienbeiträge validieren, dem allgemein die Folgefilme und speziell die Filme mit Sean Connery immens viel verdanken. Auch, wenn hier noch nicht alles in Serie gehen soll: Eine Prä-Titel-Sequenz gibt es noch nicht, Q nennt sich noch Major Boothroyd und wird von einem gewissen Peter Burton gegeben, Bonds Gadgets bestehen aus seiner neuen Walther PPK und einem Geigerzähler. Mehr ist nicht. Dafür gibt es wunderbaren Calypso-Sound und regelrechte Nebencharakter-Evergreens wie den abergläubischen Bootsverleiher Quarrel (John Kitzmiller).

8/10

James Bond 007 Terence Young Peter Hunt Jamaica mad scientist Karibik


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SKYFALL (Sam Mendes/UK, USA 2012)


"I always hated this place."

Skyfall ~ UK/USA 2012
Directed By: Sam Mendes

Nachdem er kurzzeitig als im Einsatz vermisst und möglicherweise tot gilt, muss James Bond (Daniel Craig) seiner Chefin M (Judi Dench) den Rücken decken. Aus deren früheren Einsatzzeiten in Hong Kong kehrt nämlich der mittlerweile wahnsinnig gewordene Ex-Agent Silva (Javier Bardem) zurück und will sich pikanterweise auis denselben Gründen an ihr rächen, deretwegen nunmehr auch Bond gewisse Ressentiments gegen M hegt: Sie hat ihn einst im Stich gelassen, um die zugrunde liegende Mission nicht zu gefährden. Zunächst kann Silva festgesetzt werden, doch ist sewlbst dies bloß Teil seines perfekt ausgeklügelten Plans zu Ms Vernichtung. Bond sieht nur eine Chance gegen den High-Tech- Terroristen: Er verlagert den Kampfschauplatz ins schottische Hochmoor, zu seinem früheren Familiensitz.

Es gibt also doch noch einen Bond-Freund, irgendwo da oben: "Skyfall" markiert, pünktlich zum 50. Kinojahrestag des Agenten, den besten Film der Reihe seit "Licence To Kill" und somit seit immerhin 23 Jahren: Er macht, und das wäre gleich das Wichtigste, die müden bis beliebigen Brosnan-Auftritte vergessen, bringt endlich und (hoffentlich) endgültig Craig auf Kurs und schafft das, was den beiden ersten Beiträgen mit ihm in der Hauptrolle nicht gelungen ist: Einen Brückenschlag zwischen den vermeintlich tradiert-antiquierten Rahmenbedingungen des klassischen Bond-Kosmos und modernem Genrekino, ohne einem von beiden den Vorzug zu geben oder seine Selbsteflexivität bzw. seinen Retrochic zum Selbstzweck verkommen zu lassen, wie es ja mittlerweile Gang und Gäbe ist in entsprechend verwurzelten Werken. Das Produktionsdesign, ganz besonders die von Licht- und Leuchtspielen durchtränkte Kulisse Shanghais, stellt einen hochästhetischen Traum dar, die Damen sind schön wie lang nicht mehr, Bardems Bösewicht ist von bester alter Schule (die Szene, in der er sein Kieferknochensubstitut entfernt, hat wahren Albtraumcharakter) und Szenen wie die mit den Komodo-Waranen im Casino wären sowieso first class.
Das man sich künftig ohnehin wieder bewährter Validität zu befleißigen gedenkt und Bond mit alten Tugenden für die Zukunft einstielt, kann jemanden wie mich nur glücklich machen. Zudem habe ich jetzt endlich wieder, seit vielen Jahren, die Motivation für eine Komplett-Rückschau gewonnen, worin wohl das größte Verdienst dieses tollen Films liegt. Höchst erfreulich!

8/10

James Bond 007 Sam Mendes London Shanghai Istanbul Schottland Terrorismus China Türkei Freundschaft Duell Stuart Baird


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SWITCHBACK (Jeb Stuart/USA 1997)


"You did a great first move."

Switchback ~ USA 1997
Directed By: Jeb Stuart

Obwohl man ihm den Fall wegen allzu großer persönlicher Involvierung längst entzogen hat, gibt FBI-Agent Frank LaCrosse (Dennis Quaid) nicht auf: Seit ein von ihm gesuchter Serienkiller vor rund einem Jahr seinen kleinen Sohn (Ian Nelson) entführt hat und LaCrosse mit permanenten schriftlichen Hinweisen weiter am Haken zappeln lässt, wird der Abstand zwischen den beiden Erzfeinden stetig geringer. Als der Mörder in Texas auftaucht, ist LaCrosse erneut zur Stelle. Und verfolgt den Verbrecher bis in die verschneite Bergwelt Colorados...

Durchaus erbauliche Melange aus Neo-Western und Serienkiller-Thrill, die durch den Einsatz diverser Nebenfiguren und -schauplätze entscheidend hinzugewinnt. Zudem tut es wohl zu sehen, den ewig liebenswerten Danny Glover einmal in einer solch abgründigen Rolle wider alle Figurenklischees vorgesetzt zu bekommen; hinter seinem brachialen Lachen lässt sich, das finde ich nicht erst seit "Switchback", ohnehin ein heimlicher Psychopath vermuten. Ein wenig nervt die strenge Agenda des Killers, der, wie sich am Ende zeigt und wie man es im Subgenre gewohnt ist, im Grunde jedwedes Geschick lenkt und im Voraus geplant hat. Ohne diesen vordergründigen, ach so cleveren Script-Schachzug, der tatsächlich die Achillesferse des ganzen Geschehens darstellt, wäre Stuarts Film gleich noch eine Latte besser geworden. So langt es immerhin allemal für ein schönes Stück Kurzweil vor gewinnender Naturkulisse.

7/10

Jeb Stuart Texas Colorado Duell FBI Serienmord Kidnapping Rocky Mountains


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WHAT BECOMES OF THE BROKEN HEARTED? (Ian Mune/NZ 1999)


"I've had enough."

What Becomes Of The Broken Hearted? ~ NZ 1999
Directed By: Ian Mune

Fünf Jahre nach der Trennung von seiner Ex-Frau Beth (Rena Owen) hat sich für Jake "The Muss" Heke (Temuera Morrison) nicht allzuviel geändert. Er hat zwar eine neue Freundin (Edna Stirling), doch diese Beziehung bleibt eher schwebend und vorsichtig. Suff und Schlägereien gehören für Jake nach wie vor zur Tagesordnung. Als jedoch sein Sohn Nig (Julian Arahanga) infolge eines Gang-Anschlages stirbt, beginnt für ihn ein langsamer Prozess des Umdenkens, der sich forciert beschleunigt, als Jakes Zweitältester Sonny (Clint Eruera) den Tod seines Bruders aufklären möchte und sich mit dessen früherer Freundin (Nancy Brunning) mitten in die Höhle des Löwen begibt. Für Jake heißt es nun, ein drittes Kind vor gewaltsamem Sterben zu bewahren, doch dazu muss erst seine eigene Persönlichkeit reifen.

Bei weitem nicht so wuchtig und wichtig wie der massive "Once Were Warriors", bietet dessen Sequel "What Becomes Of The Broken Hearted?" immerhin eine willkommene Chance für den wunderbaren Temuera Morrison, seinem Charakter des "Jake The Muss" neue Nuancen abzuringen. Wo "Once Were Warriors" immer auch ein wenig liebäugelte mit der eruptiven Gewalt, die von Jake ausging, macht Munes Fortsetzung sogleich klar, dass dieser Weg nun endgültig nicht mehr gefragt ist. Seine alten Freunde sind weg, wohl auch,- man darf ein wenig in den nerdigen Filmorkus hineinspekulieren-, wegen Jakes selbstjustizialer Aktion gegen "Onkel" Bully im Vorgänger. Und es geht noch weiter abwärts. In seinem Stammlokal bekommt er Hausverbot, weil er die Einrichtung einmal zu häufig demoliert hat, seine neue Freundin kehrt ihm gleich nach dem ersten Anflug von Beziehungsgewalt konsequent den Rücken zu. Dafür kommen neue, vernünftigere Kumpels des Weges, die Jake deutliche Alternativen aufzeigen ohne sich missverständlich zu geben und ihm auf seinem weiteren Weg helfen.
Die parallel dazu erzählte Geschichte um Sonny Heke und seine detektivischen Ausflüge ins Banden-(Un-)Wesen von Wellington fält dagegen rapide ab. Nicht nur, dass man gleich zu Beginn den Eindruck erhält, diesem in "Once Were Warriors" noch völlig unerwähnt gebliebene Kind der Hekes käme eine dramaturgische Alibifunktion zu; die Ganggeschichte wird zudem eher ungelenk und betont spannungslos dargeboten.
Wenn er leise Töne anschlägt, ist Munes Film am stärksten, gerade weil darin die Weiterentwicklung des Vorgängers am Deutlichsten wird. Für Liebhaber von "Once Were Warriors" somit gewissermaßen unerlässlich; als eigenständiges Werk allerdings wohl ebensogut zu vernachlässigen.

6/10

Ian Mune Alan Duff Sequel Neuseeland Wellington Slum Gangs Maori


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SAVAGES (Oliver Stone/USA 2012)


"Let me tell you something. Tijuana is coming here. It's chasing us."

Savages ~ USA 2012
Directed By: Oliver Stone

Der Kriegsveteran Chon (Taylor Kitsch), der Neohippie Ben (Aaron Johnson) und ihre Freundin O (Blake Lively) leben nicht nur eine funktionable Ménage-à-trois, sie haben von Kalifornien aus auch noch den größten und erfolgreichsten Marihuana-Handel der USA aufgezogen. Von jenseits der mexikanischen Grenze werden sie derweil schon länger eifersüchtig von der brutalen Drogen-Baroness Elena Sanchez (Salma Hayek) beäugt. Als sie eines Tages Chon und Ben nötigt, ihr ihre Zuchtgeheimnisse und ihre Vertriebswege zu übergeben, diese sich jedoch weigern, lässt Elena O entführen. Für den harten Chon eine unhaltbare Verhandlungsmethode. So greifen die einst pazifistischen, idealistischen Kiffer zu denselben Methoden wie Elena, um sich gegen sie zur Wehr zu setzen.

Den ganz großen, lässigen Wahnsinn früherer Arbeiten bringt Stone schon seit längerem nicht mehr auf, aber "Savages" ist nach all der Gepflegtheit der letzten Jahre zumindest wieder ein ordentlicher Schritt in die "richtige" Richtung. Ein Hauch von "Scarface", den Stone ja vor knapp dreißig Jahren gescriptet hat, durchweht "Savages", diesmal zwar ohne Yeyo, dafür jedoch mit Stones persönlichem, ewigem Leib-und Magen-Rauschmittel Nummer Eins: Cannabis. So zeichnet er seine Protagonistentrio denn auch tatsächlich als strahlende amerikanische Underground-Helden; ganz ohne Gewalt und voller Idealismus haben sie ihren großen, kleinen Haschvertrieb aufgezogen, verkloppen Traumgras mit 33 Prozent THC-Gehalt, lieben jede ihrer Pflanzen wie ein Baby und kiffen natürlich selbst weg, was das Lungenvolumen hergibt. Zu ihrem Kundenstamm gehören unter anderem diverse Krebskranke, denen ihr Stoff ein leidensfreieres Leben ermöglicht und einen Großteil des Erlöses stecken sie in eigens aufgezogene Entwicklungshilfeprojekte in Drittweltländern. Dazu sehen sie auch noch verdammt gut aus und vögeln sich mit Verve zu dritt durch ihren luxuriösen Alltag. Mitten in dieses paradiesische Pot-Utopia platzen dann die bösen Cholos unter Führung von Salma Hayek und Bencio Del Toro in seiner denkwürdigsten Rolle seit Langem als sadistischer Psychokiller Lado. Doch das, womit sie nicht rechnen, passiert: Ben und Chon erweisen sich als ebenso gewieft und, infolge von Bens Kriegstrauma, das den sonst so friedliebenden Ben rasch mitzieht, sogar ebenso gewaltbereit. Stone zieht diese im Prinzip simple Geschichte, die auch von Unschuldsverlust und Gewaltkausalitäten berichtet, als ebenso poppig-bunte wie blutige Gangsterstory mit kleinen Sleaze-Injektionen auf, nimmt sich durch einen großzügigen erzählzeitlichen Rahmen viel Zeit für charakterliche Ausarbeitung und hält am Ende sogar zwei mögliche Enden bereit, von denen sich paradoxerweise das dramatische erste als deutlich "happier" herausstellt. So ist "Savages" doch etwas unbequemer als es zunächst den Anschein macht und, wenngleich sich, wie bereits erwähnt, der frühere Stone nicht gänzlich reanimiert findet, eine recht erfreuliche Angelegenheit.

8/10

Oliver Stone Drogen Marihuana Kalifornien Mexiko Freundschaft Kidnapping Rache D.C.


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THE FRIENDS OF EDDIE COYLE (Peter Yates/USA 1973)


"Everybody oughta listen to his mother."

The Friends Of Eddie Coyle (Die Freunde von Eddie Coyle) ~ USA 1973
Directed By: Peter Yates

Der alternde Gauner Eddie Coyle (Robert Mitchum) erledigt kleinere Jobs für die wirklich schweren Jungs in und um Boston. Weil er in New Hampshire noch einen Prozess und damit einhergehend eine Verurteilung erwartet, lässt er sich jedoch von dem Schatzbeamten Foley (Richard Jordan) ködern, der Coyle für die Aussicht auf Strafmilderung ein paar Namen entlocken will. Tatsächlich macht derzeit eine Bankräubertruppe um den Gangster Jimmy Scalise (Alex Rocco), für den Coyle Waffen besorgt, Massachusetts unsicher. Dann ist da noch Coyles Lieferant Brown (Steven Keats), für den der ergraute Ganove sowieso nichts übrig hat. Doch Coyle ist nicht der Einzige, der mit den Cops paktiert und vor allem nicht derjenige, der das intrigante Spiel um Verrat und Freundschaft durchschaut...

Mit "The Friends Of Eddie Coyle", vermutlich seinem Meisterstück, schaffte Peter Yates, was bis heute außer ihm nur wenigen gelungen ist: Er transportierte die existenzialistische Kühle der Gangster- und Polizeidramen Melvilles erfolgreich auf neuweltlichen Boden. Boston, die Metropole irischer Einwanderer, dient ihm dabei als Schauplatz für seine messerscharf erzählte, heldenlose Story um einen Personkreis armer Teufel, die allesamt viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um noch Ehr- und Moralbegriffe walten zu lassen. Dabei bleibt die Aggression stets latent, die figuralen Konnexionen nicht immer ganz durchschaubar. Nur eins ist sicher: Robert Mitchum als Eddie Coyle ist so weit weg wie selten von seinem von ihm selbst über Jahrzehnte geprägten maskulinen Archetypus, von Anfang an ist er der große Verlierer des Spiels und wird am Ende sauber und plangemäß abserviert. Ohne jede Melancholie schildert Yates dieses gewissermaßen sogar verdiente Schicksal mit minutiöser, bald dokumentarischer Exaktheit, stets auf dem Punkt und so sicher wie, mit Ausnahme vielleicht von "Bullitt", keinen anderen seiner mir bekannten Filme. Ein großes Werk, wirklich und wahrhaftig.

10/10

Peter Yates Boston Freundschaft Verrat Heist Herbst New Hollywood George V. Higgins


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THE POSTMAN ALWAYS RINGS TWICE (Tay Garnett/USA 1946)


"With my brains and your looks, we could go places."

The Postman Always Rings Twice (Im Netz der Leidenschaft) ~ USA 1946
Directed By: Tay Garnett

Der Tagelöhner und Vagabund Frank (John Garfield) kommt eines Tages zum kleinen Highway-Diner "Twin Oaks", das von dem alternden Nick (Cecil Kellaway) und seiner schönen jungen Frau Cora (Lana Turner) bewirtschaftet wird. Frank verfällt Cora gleich, als er sie zum ersten Mal erblickt. Fortan kommen die beiden nicht mehr voneinander los und scheint Nick nicht schon blind für ihre Liaison, forciert er diese sogar regelrecht. Irgendwann erwächst aus einer unbedachten Bemerkung Franks der Plan, Nick zu ermorden, um freie Bahn zu haben und sein Restaurant zu erben. Erst der zweite Mordversuch gelingt, aber schon nach dem ersten heftet sich der karrieresüchtige Staatsanwalt Sackett (Leon Ames) an Franks und Coras Fersen. Nur die Verschlagenheit des Anwalts Keats (Hume Cronyn) rettet das Paar vor der Verurteilung; am Ende jedoch erwartet es die göttliche Gerechtigkeit.

Nachdem Luchino Visconti Cains Roman mit seinem "Ossessione" bereits zwei Jahre zuvor adaptiert hatte, allerdings ohne sich aus Übersee die Genehmigung von Verlag und Autor einzuholen, erfolgte mit "The Postman Always Rings Twice" die erste offizielle Verfilmung vor der eigenen Haustür. Für alle Beteiligten bildete der schwitzig-schwüle Film den jeweils größten Karrierehöhepunkt, für Tay Garnett, John Garfield und Lana Turner, deren Rollenimage hernach komplett festgelagt war auf den rauen Outlaw respektive die ebenso erotische wie berechnende Blondine. Cains Geschichte schließlich besitzt als archetypischer, ikonographischer film noir bis heute Gültigkeit und Bestand: Das amoralische Paar, getrieben von triebhafter Verlotterung, blanker Körperlichkeit und der bloßen Gier auf- und nacheinander, das sich am Ende liebt und hasst und misstraut - vor allem aber verdient, die harten Kontrast Kaliforniens vom lichten Wüstentag bis hin zur finstersten Nacht, in der die bösen Pläne unerkannt im Schatten reifen können. Dann der obligatorische, schmierige Erpresser, der am lüsternen Leid des armen Betrügerpaars seinen Schnitt zu machen versucht, schließlich das von Korruption durchsetzte Rechtssystem, in dem noch jeder Klüngel erfolgreich ist und sich für irgendwen rentiert.
Garnetss Film hat all das und mehr.

9/10

Tay Garnett James M. Cain Kalifornien amour fou femme fatale film noir Courtroom


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I BASTARDI (Duccio Tessari/I, F, D 1968)


Zitat entfällt.

I Bastardi (Der Bastard) ~ I/F/BRD 1968
Directed By: Duccio Tessari

Jason (Giuliano Gemma) und sein älterer Bruder Adam (Klaus Kinski) sind beide im Gangstergeschäft tätig. Während Jason jedoch hier und da auf eigene Faust einen Bruch begeht, um sich über Wasser halten zu können, hat Adam sich eine Organisation aufgebaut. Umso unliebsamer sind ihm Jasons gewinnträchtige Aktionen. Als Adam nach einem Juwelenraub Jasons Beute an sich bringen will, bedient er sich brutalster Methoden. Besonders, dass Adam die schöne Karen (Margaret Lee) benutzt, um seinben Bruder hereinzulegen, verzeiht dieser ihm nicht. Die Rancherin Barbara (Claudine Auger) nimmt den schwer verwundeten Jason bei sich auf, pflegt ihn gesund, verliebt sich in ihn. Doch Jasons Rache will unbedingt noch vollzogen werden.

Dass Tessari seine Meriten vornehmlich mit Western verdient hat, merkt man "I Bastardi" an. Es handelt sich bei selbigem nämlich im Prinzip um nichts anderes denn einen lupenreinen Western in modernem Ambiente, dessen Transponierung in die Gegenwart beim besten Willen nicht nachvollziehbar ist. Vielleicht war es die Möglichkeit, vor Ort in den Staaten zu drehen, vielleicht hätte Rita Hayworth, die im Film die whiskeygetränkte Mutter der beiden verfeindeten Brüder spielt, sich geweigert, in einem Spaghettiwestern mitzuspielen. Der von Gemma und Kinski interpretierte Bruderzwist um Verrat und Rache jedenfalls, die verlotterte Matriarchin, die schöne Rancherin mit dem guten Herzen inmitten des Nirgendwo, Margaret Lee als Hure des Bösen, die wie beiläufig eingesetzte Gewalt - das alles sind natürlich klassische Plotfaktoren für einen Western.
Zur Hayworth: Es ist schon unglaublich, wie die alternde Diva an Format einbüßt und hierin konsequent Selbstdekonstruktion betreibt. Ihr Spiel kann nur als amateurhaft bescheiden bezeichnet werden, möglicherweise ist ihr dem Plot geschuldeter, akuter Suff auch nicht bloße Darbietung. Als ganz besonders toll nimmt sich derweil die von Magne und Rustichelli komponierte Musik aus, die die Hammondorgel aparteste, jazzig-sleazige Töne ausspucken lässt.

6/10

Duccio Tessari New Mexico Familie Brüder Rache Europloitation





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