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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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BARNEY'S VERSION (Richard J. Lewis/CA, I 2010)


"You look like a king, Dad!"

Barney's Version ~ CA/I 2010
Directed By: Richard J. Lewis

Als die heimtückische Alzheimer Krankheit sein Leben und seine Erinnerungswelt zu infiltrieren beginnt, lässt der Soap-Produzent Barney Panofsky (Paul Giamatti) sein erstaunliche, prall gefüllte Biographie nochmal Revue passieren: Über seine tragische erste Ehe und die übereilte zweite bis hin zur dritten mit seiner großen Lebensliebe Miriam (Rosamund Pike), die Barney selbst in den Sand setzt.

Warum mich "Barney's Version" so sehr mitnahm und berührte, kann ich eigentlich gar nicht ganz genau bestimmen, vielleicht befand ich mich auch lediglich in der richtigen Laune dafür. Das Rad erfindet er ganz gewiss nicht neu. Ich kenne die Romanvorlage von Mordecai Richler (dem der Film gleichsam gewidmet ist) nicht, aber hätte man mich im Vorhinein raten lassen, ich hätte bezüglich der Inspirationsquelle für Barney Panofskys Vita wohl eher auf ein frühes Epos von John Irving getippt. Allzu bizarr und dabei romantisch sind die Erlebnisse dieses Lebemannes, der zu jeder Zeit gute Zigarren und guten Whiskey schätzt, die Tradition seiner jüdischen Herkunft, und darin ähnelt er seinem Vater (fulminant: Dustin Hoffman), nur höchst unzureichend bedient und einen unverfälschten und vor allem unbestechlichen Blick auf das Dasein hat - bis ein wohl von jedermann gefürchtetes Krankheitsbild ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Doch "Barney's Version" ist keinesfalls das simple, melancholische Porträt eines schweren Krankheitsverlaufs, er ähnelt mehr der großen, schönen Achtzigerschnulze "Terms Of Endearment", wenn er die so sorgsam vorgestellte Biographie seines Heden irgendwann zu einem - leider nur allzu schlüssigen - Abschluss bringt. Lewis' Film macht sich nicht durch hintergründige Unvorhersehbarkeiten oder Unwägbarkeiten interessant, er will nur in Ruhe seinen Erzählteppich ausbreiten und zu zweistündigem, gemütlichen Verweilen darauf einladen, ohne umstürzlerisch zu wirken oder einen durch eine rezeptionistische Spießrute zu schicken. Das ist manchmal ebenso bequem wie dankenswert.

9/10

Ehe Familie period piece Richard J. Lewis Biopic Alzheimer


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A NIGHT AT THE OPERA (Sam Wood/USA 1935)


"That's what they call a sanity clause." - "You can't fool me! There ain't no Sanity Claus!"

A Night At The Opera (Die Marx Brothers in der Oper) ~ USA 1935
Directed By: Sam Wood

In der Mailänder Scala ist prominenter New Yorker Besuch zugegen: Der Direktor des New Yorker Opernhauses, Mr. Gottlieb (Sig Ruman), will den ebenso berühmten wie arroganten Tenor Lasparri (Walter Woolf King) nach Übersee eskortieren. Im Schlepptau hat Gottlieb unter anderem seinen Agenten Otis P. Driftwood (Groucho Marx), der statt mit Gasparri einen Vertrag mit dem unbekannten, dafür umso liebenswerteren Sänger Ricardo (Allan Jones) abschließt. Zusammen mit den beiden Chaoten Fiorello (Chico Mark) und Tomasso (Harpo Marx) sorgt Driftwood schließlich dafür, dass Ricardo den seit langem verdienten Erfolg erhält und mit seiner geliebten Rosa (Kitty Carlisle) zusammensein kann.

Der erste Film der Marx-Brüder für MGM, der Legende nach, nachdem Irving Thalberg und Chico einen gemeinsamen Pokerabend verbracht haben. Hier gerinnt die zuvor noch recht lose auf Zelluloid gebannte Anarcho-Comedy der Paramount-Phase, deren Scripts lose auf den Vaudeville-Sketchen der Truppe basierten, endlich zu seiner vollen Reife und erhält ihren ihr zustehenden Rahmen. Bei MGM, dem Studio der Stunde, standen nämlich auch große Musical-Nummern auf der Tagesordnung, Action und Abenteuer. Harpo verwandelt sich in Errol Flynn, baumelt an einem Ankertau und entert die finale Opernkulisse, als handle es sich dabei um ein Piratenschiff. Groucho, bewährt mit Frack und Zigarre, schreitet langen Schrittes durch die nervöse Szenerie, scheint permanent kurz vorm Kreislaufkollaps, flötet seiner Leibpartnerin, der ehrwürdigen Margaret Dumont, süße Beleidigungen zu und erleichtert dämliche Dienstleister noch um ihr letztes Trinkgeld. Und dann gibt es da diese wunderbare, berühmte Szene, in der gefühlte 50 Leute (tatsächlich sind es nur vierzehn, bevor die - eigentlich als Einzige eingeladene - Dumont die Tür aufmacht und die ganze Horde ihr entgegengepurzelt kommt), allesamt von Groucho hereingebeten, in eine Schiffskabine gequetscht werden. Mein ewiger Lieblingsfilm der Marx Brothers, Vokalslapstick in Reinkultur und eine Sternstunde der Filmkomödie!

10/10

Marx Brothers Sam Wood New York Oper Slapstick


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SUPER 8 (J.J. Abrams/USA 2011)


"Production Value!"

Super 8 ~ USA 2011
Directed By: J.J. Abrams

Im Sommer 1979 übernimmt der jüngst zur Halbwaise gewordene Kleinstadtteenager Joe (Joel Courtney) die Maskeneffekte für einen Amateur-Zombiefilm seines Freundes Charles (Riley Griffiths). Darin tritt auch Joes großer Schwarm, die hübsche Alice (Elle Fanning) auf, mit der Joe jedoch zugleich ein tragisches Schicksal verbindet. Als die Kids eines Nachts Zeuge eines gewaltigen Zugunglücks werden, in das ihr Biolehrer (Glynn Turman) verwickelt ist, ändert sich ihr Leben spontan. Denn irgendetwas Monströses, für das sich ganz besonders das Militär interessiert, ist aus dem Zug entfleucht und kurz darauf steht das ganze Städtchen unter Ausnahmezustand.

Ironischerweise kein Film für Kids, sondern für jene, die vor 25 Jahren selbst Kids waren, mit Filmen wie "E.T.", "The Goonies", "Explorers", "Something Wicked This Way Comes" und "Stand By Me" aufgewachsen sind und die primär am an der Familie ausgerichteten Blockbusterkino Spielbergs sozusagen auf unmittelbarem Wege partizipieren konnten. Genau dieser Rezipientenschaft, und damit auch ein wenig sich selbst, macht Hollywood-Wunderkind Abrams, unter der produzierenden Ägide des Genre-Großmeisters natürlich, "Super 8" zum Geschenk. Der Film steckt voller mehr oder minder subtiler Zitate und Reverenzen, läuft im Großen und Ganzen recht gut rein, hat ein paar hübsche Szenen und schafft es hier und da sogar, wirklich witzig zu sein, wobei die meisten Gags dann doch eher Zugeständnisse an ein modernes Publikum sind. Über bekiffte Disco-Teens hätte anno 80 jedenfalls niemand lachen mögen oder können; das ist dann doch wieder der Postromantisierung der Periode geschuldet, dem, wie ich jüngst bei Woody Allen gelernt habe, "Golden-Age-Syndrom". Ansonsten geht ohne Monster heuer ja sowieso kaum noch was, wobei ich persönlich es schade finde, dass sich so gut wie alle modernen Kreaturen dieser Sparte noch in irgendwelchen insektoiden und/oder Tentakelform inkarniert finden. Wo sind die behaarten Affenmonster, die Yetis, Bigfoots etc.? Können ja meinethalben auch vier Arme haben, aber so eine riesige Gottesanbeterin jagt mir nicht sehr viel Angst ein.

7/10

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MIDNIGHT IN PARIS (Woody Allen/USA, E 2011)


"You can fool me, but you cannot fool Ernest Hemingway!"

Midnight In Paris ~ USA/E 2011
Directed By: Woody Allen

Der amerikanische Drehbuchautor und versuchsweise Romancier Gil Pender (Owen Wilson) reist mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams) nach Paris, wo seine Schwiegereltern (Kurt Fuller, Mimi Kennedy) in spe einige Geschäfte zu tätigen haben. Schnell bemerkt Gil zu seinem Leidwesen, dass Inez das künstlerische Flair der Seine-Metropole in keinster Weise wahrzunehmen imstand ist und sich stattdessen liebe von dem altklugen Geschwätz ihres Ex-Kommilitonen Paul (Michael Sheen) einlullen lässt. Ein mitternächtlicher Ausflug Gils sorgt dann für ein eruptives Erlebnis: Eine alte Limousine bringt ihn geradewegs in das Paris der zwanziger Jahre zurück, in dem sich alle von Gils künstlerischen Vorbildern, darunter das Ehepaar Fitzgerald, Hemingway, Faulkner, Picasso, Dalí, Buñuel, Gertrud Stein, Cole Porter und T.S. Eliot, praktisch gegenseitig auf die Füße treten. In dieser entrückten Zeit, die Gil fortan immer nur zu mitternächtlicher Stunde besuchen kann, lernt er zugleich die Künstlermuse Adriana (Marion Cotillard) kennen, die jedoch, ebenso wie Gil, ihrer Gegenwart am Liebsten in die Vergangenheit entfliehen würde...

Zeitreise au Woody Allen, natürlich nicht mit einem feurigen DeLorean, sondern mit einem Peugeot, Baujahr 1920-irgendwas und letzten Endes als faktisch unaufklärbarer Trip ins Innere eines unter dem "Golden-Age-Syndrome" leidenden Künstlers inmitten einer seiner Lebenskrisen. Ob Gil Pender tatsächlich in der Zeit zurückreist oder lediglich weingeschwängerten Phantasien, Träumerein, und/oder dem Flair seiner sommerlichen Lieblingsstadt aufsitzt, ist auch völlig nebensächlich - von Belang ist einzig der progressive Wert seiner regressiven Robinsonade, die ihn am Ende lehrt, dass alles, was vom aufrechten Arrangement mit der Gegenwart abweicht, nichts als bloße Selbsttäuschung wäre. Woody Allen mit 76 ist auch ein edukativer Filmemacher, der, anders als sein jüngeres alter ego, der tragikomischen Stagnation innerhalb der Neurose abgeschworen hat und seine Figuren stattdessen einen therapeutischen Reifeprozess zu durchleben zwingt, der sie am Ende gesicherten Fußes zurück in die Realität des Hier und Jetzt entlässt. Und glücklich dazu, wohlgemerkt. Dies ist ja selbst ein mittlerweile etabliertes, künstlerisches Syndrom, das des alternden Filmautoren, der mit seinem Spätwerk einen Funken Hoffnung sowohl für seine Anhänger als auch für seine Märchen-Ichs aufblitzen lassen will.

8/10

Woody Allen period piece Paris Literatur Autor Bohème Zeitreise


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ELECTION (Alexander Payne/USA 1999)


"Anybody?"

Election ~ USA 1999
Directed By: Alexander Payne

Die alljährlichen Wahlen zur Präsidentschaft der Schülervertretung an der Carver Highschool in Omaha stehen an. Während für jedermann sonnenklar ist, dass nur die ehrgeizige Oberstreberin Tracy Flick (Reese Witherspoon) dafür in Frage kommt, bringt eine böse midlife crisis den beliebten Politiklehrer Jim McAllister (Matthew Broderick) dazu, die Grundfesten der Demokratie zu beschwören und zwei weitere Kandidaten, die Geschwister Paul (Chris Klein) und Tammy Metzler (Jessica Campbell) nämlich, für die Wahlaufstellung zu gewinnen. Der folgende, besonders von der rücksichtslosen Tracy buchstäblich bis aufs Blut geführte Wahlkampf nimmt mancherlei irrwitzige Wendung...

Alexander Paynes bislang unerreichtes Meisterwerk, eine der scharfsinnigsten, gemeinsten und dabei so unschuldig wie möglich dreinblickendsten Komödien zur Jahrtausendwende. Ein wunderbar schnittig-satirischer Humor bereichert "Election", der absolut keinen ungeschoren davonkommen lässt und Wahrheiten über die perfide Verlogenheit der WASP-Gesellschaft verbreitet wie eine mittelalterliche Ratte das Pestvirus. Die brave Musterschülerin mit dem Engelsgesichtchen ist in Wahrheit ein brutaler Todesengel mit durchaus möglicher Diktatorenzukunft, der beliebte Footballstar ein treudoofer Muskelprotz und viel zu gut für diese Welt und der von allen geschätzte, auf Moral (und Ethik) pochende Lehrer ein Fremdgänger, Betrüger und Heuchler, der sich am Besten beim Genuss von Schulmädchenpornos entspannt. Die einzige Figur, der Paynes Sympathien gehören (und selbst dies nur mit einem deutlichen Augenzwinkern) ist die lesbische Tammy, deren pubertäres Wesen freie Entwicklung und Anarchie predigt, während sie ihre Pläne in bestem Wissen und Gewissen vor ihren kurzsichtigen Eltern durchboxt. Im Gebrauch der Absurdität all seiner urkomischen narrativen Dreher und Gags reicht "Election" beinahe an den Wes-Anderson-Kosmos heran, wobei die Figuren andererseits nicht verschroben genug sind und viel zu genüsslich denunziert werden. Ein ewiges Highlight ist auch das Zitat von Morricones durch infernalisches Kreischen eingeleitete "Navajo Joe"-Titelmusik, das stets in Konnexion mit der intriganten Tracy Flick bemüht wird - jene übrigens eine der leidenschaftlich-hassenswertesten Figuren der Filmgeschichte, zu vergleichen höchstens mit ähnlich gelagerten Charakteren wie dem sadistischen Captain Bligh aus "The Bounty Mutiny". Reese Witherspoon spielt diese Rolle mittels einer derart bewundernswerten Identfikation, dass ich mir seither nie mehr einen Film mit ihr ansehen mochte, so zum Kotzen finde ich sie. Der Film indes: Eine veritable Kinodelikatesse, durch und durch.

10/10

Alexander Payne Omaha Schule Satire Ehe Politik Wahlkampf


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REMEMBER THE NIGHT (Mitchell Leisen/USA 1940)


"If all men were like you there wouldn't be any nice girls left."

Remember The Night (Die unvergessliche Nacht) ~ USA 1940
Directed By: Mitchell Leisen

Der eherne New Yorker Staatsanwalt John Sargent (Fred MacMurray) will kurz vor Weihnachten noch schnell die angeklagte Juwelendiebin Lee Leander (Barbara Stanwyck) hinter schwedische Gardinen bringen. Da jedoch ein wichtiges psychiatrisches Gutachten erst nach den Feiertagen erstellt werden kann und Lee solange in Untersuchungshaft bleiben muss, wird John weich und stellt ihre Kaution. Lee glaubt zunächst, dies würde auf ein spezielles Arrangement hindeuten, befindet sich damit jedoch im Irrtum. Schließlich reisen die beiden über die Festtage gemeinsam zu ihren jeweiligen Verwandten in die Provinz - eine Erfahrung, die sie nicht nur einander verstehen, sondern schließlich sogar lieben lässt. Nach dem Jahreswechsel wartet jedoch wieder die kalte Großstadtrealität auf sie.

In Leisens baumwollweicher, romantischer Dramödie, für die Preston Sturges das Buch geschrieben hat, fanden Stanwyck und MacMurray erstmals zusammen, bevor Billy Wilder sie vier Jahre später in jenen tiefschwarzen, unter dem Namen "Double Indemnity" wohlbekannten Beziehungsclinch stürzen sollte. "Remember The Night" lässt sich durchaus wie eine milde Vorstudie zu diesem großen, harten Meisterwerk lesen: Er, ein eigentlich höchst standfester Charakter von eisernen Prinzipien, ist am Ende bereit, für sie, eine Kleinkriminelle mit von ihr selbst eingeräumtem, wackligem Wesen, seine Integrität und Professionalität über Bord zu werfen. Bei Sturges und Leisen, die den bei Bedarf harten, von seinen altweltlichen Lebebserfahrungen geprägten Zynismus Wilders nie teilen mochten, stehen jedoch noch wahre Liebe und wechselseitige Güte im Vordergrund, so dass am Ende alles rechtens zugeht und dem Paar die Türen für eine geläuterte Beziehung offenstehen. Ob sie ihre Chance nutzen, lassen die Autoren bewusst offen - zu gönnen wäre es ihnen aber ganz bestimmt.

7/10

Mitchell Leisen Preston Sturges New York Courtroom Familie Road Movie Weihnachten Silvester


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MR. NICE (Bernard Rose/UK, E 2010)


"Any plainclothes policemen in here?"

Mr. Nice ~ UK/E 2010
Directed By: Bernard Rose

Nach einem Stipendium und erfolgreichem Studienabschluss in Oxford produziert sich der bereits seit längerem mit Marihuana liebäugelnde Howard Marks (Rhys Ifans) als Shitdealer, der bald einen gigantischen Markt mit global operierendem Netzwerk mitkontrolliert. Dabei unterstützt ihn unter anderem der soziopathische IRA-Terrorist Jim McCann (David Thewlis). Zudem genießt Marks einen besonderen Immunitätsstatus: Jedesmal, wenn er wegen seiner Dealerei mit dem Gesetz in Konflikt gerät, beruft er sich auf seine - tatsächlich existenten - Verbindungen zum britischen Geheimdienst. Irgendwann helfen ihm jedoch auch diese nicht mehr und Marks, der sich mittlerweile "Nice" nennt, wandert für mehrere Jahre in den Bau.

Eine jener typischen Filmbiographien schillernder, in den Sechzigern/Siebzigern/Achtzigern wirkender Outlaw-Gestalten, wie man sie bereits häufiger zu sehen bekam: Man erinnere sich an Ted Demmes mäßigen "Blow", Richets "Mesrine"-Filme, Refns meisterlichen "Bronson" oder jüngst Assayas' "Carlos". "Mr. Nice" von Bernard Rose (den ich seit seinem tollen "Candyman" gar nicht mehr auf dem Schirm hatte) fügt sich nahtlos in diese zwischen Zeitverklärung und vorgeblichem Kritizismus befindliche Filmphalanx. Dabei erscheint mir Roses Werk, wenngleich er einen durchaus schillernden Charakter porträtiert, weniger von inhaltlichem denn von formalästhetischem Wert. Rose, der "Mr. Nice" höchstselbst photographiert hat, verleiht selbigem durch nachträgliche Materialbearbeitung im Studio ein rundum authentisches Flair als Zeitdokument: Die Bilder wirken grobkörnig und wie leicht vergilbt von der Patina der Jahre, was der Atmosphäre des Films sehr zuträglich ist. Ansonsten schleppt er sich über diverse Strecken dahin, etwa, wenn uns einmal mehr versichert ist, was für ein verdammt netter Kerl Marks doch ist, wie er seine Familie und ganz besonders seine Kinder liebt etc.pp. Die besten Szenen gehören David Thewlis, der als wirrköpfiger, erznationalistischer und paraphiler Terrorist, für den Pornofilme, Dope und Geld in Wahrheit sehr viel wichtiger sind als aller Patriotismus, eine wahrliche grandiose Performance liefert.

7/10

Marihuana IRA period piece Drogen Biopic Familie Bernard Rose Gefängnis


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DUCK SOUP (Leo McCarey/USA 1933)


"I suggest that we give him ten years in Leavenworth. Or eleven years in Twelveworth."

Duck Soup (Die Marx Brothers im Krieg) ~ USA 1933
Directed By: Leo McCarey

Um Trentino (Louis Calhern), Diktator des Nachbarstaates Sylvania und zugleich Rivale in der Gunst um die millionenschwere Mrs. Teasdale (Margaret Dumont), auszustechen, zettelt Rufus T. Firefly (Groucho Marx), frisch eingesetzter Regierungschef von Freedonia, kurzerhand einen Nachbarschaftskrieg an. Dabei helfen ihm zwei vormalige Spione Trentinos, der geschwätzige Chicolino (Chico Marx) und der stumme, aber umso frechere Pinky (Harpo Marx).

"Duck Soup" gilt mit seinen zwischen völlig spinnert und genial-versponnen oszillierenden Dialogen und einigen der kiebigsten Scherze der Brüder als deren Meisterstück, wobei diese Einordnung eher dem gemeinen Filmkritiker zuzuschreiben ist denn eingefleischten Marx-Fans. Von denen hat sowieso jeder seinen ganz persönlichen Liebling und meiner ist, soviel verrate ich mal schon jetzt, "Duck Soup" nicht (wobei ich auch kein eingefleischter Marx-Fan bin, aber das habe ich ja verdammt nochmal auch mit keiner Silbe behauptet, oder?). Dennoch sind die spitzen kleinen Seitenhiebe auf die europäischen Faschistenführer von ausgesuchter Brillanz, Harpos Clownerien von höchster Güte und Grouchos durchweg pampige Art der Konversation, unter der insbesondere ja die arme Margaret Dumont zu leiden hatte, von königlichem Komikergeblüt. Die legendäre Spiegelszene etwa - wer könnte sie nicht lieben?

8/10

Leo McCarey Marx Brothers Slapstick


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FRATERNITY VACATION (James Frawley/USA 1985)


"I'd prefer an ice-cream."

Fraternity Vacation (American Eiskrem) ~ USA 1985
Directed By: James Frawley

Eine Woche winterlicher Partyurlaub lockt - im schönen Palm Springs, wo Sonne, Bier und Bikinis den drei Studentenboys Wendell (Stephen Geoffreys), Joe (Cameron Dye) und Larry (Tim Robbins), genannt 'Mother' lachen. Wendell ist dabei zwar ein elementares Mosaiksteinchen - immerhin lassen seine Eltern (Max Wright, Julie Payne) das Trio in ihrem Appartment hausen -, doch alles andere als unkompliziert: Er hatte noch nie was mit einem Mädchen und interessiert sich mehr für lauwarme Milch und Astronomie. Als Joe und Larry dann noch eine Flachlegewette mit ihren Kommilitonen Chas (Leigh McCloskey) und J.C. (Matt McCoy) eingehen, wird's erst richtig turbulent!

Interessant an all den College Comedies dieser Dekade ist ja vor allem der dargestellte bzw. intensivst suggerierte Status des Studenten: Offenbar sollen da dereinst durchweg instinktgesteuerte Individuen als Sozietätslenker eingesetzt werden, deren Köpfe ausschließlich von vielgestaltigem Suchtdruck und der Angst vor Geschlechtskrankheiten besetzt sind und deren Lebensinhalte ansonsten lediglich Sex, Drogen, Alkohol und miese Popmusik markieren. Das Ende der Reagonomics lag ergo nicht mehr fern, auch wenn danach noch Zeit für eine weitere republikanische Legislaturperiode herrschte: Die Mühlen besonders des amerikanischen Politbewusstseins mahlen bekanntich langsamer denn langsam.
Als spezifisch liebenswert an "Fraternity Vacation" erweist sich indes gleich mehrerlei: Die Besetzung mit durchweg bekannten Achtziger-Antlitzen, die Songs von Bananarama, die abgestandenen Gags und, betreffs der deutschen Fassung, die alberne Elsholtz-Synchro, die um keinen noch so platten Spruch verlegen ist. Was damals an kalifornischen Schönheitsidealen - die Titulierung 'Knochengestell' wäre im Falle Sheree J. Wilson noch geschmeichelt - aufgetischt wurde, macht derweil noch heute staunen. Dafür hüpft immerhin die schöne Barbara Crampton durch die Reihen. Zusätzlich gibt's John Vernon als miesen (erzrepublikanischen) Polizeichief, der bloß dazu da ist, den Jugendlichen den Spaß zu verderben. Da lugt dann auch "Porky's" nochmal durch die Lotterbettspanten.

6/10

James Frawley Teenager Kalifornien Coming of Age


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LIEBE IN 3 DIMENSIONEN (Walter Boos/BRD 1973)


"Da schau - jetzt ficken's."

Liebe in 3 Dimensionen ~ BRD 1973
Directed By: Walter Boos

Die unbedarfte Petra (Ingrid Steeger) kommt zum Wohnungshüten zu ihrer Schwester (Evelyn Raess), die für ein paar Tage nach Afrika muss. Petra staunt nicht schlecht, als sie gewahr wird, dass das Münchener Mietshaus, in dem sie da Station macht, eine wahre Bums-, äh, Hochburg der freien Liebe ist, in der sämtliche Mietparteien betont frivol drauflospimpern was das Zeug hält.

Um meinen von akuter Diarrhoe geschwächten Körper wieder etwas frohgemuter zu machen, gab ich mir dieses rare Kleinod deutscher 3D-Technik, das aus der Produktionsschmiede des bezüglich des Verkaufs nackter Tatsachen findigen Wolf C. Hartwig stammt und erwartungsgemäß exakt so erzählt wird, wie dessen "Schulmädchen-Report"-Streifen, sprich: in episodischer Form, da alles andere sowieso unmöglich ist. So kaut man uns diverse Sex-Klamöttchen vor, deren dramaturgischer Zusammenhalt durch die stets für einen Spruch gute Haushälterin Frau Huber (Rosl Mayr) gwahrleistet wird, die ständig über alles auf dem Laufenden ist, was in ihrer Lasterhöhle von Statten geht und das Ganze auch noch dufte findet. Die 3D-Effekte sind natürlich echte Heuler und beschränken sich auf irgendwelche windigen Zeitlupentricks, in denen etwa ein nackter Hintern vor- und zurückschnellt, ein Hund nach einer Weißwurst schnappt, oder ein Bierhumpen Richtung Kamera ausgeschüttet wird.
Viel interessanter sind da rückblickend die diversen, unübersehbaren Parallelen zum zwölf Jahre später aufgekommenen TV-Dauerbrenner "Lindenstraße" und natürlich die Hartwig-All-Star-Cast mitsamt der Steeger, Christina Lindberg, Elisabeth Volkmann und dem unvermeidlichen Rinaldo Talamonti. Schneenäschen Konstantin Wecker gibt's quasi noch gratis obendrauf.

4/10

3-D Walter Boos Wolf C. Hartwig Sexklamotte München





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Funxton

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