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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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HOW TO GET AHEAD IN ADVERTISING (Bruce Robinson/UK 1989)


"The world is one magnificent fucking shop."

How To Get Ahead In Advertising (Kopf an Kopf) ~ UK 1989
Directed By: Bruce Robinson

Der in einem genialischen Ruf stehende Londoner Werbe-Crack Denis Bagley (Richard E. Grant), bestückt mit einem großzügigen Gehalt und einer schönen Frau (Rachel Ward), ist mit sich und seinem zynischen Leben zufrieden. Bis ihn eine geplante Kampagne bezüglich einer neuen Anti-Pickel-Creme in eine tiefe Schaffens- und Lebenskrise stürzt. Nach einigen absonderlichen Verhaltensausbrüchen wächst Denis, der sich vornimmt, die egomanische Werbebranche hinter sich zu lassen und stattdessen etwas für die globale Entspannung zu tun, auf der rechten Schulter ein Pickel. Nach einigen Tagen fängt dieser an zu sprechen, entwickelt ein Gesicht nebst Schnurrbart, wird immer größer und dabei Denis' Antlitz immer ähnlicher. Schließlich entwickelt sich die Wucherung zu einem zweiten, von intriganten Gedanken beseelten Kopf, der die Rolle mit Denis' ursprünglichem Haupt tauscht und selbiges an seiner Statt entfernen lässt, um dann den Part des früheren Denis zu übernehmen.

Robinsons zweite bizarre Komödie unterstreicht den bereits mit "Withnail & I" von ihm geprägten Eindruck des grenzverrückten Filmkünstlers mit Botschaft. "How To Get Ahead In Advertising" zu kategorisieren erweist sich als praktisch unmöglich; er karikiert gleichermaßen das sich bereits der Dämmerung hingebende Yuppie-Zeitalter der Achtziger, liefert eine kluge Analyse des eine immer unerlässlichere ökonomische Rolle einnehmenden Werbewesens und ist eine freche Horrorkomödie und Jekyll/Hyde-Variation, deren eigenartige Ästhetik vielleicht ein wenig beeinflusst ist von Henenlotters "Basket Case", in dem es im Prinzip ja auch um ein böses Eigenleben entwickelnde Geschwüre geht. "How To Get Ahead" mit seinem wunderbar zweideutigen Titel erklärt uns den Großverdiener seiner Ära als zwangsläufig korruptes Monster, macht mit seiner irrwitzigen Symbolik deutlich, dass jedes Gewissen und jeder Rest Menschlichkeit gnadenlos ausgelöscht werden müssen, wenn man in der Hochfinanz überleben will und kann sich dabei auf einen förmlich berserkernden Richard E. Grant verlassen, der es bewundernswerterweise - wenngleich man darüber wenig verwundert ist - bis heute geschafft hat, ausschließlich in Rollen aufzutreten, denen er selbst etwas abgewinnen kann. Wahnsinnstyp. Der Schlussmonolog gehört mit zum Großartigsten, was gesellschaftskritische Drehbuchkultur in den achtziger Jahren aufzubieten wusste.

8/10

Werbung Bruce Robinson Satire Groteske Parabel London Yuppie


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WIN WIN (Tom McCarthy/USA 2011)


"Shut the hell up, Chewbacca!"

Win Win ~ USA 2011
Directed By: Tom McCarthy

Um sich und seine Kanzlei finanziell gesundstoßen zu können, nimmt der Anwalt, Familienvater und Jugendringer-Trainer Mike Flaherty (Paul Giamatti) die Pflege-Obhut für den seinen im Anfangsstadium dementen Klienten Leo Poplar (Burt Young) an. Mike denkt jedoch gar nicht daran, den knarzigen alten Herrn wie vereinbart in dessen Haus wohnen zu lassen, sondern liefert ihn kurzerhand im nächsten Seniorenheim ab. Als Leos fünfzehnjähriger Enkel Kyle (Alex Shaffer) aufkreuzt, um vorübergehend bei seinem Großvater zu wohnen, gerät Mike in zunehmende Gewissenskonflikte. Er nimmt de Jungen bei sich auf und entdeckt zu seiner großen Begeisterung, dass Kyle ein Ringer-As ist, das seinem Team zu großen Erfolgen verhelfen könnte.

Ein ganz schöner, letzten Endes aber ziemlich egaler Film, der seine Geschichte eher kantenlos über die Runden bringt und dessen betont unspektakuläres Äußeres mich ziemlich gleichgültig zurückließ. So wird kurioserweise die Intention zum Problem: McCarthys Film wappnet sich in all seinem sympathischen Habitus vollkommen gegen jedwede Kontroverse; anstatt sich zwischen Stühle zu setzen, macht er es sich im flauschigsten Sessel bequem. Geliefert wird ein handvoll netter Figuren, deren kleine Exzentrismen sie jeweils zu profilbewährten Typen machen soll und auch macht und der es sich zum Prinzip macht, keinem wehzutun - am wenigsten sich selbst. Das ist alles schön und gut und lässt auch einen bombensicheren Qualitätsfilm erwachsen, läuft jedoch niemals Gefahr, wirklich bewegend oder nachhaltig interessant zu sein. Da hat mir McCarthys wesentlich poetischeres und gleichfalls meditativeres Debüt "Station Agent" um einiges besser gefallen.

6/10

Tom McCarthy Familie Alzheimer Ringkampf


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NUMBER ONE WITH A BULLET (Jack Smight/USA 1987)


"Hi, Speed. How they hangin'?"

Number One With A Bullet ~ USA 1987
Directed By: Jack Smight

Die beiden L.A.-Detectives Barzak (Robert Carradine) und Hazeltine (Billy Dee Williams), Partner und beste Kumpel, versuchen mit allen Mitteln,dem nach außen hin ehrbaren Geschäftsmann DeCosta (Barry Sattels) dessen miese Drogengeschäfte nachzuweisen. Erst ihre harten, teils unkonventionellen Ermittlungsmethoden locken nicht nur DeCosta ins Freie, sondern legen zudem noch eine unerwartete Verbindung von ihm zur obersten Polizeietage offen.

Launiges Buddy Movie, mit dem die Cannon seinerzeit einmal mehr versuchte, sich gemächlich auch ins familientauglichere Genre-Segment vorzuwagen und eines der damals äußerst beliebten, schwarzweißen Buddy Movies unter kompetenter Regie abzuliefern. Der Film ist denn auch absolut ordentlich geraten, trotz vier Schreiberlingen (was normalerweise auf ein sehr inhomogenes Script schließen lässt; darunter war wohl auch James Belushi) mit Herz und lockerer Hand gefertigt und hier und da sehr komisch. Dies gilt auch für die hervorragende deutsche Synchronarbeit. Leider wurden die Bemühungen von Golan und Globus jedoch lediglich aufs Erbärmlichste vom Publikum honoriert, so dass man sich in der Folge flugs wieder aufs politisch unkorrekte Actionsegment verlagerte und noch einige harte Bronson- und Dudikoff-Filme nachlegte, bevor dann ein paar Jahre später endgültig Schluss war mit dem Studio. Heute kennt diesen Film mit seinem etwas sperrigen Titel leider kaum mehr jemand; eine DVD-Veröffentlichung wäre dennoch - oder vielleicht gerade deshalb - nachhaltig begrüßenswert.

7/10

Jack Smight Cannon Buddy Movie Los Angeles


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SUPER (James Gunn/USA 2010)


"Maybe you have to be bored sometimes."

SUPER ~ USA 2010
Directed By: James Gunn

Der gottesfürchtige Hamburgerbrater Frank D'Arbo (Rainn Wilson) entschließt sich eines Tages, als Superheld 'Crimson Bolt' auf Verbrecherjagd zu gehen, primär, um seine von dem Drogengangster Jacques (Kevin Bacon) abgeschleppte und abhängig gemachte Frau Sarah (Liv Tyler) zurückzuerobern. Die durchgeknallte Comicverkäuferin Libby (Ellen Page) hilft Frank als sein Sidekick 'Bolty'.

Nu is' aber bitte mal gut. "SUPER" wäre dann jetzt binnen kürzerer Zeit nach "Defendor" und "Kick-Ass" die dritte (und die zweite vorlagenlose) Filmstory, in der irgendein Simplicissimus und/oder Verlierertyp seinen Brass auf die Welt mit dem Tragen eines Kostüms kompensiert und schließlich auf einen veritablen Gangsterclan losgeht, um wahlweise seine Geliebte herauszuboxen und/oder der Gerechtigkeit (bzw. den Zehn Geboten) genüge zu tun. James Gunn neigt dabei allerdings zur sanften Denunziation seines Helden, dessen eher eingegrenzter Intellekt und lebenslange Erfahrungen mit Bullys jeder Art ihn schwer gottesfürchtig und darüber hinaus auch ein bisschen schizo haben werden lassen. Unter anderem haut Frank D'Arbo einem frechen Kinokassenvordrängler (und seiner Freundin) was mit der Rohrzange auf die Nuss. Vigilantismus ist also mit Vorsicht zu genießen, wie wir lernen. Und überhaupt geht "SUPER", und da hätten wir dann auch seine Qualität und Existenzberechtigung, deutlich schärfer mit dem Thema um als seine beiden "Vorgänger". "Defendor" war im Grunde nichts anderes als die rührselige Geschichte eines sich kostümierenden Forrest Gump, "Kick-Ass" fütterte daraufhin genau jene Publikumsschichten mit Zuckerlis, die Millars Comic noch verächtlich machte. Davon nimmt "SUPER" Abstand: Der erweist sich dann auch eher als kleine, ins Absurde überführte Hommage an ältere Themenbeiträge wie "Death Wish", "Taxi Driver" oder "Exterminator": Wir sind zwar irre, haben aber eine blutige Mission zu erfüllen. Also bitte.

7/10

James Gunn Superhelden Splatter Schwarze Komödie Drogen Satire Comic Groteske


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THE PRINCE AND THE PAUPER (William Keighley/USA 1937)


"Thank you, your majesty."

The Prince And The Pauper (Mit eiserner Faust) ~ USA 1937
Directed By: William Keighley

London, 1537: Zeitgleich mit dem englischen Thronfolger Edward VI (Robert Mauch) wird der bettelarme Tom Canty (Billy Mauch) geboren. Als sich die sich zum Verwechseln gleichenden Jungen im Alter von etwa neun Jahren durch einen ganz profanen Zufall begegnen, schließen sie rasche Freundschaft. Ein dummes Verwechselspiel sorgt dafür, dass sie fortan gezwungenermaßen die Rollen tauschen müssen, eine Situation, die der intrigante Lord Hertford (Claude Rains) trefflich für sich auszunutzen weiß. Während der unbedarfte Tom die Nachfolge des soeben verstorbenen Königs (Montagu Love) antreten soll, lernt der als Bettelknabe lebende Prinz den aufrechten Soldaten Miles Hendon (Errol Flynn) kennen, der ihm schließlich zu seinem Geburtsrecht verhilft.

Launige Twain-Verfilmung, in dem eigentlich gar nicht Flynn, der nach einer knappen Stunde überhaupt zum ersten Mal im Film erscheint, die Hauptrolle gibt, sondern die sympathischen Mauch-Zwillinge, die der alten Weise von den Kleidern, die Leute machen, neuen Zunder geben. Überhaupt nimmt sich diese Verfilmung von "The Prince And The Pauper" ganz als harmloses Familienkino aus und symbolisiert exakt das, was der Hays Code gern in flutender Quantität auf der Leinwand gehabt hätte: Sauberes, antiseptisches Unterhaltungskino, in dem selbst die Bösen (Claude Rains mit Bart und Tudor-Stramplern erkennt man ohnehin kaum) nicht wirklich böse sind und am Ende sogar noch das Weite suchen dürfen. Die schönsten Szenen des Films sind die, in denen der designierte, junge König Mäuschen bei seinen niedersten Untertanen spielen und deren Nöte und Sorgen unverblümt zu Gehör bekommen darf. Solcherlei forcierte Gehirnwäsche täte auch heute noch manchen Herrschaften mehr als wohl...

7/10

William Keighley Renaissance England Mark Twain London Doppelgänger William Dieterle period piece


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FATAL BEAUTY (Tom Holland/USA 1987)


"Don't call me bitch."

Fatal Beauty ~ USA 1987
Directed By: Tom Holland

Detective Rita Rizzoli (Whoopi Goldberg) vom LAPD hat eine ganz persönliche Motivation, mit den Drogengangstern der Stadt aufzuräumen. Dabei sind ihr sowohl ihre locker sitzende Knarre als auch ihr freches Mundwerk jeweils große Hilfen. Als sie den schwerreichen Unternehmer Kroll (Harris Yulin) als einen der Hauptvertreiber des neuen, höchst gefährlichen Rauschgifts 'Fatal Beauty' ausmacht, stehen die Karten für diesen schlecht, besonders, da sich einer seiner Leibwächter (Sam Elliott) mit Rita zusammentut.

Urtypischer L.A.-Actionthriller aus den späteren Achtzigern, mittels dessen nach "Jumpin' Jack Flash" nochmal offensiv-forciert probiert wurde, die damals aufstrebende Whoopi Goldberg als weibliches Eddie-Murphy-Pendant zu hypen. In diesem Falle geht die Tendenz stark in Richtung "Beverly Hills Cop" - wie Axel Foley ist auch Rita Rizzoli als selbstbewusste dunkelhäutige Polizistin der Albtraum aller weißen Mittelstandsamerikaner, sie pflegt zudem ethnische Vorbilder und kombiniert sie mit ihrem eigenen Stil, fährt ein verbeultes altes Cabrio, reißt die Klappe auf bis dorthinaus und ist kaum durch etwas zu stoppen. Dazu gibt es sogar noch Musik von Harold Faltermeyer. Dennoch blieb Hollands auch formal durchaus professionell weithin erfolglos. Zum Einen war der Polizeifilm als Männerdomäne noch nicht reif, von Flippi-Whoopi geknackt zu werden, zum anderen passt das im Grunde harmlose Gusto der Story, das den tausend anderen Buddy Movies dieser und der Folgedekade, von "48 Hrs." bis "Turner & Hooch" entlehnt ist, nicht ganz zu den durchaus nicht jugendfreien, blutigen Shoot-Outs, derer es einige im Film zu bewundern gibt. Zudem gehen einmal kurz alle Lichter aus, als Whoopi ihrem Filmpartner Sam Elliott (das Beste an "Fatal Beauty") ihre schmutzige Vergangenheit beichtet - eine "Color-Purple"-Reminiszenz, die voll daneben liegt. Ansonsten ein guter, gewalttätiger Spaß für alle Freunde polierter, bleigeschwängerter cop movies.

5/10

Tom Holland Los Angeles Drogen Buddy Movie


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BUDDY BUDDY (Billy Wilder/USA 1981)


"Up yours, buster!"

Buddy Buddy ~ USA 1981
Directed By: Billy Wilder

Nachdem er für die Mafia bereits zwei Kronzeugen im Falle eines Immobilienskandals erledigt hat, sollte der dritte ein Kinderspiel sein. Denkt zumindest Profikiller Trabucco (Walter Matthau), der in einem Hotel in Riverside gegenüber vom Gerichtsgebäude eincheckt, um den letzten Denunzianten, Rudy 'Disco' Gambola (Fil Formicola) in aller Ruhe aufs Korn nehmen zu können. Doch ausgerechnet im Zimmer neben ihm quartiert sich der liebeskranke Victor Clooney (Jack Lemmon) ein. Von seiner Frau Celia (Paula Prentiss) verlassen, dauert es nicht lange, bis Clooney den ersten (misslingenden) Suizidversuch unternimmt. Trabucco, der sich durch den Tropf von nebenan empfindlich gestört fühlt, überlegt sich diverse Methoden, denselben loszuwerden - vergeblich. Clooney ist schlimmer als Kraftkleber.

Wilders letzter Film ist das Remake des von Francis Veber geschriebenen "L'Emmerdeur", in dem Lino Ventura und Jacques Brel die Hauptrollen besetzten und den ich dringendst mal wieder schauen muss. Wie in den meisten Fällen, in denen Hollywood hiesig erfolgreich gelaufene Überseefilme für die eigenen Breitengerade neu verfilmte (im Falle Veber ging diese Masche, mit einiger Eigenbeteiligung zudem, sogar in Serie), hält die Zweitadaption des Stoffes dem Original nicht stand. In diesem speziellen Falle ist das um so tragischer, da es sich um den letzten Film des großen Billy Wilder handelt, der für das Projekt nochmal das einst von ihm "kreierte" Dream Team Matthau/Lemmon gewinnen konnte. Neben der Tatsache, dass der Film für viele andere Regisseure ein Adelsprädikat darstellte, stellen "Buddy Buddy" als Wilder-Werk mehrere Faktoren ein Beinchen: Nicht nur, dass es sich um eine dieser arroganten US-Variationen bewährter Stoffe handelt, ist Wilders eleganter Humor 1981 nicht mehr zeitgemäß, wenngleich er verzweifelt versucht, gegen den bedauernswerten Anachronismus seines Stils anzukämpfen. Zehn bis fünfzehn Jahre früher wäre "Buddy Buddy" perfekt aufgehoben gewesen, so wirkt er auf charmante Art und weise obsolet. Wilder wäre nicht wilder, wenn er diese Signale nicht erkannt hätte. So kämpft sein Film nicht nur gegen die Windmühlen der Überkommenheit an, sondern auch gegen eine gepflegte Unmotiviertheit. Als Endpunkt eines brillanten Lebenswerks ist "Buddy Buddy" dennoch hinreichend glänzend, wenn es gewissermaßen auch beruhigt, dass sich Wilder danach selbst das Gnadenbrot verordnet hat. Irrwitzige Höhepunkte des Films sind die Auftritte Klaus Kinskis als Sexologe Dr. Zuckerbrot, der in der Originalfassung ein gnadenlos teutonisch dialektiertes Englisch spricht, in der deutschen Fassung jedoch, was noch sehr viel absurder - und lustiger - wirkt, von F.G. Beckhaus synchronisiert, wild umhersächselt: "Im Folle einor frühzeitschn Äjakülation dengense an wos ganz Prösaisches, züm Beischpl die Nomen dor Sieben Zwärsche äus Schnewitschn."

7/10

Billy Wilder Kalifornien Psychiatrie Suizid Profikiller Francis Veber Remake


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TAKE HER, SHE'S MINE (Henry Koster/USA 1963)


"Shall be."

Take Her, She's Mine (In Liebe eine 1) ~ USA 1963
Directed By: Henry Koster

Das sexuelle Erwachen seiner knapp zwanzigjährigen Tochter Molly (Sandra Dee) wird für den braven Anwalt, Familienvater und Vorsitzenden des örtlichen Erziehungsausschusses, Frank Michaelson (James Stewart) zu einem mittleren Albtraum. Hinter jeder Ecke, in jeder Nische vermutet er die Perversionen des aufkeimenden Jahrzehnts. Zu allem Übel nimmt Molly auch noch mit allerlei Liberalöen an Sit-Ins und Happenings teil, demonstriert gegen die Atombombe und gegen die Zensur der Werke von Henry Miller. Als Frank mit jedem Versuch, seine Tochter Sitte und Anstand zu lehren, selbst in diverse Fettnäpfchen tritt, gibt er sich irgendwann der Situation geschlagen.

Mittlere und nach meinem Empfinden witzigste und schönste der Koster-Johnson-Stewart-Familienkomödien-Trilogie. Jimmy Stewart nimmt sich und seinen damaligen Populaitätsgrad in einem Maße auf die Schippe, wie man es von ihm ansonsten so gut wie gar nicht kennt und tritt in seiner Rolle als Frank Michaelson nur sonnenbebrillt in der Öffentlichkeit, weil ihn jedermann mit "irgendeinem Filmstar" verwechselt. Gar glorios die Finalszene, in der Stewart kostümiert wie ein Jahr zuvor als Trapper Linus Rawlings in "How The West Was Won" ein Kostümfest besucht und sich seine Bekleidung nach und nach in Wohlgefallen auflöst. Das hat selbstparodistische Klasse. Ansonsten mag man von dieser zugegebenermaßen leicht angeschimmelten Art des Humors halten, was man will - als Generationenkonfliktsporträt, das die Zeichen der Zeit nicht nur erkennt und analysiert, sondern zudem sehr hellsichtig und zukunftsweisend interpretiert, ist "Take Her, She's Mine" bei aller bourgeoisen Anbiederung immer noch rundum sympathisch und gelungen.

8/10

Henry Koster Paris Bohéme Sexuelle Revolution Familie Nunnally Johnson


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EVERYTHING MUST GO (Dan Rush/USA 2010)


"You need to put up some curtains, so you don't have to look at your future."

Everything Must Go (Alles muss raus) ~ USA 2010
Directed By: Dan Rush

Nick Halsey (Will Ferrell) wird am gleichen Tag aus seiner gut bezahlten Stellung gefeuert und von seiner Frau vor die Tür gesetzt. Als Alkoholiker, der er nunmal ist, resigniert er zunächst angesichts dieses persönlichen Debakels und setzt sich mittellos zu seinem Kram in den heimischen Vorgarten, um sich dort rund um die Uhr volllaufen zu lassen. Erst ein einsamer Junge (Christopher Jordan Wallace) und eine gegenüber eingezogene neue Nachbarin (Rebecca Hall) lassen ihn neuen Lebensmut schöpfen.

"Loslassen lernen" heißt die goldene, fazitäre Regel in jeder Therapie für Angehörige von Alkohol- und Drogenabhängigen. Dass ebendiese Maxime auch für den primär Betroffenen von einigem Wert sein kann, lehrt Dan Rushs hoffnungsvolleCronik eines angekündigt am Leben Scheiternden. Zwar ist Nick Halsey nicht unbedingt jemand, der jedwede persönliche Krise mit dem Griff zur Pulle beantwortet, aber ein einmaliger Ausrutscher zieht dennoch, wie es bei Süchtigen üblich ist, einen neuen Langzeitbesuch im Sumpf nach sich. Damit ist Nick Halsey die eigentlich höchst unkomische Konterkarierung von Will Ferrells sieben Jahre zuvor unterwegs Befindlichem, unheilbar postpubertärem Frank "The Tank" Ricard, der in "Old School" die existenzielle Konsequenz zog, dass ein Erwachsenwerden, oder eben ein "Loslassen" von liebgewonnenen, ungesunden Gewohnheiten einen nicht unbedingt glücklicher machen muss. Irgendwann, früher oder später, ist eine finale Absage an die eine oder andere im Leben aber meist doch Tagesordnung, sonst geht man halt vor die Hunde. Diese Maßregel mag wenig sympathisch, geschweige denn libertinär sein, ist in unserer Maß- und Haudraufgesellschaft aber leider ein unliebsames Obligatorium, soviel erkennt, mit einigem Bedauern, auch "Everything Must Go" Als Nick Halsey später von ein paar weiteren Hiobsbotschaften nochmals in den Staub seiner Lebenstrümmer getreten wird und dann wehmütig an seinem Minimart vorbeiläuft, ohne hineinzugehen und sich die üblichen zwei Sechserpacks zu besorgen, zeugt von größtmöglicher Stärke und lässt sich durchaus als großer Silberstreif am Horizont begreifen, auch wenn Rush uns am Ende, Hand in Hand mit seinem Protagonisten in eine gehörig ungesicherte Zukunft entlässt.
Dass Ferrell indes den Mut aufgebracht hat, mal nicht den Spinner zu geben, der seine große Mittlebenskrise nur als Ausflucht für einen neuerlichen, infantilen Regress nutzt, macht staunen. Das heißt aber nicht, dass ich ihn demnächst nicht doch gern wieder in alter Form sähe. Aber "Casa De Mi Padre" ist ja schon unterwegs.

8/10

Dan Rush Arizona Sucht Vorort Alkohol Will Ferrell


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A DAY AT THE RACES (Sam Wood/USA 1937)


"Either he's dead or my watch has stopped."

A Day At The Races (Die Marx Brothers: Ein Tag beim Rennen) ~ USA 1937
Directed By: Sam Wood

Das von der jungen Judy (Maureen O'Sullivan) ererbte Sanatorium steht kurz vor der Pleite. Letzte Hoffnung ist die wohlhabende Hypochonderin und Witwe Mrs. Upjohn (Margaret Dumont), deren Milliönchen Judy und ihr Kurzentrum vor dem Ruin retten könnten. Dagegen arbeitet Judys zwielichtiger Buchhalter Whitmore (Leonard Ceeley), der mit dem zwielichtigen Rennstallbesitzer Morgan (Douglas Dumbrille) finstere Plänchen im Hintergrund schmiedet. Glücklicherweise ist bald der von Mrs. Upjohn in höchsten Tönen gelobte Dr. Hackenbush (Groucho Marx), in Wahrheit Pferdedoktor und Hochstapler, zur Stelle, um der netten Dame einen Heiratsantrag sowie sämtliche Krankheitsdiagnosen anzudichten, die sie hören möchte. Ferner sind Judy ihr Hausfaktotum, der freche Tony (Chico Marx), der Jockey Stuffy (Harpo Marx) und das Springpferd Hi Hat behilflich, ihr finanzielles und privates Glück zu erhalten.

Die Rückseite der Marx-/Wood-/Thalberg-Dublone nach "A Night At The Opera". Konzeptionell nahezu identisch gestaltet, gibt es in "A Day At The Races" jeweils eine Neuauflage sämtlicher Highlights des Vorgängerfilms, wobei auch hier diverse im Vorhinein angestellte Vaudeville-Studien der Brüder maßgeblich zur Feinjustierung und zum Gelingen der Gags im Film beitrugen. Die chaotische Ausreizung ohnehin bereits vollkommen verrückter Sequenzen wie der, in der Hackenbush von Tony lediglich einen codierten Renntipp erwerben will und am Ende mit einer Wagenladung Telefonbücher dasteht oder jener, in der Mrs. Upjohn von einem "richtigen" Arzt (Sig Ruman) untersucht werden soll, um ihre eigentlich völlig intakte Gesundheit nachweisen zu können und Hackenbush einen wahren Höllenzirkus entfesselt, nur, um dies zu verhindern. Aufwändiger Gipfel des Ganzen ist die furiose Abschlussszene, in der die drei Brüder mit vereinten Kräften den Start des Rennens hinauszögern, um die Teilnahme von Hi Hat zu ermöglichen. Erneut eine an Höhepunkten nicht arme Revue des anarchischen Humors, die lediglich durch ihren unvermeidlichen Status als "Autoplagiat" eine gewisse qualitative Einschränkung erfährt.

8/10

Marx Brothers Sam Wood Florida Pferderennen Sanatorium Slapstick Hypochondrie Medizin





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Funxton

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