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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE GREAT MCGINTY (Preston Sturges/USA 1940)


"How do I get the bucks?"

The Great McGinty (Der große McGinty) ~ USA 1940
Directed By: Preston Sturges

Der obdachlose Dan McGinty (Brian Donlevy) lässt sich mit der Unterstützung eines ebenso gierigen wie herzlichen Gangsterbosses (Akim Tamiroff) zur politischen Größe aufplustern. Er findet sein privates Glück und bringt es schließlich bis auf den Sitz des Gouverneurs - doch der sich anschließende Fall ist schnell und tief: just in dem Moment, als er sich entschließt, endlich amtliche Verantwortung für zu übernehmen, wird McGinty in einer verjährt geglaubten Korruptionsgeschichte entlarvt und kann den Gesetzeshütern nur mit Mühe und Not entkommen.

"The Great McGinty" bildet einen elementaren Schritt im Studiokino - nicht nur, dass er den Autoren eine neue Form der Beachtung verlieh, er etablierte auch den später gängigen "written and directed by..." - credit. Für den bereits als Scriptautor erfolgreichen Preston Sturges bedeutete "The Great McGinty" sein Regiedebüt und damit zugleich das als veritabler Autorenfilmer, der sich hinter Kollegen wie Wilder, Lubitsch oder Capra keinesfalls zu verstecken brauchte. Dass eine "rise-and-fall"-Satire wie diese; clevere und warmherzige Komödie, Moralstück unter trutzigem Verzicht auf ein waschechtes Happy End sowie symbolisch hochgereckter Mittelfinger in einem, ein nach wie vor so sträflich unbekanntes Dasein fristen muss, darf als grobe Fahrlässigkeit filmhistorischer Aufklärung gewertet werden.
Umso schöner, wichtiger und bedeutsamer, dass jetzt das Label "Cine Qua Non" der Hebung dreier Sturges-Schätze verantwortlich zeichnet, die den aufgeweckten Cineasten beinahe schon zum Erwerb verpflichten. Mehr in Kürze.

9/10

Satire Politik Screwball Preston Sturges


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SCRE4M (Wes Craven/USA 2011)


"One generation's tragedy is the next one's joke."

Scre4m ~ USA 2011
Directed By: Wes Craven

Lange nach der letzten um sie herum veranstalteten Mordserie kehrt die leidgeprüfte Sidney Prescott (Neve Campbell) in ihr Heimatstädtchen Woodsboro zurück, ihr autobiographisches Buch zu promoten. Dewey (David Arquette) ist mittlerweile der lokale Sheriff und Gale (Courtney Cox) seine Angetraute. Zugleich nähert sich der Jahrestag der ersten Morde der "Ghostface-Killer", als die ihrerzeit Sidneys Freunde Billy und Stu entlarvt werden konnten. Prompt macht sich ein neuer Maskenmann auf, die Teenager der örtlichen Highschool zu dezimieren - mit beachtlichem Erfolg. Der Killer nimmt auch Kontakt zu Sidney auf und hat offenbar im Sinn, primär sie zu schädigen...

Analog zur jeweiligen Genre-Bestandsaufnahme wurde es fast schon zwangsläufig Zeit für ein neues "Scream"-Sequel, das seine Fortsetzungsnummer mittels cleverer Semiotik im Titel des Originals unterzubringen weiß. Es geht nämlich um den genrespezifischen Remakewahn der letzten Dekade, der nahezu jedem wesentlichen Horrorklassiker der siebziger und achtziger Jahre eine Neuauflage spendiert hat - ein kommerziell einträgliches Geschäft, das sich ferner auch trefflich zu kultureller und demografischer Analyse eignet. Kevin Williamson widmete genau diesem Topos ein wie gewohnt intelligentes, selbstreflexives Script, mit diversen Kleinstdiskursen, Seitenhieben und Querverweisen. "Scre4m" ist somit in erster Linie ein Drehbuchfilm, dessen Regie im Prinzip der Beliebigkeit anheim fallen gelassen werden konnte, was denn auch weitgehend eintraf. Die Reihe ist immer noch Cravens inszenatorisches Baby, aber der Mann ist nunmal nicht mehr der Jüngste und lässt es etwas an Kraft und Volumen mangeln. Dennoch scheint mir "Scre4m" der nach dem Original bis dato am Trefflichsten gelungene Teil der Serie, ganz einfach deshalb, weil er sich einen perfekten Zeitpunkt für seine Entstehung ausgewählt hat.

7/10

Wes Craven Slasher Sequel Kalifornien Film im Film Serienmord Satire Kevin Williamson


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VERY BAD THINGS (Peter Berg/USA 1998)


"We're fucked."

Very Bad Things ~ USA 1998
Directed By: Peter Berg

Ein von seinen vier besten Kumpels (Christian Slater, Leland Orser, Jeremy Piven, Daniel Stern) organisierter, alkohol- und drogenseliger Junggesellenabschied in Vegas zu Ehren des bald heiratenden Kyle Fisher (Jon Favreau) endet in einer Katastrophe: Die angeforderte Nutte (Kobé Tai) kommt bei einem koitalen Unfall ums Leben und die anschließende Vertuschung der Sache erfordert ein zusätzliches Mordopfer in Form eines allzu neugierigen Security-Beamten (Russell B. McKenzie). Kurzerhand werden die beiden Toten zersägt und in der Wüste Nevadas verscharrt. Da die Freunde mit dem psychischen Druck der sich zwangsläufig anschließenden Geheimhaltung ihrer Bluttat nicht zurecht kommen, schließen sich bald weitere Unfälle und Todesfälle an...

Die Vokabel 'Geschmackssicherheit' ist dem Autorendebüt des zuvor als Darsteller tätigen Peter Berg außerordentlich fremd: Hier wird geholzt, was die Hütte hergibt und junge Männer, deren psychische Disposition ohnehin bereits schwer im Argen scheint, werden zu wahren Berserkern. Dabei bezieht sich der "Ungeheuerlichkeitsfaktor" allerdings weniger auf seine Visualisierung als vielmehr auf die pietätbefreite, laxe Moral des Dargebotenen. Dass "Very Bad Things" wohl letzten Endes unter jene Kategorie Film fält, die um diese Zeit gern und abschätzig als "Taranteenie" bezeichnet wurde, muss sich Berg dabei allerdings auf ewig gefallen lassen. Im Prä-"Pulp Fiction"-Zeitalter jedenfalls wäre sein Film, in dem Gewalt, Mord, Tod und ähnlich finstere existenzielle Entitäten zu witzigen Nebensächlichkeiten degradiert werden, zumindest in seinem Herstellungsland mit Verständnislosigkeit und Kopfschütteln rezipiert worden - nun jedoch vermochte man die satirische, groteske Qualität dieser Darstellungsform abzuschätzen und mancherorts gar zu würdigen.
Nun ist "Very Bad Things" aber auch ein Film mit einer eher geringen Halbwertszeit, da er sehr mit den affektgesteuerten Momenten kurzzeitiger Überraschung und reaktiven Staunens operiert, die entweder nur solitär oder mit großem Abstand hinreichend tragfähig sind. Immerhin - etwas besseres hat Berg, mittlerweile als zuverlässiger Auftragsegisseur hochbudgetierter Mainstreamware im Einsatz, bis dato auch nicht zustande gebracht.

7/10

Las Vegas Los Angeles Feundschaft Drogen Kokain Junggesellenabschied Schwarze Komödie Peter Berg Alkohol Groteske Satire


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THE LAST SUPPER (Stacy Title/USA 1995)


"I say we bury the cracker and have dessert."

The Last Supper ~ USA 1995
Directed By: Stacy Title

Ein gewalttätig endender Abend mit dem faschistoiden Hillbilly Zach (Bill Paxton) bringt den fünf Studierenden und WG-Genossen Luke (Courtney B. Vance), Jude (Cameron Diaz), Pete (Ron Eldard), Marc (Jonathan Penner) und Paulie (Annabeth Gish) die Erleuchtung: Warum nicht einmal allsonntäglich unverbesserliche Reaktionäre, Bildungsferne und Aliberale zum Dinner einladen und ihnen, sofern sie nicht bereit sind, ihre Perspektive zu erweitern, per vergiftetem Wein das letzte Abendmahl kredenzen? Schließlich muss man für seine Ideale kämpfen und man ist sich einig, dass, wäre man seinerzeit ähnlich mit dem jungen Hitler und ähnlichen Globaltyrannen verfahren, die Weltgeschichte sich sehr viel vorteilhafter entwickelt hätte. Auf der Gästeliste stehen unter anderem Abtreibungsgegner, Frauenfeinde, Extremisten und schwulenfeindliche Geistliche, während der Garten hinterm Haus sich zu einem Massengrab und einem Paradies für fleischige Tomaten entwickelt...

Möglicherweise hat Dan Rosen, der Sctiptautor von "The Last Supper", Stephen Kings "The Dead Zone" gelesen oder Cronenbergs Adaption desselben gesehen, denn auch hier steht die hypothetische Frage danach, welche Attentatsmöglichkeiten sich mittels einer Zeitmaschine ergäben, im Zentrum der Protagonistenmotivation. Allerdings verfügen die fünf Scharfrichter aus "The Last Supper" nicht über die hellseherischen Fähigkeiten eines Johnny Smith - ihre politisch gefärbten Attentate ergeben sich aus einer letzten Endes nachhaltig gestörten Liberalität heraus, die sie übersehen lässt, dass ihre Polit-Euthanasie sie selbst zu fürchterlichen Faschisten werden lässt. Als sie dann ihr "Hauptziel", den rechtslastigen Republikaner Arbuthnot (Ron Perlman) am Tisch sitzen haben, erweisen sie sich als zu kurzsichtig und zu wenig listenreich, um der Welt wirklich etwas "Gutes" zu tun.
Eine nette Idee, durchaus nett umgesetzt - mit einer solchen, etwas schwammigen Kategorisierung muss sich die spärlich arbeitende Regisseurin Stacy Title wohl zufrieden geben. Die Inszenierung ist eine genuin weibliche und kann auf bestimmte, ortsfremde Details schlichtweg nicht verzichten. Immer wieder wird die cStringenz der Story durchbrochen von Szenen, bei deren Betrachtung man sich fragt, welchen verfluchten Zweck sie denn wohl erfüllen mögen, etwa, wenn die Kamera sich am Waschbrettbauch des stets lieblich von ihr umspielten Jonathan Penner delektiert. Ich hoffe, ich wede nicht demnächst zum Abendessen eingeladen, aber ich behaupte mal mit misogyner Dreistigkeit: Ein Mann hätte das besser hinbekommen. He.

6/10

Stacy Title Essen Satire Groteske WG Schwarze Komödie


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DEAR BRIGITTE (Henry Koster/USA 1965)


"'Fromage' is French for 'cheese'."

Dear Brigitte (Geliebte Brigitte) ~ USA 1965
Directed By: Henry Koster

Dass sein achtjähriger Sohnemann Erasmus (Bill Mumy) es überhaupt nicht mit schöngeistigen Disziplinen hat, sondern stattdessen ein Mathematik-Genie ist, passt dem zerstreuten Poeten und Literaturprofessor Leaf (James Stewart) überhaupt nicht in den Kram. Vor allem, dass sich plötzlich alle Welt für das kleine Zahlenwunder begeistert und es für persönliche Zwecke einzuspannen versucht, wurmt den Professor enorm. Als sich herausstellt, dass 'Ras' auch eine todsichere Technik hat, die Wahrscheinlichkeitsgewinner bei Pferderennen vorauszusagen, ergibt sich für Professor Leaf zumindest die Gelegenheit, seinem Filius den Herzenswusch zu erfüllen, einmal die von ihm heißblütig bewunderte Brigitte Bardot zu treffen.

"Dear Brigitte" ist so bieder, dass er auch als deutsches Wirtschaftswunderkino durchgehen könnte, wären da nicht die gescheite Regie Kosters und natürlich der ergraute Jimmy Stewart. Letzterer wiederholt nochmal fast exakt seine Rolle aus "No Highway", sogar erneut mit seiner damaligen Partnerin Cyril Johns an seiner Seite. Mit der einzigen Ausnahme, dass die beiden klugen Köpfe Honey und Leaf ihr Wissensmetier trennt, könnte "Dear Brigitte" auch als verspätetes Sequel des vierzehn Jahre älteren Films durchgehen. Liebhaber desselben dürften ergo auch für den freundlichen "Dear Brigitte" einiges an Sympathie erübrigen, wenn auch die zunehmende, spießige Oberflächlichkeit, mit welcher derlei Kino damals gemacht wurde, symptomatisch ist für die Ideenlosigkeit und den abnehmenden Einfluss der großen Studios. "Dear Brigitte" ist ergo ein zwiespältiger Film - zum Einen recht liebenswert, zum anderen ein untrügliches Indiz dafür, dass es allerhöchste Zeit wurde für frisches Blut in Form der dräuenden Kulturrevolution.

6/10

Henry Koster San Francisco Wunderkind Familie Nunnally Johnson


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MR. HOBBS TAKES A VACATION (Henry Koster/USA 1962)


"First an albino and now a pygmy!"

Mr. Hobbs Takes A Vacation (Mr. Hobbs macht Ferien) ~ USA 1962
Directed By: Henry Koster

Das Ehepaar Hobbs (James Stewart & Maureen O'Hara) macht Urlaub in einem maroden Ferienhäuschen am nordkalifornischen Strand. Nicht nur die Baufälligkeit ihrer Wohnstatt macht ihm dabei zu schaffen, sondern auch die problembehafteten vier Kinder, die nicht minder problembehafteten Enkelkinder und Schwiegersöhne sowie der potenzielle zukünftige Chef (John McGiver) eines (Josh Peine) der beiden letzteren.

Nach einer elfjährigen Pause, in der Henry Koster unter anderem damit beschäftigt war, für sein Vertragsstudio Fox biblische Stoffe sowie den ersten CinemaScope-Film zu inszenieren, fand er wieder mit James Stewart zusammen und machte mit ihm drei leichte Familienkomödien in Folge, die zusammen eine nette kleine Anthologie des unbeschwerten, belanglosen Mainstream-Unterhaltungskinos kurz vor dem Zusammenbruch des Studiosystems ergeben. Der erste davon, "Mr. Hobbs Takes A Vacation", ist zugleich der beste; eine en gros zwar zahnlose, zuweilen jedoch auch spitzzüngige Satire, in der die Unwägbarkeiten der Außenwelt tatsächlich nie die Bastion 'Familie' bedrohen und in der sich, trotz anderslautender Tendenz zu Beginn - am Ende alles zum Besten fügt, natürlich, weil der so heldenhafte wie erfahrene Familienvater Hobbs/Stewart jedwedes Kind zu schaukeln weiß. Dem zuzuschauen ist jedoch auch eine Art von Seelenbalsam - es gibt zuweilen herzhaft etwas zu lachen, wofür primär John McGiver als in einer für ihn typischen Rolle als kauziger Unternehmer verantwortlich ist. Besonders hierzulande hat sich "Mr. Hobbs" für mehrere Generationen als TV-Evergreen hervortun können - nun ist er nach langer Wartezeit zusammen mit "Dear Brigitte" endlich auf DVD erschienen.

8/10

Henry Koster Kalifornien Ferien Satire Familie Nunnally Johnson


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HARVEY (Henry Koster/USA 1950)


"I've wrestled with reality for 35 years, Doctor, and I'm happy to state I finally won out over it."

Harvey (Mein Freund Harvey) ~ USA 1950
Directed By: Henry Koster

Seine Schwester Veta (Josephine Hull) schämt sich seinetwegen in Grund und Boden, dabei ist Elwood P. Dowd (James Stewart) vermutlich einer der nettesten Menschen der ganzen Welt. Lediglich eine winzige Seltsamkeit zeichnet ihn aus; er hat nämlich einen für die allermeisten Anderen unsichtbaren Freund, der ihn auf Schritt und Tritt begleitet, den 2 Meter 10 (undeinhalb) großen Hasen 'Harvey'. Genauer gesagt ist Harvey gar kein Hase, sondern ein 'Pooka', ein keltisches Wesen, das ausschließlich auserwählten Menschen, Träumern und seiner Anwesenheit 'Bedürftiger' erscheint.
Als Veta Elwood entmündigen lassen und in ein Sanatorium einweisen lassen will, bedarf es einiger urkomischer Wendungen, bis sie sich eines Besseren belehren lässt.

Kosters wunderbar philosophische Komödie stellte die erste von insgesamt fünf Zusammenarbeiten mit dem all american actor James Stewart vor. Abgesehen von seiner phantastischen Prämisse steht "Harvey" dabei ganz im Zeichen der Filme Frank Capras, in denen ja auch und wiederum Jimmy Stewart oder Gary Cooper wahre Volkshelden zu verkörpern pflegten, die demonstrierten, dass bereits ein gutes Herz und dessen adäquate Verwendung einen der weltgrößten Schätze symbolisieren. Ein solches besitzt auch Elwood P. Dowd, der in seinem Leben offenbar große Schmerzen durchlitten hat, bevor ihm Harvey begegnet ist um ihn auf den Pfad der inneren Ausgeglichenheit zu führen. Vielleicht war Elwood P. im Krieg, vielleicht hat ihn eine Frau betrogen, vielleicht war ihm das Schicksal auch in einer ganz anderen Form abhold. In jedem Falle muss er wohl einst ein frustrierter Bildungsbürger gewesen sein, der nunmehr das Glück hat, von einer umfangreichen Erbschaft zu leben und sich jeden Tag einen bis zehn Martinis "lüpfen" zu können (in diesem Zuge sei der wundervollen deutschen Fassung mit Viktor De Kowa auf Stewart eine Lanze gebrochen, die mit "einen lüpfen" eine der charmantesten Umschreibungen für etwas eigentlich ganz und gar Uncharmantes entwickelt hat), seine Mitmenschen mit seinem liebenswerten Wesen aufzuwärmen und eben sich und sie mit Harveys Gesellschaft zu erfreuen.
Eine von Stewarts allerschönsten, sozusagen definitorischen Rollen, ein authentisches Hohelied auf Phantasie und den existenziellen Geist alltäglicher Freundlichkeit und natürlich darauf, sich mal in Ruhe und guten Gewissens einen lüpfen zu können.

9/10

Psychiatrie Mary Chase based on play Henry Koster


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SYNECDOCHE, NEW YORK (Charlie Kaufman/USA 2008)


"Well, fuck everybody. Amen."

Synecdoche, New York ~ USA 2008
Directed By: Charlie Kaufman

Während der Vorbereitungen zu seiner Adaption von Millers "Death Of A Salesman" ereilt den Theaterregisseur Caden Cotard (Phillip Seymour Hoffman) ein nervöses Leiden, das sich zu Beginn dergestalt äußert, dass bestimmte Körperfunktionen - so die Speichelproduktion und die Pupillenerweiterung bei Lichteinfluss - ausgebremst werden, später jedoch noch illustrere Symptome zeigt. Damit einhergehend wendet sich seine Frau (Catherine Keener) von ihm ab und zieht in eine Berliner Bohèmien-WG, um dort ihrer Kunst der Miniaturölmalerei nachzugehen. Das vierjährige Töchterchen Olive (Sadie Goldstein) nimmt sie einfach mit. Den Gewinn des just gewonnenen, hoch dotierten MacArthur-Preises nutzt Caden derweil, zur Anmietung einer alten Kaufhalle, wo sein neuestes Stück spielen soll - eine Eigenkreation, die, soviel weiß Caden sogleich, zur Aufarbeitung seines Seelenschmerzes dienen soll. Die Vorbereitungen für das Stück umfassen schließlich Jahrzehnte, werden immer gewaltiger und epischer, bis Kunst und Realität ineinander zerfließen, sich nicht mehr unterscheiden lassen; bis Cadens Leben zu seinem Stück geworden ist - und umgekehrt.

Eine gewaltige Meditation darüber, wie Kunst und Realität sich wechselseitig beeinflussen; im Prinzip eine logische Wahl für Kaufmans Regiedebüt. "Synecdoche, New York" schlägt einen Pfad ein, dem vermutlich kein anderer Metteur-en-scène mehr folgen kann als Kaufman selbst; hier sind selbst ein Jonze und ein Gondry passé - von einem Clooney gar nicht zu reden. Die Metalepsen seiner bisherigen Filme, die jeweils einer seelischen und/oder narrativen und /oder dramaturgischen Transzendierung dienten, zerfließen nun endgültig zu einem lustvoll-surrealen Potpourri und machen es dem Zuschauer nicht leicht, den Überblick über sie zu behalten. Aber darin liegt auch der Zweck des Dargestellten; Caden Cotard verliert ja selbst den Überblick und es geht auch ums Überblick-Verlieren und dass man den Mut dazu haben soll, sich an der Nase fassen und daran geradewegs durch die determinierte Ungeheuerlichkeit ziehen zu lassen. "Synecdoche, New York" erscheint zuweilen selbst wie gefilmtes Improvisationstheater, als habe Kaufman sich sein Buch täglich autark weiterentwickeln lassen, ähnlich wie Cotards Stück, das irgendwann alle inneren und äußeren Begrenzungen hinter sich lässt. Am Ende gibt's dann einen Krieg; wohl, weil ausgedehnte Biographien irgendwo in ihrem Ablauf immer einen Krieg verzeichnen müssen.
Fragt sich wie's für Kaufman von hier an weitergehen soll und ob er überhaupt noch etwas zu sagen hat nach einem solch definitiven künstlerischen Statement. Wir warten. Warten auf Cotard. Verzeihung, Charlie. Kaufman.

9/10

Surrealismus Charlie Kaufman Theater New York Berlin Zukunft Bohème Biopic Groteske


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ETERNAL SUNSHINE OF THE SPOTLESS MIND (Michel Gondry/USA 2004)


"Constantly talking isn't necessarily communicating."

Eternal Sunshine Of The Spotless Mind (Vergiss mein nicht!) ~ USA 2004
Directed By: Michel Gondry

Aus verschmähender Rache an seiner Ex-Freundin Clementine (Kate Winslet), die zuvor denselben Schritt unternommen hat, wendet sich der Angestellte Joel Barish (Jim Carrey) an die Firma 'Lacuna Inc.', die damit wirbt, ihren Kunden Gedanken an unliebsame Personen oder Ereignisse vollständig aus dem Gedächtnis zu löschen und somit ein unkomlizierteres Leben zu ermöglichen. In einer wie üblich nächtlichen Aktion nehmen sich zwei Mitarbeiter (Mark Ruffalo, Tobey Maguire) also das Hirn des schlafenden Joel vor, dessen Unterbewusstsein sich jedoch stark zu wehren beginnt gegen die bevorstehende Zwangs-Amnesie. Schließlich müssen sowohl Joel als auch Clementine lernen, dass Gehirne sich vielleicht austricksen lassen, Herz und Schicksal jedoch (noch) nicht.

Ein - darf man's überhaupt so formulieren ohne rot zu werden? - typischer Kaufman, der sich diesmal der Mental-Science-Fiction eines Phillip K. Dick befleißigt, um sein wiederum metaleptisches Storykonstrukt zu installieren und damit einmal mehr bahnbrechendes Erzählkino zu liefern. "Eternal Sunshine" beginnt mit einer Vorausblende, die bereits vorwegnimmt, dass am Ende eine glückliche conclusio wartet, nachdem zuvor die tragikomische Leidensgeschichte eines hirninternen Beziehungs-Aborts vorgenommen werden muss. So steht denn auch die Flucht Joels durch die Windungen seines Geistes und seiner Erinnerungen im dramaturgischen Vordergrund; er versucht, Clementine überall dort zu verstecken, wo die Gedächtnisklempner von Lacuna nicht hinfinden, doch ist die organische Topographie eines Hirns leider wesentlich überschaubarer als die grenzenlose Imaginationsbefähigung des menschlichen Geistes. Am Ende wird zwar Joels Kopf ein Schnippchen geschlagen, nicht jedoch der längst existenten Seelenverwandtschaft zwischen ihm und seiner Clementine, die trotz entlarvend-gehässiger Audio-Cassetten (!) mit gegenseitigen Hasstiraden startklar sind für einen Neuanfang wider (?) aller Vernunft.
Ich mag die beiden Zusammenarbeiten von Gondry und Kaufman nicht so sehr wie die von Jonze und Kaufman, da letztere mir nicht nur wagemutiger erscheinen, sondern sie mich auch an intellektuell und emotionalio deutlich erregbareren Punkten zu treffen vermögen. Dennoch hat "Eternal Sunshine" natürlich seine spezielle Poesie, seinen speziellen Reiz und lohnt nicht zuletzt deshalb, weil er Carrey und Winslet einmal recht weit außerhalb ihrer üblichen Bahnen präsentiert.

8/10

Michel Gondry Amnesie New York Charlie Kaufman


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ADAPTATION. (Spike Jonze/USA 2002)


"You are what you love, not what loves you."

Adaptation. (Adaption.) ~ USA 2002
Directed By: Spike Jonze

Der Drehbuchautor Charlie Kaufman (Nicolas Cage) erlebt eine böse midlife crisis. Während sein Script zu "Being John Malkovich" verfilmt wird, erhält er den Auftrag, das nächste Drehbuch zu verfassen - eine Adaption von Susan Orleans' (Meryl Streep) teilbiographischem Porträt "The Orchid Thief". Darin geht es um den in Florida lebenden Orchideenzüchter John Laroche (Chris Cooper), der auf ein höchst interessantes Leben nebst außerordentliche Kenntnissen in diversen Fachgebieten zurückblicken kann und dem die Autorin auf eine seltsame Weise verfallen zu sein scheint. Über die Lektüre des Buchs gerät Charlie in eine mittelschwere Schaffenskrise, die sich noch dadurch intensiviert, dass sein extrovertierter Zwillingsbruder Donald (Nicolas Cage) auch mit dem Scriptschreiben anfängt, als erstes einen konventionellen Serienkillerfilm ersinnt und damit gleich einen Volltreffer landet.

Das muss man sich mal vorstellen: Einen Film über seine eigene Entstehung zu machen, diesen mit fiktionalen Elementen anzureichern und somit einen ganzen Fächer sich überlappender Realitätsebenen zu präsentieren - etwas so Waghalsiges schafft in mittels einer solch gleichermaßen intellektuellen Schlüssigkeit und eleganten Emotionalität wohl nur ein Charlie Kaufman. Ich bin geneigt, "Adaptation" als sein bisheriges Meisterstück zu bezeichnen; die zutiefst ergreifende, einem kompromisslosen Seelenstriptease gleichzusetzende Achterbahnfahrt in die Gefühlsklause dieses rätselhaften Menschen, der sogar soweit geht, für einen/diesen Film einen den kompletten Widerpart seiner Selbst symbolisierenden Zwillingsbruder zu ersinnen und auch gleich wieder ins Jenseits zu schicken, womöglich nur, weil ein Seminare abhaltender "Drehbuchfachmann" (Brian Cox) dazu rät, Ereignisse walten zu lassen. Und dann Nicolas Cage in dieser monolithischen (oder besser: stereolithischen) Performance als Zwei-Seiten-Medaille. Spätestens nach dem Genuss seiner hiesigen Darbietung kann man jede seiner Action- und Bruckheimerrollen nurmehr als Finanzbettung und offensive Selbstsatire begreifen. Spike Jonzes Inszenierung schließlich krönt das Ganze zu jenem glücksfälligen, überwältigenden Kunstwerk, dass es am Ende werden konnte, weil praktisch alle Beteiligten wirklich ausnahmslos Zenitleistungen darboten. "So happy together..."
Vollkommen überwältigend.

10/10

Spike Jonze Charlie Kaufman Film im Film Hollywood Biopic Zwillinge Pflanzen Sumpf Florida Los Angeles New York Drogen Groteske





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Funxton

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