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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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THE MEN (Fred Zinnemann/USA 1950)


"Go out! Live your life!"

The Men (Die Männer) ~ USA 1950
Directed By: Fred Zinnemann

Ken Wilcheck (Marlon Brando) ist einer von zahlreichen Kriegsveteranen, denen im Krieg der Rücken zerschossen wurde und der dadurch im Rollstuhl gelandet ist. Fast noch schlimmer als die physischen Narben erweist sich jedoch der ihn rapide verlassende Lebensmut. Ken zieht sich völlig in sich zurück und wird zum schweigsamen Eigenbrötler. Erst der Kontakt zu anderen, vom selben Schicksal gebeutelten Patienten und der unermüdliche Kampf seiner Verlobten Ellen (Teresa Wright) um seine Liebe richten Ken nach einigen herben Rückschlägen schließlich langsam wieder auf.

Nach Wylers mitreißendem "The Best Years Of Our Lives", ebenfalls mit der bezaubernden Teresa Wright, ein weiteres Kriegsheimkehrer-Drama, diesmal jedoch deutlich konzentrierter umrahmt und nicht episch, sondern als Kammerspiel angelegt. Brando, dessen Leinwanddebüt der Film ist, wirft gleich ein gutes Pfund seiner Kunst in die Waagschale und zurrt sogleich seinen zukünftigen Ruf als 'angry young man' fest: Als unnahbarer Versehrter, der parallel zum Verlust seiner Beinmuskulatur verlernt hat, sich selbst zu lieben, gibt er einen der beeindruckendsten Schauspiel-Einstände, die ich kenne. Nach Monty Clift in "The Search" war Brando somit bereits der zweite Jungakteur seiner Generation, dem Zinnemann ein Sprungbrett darbot - interessanterweise wieder in einem Nackkriegsdrama.
Der mit knapper Erzählzeit gefasste Film steht und fällt mit den beeindruckenden Darstellern; neben Brando sind das auch die famos aufspielenden Everett Sloane, Jack Webb und eine Teresa Wright, die sieben Jahre nach "Shadow Of A Doubt" wirkt, als sei sie um das Doppelte gereift. Zinnemann indes nimmt sich zugunsten der dramatischen Kraft seiner Geschichte vollkommen zurück und agiert vollends als "unsichtbarer" Regisseur. Das wäre wohl das von jedweder Eitelkeit befreite Genie eines Meisters.

9/10

Fred Zinnemann Stanley Kramer Veteran Los Angeles


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TARZAN'S DESERT MYSTERY (William Thiele/USA 1943)


"Oh no! You ruined my number!"

Tarzan's Desert Mystery (Tarzan, Bezwinger der Wüste) ~ USA 1943
Directed By: Wilhelm Thiele

Von der als Feldschwester in Burma tätigen Jane erhalten Tarzan (Johnny Weissmuller) und Boy (Johnny Sheffield) den Auftrag, ein seltenes Antidot zu besorgen, das ausschließlich aus in einem entlegenen, teils von prähistorischen Tieren bevölkerten Dschungeteil nordöstlich von Tarzans Behausung wachsenden Früchten gewonnen werden kann. Der beschwerliche Weg dorthin führt durch ein großes Stück Wüste und die angrenzende Stadt Bir Herari, deren Scheich (Lloyd Corrigan) von dem sinistren Nazispion Hendrix (Otto Kruger) eingewickelt wird. Die Vaudeville-Künstlerin Connie Bryce (Nancy Kelly) lässt derweil Selim (Robert Lowery), dem weniger naiven Sohn des Scheichs, eine Nachricht über Hendrix' wahre Beweggründe zukommen. Hendrix tötet den informierten Prinzen und lässt Tarzan festsetzen, dem jedoch dank Cheetahs Hilfe die Flucht mit Connie und Boy sowie die Erfüllung seiner Mission gelingt. Hendrix und seine Schergen werden zu Opfern einiger Urzeitmonster.

Mit diesem naiven, aber umso fabulierfreudigen Abenteuer macht sich langsam bemerkbar, dass das "Tarzan"-Franchise bei Sol Lesser und der RKO hervorragend aufgehoben war, zeigte sich nunmehr doch, dass die Serie auch phantasievolle Beiträge hervorbringen konnte, ohne sich permanent selbst zu zitieren, wie es besonders bei den von Richard Thorpe inszenierten MGM-Filmen der Fall gewesen war, die immer gleich strukturiert waren und sich selbst recycelten. "Tarzan's Desert Mystery" wurde häufig vorgeworfen, er sei ein mir geringer Sorgfalt gemachter Schnellschuss im Gefolge von "Triumph", was jedoch nicht stimmt. Die Pulp-Wurzeln der Geschichte kommen hier ganz wunderbar zum Tragen, ein bisschen 1001-Nacht-Flair hebt die Story vom üblichen Urwald-Ambiente ab und erstmals kommen auch ein paar - wenn auch recht dümmlich einkopierte - Monster vor, darunter ein paar als Dinos verkleidete Warane und eine Riesenspinne, die den bösen Nazi fressen darf. Das recht kregle Stanwyck-Substitut Nancy Kelly macht seine Sache als Jane-Ersatz halbwegs ordentlich. "Desert Mystery" war dann zugleich auch der letzte Jane-lose "Tarzan"-Film, bevor die ehrbare englische Dame im nächsten Film mit neuem Gesicht, neuer Haarfarbe und einigen bravourösen Erlebnissen vor dem Hintergrund des aktuellen Welt(kriegs)-Geschehens nach Afrika und zu ihren Jungs zurückkehren sollte.

8/10

Tarzan Afrika Sequel Kurt Neumann Wüste Monster Spinne Dinosaurier William Thiele


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TARZAN TRIUMPHS (William Thiele/USA 1943)


"Now Tarzan make war!"

Tarzan Triumphs (Tarzan und die Nazis) ~ USA 1943
Directed By: William Thiele

Tarzan (Johnny Weissmuller) und Boy (Johnny Sheffield) lernen Zandra (Frances Gifford) kennen, Regentin der verborgenen Urwaldstadt Palandria. Auf deren Bodenschätze haben es bereits die in Afrika herumstochernden Nazis abgesehen und so dauert es nicht lange, bis eine Wehrmachtsabordnung unter Oberst Von Reichart (Stanley Ridges) Palandria besetzt und seine Bevölkerung versklavt. Als Tarzan durch Zandra davon Wind bekommt, weigert er sich zunächst strikt, in die Geschehnisse einzugreifen. Solang die Nazis ihn in Ruhe ließen, habe er schließlich auch keinen Streit mit ihnen. Als dann jedoch Boy wegen einer vermissten Funkspule von den braunen Verbrechern entführt wird, ist Tarzan endgültig zur Parteinahme gezwungen.

Nur kurz nach dem Abschluss der kleinen MGM-Reihe griff der B-Film-Produzent Sol Lesser, der bereits frühere Erfahrungen mit dem Titelhelden gesammelt hatte in Form zweier unabhängiger Kleinproduktionen mit Buster Crabbe und Glenn Morris für die RKO das Franchise wieder auf. Und siehe da: Die veränderte Ägide bewirkte tatsächlich so etwas wie eine - zumindest kurzfristig wirksame - Frischzellenkur, die einen der schönsten Weissmuller-Tarzans hervorbrachte. Einige im Laufe der Jahren zu offenkundigen Schwächen der MGM-Filme gewordenen Formalia, so etwa die billigen Rückprojektionen oder die stete Wiederaufnahme der immergleichen Personen- und Plotmuster wurden nunmehr zwangsläufig ad acta gelegt. Maureen O'Sullivan, die bereits seit einigen Jahren aus der Serie auszusteigen gehofft hatte, konnte nun endlich ihren Lederschurz an den Nagel hängen, was zunächst dazu führte, dass die ersten beiden RKO-Beiträge ohne Jane-Appearance auskommen mussten - nicht allerdings ohne ein paar überleitende Worte in Form von Janes Briefen. Diese ist nämlich, wie wir erfahren, auf Krankenbesuch back in good ole Britain.
Tarzans Schrei klang jetzt etwas anders, sein Vokabular und seine Satzkonstruktionen indes ließen (speziell in der deutrschen Fassung) auf einiges an zwischenzeitlichem Studium schließen. Am Aufsehen erregendsten betreffs "Tarzan Triumphs" dürfte jedoch die Vereinnahmung der beliebten Trivialfigur als Propaganda-Werkzeug sein. Der Film macht unmissverständlich klar, dass es im Kampf gegen die braune Bedrohung in Europa keine Unparteilichkeit geben kann und jeder sein Scherflein dazu beizutragen hatte, wenn er nicht in den Verdacht der Sympathie oder gar Feigheit zu kommen gedachte. Wie viele andere Pulp- und Comichelden auch gelangte somit also auch Tarzan in die Kriegsmaschinerie und ging, sozusagen als Ausgleich für seine anfängliche Neutralität, umso nachdrücklicher gegen die Feinde vor: Einige werden von einer Art afrikanischem Piranha gefressen, den bösen Oberst lockt Tarzan schließlich ungerührt in eine Löwengrube. Und auch Cheetah leistet ihren Beitrag zur Verballhornung des Führerkults: Ein paar Schimpansengrunzer in das Nazifunkgerät veranlassen die Herren Empfänger in Berlin zu der bestimmten Annahme, niemand anderes als der Reichsdiktator persönlich spräche zu ihnen.

8/10

Tarzan Sequel William Thiele Afrika Nationalsozialismus WWII Propaganda


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REDACTED (Brian De Palma/USA, CA 2007)


"Well, I have an appointment with him - in Samarra."

Redacted ~ USA/CA 2007
Directed By: Brian De Palma

Aufgeputscht von Alkohol, Drogen, sexueller Frustration und vor allem Rachegedanken bezüglich des gewaltsamen Todes ihres Sergeants (Ty Jones) machen sich zwei in Samarra stationierte, junge US-Soldaten (Reno Flake, Daniel Stewart Sherman) auf, ein einheimisches fünfzehnjähriges Mädchen (Zahra Zubaidi) zu vergewaltigen. Dabei werden das Mädchen selbst und seine Familie kurzerhand hingemordet. Ein Zeuge (Rob Devaney) des Verbrechens hält den seelischen Druck schließlich nicht länger aus und vertraut sich der Kommandatur an.

Diverse Kritiker fragten sich und auch ihn selbst, warum De Palma ausgerechnet ein "Remake" seines wenig erhebenden Film "Casualties Of War" vor Golfkriegskulisse machen musste. Eine lächerliche und obsolete Unterstellung. Wie "Casualties" basiert nämlich auch "Redacted" auf einem authentischen Verbrechen, dass sich nur ein paar Jahre zuvor auf irakischem Boden ereignete. Selbst De Palmas Kulturdidaktik konnte der Bestie Mensch langfristig keine Vernunft einbläuen. "Redacted" liefert eine hochkomplexe Meditation über das Wesen nicht nur der Massenmedien, sondern auch über das des Filmemachens, die Godards vielzitiertes Paradigma, demzufolge Film 24-mal pro Sekunde Wahrheit sei, wütend ad absurdum führt. Der Film zeigt, dass es niemals die eine Wahrheit geben kann, schon gar nicht bei entsprechender Nachbereitung des Materials. De Palma entlarvt sich demzufolge freimütig selbst als einen der größten Lügner von allen. Sein Metier lässt, soviel lässt sich ferner noch feststellen, allerdings auch keine andere Verfahrensweise zu. Die chronologisch abgespulten Ereignisse des Films lassen sich auf mehrere Quellen zurückführen: Auf die Amateuraufzeichnungen eines jungen Private (Izzy Diaz), auf eine "kunstbeflissene" Dokumentation eines französischen Filmteams (deren Bilder unbentwegt von Händels Sarabande unterlegt sind) den Internetstream eines arabischen Terrornetzwerks, Bilder von Überwachungskameras und Youtube-Clips. De Palma jedoch montiert, er bastelt daraus erst die dramturgische Kohärenz, er ist der "Redakteur", wenngleich die geschwärzten und von ihm wieder erfahrbar gemachten "Textstellen" einen authentischen Ursprung haben. Am Ende ist jedoch auch dieser Film nur eine Varianz der Wahrheit. Er selbst aber weiß dies am Besten und macht auch keinen Hehl daraus, was ihn sogar noch wertvoller macht als er es ohnehin schon ist.

9/10

Brian De Palma Golfkriege Naher Osten Militär embedded filming Vergewaltigung


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CASUALTIES OF WAR (Brian De Palma/USA 1989)


"This ain't the army, Sarge."

Casualties Of War (Die Verdammten des Krieges) ~ USA 1989
Directed By: Brian De Palma

Tay Nguyen, November 1966. Der erst vor wenigen Wochen in Vietnam eingetroffene Private Eriksson (Michael J. Fox) wird Zeuge, wie sein Sergeant Meserve (Sean Penn) und drei seiner Untergebenen (Don Harvey, John C. Reilly, John Leguizamo) ganz gezielt das Bauernmädchen Oanh (Thuy Thu Lee) entführen und vergewaltigen. Als sie im Zuge eines Gefechts zu strategischem Ballast wird, lässt Meserve sie ermorden. Als noch bedrückender denn das eigentliche Verbrechen empfindet Eriksson seine mangelnde Zivilcourage. Anstatt dem Mädchen zu helfen und sich aktiv einzumischen, konnte er nur hilflos danebenstehen. Um wenigstens die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen, macht Eriksson schließlich Meldung bei der Kommandatur.

Basierend auf dem authentischen "Hill-192-Zwischenfall", der 1969 für internationale Furore sorgte, nachdem der Journalist Daniel Lang eine Story darüber im 'New Yorker' veröffentlicht hatte, inszenierte De Palma diesen aufwühlenden, teilweise nur schwer zu ertragenden Kriegsfilm. Dabei bildet "Casualties Of War" bereits die zweite Spielfilmabhandlung zum Thema, die erste ist Michael Verhoevens "o.k." von 1970, die sich die zugrundeliegenden Ereignisse in einer Mischung aus journalistischer Akkuratesse und künstlerischer Verfremdung im bayrischen Wald zutragen ließ und im selben Jahr für einen Skandal bei der Berlinale und schließlich deren vorzeitigen Abbruch sorgte. De Palmas Version fällt im Vergleich dazu natürlich wesentlich glatter und konsumierbarer aus, bleibt als Beispiel gleichsam geschickter wie hemmungsloser inszenatorischer Gefühlsmanipulation jedoch umso stärker im Gedächtnis des Zuschauers haften. Die Szenen, die Oanhs Leidensweg beschreiben, sind von bis heute kaum mehr erreichter Intensität, was wahrwscheinlich darauf zurückzuführen ist, dass sich das Ungeheuerliche hier ausnahmsweise nicht wie gewohnt in einem unabhängig produzierten oder sleazigen Undergroundfilm zuträgt, sondern in einem starbesetzten Hochglanz-Studiofilm, mit dem jungen Michael J. Fox als prononciert universellem Rezeptionsagenten. Hinzu kommt Ennio Morricones tragischer Score, der von der Panflöte bis hin zu Himmelschorälen alle Register pathetischer Filmmusik auf das Grandioseste zieht.
Anders als die aus derselben umfangreichen Kriegsfilmgeneration stammenden "Platoon" oder "Full Metal Jacket", die, womöglich zurückzuführen auf den hohen Wiedererkennungswert einzelner Szenen oder auch auf formal Triviales wie ihre treibende Songauswahl, eine gewisse allgemeine "kultische" Betrachtungsebene erreicht haben, ist "Casualties Of War" nach wie vor ein Film, den man sich phasenweise höchst ungern anschaut. Weil er zugleich unendlich traurig ist und sein Publikum darüberhinaus ohnmächtig und sprachlos zurücklässt. Desweiteren zeigt er die losgelöste Entmenschlichung junger amerikanischer Männer auf scheinbar realitätsfremdem Terrain auf eine so eingängige Weise wie kaum ein anderer Genrtefilm. Allein darin liegt, bei aller berechtigten Kritik an seinen Establishment-Wurzeln und seiner politischen Undifferenziertheit, sein hohes Verdienst.

9/10

Brian De Palma Vietnamkrieg Vergewaltigung Daniel Lang Transgression Kidnapping


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THE LONGEST DAY (Ken Annakin, Andrew Marton, Bernhard Wicki/USA 1962)


"Wounds my heart with a monotonous languor."

The Longest Day (Der längste Tag) ~ USA 1962
Directed By: Ken Annakin/Andrew Marton/Bernhard Wicki

Ungeachtet der miesen Wetterlage starten die Alliierten am 6. Juni 1944 die Invasion in der Normandie und überrumpeln den Generalstab der Wehrmacht, der aufgrund seines Hochmut und seiner schlechten Organisation den Angreifern nur wenig entgegenzusetzen hat.

Ganz Darryl F. Zanucks Baby, sorgte dieses ehrgeizige, monumentale Projekt nicht nur für eine künstlerische Rehabilitierung des einstigen Tycoons, sondern beförderte ihn zudem zurück auf den Chefsessel bei Fox. "The Longest Day" zeichnet sich vor allem durch seinen unbedingten Willen zur Akkuratesse aus. Dieser sorgt zwar manches Mal dafür, dass "The Longest Day" einen semidokumentarischen Anstrich erhält, der ihn weg vom pathetischen Hollywood-Spektakel und hin zur authentizitätsbesessenen Geschichtsstunde rückt, dem ansonsten stets fesselnden Film tut dies jedoch keinen Abbruch. Ein weiteres großes Verdienst besteht noch in der beispiellosen Art seiner Kopilierung. Drei internationale (dabei jedoch recht unbedarfte, Zanuck und seinen Kommandos unterstehende) Regisseure waren für die nahezu gleichberechtigt nebeneinander stehenden Handlungsstränge verantwortlich und inszenierten mit jeweils landesentsprechender Besetzung und in der hauseigenen Sprache. Überhaupt war "The Longest Day" um 61/62 'the film to be in', was dazu führte, dass nicht nur die meisten hauseigenen Stars der Fox im Film zu sehen sind - darunter auch die vom "Cleopatra"-Set freigestellten Richard Burton und Roddy MacDowall -, sondern auch eine stattliche Anzahl deutscher, britischer und französischer Prominenz. Kaum eine Einstellung, in der nicht irgendein bekanntes Gesicht zu erhaschen wäre - was eine wirklich glaubhafte Realitätsanbindung letzten Endes natürlich völlig unmöglich macht. Dennoch ist und bleibt "The Longest Day" zumindest aus der historischen Perspektive der wichtigste Spielfilm über die alliierte Invasion.

9/10

Ken Annaki Andrew Marton Bernhard Wicki Historie period piece WWII Frankreich D-Day Militär Nationalsozialismus Rommel Cornelius Ryan


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JACOB'S LADDER (Adrian Lyne/USA 1990)


"According to this, you're already dead."

Jacob's Ladder ~ USA 1990
Directed By: Adrian Lyne

Der Vietnamveteran und Postangestellte Jacob Singer (Tim Robbins) wird urplötzlich Zeuge mysteriöser Vorgänge und Visionen. Dämonische Gestalten scheinen ihn zu verfolgen und auch Personen aus seinem alltäglichen Umfeld wie seine Freundin Jessy (Elizabeth Peña) in ihr höllisches Spiel zu integrieren. Damit nicht genug, durchleben auch andere Männer aus Jacobs ehemaligem Platoon ähnliche Halluzinationen. Der Plan einer Sammelklage misslingt jedoch, da man offensichtlich von höchster Regierungsstelle den gesamten Kriegseinsatz der Männer zu verschleiern sucht. Zudem scheinen missliebige Zeugen kurzerhand ausgeschaltet zu werden. Was steckt wirklich hinter alldem?

Film als Agonie und Todestraum: Am Ende fügt sich alles, und ob Jacob und seine Kameraden an diesem diesigen, blutig endenden Tag in Da Nang wirklich nur miesen Shit geraucht haben oder doch zu unfreiwilligen Versuchskaninchen für aggressionsschürendes LSD geworden sind, wie es Jacobs herbeiphantasierter Botschafter Michael (Matt Craven) berichtet, behält der Film zu guter Letzt für sich. Es spielt auch überhaupt keine Rolle. Hier geht es um einen unter dem bereits herabsausenden Fallbeil ausgetragenen, finalen inneren Konflikt; Blitzlichter, letzte erotische Wunschträume, stream of consciousness. Das Ganze dargeboten mithilfe eines klar umrissenen, bildlichen Bibelkontexts um den Erzvater Jakob und die Himmelsleiter. Letzten Endes dreht sich "Jacob's Ladder" als ergreifender Antikriegsfilm mit gehobenem Verstörungspotenzial in der Tradition von "Johnny Got His Gun" ums Loslassen, um den überfälligen Übergang ins Jenseits, der nach den bösen Erfahrungen der letzten Tage erst wieder in Urvertauen umschlagen und bewerkstelligt werden muss. Eindeutige logische Scriptpatzer wie der, dass der 1971 versterbende Jacob im Zuge seiner Todesvision eine Party besucht, auf der erst drei Jahre später veröffentlichte Songs gespielt werden, muss man da wohl oder übel großzügig nachsehen. Auch wenn sie die Sinnsuche dieses ansonsten brillanten Films unnötig erschweren.

9/10

Adrian Lyne Vietnamkrieg period piece Drogen Militär New York Veteran Verschwörung


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ALATRISTE (Augustín Díaz Yanes/E 2006)


Zitat entfällt.

Alatriste ~ E 2006
Directed By: Augustín Díaz Yanes

Der spanische Recke Alatriste (Viggo Mortensen) verdingt sich zwischen seinen Kriegseinsätzen für Phillip IV (Simon Cohen) in Flandern und anderswo als Söldner, der zuweilen auch für "inoffizielle" Missionen seitens des Königshauses missbraucht werden soll, meist jedoch die ihn umgebenden Ränke durchschaut. Ansobnsten scheint ihm ein Schutzengel hold zu sein, er überlebt diverse Intrigen, Verrat und Mordversuche, eine scheiternde Liebe und bewahrt seinen Ziehsohn Íñigo (Unax Ugalde) vor allerlei Unbill.

Basierend auf einer fünfbändigen Romanreihe um einen fiktiven Kriegshelden im 17. Jahrhundert präsentiert sich "Alatriste" als ebenso kostspieliges wie ambitioniertes Werk, das zugleich jedoch eindrucksvoll aufzeigt, dass und warum Hollywood von historisch gefärbten Abenteuern bereits traditionell deutlich mehr versteht. Formal gibt sich Yanes' Film weithin tadellos. Die Kostüme, Requisiten und set pieces sind von erlesener Authentizität, die Anbindung an reale geschichtliche Ereignisse offenbar geschickt verflochten. Hinzu kommen diverse Verweise an die zeitgenössische Malerei- und Kunstgeschichte; die Schlachten und Degenduelle werden alten Stichen gleich inszeniert. Leider zerfällt der recht lange "Alatriste" jedoch allzu häufig ins Episodenhafte. In abgehackter Windeseile prescht er durch einundzwanzig Jahre erzählter Zeit, versucht, neben dem Titelhelden noch diverse Nebencharaktere profund zu machen und scheitert letztlich an seinem unerfüllbaren Selbstanspruch. Bei aller Ästhetik und all seinen schönen Momenten wirkt der Film am Ende inkohärent und inkonsistent, als allzu desinteressiert an seinem Figureninventar und seinen vorgestellten Ereignissen. Gelegentlich aufkeimendes Pathos wirkt aufgesetzt und fehl am Platze und Mortensen, der offensichtlich engagiert wurde, um eine gewisses internationales Interesse zu evozieren, zuweilen unterfordert und gelangweilt. So gereicht es dem vor vorschüssigem Potenzial überschäumenden "Alatriste" leider nur zu einem durchschnittlichen Filmerlebnis.

6/10

Augustín Díaz Yanes period piece Spanien Achtzigjähriger Krieg Belgien Barock


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MIRACLE AT ST. ANNA (Spike Lee/USA, I 2008)


"Defend yourself."

Miracle At St. Anna (Buffalo Soldiers '44 - Das Wunder von St. Anna) ~ USA/I 2008
Directed By: Spike Lee

New York, 1983: Urplötzlich zieht der Postangestellte Hector Negron (Laz Alonso) eine Luger und erschießt einen vor seinem Schalter stehenden Kunden (Sergio Albelli). Danach verstummt er zur Gänze. In Negrons Wohnung findet sich derweil der verschollen geglaubte Kopf einer florentinischen Statue an. Ein wackerer junger Reporter (Joseph Gordon-Levitt) entlockt dem mittlerweile einsitzenden Mörder schließlich die Wahrheit über seine Tat und das Kunstrelikt: Rückblende Toscana, Italien 1944: Vier versprengte G.I.s (Alonso, Derek Luke, Michael Ealy, Omar Benson Miller) der 92. Infanteriedivision finden sich nach einem Gefecht gegen die Wehrmacht abgeschnitten von ihren Vorgesetzten und versprengt in der Provinz wieder. Der körperlich hünenhafte, aber geistig etwas einfache Private Train nimmt aus einer zerstörten Kirche den kleinen, desorientierten Angelo (Matteo Sciabordi) und den Statuenkopf mit. In einem Gebirgsdorf finden die Männer und der Junge schließlich vorübergehenden Unterschlupf, derweil sich einheimische Partisanen und Deutsche heftige Gefechte liefern. Als schließlich die G.I.s auf die Partisanen treffen, wird die Situation brenzlig, denn einer von ihnen ist ein Verräter...

Coppola hat's getan, Kubrick hat's getan, De Palma hat's getan, Spielberg hat's getan, Mallick hat's getan, Eastwood hat's getan, bei Scorsese steht's noch aus - früher oder später muss wohl jeder in den letzten drei bis vier Jahrzehnten aktive, große amerikanische Filmregisseur seinen persönlichen Kriegsfilm vorlegen. Spike Lee fand das passende Sujet für jenes Epos in James McBrides Roman "Miracle At St. Anna", der um die Erlebnisse einiger Männer der 92. Infanteriedivision kreist, einem ausschließlich aus Afro-Amerikanern bestehenden, im Ersten und Zweiten Weltkrieg eingesetzten Regiment. Im Gedenken an die originären 'Buffalo Soldiers' des 19. Jahrhunderts trugen die Männer als Emblem einen Büffelaufnäher auf der Jackenschulter. Buch und Film entspinnen nun ein äußerst komplexes Handlungsgeflecht, das sich allzu wüster Stereotypisierung enthält, wenn auch nicht ganz ohne sie auskommt. Sämtliche der vorkommenden Personengruppen werden nochmals mehr oder weniger behutsam intradifferenziert: Bei den US-Soldaten gibt es den unfähigen weißen Offizier (D.B. Sweeney) sowie Konfliktpotential bezüglich der Umwerbung der einheimischen Schönen Renata (Valentina Cervi); die Provinzitaliener bestehen gleichsam aus Partisanen, Faschisten und apolitischen Dorfbewohnern, die Deutschen verfügen über die böse SS und die gutherzigen Landser, die anno 44 längst keinen Bock mehr auf den Waffendienst hatten. Über allem steht jedoch der kleine Angelo, ein als Zeuge eines Massenmordes durch die SS schwer traumatisiertes, zugleich jedoch spirituell angehauchtes Kind, das seinen Retter Train, dem "Schokladenriesen", ersteinmal prüfend über die Wange leckt. Dass die Aufopferung der vier Männer für den Jungen von schicksalhafter Vorzeichnung geprägt ist, wird Hector rund vierzig Jahre später erfahren, als es an ihm ist, gerettet zu werden. "Miracle At St. Anna" steht in der Tradition klassischer Kriegsdramen wie "The Seventh Cross", "The Search" oder "The Mortal Storm" und erweist sich bei aller berechtigten Kritik an seinem nicht immer klischeefreien Ablauf (speziell das beinahe grenzsurrealistische Ende mitsamt Abspann ist sicherlich nicht unproblematisch) als insgesamt noch ebenso aufwühlend und fesselnd wie seine großen Vorbilder. Dass die allgemeine Rezeption Lees ehrgeizigem Film mit solchem Zaudern begegnet, kann ich nicht recht begreifen.

8/10

Spike Lee James McBride WWII Italien Toscana Freundschaft Kinder Nationalsozialismus Historie period piece Rassismus


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NEW KIDS TURBO (Steffen Haars, Flip Van der Kuil/NL 2010)


"Godverdomme."

New Kids Turbo ~ NL 2010
Directed By: Steffen Haars/Flip Van der Kuil

Der blonde Vokuhilaträger und Mantafahrer Richard (Huub Smit), stolzer Einwohner des beschaulichen Städtchens Maaskantje, staunt nicht schlecht, als er und seine Kumpels im Zuge der Wirtschaftskrise aus ihren Jobs gefeuert werden und künftig von der Stütze leben sollen. Aber warum nicht - Geld kriegen ohne dafür was tun zu müssen ist doch geil. Nur dumm, dass die Penunze nach ein paar Bier- und Chipseinkäufen schon aufgebraucht ist. Eine harsche Attacke auf den zuständigen Beamten bringt die Jungs auch nicht weiter, im Gegenteil: Jetzt gibt's gar nichts mehr vom Staat, stattdessen kassiert man Handy, Auto, Strom - und somit jedwede Existenzgrundlage. Unterstützt von einem TV-Dokumentationsteam und der öffentlichen Meinung hilft da nurmehr anarchische Gegenwehr: Man klaut, was man braucht. Das lässt sich das holländische Verteidigungsministerium jedoch nicht gefallen; das entfesselte Maaskantje wird zum geplanten Ziel eines Raketenangriffs, dem jedoch das Nachbarstädtchen Schijndel zum Opfer fällt. Kurzerhand besorgen die New Kids sich ein ganzes Arsenal Wehrmachtswaffen aus dem Zweite Weltkrieg und treten den Kampf gegen die Regierungstruppen an.

Von meinem lieben Freund Oliver Nöding, seit Jüngstem erklärter Fan des vorliegenden Epos, fand ich mich gestern mit der notwendigen Behutsamkeit in den höchst bizarren Mikrokosmos der "New Kids" eingeführt, die bis dato weitestgehend an mir vorüberoszilliert waren, vornehmlich wohl, weil mir das reichlich obsolete Erscheinungsbild des Quintetts stets suspekt erschien. "Für Manta-Witze", so in etwa mein durch rein optische Eindrücke evozierter Gedankengang, "ist die Zeit doch wohl längst abgelaufen". Weit gefehlt: Diese fünf Herren (wobei, die New Kids als "Herren" zu titulieren käme einer unverschämten Beleidung eines jeden echten Herrn gleich), waschechte Repräsentanten des westeuropäischen Bildungs-Sub-Sub-Prekariats, markieren tatsächlich so etwas wie einen bärbeißigen Kommentar zur Ellbogenökonomie unserer Zeit. Mithilfe ihrer weitestgehend ausgehöhlten Verstandesblitze reagieren die New Kids auf die urplötzlich anberaumte monetäre Bevormundung des Staates und nehmen sich einfach so, was sie brauchen - ohne zu fragen und mit Fressepolieren. Die sozialkritisch-satirische Dimension dieses pseudopolitischen Existenzstatements ist sicherlich prinzipiell unangreifbar - im Gegensatz möglicherweise zu den garantiert grellen, geschmacklosen und zu geiferndem Gröhlen geeigneten Parawitzen, die das Ganze flankieren und die böse Zungen als "eigentlich doch vollkommen unnötig" verdammen mögen. Niemand in unserer schönen neuen Kapitalismuswelt, am Allerwenigsten die ohnehin Schutzlosen wie kleine Kinder, Schwangere, Behinderte und ethnische Randgruppen, ist sicher vor dem scharf verschossenen Denunzierungsfeuer von Haars und Van der Kuil. Stattdessen eröffnen sie dem allseits beliebten Reservoir politischer Unkorrektheit sogar ganz neue Welten und versäumen es dabei nicht, bei aller rezeptorischen Übersteuerung zum Nachdenken anzuregen.

8/10

New Kids Niederlande Flip Van der Kuil Groteske Satire Steffen Haars