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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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CASTLE KEEP (Sydney Pollack/USA 1969)


"Everybody should eat more bread. Feeds the heart."

Castle Keep (Das Schloss in den Ardennen) ~ USA 1969
Directed By: Sydney Pollack

Während der Ardennen-Offensive im Winter 44 besetzen Major Falconer (Burt Lancaster) und seine siebenköpfige Einheit das einsam gelegene Schloss des Grafen Maldorais (Jean-Pierre Aumont), das genau auf der Durchmarschroute der Wehrmacht liegt. Maldorais lebt in einer inzestuösen Beziehung mit seiner Nichte Therese (Astrid Heeren) und hat in seinem Domizil zahlreiche Kunstschätze gehortet, die besonders den entsprechend beflissenen Historiker Captain Beckman (Patrick O'Neal) zutiefst beeindrucken. Während Falconer eine unverhohlene Affäre mit Therese beginnt, schlagen die restlichen Männer die zermürbende Wartezeit mit Suff, Philosophieren oder Besuchen in dem benachbarten Dorf St. Croix tot, wo der Puff "La Reine Rouge" zu finden ist und Sergeant Rossi (Peter Falk) sich in die Witwe (Olga Bisera) des hiesigen Bäckers verliebt. Als die Deutschen schließlich mit einer gewaltigen Übermacht anrücken stellt sich die gesamte Aktion als kalkulierter Wahnsinn heraus, der Hitlers Armee lediglich dezimiert und der in strategischer Hinsicht im Prinzip völlig vermeidbar gewesen wäre.

Kriegsfilm als kunstvolle Parabel - das gab es nicht erst mit Coppolas "Apocalypse Now", auch Pollacks "Castle Keep", Adaption des Romans von William Eastlake und vielleicht des Regisseurs großartigster Film ,- in jedem Falle aber einer seiner ambitioniertesten -, scheut sich nicht davor, das zu dieser Zeit noch gern in Zeichen aktionsreicher, unterhaltsamer Männerunterhaltung stehende Genrekino satirisch umzukrempeln und ihm eine Dosis tiefschwarzer Bitternis in Kombination mit vortrefflichem Galgenhumor zu versetzen. Die fantastische Besetzung erhält Zeit für die implizite Vorstellung von Einzelporträts und rasch wird offenbar, dass jeder der Männer einen, vermutlich kriegsinduzierten, Sprung in der Schüssel hat. Damit stehen sie dem durch die Gegend irrenden, Choräle anstimmenden Deserteur Bix (Bruce Dern) kaum nach. Pollack derweil pflegt eine geradezu offensiv-impressionistische Inszenierung mit Sekundenschnitten und einmontierten Frames von Wasserspeiern, die das damalige Publikum, besonders in berechtigt antizipatorischer Erwartung eines halbwegs geradlinigen Kriegsabenteuers in der Manier des nur zwei Jahre zuvor aufgeführten "The Dirty Dozen", gehörig vor den Kopf gestoßen haben dürfte.
"Castle Keep", ein Meisterwerk seiner Zunft, hat somit Bestand als einer der größten (Anti-)Kriegsfilme und als wegweisendes Stück New Hollywood außerdem.

10/10

Sydney Pollack WWII Belgien Ardennen period piece Schloss New Hollywood William Eastlake Satire Parabel


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THE BLUE MAX (John Guillermin/UK 1966)


"It's a cruel world, Stachel."

The Blue Max (Der Blaue Max) ~ UK 1966
Directed By: John Guillermin

1918 stößt der zuvor im Schützengraben stationierte Bruno Stachel (George Peppard) als Leutnant zur kaiserlichen Luftwaffe. Dort nimmt er als aus bürgerlichem Hause stammender Sohn eine Sonderstellung ein; die meisten anderen Piloten, besonders die erfolgreichen und populären, besitzen adlige Wurzeln. So auch der Staffelpilot mit den meisten Abschüssen, Willi von Klugermann (Jeremy Kemp), mit dem Stachel bald eine intensive Hassfreundschaft verbindet. Von Klugermann ist bereits mit dem Orden "Pour le Mérite", auch bekannt als "Blauer Max", ausgezeichnet worden, einem hohen Orden für mindestens zwanzig gegnerische Abschüsse. Auf ebenjenen hat es auch Stachel abgesehen, ganz zum Wohlwollen von Willis Onkel General von Klugermann (James Mason), der durch das Emporkommen Stachels die bürgerliche Kriegsmoral gestärkt sieht.

Überlanges Prestigeprodukt der Fox, dessen großartiger visueller Eindruck vor allem der exzellenten Kameraarbeit des wierum meisterlich zu Werke gehenden Douglas Slocombe zu verdanken ist, der es verstand, ebenso herrliche Luftaufnahmen in den Kasten zu bekommen wie kammerspielartigen Bodenszenen einen gewissen Glanz zu verleihen. "The Blue Max" ist alles andere als das, was man landläufig gern als "Antikriegsfilm" bezeichnet; er macht sich erst gar keine Mühe, das Kriegsgeschehen zwischen 14 und 18 als menschenverschlingenden Moloch zu verdammen. Krieg bedeutet hier: Männerdomäne mit maskulinen Meriten. Mit seiner faszinierten Präsentation der damaligen Luftkämpfe wendet er sich vielmehr dem 'gentleman warfare' zu, in dem es zwar auch tödlich zuging, den seine Betreiber jedoch nur allzu gern als sportliche Auseinandersetzung unter edelblütiger Elite betrachteten. Hier scheint mir der Film auch ganz treffend; in seiner Darstellung der damaligen Kriegshelden als frühe Popstars, die unter der Bevölkerung ein ähnliches, forciertes Ansehen genossen wie es heute Casting-Show-Gewinnern vorbehalten ist.

7/10

John Guillermin WWI Fliegerei Luftkampf Militär Standesdünkel Jack D. Hunter


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WATERLOO (Sergei Bondartschuk/I, CCCP 1970)


"On the field of battle his hat is worth fifty thousand men; but he is not a gentleman."

Waterloo ~ I/CCCP 1970
Directed By: Sergei Bondartschuk

Nachdem Napoleon (Rod Steiger) im März 1815 aus seinem Exil auf Elba nach Frankreich zurückgekehrt ist, stellt er sich gegen die alliierte Streitmacht unter Wellington (Christopher Plummer) und Blücher (Sergo Zakariadze). Nachdem er deren beiden Armeen bei Charleroi voneinander abschneiden kann, tritt er am 16. Mai beim belgischen Waterloo gegen Wellington an. Die Schlacht nimmt diverse Wendungen, als jedoch in letzter Minute die Preußen zu Wellingtons Unterstützung eintreffen, wird Napoleons Streitmacht nachhaltig und vernichtend geschlagen.

Ein von Dino De Laurentiis produziertes Prestigestück, ein Brückenschlag zwischen Ost und West und eine Demonstration des Machbaren. Mit einer Akribie und Akuratesse, die man ansonsten von Visconti oder Kubrick kennt, frönt der sich aufgrund seiner "Krieg und Frieden"-Adaption für den Stoff empfehlende Bondartschuk einer unglaublichen Detailverliebtheit, die sich von der historischen Ausstattung über die obligatorische Ballszene bis hin zum Titel- und Kernstück des Films, der etwa sechzig Prozent der Spielzeit in Anspruch nehmenden Schlacht zwischen Napoleon und Wellington, fortsetzt. Diverse Totalen, Schwenks und aerial shots, von denen spätere Filme wie "The Road Warrior" unmittelbar zehren konnten, untermalen voller unverhohlenem Stolz den wahnwitzigen Material- und Statistenaufmarsch des Films. Ein bravoureskes Vorzeigestück unter den cineastischen Schlachtengemälden des ersten Jahrhunderts Film. Ohne (vermeidbare) Schnitzer allerdings kommt auch dieses nicht aus: Bondartschuk zeigt allenthalben vorausreitende Offiziere in Nahaufnahmen, die jedoch sichtlich auf sich mechanisch auf und ab bewegenden Attrapen sitzen, was völlig albern aussieht. Wie und warum der Film sich bei allem sonstigen Exactement solche Ausfälle erlaubte, bleibt wohl ein ewiges Geheimnis. Hinzu kommt noch eine völlig verlogene, am ende nochmal repetierte Sequenz, in der ein britischer Soldat einen Schlachtfeldkoller bekommt und lauthals den Unsinn des gegenseitigen Tötens beklagt: Inmitten dieses mithin von seiner martialischen Ästhetik berauschten Films ein peinlicher Faux-pas.

8/10

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RAINTREE COUNTY (Edward Dmytryk/USA 1957)


"I haven't married an abolitionist, have I?"

Raintree County (Das Land des Regenbaums) ~ USA 1957
Directed By: Edward Dmytryk

Freehaven, Indiana 1959. Der begabte Nachwuchsdichter John Shawnessy (Montgomery Clift) liebt eigentlich seine Jugendfreundin Nell (Eva Marie Saint), als ihm eines Tages die southern belle Susanna (Elizabeth Taylor) begegnet. Nach einer kurzen, heftigen Romanze eröffnet Susanna John, dass sie ein Kind von ihm bekäme - wie sich später herausstellen wird, eine Lüge, um John an sich zu binden und ihn zur dann tatsächlich stattfindenden Heirat zu bewegen. Doch dies ist nicht der einzige seltsame Charakterzug Susannas, wie John bald herausfindet. Ein schweres Kindheitstrauma in Verbindung mit einem pathologischen Rassismus lastet auf ihrer Seele. Der liberale John ist derweil ein überzeugter Gegner der verfilzten Südstaatenmentalität, insbesondere der Sklaverei. Bald zieht er mit Susanna zurück nach Freehaven und das Paar bekommt einen Sohn, während der Bürgerkrieg ausbricht. Susanna verschwindet mit dem Jungen und John geht zur Armee, um seine Familie jenseits der Front suchen zu können.

Gedacht als eine Art Repetition des nachhaltigen Erfolges von "Gone With The Wind" gab die MGM dieses neuerliche Sezessionskriegsepos in Auftrag - mit überaus mäßigem kommerziellen wie feuilletonistischen Erfolg. Dabei gebührte Dmytryks Werk - einem seiner schönsten Filme - eine weitflächige Rehabilitierung. Der Nebenplot um den mystischen goldenen Regenbaum, dessen Finder ewige Seligkeit und Zufriedenheit zuteil werden sollen, verleiht dem Film einen magischen zweiten Atem. Als Südstaatenepos, das der ganzen, historischen Dissonanz der Region - ihrer majestätischen Schönheit versus ihrer dekadenten Oberflächichkeit - ein Denkmal setzt, gibt "Raintree County" jedenfalls mindestens so viel her wie jedes vergleichbare Werk. Der Film, noch vor "Ben-Hur" als erster im Superbreitwandverfahren 'Camera 65' gedreht, schwelgt in satten Farben und führt ein großartiges Ensemble ins Feld; allen voran Lee Marvin als großspurigen, aber höchst liebenswerten Lebenskünstler Flash Perkins und Nigel Patrick als verschrobenen Intellektuellen Professor Stiles. "Raintree County" wird getragen von diesem Personal und der Film hätte es, schon aufgrund eines implizit notwendigen, detaillierteren Ausarbeitungsreichtums verdient, noch mindestens vierzig Minuten länger zu sein. So erscheint er vielleicht partiell zu fragmentarisch und abgehackt, was ihn keinesfalls versagen, aber wehmütig daran danken lässt, was mit etwas mehr Mut von Produktionsseite möglich gewesen wäre. Legendär eine Anekdote um Montgomery Clifts Autonunfall, den er während der Dreharbeiten erlitt, der seine Physiognomie nachhaltig veränderte und dessen Folgen (inklusive Operationsnarbe am Hals) in vielen Einstellungen des Films deutlich sichtbar sind.

9/10

Edward Dmytryk Sezessionskrieg Ehe Familie Indiana Freundschaft Madness period piece


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STORY OF G.I. JOE (William A. Wellman/USA 1945)


"Tonight I dream in Technicolor."

Story Of G.I. Joe (Schlachtgewitter am Monte Cassino) ~ USA 1945
Directed By: William A. Wellman

Der Kriegsberichterstatter Ernie Pyle (Burgess Meredith) begleitet im Zweiten Weltkrieg Infanteristen in Nordafrika und Italien. Besonders den Männern der C-Kompanie der 18. Infanterie-Division unter Captain Walker (Robert Mitchum) fühlt sich Pyle freundschaftlich zugetan und er schließt sich ihnen immer wieder an. Dabei erlebt Pyle ebenso schöne (bei einer Heirat inmitten einer zerbombten Stadt fungiert er als Trauzeuge) wie traurige (die sukzessive Dezimierung der Einheit) Momente.

"Story Of G.I. Joe", einer der ersten Filme über den Zweiten Weltkrieg gänzlich ohne propagandistische Intentionen, trägt trotz seines Herkunftslandes unverkennbar neorealistische Züge. Russell Metty überträgt die ungeschönten, schmutzigen Eindrücke des menschenverachtenden Kriegsgeschehens in eine klare, poetische Bildsprache und entspricht damit exakt dem literarischen Impetus Ernie Pyles, aus dessen Perspektive der Film berichtet. Für den kleinen, intellektuellen Autoren Pyle ist das, was das Frontgeschehen ihm offenbart, mitunter nur schwer zu ertragen. Immerhin hat er den Vorteil, zwischenzeitlich aussteigen und pausieren zu können, wenn es ihm zu viel wird - die Männer von der 18. können das nicht. Dennoch schätzen sie Pyle, und er sie - wenn auch aus recht unterschiedlichen Motivlagen heraus. Für Pyle avancieren die Soldaten zu einer Art Ersatzsöhne, denen er Zuspruch spendet und für die er an Heiligabend im verregneten Unterstand ein kleines Festmahl organisiert. Die Soldaten akzeptieren und lieben derweil seine kauzige Art. Aus dieser merkwürdig symbiotischen Beziehung macht Wellman einen der unheroischsten, poetischsten Kriegsfilme, die in den USA entstanden sind, auf einer Stufe stehend mit "The Deer Hunter" und "The Thin Red Line".

9/10

William A. Wellman Italien WWII


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THE ALAMO (John Lee Hancock/USA 2004)


"It's amazing what a little harmony will do."

The Alamo ~ USA 2004
Directed By: John Lee Hancock

Im Frühjahr 1836 bedroht der mexikanische General Santa Anna (Emilio Echevarría), der sich selbst gern als 'Napoleon des Westens' betrachtet, die werdende Republik Texas. Zwischen ihm und dem Norden befindet sich als symbolische Bastion allerdings noch das Fort Alamo, das von dem Militärkarrieristen Travis (Patrick Wilson), dem knochenharten Milizenführer Jim Bowie (Jason Patric) und dem legendären trapper Davy Crockett (Billy Bob Thornton) sowie deren Männern gehalten wird. Vergeblich warten sie auf die Unterstützung von dem weiter nördlich lagernden Sam Houston (Dennis Quaid), der weiß, dass Alamo im Grunde bereits verloren ist und Santa Anna schließlich auf übersichtlicherem Terrain besiegt.

John Waynes ehrgeiziges Projekt "The Alamo" hat seine Meriten, keine Fragen. Und diese sind sicherlich auch berechtigt. Im Prinzip bildet John Lee Hancocks 04er-Verfilmung der Ereignisse um das berühmte Fort im Direktvergleich - wenngleich nichzt das interessantere - so doch das gelungenere, weil gelassenere, entspanntere Werk. Den geschichtsklitternden Heroismus Waynes spart Hancocks Film zumindest teilweise aus, wenngleich auch er die drei Helden des Forts, insbesondere den von Thornton gespielten Davy Crockett, ebenso wie der alte Film als kantige Sympathieträger zeichnet. Ansonsten zehrt "The Alamo" von seinen ausladenden, vitalen Bildern, die ihn zu einem im klassischen Sinne schönen, ungemein ästhetischen Film machen, dessen anachronistische Entstehung angesichts seines vorhersehbaren kommerziellen Scheiterns inmitten einer an maßloser Geschwindigkeit und Oberflächeneffekten krankenden Ära umso seltsamer anmutet.

9/10

John Lee Hancock period piece Historie Texas Mexiko Freundschaft Belagerung


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WAR AND PEACE (King Vidor/USA, I 1956)


"I have sinned, Lord, but I have several excellent excuses."

War And Peace (Krieg und Frieden) ~ USA 1956
Directed By: King Vidor

Moskau zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Während Napoleon (Herbert Lom) dabei ist, seinen sich später als katastrophaler Fehlschlag erweisenden Russlandfeldzug vorzubereiten, ahnt die altehrwürdige Aristokratie noch nichts von den künftigen Enbehrungen. Der linkische Pierre Besúchow (Henry Fonda), ein ebenso pazifistischer wie leichtlebiger Intellektueller, heimlich in Natáscha (Audrey Hepburn), die jüngste Tochter des Grafen Rostów (Barry Jones) verliebt. Diese jedoch erlebt ihre romantische Erweckung erst später, als sie während eines Jagdausfluges zufällig Pierres alten Freund, den verwitweten Offizier Andrej Bolkónski (Mel Ferrer) kennenlernt. Andrejs standesbedachter Vater (Wilfred Lawson), ist gegen eine überhastete Heirat und erwartet, dass Andrej zunächst ein Jahr im diplomatischen Außendienst tätig wird. Tatsächlich lässt sich Natáscha während dieser Zeit von dem verruchten Anatól Kurágin (Vittorio Gassman) freien, wovon Andrej im Feld erfährt und Natáscha daraufhin verlässt. Die Schlacht von Borodino fordert derweil viele Opfer, darunter auch Andrej, der schwer verletzt wird. Die Rostóws müssen bald darauf ihr innenstädtisches Haus verlassen und aufs Land flüchten. Natáscha begegnet Andrej wieder, der ihr verzeiht und sich von ihr pflegen lässt, jedoch nicht mehr lang am Leben bleibt. Pierre gerät in französische Gefangenschaft, aus der er ausgerechnet von seinem alten Rivalen Dólochow (Helmut Dantine) befreit werden kann. In der Ruine des rostówschen Anwesens begegnen sich Pierre und Natáscha schließlich wieder, bereit, endlich ein gemeinsames Leben zu beginnen.

Weniger eine adäquate Tolstoi-Adaption als vielmehr ein grandioses Kräftemessen von Hollywod und Cinecittà. Nur die Besten und Größten ihrer Zunft vereinten sich hinter und vor der Kamera für dieses ausgemachte Prestige-Projekt: Carlo Ponti und Dino De Laurentiis wagten eine einzigartige Produzentenehe, die Paramount sprang für den internationalen Verleih ein, Stab und Besetzung vereinten jeweils internationale Fachgrößen mit ausgemachter Hollywood-Grandezza an der Spitze. Als Selznick und die MGM, die sich ebenfalls mit dem Gedanken trugen, Tolstois opus magnum glamourös aufzubereiten, erfuhren, dass die damals auf ihrem Karrierehöhepunkt befindliche Audrey Hepburn für die weibliche Hauptrolle unter Vertrag stand, gaben sie angeblich schleunigst klein bei.
Sechs Millionen Dollar wurden für den Film verpulvert und davon ist, wie es so schön heißt, jeder einzelne Cent sichtbar. Erlesene Ausstattungsgegenstände, Interieurs und Kostüme, gewaltige Statistenaufmärsche, Ball- und Schlachtenszenen von ausgemachtem Pomp: primär und besonders ist "War And Peace" eine opulentes Festmahl fürs Auge, das seine romantischen (Sub-)Kontingente wohlweislich ganz obenanstellt, um aus dem personenreichen Gesellschaftsstück einen Schmachtfetzen von internationaler Erfolgsgarantie zu formen. Mit vollstem Erfolg; Audrey Hepburn, tatsächlich bezaubernd wie eh und je, trägt das Epos auf federleichte Weise, die traurigen Krieger Ferrer und Fonda, sich ihrer untergeordneten Funktion durchaus bewusst scheinend, dienen ihr vornehmlich als Stichwortgeber und ist sie einmal nicht leinwandpräsent, so sehnt man sich gleich ihre nächste Szene herbei. Weitere Rollengeschenke finden sich - natürlich - für Herbert Lom, der einen fabelhaften Napoleon vorstellt, Oscar Homolka als weisen russischen Feldmarschall und Wilfrid Lawson als misanthropisch angehauchten Knauseradligen. Vielleicht in all seiner überstürzten Selbstpräsentation etwas zu naiv, ist "War And Peace" in der Hauptsache etwas für Apologeten des leicht größenwahnsinnigen, monumentalen Silver-Age-Hollywood. Diese allerdings dürften sich immer wieder aufs Neue verlieben.

9/10

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THE YEAR OF LIVING DANGEROUSLY (Peter Weir/AU, USA 1982)


"Starvation is a great aphrodisiac."

The Year Of Living Dangerously (Ein Jahr in der Hölle) ~ AU/USA 1982
Directed By: Peter Weir

Indonesien, 1965: In den sich zuspitzenden Spannungssituation um den drohenden Staatsstreich des kommunistischen Diktators Sukarno (Mike Emperio) muss sich der junge australische Journalist Guy Hamilton (Mel Gibson) in Jakarta zurechtfinden. Dabei hilft ihm vornehmlich der kleinwüchsige einheimische Fotograf Billy Kwan (Linda Hunt), der Hamilton zur Seite gestellt wird und ihm etwas von der wütenden Stimmung der unter Misstrauen, Armut und Korruption leidenden Bevölkerung vermitteln kann. Er macht Guy zudem mit der britischen Diplomatin Jill (Sigourney Weaver) bekannt – der Beginn einer stürmischen Affäre. Als die Kommunisten nach einer riesigen Waffenlieferung, über die Guy nach einer vertraulichen Information Jills berichtet, putschen, fühlen sich seine Freunde hintergangen. Ein politischer Verzweiflungsakt Billys zieht dessen Ermordung durch systemtreue Soldaten nach sich; Guy wird schwer verletzt und der künftige islamische Diktator Suharto dirigiert einen Gegenputsch. Schließlich muss sich Guy zwischen beruflicher Integrität und persönlichem Glück entscheiden.

Eines von Weirs früheren Meisterwerken, das zunächst in mancherlei Hinsicht befremdlich wirkt, bereits früh im Laufe seiner Erzählzeit jedoch einen geradezu magisch anmutenden atmosphärischen Sog entwickelt. Die Ambition des Films, Indonesien als Drittwelt-Land unter einem durch kontrastierende politische Kräfte ächzenden Umbruch zu porträtieren und durch eine zwar engagierte, in ihrem Bemühen um berufliche Objektivität letztlich jedoch zwangsläufig opportune Westperspektive begreifbar zu machen, dürfte als beispielhaft gelten. Hinzu kommt Linda Hunts tief ins Mark treffende Darstellung des (männlichen!) kunstbeflissenen Intellektuellen, dem als eine Art Hofnarr zunächst noch sämtliche Türen in den Sphären der Macht offen stehen, der infolge einer späten Erkenntnis der wahren Gewaltverhältnisse und des darauf folgenden, Aufbegehrens den eigenen Tod bereitwillig in Kauf nimmt. Ein majestätischer, mitreißender Film, der durch Maurice Jarres Traummusik in seiner kompromisslosen Wirksamkeit noch zugespitzt wird.

9/10

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THE LONG VOYAGE HOME (John Ford/USA 1940)


"What'd Yank do?"

The Long Voyage Home (Der lange Weg nach Cardiff) ~ USA 1940
Directed By: John Ford

Das Handelsschiff 'Glencairn' ist auf dem Weg zurück von der Karibik nach Europa. Geladen hat es Explosivmaterial, um die Alliierten im Kampf gegen die Nazis zu unterstützen. Eine brisante Fracht - denn die Wehrmacht hat längst herausgefunden, dass unscheinbare Zivilschiffe häufig in geheimer Mission unterwegs sind. Die Besatzung hat derweil ganz eigene Probleme: Jeder von ihnen träumt insgeheim davon, den Weltmeeren ein für allemal Lebewohl zu sagen und dennoch schafft keiner jemals den Absprung; sie sind an die Seefahrt gekettet wie Süchtige an die Nadel. Die ganze Hoffnung der alternden Matrosen personifiziert sich daher in dem jungen Schweden Olsen (John Wayne), der nach dieser Passage endlich heimkehren will zu seiner Familie. Doch zuvor gilt es noch manche Unwägbarkeit zu meistern...

Dramatisch gewichtete Liebeserklärung an die raue Einsamkeit der Seeleute, basierend auf vier frühen Stücken von Eugene O'Neill und konzentriert zu einer Geschichte. Für Duke Wayne war es nach "Stagecoach" die zweite Zusammenarbeit mit John Ford, jedoch täuscht man sich, wenn man seine Nennung an der Besetzungsspitze mit seiner Bedeutung für den Film gleichsetzt. Im Gegenteil, Wayne hat nur wenige Dialogzeilen und spielt, von seiner beinahe metaphysischen Bedeutung für seine Kameraden abgesehen, im inhaltlichen Gefüge von "The Long Voyage Home" eine eher untergeordnete Rolle. Das Schwergewicht liegt eher auf Seiten Thomas Mitchells, als Driscoll so etwas wie der Anührer und die gute Seele der kleinen Matrosenschar sowie bei dem mysteriösen Smitty, dem gegenüber der Verdacht, möglicherweise ein deutscher Spion zu sein, gehegt wird, der sich dann jedoch als nicht mehr denn ein kläglicher Trinker herausstellt auf der Flucht vor Entzug, Verantwortung und Familie. Noch deutlich melancholischer als in späteren Jahren geht Ford hier zu Werke; eine komische Ikone, wie sie dereinst häufig von Victor McLaglen oder Andy Devine gespielt werden wird, fehlt - obgleich sich aus der internationalen Konstellation der Glencairn-Besatzung mancherlei situativ bedingte Bizarrerien herstellen lassen. Ein bleiern trauriges Poem und eine der unbekannteren Schönheiten in Fords Werk.

9/10

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THE WINGS OF EAGLES (John Ford/USA 1957)


"I'm gonna move that toe!"

The Wings Of Eagles (Dem Adler gleich) ~ USA 1957
Directed By: John Ford

Der Navy-Commander Frank 'Spig' Wead (John Wayne) ist ein das Leben liebendes Fliegeras. Mit seinen trinkfreudigen Späßen eckt er immer wieder bei Vorgesetzten und Kommandatur an, lässt sich jedoch durch nichts den Spaß verderben - bis ausgerechnet ein häuslicher Treppensturz-Unfall seinem Frohsinn ein jähes Ende setzt: Eine Notoperation kann ihm zwar das Leben retten, doch er ist hüftabwärts gelähmt und gibt sich und seine Ehe mit seiner Frau Min (Maureen O'Hara) auf. Dem unermüdlichen Einsatz seines besten Freundes Jughead Carson (Dan Dailey) verdankt Spig schließlich, dass er zumindest an Stöcken gehen kann. Von der Navy retiriert, beginnt Spig, Drehbücher für Hollywood zu schreiben, darunter viele, die mit der Navy und der Army zu tun haben. Erst Jahre später rauft er sich wieder mit Min zusammen. Nach dem Überfall auf Pearl Harbor bittet Spig um seine Wiederaufnahme in den aktiven Dienst und leistet mit seiner Idee der Jeep-Carrier, kleiner Ersatz-Flugzeugträger für die Schlachtennachhut, einen wertvollen strategischen Beitrag im Pazifikkrieg.

Wundervbar vitales Biopic, dass Ford über seinen Freund 'Spig' Wead "machen musste, weil es sonst ein anderer gemacht hätte". Mit Duke Wayne und Maureen O'Hara vereint er zum dritten Mal seine zwei bevorzugten Hauptdarsteller nach "Rio Grande" und "The Quiet Man". Die unglaublich authentisch wirkende Harmonie zwischen den beiden wird gleich von Beginn des Films an als völlig selbstverständlich exponiert - im Grunde wirkt es fast lachhaft fehlgeleitet, dass sie nicht auch privat eine Lebensallianz geschmiedet haben. "The Wings Of Eagles" ist trotz der phasenweisen existenziellen Schwere seiner Geschichte - die Weads verlieren ihr erstes Baby, geraten häufig aneinander; schließlich Spigs Unfall und später noch seine hinzukommende Herzkrankheit - ein alterslockeres Ford-Werk geworden, das die vom Meister als solche erachteten Lebensqualitäten hervorhebt, festen Mut verbreitet und vor allem als liebevolle Ode an einen Freund Bestand hat. Alkohol spielt eine wichtige, auf der Leinwand ausnahmsweise einmal didaktisch unverbrämte Rolle in Weads Biographie. Tatsächlich verdankt er seine Rekonvaleszenz vornehmlich der ungetrübten Whiskeylaune seines Kumpels Jughead, der hinter der Spiegelkommode von Spigs Krankenzimmer ein ganzes Arsenal an Buddeln per Kleiderbügel verstaut. Auch Maureen O'Hara trinkt gerne mal ein doppeltes Schlückchen on the rocks und die herbe Freundschaft zwischen Spig und seinem Army-Kollegen Hazard (Kenneth Tobey) fußt vornehmlich auf alkoholgetränkten Prügelgelagen. It was a man's world back then.

8/10

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