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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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00 SCHNEIDER - JAGD AUF NIHIL BAXTER (Helge Schneider/D 1994)


"Wat has' denn du gemachte tä?"

00 Schneider - Jagd auf Nihil Baxter ~ D 1994
Directed By: Helge Schneider

Der eigentlich retirierte Kommissar 00 Schneider (Helge Schneider) kehrt zusammen mit seinem Kollegen Lieutenant Körschgen (Helmut Körschgen) in den aktiven Polizeidienst zurück, um den ein-fachen Mörder Nihil Baxter (Helge Schneider), einen "Irren mit 'nem Kunsttick", zu fangen und ins Gefängnis zu tun.

Vermutlich der Film, dem ich in meiner bisherigen Biographie absolut gesehen die meiste Zeit gewidmet habe. Seit ich ihn am seligen, eiseskalten Silvestermorgen des Jahres 1994 als Matinee-Vorstellung im örtlichen Kino bewundern durfte, bin ich ein glühender Liebhaber dieses unumwundenen Meisterwerks deutscher Filmkunst. Ein hierin verwurzelter, reichhaltiger Zitatenfundus, der freilich zum Großteil auf Schneiders älteren Vier-Tonspur-Hörspielen basiert, hat sich seitdem fest in meinen Wortschatz eingemeißelt und wird zu den passendsten (und unpassendsten) Gelegenheiten immer wieder bemüht. Gut aufgehoben fühlt man sich speziell dann, wenn jemand die Geheimcodes versteht, mit denen man sich da verständigt. Dann weiß man, ähnlich wie bei einem Geheimlogengruß: "Aha, da ist ein Gleichgesinnter."
Warum ist Schneiders Film so infektiös? Zunächst mal liefert er trotz der Parallelwelt-Szenerie eine wundervolle Ruhrpott-Doku und geht sogar etwas darüber hinaus, nämlich bis ins Neandertal bei Mettmann, und nur, um einen "merkwürdigen Traum" des Kommissars zu bebildern. "00 Schneider" ist gefilmte Anarchie, alles scheißegal, alles total bescheuert, stream of consciousness, jedwede strukturelle und formale Zwänge negierend. Über Opas Kino der Wallace-Filme bepisst sich der "00 Schneider" ebenso vor Lachen wie über das Neue Deutsche Kino von Fassbinder und Anverwandtentum; dreht den Klassikern dieser Ären eine lange Nase und erweist ihnen zugleich durch immer wieder erfolgende, stilistische Rückgriffe seine Ehrerbietung. Dann ist er auch ein Familienfilm, in dem keiner vermisst zu werden braucht: Buddy Casino, Peter Thoms, Sergej Gleitmann, Charly Weiss und wie sie alle heißen, laufen sich mittels immer bizarreren Auftritten gegenseitig den Rang ab. Mit Werner Abrolat, der schon in "Texas" den Sheriff spielte und in "Praxis Dr. Hasenbein" ein letztes Mal dabei sein wird als Käse-Fachverkäufer, der vor vielen Jahren für Sergio Leone und Jess Franco gespielt hat und seine letzte große Performance als Stimme des schottischen Schulhausmeisters Willie bei den "Simpsons" gab, ist immerhin auch ein richtiger Schauspieler dabei (und damit will ich den großen Andreas Kunze natürlich bei Leibe nicht geschmälert wissen! [das wäre auch schlecht möglich)]. Für Helmut Körschgen, den viele "00 Schneider"-Kultisten an ihrem Herzensobjekt am allerdollsten lieben, war's der denkbar würdigste Schwanengesang. Er wird seine Revals und sein Pilsken jetzt zusammen mit Abrolat, Kunze und Weiss an der lokalen Trinkhalle des Komödianten-Olymps einnehmen.

10*/10

Christoph Schlingensief Groteske Hommage Surrealismus Helge Schneider Satire Ruhrpott


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THE LAIR OF THE WHITE WORM (Ken Russell/UK 1988)


"She bit me!"

The Lair Of The White Worm (Der Biss der Schlangenfrau) ~ UK 1988
Directed By: Ken Russell


Der dandyhafte Lord James D'Ampton (Hugh Grant) kommt zwecks Erbantritts auf sein Familiengut zurück, derweil sich auch in seiner Nachbarschaft einiges tut: Der in der Pension der Schwestern Trent (Sammi Davis, Catherine Oxenberg) wohnende Archäologie-Student Angus (Peter Capaldi) gräbt unter einem früheren Kloster eindeutige Spuren eines archaischen Schlangenkults aus und die geheimnisvolle Lady Silvia Marsh (Amanda Donohoe) kehrt aus dem Winterurlaub heim in ihr Ressort, das "Tempelhaus". Bald kann Lord D'Ampton seiner Familientradition, der zufolge einst ein Vorfahr einen in der Gegend hausenden Lindwurm besiegte, fortführen, denn es regt sich etwas in den Höhlen um D'Ampton Hall...

Nicht übel, aber auch kein großer Wurf. Was mir an "Lair Of The White Worm", einer etwas unorthodoxen Stoker-Verfilmung, überhaupt nicht zusagt, ist seine latente Ironie. Als scheue Russell sich, die an sich doch so viel hergebende Lindwurm-Story zur Gänze ernstzunehmen, zieht er es vor, auf der sicheren Seite zu bleiben, sein rein intellektuell betrachtet sicherlich integres Künstlergebahren durchzuziehen und stets als inszenierender Zampano und lachender Dritter hoch über den Dingen zu stehen. Nun ist Russell aber kein John Landis, der eine solche Gratwanderung einst meisterlich zu bewerkstelligen wusste. Stattdessen verfolgt er viele seiner guten Ansätze nicht weiter, darunter die schicken Masken und Make-Ups, und beraubt die ansonsten tolle Donohoe durch das ihr scriptmäßig auferlegte, permanente, dümmliche Dahergefasel jeder Bedrohlichkeit. Überhaupt scheint mir dies das essenzielle Problem dieses ansätzlich sicher sehenswerten Films: Er ist schlichtweg zu geschwätzig. Ich sehnte mir ja eine adäquate Adaption von Stokers Roman herbei, aber das wird vorerst wohl nur ein frommer Wunsch bleiben.

6/10

Monster Ken Russell Bram Stoker Vampire England Schlangen


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MURDERS IN THE ZOO (A. Edward Sutherland/USA 1933)


"Just an idea of my ideas."

Murders In The Zoo ~ USA 1933
Directed By: A. Edward Sutherland


Der krankhaft eifersüchtige Zoologe Eric Gorman (Lionel Atwill) bringt jeden um die Ecke, der es wagt, seiner Gattin Evelyn (Kathleen Burke) auch nur ein My mehr als die erlaubten, streng rationierten Avancen zu machen. Just von einer Reise aus Südasien zurückgekehrt, muss Gorman feststellen, dass Evelyn sich den Hals nach dem Filou Hewitt (John Lodge) verdreht und ihren Ehemann sogar zu dessen Gunsten absägen will. Gorman lässt die beiden fix zwei bösen "Unfällen" im örtlichen Zoo anheim fallen, doch der Veterinär Dr. Woodford (Randolph Scott) kommt ihm auf die Schliche.

Während die Universal eher gotische bzw. viktorianische Schreckensmotive für ihren so berühmten wie umfassenden Horrorzyklus bemühte, war man bei der Paramount weniger zimperlich bzw. romantisch eingestellt: In "Murders In The Zoo" näht Lionel Atwill gleich zu Beginn seinem ersten Opfer (Edward Paley) die Lippen zusammen und lässt es gefesselt im indischen Urwald zurück, so dass die Tiger es seelenruhig auffressen können, ohne dass es um Hilfe zu schreien vermag. Später wirft er die arme Kathleen Burke Alligatoren zum Fraß vor und wird am Ende als Sühneobjekt selbst zum Opfer einer Anaconda (grandiose Szene übrigens!). Es geht also zur Sache im Film. Zugleich jedoch ist "Murders In The Zoo" auch eine ganz wunderbare Komödie - parallel zu Atwills Geschichte erzählt der Film nämlich von des Zoos neuem Presseagenten Peter Yates (Charlie Ruggles), der einige formidable Slapstickszenen hat. Ruggles, ein begnadeter Komödiant, dessen humoriges Konzept es war, seine optische Seriosität um irgenwelcher Idiotien Willen preiszugeben, dürfte Screwball-Freunden noch als spitzbärtiger Major in Lubitschs "Trouble In Paradise" oder als Leopardengebrüll imitierender Großwildjäger Major Applegate aus Hawks' "Bringing Up Baby" in bester Erinnerung sein. Wer diese Auftritte mochte, wird unter anderem seinetwegen auch an "Murders" seine hellste Freude haben, ebenso wie ich.

9/10

Serienmord Zoo Schlangen Madness A. Edward Sutherland Tierhorror Eifersucht Großkatzen


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THE GREEN HORNET (Michel Gondry/USA 2011)


"When you corner a hornet, you get stung."

The Green Hornet ~ USA 2011
Directed By: Michel Gondry


Britt (Seth Rogen), der verwöhnte Sohn des Zeitungsmoguls James Reid (Tom Wilkinson), lernt es nach dem vermeintlichen Unfalltode des Vaters dessen Diener Kato (Jay Chou) kennen, einen bewanderten Technikfreak. Zusammen mit Kato entwickelt Britt die Idee, seinem eintönigen Partyleben etwas mehr Pep zu verleihen und macht fortan als "Green Hornet" die Gangsterszene von L.A. unsicher. Dabei kommt er bald dem Verbrecherboss Chudnofsky (Christoph Waltz) in die Quere, der den lästigen Vigilanten gar nicht schätzt. Dazu ergeben sich noch andere Schwierigkeiten: Der Staatsanwalt Scanlon (David Harbour) erhebt seltsame Ansprüche betreffs Britts Veröffentlichungspraxis und Kato möchte sich al eigentlicher Mastermind des Duos ungern mit seinem Sidekick-Status zufrieden geben.

Halbwegs amüsantes Revival des einst als Radio- und TV-Serial erfolgreichen "Green Hornet"-Franchise. Das Script von Rogen und Evan Goldberg bürgt schon dafür, dass die ganze Kiste sich keinesfalls ernster nimmt als unbedingt nötig, die Regie von Gondry sorgt für den visuellen Schliff. Dennoch ist "The Green Hornet" ganz bestimmt keine ausgesprochene Wundertüte für den Herrn geworden. Die nicht eben undurchsichtige Comedy-Masche der erweiterten Apatow-Schule mit ihren infantilen, sich selbst demontiereden Antihelden erweist sich als lang nicht mehr so zugkräftig wie in ihren Anfängen und auch knallige Superhelden-Action gehört ja mittlerweile zum alltäglichen Kinogeschäft. Es bedarf nicht der Kombinationsgabe eines Genies um bereits im Vorfeld zu mutmaßen, dass eine Kombination aus beidem keine Innovationsschmiede sein wird. So ward es denn auch bei Gondrys Neuem, der seinem Regisseur tatsächlich noch am Meisten verdankt. Über Herrn Waltz, der aufpassen sollte, dass er sein "bahnbrechendes" Konzept des exzentrischen Supergangsters nicht überstrapaziert, schweige ich mich genau aus diesem Grunde übrigens detailliert aus.

6/10

Michel Gondry Remake Superhelden Freundschaft los Angeles Journalismus


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NAKED LUNCH (David Cronenberg/CAN, UK, J 1991)


"I guess it's about time for our William Tell routine..."

Naked Lunch ~ CAN/UK/J 1991
Directed By: David Cronenberg


New York, 1953: Der als Kammerjäger arbeitende, drogensüchtige Underground-Autor William Lee (Peter Weller) erschießt im Rausch seine Frau. Daraufhin bekommt er von einem mannsgroßen Insekt, einem "Mugwump", den Auftrag, nach "Interzone" zu flüchten, einer Zwischenwelt, die von Tanger in Marokko aus betreten werden kann. Dorthin gereist, lernt er diverse in der Schriftsteller-, Drogen- und Homosexuellen-Szene verkehrende Menschen kennen, darunter den Marihuana-Fabrikanten Hans (Robert A. Silverman), die paraphilen Eheleute Joan (Judy Davis) und Tom Frost (Ian Holm), den Schweizer Dandy Cloquet (Julian Sands) und den Callboy Kiki (Joseph Scorsiani). Von den insektenähnlichen Kreaturen aus Interzone, die ihn als "Agenten" einsetzen, bekommt er indes ständig neue bizarre Aufträge, die irgendwie allesamt um seine Schreiberei kreisen. Am Ende kann er zwar aus Interzone flüchten, die äußere Realität bleibt jedoch unverändert.

Mit der Adaption des als unverfilmbar gelten, semi-autobiographischen Fragment-Romans des Beat-Autoren William S. Burroughs, der ihn tatkräftig bei der Entstehung unterstützte, realisierte Cronenberg sein nächstes Projekt. "Naked Lunch" verhandelt mittels einem konsequent herbeifabulierten Symbolismus gleichermaßen Burroughs' Sucht und seine Homosexualität, seine zwei prägendsten und dabei von ihm selbst so zutiefst verhassten Wesenszüge, die er sich selbst durch seine halluzinatorische Flucht in das Phantasieland "Interzone" erträglich schrieb und machte. Die immer neuen Rauschmittel, mit denen Lee versucht, seine vorherrschende Hauptdroge abzusetzen, treiben ihn jeweils immer tiefer in die Sphären des Rauschs hinein, derweil er seine sexuellen Bedürfnisse und Praktiken einer Armada von überdimensionalen Käfern zuschreibt, die ihm als ihrem willenlosen Objekt stets neue Missionen auferlegen. Erst als Lee als scheinbaren Drahtzieher hinter dem ganzen Gewirr einen vertrauenswürdig geglaubten Mediziner (Roy Scheider) ausmacht, gelingt ihm die Flucht aus diesem ihn gleichermaßen anziehenden und abstoßenden Pfuhl. Doch hinter der Grenze von Interzone wartet mit dem Land "Annexia" nurmehr ein neuer, ungewisser Schwebezustand.
Für Cronenberg, den um diese Zeit offenbar ganz analoge Themen bewegten wie Burroughs seinerzeit (davon künden bereits die "Naked Lunch" einbettenden Werke "Dead Ringers" und "M. Butterfly"), muss die Verfilmung von "Naked Lunch" eine ähnlich freischaufelnde, autotherapeutische Wirkung gehabt haben wie einst das Buch für den Autoren. In Benutzung ungewohnt kräftiger, heller Farben wagt sich Cronenberg außerdem so nah an komödiantische Züge heran wie sonst nie; die Auftritte seiner (von "Fly"-Sequel-Regisseur Chris Walas gefertigten) Schreibmaschinenkäfern und Mugwumps, die im Original Burroughs' Stimme erhalten haben und in der deutschen Fassung die erstaunlich identisch klingende von Märchenonkel Hans Paetsch, sorgen trotz ihres widerwertigen, schleimigen und rektal orientierten Äußeren stets für einen seltam-bizarren Humor, zumal man ja weiß, dass sie im Grunde bloß Lees Halluzinationen entspringen und somit nichts als Selbstgesprächspartner sind. Interessant noch die Verewigungen von Burroughs' Zeit- und Berufsgenossen unter veränderter Nomenklaur: Allen Ginsberg und Jack Kerouac, die Burroughs bei der Entstehung von "Naked Lunch" unerstützten und antrieben, sind als "Martin" (Michael Zelniker) und "Hank" (Nicholas Campbell) zu sehen, Paul und Sally Bowles als besagtes Ehepaar Frost.

10/10

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FROM DUSK TILL DAWN (Robert Rodriguez/USA 1996)


"I suck!"

From Dusk Till Dawn ~ USA 1996
Directed By: Robert Rodriguez


Die beiden Bankräuber Seth (George Clooney) und Richard Gecko (Quentin Tarantino) fliehen, eine immense Blutspur hinterlassend, in Richtung mexikanische Grenze. Um diese unerkannt überqueren zu können, kidnappen sie den verwitweten Ex-Prediger Jacob (Harvey Keitel) und seine beiden Kinder (Juliette Lewis, Ernest Liu). Auf der anderen Seite der Grenze wollen die Geckos in einer Bar namens 'Titty Twister' die Wartezeit auf ihre El-Rey-Connection Carlois (Cheech Marin) verkürzen. Jener Schuppen entpuppt sich als Vampirnest und die folgende Nacht als lang und blutig.

Damals im Kino war "From Dusk Till Dawn" ein ziemlich prägendes Erlebnis, da Werke mit einem vergleichbaren Gore-Impact, dazu ungekürzt, zu dieser recht sauberen Filmperiode eine relative Rarität darstellten. Insofern gab es massig Anlass zum Feiern und Lachen, auch deshalb, weil die Pfade, auf denen Rodriguez' und Tarantinos erklärtes Reminiszenezenkino noch bei weitem nicht auf so breitgetretenen Pfaden wandelte, wie es heute ein Film Marke "Machete" zu tun pflegt. Dennoch muss wohl jeder aufrichtige Freund von "From Dusk Till Dawn" zugeben, dass die Erkenntnis der "Masche" sich im Laufe der letzten fünfzehn Jahre doch zunehmend aufgedrängt hat. Mancher Spruch scheint ausgelutscht bis Feuerland, mancher Vampireffekt tradiert und albern. Dennoch bildete das hier eine gewisse Pionierleistung mit ihrer wahrhaft traumhaften Exploitation-All-Star-Cast bis in kleine Nebenrollen, einem buchstäblichen Schwanzduell zwischen den Blutskonkurrenten Tom Savini und Greg Nicotero und ganz gezielt direkt übernommenen Einstellungen aus bereits manifesten Kultfilmen wie "Up!" oder "The Thing". Trotzdem, die Zeiten, da ich mir "From Dusk Till Dawn" mindestens einmal die Woche anschauen konnte, sind mit meinem Älterwerden passé geworden. Eigentlich ganz gut so, wie ich just feststellen konnte.

7/10

Hommage Robert Rodriguez Mexiko Quentin Tarantino Alkohol Texas Vampire Splatter Kidnapping


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YOU WILL MEET A TALL DARK STRANGER (Woody Allen/USA, E 2010)


"Let us all calm down!"

You Will Meet A Tall Dark Stranger (Ich sehe den Mann deiner Träume) ~ USA/E 2010
Directed By: Woody Allen


Parallel erzählte Liebes- und Leidensgeschichten vierer Londoner, allesamt miteinander verwandt: Alfie Shebritch (Anthony Hopkins) erlebt seinen dritten Frühling, trennt sich von seiner Frau Helena (Gemma Jones) und ehelicht eine dralle, aber unterbelichtete Prostituierte (Lucy Punch), derweil Helena den Scharlatanerien einer Wahrsagerin (Pauline Collins) verfällt und mit einem okkultistisch interessierten Buchhändler (Roger Ashton-Griffiths) anbandelt. Für Alfies und Helenas Tochter Sally (Naomi Watts) steht derweil die eigene Trennung von ihrem erfolglosen Autorenmann Roy (Josh Brolin) ins Haus. Während Sally bei ihrem Chef, einem reichen Galeristen (Antonio Banderas) abblitzt, findet Roy neue Hoffnung bei seiner schönen Nachbarin Dia (Freida Pinto), leistet sich jedoch einen unmöglichen beruflichen Faux-pas.

Ähnlich wie eine alljährlich stattfindende, behagliche Geburtstagsparty bringen Woody Allen und seine regelmäßige Werkskonstante bekanntermaßen nicht viel Neues, erheitern meinereiner jedoch stets zuverlässig, weshalb ich dem jeweils aktuellen Werk auch immer wieder mit wohliger Vorfreude entgegensehe. "You Will Meet A Tall Dark Stranger", wiederum in Allens neuem Zweitlieblingsdomizil London beheimatet, rekapituliert einmal mehr all die bekannten Topoi der mittlerweile 76 Lebensjahre umfassenden New Yorker Neurosenpeitsche: Alter und Jugend Scheidung und Reue, Verblendung, Amours fous und, in den letzten Jahren verstärkt hinzugekommen, ein krimineller Akt. Komödiantisch ist der Film nur in den ersten zwei Dritteln zur Gänze, als jeder der Protagonisten sich durch unbedachte Handlungen von Leichtgläubigkeit bis hin zum Voyeurismus lächerlich machen muss - danach, im finalen Akt, kommen die Konsequenzen und mit ihnen all die Minikatastrophen, die das Schicksal so aufzubieten weiß. Allen hinterlässt bewusst ein Gewirr loser Fäden - ob und wie seine Figuren ihre recht bösartigen Probleme meistern werden, verrät er uns nicht. Angesichts seiner zunehmend finsteren Sicht auf die Welt darf man aber mit de Schlimmsten rechnen.

8/10

Amour fou Woody Allen Ehe London Scheidung


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RADIOACTIVE DREAMS (Albert Pyun/USA 1985)


"We now saw the world for what it was: cold and bitter."

Radioactive Dreams ~ USA 1985
Directed By: Albert Pyun


Die beiden vierjährigen Jungs Philip Chandler und Marlowe Hammer werden von ihren Dads (George Kennedy, Don Murray) pünktlich zur Explosion der Bombe in einen Atombunker gesperrt. Fünfzehn Jahre später, ihre Väter haben sie längst verlassen, betreten Chandler (John Stockwell) und Hammer (Michael Dudikoff) staunend die postnukleare Welt, in den Manteltaschen zwei geheimnisvolle Schlüssel. Die Bildung der beiden jungen Männer besteht vornehmlich aus Detektivgeschichten der dreißiger und vierziger Jahre; entsprechend naiv begegnen sie dem Trümmerchaos, das sie nun erwartet. Wilde Punkgangs, Disco-Mutanten, Kannibalen, unterirdisch lebende Monster, aber auch die "klassische" Femme fatale begegnen ihnen und wollen ihnen durchweg jene seltsamen Schlüssel abluchsen.

Was sich nach erstklassigem Trivialtrash der Mid-80s anhört, entpuppt sich als nicht viel mehr denn eine Kinokuriosität aus der Hochperiode der Bombenparanoia. Mit der produktiven Unterstüzung des damals noch präsenten Dino De Laurentiis fertigte der dem Vernehmen nach stets sehr von sich selbst überzeugte Hawaiianer Albert Pyun seinen zweiten Film nach "The Sword And The Sorcerer", diesmal ein echtes Autorenstück, dessen Ideenspanne jedoch weitaus geringer bleibt als sich angesichts des tollen Titels und Poster-Artworks erhoffen lässt. "Radioactive Dreams" erscheint höchst wirr und unausgegoren, jedoch auf eine Weise, die deutlich mehr mit inszenatorischer Nachlässigkeit zu tun hat als mit den angepeilten Noir-Strukturen. Abgesehen von seinem poppigen Grundgedanken scheint Pyun die Muse irgendwann schlicht verlassen zu haben. Somit verbleibt kaum mehr als ein ansätzlich sicherlich gutgemeinter, im Vergleich zu jedem beliebigen Italo-Endzeit-Klopper derselben Periode aber teils überhängend langweiliges filmhistorisches Exponat.
Epilog: Von den jüngst veröffentlichten deutschen DVD-Veröffentlichungen rate ich halbwegs geduldigen Interessierten, Abstand zu nehmen. Das Bildformat ist von 2,35:1 auf 1,78:1 gecroppt und merklich seiner originären Komposition beraubt. Ferner bin ich froh, mir nicht die hoffnungslos überteuerte Soundtrack-Edition geleistet zu haben, denn der grauenhaft beliebige, mit weiblichen Vocals intonierte Achtziger-Pop-Rock dürfte höchstens Kulturmasochisten erfreuen.

4/10

Coming of Age Groteske Albert Pyun Atombombe Apokalypse film noir


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COLPO IN CANNA (Fernando Di Leo/I 1975)


Zitat entfällt.

Colpo In Canna (Ich polier' dir deine Glatze) ~ I 1975
Directed By: Fernando Di Leo


Die amerikanische Stewardess Nora Green (Ursula Andress) überbringt dem Neapeler Gangsterboss Silvera (Woody Strode) eine Nachricht des gefürchteten internationalen Verbrecherkopfes "Der Amerikaner". Dafür lässt Silvera sie erstmal gehörig vertrimmen. Der nicht ausschließlich an Noras Gesundheit interessierte Manuel (Marc Porel) nimmt sie darauf mit zu sich nach Haus. Wie sich bald herausstellt ist Nora weit weniger ahnungslos als zunächst vermutet: Tatsächlich stecken sie und einige Gespielen hinter dem Pseudonym des "Amerikaners", was Silvera und auch sein Konkurrent Don Calò (Aldo Giuffrè) bald unsanft zu spüren bekommen.

Mit "Colpo In Canna", dem ersten Teil einer Trilogie von Gaunerkomödien, hat Fernando Di Leo eine völlig bizarre Gaunerkomödie aus der Taufe gehoben. Die Leo, der immerhin für einige der besten italienischen Gangsterfilme der Siebziger verantworlich zeichnet, hat den Film als eine Art Miniplagiat zu Hills Erfolgsfilm "The Sting" konzipiert, wofür der gleichermaßen undurchsichtige wie komödiantisch gewichtete Plot sowie die stark an Hamlischs Ragtime-Score angelehnte Musik von Bacalov sprechen. Auf weitere Analogien verzichtet Di Leo jedoch; er siedelt seine Geschichte in der Gegenwart an und scheut auch vor dämlichsten Slapstick-Elementen nicht zurück, die die vor Blödsinn nur so blühende deutsche Synchronfassung vermutlich noch verstärkt. Dabei macht der Regisseur den kapitalen Fehler, seinen Film formal wie dramaturgisch völlig zerfasern und schließlich sogar regelrecht fahrlässig zerfallen zu lassen. Zunächst gibt sich "Colpo In Canna" den Anstrich eines "erwachsenen" Gangstermovies mit einigen Gewalttätigkeiten und einer besonders zeigefreudigen Ms. Andress, bis er nach einigen ohnehin wilden Loops und Loopings in einem Finale kulminiert, das so auch in einem Spencer-Hill-Werk hätte vorkommen mögen: Einer lustigen Massenprügelei mit allerlei Vogelgezwitscher und ähnlichen infantilen Gags. Mal sehen, was die weiteren Teile der Trilogie mit Ausnahme ihrer weit weniger erfrischenden deutschen Titel noch zu bieten haben...

5/10

Fernando Di Leo Neapel


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THE SCALPHUNTERS (Sydney Pollack/USA 1968)


"Mexico!"

The Scalphunters (Mit eisernen Fäusten) ~ USA 1968
Directed By: Sydney Pollack


Dass dem Trapper Joe Bass (Burt Lancaster) seine komplette Jagdbeute, eine ganze Pferdeladung Biberfelle, von den Kiowas gestohlen wird, lässt dieser nicht bieten. Als Gegenleistung erhält Bass von den Indianern immerhin den Sklaven Joseph Lee (Ossie Davis), einen hochgebildeten Louisiana-Flüchtling, der von seinem neuen "Eigentümer" prompt zum Helfershelfer erkoren wird. Die Felle und auch Joseph gelangen dann über Umwege in den Besitz des berüchtigten Skalpjägers Jim Howie (Telly Savalas) und seiner Bande, die gerade auf dem Weg nach Mexiko ist. Aus sicherer Entfernung drangsaliert der mit allen Wassern gewaschene Bass die Howie-Gang, um sein rechtmäßiges Eigentum wiederzubekommen.

Ein vorsätzlich hässlicher Western, besetzt mit hässlich herausgeputzten Darstellern, gefilmt im hässlichen Durango und beseelt von den hässlichsten Charakterzügen, die Menschen so an den Tag legen, wenn's ihnen mal wieder hässlich geht. Natürlich hat es Pollack nichts anderes im Sinn, als bärbeißige Satire zu machen. Er hat seine drei, vier Italowestern gesehen, sich davon offenbar stark beeindrucken lassen, ihren Formalismus und ihr Weltbild dazu erkoren, seine kleine, symbolträchtige Americana um den alltäglichen Rassismus und die Unmöglichkeit des friedlichen Zusammenlebens in Bilder zu fassen. Als männliche "Helden" gibt es einen unrasierten, schmutzigen Lancaster, der zwar ein exzellenter Fallensteller, aber ein ungebildeter und ungehobelter Klotz ist, den cleveren Sklaven, der zwar höchste Erziehung genossen hat, im Westterritorium aber völlig aufgeschmissen ist und schließlich Telly Savalas, der die Hälfte seiner screen appearance in Unterwäsche herumrennt. Als einzige Dame im Quartett gibt es die alte Trümmerlotte Shelley Winters - insgesamt ein tatsächlich wunderbares Ensemble, das sich gegenseitig allenthalben zu komischen Kabinettstückchen anstachelt.

8/10

Belagerung Sydney Pollack Satire





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Funxton

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