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In meinem Herzen haben viele Filme Platz 2.0


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BLAZING SADDLES (Mel Brooks/USA 1974)


"Mornin', ma'am. And isn't it a lovely mornin'?" - "Up yours, nigger."

Blazing Saddles (Der wilde, wilde Westen) ~ USA 1974
Directed By: Mel Brooks

Das Städtchen Rock Ridge soll der Eisenbahn weichen, weswegen der böse Hedley Lamarr (Harvey Korman) alles dafür tut, die Einwohner zu vertreiben. Nachdem selbst der Einsatz des schwarzen Sheriffs Bart (Cleavon Little) nebst einigen anderen Gemeinheiten nicht den gewünschten Effekt besorgt, heuert Lamarr sämtliche Desperados und Galgenvögel der Umgebung an, um Rock Ridge dem Erdboden gleich zu machen. Doch Bart und sein neuer Kumpel Waco Kid (Gene Wilder) haben eine Wahnsinnsidee...

Respektlose Westernparodie, die zugleich eine wunderhübsche Rassismus-Satire abgibt. Brooks selbst ist in zwei Rollen zu sehen, als schielender, notgeiler Gouverneur und als jiddisch sprechender Sioux-Chief, jeweils absolute Highlights des Films. Ansonsten wäre natürlich die berühmte "Lagerfeuer-Szene" hervorzuheben, in der etwa zwanzig Cowboys schweigend um besagte Wärmequelle herumhocken, Bohnen essen und in vollster Lautstärke furzen und rülpsen. Vermutlich handelt es sich hier um eine Pionierleistung - die erste große Furzszene der Leinwand. Schließlich darf die große Madeline Khan als Tingeltangelsängerin Lili von Shtupp nicht vergessen werden, die eine unglaubliche Dietrich-Persiflage hinlegt. Der helle Wahnsinn.

8/10

Rassismus Mel Brooks Parodie Satire Eisenbahn Farce


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THE PRODUCERS (Mel Brooks/USA 1968)


"When you've got it, flaunt it!"

The Producers (Frühling für Hitler) ~ USA 1968
Directed By: Mel Brooks

Der neurotische Buchprüfer Leo Bloom (Gene Wilder) bringt den abgehalfterten Broadway-Produzenten Max Bialystock (Zero Mostel) auf die grandiose Idee, Investorengelder zu veruntreuen, indem man ein von vornherein als Megaflop konzipiertes Stück auf die Beine stellt. Dafür kann nur das geschmacklose Nazi-Hurra "Frühling für Hitler" infrage kommen, geschrieben von einem völlig verrückten deutschen Exilanten (Kenneth Mars), inszeniert von einem nicht minder wahnsinnigen Regisseur (Christopher Hewitt), titelbesetzt mit einem den Gipfel des Irrsinns erklimmenden Darsteller (Dick Shawn). Max und Leo ergaunern sich siegesgewiss das Budget bei diversen alten Damen - und staunen nicht schlecht, als die Premiere ihres Stücks zu einem rasenden Publikumserfolg wird.

Brooks' klassisches Regidebüt liefert gleich den absoluten Slapstick auf riesigen Stelzen und ist wahrscheinlich noch um einiges bizarrer und durchgedrehter als seine späteren Werke. Als Jude darf er natürlich geschmacklosen Schabernack mit der Nazikultur treiben, ohne dass ihm gleich die Ethospolizei auf die Kammer rückt und da die Preisgabe zur Lächerlichkeit sowieso das wirksamste Mittel der Entdämonifizierung ist, passt seine Farce auch wie die Faust aufs Auge. Ansonsten sollte man vielleicht ein Faible mitbringen für grelle Faxenmacherei, infantiles Herumgeschreie- und gesinge und sich überhaupt ein kindliches Komikherz bewahrt haben, denn Brooks' überkandidelte Kaspereien sind nicht immer eben subtiler Natur. Das heißt natürlich nicht, dass man mit ihnen keinen Spaß haben kann und soll, denn lachen ist immer gesund, auch wenn es mal nicht vom Kopf, sondern vom Bauch her kommt.

8/10

Theater Mel Brooks New York Broadway Slapstick Satire Farce Freundschaft


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CACTUS FLOWER (Gene Saks/USA 1969)


"You dirty married bachelor!"

Cactus Flower (Die Kaktusblüte) ~ USA 1969
Directed By: Gene Saks

Als seine wesentlich jüngere Geliebte Toni (Goldie Hawn) einen vergeblichen Suizid-Versuch startet, sieht sich der Dentist Julian Winston (Walter Matthau) endlich genötigt, sie zu heiraten. Der Haken: Julian hat ihr seit einem Jahr vorgeschwindelt, bereits verheiratet zu sein und drei Kinder zu haben. Nun muss er eine wilde Scheidungsgeschichte erfinden, die noch pikanter wird, als Toni darauf besteht, Julians zukünftige Ex-Frau kennenzulernen. Diese Rolle soll nun Julians langjährige Praxishelferin Stephanie (Ingrid Bergman) einnehmen...

Fand ich an der Zeit, aufzufrischen, nachdem ich neulich "Just Go With It", die zumindest motivisch verwandte Neuverfilmung des Stücks "Fleur De Cactus" von Barillet und Grédy gesehen hatte. Für "Cactus Flower" hat der Wilder-Stammschreiberling I.A.L. Diamond die Feder zur Hand genommen und entsprechend anverwandt wirkt das Ergebnis. Allerdings ist weniger die sich anbahnende Romanze der beiden alternden Knutschkugeln Matthau und Bergman (jene mit 54 immerhin noch gut fünf Jahre älter als ihr Filmpartner, das gibt's auch nicht alle Tage in Hollywood), sondern die satirische Zeichnung des selbsternannten Künstlermilieus von Greenwich Village. In jenen Tagen schien in New York noch alles gestattet und rein gar nichts merkwürdig zu sein, jedenfalls glaubt man das als Spätergeborener nach Ansicht von Filmen wie diesem nur allzu gern. Ganz herrlich anzuschauen etwa die Tanzflächenverrenkungen der Protagonisten zu einer Northern-Soul-Variation von dem Monkees-Klassiker "I'm A Believer" oder die Szenen in Goldie Hawns Plattengeschäft.
Ansonsten ein sehr lebensweises und wohlmeinendes Stück, das bei allem Tiefsinn älteren Herren ihre evolutionär verwurzelten Lolitakomplexe jedoch kaum auf Dauer austreiben wird. Ich jedenfalls wäre bei der Hawn geblieben, aber wer bin ich schon...

7/10

New York Zahnarzt Bohème based on play


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DIE VORSTADTKROKODILE (Wolfgang Becker/BRD 1977)


"Habter gesehen, wie man's macht?"

Die Vorstadtkrokodile ~ BRD 1977
Directed By: Wolfgang Becker

Die "Vorstadtkrokodile" sind zehn Kinder, die sich zu einer Bande mit strengem Ehrenkodex zusammen geschlossen haben. Der an den Rollstuhl gebundene Kurt (Birgit Komanns) rettet dem neuesten Mitglied Hannes (Thomas Bohnen) das Leben, als dieser bei einer Mutprobe fast vom Dach einer Ziegelei fällt. Wegen Kurts schneller Reaktion kann die Feuerwehr Hannes in letzter Sekunde aus seiner misslichen Lage (er hängt an einer Regenrinne) befreien. Kurt, der von den Krokodilen wegen seiner Behinderung stets gemieden wurde, kann sich nun langsam das Vertrauen und die Freundschaft der anderen Kinder sichern. Brenzlig wird es wiederum, als Kurt einem Trio (Martin Semmelrogge, Thomas Naumann, Hans-Gerd Rudolph) jugendlicher Einbrecher auf die Spur kommt, von denen einer der ältere Bruder des Krokodils Frank (Heiner Beeker) ist...

Sehr liebenswerte, erste Verfilmung des berühmten Kinderbuchs von Max von der Grün, das ja bereits seit einigen Jahren zum Kanon der Schulliteratur zählt. Der pädagogische Nährwert hält sich dabei relativ geschickt getarnt unter der zumindest halbwegs authentischen Schilderung vorstädtischen Kinder-Milieus. Buch und Film bilden eine Lehrstunde in Sachen Toleranz, ohne dabei jemals auch nur ansatzweise Gefahr zu laufen, kitschig oder pathetisch zu werden. Darin liegt überhaupt das große Geschick des Stoffes, den behinderten Kurt, der seinen Spitznamen "Rennfahrer" ganz flugs weghat, zum einen als Protagonisten und Identifikationsfigur einzuführen und ihn trotz seiner körperlichen Einschränkung als mindestens genauso mutig und clever wie seine neuen Freunde zu charakterisieren. Im Film übernahm diese Rolle ein Mädchen (Birgit Komanns), das dann später von Oliver Rohrbeck nachsynchronisiert wurde. Diese Parallele ist ganz interessant, war doch Rohrbeck in den siebziger und achtziger Jahren Stammsprecher mehrer Kinderserien des Hörspiellabels 'Europa', die sich oftmals als stark von von der Grüns Geschichte beeinflusst präsentierten. Die Kinder wurden allesamt von Laien gespielt, was sich bezüglich Beckers Authentizitätsanspruchs als hervorragende Entscheidung erwies. Der supereklig aufspielende Martin Semmelrogge als böser Egon ist aus dem Film nicht wegzudenken. Überhaupt wirken die Menschen hier allesamt vollkommen "original": Es wird - heute in einem nominellen Kinderfilm undenkbar - geraucht und gesoffen, selbst die Kinder versetzen sich einmal in einen lustigen Weinrausch. Der tolle Eberhard Feik, als Kurts Vater zu sehen, darf sich in einer Szene auf einem Schulfest richtig gehörig einen reintun, wohlgemerkt, ohne gleich als pathologischer Trinker denunziert zu werden. Die unumwundene Darstellung solch gelebter Entspanntheit würde uns heute auch mal wieder guttun...
Die ebenfalls auf der aktuell erschienen DVD enthaltene, vier Jahre später entstandene Dokumentation "Bleibt knackig, Freunde" entzaubert den Film dann recht stark, denn die Kids sind mittlerweile um die 16, 17 Jahre alt, trinken vor der Kamera unverhohlen ihr Schnäpschen und sind gerade dabei, sich eine kleinbürgerliche Existenz zu schaffen. Das ist zwar recht interessant und spaßig zu betrachten, wirkt unmittelbar nach dem Genuss des Hauptfilms aber auch ziemlich entromantisierend. Aber kann man ja auch weglassen und stattdessen lieber noch ein wenig die starken, sehr symbolbehafteten Finalbilder der "Krokodile" nachwirken lassen. Besser ist das.

8/10

TV-Film Kinderfilm Wolfgang Becker Max von der Grün Coming of Age


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JUST GO WITH IT (Dennis Dugan/USA 2011)


"I can't wait to Twitter this to all my friends."

Just Go With It (Meine erfundene Frau) ~ USA 2011
Directed By: Dennis Dugan

Nach einem traumatischen Prä-Hochzeits-Erlebnis hat der ansonsten gut aufgelegte Schönheitschirurg Danny Maccabee (Adam Sandler) einen fiesen Abschlepp-Trick entwickelt: Er trägt einfach seinen - nunmehr bedeutungslosen - Ehering und die Herzen der schönsten Frauen fliegen ihm nur so zu. Bei der atemberaubenden Palmer (Brooklyn Decker) stellt sich leider der diametrale Effekt ein: Als die junge Schönheit, die Danny eigentlich vom Fleck weg heiraten würde, das güldene Heiratssymbol erblick, hält sie ihn für einen Betrüger und will vorläufig nichts mehr von ihm wissen. Um Palmer nun zu verkaufen, dass seine (imaginäre) Ehefrau eine wahre Hexe ist, überredet Danny seine langjährie Sekretärin Katherine (Jennifer Aniston), ebenjene zu spielen. Eine Reise nach Hawaii bringt längst erforderliche Klarheit.

Nach "Grown Ups" ist das diesjährige Sandman-Movie wieder etwas bissiger geraten, bleibt insgesamt aber der mittlerweile etablierten, familienfreundlichen Linie des Komikers treu. Überhaupt gibt es kaum Neues zu berichten von der Sandlerfront, aber da der Mann ja ohnehin so etwas wie eine massenkulturelle Konstante repräsentiert, ist das auch gut so. Die beiläufige 'plastic surgery satire' ist nicht übel und der Einsatz von Nicole Kidman (die ich zuletzt in "Cold Mountain" erblickt hatte) mitsamt ihren gestrafften Gesichtszügen, bei der ich zweimal hinsehen musste, um sie überhaupt zu erkennen, scheint mir ein hübsch perfider Zusatz-Kommentar. Hawaii als bewährten Schauplatz sowohl für bizarre Komik als auch für romantische Verwicklungen hatten wir schon ("50 First Dates"), die wie immer ausgesuchte Song-Kompilation mit unter anderem (nachgezählt) sage und schreibe neun Stücken von The Police bzw. dem Solo-Sting, einige davon als interessante Remix-Versionen und dem Überhit "Next To You" als Abschluss, fällt für einen Anhänger der Jungs natürlich generös aus und dieser blonde, überaus wohlbestückte Kleiderschrank Brooklyn Decker ist ein wahrer Klappmesser-Garant. Aber wen wundert's - der Sandman ist ja bekanntlich auch kein Kostverächter in jedweder Hinsicht. Die sich zum personellen Stamminventar entwickelnden Nick Wardson und Dave Matthews sind klasse. Da lassen sich sogar die üblichen, höchst weinerlich inszenierten Kinderheulereien um nachlässige Verräter-Papis noch zähneknirschend verknusen.
Ich schrieb es glaube ich schonmal an anderer Stelle, vermutlich sogar mehrfach, aber aus aktuellem Anlass ist es mir wieder ganz präsent: Sandler, der sein Lebenswerk dem Eskapismus und dem freundlich verpackten Publikums-Beschiss gewidmet hat, bleibt weiterhin der Einzige, der anno 2011 noch die capraeske Chuzpe besitzt, die USA per regelmäßigen Elogen liebevoll zum bonbonfarbenen Schlaraffenland zu verklären. Aber wen wundert's - für Erfolgsmenschen wie ihn repräsentieren sie vermutlich genau das. Für diesen Einsatz gebührt ihm dann aber auch endlich mal irgendeine Form von Staatsorden, Mr. Barack.

6/10

Dennis Dugan Hawaii Los Angeles Satire Adam Sandler


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SPACEBALLS (Mel Brooks/USA 1987)


"May the Schwartz be with you!"

Spaceballs ~ USA 1987
Directed By: Mel Brooks

Der Weltraumhalunke Lone Starr (Bill Pullman) und sein Kumpel Waldi (John Candy) befreien die Prinzessin Vespa (Daphne Zuniga) aus den Klauen der bösen Patrone Lord Helmchen (Rick Moranis) und Präsident Skroob (Mel Brooks). Dabei hilft ihnen Yogurt (Mel Brooks), der kleine, aber mächtige Beherrscher des "Safts".

Eigentlich wollte ich meine kleine, höchst unvollständige Brooks-Sammlung ja mal wieder chronologisch angehen, doch eine bierselige Laune trieb mich und meine Mitschauer dann zu unser aller altem Jugendschlager "Spaceballs". Wer mit "Star Wars" und anderen Klassikern des jüngeren phantastischen Kinos vertraut war und günstigstenfalls zum Zeitpunkt des Kinostarts von Brooks' SciFi-Farce gerade die Pubertät enterte, für den war dieses kalauernde Sammelbecken flacher bis toller Gags ein Instant-Kultfilm. Lange Jahre meiner Schulzeit begleiteten diverse Zitate des Films, Dinger wie "durchkämmt die Wüste" und "wahnsinnige Geschwindigkeit" wurden zu jedem Anlass hervorgekramt. Freilich gehen in der (nichtsdestotrotz sehr gelungenen) deutschen Sprachfassung einige von Brooks' Witzchen verlustig, etwa die diversen jiddischen Gags, die den kleinen, goldenen Yogurt als so eine Art verkitschten Anti-Rebbe erscheinen lassen. Immerhin rettet der bravouröse, des Jiddischen bemerkenswert mächtige Wolfgang Völz, in späteren Tagen Brooks' Stammsprecher, einige Nuancen davon mit zu uns hinüber, wenn das deutsche Dialogbuch auch den Großteil davon sinnentstellt. Immerhin: Einen "Colonel Sandfurz" (George Wyner) haben die Amis nicht bekommen. Zwar hat der Film über die Jahre einiges von seiner Spaßigkeit verloren und man lacht heuer vielleicht auch über andere Gags als früher, in Anbetracht all dieser widerwärtig-uncharmanten und vor allem antihumorigen "Movie-Movies" bleibt er jedoch eine fast schon geistesblitzende Bank.

7/10

Parodie Mel Brooks Farce


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FAMILY PLOT (Alfred Hitchcock/USA 1976)


"If I'm a fink then you're an ungrateful bitch."

Family Plot (Familiengrab) ~ USA 1976
Directed By: Alfred Hitchcock

Zwei kriminelle Pärchen - das eine, Blanche (Barbara Harris) und George (Bruce Dern) zwei liebenswerte Gauner, die sich mit getürkten Hellsehereien über Wasser halten, das andere, Fran (Karen Black) und Edward (William Devane) im großen Stil arbeitende Ganoven, die prominente Persönlichkeiten entführen und sie jeweils gegen wertvolle Diamanten eintauschen. Durch Zufall kreuzen sich die Wege der beiden Paare, als Blanche von der steinreichen, betagten Mrs. Rainbird (Cathleen Nesbitt) den Auftrag annimmt, mittels ihrer "PSI-Fähigkeiten" einen verschollenen Erben ausfindig zu machen. Mittels der detektivischen Fertigkeiten von George stoßen die Zwei bald auf Arthur Adamson, der eigentlich Edward Shoebridge heißt und bei dem es sich just um den gesuchten Kidnapper und nebenbei einen sadistischen Gewaltverbrecher handelt. Blanche bringt sich unversehens in tödliche Gefahr, als sie dem Gefundenen eines Abends die frohe Botschaft seines Erbteils bringen will und Fran und Edward bei einer ihrer Kidnapping-Aktionen überrascht.

Leichtfüßige Unterhaltung, die sich nur schwerlich über den Erfindungsreichtum zeitgenössischer TV-Produktionen hinaushievt. Hitch war zum Drehzeitpunkt um die sechsundsiebzig, dem Weine weniger abgeneigt denn je, Träger eines Herzschrittmachers und hat, wie berichtet wird, seinen Regiestuhl während der Arbeit bestenfalls für PR-Shots verlassen. Die Delegierung der unterschiedlichen Aufgabenbereiche verlief also noch intensiver als gewohnt; umso weniger überraschend das zwar durchaus unterhaltsame, insgesamt jedoch blasse Endergebnis, Hitchcocks letzter Film, der zu allem Überfluss mit einem Zwinkern Richtung Publikum enden muss. Im Nachhiein lässt sich dieser Wink als liebenswerte Abschiedsgeste interpretieren, dem "Vertigo"-Hitchcock von vor zwanzig Jahren wäre so etwas jedoch im Traum nicht vorgekommen. Abgesehen von zwei, drei einfallsreichen crane shots gibt es keine technischen oder stilistischen Extravaganzen und die mörderische Autofahrt in den kalifornischen Bergen ist alles andere als 'up to date'. Harris und Dern müssen vor einer gut erkennbaren Rückprojektion um ihr Leben bangen, was die gesamte Szene nur unwesentlich rasanter erscheinen lässt als eine analoge in "Baretta" oder ähnlichen TV-Serien jener Tage. In "North By Northwest" oder "Notorious" passten die auf dieselbe Weise gestalteten Momente sich seltsamerweise noch untadelig ihrer jeweiligen Textur an, 1976, als New Hollywood die Studios verschlungen hatte und Naturalismus Trumpf war, war sowas jedoch einfach nicht mehr drin. So ist "Family Plot" im Gegensatz zu "Marnie" oder "Topaz" sicherlich sympathisch, zugleich aber ein weiteres Indiz dafür, dass es Legenden manchmal besser steht, eher früh denn spät aus dem Rampenlicht zu treten.

6/10

San Francisco Alfred Hitchcock Kidnapping


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THE TROUBLE WITH HARRY (Alfred Hitchcock/USA 1955)


"We're not quite finished with him yet."

The Trouble With Harry (Immer Ärger mit Harry) ~ USA 1955
Directed By: Alfred Hitchcock


Der New Yorker Harry Worp (Philip Truex) entschlummert sanft auf den herbstlichen Hügeln von Vermont - und gleich drei Personen (Edmund Gwenn, Mildred Natwick, Shirley MacLaine) fühlen sich für seinen Tod verantwortlich. So wird der arme Harry viermal ausgegraben, bevor er selbst und seine unfreiwilligen Bestatter die ewige Ruhe finden dürfen.

Neben "Halloween" meiner liebster Herbstfilm, eine perfekt pointierte, schwarze Komödie und trotz des morbiden Sujets Hitchcocks philanthropischstes, lebensbejahendstes Werk. Mit großer väterlicher Zuneigung zu den auftretenden und handelnden Personen, von denen bis auf den wie immer leicht verblödeten, querulantisch auftretenden Dorfsheriff (Royal Dano) allesamt sehr sympathisch sind, bringt "The Trouble With Harry" den Kreislauf der Existenz auf eine ganz einfache Formel: Aus jedem Tod erwächst stets auch neues Leben. Gleich zwei Liebespaare und ein ganzes Netz von Freundschaften bilden sich nämlich infolge von Harrys Ableben. Zuvor in anonymer nachbarlicher Koexistenz lebende Personen lernen sich über das turbulente, letztendlich heilsame Problem der Leichenentsorgung kennen, mögen und/oder lieben. Die explodierenden Farben von "To Catch A Thief" weichen hier einem (teils auf artifiziellem Wege herbeigeführtem) zartem Oktoberpastell, das sich in den Zeichnungen und Gemälden des etwas exzentrischen Künstlers Sam Marlowe (John Forsythe) sogar regelrecht "materialisiert".
"Harry" müsste somit eigentlich zum Pflichtprogramm ernannt werden für jeden angehenden Thanatologen.

10/10

Herbst Farce Leiche Alfred Hitchcock Vermont


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TO CATCH A THIEF (Alfred Hitchcock/USA 1955)


"Avez-vous Bourbon?"

To Catch A Thief (Über den Dächern von Nizza) ~ USA 1955
Directed By: Alfred Hitchcock


Der frühere Juwelendieb John Robie (Cary Grant), ehedem bekannt als "Die Katze", hat sich in einem Weingut an der französischen Riviera zur Ruhe gesetzt. Als ein neuer Räuber auftaucht, der Robies Vorgehensweise exakt dupliziert, gerät der Ex-Kriminelle überall in Verdacht - sowohl bei der Polizei als auch bei seinen früheren Genossen, die in ihrer nunmehr legalen Existenz ungestört bleiben wollen. Um sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, verbündet sich Robie mit dem englischen Versicherungsdetektiv Hughson (John Williams), der über eine Liste der potenziellen Ziele der neuen "Katze" verfügt. Auf diesem Wege lernt Robie auch die amerikanische Schönheit Frances Stevens (Grace Kelly) kennen und lieben.

Eine Explosion in Technicolor und Vistavision. Ich kenne wenige Filme, die so sehr von ihren auserlesenen Farbkompositionen leben wie "To Catch A Thief" - eine luxuriöse Lektion in Ästhetik, den böse Zungen als Betuchten-Reisereklame für die Côte d'Azur diffamieren mögen, der für mich jedoch das ultimative Exempel der eleganten Gaunerkomödie darstellt. Diesmal geht es, mit Ausnahme des Showdown, kaum um Suspense, sondern lediglich darum, sich in Südfrankreich einen brauen Teint zu holen, um gutes Essen, Juwelen und Mondänität, um frivolen, geistreichen Witz. Und natürlich um Grace Kelly, die mit jedem weiteren Film für Hitchcock immer noch schöner zu werden scheint. Hier sieht sie endgültig aus wie ihr eigenes Gemälde, nicht mehr verbesserbar. Selbst nach einem Tauchgang bleibt jede Pore makellos. Dramaturgischer und visueller Höhepunkt des verschwenderischen Reigens ist das finalisierende Kostümfest, das zugleich ein Geschenk an die exzentrische Designerin Edith Head darstellt: Sämtliche Gäste treten in barocken Gewändern auf, die zu Beginn per Schaulauf von den übrigen Gästen beklatscht und beraunt werden. Hier wird der Farbrausch des Films, nachdem zuvor ein prachtvolles Feuerwerk als Koitussymbol diesen Status innehatte, endgültig orgiastisch. Hitch on acid.

10/10

Frankreich Alfred Hitchcock Heist Riviera Nizza


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MR. & MRS. SMITH (Alfred Hitchcock/USA 1941)


"I will never forget you in that little blue dress."

Mr. & Mrs. Smith ~ USA 1941
Directed By: Alfred Hitchcock


Nach drei Jahren vermeintlicher Ehe mit ausgefuchsten Streitschlichtungsregularien müssen Ann (Carole Lombard) und David (Robert Montgomery) feststellen, dass ihre Heirat wegen eines Formfehlers überhaupt nicht zustande gekommen ist. Weil sie unabhängig von ihrem (Un-)Glück erfahren, wartet Ann bis zum Abend darauf, dass David ihr einen erneuten Heiratsantrag macht, um das Ganze auf dem schnellsten Wege zu legalisieren. Doch weit gefehlt, der Gute will sein plötzliches Junggesellendasein offenbar nicht gleich wieder aufgeben. Wutentbrannt wirft Ann David aus der Wohnung und sich selbst Davids Kollegen Jeff (Gene Raymond) an den Hals. Kein einfaches Unterfangen für David, die Gekränkte wieder zurückzuerobern...

Mit seinem dritten US-Film und dem ersten, dessen Inhalt sich tatsächlich auf amerikanischem Boden zuträgt, wagte sich Hitchcock auf das ungewohnte Terrain der Screwball Comedy. Dieses wurde bis dato beherrscht von Lubitsch, Preston Sturges, McCarey und Hawks - keine einfache Konkurrenz und, soviel lässt sich im Nachhinein verifizieren, auch keine, mit der man sich "mal eben so" messen konnte, selbst dann nicht, wenn man Alfred Hitchcock hieß. Der Meister behauptete im Nachhinein gern, er hätte die Regie dieses Films nur angenommen, um seiner Freundin Carole Lombard einen Gefallen zu tun. Diese hatte, so will es die Sage weiter, Hitchcock zu den Dreharbeiten mit drei Rinderställen begrüßt, auf denen die Namen der Hauptdarsteller zu lesen waren, um so seinen legendären Ausspruch, demzufolge man Film-Akteure wie Vieh behandeln müsse, weil sie im Grunde nichts anderes seien, zu replizieren. Lustige Anekdoten um einen lustigen Film, deren Wahrheitsgehalt fragwürdig sein dürfte. Hitchcock als Regisseur ist durch so gut wie nichts hinter "Mr. & Mrs. Smith" identifierbar; von 'auteurisme' keine Spur. Und woher auch. Seit ewigen Zeiten gibt es hier kein Kriminal- oder Spionagesujet, keine Toten, keine Geheimnisse. Allein das Strampeln des Unschuldigen um Gerechtigkeit lässt allenfalls noch das Ziehen einer Analogie zu, doch damit hat es sich. Sicherlich eine nette, unterhaltsame Arbeit, aber eben keine unerlässliche.

6/10

Alfred Hitchcock New York Ehe Screwball





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Funxton

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