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Gernguckers Filmtagebuch


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Halbzeit 2013 plus Filmfest München


Mein letzter Eintrag liegt schon eine ganze Weile zurück. Verschiedene Faktoren (gute ausgefüllte Zeit, fehlende Motiviation, etc.) haben mich vom Schreiben weiterer FTB-Beiträge abgehalten, was nicht heißt, dass ich in den letzten Wochen und Monaten keine Filme gesehen hätte.
Ich nutze die Gelegenheit, um hier kurz über mein erstes Halbjahr 2013 zurückzublicken.

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Im regulären Kinoprogramm gab es wenige Highlights. Am meisten ragt da derzeit für mich die „Paradies“-Trilogie von Ulrich Seidl heraus. Ich habe da alle drei Teile sehr gemocht und Ulrichs demontierenden, schonungslosen Blick auf eine Art Menschenzoo sehr fasziniert verfolgt. Während die Mutter in Kenia grotesk Zuneigung zu erzwingen versucht und die Tante auf ihrem Glaubenskreuzzug verbitterte Fronten schafft und beide in ihrem Sein unrettbar festgefahren scheinen und sich nicht mehr selbst reflektieren können, ist es die Tochter in ihrem Diätcamp, die sich ihrer absurden Situation bewusst ist, sich als ganz normal pubertierende Jugendliche erweist und Hoffnung auf Veränderung hinterlässt.
Neben dieser Trilogie gab es nur wenig richtig Überzeugendes. Dazu gehört unbedingt der Berlinale-Sieger „Mutter und Sohn“, ein Blick auf die moderne kapitalistische Gesellschaft Rumäniens, ein Porträt einer selbstbewussten Frau, die einen Niedergang im positiven Sinne erlebt, und die Selbstbefreiung eines erwachsenen Sohnes von seiner Übermutter. Sehr gemocht habe ich auch Sarah Polleys zweiten Film „Take this Waltz“, erneut ein sehr reifes Werk mit viel Gespür für Rhythmus, Musik und Gefühle, ein bittersüßer melancholischer Liebesfilm, sehr fein in warmen und lichtdurchfluteten Bildern und mit einem starken Soundtrack eingefangen. Michelle Williams ist wieder einmal richtig großartig. Auf Polleys autobiographisch veranlasste Dokumentation „Stories we tell“ bin ich schon sehr neugierig.
Zwei weitere große Liebesgeschichten runden meine bisher vorzeigbare Kinoausbeute des ersten Halbjahres ab: „Der Geschmack von Rost und Knochen“ mit seinen mit großem Körpereinsatz kollidierenden Liebenden und der hemmungslos bewegende „The Broken Circle“.
Abgesehen von diesen Filmen gab es natürlich noch einige weitere recht sehenswerte Filme wie „Sightseers“, „Die Jagd“, „Lincoln“, „I, Anna“ oder „Stoker“. Aber auch viele sehr enttäuschende Filme, zu denen „Mitternachtskinder“, „Nachtzug nach Lissabon“, „Der Tag wird kommen“, „Papadopoulos und Söhne“, „Der große Gatsby“, „The Place beyond the Pines“ oder „Promised Land“ gehören.

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Abseits vom Kino habe ich meinen stärksten Filmeindruck des Jahres gewonnen, als ich in einer Freundesrunde endlich Fritz Langs monumentalen Zweiteiler „Die Nibelungen“ gesehen habe, den ich schon eine ganze Zeit vor mir hergeschoben hatte. Ich war von der Erhabenheit und epischen Größe dieses Stummfilmes echt geplättet. Die Inszenierung und die Filmmusik waren sehr sehr stark. Sehr schön waren auch die kleinen Trickeffekte anzuschauen und die Perfektion bis hin zur Ausgestaltung der Initialen der Zwischentitel.
Im Heimkino habe ich mich mit Sichtung von 5 Langfilmen an den geheimnisvollen Magier Apichatpong Weerasethakul und seine meditativen Erzählungen, Geister und Seelenwanderungen näher herangetastet und vor allem „Tropical Maladay“ und „Uncle Boonmee“ gemocht.
Mein größtes diesjähriges Erforschungsobjekt ist aber niemand geringeres als Alfred Hitchcock. Momentan habe ich seine britische Phase abgeschlossen. Von seinen 10 Stummfilmen, meist noch nicht die für ihn typischen Suspense-Stoffe, kenne ich nun 7 Werke und schätze da vor allem „The Ring“, „The Lodger“ und „Blackmail“. Letzteren rechne ich persönlich noch den Stummfilmen zu (ich habe auch zuerst die Stummfilmfassung geschaut), Truffaut zählt ihn bereits zu den Tonfilmen, da Hitchcock durch den Nachdreh einiger Szenen ein zweite Fassung mit Ton schuf. Bei den Tonfilmen aus Hitchcocks britischem Schaffen kenne ich nun 9 von 13 Filmen und meine Favoriten sind da „Eine Dame verschwindet“, „Mord – Sir John greift ein“ und „Jung und unschuldig“. In der zweiten Jahreshälfte werde ich bald mit „Rebecca“ starten, um meine Kenntnis über Hitchcocks amerikanische Produktionen zu vervollständigen und zu intensivieren.

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Von der diesjährigen Berlinale hatte ich schon separat und ausführlich berichtet. Meine Festivallieblinge waren dort „Gloria“ (im August im Kino!), „W Imie … - In the Name of“, „Das merkwürdige Kätzchen“, „Fynbos“, „Uroki Garmonii“, „Oben ist es still“, „Soguk“ und „Before Midnight“, mit dem Linklater, Delpy und Hawke eine sehr wunderbare Trilogie beschlossen haben, mit der so keiner je gerechnet hatte.

Kürzlich weilte ich auch auf dem Filmfest München. Einen direkten Überflieger gab es auch hier wieder nicht, aber meine größten Sympathien gehörten letztlich jenem Film, den ich zuvor auch mit den größten Erwartungen auf meine Agenda setzte: „Blancanieves“ (Pablo Berger) eine spanische Schneewittchen-Hommage in Form eines Stummfilmes, der seine Heldin in der Stierkampfarena der bösen Stiefmutter aussetzt. Ich habe dieses ironiebewusste Spielen mit dem Grimmschen Märchenstoff sehr in seiner Erzählung als auch seiner Form sehr genossen.
Sehr stark hat mir auch „Salvo“ (Fabio Grassadonia, Antonio Piazza) gefallen, in dem ein Mafiakiller auf eine blinde Frau trifft und ihr buchstäblich die Augen öffnet. Die Annäherung (vor allem die erste halbe Stunde) ist großes Spannungskino a la Leone, so wie der Film selbst nach Motiven eines Western funktioniert.
Die größten Überraschungen für mich selbst waren zwei Filme, die ich anfangs etwas skeptisch in meine Planung aufnahm, die aber dann formal sehr überzeugend waren: „Museum Hours“ (Jem Cohen) und „Only God Forgives“ (Nicolas Winding Refn). Ersterer schärft zunächst in einem Museum den Blick des Zuschauers für Details, Kompositionen und Blickführung und entlässt diesen bewussteren Blick dann in eine Außenwelt. Die neue Zusammenarbeit von Winding Refn und Gosling ist in seiner Gestaltung noch stylischer und aufreibender als „Drive“ es schon war, hält jedoch auch deutlich mehr Szenen von Gewalt bereit. Als weiterer sehr gut gestalteter Film sei noch „Good Luck, Sweetheart“ (Daniel Aragao) genannt, der in eindrucksvollen und mitunter sehr bedächtigen Schwarzweiß-Bildern von der modernen brasilianischen Großstadt aufs Land und damit zu den Wurzeln seiner Figuren zurückblendet.
Drei weitere Lieblinge von mir sind „El Ultimo Elvis“ (Armando Bo), der den Spuren eines Elvis-Imitators beim bedingungslosen Nacheifern seines Idols folgt, „Kinderwald“ (Lise Raven), der eine deutsche Einwandererfamilie begleitet, deren Kinder in den Wäldern von Pennsylvania verschwinden, und „Kapringen“ (Tobias Lindholm) über ein von Piraten gekapertes Schiff sowohl aus dem Blickwinkel der Geißeln als auch der Verhandlungspartner in der Heimat.
Dies soll als Aufzählung von Filmen genügen. Ich habe noch einige weitere gute Filme sehen können, erfreulich viel mehr gute als schlechte. Als große leere Blase entpuppte sich am Ende leider „Soldate Jeanette“ (Daniel Hoesl), der mich aufgrund seines Trailers sehr neugierig gemacht hatte. Und mit dem Alterswerk von Alejandro Jodorowsky „La Danza de la Realidad“ konnte ich auch nur wenig anfangen, zu unentschlossen und abgehoben pendelte der mir zwischen Vater- und Sohn-Perspektive und durch persönliche Auftritte des Regisseurs in seinem Film fühlte ich mich mitunter peinlich bedrängt.
Zum Schluss sei hier nur noch eine der wunderbarsten Szene vom Filmfest gefeiert: ein Vater schaut ein Aufklärungsvideo von Rosa von Praunheim mit sich selbst darin. Regisseur Axel Ranisch („Dicke Mädchen“), die neue Independent-Ikone Heiko Pinkowski und Entdeckung Frithjof Gawenda machen „Ich fühl mich Disco“ zu einem herrlich ungebändigten Kinostück zwischen all den schweren Festival-Stoffen.


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November/Dezember 2012: “Oh Boy” und mehr


Zeitbedingt bin ich schon lange nicht mehr dazugekommen, mein FTB aktuell zu halten. Deshalb hat sich einiges angesammelt.


“Oh Boy” (Jan Ole Gerster)
Ganz wunderbar leichtes und elegantes Gegenwartskino: ein deutscher Debütfilm mit Format, Drive und Charme, ein Berlinfilm in schwarzweiß. Darin stolpert Tom Schilling wie Alice im Wunderland durch einen seiner typischen hindernisreichen Tage zwischen geschmissenem Studium und den großen Visionen seines Lebens, die ihm buchstäblich in der Hand zerrinnen. Er ist ein moderner Träumer und Antiheld, der gern sein Glück fest packen würde, wenn er nur könnte. Darauf einen Kaffee!

“Dicke Mädchen” (Axel Ranisch)
Ein noch wagemutigeres Debüt im aktuellen Kino. Für sage und schreibe nur wenig mehr als 500 Euro gedreht, geniert sich der kauzige Film kein bißchen vor seiner Homevideo-Qualität und gestellt wirkenden Inszenierung. Seine Geschichte lebt nur für den Augenblick, verausgabt sich zusammen mit seinen drei sympathischen Protagonisten in drei, vier urkomischen und toll gespielten Szenen und winkt gegenüber einer tiefgründigeren Dramaturgie oder Figurenzeichnung lässig ab. Die gibt’s nur im Fördermittelkino und die “Dicken Mädchen” sind weit davon entfernt. Aber der Film ist einfach für knapp anderthalb Stunden ein gelungener Kinogaudi.

“Miss Bala” (Gerardo Naranjo)
Eine junge Frau auf dem Weg zur lokalen Schönheitskönigin gerät in den Strudel der mexikanischen Mafia und durchläuft eine gefahrvolle Odyssee durch organisiertes Verbrechen, Drogenkriminalität, Korruption, Bandenkrieg und Prostitution, die ihr zwar die Krone der Misswahl einbringt aber sie in einen Abgrund aus Erniedrigung und Selbstaufgabe treibt. Die packende Inszenierung ihres entbehrungsreichen Weges kehrt ihren großen Traum in einen Albtraum um. Überraschend imponierend erzähltes und gestaltetes Kino.

“Cloud Atlas” (Tom Tykwer, Warchowski-Geschwister)
Die herausfordernde Verfilmung eines herausfordernden Romanes, die zwar die Erzählverschachtelung entscheidend verändert und die literarischen Eigenheiten aufweicht, aber das Konzept des komplexen Stoffes mit filmischen Mitteln fortführt, indem die gleichen Schauspieler (durch eine sensationelle Maske mitunter kaum wiederzuerkennen) Rollen in allen Episoden übernehmen, sich ähnelnde Kulissen und Bauten wiederkehren und durch die Parallelität der Erzählung visuelle und inhaltliche Verknüpfungen aufgezeigt werden.

“3/Tres” (Pablo Stoll)
Stiller, beobachtender Gegenwartsfilm über eine auseinandergedriftete Familie, der seinen Figuren allen Platz einräumt, um den langen Weg einer seltsamen Wiederannäherung erfahrbar zu machen.

“Winterdieb” (Ursula Meier)
In einem noblen Winterurlaubsort sichert sich ein Junge seinen Lebensunterhalt, in dem er als neuzeitlicher Robin Hood den Reichtum von oben nach unten verteilt. Ursula Meier begleitet ihn beim Wechsel zwischen den hermetisch voneinander abgetrennten Welten und Gesellschaftsschichten und verfolgt seine Sehnsucht nach Nähe zu seiner “Schwester”, mit der er in einem seltsam distanzierten Verhältnis in einer Wohnung lebt und für deren Auskommen er als Mann in der Familie sorgt.

“Parked" – Gestrandet” (Darragh Byrne)
Eine “Ken Loach”-ähnliche Geschichte, die respektvoll und ruhig auf Augenhöhe seines Protagonisten erzählt wird und fast ein wenig zu märchenhaft endet.

“Huacho” (Alejandro Fernandez Almendras)
Der Alltag einer einfachen Familie wird aus dem Blickwinkel seiner Mitglieder erzählt. Viermal erleben wir den gleichen Tag, der sich vom gemeinsamen Frühstückstisch in die Wege von Großvater, Großmutter, Tochter und Enkel auftrennt. Alle Protagonisten müssen sich gegen ihren sozialen Stand, Demütigungen, ihre Armut und finanziellen Abhängigkeiten zur Wehr setzen und nur einer dieser Personen gelingt es am Ende, dem erniedrigenden Alltag gerissen genug zu begegnen, um sich nicht als Verlierer zu fühlen. Ein gut gestalteter und breit gefasster Streifzug durch die arme Bevölkerung von Chile.

“Der Hobbit” (Peter Jackson)
Das einbändige Kinderbuch Tolkiens, ausgewalzt zu einem 3-Teile-Filmepos, das sich aus idiotischen kommerziellen Überlegungen heraus anschickt größer als “Der Herr der Ringe” werden zu wollen. Die arg gestreckte Geschichte wird von Beginn an mit viel Action, Monstern und dunkler Bedrohung angereichert und damit dem Ton der liebevoll und kurzweilig geschriebenen Vorlage nicht gerecht. Schade, dass Tolkiens märchenhafte Welt nun derlei technischen Schnickschnack wie 3D oder höherer Bildrate braucht. Schon allein dadurch geht Mittelerde nun zu grunde.

“In ihrem Haus” (Francois Ozon)
Trotz der Vielseitigkeit des Filmemachers in Themen und Genres kann man “In ihrem Haus” als typischen (und sehr guten) Ozon-Film ansehen, der wie schon in anderen Filmen zuvor von der Brüchigkeit zwischen Sein und Schein erzählt. Hier geht es um den Prozess des Erzählens selbst, um die Veränderung der Geschichte währenddessen, um die trügerische Vermischung von Wahrheit und Fiktion und um das spannungsvolle Verhältnis einer Lehrer-Schüler-Beziehung.

“Beasts of the Southern Wild” (Benh Zeitlin)
Phantasiegetränktes Ökomärchen aus dem Blickwinkel eines 6jährigen Mädchens erzählt, das vom Vater auf ihr Überleben vorbereitet wird. Ambitioniertes Independentkino, deutlich in den Jahren nach “Katrina” angesiedelt, das kurzzeitig märchenhaft abhebt, aber letztlich hart an der häßlichen Oberfläche seiner kaputten Welt haften bleibt.

“Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger” (Ang Lee)
Ich fand die Umsetzung des Buches sehr gut gelungen, auch wenn ich mir nur die 2D-Variante von Ang Lees prächtiger Bebilderung eines der phantastischsten Abenteuer des Kinojahres angesehen habe. Schön anzusehender Film zum Jahresausklang. Nicht mehr und nicht weniger.


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Oktober 2012: “A Simple Life” und mehr


“A Simple Life” (Ann Hui)
Ein sehr berührender und feinfühliger Film über eine einfache, genügsame Frau am Lebensabend, die ihr ganzes Leben lang für andere Menschen da war und nun fernab von ihrer eigenen Familie selbst Hilfe, Pflege und Gesellschaft braucht. Deanie Ip schenkt ihrer Figur dabei alle erdenkliche Würde, verankert sie als ruhenden und disziplinierten Pol im schnellen Leben einer Großstadt und Ann Hui überträgt deren Wesen auf die Inszenierung als unaufgeregtes und humanes Drama.


“3 Zimmer/Küche/Bad” (Dietrich Brüggemann)
Stimmiges Porträt einer Generation im Aufbruch in die Zukunft und der Suche nach dem Platz im Leben und nach der Liebe. Unterhaltsam, humorvoll, nachvollziehbar und authentisch beobachtet. Die Konstruktion des Drehbuches wird dank den vielfältigen Details und Verflechtungen angenehm aufgebrochen.

“Ein griechischer Sommer” (Olivier Horlait)
Allzu simples Familienkino, das zudem einen ernstzunehmenden aktuellen Griechenlandbezug verweigert.

“Guilty of Romance”(Sion Sono)
Unbekümmert heftiges und deftiges Kino, klug verschachtelt erzähltes Porträt dreier unterschiedlicher Frauen über deren verborgenen Sehnsüchte miteinander verbunden. “Love Exposure” gefiel mir von der Trilogie dennoch am besten.

“Gnade” (Matthias Glasner)
Durch die Ausweitung ähnlicher moralischer Herausforderungen auf alle Mitglieder einer dreiköpfigen Familie tritt die Konstruktion der Geschichte ein wenig zu deutlich hervor. Zwei tolle Darsteller (Minichmaier und Vogel) spielen souverän dagegen an, unterstützt von der grandiosen Natur und Lichtstimmung Nordnorwegens.

“UFO in her Eyes” (Xiaolu Guo)
Aus deutlich westlicher Perspektive beobachtet die Autorin und Regisseurin ein chinesisches Dorf im globalen Wandel. Ein vermeintliches UFO ist Auslöser des einbrechenden Turbokapitalismus und Aufbruch in die Moderne, der die Traditionen und Lebensgrundlage der Bauern bedroht. Eine tragikomische Geschichte und formal sehr vielfältig gestaltetes Experiment, das etwas überambitioniert nur in kleineren Details stolpert.

“Robot & Frank” (Jake Schreier)
Gewitzte kleine und charmante Geschichte. Im gewissen Sinne ein sehr bedächtiger ScienceFiction, der vor zunehmender Technisierung und Verlust traditioneller Werte warnt. Eine wunderbare Susan Sarandon in der Nebenrolle.

“Das verborgene Gesicht” (Andres Baiz)
Hui! Da glaubte ich, im Trailer wäre schon der ganze Film verraten, und dann entpuppt sich das thrillerhafte Drama als durchweg hochspannendes Kinostück, das mit der Ahnung des Zuschauers spielt. Die Inszenierung ist einen Tick zu sehr aufgetragen (Donner, Licht), aber die Wirkung des klaustrophobischen Alptraumes ging bei mir letztlich sehr gut auf.

“Sushi in Suhl”(Carsten Fiebeler)
Die tragikomische historische Geschichte bleibt hinter ihrem Potential zurück, bleibt zu flach und uninteressant, gerät auch als Unterhaltungsfilm zu sehr ins Stocken und stellt seine Figuren unnötig heraus (besonders die Nebenrollen sind nah dran an peinlichen Karikaturen).

“Angels Share” (Ken Loach)
Eine der leichteren und humorbewussten Arbeiten von Ken Loach, der dennoch “seinen” Figuren der unteren sozialen Schichten treu bleibt und ihnen hier ein nahezu märchenhaftes Abenteuer gönnt.

“Skyfall” (Sam Mendes)
Bin mit relativ wenigen Erwartungen in das aktuelle James Bond Abenteuer gegangen und war von diesem für mich eher seltenen Ausflug ins Unterhaltungskino zumindest recht angetan. “Skyfall” war für mich ein angenehmer Spagat zwischen moderner und alter Welt oder besser 21. und 20. Jahrhundert, der mit einem Bein im Heute und einem im Gestern seine Standfestigkeit und gleichzeitig die Werte der Kinoreihe Bond beweist. Den wieder verstärkten Fokus auf M, Q und Moneypenny im Wandel der Zeiten fand ich sehr angenehm.


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September '12: "Liebe" und mehr


Eine insgesamt recht interessante und lohnenswerte Kinoausbeute im September:


"Liebe" (Michael Haneke) überträgt die Provokationen und Herausforderungen von Haneke so emotional und bedrückend wie noch nie. Zwei Menschen (wie immer in seinen eigenen Drehbüchern: Georges & Anne) am Abend ihres Lebens, in Liebe und trauter Zweisamkeit vereint. Haneke weiß, dass sich diesem Thema niemand entziehen kann, vor dem Alter bleibt niemand gefeit. Er bleibt so schonungslos nah dran an seinen Figuren wie gewohnt, wodurch auch ihre Geschichte von Treue und Aufopferung sich nur schwer durchstehen lässt. Bis auf eine Ausnahme bleibt das bewegende menschliche Drama ein Kammerspiel, bleibt hinter verschlossenen Türen für "die anderen" verborgen, ein absolut intimes letztes Zeugnis von Liebe. In der einzigen “Aussenszene” lässt uns Haneke übrigens nach seinen Figuren in der Masse fischen, wie bereits im Schlussbild von "Cache". Damals entließ er eine Söhnegeneration in ein neues hoffnungsvolles Nebeneinander, hier in "Liebe" sammelt er seine Protagonisten vom letzten Ausflug in das gesellschaftliche Leben ein.


"Herr Wichmann aus der dritten Reihe" (Andreas Dresen) macht den bodenständigen Lokalpolitiker aus Brandenburg echt sympathisch. Ein moderner Don Quixotte im Kampf mit den unglaublichsten Alltagsproblemen seiner Bürger, für die er so empfänglich bereitsteht. Eine politische Bestandsaufnahme an der schmerzhaft wahren Basis ohne "Parteinahme".

"Holy Motors" (Leos Carax) mit seinem labyrinthischen Aufbau und Metamorphosen könnte man als Hommage an das Kino, wo alles möglich, nichts real ist, deuten. Eine Hommage an die Fiktion auf der Leinwand, überbordend und grenzenlos, ein Zappen von Film zu Film, ein magischer Ort der Verwandlung, eine tolle Spielwiese für Maske, Kostüme und Kulissen. Oder ein verschlungener Traum, ein verästeltes, an den Rändern offenes Gedankenkonstrukt, ein Dutzend im Kopf herumspukender Ideen nicht realisierter Projekte. Oder ...

"The Exchange" (Eran Kolirin) verfolgt den Ausbruch eines jungen Uniprofessors aus seinen gewohnten Bahnen, der plötzlich sein Leben mit dem Blick eines Außenstehenden sieht. Ein ganzes Stück weit interessant, nachvollziehbar, herausfordernd und unbedingt diskussionsanregend, denn an einigen Stellen ist mir persönlich das Verständnis für den Protagonisten abhanden gekommen und hat sich regelrecht umgekehrt. Der Film ist ähnlich wie bereits "Die Band von nebenan" sehr ruhig und beobachtend gestaltet.

"Was bleibt" (Hans Christian Schmid) rückt eine Frau in seinen Mittelpunkt, die an Depressionen leidet (litt), die selbst unsichtbar bleiben und nur über das Verhalten der Familienmitglieder und den Verweis auf früher angedeutet werden. Das Familiendrama rüttelt am Beziehungsgefüge, offenbart allmählich die vorhandenen Risse im Vertrauensverhältnis der Familie, dem sich die Frau auf ihre Weise entzieht.

"Die Fee" (Dominique Abel & Co.) ist eine ganz wunderbar-schräge Groteske von den Machern von "Rumba", die sich in ähnlichem Stil erneut hoffnungslos für einzelne ganz urkomische Szenen verausgaben und dafür in Kauf nehmen, dass ihre kleine sympathische und mitunter sehr artistisch wirkende Aufheiterung keinen nennenswerten dramaturgischen oder erzählerischen Zielen folgt. Hab den Film trotzdem gemocht.

"To Rome with Love" (Woody Allen) dekliniert auf der nächsten Station von Woodys Europareise auf gewohnt witzig und charmante Weise Rom für die Leinwand durch (Liebe, Temperament, Architektur, Kunst, Familie, Touristen, Kochen & Essen, Cafes & Nebenstraßen, Medien & Kunst). Kurzweilig und unterhaltsam wie immer. Für mich leider kein so bleibender Film wie "Midnight in Paris".

"Suicide Room" (Jan Komasa) ist ein toller zeitgemäßer Jugendfilm der Generation Internet. Geschichte und Form gehen hier sehr gut zusammen und offenbaren ein sehr bewegendes und lebendiges Porträt auf Augenhöhe seines Protagonisten.

"Der Fluß war einst ein Mensch" (Jan Zabeil) ist ein bemerkenswertes deutsches Regiedebüt, das ohne Drehbuch als echtes Abenteuer in Afrika entstand, weniger ein Film statt einem todestraumwandlerischen(?) wie entbehrungsreichen Erfahrungstrip, den ein junger Deutscher in Afrika erlebt.


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Sommer '12


Meine letzten FTB-Einträge liegen schon eine Weile zurück und waren zudem auch noch lückenhaft.
Viele Filme gäbe es also nachzutragen, allein es fehlt mir die Motivation, denn nicht wenige versanken recht bald nach dem Sehen im nebulösen Einerlei.

Deshalb hier nur eine kurze Nennung von Titeln, die sich in Erinnerung zu setzen vermochten.

Da war zu meiner großen Überraschung Godards “Film Socialisme” darunter, eine herausfordernde experimentelle Odyssee (nein: weder stand der Cutter unter Drogen noch war der Ton im Kino falsch eingestellt). Diese recht fruchtbare Begegnung mit dem mir sonst so schwer liegenden Godard beflügelte mich zur Sichtung einiger weiterer seiner Filme, darunter der sehr schöne “Die Verachtung”, die sich aber wieder in Luft auflöste, als ich neuerlich auf den nervigen “Weekend” traf.

Sehr stimmig fand ich das Mennoiten-Kleinod “Small Town Murder Songs”, ein ganz wunderbares Kleinstadt-Krimidrama, das auf starken Figuren aufbaut. Artverwandt und ebenso überzeugend, im Vergleich etwas leichter und spielfreudiger war “Who killed Marylin?”, der in der französischen Provinz angesiedelt ist. In beiden Fällen wird aus dem Fund einer toten jungen Frau eine Geschichte heraus entwickelt, die Ermittler sind absolut starke Protagonisten ihrer Filme (kaum wiederzuerkennen Peter Stormare, ein toller Auftritt von Jean-Paul Rouve).

Während eines kleinen Festivals sah ich meinen ersten Film von Dario Argento: “Suspiria”. Ich bin eigentlich gar kein allzu großer Fan von Genrekino, aber die Wucht der Inszenierung von “Suspiria” in Verbindung mit dieser großartigen Gänsehaut-Musik wusste mich tatsächlich stark zu begeistern.

Julie Delpy muss in diesem Sommer zwingend erwähnt werden, die mit “2 Tage New York” erneut auf den Spuren von Woody Allen wandelte und schließlich mit “Le Skylab” ein schönes, im positiven Sinne unübersichtliches und an den Rändern ausgefranstes Familientreffen inszenierte.

“We need to talk about Kevin” gefiel mir als intensives Familiendrama sehr gut, das sowohl durch seine Geschichte, Inszenierung und Figuren überzeugt und herausfordert. Schwere Kost aber verdammt gut.


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Attenberg und das neue griechische Kino


Griechenland trotzt seiner Krise. Zumindest sehr erfolgreich in seinem Filmschaffen, was schon alleine eine Bewunderung wert ist, in Zeiten so knapper Kassen und fehlenden Förderungen so ein junges, wagemutiges, auftstrebendes Kino der finanziellen Misere des Landes entgegen zu setzen.
Im Lauf der letzten Wochen konnte ich insgesamt 5 Vertreter des “Neuen griechischen Kino” ansehen, die natürlich keine neue Novuelle Vage oder dergleichen ausmachen, sondern denen einfach nur gemein ist, dass sie Zeugnis eines kreativen, energiereichen, gestaltungs- und selbstbewussten jungen Kinos aus Griechenland sind. Zwei der Filme, “Attenberg” und “Alpen” haben hierzulande sogar einen deutschen Kinostart dank Rapid Eye Movie. “Kynodontas – Dogtooth”, einer der “Auslöser”-Filme der aktuellen Welle, startete bei uns auf DVD und war kürzlich im öffentlich-rechtlichen TV zu sehen. Die anderen beiden Filme konnte ich dank der engagierten Reihe im Berliner Arsenal sehen.


Attenberg
(Athina Rachel Tsangari, 2010)
http://www.attenberg.info/
“Attenberg” ist eine ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte – mehr eine Erweckung oder Erlösung statt ein Heranwachsen. Eine junge Frau muss sich auf den bevorstehenden Tod ihres Vaters vorbereiten und sich von ihm als einzigen emotionalen Bezugspunkt lösen. Er zwingt sie, sich mit der Vergänglichkeit des Seins zu beschäftigen. Tiefere Gefühle und Liebe sind ihr fremd, das Leben kennt sie hauptsächlich aus den Naturdokumentationen von Sir Richard Attenborough (den sie “Attenberg” nennt). Ihre beste Freundin lehrt sie das Küssen und an der Seite eines (sich ihr “zur Verfügung stellenden”) Ingenieurs erprobt sie ihr spätes sexuelles Erwachen. Anfangs sehr unbedarft, rational motiviert und sämtliche Erotik erstickend, lernt sie es, sich dem anderen anzuvertrauen, ihre Gefühle zu entdecken und ihnen zu folgen. Ihr gelingt der Schritt vom nüchternen Nachahmen zu echtem Begehren, sie befreit sich aus ihren emotional-geblockten Fesseln. Das Leben löst den Tod ab.
Athina Rachel Tsangari überrascht mit diesem erzählerisch wie formal jungen und ungestümen Stück Kino, formt eine zärtliche Lebensbekräftigung und ein Stück Rebellion gegen alte Blockaden, die es zu überwinden gilt, geht so feinfühlig wie tabulos mit der sexuellen Erweckungsgeschichte um. Am schönsten empfand ich die Szenen, in der die Freundinnen sich vogelartig in synchronen tänzerischen Laufschritten üben. Die hatten etwas sehr magisches an sich, wie ein Zwischenschritt von der Tier- in die Menschenwelt.




Kynodontas – Dogtooth
(Yorgos Lanthimos, 2009)
http://www.dogtooth.gr/
“Dogtooth” beschreibt einen absurden Mikrokosmos, eine hermetisch abgeschlossene Welt, in der drei nun schon erwachsene Kinder leben, ohne die Welt da draußen jenseits des unüberwindlichen Zaunes zu kennen. Ihre Eltern halten sie gefangen, meinen sie vor dem Leben des 21. Jahrhunderts schützen zu müssen. Telefon, Computer, Meer, Autobahn – das gibt es einfach alles nicht. Alles was nicht im Haus oder Garten existiert, ist tabu und verschiedene Begriffe erhalten hier eine völlig neue (falsche) Bedeutung. Dadurch hat sich bei den Sprösslingen eine völlig verschobene Lebens- und Wertevorstellung entwickelt. In ihrer Langeweile ergehen sie sich in Mutproben, Doktorspielen, Selbstverletzungen und Entdeckung des eigenen Körpers.
Lanthimos erzählt seine Geschichte absolut konsequent. Sie ist grotesk und erschreckend zugleich, ein unheimliche, subtile Horrorvision, die sich langsam entfaltet. Die drei jungen Darsteller stellen sich ganz in den Dienst der Erzählung und entblättern ihre Figuren bis auf die Haut. Denen sind Scham, Respekt und Liebe fremd, ihr Intellekt begreift nicht, was ihm vorenthalten wird.




Alpeis - Alpen
(Yorgos Lanthimos, 2011)
http://www.alpsfilm.gr/
“Alpen” beschreibt wie auch schon der Vorgängerfilm “Dogtooth” eine abgeschlossene, klinische Welt. Einer der Protagonisten meint, die Alpen sind ein Gebirge, das alle anderen ersetzen kann, aber nicht selbst durch ein anderes. Deshalb werden die “Alpen” zum Namen ihrer fast sektenartigen vierköpfigen Gruppe, die in die Rollen verstorbener Menschen schlüpfen. Sie übernehmen die zurückgebliebenen Hüllen von Toten, um diese den Hinterbliebenen zu bewahren. Es ist ein gefühlloser, pietätloser Akt, ein schlechtes Nachspielen von alten Erinnerungen mit Verkleidung und leiernd aufgesagten Dialogen. Wem die Kontrolle über seine Rolle entgleitet, wird in der Gruppe hart bestraft. Was aber, wenn jemand die falschen Leben aus Mangel eines eigenen bald als seine vermeintlich “echten” übernimmt, und bald die Unterschiede und Grenzen nicht mehr wahrnehmen kann?
Lanthimos geht dieser Frage nach und löst eine seine Figuren in diesem Dilemma auf. Er entblättert auch sie, wie schon die Kinder in “Dogtooth”. “Alpen” ist nach seinem Vorgängerfilm weniger überraschend, aber nicht minder zielstrebig im Verunsichern und Auflösen moralisch-ethischer Grenzen.




Hora Proelefsis – Homeland
(Syllas Tzoumerkas, 2011)
http://www.homelandfilm.gr/
“Homeland” ist zum einen eine Familiengeschichte, die drei Generationen miteinander verbindet, und zum anderen ein Stimmungsbild des aktuellen, krisengeschüttelten Griechenlands. So wie draußen auf den Straßen Demonstrationen, Aufstände und Krawalle herrschen, so geraten die Familienmitglieder emotional heftig aneinander. Mitunter meint man, die Erschütterungen in der Familie sind die ursprünglichen und jene draußen sind nur deren Nachbeben. Geschwister ringen mit- und gegeneinander, deren Kinder kreiseln zwischen Eifersucht und Selbstaufgabe, ein pflegebedürftiger Großvater vegetiert wortlos an der Spitze des Klans. Eine alte innerfamiliäre Adoption hat tiefe Wunden bis ins Heute geschlagen. Nicht alle Zusammenhänge und Hintergründe vermochte ich zu verstehen, vieles ging in den schnellen engl. UT unter. Und gerade auch deshalb hat sich der Film tief in meiner Wahrnehmung verhakt, hat mich noch tagelang beschäftigt, weil er Fragen hinterließ.
Der Film ist schnell geschnitten, kurze Sequenzen, viele Ebenen, Ortswechsel und Zeitsprünge wechselten sich schnell ab und erschwerten mir das Zurechtfinden in der emotional aber immer wirkungsvoll berührenden Geschichte.




Tungsten
(Yorgos Georgopoulos, 2011)
http://www.tungsten.gr/
Den formal stärksten Eindruck hat “Tungsten” bei mir hinterlassen. Der Film ist elektrisierendes digitales Kino in schwarzweiß, das sehr dicht an der aktuellen griechischen Gesellschaft dran ist. Drei Geschichten werden parallel erzählt, abwechselnd montiert und miteinander verkettet: ein Jobvermittler, der um seine Freundin kämpft, ein Fahrscheinkontrolleur, der von der Last seiner Schulden erdrückt wird und zwei desillusionierte Jugendliche, die sich aus Langeweile mit pakistanischen Einwanderern anlegen. Immer wieder flackern drohend Lichter oder der Strom fällt ganz aus und beeinflusst den Lauf der Geschichten und verschiebt die Position der Protagonisten im “Machtgefüge”. Die aktuelle Krise ist auch eine Energiekrise und Georgopoulos integriert dies als gestalterisches Mittel: immer wieder ruckelt der Film aufgrund von Fehlbildern, die Montage springt häufig in der Zeit zurück und wiederholt das Geschehen aus einer anderen Perspektive. Im Fall von “Tungsten” verbinden sich spannende Einzelgeschichten, eine gestalterisch bewusste Bildsprache und eine tolle aufreibende Musik. Ein Film wie ein explosives Gemisch. Hat mir sehr imponiert.




Alle 5 gesehenen Filme fand ich sehr gelungen, zum Teil sogar herausragend gut.
Ich hätte gern noch mehr Filme dieser griechischen Reihe gesehen, auch “Knifer”, “Black Field” und “Strella” klangen in der kurzen Beschreibung des Programmheftes sehr gut.



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Moonrise Kingdom und mehr


Moonrise Kingdom
(Wes Anderson)
Es gibt nur wenige junge Regisseure, die sich mit nur einer überschaubaren Anzahl von Filmen eine so unverwechselbare Handschrift zulegten, wie Wes Anderson. Seine Filme werden meist von etwas verschrobenen bis skurrilen Figuren bevölkert, häufig handeln die Geschichten über dysfunktionale Familien, das verstörte Verhältnis von (erwachsenen) Kindern zu ihren Eltern und Geschwistern, die Erzählart ist zurückgenommen langsam, lakonisch und nebensächlich (aber hintersinnig) pointiert, die Ausstattung immer eine unbedingte Augenweide, die viel Wert auf Details legt. Mit “Moonrise Kingdom” gelingt Wes Anderson das kleine Kunststück, sich selbst treu zu bleiben und sich dennoch nicht zu wiederholen. Seine Figuren wirken anfangs wie in einer Puppenstube, so wie auch das Setting mitunter mehr tricktechnisch animiert als real wirkte, und erinnerten damit an den Fuchsbau des “Mr. Fox”. Diesmal sind Andersons Protagonisten so jung wie noch nie und die viel erwachsener ihren Weg ins hindernisreiche Leben des Älterwerdens bestreiten, als so manche Figur vergangener Filme. Im Schlepptau haben die beiden tollen jungen Darsteller einen herrlich prominenten Cast, der sich mit den sonderbarsten Nebenfiguren begnügen muss, von der standesgemäßen Besetzung von Dauergast Bill Murray über Bruce Willis als hilfloser Polizist bis hin zu einer wunderbar überzogenen Jugendamtsverkörperung durch Tilda Swinton. “Moonrise Kingdom” ist ein sehr schöner Frühsommerfilm.


My Week with Marilyn
(Simon Curtis)
Überflüssig. Bis auf die guten Darsteller. Kaum wiederzuerkennen: Michelle Williams. Und dennoch wird ihre Marilyn nicht zum Mythos Monroe.

Die Vermissten
(Jan Speckenbach)
Ambitioniertes und gedankenanregendes Drama, das sowohl die Sage vom Rattenfänger von Hameln aufnimmt, als auch Bezug zu den letztjährigen Aufständen der Jugend in Frankreich und anderswo nimmt. Während der väterliche Protagonist nach seiner Tochter sucht, verwandelt sich sein Umfeld von einer zunächst recht realen Gegenwartsbeschreibung zu einer immer fiktionaleren, gespenstischeren Utopie. Sowohl in Inhalt und Form recht beeindruckender und diskussionswerter Debütfilm.

Kill Me Please
(Olias Barco)
Bitterböse und schwarzhumorig, reduziert auf schwarzweiß und ohne viele Worte - aber mit weniger Gehalt oder Nachwirkung als erhofft. Der Film schockt und bespaßt derb für den Augenblick, ist aber schnell wieder vergessen. Spröden belgischen Humor gab es schon bedeutend besser im Kino serviert.

Superclassico
Superclasico
(Ole Christian Madsen)
Zunächst mochte ich die Art des Erzählens der Geschichte mit der Offstimme gar nicht. Aber letztlich habe ich diese Form akzeptiert und mich stattdessen dem wunderbaren Spiel von Paprika Steen und Anders W. Berthelsen gewidmet. Denn die sind das große Plus des ansonsten einfach nur sympathischen Filmes.

Our Idiot Brother
(Jesse Peretz)
Sehr liebenswerte Komödie über einen nerdigen, leicht naiven Mann, der seiner Familie auf amüsante jedoch nie lächerliche Weise die Augen öffnet, weil er einfach immer die Wahrheit sagen muss, da ihm respektvolle Zurückhaltung und Falschtuerei fremd ist. Hat mir ganz gut gefallen.


Das war fast die gesamte Ausbeute des letzten Monats. Aber nur fast. Der Rest wird bald nachgetragen, wenn ich meine kleine aktuelle Reihe beendet habe. ;-)


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Das Leben gehört uns


Das Leben gehört uns
La Guerre Est Declaree
(Valerie Donzelli)

Nach dem kanadischen Wunderknaben Xavier Dolan offenbaren sich hier Valerie Donzelli & Jeremie Elkaim ebenfalls als sehr popmoderne Filmemacher mit einem aufregenden visuellen und akkustischen Inszenierungsstil. Ihre autobiographische Geschichte verfilmen sie als emotionalen Tanz auf dem Vulkan, sie spielen sich selbst als Eltern eines mit einem Gehirntumor geborenen Sohnes, der sie fortan auf einen spannungsvollen und nervenaufreibenden Gang von Arzt zu Arzt führt. Ihre Geschichte löst sich immer wieder von den tragischen Fesseln der Narration, schwingt sich auf als bewegendes lebenfrohes Beziehungsmärchen der Moderne, um dann wieder auf die Boden der Tatsachen zurückzusinken. Das spannungsreiche Innenleben der jungen Eltern ist für den Film stets wichtiger als das Befinden/Leiden des kranken Kindes (was man ihm durchaus ankreiden könnte). Romeo und Julia taumeln in Sorge um das Wohl des Kindes auf und ab und stoßen an ihre Grenzen, wie wilde Raubtiere gefangen im Käfig. Dem Film fehlt ein einheitlicher, durchgängiger Inszenierungsstil. Er ist abwechslungsreich wie das Leben, und überhöht über dem Erdboden schwebend. Er stellt unterschiedliche Kameraführungen und Musiken gleichberechtigt nebeneinander. Das kann man mögen, muss es aber nicht. Ich konnte dem Film meine Sympathie nicht entziehen. Denn er bewegt an den richtigen Stellen.



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Martha Marcy May Marlene und vieles andere aus März/April


Es folgt ein mit Kommentaren diesmal sehr knapp gehaltener Nachtrag von einigen Filmen aus den letzten Wochen, als ich mich intensiv mit Bela Tarrs Filmen beschäftigte und leider nicht immer das nötige Augenmerk auf die anderen Filme aus dem regulären Programm übrig hatte.

Martha Marcy May Marlene
(Sean Durkin)
Beklemmend und irritierend parallel erzähltes Drama über eine junge Frau, die aus einer Sekte flieht und im Haus der Schwester vergeblich in die Normalität zurückzufinden versucht. Sehr gelungen montierter und atmosphärisch dichter Film in verblassten Farben und mit einer starken Hauptdarstellerin. Hat mir sehr gefallen. Ich liebe solche schmerzhaft-offene Filmenden.

Sommer auf dem Land
(Radek Wegrzyn)
Nett.

Best Exotic Marigold Hotel
(John Madden)
Naja. Gerade noch okay.

Und wenn wir alle zusammenziehen?
(Stepühan Robelin)
Französisches Pendant zum vorhergehenden Film. Und etwas besser. Schön: Pierre Richard in einer sehr standesgemäßen Altersrolle.

Take Shelter
(Jeff Nichols)
Ich mochte es gar nicht, nach der Shyamalan-Masche um den Finger gewickelt zu werden. Fand aber das Ende dann doch gelungen.

Der Mieter
(Alfred Hitchcock)
Endlich wieder eine Lücke geschlossen im frühen Stummfilmschaffen von Hitchcock. Sehr gut.

King of Devil's Island
(Marius Holst)
Starkes Kino auf den Spuren von "Club der toten Dichter", aber doch ganz anders gelagert. Tolles Ensemble, packend erzählt und bebildert. Hat mir sehr imponiert.

Der Garten
(Martin Sulik)
Weniger märchenhaft als erwartet und irgendwie zwischen allen Stühlen sitzend. Zudem mag ich es überhaupt nicht, vor jedem Kapitel erzählt zu bekommen, was als nächstes passiert. Enttäuschend und ärgerlich.

Iron Sky
(Timo Vuorensola)
Selbstbewusst, respektlos, kurzweilig, ungeniert trashig. Ein paar schöne weltpolitische Seitenhiebe und eine tolle Remineszenz an Chaplins "Diktator".

Monsieur Lazhar
(Philippe Falardeon)
Gut. Vor allem ein überzeugend gespielter Ensemblefilm, der gelungen zwischen den Perspektiven der Erwachsenen und jener der Kinder pendelt und der sich über starre Verhaltensvorschriften im Lehrer-Schüler-Verhältnis hinwegsetzt. Meine heimliche Filmheldin ist Alice.

Hinter der Tür
(Istvan Szabo)
Scheitert, weil er sich ganz auf die Begegnung zweier Frauen konzentriert, die mir jedoch in ihrem Verhalten, Charakter und Wollen undurchsichtig und nicht nachvollziehbar blieben.


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Das Turiner Pferd


Das Turiner Pferd
A Torinoi Lo
(Bela Tarr)

Eine Warnung vor diesem Film vorab ist angebracht: "A Torinoi Lo" fordert seinen Zuschauer, so wie es kaum ein anderer Film in unserer heutigen Zeit tut. Ist es das letzte große Aufbäumen der Filmkunst am Ende seiner Tage, bevor die bewegten, digitalen Unterhaltungsbilder vollends unsere Kinos übernehmen? Wir stecken schon mittendrin in dieser unumkehrbaren Wende, im Übergang vom handgemachten Film auf digital gefilmte und computerbearbeitete Pixelbilder.

Bela Tarr kehrt in der ihm eigenen filmischen Weise den Schöpfungsakt um. In nur 6 Tagen nimmt er seinen beiden einsamen Protagonisten, einem Bauern und seiner Tochter, die Außenwelt, die Arbeit, die Nahrung, das Licht. Das ausbleibende Ticken der Holzwürmer kündigen die Apokalypse als erstes an, danach verweigert das titelgebende Pferd seinen Dienst. Mit ihm stirbt die uns bekannte Welt, die in einem unerbittlich fauchenden Inferno untergeht. In nur 29 Einstellungen voller Monotonie und Wiederholung fesselt Bela Tarr auf unglaublich stoische Weise zweieinhalb Stunden lang durch intensive Schwarzweißbilder, ausgefeilte Kamerabewegungen und mit schmerzhaft-melancholicher Musikunterlegung, die gegen das Tosen eines ewigen Sturmes ankämpft. Kompromissloser kann man einen Film nicht machen, von dem ich keine Sekunde missen will. Bela Tarr hat erklärt, "A Torinoi Lo" sei sein letzter Film als Regisseur, denn er will sich in seinem Werk nicht wiederholen. Das ist zum einen schade aber auch sehr konsequent. Denn "A Torinoi Lo" ist ein sehr würdiger letzter Film. Wie ein letzter Film überhaupt.

Fred Kelemen führt die starke Kamera perfekt und souverän wie bereits in "The Man from London". Noch länger reicht die Zusammenarbeit von Bela Tarr mit seinem Stammkomponisten Mihaly Vig zurück, der seit "Öszi almanach" die langen Einstellungen mit einem hypnotischen Musikteppich unterlegt. Und mit dem Autor Laszlo Krasznohorkai verbindet den ungarischen Regisseur eine gewisse Seelenverwandschaft, die sich über nunmehr fünf gemeinsame Filme hinweg zeigt. Die beiden Darsteller Janos Derszsi (der mit einem eindrucksvollen, zerfurchten Gesicht das "Turiner Pferd" ebenso ausfüllt) und Erika Bok haben ebenfalls schon in früheren Filmen von Bela Tarr mitgewirkt. Man spürt in jeder Sekunde, dass hier ein perfekt aufeinander eingestimmtes Team eine kompromisslose apokalyptische Vision umsetzt.

Mit dem Begriff Meisterwerk geht man gern mal inflationär um. Aber "A Torino Lo" ist wirklich eines. Ein triumphaler Schlusspunkt von Bela Tarrs Schaffen als Regisseur. Dieser noch spürbar echte handgemachte Film hat mich nun schon zum zweiten Mal tief beeindruckt.


Gern verweise ich an dieser Stelle auch auf den sehr guten Eintrag in Ubaldos FTB.





Filmtagebuch von...

Gerngucker
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